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Hamburger Pokalfinale: Alte Bekannte und neue Rivalen

Am Samstag, den 21. Mai 2022, steigt das Lotto-Pokalfinale Hamburg. Um 12.15 Uhr trifft Altona 93 auf den FC Teutonia 05 – eine gewachsene Rivalität unter Nachbarn

Text: Felix Willeke

Nur 600 Meter trennen Altona 93 und den Teutonia 05 aus Ottensen. Nach zwei Derbys in der Liga treffen sie jetzt im Lotto-Pokalfinale aufeinander. In der Regionalliga-Saison gewann Teutonia das Hinspiel in Altona denkbar knapp mit 2:1. Im Rückspiel fiel der Sieg mit 5:1 schon deutlicher aus. Die Favoritenrolle für das Pokalfinale am 21. Mai scheint damit klar. Während Teutonia in der Regionalliga Nord sogar noch kurzzeitig vom Aufstieg in Liga drei träumen durfte, steht für Altona 93 der Abstieg in die Oberliga schon fest. Doch für beide hat das Pokalfinale eine große Bedeutung. Denn abgesehen vom Derby-Charakter verspricht ein Sieg für die kommende Saison die Teilnahme im DFB-Pokal und damit nicht nur eine Prämie von über 100.000 Euro, sondern auch einen potenziell sehr attraktiven Gegner aus der Bundesliga. 

„Er müsste eigentlich noch auf mich hören“

Andreas Bergmann, Trainer von Altona 93

Umgekehrte Vorzeichen

„Altona 93 ist für mich ursprünglicher Fußball“, sagte der stellvertretende Vorsitzende Ragnar Törber SZENE HAMBURG. Während Altona 93 eine lange Tradition hat, ist Teutonia der Emporkömling. Altona spielte zuletzt in der Saison 1993/94 im DFB-Pokal. Damals verloren sie in der ersten Runde gegen Borussia Dortmund. Für Teutonia ist es hingegen sogar das erste Pokalfinale im Hamburger Landespokal, auch im DFP-POkal war der Verein aus Ottensen noch nie vertreten. Vor sechs Jahren spielten die Teutonen noch in der sechstklassigen Landesliga, heute hat der Kader laut transfermarkt.de einen doppelt so hohen Marktwert wie der von Altona 93. Ein Aufstieg, der ohne Investoren wahrscheinlich nicht möglich gewesen wäre.

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Stehen sich im Lotto-Pokal-Finale gegenüber: Altona 93 und der FC Teutonia 05 (Foto: Altona 93, FC Teutonia 05)

Konfliktpotenzial und alte Bekannte

Doch nicht nur ideologisch – Tradition versus Investoren – unterscheiden sich die Clubs. Aktuell läuft ein Konflikt rund um den Stadionneubau von Altona. Teutonia möchte auch gern zukünftig am neuen Standort spielen. Das sorgt für noch mehr Konfliktpotential zwischen den beiden Clubs. Doch abseits der Rivalität treffen beim Pokalfinale auch alte Bekannte aufeinander. Der heutige Interimstrainer von Teutonia, Jan-Philipp Rose, spielte 2004 noch beim FC St. Pauli. Der heutige Trainer von Altona 93, Andreas Bergmann, trainierte damals den Club vom Millerntor und holte Rose zu den Profis. „Er müsste eigentlich noch auf mich hören“, scherzte Bergmann im Vorfeld des Spiels. Das wird Rose am Samstag sicherlich nicht tun, auch wenn er die Favoritenrolle seines Teams nur widerwillig annimmt: „Laut der Tabelle sind wir Favorit, aber ein Finale muss auch immer erst gespielt werden“. 

Lotto-Pokalfinale, Anstoß am 21. Mai um 12.15 Uhr (Einlass ab 11 Uhr) im Stadion Hoheluft.
Tickets gibt es an der Tageskasse. Das Spiel wird zudem im Rahmen des Finaltag der Amateure in der ARD live übertragen. 


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Wir sind ein Stück Heimat für dich

Professor Dr. em. Hans-Jürgen Schulke (76) ist einer der bekanntesten deutschen Sportsoziologen. Als Hochschullehrer für Sportsoziologie lehrte er in Hamburg und Bremen. Wir sprachen mit ihm über Herausforderungen für die Hamburger Vereine aus sportsoziologischer Sicht

Interview: Mirko Schneider

SZENE HAMBURG: Herr Schulke, welche Vereine hatten es in der Pandemie bislang besonders schwer?

Hans-Jürgen Schulke: Zunächst: Die Vereine gibt es nicht. Dafür sind die Profile von 90.000 Vereinen in Deutschland mit 27 Millionen Mitgliedern zu unterschiedlich. Grundsätzlich hatten Vereine Schwierigkeiten, die in starren Organisationsstrukturen verharren. Vereine, die flexibel agierten und neue Trainingsformen entwickelten oder in Kursen andere Sportarten anboten, die im Freien ausgeübt werden konnten, konnten ihre Mitglieder besser halten. Ebenso wie die etwa 40 Prozent der deutschen Vereine, die digitale Angebote machten nach dem Motto: Ihr könnt gerade nicht zu uns kommen, also kommen wir zu euch.

„Sportvereine sollten sich als Gesundheitsanbieter verstehen“

Zu Beginn der Pandemie erschienen einige Einschränkungen für den Vereinssport überzogen…

Ich habe schon beim Ausbruch der Pandemie einen Essay mit der These „Die Sportvereine müssen die Hotspots der Prävention werden“ geschrieben. Es lag im März 2020 wirklich eine merkwürdige Situation vor. Tausende Studien belegen empirisch, wie stabilisierend Bewegung auf Gesundheit und Immunkompetenz des Körpers wirkt. Als die Weltgesundheitsorganisation die Pandemie ausrief, machte sich das kaum jemand bewusst. Leider auch manche Vereine nicht. Das ist nachvollziehbar. Es lag eine Ausnahmesituation vor, die viele existenzielle Ängste bei der Bevölkerung hervorrief. Aber wir können daraus lernen und die wissenschaftlichen Erkenntnisse in der Zukunft viel stärker beachten.

„Jeder sollte sich sportlich ertüchtigen können.“

Prof. Dr. em. Hans-Jürgen Schulke

Was folgt daraus für die Vereine?

Die Vereine sollten sich als Gesundheitsanbieter für ihre Mitglieder verstehen. Und sie sollten auch gegenüber Dritten wie zum Beispiel politischen Akteuren so auftreten. Vereine leisten einen unermesslich hohen Beitrag für die Gesundheit der Bevölkerung. Auch die Verbände haben diesen Aspekt viel zu spät betont. Ketzerisch gesagt hätte ich die Aussagen von Verbänden, dass das Land sich mehr bewegen muss, gerne schon vor zwei Jahren gehört. Die Funktion des Sports für die Gesundheit ist ja sogar gesetzlich verankert. Beispielsweise existiert seit 2015 ein Präventionsgesetz. Es ermöglicht den Sportvereinen, aus Präventionsgeldern der Krankenkassen Unterstützung zu erhalten. Auch im Jugend- und Seniorenbereich gibt es vielfältige Möglichkeiten der Unterstützung.

„Es war eine Fehlentscheidung, die Spielplätze zu schließen“

Welchen Einfluss hatte hat die Pandemie aus sportsoziologischer Sicht auf die Kinder?

Es ist leider ein psychomotorischer Entwicklungsrückstand von bis zu eineinhalb Jahren entstanden. Auch das ist empirisch nachgewiesen. Die Sportentwicklungsberichte und die Public Health-Forschung sprechen hier eine eindeutige Sprache. Aus meiner Sicht war es eine Fehlentscheidung, die Spielplätze zu schließen und sie teilweise sogar durch Polizisten bewachen zu lassen. Man hätte sagen müssen: Unter bestimmten Rahmenbedingungen sollen Kinder gerade jetzt miteinander spielen dürfen.

„Ein Wir-Gefühl schaffen“

Wie können die Hamburger Vereine in diesen schwierigen Zeiten Mitglieder binden?

Neben den bereits benannten Aspekten der flexiblen Angebote, der Digitalisierung und des Selbstverständnisses als Gesundheitsanbieter ist die „Verheimatung“ wichtig. Die Menschen leben in diesen immer hektischer werdenden Zeiten in immer größeren Einheiten zusammen. Vereine müssen ihren Mitgliedern zeigen: Wir sind ein Stück Heimat für dich. Bei uns findest du deine Nachbarn und viele Leute, mit denen du gerne zusammen bist. Man hat das ja an Fußballvereinen in der Pandemie gesehen, die nicht mehr in den hohen Leistungsklassen spielen. Als die gemeinsame Geselligkeit nach dem Training pandemiebedingt wegfiel, machte ihnen auch das Training keinen Spaß mehr. Es gilt mehr denn je, in den Vereinen ein Wir-Gefühl zu schaffen. Vereine wie der Walddörfer SV, der SV Eidelstedt, die TSG Bergedorf oder der ETV schaffen das hervorragend.

Vereine müssen ein Stück Heimat sein, meint der Sportsoziologe Professor Dr. em. Hans-Jürgen Schulke (Foto: privat)

Einige Vereine denken über Beitragserhöhungen nach, andere schrecken davor zurück. Was sagt die Forschung dazu?

Es lässt sich nachweisen, dass die Ankündigung einer Beitragserhöhung partiell ein Wehgeschrei auslöst. Das sollte man ernst nehmen und es ist sogar historisch erklärbar, denn Sport ist seit Beginn des 19. Jahrhunderts in Deutschland eine urdemokratische Einrichtung. Das Credo von Turnvater Jahn war ja, dass jeder sich sportlich ertüchtigen können solle. Interessant ist aber: Wenn die Beitragserhöhung erst einmal Realität ist, hat sie bei den meisten Vereinen kaum Einfluss auf die Mitgliederzahlen.

Viele Vereine umgehen das Problem, indem sie die Erhöhung der Beiträge an die gestiegenen Lebenshaltungskosten koppeln. Das ist für ihre Mitglieder dann verständlich. Beitragserhöhungen sind also kein Tabu, sollten aber mit einem sozialen und lösungsorientierten Blick der Vereine auf die Mitglieder verbunden werden, die sich eine solche Erhöhung nicht oder nur schwer leisten können. Natürlich müssen die Vereine aber auch auf ihre Kostenstruktur schauen. So sind die finanziellen Folgen der Ukraine-Krise in Form von höheren Energiekosten noch gar nicht abzusehen.

Der Hamburger Sport ist Widerstandsfähig

Befürchten Sie durch die Folgen der Pandemie eine nachhaltige Schädigung der Hamburger Sportlandschaft oder blicken Sie optimistisch in die Zukunft der Hamburger Sportvereine?

Die Sportlandschaft in Hamburg ist eine ganz besondere. Hamburg ist die Stadt mit den meisten Großvereinen in Europa. Die Selbstorganisationskraft hier war schon immer sehr hoch. 1946 wurde der Vorläufer des Hamburger Sportbundes von 180 Vereinen inmitten einer Trümmerlandschaft im Besenbinderhof wieder aus der Taufe gehoben, um den Menschen eine Perspektive zu geben. Vereine sind eine großartige soziale Organisationsform. Die Stadt hat das nach anfänglicher Zögerlichkeit mittlerweile auch erkannt und Maßnahmen ergriffen wie den Active-City-Gutschein. Ich bin optimistisch, dass die Hamburger Sportlandschaft über genügend Widerstandskraft verfügt, um diese krisenhafte Situation zu meistern.


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Vielfalt erhalten

Thomas Chiandone (55) ist Geschäftsführer des Hamburger- und des Schleswig-Holsteinischen Tennis-Verbandes. Wir sprachen mit ihm über Tennis als „Gewinner“ der Coronapandemie – und darüber, welche Herausforderungen trotzdem anstehen

Text: Mirko Schneider

SZENE HAMBURG: Herr Chiandone, welche Folgen befürchteten Sie für das Tennis in Hamburg beim Ausbruch der Coronapandemie?

Thomas Chiandone: Vermutlich ähnliche Folgen wie andere Vereinsvertreter:innen auch. Wir machten uns große Sorgen um unseren Sport und fragten uns, ob in unseren Vereinen die Mitglieder:innen wegbleiben würden. Wenn man heute auf die Mitgliederstatistik des Hamburger Sportbundes sieht, so haben die Tennisvereine in der Pandemie über 2000 Mitglieder gewonnen.

Also hat sich keine Befürchtung erfüllt?

Die Frage klingt so, als hätte es überhaupt keine Probleme gegeben. So war es natürlich nicht. Anfangs durfte ja auch kein Tennis gespielt werden. Nur der Leistungssport war davon ausgenommen. Ich erinnere mich an die Zeit, als bei uns auf der Anlage des Hamburger Tennis-Verbandes nur die Bundeskaderathlet:innen trainieren durften. Auch die Vereine konnten ihren Mitgliedern zunächst kein Tennis mehr anbieten. Dann jedoch wendete sich das Blatt.

Wodurch genau?

Es wurde bald klar, dass Tennis sowohl in der Halle als auch draußen infektionstechnisch kaum gefährlich ist. Die Spieler:innen sind ja im Schnitt während einer Partie 25 Meter voneinander entfernt. Tennisbälle können außerdem kein Corona übertragen. Das ergab eine Untersuchung im Frühjahr 2020. Das half uns und allen unseren Vereinen natürlich. Wir haben als Verband dann umfassende Hygienemaßnahmen und Konzepte entwickelt und unser Wissen den Vereinen gerne zur Verfügung gestellt. Allerdings prasselten die Änderungen von politischer Seite oft in hoher Schlagzahl auf uns ein, weshalb wir uns und die Clubs stets auf den neuesten Stand bringen mussten. Unsere Vereine und wir als Verband haben aber schnell gelernt, mit der neuen Situation umzugehen.

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Die geringe Ansteckungsgefahr ist sicher ein Faktor, meint Thomas Chiandone, Geschäftsführer des Hamburger- und des Schleswig-Holsteinischen Tennis-Verbandes (Foto: privat)

Sport mit Maske

Ist der Zuwachs von Mitgliedern bei den Vereinen nur durch den gesundheitlich recht sicheren Status von Tennis in der Coronapandemie zu erklären?

Die geringe Ansteckungsgefahr ist sicher ein Faktor. Vielleicht sind Tennisspieler:innen auch unempfindlicher als andere Sportler:innen. Das vermag ich aber letztlich nicht zu beurteilen. Ich kann nur sagen: Viele der Spieler:innen hatten kein Problem damit, mit der Maske auf dem Gesicht auf die Tennisanlage zu gehen, diese dort abzunehmen und zu spielen. Sicherlich haben die Tennisvereine auch Zuwachs aus anderen Sportarten erlebt, die mit stärkeren Einschränkungen zu kämpfen hatten. Der eine oder die andere erinnerte sich da bestimmt an ihre früheren Versuche, Tennis zu spielen, und trat in einen unserer Vereine ein.

Haben Sie als Tennisverband in der Coronapandemie Werbeaktionen für Ihre Vereine gestartet?

Nein, das haben wir nicht gemacht. Unser Schwerpunkt lag auf der Beratung der Clubs.

Trainer:innen dringend gesucht

Die Tennisvereine stehen stabil da. Ist also alles in Butter?

(lacht) Wie schon erwähnt, eine Welt ohne Probleme oder besser gesagt Herausforderungen gibt es nicht. Aktuell ist unser Thema, die neuen Mitglieder zu halten. Dafür jedoch benötigen wir noch mehr Tennistrainer:innen. Diese sind ja oft diejenigen, die erst für die volle Integration der Neuen im Verein sorgen. Tennistrainer:innen sind die wesentlichen Bezugspersonen, die den Spaß am Spiel vermitteln. Bei einem Tennislehrer:innenlehrgang wiederum bilden wir etwas über 30 Anwärter:innen in einer Gruppe aus. Aufgrund von Corona konnten wir aber lange keine Lehrgänge anbieten. Erst jetzt konnten wir wieder den ersten Lehrgang nach über zwei Jahren veranstalten. Unabhängig davon wünschen wir uns mehr Zuschauer:innen und öffentliches Interesse für unsere Veranstaltungen.

Welche wären das?

Im Herbst findet bei uns auf der Anlage in Horn ein sehr gut besetztes internationales Damen- und Herrenturnier statt. Einige der Spieler:innen, die hier zu sehen sind, machen später Karriere. Eine US Open-Gewinnerin zum Beispiel hat ein paar Jahre zuvor an unserem Turnier teilgenommen. Im März veranstalten wir zwei internationale Jugendtennisturniere. Auch für die Inklusion tun wir eine Menge, zum Beispiel im Blindentennis. Es lohnt sich wirklich, auf unserer Anlage vorbei zu schauen oder sich auf anderem Wege mit uns in Verbindung zu setzen.

„Mein Rat ist, so viele Menschen wie möglich für den eigenen Sport zu begeistern.“

Thomas Chiandone

„Von Beitragserhöhungen rate ich ab“

Versetzen Sie sich bitte einmal gedanklich in die Position eines:einer Vereinsverantwortlichen, deren Verein durch die Coronapandemie Mitglieder verliert. Wozu raten Sie einem solchen Verein?

Zunächst einmal verstehe ich die Sorgen der Vereine. Ich wünsche allen, dass sie so gut wie irgend möglich durch die Coronapandemie kommen. Die Vielfalt der Hamburger Sportwelt zu erhalten ist unser gemeinsames Anliegen. Mein Rat ist, so viele Menschen wie möglich für den eigenen Sport zu begeistern. Sei es durch Aktionen wie einen Tag der offenen Tür, durch spezielle Mitgliedergewinnungs- und Sonderaktionen oder durch Probemitgliedschaften. Das Wichtigste überhaupt ist, die Menschen auf den eigenen Verein und sein tolles Angebot aufmerksam zu machen.

Beitragserhöhungen kamen in Ihrer Antwort nicht vor.

Von Beitragserhöhungen rate ich auch ab. Ich finde sie kontraproduktiv, weil sie eine noch größere Barriere für den Vereinseintritt darstellen. Auch wenn ich gut verstehen kann, warum viele Vereine über Beitragserhöhungen nachdenken. 


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Unterwegs mit Hamburgs Sportlerin des Jahres

Edina Müller wurde am 25. April 2022 zum zweiten mal zu Hamburgs Sportlerin des Jahres gewählt. SZENE HAMBURG Divers(c)city war mit der Paralympics-Siegerin in ihrer Heimatstadt unterwegs und hat ihre Lieblingsorte besucht. Eine Tour mit Sohn Liam, auf der Suche nach Barrierefreiheit

Text: David Hock

Als Edina Müller und ihr Sohn Liam auf mich zurollen, linst die Sonne hinter den Wolken hervor. „Hallo David“, grüßt mich der Dreijährige fröhlich und pustet die letzten Seifenblasen aus der Dose. Zuletzt begegneten Edina und ich uns bei der Rollstuhl-Basketball-WM 2018 in Hamburg. Da war Liam noch gar nicht auf der Welt – und seine Mama noch nicht Paralympics-Siegerin von Tokio 2020 im Kanu. Doch heute geht es nicht nur um Sport. Unser Treffen führt uns an verschiedene Orte Hamburgs. Edina und Liam wollen mir zeigen, wo sie privat gern unterwegs ist. Immer mit Blick auf mögliche Barrieren. Wir starten an den Alsterwiesen. „Siehst du die Brücke?“, fragt Edina und zeigt auf das Bauwerk am gegenüberliegenden Ufer. „Rechts daneben geht es rein zum Kanu Club.“

Dort, in der Hohenfelder Bucht, haben wir uns im Frühjahr 2016 zum ersten Mal getroffen. Sie stand damals vor ihrer ersten Paralympics-Teilnahme im Kanu, nachdem sie 2008 in Peking (Silber) und 2012 in London (Gold) mit den Rollstuhl-Basketballerinnen gewonnen hatte. Am 14. September 2016 durfte ich live erleben, wie sie in der Lagune Rodrigo de Freitas nahe der Copacabana in Rio de Janeiro bei den Olympischen Spielen 0,015 Sekunden nach ihrer britischen Rivalin als Zweite ins Ziel fuhr. Fünf Jahre später klappte es sogar mit Gold – allen Pandemiewidrigkeiten mit der Verschiebung der Spiele, umständlicher Akkreditierung für Liam und dem Verbot von Zuschauer:innen zum Trotz.

Ziel Paris 2024

Hamburg Divers(c)ity Cover
Hamburg Divers(c)ity zeigt die ganze Vielfalt der Stadt

Bis zu den nächsten Spielen sind es weniger als drei Jahre: „Paris würde ich gern noch machen. Auch wenn ich gucken muss, dass ich mit meinen Kräften haushalte“, sagt die Spitzensportlerin. Im Winter trainiert Edina sie auf dem Ergometer und im Kraftraum in Allermöhe. Aufs Wasser gehe sie wieder, wenn es mindestens acht Grad habe und windstill sei. „Aufgrund meines Querschnitts friert mein Unterkörper komplett durch und wärmt draußen dann auch nicht wieder auf. Da kann ich mich oben so viel bewegen, wie ich möchte.“

Auch an Land wird es jetzt ungemütlich; eine dunkelgraue Regenfront hat die Außenalster überzogen. Wir steuern trotzdem noch die Brücke des Anlegers Rabenstraße an, wie auch eine jüngst fertiggestellte Behindertentoilette, die mir auf meiner letzten Joggingrunde aufgefallen war. Ein weiteres Plus des breiten, ebenen Spazierwegs mit bestem Hamburg-Blick auf Elphi, Michel und Co. Nur die Spielgeräte, auf denen Liam herumturnt, sind über den vom Regen durchnässten Boden heute mit Rollstuhl nicht erreichbar. Da ist der Spielplatz in der Neustadt, den wir als Nächstes anvisieren, deutlich attraktiver. 

Wenn wir draußen vorm Restaurant nett zusammensaßen, bin ich zwischendurch zu Hause auf die Toilette gegangen

Edina Müller

Hamburgs erster inklusive Spielplatz

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Edina Müller und Sohn Liam auf Hamburgs erstem inklusiven Spielplatz „Onkel Rudi“ (Foto: David Hock)

Ab in die alte „Hood“

Es steht ja auch die nächste Etappe an auf unserer Tour an: Veringstraße, Wilhelmsburg. Das ist Edina Müllers alte „Hood“. Über Bergedorf im Jahr 2011 ist sie 2013 hierhergezogen, nach dem Studium der Rehabilitationspädagogik an der Uni Köln und Mitarbeit als wissenschaftliche Hilfskraft an der Deutschen Sporthochschule.

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Schuld an der fehlenden Barrierefreiheit in Wilhelmsburg ist die Flut von 1962 (Foto: David Hock)

Im Inselpark südlich der Elbe hat sie in der Rollstuhlbasketball-Mannschaft des HSV gespielt – mit Niko, der vor dem Umzug ihr sportlicher Gegner war, und dann ihr Lebenspartner geworden ist. „Ach, das war schon schön hier“, kommt Edina ins Schwärmen, als wir in die Veringstraße einfahren, wo sich Restaurants, Cafés, Gemüsehändler und Wettbüro aneinanderreihen.

Edina kommt ins Erzählen: „Im ‚Knusperkeks‘ waren wir gern. Als ich zu Beginn meiner Schwangerschaft mit Übelkeit zu tun hatte, habe ich bei unserem Italiener oft bestellt, Pizza ging am besten. Dann machte auch noch ein Sushi-Laden auf, da dachte ich: Jetzt sind wir gut aufgestellt.“ Doch spätestens als Liam die nun fünfköpfige Patchwork Familie verstärkte, wurde die Drei-Zimmer-Wohnung am Stübenplatz zu eng. „Wir wären gern geblieben, haben hier in Wilhelmsburg auch angefangen zu suchen. Unser Radius ist dann aber immer größer geworden.“ Gelandet ist die Familie schließlich in einem Bungalow im niedersächsischen Stelle. Dass die Elbinsel ein Stück Heimat geblieben ist, spüre ich. Als wir aussteigen, treffen wir einen Vater mit Kind, die Edina noch von früher kennt. Sie plaudern. 

Warum Wilhelmsburg (noch) nicht barrierefrei ist

Im Sommer sei es in Wilhelmsburg besonders schön gewesen. Denn dann habe sie die Außenplätze der Lokale nutzen können. Edina klärt mich über einen großen Nachteil des Stadtteils auf: Nach der großen Hamburger Sturmflut seien die Böden aller Häuser ein paar Stufen hochgesetzt worden. Rollstuhlgerecht ist also Fehlanzeige. „Wenn wir draußen vorm Restaurant nett zusammensaßen und es gar nicht mehr ging, bin ich zwischendurch zu Hause auf Toilette gegangen.“ Vier Straßen weiter östlich kommt Barrierefreiheit indes in Bewegung: Auf 47 Hektar plant die städtische Entwicklungsgesellschaft IBA Hamburg das Elbinselquartier mit 2100 Wohneinheiten und 18 Hektar Freifläche. Ziel sei laut Unternehmen, „ein Quartier zu schaffen, in dem sich die Interessen aller Beteiligten wiederfinden und wohlfühlen“. Inklusion ist dabei ein Aspekt.

Fortschritte werden gemacht

Die Stadt Hamburg bemüht sich mit dem regelmäßig überprüften und weiterentwickelten Landesaktionsplan seit 2012, die UN-Behindertenrechtskonvention umzusetzen. Konkret geht es dabei unter anderem um den barrierefreien Ausbau des ÖPNV, Schaffung von barrierefreiem Wohnraum oder Informationsangebote in Leichter Sprache. In Edinas Berufsalltag als Sporttherapeutin im Klinikum Boberg geht es darum, Menschen nach einem Arbeitsunfall für eine Rückkehr in den Alltag vorzubereiten. Sie erstellt in einer Erstaufnahme zunächst individuell einen Trainingsplan. In einer großen Halle mit unterschiedlichen Stationen betreut sie dann fünf Patient:innen pro Stunde.

Ihre eigene Geschichte – 2000 erlitt sie in Folge eines Reitunfalls ihre Querschnittlähmung – empfindet Edina im Job als „großen Vorteil“: „Mir können die Patienten zum Teil ganz andere Fragen stellen als Fußgängern.“ Ihre Sportkarriere hält sie im Job bewusst im Hintergrund. „Die Patient:innen sind an einem ganz anderen Punkt. Da brauche ich erst mal nicht mit Medaillen zu winken.“ Ihrem Arbeitgeber ist sie dankbar, dass er sie seit Beginn vor zehn Jahren unterstützt, Beruf und Spitzensport zu vereinbaren: „Ich arbeite in Teilzeit, bin aber für alle Wettkampf- und Trainingsmaßnahmen freigestellt, muss da also keinen Urlaub nehmen.“

Die Patient:innen sind an einem ganz anderen Punkt. Da brauche ich erst mal nicht mit Medaillen zu winken

Edina Müller

Ein richtig schöner Nachmittag

Auch für unsere Tour muss Edina Müller keinen Urlaub nehmen. Am Freitagnachmittag hat sie regulär frei. Als es anfängt zu dämmern, bedanke ich mich und will mich verabschieden. „Kommst du mit essen?“, fragt mich Liam. Ein paar Minuten später sitzen wir im Imbiss „Pause“ auf dem Stübenplatz. Der Eingang hier ist ohne Stufe. Der Betreiber freut sich, Edina nach mehr als einem Jahr wiederzusehen. Liam fährt mit seinen Spielzeugautos um die Gewürzstreuer Parcours. Wir alle haben ordentlich Hunger nach fünf Stunden auf Achse. Irgendwann ist dann aber wirklich Zeit, Tschüss zu sagen. Ich setze mich in einen Bus gen Norden, Edina und Liam ins Auto in Richtung Niedersachsen.

Ich lasse die Bilder der letzten Stunden Revue passieren, sehe uns drei an den verschiedenen Orten. War das jetzt eigentlich ein journalistischer Termin, bei dem wir Hamburg auf Barrierefreiheit geprüft haben? Oder einfach ein richtig schöner Nachmittag? Wahrscheinlich beides. Wir haben erlebt, dass Barrierefreiheit an einzelnen Stellen nachgebessert (Toilette an der Alster), bei neuen Projekten aber auch grundsätzlich mitgedacht wird (Spielplatz „Onkel Rudi“), und anderswo – wie in der Veringstraße – einfach noch fehlt. Und dass dies zu einem gewissen Grad wettgemacht werden kann, wenn das Miteinander auch einander zugewandt, ja inklusiv ist. Und eines kann ich ganz sicher ich sagen: Auf „Onkel Rudi“ hätte ich wieder Lust.


Zur Person

Edina Müller wurde kurz nach ihrem Umzug in die Hansestadt 2012 zum ersten Mal „Hamburgs Sportlerin des Jahres“. Mit Prominenz und Expertise ist die 38-Jährige in der Stadt aktiv, wenn es um Vielfalt und gesellschaftliche Teilhabe geht. Ihre Haltung: „Wenn wir in einer diversen Gesellschaft leben möchten, müssen die einzelnen Personengruppen in Entscheidungspositionen.“ Müller ist im Kuratorium der Alexander-Otto-Sportstiftung, Jurorin beim Werner-Otto-Preis sowie beim HanseMerkur Preis für Kinderschutz. Im Sommer 2021 reichte sie mit Marinus Bester und Philipp Wenzel eine Kandidatur für das Präsidium des Hamburger Sportvereins ein. Der Beirat ließ die drei als Team nicht zur Wahl zu.


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„Zu hundert Prozent ausgeschlossen“

Der FC Teutonia 05 möchte Untermieter im neuen Stadion seines Nachbarn Altona 93 werden. Die Absage ist deutlich und zeigt einen tiefen Konflikt

Text: Mirko Schneider

Ein Sonntagnachmittag an der Griegstraße. Im altehrwürdigen, etwas modrigen Stadion an der Adolf-Jäger-Kampfbahn kämpft in wenigen Minuten Regionalligist Altona 93 gegen den Lüneburger SK Hansa um Punkte für den Klassenerhalt. 1000 Fans warten auf der langen Gegengerade, der gegenüberliegenden Haupttribüne, der „Meckerecke“ links daneben und dem „Zeckenhügel“ hinter dem Tor auf der Westseite auf den Anpfiff. Jeder Ball, der beim Aufwärmen von den Spielern versehentlich auf den „Zeckenhügel“ geschossen wird, löst bei den Hunden einiger Altonaer Anhänger große Freude aus. Der Einlauf der Mannschaften sagt schließlich mehr als tausend Worte. Wie üblich spielt die Stadionregie die berühmte Melodie aus „Star Wars: A new hope“. So sieht sich Altona 93 selbst. Die Jedi-Ritter treten gegen das Imperium an. Nur eben auf dem Fußballfeld.

„Altona 93 ist für mich ursprünglicher Fußball. Ich kann mit den Spielern schnacken und den Rasen anfassen. Der Besuch eines Spiels fühlt sich an wie ein großer, entspannter Nachbarschaftstreff. Und das auf einem sportlichen Niveau in der 4. Liga, welches wirklich Spaß macht“, sagt Ragnar Törber. Der heute 47 Jahre alte selbstständige Architekt und stellvertretende Vorsitzende von Altona 93 wurde in den 80er-Jahren als Fan des FC St. Pauli sozialisiert. Damals verfolgte er die Partien der Kiezkicker von den Bäumen der Nordkurve aus. Mit Altonas nur 800 Meter Luftlinie entferntem Nachbarverein, dem Staffelrivalen FC Teutonia 05, kann Törber wenig anfangen. „Was der FC Teutonia 05 macht, ist für uns nicht wichtig. Wenn Teutonia mit viel Geld in die 3. Liga will, ist das deren Sache. Unsere Planungen bleiben davon unberührt“, sagt Törber.

Für viele der Inbegriff von Fußballkultur: Altona 93 und die Adolf-Jäger-Kampfbahn (Foto: Erik Brandt-Höge)

Die geeignete Fläche ist längst gefunden

Diese Planungen betreffen das neue Stadion von Altona 93 am Diebsteich. 2007 verkaufte Altona 93 nämlich die Adolf-Jäger-Kampfbahn für 11,25 Millionen Euro an Behrendt Wohnungsbau und den Altonaer Spar- und Bauverein für den dringend benötigten Bau 300 neuer Wohnungen. Der Deal mit der Stadt Hamburg versprach Altona dafür eine andere Fläche, auf der der Amateurfußballkultclub eine neue Heimat finden sollte. Den Verkaufspreis sollte Altona dort zweckgebunden für die Errichtung eines neuen Stadions einsetzen.

„Ohne neues Stadion können wir als Club nicht weiterexistieren“

Ragnar Törber, stellvertretender Vorsitzender von Altona 93

Erst wenn das neue Stadion steht, muss Altona seine Adolf-Jäger-Kampfbahn verlassen. Allerdings spätestens bis zum 31. Dezember 2026. Die geeignete Fläche ist längst gefunden, seit fünf Jahren laufen die konkreten Planungen für einen Umzug von Altona 93 in ein neu zu errichtendes Stadion am Diebsteich mit einer Zuschauerkapazität von 5000 Fans. Törber hat die Stadionfrage gemeinsam mit der Stadt Hamburg, dem Sportamt und der Bezirksversammlung Altona in vielen Gesprächen weit vorangetrieben. 2023 sollen die Bauverträge unterzeichnet werden, wobei zuvor 75 Prozent der Mitglieder von Altona 93 zustimmen müssen. Ende 2026 soll dann der Umzug erfolgen.

Teutonia möchte auch gerne am Diebsteich spielen

An dieser Stelle kommt Altonas Nachbar ins Spiel, der FC Teutonia 05. Die Teutonen, die in der Saison 2016/17 noch in der sechstklassigen Landesliga spielten, haben einen rasanten sportlichen Aufstieg hingelegt. Teutonia darf auf einige potente Geldgeber zählen und möchte hinter dem HSV und dem FC St. Pauli dritter Proficlub in Hamburg werden. Das nächste Ziel ist der Aufstieg in die 3. Liga. Nur ist kein passendes Stadion in Sicht. Da die Stadt Hamburg für Teutonia bislang keine geeignete Fläche anbot, möchte Teutonia gerne ebenfalls am Diebsteich spielen und in die bestehenden Stadionplanungen mit einsteigen. Liborio Mazzagatti (48), stellvertretender Vorsitzender Teutonias, betonte bereits, gerne mit Altona über das Thema sprechen zu wollen.

Törber wiederum verwundert das. „Teutonia ist mit seinem Wunsch, bei uns zu spielen, an die Medien gegangen, ohne auch nur einmal vorher mit uns zu sprechen. Das fühlt sich unsportlich an“, sagt Törber. Gegen ein Treffen und ein freundliches Gespräch mit Mazzagatti habe er nichts einzuwenden. Ändern werde sich an der Haltung Altonas aber nichts. „Wir brauchen uns nicht zu einigen. Für uns ist es zu hundert Prozent ausgeschlossen, gemeinsam mit Teutonia in unserem neuen Stadion zu spielen. Denn das wird unsere neue Heimat und wir werden alle Spielzeiten für unsere Teams brauchen“, sagt Törber. In so lange bestehende Planungen noch einmal einzugreifen sei unmöglich. Zumal Teutonia sich ein Stadion für 10.000 Fans wünscht.

Schneller Erfolg mit vermögenden Investoren – das ist nicht Altona 93

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Altona 93 spielt aktuell in der Regionalliga Nord gegen den Abstieg (Foto: Erik Brandt-Höge)

Was unter anderem durch Banner in Altonas Stadion offensichtlich ist: Der FC Teutonia 05 steht für einen Fußball, der von den Fans von Altona 93 zutiefst abgelehnt wird. Schnellen Erfolg mit vermögenden Investoren – Teutonia plant in Liga drei mit einem Etat von bis zu 15,3 Millionen Euro – will in Altona niemand, weil das dem ursprünglichen Fußball widerspricht. Dem, was Altonas Fans als „echt“ empfinden. Fußball gilt beim Altonaer Fußballclub von 1893 als kulturelles Gut, welches es zu verteidigen gilt gegen die „Höher, schneller, weiter“-Mentalität des einst kleinen Nachbarn Teutonia, der Altona mittlerweile in der Tabelle sportlich überflügelt hat. Würde Törber den Mitgliedern einen Vertrag über das neue Stadion am Diebsteich vorlegen, der Teutonia die Möglichkeit eines Einstiegs ließe, würde er niemals 75 Prozent Zustimmung bekommen.

„Altona 93 ist für mich ursprünglicher Fußball“

Ragnar Törber, stellvertretender Vorsitzender von Altona 93

Dennoch steigt der Druck in der öffentlichen Debatte. Christian Okun, der Präsident des Hamburger Fußball-Verbandes, hat sich eindeutig pro Teutonia positioniert. Er sieht die Notwendigkeit eines Stadions mittlerer Größe für die Sportstadt Hamburg. Bei der Öffentlichen Planungsdiskussion im Rathaus Altona traten Redner auf, die sich ebenfalls für Teutonia positionierten. Sogar aus der Amateurabteilung des FC St. Pauli. „Ich spreche mit St. Pauli seit vielen Jahren und dort findet man unsere Pläne gut. Das wirkte auf mich inszeniert und hatte etwas von RTL 2“, sagt Törber. Mit den Altonaer Politikern, die sich auf Teutonias Seite schlugen, möchte Törber nun wieder ins Gespräch kommen. Genauso wie mit Verbandspräsident Okun, dessen Vorgehen Törber zutiefst irritiert hat. „Zwei unserer ehemaligen Schatzmeister arbeiten beim Verband. Unsere Pläne sind seit Jahren bekannt. Ich verstehe daher den plötzlichen Vorstoß von Herrn Okun nicht.“

Ohne das „Ja“ von Altona 93 ist es ein „Nein“ für Teutonia

Entscheidend wird nun sein, ob die Stadt Hamburg ihr Wort gegenüber Altona 93 hält. Das alleinige Nutzungsrecht für das neue Stadion ließ sich der Verein längst zusagen. Ohne Altonas „Ja“ kann Teutonia nicht dabei sein. Was aber passiert, wenn der Stadt Hamburg die Vision eines dritten Proficlubs in der Stadt so gut gefällt, dass sie ihre Meinung ändert? Törber ist da glasklar. „Das wird keinesfalls passieren, weil die politisch Verantwortlichen in Hamburg vernünftige Leute sind. Aber wenn es passieren würde, dann wären wir als Altona 93 aus dem Projekt sofort raus. Dann allerdings müsste die Stadt öffentlich zu ihrer Verantwortung stehen, uns als Traditionsclub über die Klippe springen zu lassen. Denn ohne neues Stadion können wir als Club nicht weiterexistieren.“


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Walking-Football – Gehen mit Ball

Die Spvgg. Billstedt-Horn stellt das erste Walking-Football-Team in Hamburg und freut sich auf die Einführung einer Meisterschaft

Text: Mirko Schneider

Schon die Adresse der Halle klingt paradiesisch: Sonnenland 27. Und wer sich die Mühe macht, diese Sportstätte an einem Donnerstagabend aufzusuchen, stellt fest: Fußball hat im Paradies selbstverständlich einen festen Platz. Nur wird nicht gerannt. Denn hier trainiert das Walking FootballTeam der Spvgg. Billstedt-Horn. Erfunden wurde Walking-Football (zu Deutsch: Gehfußball) 2011 in England. Seit einiger Zeit ist der Sport auch in Deutschland angekommen. In Hamburg nimmt die Spvgg. Billstedt-Horn dabei eine Sonderstellung ein.

Das Walking-Football-Team des Clubs ist das erste offizielle Hamburger Team in dieser inklusiven Sportart. Gut ein Dutzend Spieler sind jede Woche dabei. Entweder in der Halle oder in den wärmeren Monaten auf ihrem Platz an der Möllner Landstraße 197. Eifrig passen sie den Ball mit viel Spaß hin und her mit dem Ziel, ihn im drei Meter großen Tor des Gegners zu versenken. Nur dürfen sie dabei ausschließlich gehen. Auch Körperkontakt ist nicht erlaubt. „Walking Football ist die inklusivste Sportart, die es gibt“, sagt André Riebe (30). Er ist Inklusionsbeauftragter des Hamburger Fußball-Verbandes (HFV) und leitet die Gruppe gemeinsam mit dem Billstedter Trainer Jan Willms (29).

Eine Sportart für Menschen mit Behinderung

Riebes Geschichte ist anrührend. Bei seiner Geburt wurde die Sehbehinderung Aniridie diagnostiziert. „Ich bin stark blendempfindlich und sehe sehr trübe“, erläutert Riebe. Trotzdem habe er als Junge mit sechs Jahren versucht, in einer Jugendfußballmannschaft Fuß zu fassen. Es folgte eine schwierige Zeit. „Nach einem halben Jahr war meine Mannschaft gespalten. Die eine Hälfte der Spieler und Eltern fand, ich solle dabei sein. Die andere Hälfte fand, ich trage nichts zum sportlichen Erfolg bei und solle aus dem Verein austreten“, erinnert sich Riebe. So schlimm das war, Riebe hatte sein Lebensthema gefunden. „Ich beschloss als Jugendlicher, anderen Menschen diese schlimmen Gefühle zu ersparen und mich im Inklusionssport zu engagieren“, sagt er im Rückblick.

„Man kann durchaus ins Schwitzen kommen“

(André Riebe, Inklusionsbeauftragter des Hamburger Fußball-Verbandes)

Zufällig lernte Riebe Jan Willms kennen, mit dem er zuvor schon an einem anderen inklusiven Projekt arbeitete. Im Rahmen eines Jahresprojekts seiner Tätigkeit als Heilerziehungspfleger erstellte Willms eine Sozialraumanalyse von Billstedt. Eines der Ergebnisse: Inklusive Sportarten werden viel zu wenig angeboten. „Da haben wir beschlossen, eine Sportart für Menschen mit Behinderung anzubieten“, sagt Willms. Da Riebe und Willms fußballbegeistert sind, lag Walking Football nahe.

„Bei uns kann wirklich jeder mitspielen“

Wie inklusiv die Sportart wirklich ist, lässt sich schon an der Zusammensetzung des Teams der Spvgg. BillstedtHorn selbst beobachten. Die Spieler sind 16 bis 65 Jahre alt, einige Frauen sind dabei. Circa 75 Prozent der Spieler haben eine körperliche oder geistige Beeinträchtigung. Einige Spieler sind im Rahmen der Kooperation mit der Evangelischen Stiftung Alsterdorf dabei, die einen Standort in Form eines Wohnhauses in der Billstedter Hauptstraße hat. „Bei uns kann wirklich jeder mitspielen“, sagt Riebe. Nur sei die im Umkehrschluss oft gezogene Schlussfolgerung von Anfängern, Walking Football sei körperlich gar nicht herausfordernd, so nicht richtig. „Man kann durchaus ins Schwitzen kommen bei diesem Sport“, sagt Riebe. „Immerhin trainieren wir 90 Minuten und wenn man da permanent geht, sich anbietet und den Ball passt, wird der Körper durchaus gefordert.“ Und Willms ergänzt lachend: „Der Unterschied ist vielmehr der, dass man keine Angst um seine Knochen und seine Gelenke haben muss.“

Zusammenspiel ist ein Muss

Die Herausforderung und die gesundheitlich positive Wirkung von Walking Football gleichermaßen bestätigen kann Dino Zimmer (29). Zimmer ist einer der Spieler des Teams. Er leidet unter mehreren Beeinträchtigungen. „Ich bin extrem kurzsichtig, habe Belastungsasthma und einen Herzklappenfehler“, sagt Zimmer. Leistungssport ist für ihn tabu, schnell laufen auch. „Aber ich spiele natürlich gerne Fußball und bin sehr ehrgeizig. Ich muss immer aufpassen, nicht doch loszulaufen“, sagt er lachend. Und keine hohen Pässe zu spielen.

„Das habe ich früher als Spieler gerne gemacht. Doch im Walking Football darf der Ball nur hüfthoch gepasst werden“, sagt Zimmer. Was ihm ebenfalls gefällt: Dass ein überragender Spieler einer Mannschaft alles in Grund und Boden spielt und den Ball nicht abgibt, ist beim Walking Football nicht möglich. Das Team ist auf das Zusammenspiel angewiesen. „Wenn einer zu viel dribbelt, ist das nicht sinnvoll. Du bist schnell von Gegenspielern umstellt. Du musst passen und deine Mitspieler einbeziehen“, sagt Zimmer.

„Wir wollen einen Hamburger Meister ausspielen“

Wie viele der Spieler freut er sich schon auf die Hamburger Walking-Football-Liga. „Der fiebere ich wirklich entgegen“, sagt er. Dass eine solche Liga so bald wie möglich kommt, daran lässt Andreas Hammer (55) keinen Zweifel. Hammer ist Ehrenamtsbeauftragter und Beisitzer im Spielausschuss des Hamburger Fußball-Verbandes. Im Deutschen Fußball-Bund (DFB) ist er Mitglied im Ausschuss für Beachsoccer, Freizeit- und Breitensport. „Wo man bei dieser Sportart nur einen Funken hinschmeißt, da entsteht ein Flächenbrand“, beschreibt Hammer die Walking-Football-Begeisterung. „In Südengland haben sich in kürzester Zeit 11.000 Menschen gefunden und einen Spielbetrieb organisiert. In Deutschland gibt es in einigen Bundesländern schon Meisterschaften, zum Beispiel in Schleswig-Holstein. Wir wollen in Hamburg nun nachziehen und noch in diesem Jahr Turniere veranstalten. Wenn der Zeitplan es hergibt, so wollen wir auch einen Hamburger Meister ausspielen.“

Walking-Football-Sparte in Planung?

Die Rückmeldungen aus den Hamburger Vereinen sind jedenfalls positiv. Und haben auch durchaus schon Prominenz angezogen. Der Hamburger Sportverein fragte bereits beim Verband an und interessiert sich für die Einrichtung einer Walking-Football-Sparte. Der FC St. Pauli schickte mit dem früheren Sportmoderator Lou Richter (61) ein bekanntes Gesicht zur Walking-Football-Übungsleiterfortbildung beim HFV.

Bei der Spvgg. Billstedt-Horn wiederum wird die Zukunft zusätzlich noch auf weiteren Ebenen geplant. Durch eine großzügige Spende des verstorbenen Vereins-Ehrenmitglieds Manfred Schulenburg war die Anschaffung der insgesamt 1600 Euro teuren Spezialtore möglich, die der Verein für das Training benötigte. Bislang behalf man sich mit zwei kleinen nebeneinander gestellten Toren. Am 30. April will der Club ein eigenes Turnier auf die Beine stellen, um noch mehr Menschen für Walking Football zu begeistern. Das Besondere: Gespielt werden soll im sogenannten Soccer-Ei, mit dessen Erfinder Heinz-Jürgen Uhlenbrock die Spvgg. Billstedt-Horn zusammenarbeitet.

Dabei handelt es sich um ein mobiles, multifunktionales Kleinspielfeld, in dem unter anderem durch die Banden noch mehr Tempo und Spielfluss ins Spiel kommt. „Auf das Turnier freuen wir uns sehr und wir haben schon viele weitere Ideen“, sagt Riebe. Die Sponsorensuche – unter anderem für ein vereinseigenes Soccer-Ei – soll vorangetrieben und Kooperationen mit weiteren Sozial- und Bildungseinrichtungen gesucht werden. „Wir wollen uns noch mehr für den Stadtteil öffnen“, sagt Riebe. „Damit so viele Menschen wie möglich Spaß am Walking Football haben können.“

billstedt-horn.de


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Rugby mit Herz

Dies ist nicht die Geschichte von Einwanderung und Ankommen. Dies ist keine Geschichte: Der Junge hat es trotz widriger Umstände geschafft… nein, es ist eine Geschichte über jemanden, der eher zufällig die Liebe zu seinem Sport gefunden hat und mit Haut, Haar und Herz dabeigeblieben ist. Eine Geschichte, wie viele andere auch, aber irgendwie doch besonders.

Text: Andrea Marunde

Omar El-Arnous, Kind libanesischer Eltern, wurde vor 23 Jahren in Barmbek geboren. Er besuchte die französische Schule in Lokstedt und war, laut eigener Aussage, „nicht besonders sportlich“. Bis zu seinem 10. Lebensjahr spielte Sport deswegen auch keine Rolle. Bis zu dem Tag, als der Hamburger Rugby Club (HRC) seine Bildungsstätte besuchte, einen Stand aufbaute, und den Kindern zeigte, was so ein Ball mit rotationselliptischer Form alles kann – und dass so ein kleiner Dicker (auch wieder nach eigener Aussage) durchaus für diese Sportart gesucht wird.

„Zuerst habe ich gedacht: Ne, das hört sich zu hart an. Das will ich nicht“, beschreibt Omar seine erste Begegnung. Auch seine Eltern, besonders seine Mutter, fanden die Idee so mittelmäßig. Doch irgendwie ging der Gedanke nicht aus seinem Kopf. Also ging der kleine Omar zu einem Spiel. Nach dem Spiel ging er dann zum Probetraining und nach dem Probetraining fand er einen Platz in der Jugendmannschaft. Bei den kleinen Löwen begann die zarte Bande.

Training ist Ehrensache

Ab dem Zeitpunkt war regelmäßiges Erscheinen beim Training Ehrensache, Freundschaften wurden geschlossen und die Eltern überzeugt, dass das alles gar … sondern auch passen. nicht so schlimm sei. Mit 14 Jahren rief die große weite Welt. Omar bewarb sich für ein Auslandsjahr im Libanon. Praktisch war, dass er bei einem Teil seiner Familie wohnen konnte. Was fehlte, war ein Team. Omar: „Ich habe mich bei einer Unimannschaft beworben und gefragt, ob ich mitmachen kann.“ Mit 14 Jahren in einer Unimannschaft?? „Bei den Tryouts konnte ich körperlich gut mithalten und ich durfte bleiben.“ Eine Saison hat er dort als Jüngster gespielt. Wieder zurück in Deutschland dann der erste traurige Moment. Seine Jugendmannschaft existierte nicht mehr, alle seine Freunde hatten aufgehört. Nichts Ungewöhnliches mit 15 Jahren, wenn die Antennen in viele verschiedene Richtungen ausgefahren werden. Für Omar aber nicht mal ansatzweise ein Grund, mit Rugby zu brechen.

Das Leid der Neuen

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Omar El-Arnous spielt beim Hamburger Rugby-Club Hakler (Stürmer) (Foto: Susanna Wolf)

Der Jüngste zu sein, das Gefühl war ja nun bekannt. Also landete er beim HRC bei den 2. Herren in der Verbandsliga. Zwei Jahre zeigte er den „älteren Herren so um die 30“ wie es geht. Im 1. Jahr wurde er gleich zum Pokalspieler des Jahres gekürt. Und wie es in Sportvereinen ja oft so ist, gucken die oberen Mannschaften auch mal nach unten, was da denn so rumläuft. „Ja, ich durfte dann bei der 1. Mannschaft mittrainieren.“ Mit 18 dann das 1. Spiel in der Bundesliga. „Es lief erstmal nicht so gut. Das Spiel war viel schneller, die Technik anders und ich wurde auf einer ungewohnten Position eingesetzt.“ Das Leid der Neuen.

Bei einem Turnier in Belgien konnte er dann zeigen was er kann. Endlich durfte er als Stürmer (Hakler) spielen und sich gegen erfahrene Spieler durchsetzen. Zur Erklärung: Ein Hakler ist üblicherweise der kleinste Spieler der Vordermannschaft, aber auch derjenige mit den besten technischen Fähigkeiten. Der Gute, der immer im Getümmel mitmischt. Endlich angekommen und doch war der Weg noch lange nicht zu Ende.

Nationalmannschaft

Wenn es schon Beziehungen in den Libanon mit der Familie und der Unimannschaft gibt, warum nicht auch die Initiative ergreifen und einen Schritt weitergehen? „Dadurch, dass ich schon Verbindungen hatte, konnte ich Kontakt mit dem Trainer der Nationalmannschaft aufnehmen“. Mit Erfolg! Nach einem Probetraining wurde Omar in den erweiterten Kader aufgenommen. Einen ganzen Sommer hat er dort mittrainiert, im Winter konnte er mit einigen Spielern der Nationalmannschaft bei verschiedenen libanesischen Clubs mitmischen – natürlich alles auf eigene Kosten. Der Asia-Cup, an dem er im April 2020 hätte teilnehmen können, fiel Corona zum Opfer. „Beim nächsten Mal bin ich aber dabei, ich möchte endlich mein Debüt starten.“ Wann das sein wird, steht noch in den Sternen. Auch Trainingseinheiten mit dem Nationalteam finden derzeit nicht statt.

Ziele haben, anpacken

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Omar El-Arnous spielt eine sogenannte Gasse (Foto: RC Leipzig)

Für Frust und Stillstand ist der Architekturstudent nicht zu haben. Zwar ist jetzt Halbzeitpause in der Bundesliga, aber das Training in Hamburg läuft wieder auf vollen Touren, um im März das Ziel Klassenerhalt anzugehen, oder – laut Omar – es vielleicht doch noch in Play-Offs zu schaffen. Ziele haben, anpacken. Das ist sein Ding. Man merkt immer wieder, dass er sein Herz an seinen Sport verloren hat. Für sein MasterStudium möchte er in Hamburg bleiben, um – natürlich – hier weiter Rugby spielen und als Damen- und Jugendtrainer arbeiten zu können.

Harte Arbeit

Headcoach Gareth Jackson hat Grund, nicht nur für die sportlichen Qualitäten zu schwärmen: „Omar ist ein fantastisches Vorbild für die Mitglieder des Clubs und seine Teamspieler, indem er das Coaching von anderen Teams übernommen hat, um denjenigen eine Chance zu geben, die in der gleichen Lage waren wie er selbst. Er ist ein leuchtendes Beispiel dafür, was möglich ist, wenn man motiviert ist, etwas dafür zu tun. Er ist das Aushängeschild für die harte Arbeit, die der HRC in den letzten 15 Jahren in seine Entwicklung gesteckt hat.“ Er selbst fügt bescheiden hinzu: „Ich möchte, dass meine Geschichte Jugendliche motiviert.“ Dafür geht er auch an die Schulen, um nicht nur den kleinen Dicken zu zeigen, was so ein Ball mit rotationselliptischer Form alles kann. 

Hamburger Rugby-Club


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 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Februar 2022. Das Magazin ist seit dem 29. Januar 2022 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

Die März-Ausgabe der SZENE HAMBURG erscheint am 26. Februar 2022.

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Nachbarschaftspreis für Hamburger des Monats

In der aktuellen Ausgabe der SZENE HAMBURG ist Kareem Ahmed der Hamburger des Monats, jetzt haben er und sein Team den Deutschen Nachbarschaftspreis für ihr Projekt „Silbersack Hood Gym“ gewonnen

Text: Felix Willeke

 

„Mein Bruder hat in der Corona-Zeit gesagt, dass wir wieder Sport machen müssen“, sagt Kareem Ahmed im Gespräch mit SZENE HAMBURG. Dieser Satz war der Beginn des sozialen Sportprojekts „Silbersack Hood Gym“ auf St. Pauli. Heute treibt Kareem das Projekt zusammen mit seiner Schwester Nassy Ahmed-Buscher und seinem Bruder Jameel Ahmed voran und mittlerweile trainieren über 50 Schüler:innen auf dem Sportplatz am Silbersack. Jetzt haben sie den mit 5.000 Euro dotieren Deutschen Nachbarschaftspreis gewonnen. Das Projekt gehe über das rein sportliche hinaus und fördere die soziale Vernetzung der Kinder aus der Nachbarschaft, so die Begründung der Jury. Das Preisgeld will das Projekt in die Miete einer Halle für den Winter investieren, eine passende Räumlichkeit in der Nähe wird noch gesucht.

 

Der Preis

 

Der Deutsche Nachbarschaftspreis wird seit 2017 von der nebenan.de Stiftung, einer Tochterorganisation des Berliner Sozialunternehmens Good Hood GmbH, verliehen. Die Insgesamt 57.000 Euro Preisgeld gingen 2021 an die Gewinner:innen in den Kategorien Generationen, Kultur & Sport, Nachhaltigkeit, Öffentlicher Raum, Vielfalt und an je ein Landessiegerprojekt.

Den Gewinnerfilm für das „Silbersack Hood Gym“, Gewinner in der Kategorie Kultur & Sport, gibt es hier:


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, November 2021. Das Magazin ist seit dem 28. Oktober 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Kareem Ahmed: „Ihr sollt nicht weggucken“

Der Hamburger des Monats Kareem Ahmed treibt mit seiner Schwester Nassy Ahmed-Buscher und seinem Bruder Jameel Ahmed das soziale Sportprojekt Silbersack Hood Gym voran. Durch Zufall entstanden, ist das Gym für die drei, ihr Team und über 50 Schüler zur Herzensangelegenheit geworden

Interview & Foto: Markus Gölzer

 

SZENE HAMBURG: Kareem, warum macht Kampfsport Kinder friedlich?

Kareem Ahmed: Weil es sie auspowert, weil sie einschätzen können, was sie mit ihrer Kraft bewirken. Kinder ohne Kampfsport können sich oft nicht kontrollieren, schlagen voll zu. Durch den Sport lernen sie kennen, was sie da machen. Was es bedeutet, einen Schlag ins Gesicht zu bekommen. Wie es sich anfühlt, einstecken zu müssen. Auf einer sportlichen Basis lernen sie, dass sie keinem so etwas antun wollen, weil sie das selbst nicht erleben wollen.

Welche Kampfsportarten unterrichtet ihr?

Ich mache Muay Thai und Kickboxen, wir haben Boxtrainer. Immer, was gerade für Leute da sind. Escrima, Straßenkampf als pure Selbstverteidigung. Erst recht für kleine Mädchen, damit sie sich auf St. Pauli verteidigen können.

Wie läuft ein Training ab?

Wir machen uns warm. Manchmal sind die Kinder überdreht, dann haben wir erst mal Spaß, spielen Fußball. Dann geht’s los mit den Pratzen, Sparringtraining für die Erwachseneren und Partnerübungen. Ich will keine professionelle Haltung vermitteln. Ab und zu muss mal der Thrill-Sergeant rein, weil die Kinder hier oft disziplinlos sind. Wie man sich Kiezkinder vorstellt. Nicht bösartig. Sie testen ihre Grenzen aus. Zum Schluss reden wir über Rassismus, Mobbing, über Sachen, die nicht gehen als Kampfsportler. Dass wir keinen unterdrücken, dass wir anderen helfen, die unterdrückt werden. Einfache Sachen, mit denen jeder aufwachsen sollte. Zum Abschluss machen wir ein Bauch- oder ein Athletiktraining. Dann stellen wir uns in einer Reihe auf und verabschieden uns. Jeder gibt jedem einmal die Hand und bedankt sich fürs Training.

 

Gegen Rassismus. Gegen Ausgrenzung. Gegen Unterdrückung.

 

Welche Werte zählen bei euch?

Wir sind gegen Rassismus. Gegen Ausgrenzung. Gegen Unterdrückung. Wir sind für Zusammenhalt. Dafür, dass die Stärkeren den Schwächeren helfen. Und Schwächere stark werden können. Das ist alles eine Sache vom Kopftraining. Wir wollen in einer Zeit, in der alle nur noch auf ihr Handy schauen, sich hauptsächlich über soziale Medien austauschen, vermitteln, dass so etwas wie der Silbersack-Fußballplatz ganz wichtig ist. Für die Nachbarschaft, für alle. Für die, die dran vorbeilaufen, was Schönes sehen. Wir gehen kleine Schritte, aber wir gehen sie.

Welche Regeln vermittelst du deinen Schülern beim Thema Gewalt?

Ich sag ganz klar: Ihr sollt nicht weggucken. Außer, wenn Erwachsene auf dem Kiez streiten, Penner, Messerstechereien, dies, das. Dann nicht denken, sie wären Batman. Da sollen sie weglaufen. Wenn sie in der Schule Ungerechtigkeit sehen, sollen sie die Person ansprechen. Sie sollen sich nichts gefallen lassen, aber nicht schlagen, dass einer schwer verletzt wird. Ich sag denen nach dem Training immer: Als Kampfsportler hast du Verantwortung. Der musst du gerecht werden. Ihr firmiert als Silbersack Hood Gym unter Silbersack Hood Talentförderung.

 

„Ohne meine Schwester Nassy läuft gar nichts“

 

Welche Talente fördert ihr?

Neben Sport bieten wir auch Musikförderung und Nachhilfe an. Bald kommt Kunst, also Graffitikurse dazu.

Wie ist das Silbersack Hood Gym entstanden?

Mein Bruder hat in der Corona-Zeit gesagt, dass wir wieder Sport machen müssen. Wir haben mit Freunden auf dem Platz trainiert. Mohammed kam dazu, der kleine Junge, den du gerade gesehen hast. Der wollte mitmachen, hat zwei, drei Monate mit uns trainiert. Dann sind immer mehr Kinder gekommen. Heute sind wir rund 50 Schüler und ein Team aus zwölf Trainern und Trainerinnen.

Wer ist außer dir noch dabei?

Unser TrainerInnen-Team, der feste Kern besteht aus fünf Leuten, die immer am Start sind. Der Rest unterstützt flexibel, meist einmal wöchentlich. Mein Bruder Jameel alias BOZ hilft mir ganz viel, macht auch Musik. Ein angesehener Rapper. Und meine Schwester Nassy. Ohne sie läuft gar nichts. Sie hat dem Ganzen den Stempel aufgedrückt. Wir haben lange davon geredet, einen Verein zu gründen, aber dieses Unternehmen ist genau durchdacht. Wir sind sehr glücklich damit. Das hat uns noch mehr zusammengeschweißt. Meine Schwester ist der Kopf hinter der ganzen Sache. Wenn sie was will, dann erreicht sie das auch.

Erkennst du dich selbst in deinen Schülern?

Auf alle Fälle. Viele haben eine extrem schwere Autoritätsschwierigkeit, und die hatte ich auch. Respekt habe ich erst durch den Kampfsport gelernt. Außer meiner Mutter und meinem Vater waren meine ersten Autoritätspersonen meine Trainer.

 

„Ich bin ein Kiezmensch“

 

Du hast Einblick in schwierige familiäre Situationen. Gab es schon einen Punkt, an dem du überlegt hast, die Polizei einzuschalten, obwohl man auf dem Kiez Dinge lieber ohne regelt?

Nur bei Sachen wie einer Vergewaltigung würde ich die Polizei einschalten. Wenn ich sehe, dass einer sein Kind schlägt, dann gibt es richtig Probleme. Mit mir. Da würde ich persönlich hingehen. Ich glaube nicht, dass die Polizei bei bestimmten Sachen so viel regeln kann. Viele Kinder hier haben Omas, Opas, Familie. Womöglich wird das Kind aus seinem Umfeld gerissen, kommt ins Heim. Die können das auch nur im Rahmen des Gesetzes regeln, das von irgendwelchen Bürokraten gemacht ist. Die können Sätze auf Papier schreiben, haben aber keine Ahnung von der Realität. Ich bin ehrlich. Ich bin ein Kiezmensch. Wenn ich Sachen zu klären habe, klär ich sie. Immer zum Wohle des Kindes.

Du bist auf dem Kiez bekannt als Rapper Reeperbahn Kareem. Auf Insta läufst du unter kareeminell67. In deinen Texten geht’s zur Sache: Drogen, Knarren, Gewalt. Hat der Umgang mit den jungen Leuten Einfluss auf deine Musik?

Auf jeden Fall. Die nächste Musik, die von mir kommt, ist Musik, die man nicht von mir erwarten würde. Aber sie passt zu dem Bild, das ich lebe und vermittle. Ich will mit meiner Musik zeigen, wie die Realität ist. Jetzt bricht eine Phase an, in der ich durch dieses Projekt ein wenig Hoffnung vermitteln kann. Es wird auch melancholischere Töne geben, und meine nächste EP wird hauptsächlich mit diesem Thema hier zu tun haben.

instagram.com/silbersackhoodgym/


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