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Max Raabe: Raus aus der Realität

„Guten Tag, liebes Glück“ ist der Titel des aktuellen Konzertprogramms von Max Raabe & Palast Orchester. So richtig viele Glücksmomente gab es für die Meister der gehobenen Unterhaltung zuletzt freilich nicht. Ein Gespräch mit Raabe über Show-Ausfälle, das Vermissen des Publikums und den Ehrgeiz, Letzteres jetzt wieder aus dem Alltag zu entführen

Text: Erik Brandt-Höge

 

SZENE HAMBURG: Max Raabe, „Heut mach’ ich gar nichts, keinen Finger krumm, ich bleib’ zu Haus’ und liege hier einfach nur so rum“, heißt es in Ihrem Song „Der perfekte Moment“ – erschienen in einer Zeit, in der so etwas für einen viel beschäftigten Künstler noch Luxus war. Im vergangenen Jahr war es eine nicht zu umgehende Dauersituation. Wie haben Sie die CoronaMonate ohne Live-Auftritte erlebt?

Max Raabe: Schon ein bisschen apathisch. Es hat sich eine gewisse Teilnahmslosigkeit entwickelt.

Muss viel Organisation gewesen sein, immerhin hatten Sie zig Orchestermitglieder immer wieder über Konzertverlegungen zu informieren.

Das war furchtbar! Wir haben zwar keine Konzerte abgesagt, aber eben immer wieder verschoben. Zuerst um ein paar Monate, weil man dachte, es wird ja wohl bald wieder vorbei sein. Dann aber doch auf den Spätsommer, auf den Herbst und schließlich ins Jahr 2021. Es war eine enorme organisatorische Arbeit. Gott sei Dank lastete sie nicht voll und ganz auf meinen Schultern, aber sie war schon sehr nervenaufreibend. Was in dieser Zeit aber sehr schön und tröstend war: Dass wirklich niemand seine Karte zurückgegeben hat, sondern alle abgewartet haben, bis wir wiederkommen.

Haben einzelne Mitglieder zeitweise etwas mehr unter der Situation gelitten und um Gespräche gebeten?

Manchmal hat uns alle der Fatalismus umklammert. Aber es war auch allen klar: Von uns hatte niemand Schuld an der Situation, niemand hatte einen Fehler gemacht. Der – in Anführungsstrichen – Feind kam von außen. Und die Geschlossenheit des Orchesters war immer gegeben.

 

Ein Mangel an Geselligkeit

 

Für jemanden, der normalerweise 80, 90 Konzerte im Jahr spielt: Führt es zu Entzugserscheinungen, wenn so lange so gar kein Konzert möglich ist?

Ich muss gestehen, dass mir vor allem die Treffen im Restaurant und in der Kneipe gefehlt haben. Wenn wir Konzerte spielen, fängt für mich um 17 Uhr der schöne Teil des Tages an: Dann haben wir Catering. Noch schöner wird es, wenn wir 20 Uhr auf die Bühne gehen – dann können wir machen, was wir wollen. Wir haben dann den Ehrgeiz, die Leute dazu zu bringen, die Realität zu vergessen. Keiner soll mehr daran denken, ob sein Auto gerade im Parkverbot steht. Jeder soll sich ganz dem Programm hingeben. Dafür ist diese Musik ja auch gemacht worden: Damit man sich mal kurz um was Banales, Verrücktes, Romantisches oder Sentimentales kümmert. Und eben dieser Ehrgeiz, das hinzukriegen, treibt uns von Stadt zu Stadt, von Land zu Land.

Passt zu dem, was Sie mal über sich selbst sagten: Sie nähmen sich nicht so wichtig, die Musik hingegen sehr – und damit sicherlich auch das Publikum für Ihre Musik.

Ich sage es mal so: Wir haben mal ein Streamingkonzert gegeben, also eines ohne Publikum vor der Bühne. Und da war der Witz weg. Wir überlegen uns ja eine Dramaturgie, um damit beim Publikum eine Reaktion zu erzeugen. Wir möchten direkt sehen, ob die Sachen, die wir machen, ankommen oder nicht. Und wenn mal etwas nicht läuft, wird das Programm so lange umgebaut, bis es funktioniert. Von daher sind uns die Menschen vor der Bühne sehr wichtig.

 

Zeit für Neues

 

Haben Sie eigentlich während der pandemiebedingten Pause neue Songs geschrieben?

Haben wir, ja. Erst kürzlich habe ich mich mit einem Kollegen von Rosenstolz getroffen, auch mit Annette Humpe und Achim Hagemann. Das sind meine favorisierten Top-Fachkräfte, mit denen ich mir gerne Sachen ausdenke. Wir haben uns angehört, was wir vor einige Monaten gemacht hatten. Einiges davon ist in hohem Bogen in den Papierkorb geflogen, anderes haben wir unter Jubel weiterbearbeitet. Das normale Geschäft.

Wird davon schon etwas bei den anstehenden Konzerten, etwa beim Stadtpark Open Air, zu hören sein?

Nein, dazu ist es noch zu früh. Man muss die Stücke eine Zeit lang ruhen lassen, um zu merken, ob sie wirklich gut sind. So war es schon immer. Ich bin zudem unheimlich pingelig – gerade bei den eigenen Stücken. Für mich muss immer alles sitzen. Wenn von den Mitschreibenden auch nur einer komisch guckt, weiß ich, dass es nicht passt.

Wird dieser Perfektionismus vom kompletten Orchester getragen?

Die Kollegen sind mindestens genauso präzise. Wobei mir Perfektionismus etwas zu humorlos klingt. Ich würde es eher eine Liebe zum Detail nennen und ein Überprüfen, ob etwas berührend sein kann oder einfach nur abgedroschen ist.

 Wir verlosen 2×2 personalisierte Tickets für Max Raabe & Palast Orchester am 9. September 2021!

Wie könnt ihr mitmachen? Na so:

Bitte gebt für die Teilnahme euren vollständigen Namen und eure Adresse, sowie die Daten eurer Begleitung an. 

Max Raabe & Palast Orchester: Stadtpark Open Air, 9. September 2021, 20 Uhr


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, September 2021. Das Magazin ist seit dem 28. August 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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48h Wilhelmsburg: Viel Programm auf der Elbinsel

Vom 3. bis 5. September 2021 gibt es wieder viel Kultur und Musik in Wilhelmsburg, in diesem Jahr Open Air und On Air

Text: Felix Willeke

 

48h Wilhelmsburg ist schon fast ein Klassiker in Hamburg. Seit zwölf Jahren gibt es das Festival zwischen Norder- und Süderelbe. Vom 3. bis 5 September 2021 geht es auf der Elbinsel wieder rund. Es gibt Musik wie die von Die Tüddelband, Filmvorführungen wie von „Django – ein Leben für die Musik“, einen Musiker:innenflohmarkt, Ausstellungen wie das Femlab, reichlich Programm für Kinder und vieles mehr. Doch auch an 48h Wilhelmsburg geht die Corona-Lage nicht spurlos vorbei. Neben Open Air findet das Festival 2021 auch On Air statt. Vor Ort gibt es entlang von vier Spaziergängen, drei Wasserwegen und zwei Fahrradtouren Ausstellungen, Musik, Kunst und Kultur. Hinzu kommen sechs größere Konzertlocations: Dabei wartet „P+R Veddel“ mit Rockmusik auf, am Sportplatz des Vorwärts 98 Ost e.V. gibt es einen Mix aus Punk, Gipsy, HipHop und Swing zu hören und bei „Mozaiksounds im BUND Naturgarten“ kann man am Sonnabend einen Rhythmusworkshop besuchen.

 

48h Wilhelmsburg, 2021 auch On-Air

 

Da bei vielen kleineren Orten die Kapazität begrenzt ist, verlagert 48h Wilhelmsburg einen Teil des Festivals zusätzlich On Air: Es wird einige Live-Streams geben, die auf der eigenen Homepage oder bei TIDE zu sehen sind. Eröffnet wird das Festival ebenfalls online: Beim Stream aus der Minibar gibt es am 3.9. Techno von Turtur und die Deichdiele bietet eine digitale Plattenreise. Es gibt also auch in Zeiten der Pandemie in Wilhelmsburg 48 Stunden lang wieder viel zu erleben.

mvde.de/48h-wilhelmsburg


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Kultur in Harburg: „Sommer im Park“ auf der Freilichtbühne

Vom 20. bis 29. August 2021 gibt es beim „Sommer im Park 2021“ auf der Freilichtbühne in Harburg ein vielfältiges Programm: Von Theater über Poerty Slam bis Livemusik werden viele Genre bedient

Text: Felix Willeke

 

2018 wurde zum ersten Mal auf der Freilichtbühne im Harburger Stadtpark unter dem Motto „Sommer im Park“ gefeiert. Nachdem 2020 das Fest nicht wie geplant stattfinden konnte, geht es 2021 wieder los. Vom 20. bis 29. August 2021 steht viel Kultur auf dem Programm: Neben Livemusik gibt es auch Kabarett. Am Samstag gibt sich zum Beispiel der Musikkabarettist Johannes Kirchberg die Ehre, gefolgt von der 1999 gegründeten Hamburger Rockband „Nine-T-Nine“. Den Abschluss am Sonntag macht „Antigone“ in einer Inszenierung unter der Regie von Lars Henriks mit Nisan Arikan, Imke Frieda Sander und Siddhii Lagrutta.

 

Highlight zum Schluss

 

Nachdem es am Abschlusswochenende unter anderem mit der Coverband „Songs of U2“ und der dänischen Soul-Formation „D/Troit“ noch einmal musikalisch zur Sache geht, wartet am Sonntag der krönende Abschluss: Beim „Harburger Vielfaltsfest 2021“ treffen am 29. August von 13 bis 18 Uhr Menschen aller Kulturen, Generationen, Geschlechter und Hintergründe in entspannter Atmosphäre zusammen.

Dabei gibt es neben jiddischer Musik, arabischen Liedern und russischer Folklore auch die Verleihung des SIKO-Preises, der Einzelpersonen, Institutionen oder Vereine auszeichnet, die sich in der Vergangenheit in vorbildlicher Weise um Sicherheit und Sauberkeit im Bezirk Harburg gekümmert haben.

Sommer im Park: 20. bis 29. August 2021


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Ringelnatz: Ein Abend der Leichtmatrosen

Mit der Leichtmatrosenbigband ging es bei der Barmbeker Hofkultur im Rahmen des Kultursommers musikalisch von Hamburg nach Haiti und zurück, immer auf den Spuren des berühmten Dichters

Text: Felix Willeke

 

Es regnet leicht, dem Publikum ist es egal „das Wetter passt doch“, ruft Kapitän Heinecke von der Bühne. „Eigentlich waren wir für die Elbphilharmonie gebucht, doch das hier ist authentischer.“ Er grinst und stimmt mit seiner Leichtmatrosenbigband vom Theaterdeck Hamburg das erste Lied an. Die Combo aus Niklas Heinecke, Henner Depenbusch und Tim Niebuhr ist in der lokalen Theaterszene in Hamburg-Barmbek längst bekannt. Seit über zehn Jahren bringen sie in unregelmäßigen Abständen Lieder und Gedichte rund um den Dichter Joachim Ringelnatz auf die Bühne. Garniert wird das Ganze mit allerlei Seemannsliedern und solchen, die es werden wollen. Die Reise bei der Barmbeker Hofkultur der Zinnschmelze führt mit reichlich Seemannsgarn von „Kuddel Daddel Du“ von Achim Reichel, über der/die „Bademeister*in“ von der Kleingeldprinzessin alias Dota bis hin zum „Abschied der Seeleute“ von eben jenem Joachim Ringelnatz.

 

Multitalente bei der Arbeit

 

Die drei sitzen auf der Bühne und haben mindestens genauso viel Spaß wie ihr Publikum. Heinecke ist als Kapitän Conférencier, Sänger und Erzähler. Der Smutje Tim Niebuhr ist neben dem Rhythmus für sämtliche Geräusche zuständig – vom Flattern der Segel bis zum Platzen des Schlauchboots. Henner Depenbusch musiziert als Fliegengewichtsmatrose von Akkordeon über Klavier bis Saxophon mit allem, was ihm in die Finger kommt und der neue Leichtmatrose Jan Otto spielt Gitarre. Dauerte dieses Konzert offiziell nur eine Stunde, verlangt das Publikum nach mehr als anderthalb Stunden immer noch nach einer Zugabe. „Tanzen ist ja verboten“, sagt Heinecke, „aber, wenn ihr euch möglichst unrhythmisch bewegt, ist das laut Definition kein Tanzen.“ Das Publikum gehorcht. Alle, wenn sie nach den Standing Ovations nicht eh schon auf den Beinen sind, stehen auf, singen und schunkeln – bemüht unrhythmisch – zum Abschluss mit. Wer sich in Zukunft nach Comedy mit Seemannsflair und Anspruch sehnt, sollte ab jetzt nach Niklas Heinecke und seiner Leichtmatrosenbigband Ausschau halten. Ahoi!

Die Leichtmatrosenbigband (v.l.n.r) Tim Niebuhr, Henner Depenbusch, Kapitän Niklas Heinecke und Jan Otto; ©Nick Pompetzki

Die Leichtmatrosenbigband (v.l.n.r) Tim Niebuhr, Henner Depenbusch, Kapitän Niklas Heinecke und Jan Otto; ©Nick Pompetzki


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WiebuschBosseUhlmann: Hits hoch drei

Die drei Sänger und Songschreiber machen gemeinsame Sache und sind am 11. August 2021 im Stadtpark

Text: Erik Brandt-Höge

 

Supergroups gibt es wie Sand am Meer. Immer wieder schließen sich bekannte Musiker zusammen, um im Kollektiv noch mehr Spaß zu haben – und anderen zu machen. Sicher, das haut nicht immer so hin wie geplant. Teils entstehen ach so wilde Formationen, deren Songs nur für ganz, ganz eingefleischte Anhänger der Bandmitglieder interessant sind. Manchmal sind Supergroups aber auch total, nun ja, super eben.

Eine von ihnen: WiebuschBosseUhlmann. Muss nicht zwingend erklärt werden, dass Marcus Wiebusch, Aki Bosse und Thees Uhlmann dahinterstecken. Ebenso müssen die drei Sänger und Songschreiber niemandem mehr vorgestellt werden. Ein Blick auf das Programm des Trios hingegen lohnt sich. Mit Band im Rücken spielen sie ihre Lieblingslieder – die von sich selbst und von den anderen. Kann also gut angehen, dass Wiebusch auf der Stadtpark’schen Freilichtbühne „Dein Hurra“ von Bosse singt. Und Uhlmann „Frankfurt/Oder“, auch von Bosse. Und dass Bosse Kettcars „48 Stunden“ und Uhlmanns „Danke für die Angst“ interpretiert. Und und und. Vorstellbar ist so ziemlich jeder Song der drei, performt von jedem. Deswegen macht diese Supergroup auch so viel Sinn.

 Wir verlosen 2×2 personalisierte Tickets für WiebuschBosseUhlmann am 11. August 2021!

Wie könnt ihr mitmachen? Na so:

Bitte gebt für die Teilnahme euren vollständigen Namen und eure Adresse, sowie die Daten eurer Begleitung an. 

WiebuschBosseUhlmann: Stadtpark Open Air, 11. August 2021, 20 Uhr


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Hammer Sommer in Hamm: Das Sommerfestival

Es begann 2009 mit einem Fest im Hammer Park, 2018 wurde daraus das Hammer Sommerfest und 2021 veranstaltet der Kulturladen Hamm vom 6. bis 22. August 2021 im Rahmen des Hamburger Kultursommers das Hammer Sommerfestival 

Text: Felix Willeke

 

Das Hammer Sommerfestival findet vom 6. bis 22. August 2021 im Hammer Park, dem Hammer Süden und auf dem Platz der Kinderrechte statt. Außerdem gibt es unter dem Titel „Von Hamm bis Horn“ verschiedenste kleine Veranstaltungen an unterschiedlichen Orten wie der Jungen Kirche Hamm, der Christuskirche oder der Kita Kinderschlupf. Zu den Highlights zählen in diesem Jahr die Konzerte im Hammer Park, die in Zusammenarbeit mit „Kunst 2 Go“ stattfinden. Hier sind dann unter anderem Celine Love, Clara Bauer und die aus dem Zwick bekannten Rudolf Rock & Die Schocker zu sehen. Die Konzerte kosten fünf Euro, Tickets gibt es bei „Kunst 2 Go“ (tixforgigs.com). Wenn der Kultursommer und damit auch die Konzerte im Hammer Park am 14. August vorbei sind, geht das Hammer Sommerfestival noch weiter.

Das breit gefächerte Programm reicht dabei von einem Fußball-Freundschaftsspiel über das Hammer Kinderfest am 14. August, „Klassik im Park“ am 15. August bis zu Kurzfilmen und Gespräche zu Themen wie der Seenotrettung von Flüchtenden im Mittelmeer oder das Leben junger geflüchteter Männer in Hamburg.

Fast alle Veranstaltungen des Hammer Sommerfestivals sind kostenlos. Bei einigen ist allerdings eine Anmeldung notwendig. Für das komplette Festival gelten die aktuellen Hygienebestimmungen wie das Tragen einer OP- oder FFP2-Maske und der Nachweis eines negativen Schnelltests, einer vollständigen Schutzimpfung oder einer Genesung. Zudem werden bei allen Veranstaltungen die Kontaktdaten zur Kontaktverfolgung erfasst.

6. – 22.8., Hamm, verschiedene Orte; hh-hamm.de/sommerfestival/ 


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Internationales Sommerfestival: An Bismarcks Sockel sägen

Vom 4. bis 22. August 2021 wird die „Togetherness“ beim Internationalen Sommerfestival Kampnagel mit prall gefülltem Programmplan gefeiert

Text: Sören Ingwersen

 

Zwei nackte Menschen schmiegen sich im öffentlichen Raum der Stadt aneinander – in ihrer intimen Begegnung wie abgekoppelt vom Rest der Welt. Lässt sich ein deutlicheres Bild finden für die drängende Sehnsucht, Corona endlich hinter sich und die Nähe zum anderen wieder schutzlos zuzulassen? „This Is Not Normal“ nennt das Konzeptkunst-Duo Juan Dominguez & Arantxa Martínez seine Performance lebendiger Skulpturen, die im Rahmen des Internationalen Sommerfestivals auf Kampnagel an verschiedenen Orten der Hamburger Innenstadt für Überraschungen sorgen dürften. Ein so vielfältiges und umfangreiches Programm wie in diesem Jahr hat Festivalchef András Siebold schon lange nicht mehr aufgetischt: „Das hat damit zu tun, dass wir eine Akkumulation aus wegen Corona verschobenen, neu geplanten und zusätzlichen Projekten haben, die durch umfangreiche Fördermittel des Programms ,Neustart Kultur‘ und des Fonds Darstellende Künste möglich wurden. Dazu kommt noch der von Carsten Brosda ausgerufene ,Hamburger Kultursommer‘, in dessen Rahmen wir praktisch noch ein Extra-Festival mit 14 Projekten im Stadtzentrum machen.“

 

13 Uraufführungen

 

Das Kernprogramm findet aber wie gewohnt auf den Kampnagel-Bühnen statt. Allein hier werden fünf Uraufführungen gezeigt, acht weitere verteilen sich auf das Stadtgebiet. Dass das Festival diesmal so viele Welt- und Deutschlandpremieren verzeichnet, ist für Siebold eine unmittelbare Reaktion auf die Pandemie, „weil sich viele Menschen, die bei uns auftreten, mit der Gegenwart beschäftigen“. Und die bot in den vergangenen 15 Monaten für Kulturschaffende in der Tat genügend Reibungspunkte, an denen sich die Kreativität entzünden konnte. Das gilt auch für die kanadische Sängerin Leslie Feist, die das Sommerfestival eröffnet: „In normalen Zeiten spielt Feist Konzerte vor Tausenden von Menschen.

Leslie Feist eröffnet das Internationales Sommerfestival Kampnagel 2021; Foto: Leslie Crisp

Leslie Feist eröffnet das Internationales Sommerfestival Kampnagel 2021; Foto: Leslie Crisp

Durch Corona gab es plötzlich keine Auftrittsmöglichkeiten mehr. Jetzt wird sie die Bühne zurückerobern und sich wieder an eine Art ,communal joy‘ herantasten: In ihrer Produktion ,Multitudes‘ steht sie mit dem Publikum auf der Bühne und singt ins leere Theater hinein.“

Auch die Deutschlandpremiere „Licht und Liebe“ der norwegischen Theatergruppe Susie Wang kann im Kontext der Pandemie gelesen werden: Zwei deutsche Urlauber erleben, wie sich ihr exotisches Urlaubsparadies durch übernatürliche Kräfte in einen Hort des Horrors verwandelt. Klingt böse, ist aber lustig. Komische Regieeinfälle konterkarieren auch den Titel von Christoph Marthalers Inszenierung „Das Weinen (Das Wähnen)“ nach Texten von Dieter Roth. Mit seinen Schimmelbildern betonte der Schweizer Künstler die ästhetische Komponente biologischer Zerfallsprozesse. Marthaler wiederum lässt Roths Sprachkunst im keimfreien Raum einer Apotheke – und im beschwörenden Tonfall von Mozarts Requiem – aufblühen.

„Das Weinen (Das Wähnen)“ nach Texten von Dieter Roth; Foto: Gina Folly

„Das Weinen (Das Wähnen)“ nach Texten von Dieter Roth; Foto: Gina Folly

Ebenfalls mit einem Schweizer Autor setzt sich die französisch-österreichische Bühnenkünstlerin Gisèle Vienne in „Der Teich“ von Robert Walser auseinander. Der verstörende Psychotrip in den Kopf eines Jungen, der seiner Mutter gegenüber einen Selbstmord vortäuscht, wird mit zwei Schauspielerinnen, Elementen des Puppentheaters und einer mächtigen Bildersprache in Szene gesetzt.

 

 Von Illusionen bis Schwyzerdütsch

 

Des Weiteren kann man mit den „Illusionen“ der drei Meisterzauberer Patrick Folkerts, Jan Logemann und Manuel Muerte dem Wesen der Täuschung auf den Grund gehen, das Ballet national de Marseille mit vier neuen Arbeiten erleben oder in die Fantasiewelt der belgischen Künstlerin Miet Warlop eintauchen, die mit ihrem anarchischen Bühnenhappening „After all Springville“ die Tücken des Objekts und der menschlichen Gemeinschaft erkundet. Und natürlich kommen auch Freiluftfanatiker im „Avant-Garten“ auf dem Kampnagel-Gelände wieder voll auf ihre Kosten: „Aufbauend auf den Erfahrungen im letzten Jahr, als wir draußen zum ersten Mal in größerem Stil Bühnen aufgebaut und Konzerte gemacht haben, haben wir unser Outdoor-Angebot im neuen Amphitheater, auf der Kanalbühne und auf weiteren Spielflächen noch erweitert. Die Gruppe JAJAJA wird jeden Abend ab 18.30 Uhr mit wechselnden Gästen Performances veranstalten, dazu kommen ein ausuferndes Konzertprogramm, Lesungen und Diskussionen wie ein Abend über Hate Speech mit Spiegel-Online-Kolumnistin Margarete Stokowski, Conférencier und Autor Michel Abdollahi und ZDF-Korrespondentin Nicole Diekmann“, verrät Siebold. Zusätzlich gibt es am Wochenende nachmittags ein Kinderprogramm. Außerdem hat man vier Veranstaltungen wieder zusammen mit und in der Elbphilharmonie ausgerichtet. So reist SingerSongwriter Rufus Wainwright diesmal mit seiner Schwester Martha an, um der 2010 verstorbenen gemeinsamen Mutter, der Folk-Sängerin Kate McGarrigle, mit eigenen und gecoverten Songs ein musikalisches Denkmal zu errichten, das zugleich eine Hommage an alle Mütter ist. Eine besonders reizvolle Verbindung sind auch Dino Brandão, Faber und Sophie Hunger für ihr aktuelles Programm „Ich liebe dich“ eingegangen. Die fein gesponnenen Lieder auf Schwyzerdütsch bilden für András Siebold „wahrscheinlich eines der schönsten Lockdown-Alben, die im letzten Jahr herausgekommen sind“. Überzeugen kann man sich davon im Großen Saal der Elbphilharmonie, wo die drei für lyrisch-intime Momente sorgen werden.

 

Das Kampnagel Sommerfestival zu Gast in der Stadt

 

Der „Brückenschlag zwischen dem eher klassischen Programm der Elbphilharmonie und dem eher popkulturell infizierten Programm auf Kampnagel“, wie Siebold die jährliche Kooperation der Festivalpartner beschreibt, strahlt derweil auch auf andere Bereiche ab. So ist in diesem Jahr auch die St.-Gertrud-Kirche in Uhlenhorst ein Spielort, an dem die klassische Musikkultur sich mit zeitgenössischen Ansätzen paart: Das Vokalensemble Graindelevoix aus Antwerpen feiert „The Liberation of the Gothic“ mit englischer Renaissancemusik und überraschender Besetzung: Anders als im 16. Jahrhundert, singen hier auch Frauen und man legt Wert auf den individuellen Ausdruck der beteiligten Stimmen. Ebenfalls dem Experiment verpflichtet sind Gewandhausorganist Michael Schönheit und Multiinstrumentalist P. A. Hülsenbeck, wenn sie im Kirchensaal auf der Grundlage musikalischer Improvisation die sakrale Klangsprache mit der des Pop verweben.

Vom Gotteshaus zum Konsumtempel: Im Gebäude des ehemaligen Kaufhofs in der Mönckebergstraße entfesselt das Hamburger Kollektiv LIGNA „Die Gespenster des Konsumismus“ mit einem performativen Audiowalk. „Es gibt kein besseres Symbol für die durch die Pandemie verschärfte ökonomische Krise als den leer stehenden Kaufhof “, findet Siebold. „Aber auch Diskurse über die Veränderung der Lebenswelten und die Zukunft der Innenstädte konzentrieren sich in dem Gebäude.“ Eine Änderung der Perspektive auf bestehende Lebenswelten fordert dagegen Yolanda Gutiérrez, wenn sie mit Videomappings und Performances rund um die Bismarck-Statue die deutsche Kolonialgeschichte aufrollt, während Nesterval & Queereeoké mit „Sex, Drugs & Budd’n’Brooks“ im Club Uebel & Gefährlich Thomas Manns Roman „Buddenbrooks“ mit einem immersiven Theater-Game der bürgerlichen Spießigkeit entreißen. „So viele Impulse und Motivationsanker für freie Künstler*innen wie durch die Corona-Hilfen hat es in Deutschland wohl noch nie gegeben“, freut sich Siebold. Freuen können sich auch die Besucher des Internationalen Sommerfestivals.

4.–22.8., Kampnagel; kampnagel.de/sommerfestival

Das Norden Festival: Top-Musik vor Top-Kulisse

Vom 26. August bis zum 12. September gibt es Live-Kultur an einem Ort der Idylle, beim Norden – The Nordic Arts Festival

Text: Andreas Daebeler

 

Es muss nicht immer der große Star von der Insel sein. Jedenfalls nicht von der britischen, Erhebungen im Meer haben wir ja auch. Das Norden – The Nordic Arts Festival bietet traditionell Künstlern aus Hamburg, Schleswig-Holstein und den skandinavischen Nachbarländern eine Bühne. Und das ist in diesem Jahr, in dem die Pandemie das Kulturleben und die Live-Musikszene noch immer lähmt, nötiger denn je. Darum haben die Veranstalter zusammen mit der Stadt Schleswig ein ausgeklügeltes Konzept erarbeitet, die Besucherzahl begrenzt und entschieden, das Gelände weitläufiger zu gestalten. Funktioniert.

Das Ambiente des Norden sucht fraglos seinesgleichen. Schließlich wird am idyllischen Strand des Ostseefjords Schlei gefeiert. Und zwar mit einem genreübergreifenden, aktuellen Programm, einer familiären und nachhaltigen Ausrichtung sowie günstigen Tagestickets für 9,50 Euro. Das Gelände ist in die Parklandschaft der Königswiesen eingebettet. Das Festival bietet bei kleinen Preisen einen Querschnitt aus aktueller Popmusik, Straßentheater, Literatur, DIY-Kursen, Film und sportlichen Aktivitäten. Dabei sind diesmal unter anderem die dänische Band Hvalfugl mit ihrem skandinavischen Folk und Nordic Jazz und das norwegische Theaterensemble Studium Actoris. Ganz aus Litauen reisen The Schwings an.

NORDEN Festival - Konzert auf Schlei-Bühne; Foto: Nora Berries, Norden Festival

NORDEN Festival – Konzert auf der Schlei-Bühne; Foto: Nora Berries, Norden Festival

Das Norden beginnt am 26. August, es steigt an zwölf Tagen. Und es bietet ein Festival im Festival, das sich Nordpop nennt. Die Idee ist, am Wochenende vom 26. bis 29. August bekannte Musiker mit Newcomern zusammenzubringen. Alle Bands und Solokünstler kommen aus Hamburg und Schleswig-Holstein. Auf zwei Bühnen können Besucher die ganze Bandbreite aktueller Popmusik aus dem Norden erleben. Mit dabei: Tonbandgerät, Lina Maly, Helgen, Bernd Begemann, Catt und viele andere. „Der Headliner für den Samstagabend bleibt vorerst eine Überraschung und wird erst zwei Wochen vor dem Festival verkündet“, berichten die Festivalmacher Manfred Pakusius und Marno Happ.

The Nordic Arts Festival: 26. August – 12. September 2021


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Elbtonal Percussion: Mit Schlagwerk um die Welt

Das Hamburger Schlagwerk-Ensemble Elbtonal Percussion nahm die Zuschauer:innen beim Elbphilharmonie Hope ’n’ Air mit auf eine klangliche Reise um die Welt

Text: Felix Willeke

 

Nur Trommeln, das füllt einen Konzertabend? Ja, und wie. Aber zuerst ist wichtig zu wissen: Elbtonal Percussion trommelt nicht. Jan-Frederick Behrend, Sönke Schreiber und Francisco Manuel Anguas Rodriguez sind Schlagwerker. Das heißt egal ob Vibrafone, Gongs, Trommel, zweckentfremdete Alltagsgegenstände oder eigenartige Trash-Instrumente, Elbtonal Percussion machen Musik mit allem und auf allerhöchstem Niveau. Normalerweise treten Elbtonal Percussion als Quartett auf, am 20. Juli 2021 stehen sie jedoch als „Spezial Trio“ auf der Bühne. Beim Elbphilharmonie Hope ’n’ Air im Rahmen des Kultursommer Hamburgs nimmt das Ensemble die Zuschauer:innen mit auf eine Reise durch die Welt der Schlagwerke.

 

Zarte Klänge und starke Bilder

 

Los geht es in Japan: Ausgestattet mit Marimbas, chinesischen Trommeln und vielen weiteren Schlagwerken führen Elbtonal Percussion die Zuschauer:innen in die klangliche Vielfalt des fernöstlichen Landes. Die Marimba wird dabei mit derartig viel Gefühl und Emotionen gespeilt, dass schon vom ersten Moment an auf dem Platz alle gebannt lauschen. Der Rhythmus der großen Trommeln ist dabei zusätzlich am ganzen Körper zu spüren. Wer vor Konzertbeginn dachte, es bräuchte mehr Instrumente oder gar Gesang, ist spätestens jetzt vom Gegenteil überzeugt. Das Ensemble holt aus jedem Instrument das Maximale heraus: Von leisen, hohen, zarten Klängen bis hin zu imposanten, tiefen Rhythmen, die die Zuschauer:innen bis in den Bauch hinein spüren.

Elbtonal Percussion beim Elbphilharmonie Hope ’n’ Air ©Andreas Hornoff

Elbtonal Percussion beim Elbphilharmonie Hope ’n’ Air; Foto: Andreas Hornoff

Die Reise um die Welt führt weiter nach Serbien. Zwei Marimbas sorgen für anspruchsvolle und ineinander fließende Melodien, bei denen sich metaphorisch ein Bach in einen reißenden Strom verwandelt. Am Ende geht es dann nochmal zurück nach Japan. Begleitet von zwei chinesischen Trommeln spielt einer der Drei ein Solo auf der Marimba und die Mal­lets – die Schlägel der Marimba – fliegen dabei regelrecht über das Instrument. Das Publikum ist begeistert und fordert eine Zugabe, in der das Ensemble dann noch seinen Humor unter Beweis stellt: Als Köche verkleidet kehren sie zurück und schlagen rhythmisch auf alles, was ihnen vor die Kochlöffel kommt. Diese Reise durch die Klangwelt hat nicht nur Spaß gemacht, sie lohnt sich auch immer wieder.

elbphilharmonie.de/hope-n-air


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SofaConcerts: Lasst Musik rein

Live-Musik zu Hause: Mit SofaConcerts kommen Musiker:innen in den eigenen Garten

Text: Felix Willeke

 

Langsam erwacht die Kulturszene wieder – kleinere und größere Events sind in Planung. Ganz intim wird es bei den SofacConcerts: Musikfans und Musiker:innen werden bei einem Konzert in den eigenen vier Wänden für einen Abend zusammengebracht. Egal ob im Garten, auf dem Balkon oder im Hinterhof – die Musik:innen bespielen jeden Ort.

 

Newcomer:innen entdecken

 

Besonders für die, die neue Musik entdecken wollen, sind die SofaConcerts ideal, denn neben vielen bekannten Musiker:innen – wie Lukas Drose oder Abbott – finden sich auf der Plattform auch unbekanntere wie etwa die  Grammophon Jazzband.

Es ist also höchste Zeit, der Musik wieder die (Haus)Tür zu öffnen. Und damit die Stadt das auch merkt, haben sich SofaConcerts zusammen mit Abbott aufgemacht und waren nach dem Motto „Zeit für einen Klingelstreich“ in Hamburg unterwegs.

Seht hier einen schönen Zusammenschnitt der Aktion:

sofaconcerts.org


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