(26.10.) Musik, Haux, MS Stubnitz, 20:30 Uhr

„Liebenswert“ ist so ein Attribut, mit dem Fans Woodson Black betiteln, wenn sie von der besonderen Atmosphäre auf den Konzerten seines Projekts Haux schwärmen. Man glaubt es nur zu gern, traut man doch jemanden, der seine Hörer mit sanftester Stimme zu elektronischer Melancholie und verträumtem Folk in fremde Sphären haucht, nicht zu, auch nur einer Fliege etwas zuleide tun zu können. Als Inspiration für seine melodischen Stücke dienen dem gebürtigen US-Amerikaner die einsamen Landschaften der Berkshires, in denen er aufwuchs, und deren Schönheit der leidenschaftliche Fotograf gerne mit der Kamera einfing und nun in Form seiner Musik in die Welt trägt.

/ LS

MS Stubnitz
26.10.17, 20:30 Uhr 

So wollen wir wohnen: WG mit einem Geflüchteten

Wohnexperiment: Einen Flüchtling bei sich zu Hause aufzunehmen, kann das klappen? Die 27-Jährige Mireia hat einen Versuch gewagt und lebt nun seit etwa einem Jahr mit Saad zusammen in einer WG. Hier prallen Welten aufeinander

Das Geschirr stapelt sich in der Küche, die Wände sind mit Fotos tapeziert, der Hund begrüßt je-den Besucher bereits an der Tür. Auf den ersten Blick eine ganz normale Studentenbude. Die Bewohner: Wahl-Hamburgerin Mireia und der Geflüchtete Saad, der hier vor einem Jahr sein neues Zuhause gefunden hat.

Damals war Mireias ehemalige Mitbewohnerin ausgezogen. Anstatt das freigewordene Zimmer in einem Internetportal auszuschreiben, entschied sich die Bio- chemie-Studentin dafür, einen Geflüchteten aufzunehmen. „Ich hatte keine Lust mehr auf eine normale WG und fand den Gedanken cool, mit einem Flüchtling zusammenzuleben und damit gleichzeitig etwas Gutes tun zu können.“ Über Google stieß sie sofort auf die Organisation „Flüchtlinge Willkommen“ und meldete sich an. Und dann ging auch schon alles ganz fix: „Zwei Tage danach kam schon ein Anruf: Man habe einen Kandidaten, der ganz gut passen würde. Zwei Wochen später ist Saad schon eingezogen“.

Die Stolpersteine wurden beiden erst dann in den Weg gelegt: Mehrmals musste Mireia Saad zum Jobcenter begleiten und dafür kämpfen, dass die Miete des derzeit Arbeitslosen übernommen wird. Doch die zuständige Sachbearbeiterin stellte sich zunächst quer. „Sie hat mir sogar vorgeworfen, ich wolle sie betrügen und Steuergelder kassieren. Das war alles ziemlich absurd. Aber nach dem vierten oder fünften Mal hat es dann geklappt“, erzählt die gebürtige Spanierin.

Für den 29-Jährigen Eritreer waren dies nur kleine Probleme – schließlich war er schon zehn Jahre lang in Äthiopien, dem Sudan und Ägypten unterwegs, bevor er vor zwei Jahren in einem Flüchtlingscamp in Deutschland ankam. Die Suche nach einer eigenen Wohnung entpuppte sich als schwierig. „Als Flüchtling ist es nicht immer einfach, eine Wohnung zu kriegen, weil die Leute denken, dass man nur Probleme bereitet – vor allem, wenn man im Jobcenter angemeldet und arbeitslos ist.“

Seitdem er mit Mireia zusammenlebt, scheinen die größten Hürden überwunden. Wenn er den Einstellungstest besteht, wird Saad schon bald an der Uni studieren und sich damit einen Traum erfüllen – ein Studium wäre in seiner Heimat nicht möglich gewesen. Dafür lernt er gerade fleißig Deutsch. Das wäre im Flüchtlingscamp ohne einen einzigen Rückzugsort undenkbar gewesen. Jetzt hat er sein eigenes kleines Reich, und auch Mireia ist mit der Wahl ihres Mitbewohners mehr als zufrieden.

Ich finde es bemerkenswert, dass man zehn Jahre nirgendwo richtig zu Hause ist und trotzdem noch Bock hat anzukommen

„Das Zusammenleben ist easy. Wir sind beide ziemlich locker. Deswegen klappt das auch so gut“, findet Mireia, die neben ihrem Studium in einer Bar aushilft. Ein Putzplan wird nicht gebraucht. Was die Einkäufe betrifft , sind keine großen Absprachen nötig. Und gestritten haben sich die beiden auch noch nie so richtig, betonen sie. Das klingt fast zu schön, um wahr zu sein. „Es ist einfach, mit jemandem wie Mireia zusammenzuleben. Einige meiner Freunde leben auch in WGs, aber da läuft viel falsch, es gibt andauernd Missverständnisse. Mir ist es sehr wichtig, dass man sich nicht ständig wegen jeder Kleinigkeit streitet. Mireia ist einfach sehr unkompliziert“, schwärmt Saad von seiner Mitbewohnerin. Außerhalb der eigenen vier Wände unternehmen die beiden nur wenig. Dafür kochen sie gern zusammen und plaudern stundenlang. Worüber? „Wenn wir uns sehen, enden wir irgendwie immer bei Politik. Es ist immer wieder interessant, darüber zu sprechen, da unsere Herkunftsländer total unterschiedlich sind. Saad hat mir zum Beispiel viel über das politische System in Eritrea erzählt. Vorher habe ich zwar schon mal etwas über sein Heimatland gehört, wusste aber fast gar nichts darüber“, gibt Mireia zu.

Genau das sei auch das Interessante daran, mit einem Geflüchteten ein Zuhause zu teilen: „Man lernt unendlich viel über eine völlig fremde Kultur.“ Am meisten bewundert Mireia allerdings den schier endlosen Ehrgeiz ihres Mitbewohners, der in Deutschland bereits für einige Monate als Dolmetscher gearbeitet hat. „Ich finde es bemerkenswert, dass man zehn Jahre nirgendwo richtig zu Hause ist und trotzdem noch Bock hat anzukommen. Er konnte vorher schon sechs Sprachen, hat jetzt wieder eine neue gelernt, geht zur Schule und will studieren. Er fängt nochmal von vorn an, obwohl er das alles schon mehrfach hinter sich hat. Und all das, weil es das Schicksal so vorgesehen hat und nicht, weil er es sich so ausgesucht hat. Ich habe sehr viel Respekt davor.“

Ich würde eine WG mit einem Flüchtling empfehlen, wenn man sich Zeit gibt, dass sich das entwickeln kann.

So unkompliziert wie bei Mireia und Saad läuft es mit Sicherheit nicht immer, wenn zwei unterschiedliche Kulturen aufeinanderprallen. Weiterempfehlen würde Mireia das noch recht ungewöhnliche Wohnmodell auf jeden Fall trotzdem. Als sie von ihrer Entscheidung erzählte, war ihr Umfeld skeptisch. Schließlich kenne sie den fremden jungen Mann, der bei ihr einziehen soll, doch gar nicht, und wie solle das überhaupt funktionieren, wenn man so verschieden tickt, hieß es. Doch die 27-Jährige hat sich getraut und sagt heute: „Ich kann es nur jedem nahelegen, der ein Zimmer frei hat und offen für Experimente ist.“

Auch Saad denkt, dass man der Sache eine Chance geben sollte, wenn man seinen Horizont erweitern möchte. „Ich würde eine WG mit einem Flüchtling empfehlen, wenn man sich Zeit gibt, dass sich das entwickeln kann. Es werden sich früher oder später Konflikte ergeben, und beide Seiten müssen bereit sein, auch mal einen Kompromiss einzugehen. Man sollte auch niemanden erwarten, der perfekt ist. Jeder wird mal Fehler machen, weil er eine Situation falsch eingeschätzt hat. Das muss man riskieren.“ Auch in diesem Punkt sind die beiden sich also einig. Es wirkt, als wären die zwei ein schon seit Ewigkeiten eingespieltes Team. „Wir haben uns irgendwie gesucht und gefunden.“

www.fluechtlinge-willkommen.de

Text: Marina Höfker / Foto: Philipp Jung


Szene Hamburg Titel Oktober Der Text ist ein Auszug aus der Titelgeschichte „So wollen wir wohnen“ in SZENE HAMBURG, Oktober 2017. Das Magazin ist im Oktober 2017 am Kiosk und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!


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Der große Fischbrötchen-Check

Ob in der Pause oder als Mitternachtscheck – ein Fischbrötchen ist immer eine gute Option. Unsere Kollegin Jana Belmann hat eine Woche lang jeden Tag ein Fischbrötchen gefuttert. Ihr Resümee:

Brücke 10: Elbe pur

Es ist 13 Uhr an den Landungsbrücken. Eine Schlange von Touris bildet sich vor der Brücke 10 und die Fischbrötchen gehen im Akkord über die Theke. Trotz des Ansturms halte ich nach nicht mal drei Minuten das Brötchen meiner Wahl in den Händen. Ob Winter oder Sommer, hier kann man zu jeder Jahreszeit draußen sitzen, in Decken gewickelt und auf Lammfelle gekuschelt. Aus den Lautsprechern klingt der leise Sound einer Gitarre und das Wasser der Elbe schwappt gegen den Steg. Während mir die Sonne ins Gesicht scheint, beiße ich in ein Brötchen mit geräucherter Makrele (4,50 Euro). Die ist gut gewürzt und saftig. Da stört auch das etwas trockene Brötchen kaum. Bei dieser Aussicht und der Auswahl an zehn verschiedene Fischbrötchen kann man nichts falsch machen.

Preis/ Leistung 4/5
Geschmack 4/5
Flair 5/5
Lage/Erreichbarkeit: St. Pauli-Landungsbrücken 10 (St. Pauli). S1, S2, S3, U3 oder Bus (111, 112) bis Landungsbrücken

Fisch Loop: Traditionsgeschäft

An einem Nachmittag mitten in der Woche verschlägt es mich ins Fisch Loop. Gähnende Leere. Um die Mittagszeit ist hier wohl mehr los als um 17 Uhr. In diesem Traditionsgeschäft fühle ich mich in die 80‘er Jahre zurückversetzt. Die Kacheln sind grau, auf manchen sind bunte Schiffe abgebildet. Quer durch den Laden erstreckt sich eine riesige Theke aus denen ganze Fische mit Eis bedeckt in Richtung des Besuchers glubschen. Das günstige Brötchen mit Räucherlachs wird frisch mit drei großen Stücken Lachs belegt, dann noch ein Salatblatt, Zwiebeln – fertig. Zum puren Geschmackserlebnis hätte noch ein wenig Sauce gefehlt. Dieser Laden versteht sein Handwerk, frischen Fisch gibt’s hier allemal.

Preis/Leistung 4/5
Geschmack 3/5
Flair 3/5
Lage/Erreichbarkeit: Straßburger Straße 15 (Dulsberg).
U1 bis Straßburger Straße

Kleine Haie große Fische: Bier, Schnack und Fisch

Anstatt die alkoholbedingte nächtliche Heißhungerattacke mit einem Döner zu stillen, sollte man lieber zum Fischbrötchen greifen. Bei Kleine Haie große Fische gibt’s die frisch belegt und einen netten Schnack gratis dazu. Am Wochenende treffen sich hier die Nachtschwärmer auf engstem Raum für einen Mitternachtssnack. Ein Stammgast empfiehlt mir den Stremellachs mit etwas Chilisauce. Ich folge der Empfehlung, aber ohne die Chilisauce. Das Brötchen ist fix fertig: mit saftigem Fisch, Salat und frischen Gurkenscheiben. Zusätzlich noch mit etwas Butter bestrichen – wirklich lecker. Auf der Bank vor dem kleinen Laden beobachte ich wie sich der Kiez langsam mit Menschen füllt, um die Nacht zum Tag zu machen.

Preis Leistung 4/5
Geschmack 4/5
Flair 4/5
Lage/Erreichbarkeit: Querstraße 4 (St. Pauli). S1, S2, S3 oder mit dem Bus (111, 36, 37) bis Reeperbahn

Veddeler Fischgaststätte: Futtern wie bei Muttern

Die Veddeler Fischgaststätte ist eine echte Institution in Hamburg. Seit mehr als 80 Jahren wird hier frischer Fisch auf dem Teller und im Brötchen serviert. Obwohl das kleine Häuschen sich momentan mitten in einer Baustelle befindet, lasse ich mich vom äußeren Eindruck nicht täuschen. Im Inneren empfängt mich ein uriger Gastraum mit Seemannsknoten und alten Fischernetzen an den Wänden. In diesem Häuschen sieht alles noch genauso aus wie damals, als Hans Albers noch lebte! Leider gibt’s nur zwei Fischbrötchen zur Auswahl: Fischfrikadelle oder Backfisch. Letzteres schmeckt tatsächlich knackfrisch. Bei meinem nächsten Besuch werde ich aber eine große Portion Fisch mit Kartoffelsalat probieren.

Preis/Leistung:4/5
Geschmack 3/5
Flair 4/5
Lage/Erreichbarkeit: Tunnelstraße 70 (Veddel). S3, S31 bis Veddel

Eier Carl: Das Gesamtpaket

Ein Fischbrötchen mit Lachs kostet hier stolze 4,80 Euro. Ich habe es trotzdem probiert und wurde vollends überzeugt. Eier Carl ist ein Restaurant direkt gegenüber von der Fischauktionshalle mit einer kleinen Auswahl an frisch zubereiteten Fischbrötchen. Als die Kellnerin meine Bestellung an den Tisch bringt, werde ich angelächelt von einem wunderschönen Salatblatt, einer gigantischen Menge Lachs und Zwiebeln. Die Innenseiten sind leicht mit Remoulade bestrichen. On Top gibt’s noch kleine Gewürzgurken. Einfach lecker. Wenn das Wetter mitspielt, kann man auf dem weitläufigen Platz sehr schön draußen sitzen, das turbulente Treiben am Hafen beobachten und die letzten Sonnenstrahlen genießen.

Preis/Leistung 4/5
Geschmack 5/5
Flair 4/5
Lage/Erreichbarkeit: Fischmarkt 3 (St. Pauli). S1, S2, S3, U3 bis Landungsbrücken oder Bus 111 bis Fischauktionshalle

Texte und Fotos: Jana Belmann 


Who the fuck is…

 

…Jana Belmann?
Mindestens bis Weihnachten kann die 23-Jährige jetzt keine Fischbrötchen mehr sehen. Für SZENE HAMBURG Uni-Extra (erschienen im Oktober 2017) probierte die Lüneburger KuWi-Studentin eine Woche lang jeden Tag einen anderen Fischimbiss aus. Jetzt weiß Jana, wo der Lachs am besten schmeckt.


 Der Text ist ein Auszug aus dem SZENE HAMBURG Uni-Extra (Ausgabe Herbst/Winter 2017/18) 


Afro-Party: Kalakuta in Hamburg

Afro-Party: Im Oktober kehrt die Kalakuta-Reihe aus der Sommerpause zurück. Martin Moritz, Teil des erfolgreichen Hamburger Slow-House-Trios Sutsche, veranstaltet den Abend seit fünf Jahren im Golem

Zwirbelt gerne Afrobeats: Martin Moritz. / Foto: Beta Lounge Hamburg

SZENE HAMBURG: Kalakuta in Hamburg. Was ist das?
Martin Moritz: Ein Afro-Allnigter in der Bar vom Golem, zu dem ich jeweils Gast-DJs einlade. Ich widme mich dort ausschließlich der Musik des afrikanischen Kontinents mit Schwerpunkt auf die sogenannte goldene Ära: Afrobeat, Soukous, Highlife, Makossa, Benga und artverwandtes aus West- und Zentralafrika der 70er bis 90er. Aber auch Kwaito aus Südafrika, Coupé Décalé von der Elfenbeinküste oder Naija Pop aus Nigeria. Im Partykeller, der Krypta, gibt es vom Golem parallel häufig House-Veranstaltungen. Das ist immer schön, weil es große Schnittmengen gibt und eine tolle Erfahrung, wenn Leute, die eigentlich wegen House oder Techno kommen, zu Afrobeats tanzen.

Du bist auch in der Krypta gestartet. Mittlerweile bist du an die Bar gezogen. Warum?
Ich finde den Raum schöner und mag es, auf eine musikalische Reise zu gehen, wo nicht die ganze Zeit gefordert wird. Von jedem an Disco orientierten Floor ist man es als DJ eher gewohnt zu pushen, aber ich finde es spannend, auch mal deepe Sachen zu spielen und die ersten Stunden ein bisschen ruhiger anzugehen. Man kann die Leute dort in einer Bar-Situation abholen und ihnen von hier die Polyrhythmen in die Hypophyse zwirbeln (lacht).

Woher stammt der Begriff Kalakuta?
Das ist der Name einer Kommune, die Fela Kuti 1970 in Lagos, Nigeria, gegründet hat. Der Übervater des Afrobeat, Yoruba-Priester und spätere Präsidentschaftskandidat, hat sich damals politisiert und festgestellt, dass er emanzipatorische Lebensformen sucht. Er zog mit seiner Familie und gesamter Entourage von Tänzern bis Anwälten dorthin. Es gab ein Aufnahmestudio, den legendären Nachtclub The Shrine und sogar eine Krankenstation. Traurige Berühmtheit erlangte der Ort durch wiederholte brutale Überfälle durch das Militär, die in diversen Fela-Songs thematisiert wurden.

Wie bist du zur afrikanischen Musik gekommen?
Vor zehn Jahren habe ich angefangen, solche Platten zu kaufen. Ich befand mich beim Auflegen in einer kleinen Sinnkrise. Das war die Techhouse-Zeit und ich hatte das Gefühl, mich damit ein bisschen in die Ecke gespielt zu haben. Afrika fand ich schon immer interessant und war damals ein blinder Fleck auf meiner musikalischen Landkarte. Gleichzeitig hat so gut wie jede westliche Popmusik ihre Ursprünge in Afrika. Deswegen habe ich mich darauf gestürzt, weil es so viel zu entdecken gab und gibt. Als ich mich später entschlossen habe, eine Party im Golem zu machen, musste ein Name her. Nach langem Hin und Her habe ich mich für Kalakuta entschieden, was eine sehr weit verbreitete Referenz in Afro-Kontexten ist.

Langes Hin und Her?
Ja, weil ich nicht einen ausschließlichen Afrobeat-Abend machen wollte. Fela Kuti gilt als Schöpfer des Genres und ist sicher mein Favorit. Aber eigentlich gilt mein Interesse dem ganzen afrikanischen Kontinent und den verschiedenen lokalen Musik- formen, ihren vielfältigen Tonalitäten und Rhythmen. Afrobeat liegt auch die abstrakte Idee einer panafrikanischen Musik zugrunde, als Utopie eines vereinten, emanzipierten Afrika. Die hat auch Fela Kuti aufgeführt, um die Einheit aller afrikanischen Menschen weltweit, unabhängig von ihrer Ethnie oder Nationalität, zu propagieren. Ich würde gerne dieser Vision von Afrika und nicht zuerst einer geografischen Idee Tribut zollen.

Wer besucht dich im Oktober?
Das wird ein Gipfelchentreffen, von dem ich schon seit langer Zeit träume. Das in Bochum ansässige Label Kalakuta Soul Records verwöhnt seit 2013 mit exklusiven Produktionen und Edits. Die entsprechenden Kalakuta Soul Partys sind bereits Legende. Ich freue mich, mit Guy Dermosessian endlich einen der beiden DJs und Labelbosse hinter den Plattenspielern zu begrüßen. Er ist in ganz Europa unterwegs und deren Partys spannen einen Bogen aus allen vier Ecken der Welt. Wir werden dann aber einen rein afrikanischen Fokus haben. Mune_Ra und Sinza Musila machen den Abend komplett.

Du sagtest, dass du selber vor zehn Jahren angefangen hast, solche Platten zu kaufen. Wo?
Meine Plattenläden hier in Hamburg sind allen voran Groove City und Zardoz. Und natürlich kann man in Secondhand-Läden Glück haben. Aber zur Orientierung habe ich immer das Internet genutzt. Allein schon deswegen, weil die Stadt keine Hochburg für afrikanische Musik ist. Die Szene ist sehr klein und Hamburg eher konservativ, was Trends angeht. Als ich vor fünf Jahren anfing, kannte ich hier kaum Afro-Partys. Ich fand es immer sehr bedauerlich, dass es kaum interkulturellen Austausch gibt. Die Kalakuta-Party sollte daher immer eine Brücke schlagen und möglichst offen und niedrigschwellig Leuten unabhängig vom Hintergrund eine Plattform zum Treffen und Tanzen geben.

Funktioniert das?
Total. Und deswegen wollte ich mit meiner Afro-Party auch nicht etwa in einen Black-Music-Club oder in einen Techno-Club, sondern möglichst in einen Laden, der zwar anerkannt ist, aber unterschiedlich bespielt wird. Sich also keine Tradition vorschreibt und die Regeln für sich formuliert hat. Ich möchte lieber Leuten afrikanische Musik vorspielen, die zufällig dabei sind oder sich nicht ständig auf HipHop- oder Reggae-Partys aufhalten. Die schönsten Momente sind die, wenn unterschiedliche Leute zueinander finden. Neulich habe ich beim Auflegen bemerkt, da tanzen 60-jährige Muttis, die die Bands von früher kannten mit 20-Jährigen, die wegen des Ladens da waren. Wenn man sich mit denen hinsetzen würde, haben die wahrscheinlich komplett unterschiedliche Ideen davon, was gerade läuft. Aber genau das ist doch spannend.

Interview: Ole Masch / Beitragsbild: Kalakuta Soul Besuch – Guy Dermosessian. Foto: Atmir_Dolci

21.10., Golem, 22 Uhr