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Max Herre: „Meine Geschichten sind ein Schatz“

Nicht nur für Nostalgiker: Der einstige Posterboy des deutschsprachigen HipHops Max Herre kommt mit neuen Songs in den Stadtpark

Text: Erik Brandt-Höge
Foto (o.): Mikael Väisänen

 

SZENE HAMBURG: Max, auf einer Skala von eins bis zehn, wenn zehn am besten ist: Wie ist dein Sommer bisher?

Max Herre: Sieben.

Klingt ja noch nicht wirklich zufrieden.

Nee, ich war zwar kürzlich zweimal in Athen und hatte ein Stück weit Sommer, aber im Moment heißt es für mich: Nicht von der Sonne rauslocken lassen, sondern schön drinnen sitzen bleiben und das Album fertig machen – um dann, wenn die Live-Shows starten, den Sommer voll und ganz zu genießen.

Neue Live-Shows, neues Album: „Athen“ erscheint in Kürze. Der Titelsong erzählt die traurige Geschichte von zwei Liebenden auf Reisen. Warum wolltest du sie genau jetzt erzählen?

Vor zwei Jahren bin ich nach Tel Aviv gefahren und habe angefangen, an neuen Songs zu schreiben. Ich habe dorthin auch andere Songwriter eingeladen, jeweils für eine Woche kamen Maxim und Tua, die ich beide sehr schätze. Ich habe ihnen eine Geschichte erzählt, die ich vor ein paar Jahren erlebt habe. Und in den Gesprächen stellte sich heraus, dass Athen für mich einen echten Sehnsuchtsort darstellt …

… den du damals mit der Frau an deiner Seite besuchen wolltest. Wieso sollte es eigentlich unbedingt Athen sein?

Die Frau hatte griechische Eltern. Außerdem hatte mein Vater mal einige Jahre in Griechenland gelebt, genau wie mein Großvater, und mein ältester Onkel ist dort geboren. Es haben sich also viele Linien gekreuzt auf dieser Reise.

Und was das Songwriting angeht: Je mehr ich mich dabei erinnerte, wie alles war, umso mehr konnte ich erzählen. Wieder habe ich gemerkt, dass meine Geschichten – nicht nur, weil ich mit ihnen Musik generieren kann – ein Schatz für mich sind.

Hört hier Max Herre feat. Trettmann: „Villa Auf Der Klippe“

 

Diese Art von Beschäftigung mit den eigenen Geschichten zieht sich durch dein musikalisches Werk. Hast du einen Hang zur Nostalgie?

Zunächst mal ist die Musik, die ich am liebsten höre, auf eine Art und Weise nostalgisch. Ich höre jetzt nicht nur Fado, aber es gibt ein bestimmtes Gefühl im Soul und Jazz, das so eine nostalgische Traurigkeit transportiert, was ich sehr mag.

Was genau passiert beim Hören solcher Musik mit dir?

Irgendwie spüre ich dann etwas, das noch nicht verarbeitet ist, und das vielleicht auch einen inneren Konflikt darstellt.

Dein Erinnerungs-Songwriting ist also immer auch ein Lernprozess? Und wenn ja, was hast du bei der Arbeit an „Athen“ über dich gelernt?

Lernen ist ein großes Wort. Ich bin mir auch gar nicht sicher, ob man selbst so schnell weiß, was man da gelernt hat, wenn man sich mit der eigenen Vergangenheit beschäftigt hat. Fest steht nur, dass Athen für mich heute Altes und Neues vereint, was ich sehr aufregend finde.

Stellst du bei den anstehenden Konzerten, auch bei dem im Stadtpark, vor allem Neues aus „Athen“ vor, oder sind die Shows auch etwas für Max-Herre-Nostalgiker?

Beides. Wir spielen ja Songs aus einer Platte, die zum Zeitpunkt des Konzerts noch nicht draußen ist. Ich habe Lust, den Leuten diese neuen Songs vorzuspielen, aber ich liebe es auch, mit ihnen zusammen Songs zu performen, die wir alle kennen und mit denen wir alle etwas verbinden.

 

„Alles kann passieren“

 

Das Schöne an Live-Konzerten ist ja, dass alles passieren kann, zu jeder Zeit. Ich gehe zwar immer mit dem Anspruch auf die Bühne, ein perfektes Konzert zu spielen. Aber wenn ich ehrlich bin, liegt die Chance im Scheitern.

Würdest du Open-Air-Shows eigentlich immer Konzerten in Hallen oder Clubs vorziehen?

Es kommt auf den Ort und die Leute an. Im Club habe ich schon sehr viel Intimität erlebt, die ich nicht missen möchte. Aber wenn ich an Open-Air-Bühnen wie die Freilichtbühne denke, habe ich auch viele schöne Erinnerungen.

Die Hamburger sind Freundeskreis und meiner jetzigen Band immer sehr verbunden gewesen, wir haben tolle Konzerte zusammen erlebt, vor allem auf der Freilichtbühne, die etwas sehr Arenenhaftes hat. Dort macht eigentlich jedes Konzert Spaß, sogar im Hamburger Regen.

Max Herre:  1.8., Stadtpark Freilichtbühne, 19 Uhr


Szene-Hamburg-Juli-2019-CoverDieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, Juli 2019. Titelthema: Schmelztiegel St. Georg.
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Weezer live im Stadtpark: Zurück auf großen Bühnen

Weezer veröffentlichten Anfang des Jahres ein Album mit eigenen Songs, einen Coup landeten sie mit dem Cover von Totos Hit „Africa“. Nun spielen sie wieder auf großen Bühnen – im Interview verrät Gitarrist Brian Bell, wie sie das geschafft haben

Text und Interview: Erik Brandt-Höge

Weezer drohte, in der Versenkung zu verschwinden. Die Anfang der 1990er Jahre gegründete Rockgruppe veröffentlichte zwar Album um Album, hatte allerdings nicht immer den gewünschten Erfolg. Erst, als im vergangenen Jahr Weezer-Fans nachdrücklich forderten, die Band solle doch Totos Überhit „Africa“ covern, gelang Frontmann Rivers Cuomo, Gitarrist Brian Bell und Co. wieder ein echter Coup. Denn sie beließen es nicht bei „Africa“, sondern veröffentlichten mit „Teal“ ein ganzes Coveralbum mit ihren Interpretationen von u. a. „Sweet Dreams“, „Take On Me“ und „Happy Together“. „Teal“ erschien Anfang des Jahres, fast zeitgleich mit dem aktuellen regulären Weezer-Album „The Black Album“. Ein Weezer-Doppelschlag und Grund genug für ein paar Nachfragen.

SZENE HAMBURG: Brian, kürzlich bezeichnete Weezer-Sänger Rivers Cuomo vergangenes und dieses Jahr als besonders verrückte Karrierephase eurer Band. Fühlt es sich für dich ähnlich an?

Brian Bell: (lacht) Zumindest finde ich es ein bisschen verrückt, dass wir gerade eine Art zweiten Frühling erleben dürfen. Wir schienen für einige Leute schon völlig irrelevant geworden zu sein, und dann standen wir plötzlich wieder auf der großen Bühne beim Coachella Festival – 15 Jahre, nachdem wir zuletzt dort waren.

Das kleine Comeback liegt vor allem am Erfolg eures „Africa“-Coversongs und dem des folgenden Coveralbums „Teal“. Fühlt es sich seltsam an, mit etwas Nachgespieltem mehr Erfolg zu haben als mit eigenen Sachen? „Teal“ bekam ja nicht nur mehr Aufmerksamkeit als die Weezer-Veröffentlichungen zuvor, sondern auch als das „The Black Album“, das nach „Teal“ erschien.

Na ja, vor „Africa“ gab es Leute, die uns schon als Band für Nostalgiker bezeichneten. Das ist so ziemlich das Schlimmste, was man über Künstler sagen kann, es kommt einem Todesurteil gleich. „Africa“ hat uns dann einfach geholfen, aber wir haben uns dafür nicht verbogen. Ich meine: Es kamen zig Leute zu uns und sagten, das Cover klinge wie ein Weezer-Song. Wenn man bedenkt, dass das Original mehr als ein Jahrzehnt vor unserem Karrierestart rausgekommen ist, finde ich das schon bemerkenswert. Aber stimmt schon: Scheinbar mussten wir etwas Altes aufgreifen, um selbst wieder zeitgemäß zu erscheinen – was fast schon ironisch ist (lacht).

 

Hört hier das „Africa“-Cover von Weezer

 

Wirft die Frage auf, ob ihr als Band ein Verfallsdatum habt?

Ich hoffe nicht! Komponisten und Künstler, die sich als zeitlos erwiesen haben, faszinieren mich sehr, und ich hoffe, dass wir auch irgendwann als zeitlos bezeichnet werden.

Ein Rezept für Zeitlosigkeit im Pop- und Rockgeschäft ist die ständige Neuerfindung, die auch ihr vollzieht. Macht ihr das ganz gezielt, oder passiert das automatisch und eher unbewusst?

Wir planen Neuerfindungen nicht. Als wir zum Beispiel das „Raditude“-Album aufgenommen haben (erschienen 2009; Anm. d. Red.) – was ja nicht gerade zum Liebling unserer Fans wurde – war ich ein bisschen besorgt, weil sich unser Sound so sehr veränderte. Ich habe sogar Rivers angerufen und ihm gesagt: „Wir könnten damit echt einige Anhänger verlieren!“ Ich denke eben bei jedem Weezer-Album, an dem wir arbeiten, dass es das letzte sein könnte, und dass wir alles, was wir haben, reinlegen sollten.

Und wie hat Rivers reagiert?

Er meinte nur: „Keine Sorge, es ist nur ein Album, viele weitere werden folgen. Wir experimentieren einfach mal herum und gucken, ob es funktioniert!“ Gut, „Raditude“ funktionierte letztlich zwar nicht wirklich, aber Rivers hatte Recht: Danach kam tatsächlich noch einiges von uns.

 

„Wir spielen, was die Leute hören wollen“

 

Zum Beispiel „Teal“. War der Erfolg damit eigentlich einkalkuliert, weil die Songs jeder kennt und mag?

Die Songs auf „Teal“ haben die Tests der Zeit überstanden, und ja, wir haben sie ausgewählt, weil jeder sie liebt. Es war tatsächlich keine große Überraschung, dass das Album gut lief. Wobei man sagen muss: Wenn man etwas wirklich gut covern will, muss man sich lange damit beschäftigen, was wir getan haben. Dabei stellte sich schnell heraus, wie extrem komplex diese oft so simpel erscheinenden Ohrwürmer eigentlich sind. „Teal“ war also nicht mal eben aufgenommen.

Bedeutet der Erfolg mit „Teal“ auch, dass ihr bei der anstehenden Live-Show in Hamburg mehr Coversongs spielen werdet als eigene?

Wir spielen grundsätzlich das, was die Leute hören wollen. Wir sind keine von diesen Bands, die sich nicht ums Publikum scheren, sondern nur um ihren eigenen Spaß, und die, je nach Lust und Laune, auch mal völlig ausufernde Jazz- Jams dazwischenschieben. Wir wissen, was man von uns erwartet, und deshalb werden wir die Weezer-Klassiker ebenso spielen wie die „Teal“-Songs und wahrscheinlich auch Stücke von „Pinkerton“ (erschienen 1996; Anm. d. Red.) und „The Black Album“.

Weezer: 2.7., Stadtpark (Freilichtbühne), 19 Uhr


Szene-Hamburg-juni-2019Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, Juni 2019. Titelthema: Was ist los, Altona?
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Carsten Erobique Meyer: Der Disco-Tanzschritt-Macher

Erobique: Der Hamburger Disco-Punk feiert „Erobiques Große Gartenparty“ auf der Freilichtbühne im Stadtpark – und hat mit uns im Interview über gelungene Open-Airs und seine Hamburg-Liebe gesprochen.

Interview: Erik Brandt-Höge
Foto: Yvonne Schmedemann

Er ist der Daniel Düsentrieb des Disco-Pop. Der Punk am DJ-Mikro. Der Tanzschrittmacher der Hamburger Club-Landschaft. Seit mehr als 20 Jahren macht der Komponist, Musiker und vor allem Entertainer Carsten „Erobique“ Meyer Club-Besuchern Beine. Penibel gestutzter Schnauzer, Zigarette im Mund, Hände an den Keyboards: typisches Erobique-Bild, live wie im Studio.

In seinem Soundlabor im Karoviertel hat der 46-Jährige schon Hits à la „Easy Mobeasy“, „Überdosis Freude“ und „Urlaub in Italien“ ausgetüftelt (letztere erscheinen am 24.5. als Vinylmaxi). Auch Songs für Filme wie „Fraktus“ und „Magical Mystery“ sowie der Soundtrack der Bjarne-Mädel-Serie „Tatortreiniger“ stammen von ihm.

Dass „Erobiques Große Gartenparty“ im Stadtpark dank idyllischer Naturkulisse eine spezielle Show wird, steht außer Frage. Und was braucht Erobique ganz allgemein für eine gelungene Open-Air-Feierei? Welches Licht ist ihm wichtig? Welche Musik? Was gibt es zu trinken? Und wie lange hält er durch? Ein Entweder-Oder-Spielchen als Einstimmung auf den Freilichtbühnen-Abend.

SZENE HAMBURG: Erobique, Urlaub in Hamburg oder „Urlaub in Italien“?

Erobique: Urlaub in Italien ist natürlich immer gut, für jedermann. Ich persönlich empfinde Urlaub aber auch, wenn ich in Hamburg bin, die Sonne scheint und es für mich nicht viel zu tun gibt.

Irgendwelche Holiday-Hotspots in Hamburg?

Ja, natürlich. Zum Beispiel den Stadtpark und den Ohlsdorfer Friedhof. An diesen Orten reichen mir schon zwei Stunden, und die Batterien sind wieder aufgeladen.

Elbstrand oder Freibad?

Freibad! Ich bin Kaifu-Fan und gehe dort gerne ins Bad. Gibt nichts Schöneres, als eine Stunde im Wasser und danach eine Portion Pommes.

 

 

Bist du eher Schwimmer oder Planscher?

Schwimmer. Bin kein Sportschwimmer, aber ich mag Schwimmen.

Sonne oder Schatten?

Sonne! Hat einen guten Einfluss aufs Gemüt, da werden schnell Glückshormone freigesetzt. Aber es gilt logischerweise, rechtzeitig den Schatten aufzusuchen.

Bierchen oder Gin Tonic?

Gin Tonic. Aber nicht so ein Fisimatenten- Quatsch, der in vielen Bars angeboten wird. Diese riesige Auswahl macht mich verrückt. Für mich: einfaches Schweppes und einfacher Gordon’s Gin.

Bist du Cocktail-Trinker?

Nö. Mein Lieblingsgetränk ist Cola-Rum.

Als Strand-Soundtrack: Einlassen auf den DJ aus der lokalen Bar oder Kopfhörer auf und den eigenen Kram hören?

Strandbar-DJ. Wenn ich irgendwo bin, lasse ich mich auch auf die dortige Musik ein. So lange da ein paar Oldies laufen, ist für mich alles okay.

Oldies? 

Ich muss ganz ehrlich sagen: Ich höre richtig gerne Oldies-Radio. Die alten Bee-Gees-Songs gefallen mir besonders gut.

Und die Outdoor-Party: großer oder kleiner Rahmen?

Klein und fein ist immer toll. Und auf großen Partys sollte man versuchen, die Parameter zu kreieren, die auch eine gute kleine Party ausmachen, zum Beispiel einen familiären Touch.

 

„Zuerst das Tanzen, dann das Flirten und das Trinken“

 

Lampions oder Lasershow?

Lampions natürlich, was für eine Frage! Klar, es beeindruckt mich schon, was die Lichtmenschen so können. Ich würde auf meinen Partys aber immer Lampions aufhängen.

Live-Musik oder DJ-Set?

Ganz klar Live-Musik. Akustische Klangerzeugnisse durch Gitarre, Klavier und Geigen würde ich einem DJ-Set vorziehen. Aber ich mag es natürlich auch, einem guten DJ zuzuhören.

Und klangästhetisch: Rumms-Bumms-Tracks oder Chilly-Vanilly-Sounds?

Eine gute Dramaturgie erlaubt beides, das gilt sowohl für Live-Musik, als auch für DJ-Sets. Große Künstler kriegen das unter einen Hut.

Tanzt du auch?

Ja. Bei mir kommt auf Partys immer zuerst das Tanzen, dann das Flirten und das Trinken.

Fürs Happy End: Last Man Standing oder Anti-Kater-Handbremse?

Ich war gerne Last Man Standing, aber mittlerweile macht mich das nur noch traurig. Heute bin ich froh, wenn ich mit netten Leuten rechtzeitig die Party verlasse. Altersbedingte Antwort.

Erobique: 25.5., Stadtpark (Freilichtbühne), 19 Uhr


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Mai 2019. Das Magazin ist seit dem 27. April 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Konzert des Monats – Fortuna Ehrenfeld

Im Knust steigt die Weihnachtsfeier des Hamburger Labels Grand Hotel van Cleef. Hauskapelle an diesem Abend: Fortuna Ehrenfeld aus Köln.

Interview: Erik Brandt-Höge
Foto: Michael Haegele

Band-Kopf ist der Multiinstrumentalist Martin Bechler. Mit Songs wie „Das heilige Kanonenrohr“, „Glitzerschwein“ und „Der Puff von Barcelona“ hat er eine Poesie geschaffen, die von einem seiner Label-Chefs beim Grand Hotel schlichtweg als „durchgeknallt“ bezeichnet wird. Ein Gespräch mit Bechler über seine Sicht der Dinge, auch über die Gründe, warum er Fortuna Ehrenfeld „so klein wie möglich“ halten möchte, die Vorzüge, die er bei seiner Plattenfirma genießt, und einen Kölner Singsang, der zur anstehenden X-Mas-Party passt.

SZENE HAMBURG: Martin, was ist nötig, damit eine Weihnachtsfeier gelingen kann?

Martin Bechler: Die richtigen Leute! Und das ist bei der GHvC-Weihnachtsfeier im Knust natürlich gegeben. Wir in Köln haben sogar einen Satz zum Label, eine Art Kinderreim, den wir immer fröhlich vor uns her flöten: „Grand Hotel van Cleef, arschlochfreie Zone, arschlochfreie Zone, Grand Hotel van Cleef!“

Und welche Rolle spielt Musik bei der Label-Sause?

Das ist abhängig vom Alkoholpegel. Viele verteufeln ja nach wie vor deutschen Schlager, grölen ihn ab zweieinhalb Promille aber doch mit. Sind ja alles nur Menschen.

Mit Fortuna Ehrenfeld seid ihr nun der Soundtrack für die Grand-Hotel-Weihnachtsfeier. Eine besondere Verantwortung?

Es ist uns einfach eine große Freude, dort spielen zu dürfen, auch weil wir ja noch gar nicht so lange mit Grand Hotel van Cleef zusammenarbeiten, erst anderthalb Jahre. Aber in der Zeit ist schon viel passiert. Wir haben uns immer gut vertragen und tun es nach wie vor. Wir haben großen Spaß zusammen.

Worauf basiert dieser Spaß?

Mit dem Zusammenbruch der Musikindustrie müssen Firmen unheimlich profitorientiert arbeiten, auch Grand Hotel van Cleef. Es ist allerdings eine Frage, wie man profitorientiert arbeitet. Beim Grand Hotel gibt es ausschließlich Überzeugungstäter. Die Historie der Firma ist ja bekannt: Alles geht zurück auf einen Moment, in dem die Firmengründer sich gesagt haben: „So, es reicht – wir machen das jetzt selber!“ Und dieser Geist lebt dort bis heute. Da sind nur Leute, die Bock auf ihre Arbeit und keinen Controller in Übersee im Rücken haben, der sich einen Scheißdreck um die Sache schert, Hauptsache, die Zahlen stimmen.

Du hast einmal erzählt, Fortuna Ehrenfeld und Grand Hotel wären durch Gespräche, noch mehr Gespräche und viel Alkohol zusammengekommen. In dieser Reihenfolge?

Exakt in dieser Reihenfolge. Ich bin ja nicht mehr der Jüngste, habe in meiner Laufbahn oft aus der zweiten, dritten Reihe gearbeitet und kenne das Prozedere rund um das Zustandekommen von Zusammenarbeiten sehr gut. Und in diesem Fall muss ich echt sagen: Ich habe noch nie mit solch seriösen Leuten zusammengearbeitet. In den Gesprächen wurde uns klar, dass ein Schuh daraus werden kann. Der Alkohol kam zum Schluss.

 

Meine Texte haben eine Poesie, die ich genau so gut finde

 

Einer der Label-Betreiber, Marcus Wiebusch, sagt über Fortuna Ehrenfeld, die Songs hätten „die besten durchgeknallten Texte“. Du bist der Autor – kommen sie dir auch durchgeknallt vor?

Bei höchstem Respekt für Marcus: nein, gar nicht, null. Es ist nicht so, dass ich morgens aufstehe und denke: „So, was machen wir denn heute Absurdes?“ Meine Texte haben eine Poesie, die ich genau so gut finde. Und Gegenfrage: Was ist durchgeknallt?

Sag du es!

Der „Ketchup Song“ von Las Ketchup, der ist durchgeknallt!

Wenn man wie du ständig als Einmann-Projekt arbeitet, hat man vielleicht auch nicht mehr den Blick fürs Durchgeknallte, findet dieses womöglich irgendwann ganz normal. Woher kommt eigentlich dein Hang zum Alleinarbeiten?

Ich habe ziemlich genaue Vorstellungen von Musik, auch von einzelnen Wörtern in Songtexten. Die müssen genauso sein, wie ich sie haben möchte. Und wenn ich alleine arbeite, habe ich den Vorteil, dass ich darüber mit niemandem verhandeln muss. Wer mal in einer Band gespielt hat, weiß, dass es die Pest ist, wenn jeder zu allem etwas zu sagen hat, und sei es eine Diskussion darüber, ob man auf der Bühne Schlaghosen oder Leuchtbänder trägt. Bei Fortuna Ehrenfeld war deshalb von Anfang klar, dass die Band so klein wie möglich bleiben soll.

 

Wir wollen bestmöglich entertainen

 

Und wenn die Musik fertig ist? Lässt du dann andere mitreden?

Auf jeden Fall. Wenn du die Leute vom Label fragst, werden sie dir sagen, dass ich der kompromissbereiteste Typ bin, wenn es darum geht, was man mit der fertigen Musik macht.

Also Kontrolletti bei der Arbeit, Teamplayer beim Label – und auf der Bühne? Dort wird es nicht selten wild, wenn du auftrittst. Würdest du dir Rampensau-Eigenschaften attestieren?

Puh, das sollen bitte andere bewerten. Was auf der Bühne passiert, ist jedenfalls nicht von mir geplant. Es kann alles ganz ruhig sein, es kann aber auch Ausbrüche geben. Meine Live-Mitspieler und ich wollen vor allem Spaß haben bei dem, was wir machen. Wir wollen eine Party veranstalten und bestmöglich entertainen. Glücklicherweise bieten die Fortuna Ehrenfeld-Songs auch den nötigen Boden dafür, um dort oben ein bisschen rumzuspacken.

Fortuna Ehrenfeld: 7.12., Knust, 20.30 Uhr (mit weiteren Gästen)


Dieser Beitrag stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Dezember 2019. Das Magazin ist seit dem 29. November 2018 im Handel und zeitlos im Online Shop und als ePaper erhältlich! 


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SZENE HAMBURG Redaktionskonzert … mit Frøkedal & John Winston

Hip Hip Hooray! Wir veranstalten wieder ein Redaktionskonzert, exklusiv für euch! Diesmal mit lupenreinem Folk von der norwegischen Sängerin Frøkedal. Los geht’s am 11. September 2018, 19.30 Uhr. Tickets für das Konzert bei der SZENE in Ottensen gibt es nur zu gewinnen!

Lupenreiner Folk, sagen die einen. Dream-Pop aus der Zukunft, meinen die anderen. So oder so: Die Musik von Frøkedal aus Norwegen ist extrem erlebenswert – vor allem in einem so intimen Rahmen wie bei unserem nächsten Redaktionskonzert. Support: John Winston.

 Wir verlosen 20×2 Gästelistenplätze!

Wie könnt Ihr mitmachen? Na so:

  • Mail senden an verlosung@vkfmi.de
  • Betreff: Redaktionskonzert
  • Einsendeschluss: 7.9.18, 10 Uhr

Los geht’s am Donnerstag, 9. September 2018, um 19:30 Uhr in der Gaußstraße 190c.

Mehr von Frøkedal:

Und John Winston:

So war’s beim ersten Redaktionskonzert bei der SZENE in Ottensen:

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Sophie Hunger im Interview: „Hamburg wäre schon mein Typ“

Deutsch, Schweizerdeutsch, Englisch, Französisch: Sophie Hungers Songs hatten viele Sprachen. Auf ihrem neuen Album „Molecules“ (VÖ 31.8.) gibt es nur noch eine, und auch sonst hat sich vieles verändert im Künstlerkosmos der Schweizerin. Ein Gespräch mit der 35-Jährigen über musikalische Versteckspiele, süchtig machende Technopartys und eine imaginäre eigene Bar.

SZENE HAMBURG: Sophie, auf deinem neuen Album „Molecules“ hältst du fest: „Today, hooray, I opened a bar!“ Den Namen des Lokals verrätst du allerdings nicht.

Sophie Hunger: (lacht) Stimmt, ich sage nur, dass es in der Bar für alles eine Lösung gibt.

Wie wäre es mit „Sophie Hunger’s Show Bar“?

Denkt man dann nicht schnell an Männer mit Jacketts, aus denen Hasen herauspoppen? Und an Zauberkugeln, in denen man die Zukunft sieht?

Woran sollen die Leute denn denken, wenn sie von deiner Bar hören?

An eine Bühne, gleich wenn man rein kommt. Die Bühne ist der erste Raum, und jeder muss einmal drüber, denn die Bar, also der Tresen, kommt erst dahinter. Einen dritten Raum gibt es auch noch, zum Sitzen und Reden.

Welche Berühmtheiten sollten bei der Eröffnungsfeier dabei sein?

Ich fände es gut, wenn David Shrigley kommen würde. Vielleicht könnte er auch das Plakat zur Party gestalten. Courtney Barnett würde Musik machen, und Eric Cantona würde die Drinks mixen. Gleichzeitig wäre er auch der Rausschmeißer.

Und mal weiter gedacht: Wäre der Soundtrack der Bar grundsätzlich elektronisch geprägt?

Es würde zumindest ab und an DJ-Sets geben. Das könnte mein Freund Bonaparte übernehmen.

 

„Techno hatte mich früher eher abgestoßen, und plötzlich zog er mich an.“

 

Es heißt, du hättest dich elektronischer Musik mit deinem Umzug nach Berlin immer mehr angenähert.

Es gibt ja in Berlin auch fast nichts anderes als elektronische Musik.

Zieht es dich regelmäßig zu Technopartys?

Ich hatte zumindest mal eine Phase, in der ich regelmäßig ins Berghain und in den KitKatClub gegangen bin. Das war sogar eine kleine Sucht. Techno hatte mich früher eher abgestoßen, und plötzlich zog er mich an.

Hat dich dabei nur das Klangästhetische gereizt oder auch die Illusion der Nacht, die in Berlin so zelebriert wird?

Beides, und hinzukam noch die Illusion der Körperlichkeit. Dieses Verlieren des eigenen Körpers. Es gab keine Geschlechter mehr, keine Identitäten. Alles wurde so molekular.

Stimmt die Geschichte, dass du dir mal um vier Uhr morgens den Wecker gestellt hast, um pünktlich zum Auftritt von Paula Temple um fünf im Club zu sein?

Ja, die stimmt. Das war auch im KitKatClub. Der ist anders als das Berghain, ohne Drogen ist es dort nicht so lustig. Ich wollte aber eh vor allem das Set sehen.

In einem anderen Song auf „Molecules“, nämlich „The Actress“, sagst du dann: „I make a living with my songs.“ Das würde in Berlin wohl jeder Musiker gerne behaupten können, aber es schaffen nur wenige. Wie nimmst du die Musikszene wahr?

Berlin ist die europäische Anlaufstelle für alle Leute zwischen 20 und 30 Jahren, die auch nur wage etwas Künstlerisches machen wollen. Einerseits ist es sehr wichtig, dass es diesen Hafen gibt, und gleichzeitig ist er eine große Gefahr.

Inwiefern?

Weil man dort ganz gut ungestört scheitern kann. Viele Leute verpuffen irgendwann. Es gibt ja keinen Druck und keine Zwänge, und dann schmeißen sie ihr Talent einfach aus dem Fenster.

Hattest du immer nur Berlin im Sinn? Oder hast du auch mal über Hamburg nachgedacht?

Ja, schon. Ich dachte immer: Wenn Hamburg eine Person wäre, wäre sie schon mein Typ. Aber es war einfach unkompliziert, nach Berlin zu kommen, und ich habe ja auch noch eine Wohnung in Paris. Zusammen funktioniert das sehr gut.

Für etablierte Künstler wie dich ist Berlin wahrscheinlich auch eher eine Art Lebensbasis als ein dauerhafter Arbeitsplatz.

Genau. Ich arbeite meistens woanders, wohne aber in Berlin.

Wie wohnst du denn? Altbaubude in Prenzlauer Berg und Schrebergarten in Pankow zur Entspannung?

(lacht) Nein, alles falsch. Ich habe ein Wohnung in Kreuzberg an einer sehr befahrenen, lauten Straße. In der Küche habe ich ein Studio, ein Raum ist einfach leer, und in einem anderen schlafe ich. Es haben mehrere Leute Schlüssel zu dieser Wohnung. Wenn ich nicht da bin, wohnen die da und nehmen in der Küche Alben auf.

Ist „Molecules“ eigentlich komplett in Berlin entstanden?

Bis auf zwei Songs, ja. Aufgenommen habe ich dann alles in London.

Hattest du bestimmte Ziele im Entstehungsprozess der Stücke?

Nein, aber ich habe mir ein paar Regeln geschaffen, zum Beispiel dass es nur vier Elemente auf dem Album zu hören geben darf: Gesang, Synthesizer, Drumcomputer und Gitarre. Es sollte keine Band geben. Ich wollte mich einschränken und nur in den Computer hineinarbeiten, ohne eine Art von Dynamik. Und: Ich wollte nur englische Texte.

Du hast kürzlich erwähnt, du hättest das Gefühl gehabt, dich hinter deinen bisher mehrsprachigen Songs versteckt zu haben …

… um mich dem Vergleich zu entziehen. Die wahre Konfrontation wurde erst jetzt möglich, durch die einheitliche Sprache. Wenn man Popmusik macht, ist die englische Sprache eine Art Epizentrum, so was wie die Uhren in der Schweiz. Und ich wollte deshalb auch mal ein ausschließlich englischsprachiges Album machen.

Interview: Erik Brandt-Höge
Foto: Marikel Lahana

Sophie Hunger spielt an folgenden Terminen in Hamburg: 29.9., Mojo Club, 20 Uhr; 30.9., Uebel & Gefährlich, 20 Uhr; 2.10., Gruenspan, 20 Uhr.


Wir verlosen 2×2 Tickets für alle drei Konzerte von Sophie Hunger in Hamburg!

Wie könnt Ihr mitmachen? Na so:

  • Mail senden an verlosung@vkfmi.de
  • Betreff: Sophie Hunger
  • Einsendeschluss: 28.09.18, 10 Uhr

Bitte gebt für den Versand des Gewinns Euren vollständigen Namen an. 


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, August 2018. Das Magazin ist seit dem 28. Juli 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Bosse im Interview: „St. Pauli war für mich der Himmel“

Unsere Leute: Der Wahl-Hamburger Bosse bespielt in diesem Sommer erstmals die Trabrennbahn. Ein Gespräch über seine frühe Vorliebe für St. Pauli, Amore als Anker und das anstehende „Riesending“

Interview: Erik Brandt-Höge / Foto: Benedikt Schnermann

SZENE HAMBURG: Bosse, wann war dir klar: du und Hamburg, das könnte eine
Verbindung für länger sein?

Bosse: Schon als Teenagertourist war St. Pauli für mich der Himmel. Alternative Musik, Freiheit und Fußball. Da bin ich schnell angedockt.

Als du dann von Berlin nach Hamburg gezogen bist, warst du bereits etablierter Künstler. Denkst du, das Ankommen in der Hamburger Musikszene wäre dir sonst schwerer gefallen als einst in Berlin?

Bosse

Ich bin vor vielen Jahren wegen der Amore hierher, eher antizyklisch, da viele Hamburger Musiker damals nach Berlin gezogen sind. Ansonsten ist die Musikszene ein Dorf.

Du lebst am Stadtrand, hast zudem einen Platz mit Wohnwagen an der Elbe. Klingt fast wie ländliches Leben in der Stadt – oder trifft man dich, wenn du nicht tourst oder aufnimmst, auch regelmäßig in den dichter besiedelten und City-nahen Vierteln?

Ich mag den Stadtrand vor allem wegen der Elbe. Als unser Kind zur Welt kam, sind wir von der Annenstraße nach draußen gezogen. Es gibt trotzdem ein Büro auf St. Pauli und die ganzen Freunde. In Ottensen häng ich auch oft.

Und dein Musikeralltag? Wo und wie findet der statt? Wo wird z.B. geprobt? Wie muss man sich den Probenraum und das Studio vorstellen?

Wir proben einmal zu Beginn der Tour. Proberaum gibt es also nicht. Ich habe auch kein Studio. Nix hab ich. Mir reicht zum Schreiben ein Textbuch und eine Gitarre, da bin ich mobil und ungebunden. Feste Räume machen für meinen Job keinen Sinn. Am liebsten arbeite ich im Wohnzimmer, wenn keiner zu Hause ist, oder unterwegs.

Was die Hamburger Auftrittsorte betrifft, kommt nach der Sporthalle, die du bereits vor Jahren gefüllt hast, nun noch die Trabrennbahn dazu. Sind die ganz großen Shows in deiner Wahlheimat Hamburg besonders euphorisierend oder besonders Lampenfieber erregend oder schlichtweg Respekt einflößend?

In Hamburg waren die Konzerte schon immer besonders, egal ob in der Freiheit, in der Sporthalle oder im Knust. Die Trabrennbahn ist wirklich ein Riesending. Hätte keiner gedacht, dass wir die mal bespielen. Ich freue mich auf ein paar tolle Gäste auf der Bühne und über Boy und die Mighty Oaks. So einen Abend muss man als Musiker genießen, ohne Angst oder Stress in der Birne.

Hättest du etwas dagegen, wenn irgendwann das Millerntor-Stadion als Auftrittsort auch noch dazukäme?

He, he. Nicht durchdrehen.