Sabiha: „Ein Schmuckladen voller Erinnerungen“

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Wir fischen sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir Sabiha begegnet

Protokoll: Rosa Krohn

„Hier im ‚Süßen Pavillion‘ duftet es immer wunderbar nach Anis. Ich arbeite seit fast zehn Jahren fest in dem Süßwarenbetrieb meiner Eltern hier am U-Bahnhof Schlump. Wir haben rund 130 Sorten Süßes im Sortiment, von fruchtigen Mischungen über spezielle Lakritze bis zu traditionellen regionalen Süßigkeiten, wie Hamburger Speck und mittlerweile sogar einen zweiten Stand im Busbahnhof Wandsbek-Markt. Mein Vater kam damals als Gastarbeiter aus der Türkei nach Hamburg und arbeitete erst in Fabriken. Durch Kollegen kam er auf die Idee, einen Süßigkeiten-Stand zu eröffnen und begann sich – gemeinsam mit meiner Mutter – mit nicht einmal 30 Sorten selbstständig zu machen.

Das war vor 32 Jahren. Seither haben meine Eltern immer viel gearbeitet. Deshalb ging es für uns Kinder nach der Schule meist direkt hierher. Während meine Geschwister andere Wege gegangen sind, hat es mich ins Familienunternehmen gezogen. Nach der Schule habe ich deshalb auch eine Ausbildung zur Verkäuferin gemacht und Erfahrungen gesammelt. Ein Teil der Geschichte meiner Familie zu sein, ist eine Herzensangelegenheit. Ich bin stolz, an der Seite meiner Eltern zu stehen und sie zu unterstützen. Damit kann ich etwas zurückgeben, denn sie haben immer hart für die Zukunft ihrer Kinder gekämpft und dabei viel geopfert. 

Süße Geschichten

Für mich war auch schon früh klar, dass es mich in den Verkauf verschlagen würde. Ich liebe es, mit Menschen in Kontakt zu sein. Schüchternheit oder Berührungsängste waren dabei nie ein Problem. Ich liebe es auch länger mit den Kunden zu reden. Es bleibt meist nie beim einfachen Verkaufsgespräch, denn gerade Süßwaren wecken viele Erinnerungen. Ältere Menschen erzählen mir oft, wie sie genau diese Bonbons damals als Kind für drei Pfennig im Glas bekommen haben und heute kommen sie mit ihren Enkelkindern zu uns.

Vor Kurzem kam eine Mutter mit ihrem Kind und erzählte, wie sie vor vielen Jahren als Studentin herkam und sich was Süßes kaufte. Das ist schon verrückt. Alles hier hat seine Geschichte. Mein Papa nennt unser Geschäft immer einen Schmuckladen. Ich finde, das ist ein passender Vergleich: Der Laden erleuchtet besonders am Abend den U-Bahnhof, hinter den Vitrinen funkelt es und wenn man genauer hinschaut, sieht man einen Ort voller wertvoller Geschichten und Erinnerungen: Unsere Familiengeschichte, die Geschichte der Hersteller, der Kunden, ihrer Kinder und Enkel. Bis heute bereue ich keinen Moment, in unserem Betrieb zu arbeiten. Wenn ich noch mal neu auf dieser Welt anfangen müsste, würde ich den gleichen Weg gehen.“


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Andreas: „Ich mag mich“

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Wir fischen sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir Andreas begegnet

Protokoll: Rosa Krohn

„Der Platz hier am Hühnerposten ist mein Lieblingsort. An kalten Tagen gehe ich meist in die Bücherhalle und bei gutem Wettersitze sitze ich einfach hier und füttere Tauben. Diese Friedlichkeit ist einfach schön. Ich bin jetzt 63 und seit vier Jahren arbeitslos. Damit mir zu Hause die Decke nicht auf den Kopf fällt, gehe ich gern raus. Zuletzt habe ich als leitender Buchhalter gearbeitet. Die Firma ist Konkurs gegangen und sich mit 60 noch mal zu bewerben, da ziehen die Leute nur die Augenbrauen hoch. Man könnte zwar von meiner jahrelangen Erfahrung profitieren, aber ich bin eben alt. Zwar wird es einem nie so direkt gesagt und am Anfang haben mich die Absagen und all die Ausreden auch wütend gemacht. Doch mittlerweile habe ich mich damit abgefunden. Auch bei der Arbeitsagentur haben sie akzeptiert, dass es für mich nichts mehr gibt. 

„Zurück auf null“

In meinem Berufsleben bin ich viel rumgekommen. Eine Weile war ich als freiberuflicher Dozent im Osten von Dresden bis nach Bergen auf Rügen unterwegs. Die Lehrtätigkeit war meine Berufung. In den 1990er-Jahren durfte ich sogar mal eine Klasse mit Einzelhandelskaufleuten übernehmen. Da kam ich rein, habe mich vorgestellt und mich nach dem Wissensstand der Klasse erkundigt. Ein Desaster. Ich bat sie, alles wegzuschmeißen. Zurück auf null. Und dann habe ich mit ihnen von vorn angefangen. Wenn ich mal mitbekam, dass es abseits des Unterrichts Probleme gab, mit Behörden oder dem Arbeitsamt, dann haben wir auch solchen Dingen mal eine Stunde gewidmet. Mein Problem war irgendwann, dass die Arbeit nicht mehr so gut bezahlt wurde und das Hin und Her hat sich nicht mehr gelohnt. Also habe ich die Stelle in der Buchhaltung angenommen. 

Offen für Australien

Als die Firma vor knapp drei Jahren Konkurs ging, kam mir das gelegen. Ich hatte keine Lust mehr auf den Job. Eine Zeit lang habe ich noch freiberuflich Nachhilfe gegeben. Tja, und inzwischen macht es mir Spaß, Tauben zu füttern (lacht). Ich stehe morgens gegen 8 Uhr auf, telefoniere mit Freunden und gehe frühstücken. Immer mit dabei: mein kleines Radio und meine Kopfhörer. Ich setze mich dann in einen Laden in der Mönckebergstraße und schaue, wie die Leute vorbeischlendern. Dann komme ich hier her. Ich fühle mich pudelwohl allein. Es wird so oft gesagt: ‚Allein gleich einsam.‘ Aber ich komm unheimlich gut mit mir klar, ich mag mich. Natürlich habe auch ich Phasen, in denen ich sage: ‚Andreas, du siehst scheiße aus‘. Aber solche Phasen hat doch jeder. Gerade kann eigentlich alles so bleiben. Ich bin aber immer offen für Neues. Wenn mich jemand fragt, ob ich Lust hätte, ’n Jahr mit nach Australien zu gehen, würde ich das machen – aber nur in der Sommerzeit!“


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Beatrixe: „Bis sie mich mit den Füßen voran aus dem Bus tragen“

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Wir fischen sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir Beatrixe begegnet

Protokoll: Rosa Krohn

„Ich bin seit 26 Jahren eine Stewardess am Boden. Ich arbeite als Reisebegleiterin in sogenannten Bistrobussen. Auf unseren Reisen quer durch Europa sitzen die Gäste oben und werden unten im Bistro verwöhnt. An den Zielen betreue ich die Gruppe dann bei den geplanten Programmpunkten. Lange Zeit habe ich das gemeinsam mit meinem zweiten Ehemann hauptberuflich gemacht. 

Einen Spitzenjob aufgeben, um Würstchen zu verkaufen?

Ich war damals Anfang 40 als er auf mich zukam und sagte: ‚Ich will einen Busschein machen.‘ Er fing an als Fahrer für Reiseunternehmen zu arbeiten und ich hatte damals noch eine gut bezahlte Stelle als Filialleiterin in einem Modegeschäft. Als er mir dann vorschlug, ich solle doch als Servicekraft mitkommen, war ich mir eigentlich sicher, dass ich meinen Spitzenjob nicht aufgeben will, um Würstchen zu verkaufen! Doch er überredete mich, es mal auszuprobieren: vier Tage Paris. Da war es um mich geschehen: die Leute, die Stadt, die Seine und anstatt Geld dafür zu bezahlen, verdiente ich welches. Meine Kinder waren zu dem Zeitpunkt bereits erwachsen und am Ausziehen. Ich habe also meinen Job gekündigt und meinen Mann begleitet. Er war zehn Jahre jünger als ich. Irgendwann hatte er das Gefühl, dass noch etwas Anderes kommen müsste. Er hatte sich neu verliebt und mir alles erklärt. Ich wusste, dass ich niemanden halten kann, der gehen möchte.

,Arbeiten hat nichts mit dem Alter zu tun‘

Zwei Jahre arbeitete ich noch weiter als Reisebegleiterin in dem Betrieb, aber es tat mir zu sehr weh. Dann ging ich zurück in meine Heimat und fand erneut eine Stelle als Filialleitung in einem kleinen Modegeschäft, in dem ich bis zur Rente gearbeitet habe. Über die ganze Zeit ist der Kontakt zu meinen alten Kollegen im Reiseunternehmen aber nie abgerissen. 2017 bin ich dann in Rente gegangen und sie haben gefragt, ob ich noch mal Lust hätte, als Stewardess zu arbeiten. Tja, und jetzt bin ich 68 Jahre alt und arbeite in meinem Traumberuf einfach so lange weiter, bis sie mich mit den Füßen voran aus dem Bus tragen. Arbeiten hat für mich nichts mit dem Alter zu tun, sondern mit der Einstellung und Reisen hält jung! Man hat mit gut gelaunten Urlaubern zu tun und sieht viel von der Welt. Ich fühle mich überall zu Hause. Mein Mann und ich sind getrennte Wege gegangen, aber das Reisen lässt mich nicht mehr los. Heute bin ich alleinstehend, geheiratet habe ich nicht noch mal – reiselustige Männer können sich also gerne melden! (lacht)“ 


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Camran: „Ich komm’ nicht am Kino vorbei“

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Wir fischen sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir Camran begegnet

Protokoll: Rosa Krohn

„Ich arbeite neben meinem Studium im Passage Kino. Ich bin absolut filmbegeistert und kann mit dem Job einen Teil meiner Leidenschaft ausleben. Als Mitarbeiter im Kino ist man meist unsichtbar und trotzdem ist es großartig, ein Teil von Hamburgs Kinowelt zu sein. 2017 habe ich hier das erste Mal einen Film gesehen und sofort nach offenen Stellen gefragt. Seitdem bin ich im Ticketverkauf oder an der Bar tätig. Was ich aber am liebsten mache, ist der Job des Platzanweisers. Damit ist man am nächsten an dem dran, was tatsächlich im Kinosaal passiert. Auf der Leinwand können dabei Dinge stattfinden, die so tief in das Leben oder in das, was man sich vom Leben erhofft, eindringen, wie es der Realität oft nicht gelingt. Man reist durch die Zeit und durch die Welt. 

Der Film und die Stadt

Neben meiner Arbeit hier gehe ich selbst zwei- bis dreimal wöchentlich ins Kino. Dabei liegen mir besonders die Programmkinos am Herzen. Sie führen mich durch die Stadt. Das Schöne am Film ist, dass man nach dem Kinobesuch ganz anders mit der Stadt interagiert. Ich liebe das wiederkehrende Gefühl, nach einem guten Film zurück ins Leben zu gehen. Auf Hamburgs Straßen zu spüren, wie man durch das, was man soeben im Saal erlebt hat, geprägt ist. Zu sehen, wie die Stadt darauf reagiert. Mal ist Hamburg dann eine italienische Stadt in den 1960er-Jahren, mal New York im Winter oder eine Wüste im Iran. Die Stadt hat die Fähigkeit, Gesehenes zu erweitern und zu verschönern, ohne es naiv zu idealisieren. Ich habe mich schon oft vor einem Film schlecht gefühlt und danach wieder gut. 

Die Realität bleibt wichtiger

Der gemeinsame Nenner guter Filme liegt für mich darin, wie persönlich sie sind, so beschrieb es auch der norwegische Regisseur Joachim Trier kürzlich in einem Interview. Für mich kann ein Film unabhängig von Genre und Form gut sein. Wenn er mich einnimmt und auffordert, dem Wunsch nachzugehen, innerlich zu handeln und zu erfahren, was uns ausmacht, was schön und was gut ist. Trotzdem ist es mir wichtig zu betonen, dass ich das Leben dem Film immer vorziehe. Die Realität ist und bleibt wichtiger. Letztlich ist das Kino für mich nüchtern betrachtet mein Arbeitsplatz und dennoch: Als die U3 lange Zeit nicht fuhr, kam ich auf dem Nachhauseweg täglich mit dem Bus hier entlang und stieg jedes Mal aus. Immer. Ich komm’ einfach nicht am Kino vorbei.“


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Yoann: „Vor einigen Jahren wirkte die Welt noch so offen und frei“

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Wir fischen sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir Yoann begegnet

Protokoll: Rosa Krohn

„Ich komme gerade aus Dänemark, wo meine Freundin ein Erasmus-Semester macht, und fahre heute Abend weiter nach Frankreich. Ich studiere in Paris und wohne in der Bretagne. Ich lebe mit vier Mitbewohnern in einem alten Haus auf dem Land. Der Wechsel vom ruhigen Landleben in die Hektik der Metropole ist immer ein kleiner Schock, aber ich liebe die Abwechslung: reisen, verschiedene Kulturen erkunden und Sprachen lernen. Ich spreche Französisch, Englisch, Spanisch, ein wenig Japanisch und versuche mich gerade an Deutsch.

Während ich es genieße, dank der Erasmus-Programme überall verteilt auf der Welt Freunde zu haben, habe ich seit einiger Zeit aber auch das Gefühl, dass es immer schwieriger wird, in Frieden zu leben und zu reisen. Erst die Terroranschläge in Frankreich, dann Corona, jetzt der Krieg in der Ukraine … 

„Frieden in Europa ist nicht selbstverständlich“

Vor einigen Jahren wirkte die Welt aus europäischer Sicht noch so offen und frei. Jetzt habe ich das Gefühl, dass sich das verändert hat. Ich lese gerade „Die Welt von Gestern“ vom österreichischen Schriftsteller Stefan Zweig. Er schrieb das Buch kurz vor seinem Tod und beschreibt, wie es war, Anfang des 20. Jahrhunderts in Wien aufzuwachsen – ein Leben als Europäer in (Vor-)Kriegszeiten. Es ist traurig, dass das Buch wieder an Aktualität gewinnt.

Als Russland den Krieg begann, war das ein Schock. Ich dachte, so was würde nie in meinem Leben passieren. Ein Freund von mir ist Ukrainer und lebt in Kiew. Er darf das Land nicht verlassen und muss kämpfen. Das ist eine gruselige und surreale Vorstellung. Es erinnert einen daran, dass Frieden in Europa nicht selbstverständlich ist. 

In Frankreich haben wir einen Präsidenten, dessen Eltern und er selbst noch nie Krieg erleben mussten. Wir haben eigentlich Glück, im richtigen Augenblick auf der Welt zu sein. Ich hoffe sehr auf eine friedliche Zukunft.

Später würde ich gerne ein wenig Land in den Bergen haben und ein kleines Haus bauen – vielleicht mit einem Skatepark. Ich skate schon seit zehn Jahren. Ich bin zwar kein Profi, aber es macht mir Spaß und hilft beim Abschalten. Bis mein Bus abfährt, habe ich noch ein paar Stunden – hast du einen Tipp, wo man hier gut skaten kann?“


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Frauke: „Warte nicht auf den richtigen Zeitpunkt!“

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Wir fischen sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir Frauke begegnet

Protokoll: Rosa Krohn

„Ich wohne zusammen mit meinem Freund und meiner neunjährigen Hündin Frida auf der Schanze. Frida tut uns sehr gut, sie gibt einem immer einen Grund, aus dem Homeoffice mal an die frische Luft zu kommen. Sie ist auch dabei, wenn wir auf Reisen gehen. Letztes Jahr haben wir einen Camper ausgebaut, der jetzt startbereit ist. Wir hoffen, ihn bald nutzen zu können, um Europa näher kennenzulernen. Im Mai möchten wir die Adriaküste umrunden. Was mir schon vor den aktuellen Krisen bewusst war, aber jetzt für mich wichtiger denn je ist: die Dinge nicht aufzuschieben.

„Null Kompromisse, 100 Prozent Freiheit“

Etwas, was ich machen möchte, das mache ich jetzt. Denn da ist so Vieles, was du nicht beeinflussen kannst; du weißt nie, wie es dir oder deiner Familie in der Zukunft geht.

Meine Leidenschaft zu reisen, habe ich nach dem Studium entdeckt. Ich reiste nach Buenos Aires, war dort drei Monate und bin dann noch weiter nach Kolumbien. Das war etwas vollkommen Neues für mich: neue Menschen, neue Perspektiven und mal wirklich mit sich selbst sein. Null Kompromisse, 100 Prozent Freiheit.

In Südamerika lernte ich zwei Franzosen kennen, die auf einer einjährigen Weltreise waren. Ihre Erzählungen faszinierten mich. Ich habe mir damals gesagt, in meinem 30. Lebensjahr mache ich das auch. Und genau so kam es dann. Ich habe damals lange gespart. Kurz vor der geplanten Reise lernte ich meinen Freund kennen und erzählte ihm sofort von meinen festen Plänen. Seine Antwort: ‚Cool, da mache ich mit.’ Er nahm ein Sabbatical und ich kündigte meinen Job. Wir gaben die Wohnung auf und verkauften alles. One Way.

„Lücken im Lebenslauf sind das wirklich Wichtige“

Du musst dir ein Datum setzen: Wann geht es los? Nicht bloß träumen, irgendwann mal dieses und jenes machen zu wollen. Ich rate dir – und das ist nicht nur auf’s Reisen bezogen: Warte nicht auf den richtigen Zeitpunkt, denn den gibt es nicht. Du kannst nur selbst entscheiden, wann es losgeht. Ich glaube, man ist schnell in einem Teufelskreis gefangen, in den dich die Gesellschaft presst: Immer zu arbeiten, bloß keine Pause zu machen.

Aber was, wenn es gar nicht der richtige Job ist? Wie willst du das herausfinden, wenn du nie etwas Anderes gesehen hast, nie mal ausgebrochen bist? Die Lücken im Lebenslauf sind das wirklich Wichtige. Ich habe mal ein Buch gelesen, in dem Sterbende dazu befragt wurden, was sie am meisten bereuen. Häufig fiel die Antwort, Träume nicht verwirklicht zu haben. Ich glaube, wir müssen öfters innehalten und hinterfragen, was wirklich zählt.“


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André: „Es ist ein Land im dauerhaften Kriegszustand“

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Wir fischen sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir André begegnet

Protokoll: Rosa Krohn

„Ich komme aus Syrien. Bevor ich 2015 mit meiner Familie nach Deutschland gekommen bin, war ich einer von 20 Millionen Einwohnern und einer von nur eine Million Christen. Meine Familie, das sind mein Sohn und ich hier in Hamburg. Meine Frau kümmert sich in Aleppo um ihre kranke Mutter und ist deswegen mit meiner Tochter zurück nach Syrien gegangen. Nach Deutschland können sie nicht mehr zurück, weil ihnen der Aufenthalt gekündigt wurde. Ich versuche gerade wieder Arbeit zu finden, um mich einbürgern zu lassen und dann als Sponsor meine Familie zurückzuholen. 

„Ich bin zu alt“

Vor Kurzem bin ich 60 geworden und suche jetzt schon seit fünf Jahren nach einem Job. Ich habe viele Deutschkurse gemacht und auch einen deutschen Führerschein. In Syrien habe ich Französische Literatur und Sprache studiert und ein hier anerkanntes Diplom. Ich wollte gern als Dolmetscher arbeiten. Das hat aber nicht geklappt. Deswegen bewerbe ich mich zum Beispiel als Busfahrer. Aber ich bekomme nur Ablehnungen und keine Begründungen. Ich glaube, ich bin zu alt. Sie wollen junge Leute. 

Dass ich schon so lange nicht mehr arbeiten kann, verletzt meine Ehre. Ich habe mein ganzes Leben mein Geld selbst verdient. In Syrien war ich Unternehmer, hatte eine Modefirma und bin regelmäßig nach Paris gefahren und habe Damenmode importiert. Die Firma gibt es heute nicht mehr. Sie wurde im Krieg zerstört. 

„Nach Syrien zurück ist für mich keine Option“

Wenn ich zurückginge, müsste ich von vorn anfangen. Doch die syrische Regierung unterstützt die Menschen nicht, wie hier in Europa. Es gibt viel Korruption. Menschen sterben vor Hunger – es ist ein Land im dauerhaften Kriegszustand. Wenn ich sehe, was in der Ukraine passiert, macht mich das sehr traurig. Ich fühle, was die Ukrainer fühlen. Jeden Moment kann eine Bombe einschlagen. Ich verstehe nicht, warum sich nicht an einen Tisch gesetzt und miteinander gesprochen wird – ohne Waffen. Sie sind verrückt. Die Menschen verlieren ihre Wohnung, ihre Arbeit, ihre Existenz und ich weiß auch, was sie erwartet, wenn sie flüchten. Auch dann ist es nicht leicht. Mein Plan ist es, es weiter zu versuchen. Nach Syrien zurückzugehen, ist für mich keine Option.“ 


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Mónica: „Meine Familie ist sehr wichtig für mich“

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Wir fischen sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir Mónica begegnet

Protokoll: Rosa Krohn

„Ich komme aus Kolumbien und bin seit fünf Jahren in Deutschland. Ich kam als Au-pair, weil ich ins Ausland wollte. So war das am einfachsten. Mittlerweile habe ich eine abgeschlossene Ausbildung und arbeite Vollzeit, während ich weiter das Kind der Familie betreue, mit der ich seit Corona zusammenarbeite. Ich kenne mich gut mit Kindern aus. In Kolumbien hatte meine Mutter einen Kindergarten und meine beiden jüngeren Schwestern sind schon Mütter. Kinder sind so unschuldig. Du musst bei ihnen nicht alles ernst nehmen. Dank ihrer Fantasie kann man viel Quatsch mit ihnen machen. 

Die Bedeutung der Familie

In zwei Tagen fahre ich für drei Wochen in meine Heimat. Ich freue mich dabei am meisten auf meine Familie. Hier in Deutschland sehe ich oft, dass Kinder erwachsen werden und weggehen, sobald sie volljährig sind. Manchmal reißt der Kontakt dann ganz ab. Ich finde es traurig, wenn ältere Leute ins Altenheim gehen und dort dann vergessen werden. Ich habe viele ältere Menschen kennengelernt, die einsam sind, rauchen, sehr viel trinken und nicht rausgehen. In Kolumbien lebt man gern mit seinen Eltern zusammen, auch wenn man schon eine eigene Familie hat. Meine Familie ist sehr wichtig für mich. Zwar kann ich sie von Deutschland aus momentan besser unterstützen, aber wenn meine Eltern alt werden, dann will ich nach Hause und mich um sie kümmern. Ich denke, sie haben mir das Beste von sich gegeben und das will ich ihnen zurückgeben. Als ich ein Baby war, waren sie für mich da. Und jetzt werden sie irgendwann große Babys, da will ich für sie da sein.

„Das Leben sagt einem, wenn es soweit ist“

Oft werde ich gefragt: ‚Mónica, du bist schon 32. Willst du keinen Mann, keine Kinder?‘ Aber seitdem ich hier bin, arbeite ich ja mit Kindern: Popo saubermachen, füttern, sie duschen und ins Bett bringen – das ist genug. Und ein Freund? Na ja wer weiß, vielleicht ist plötzlich jemand übermorgen am Flughafen oder morgen im Zug. Das Leben sagt einem schon, wann es so weit ist. Jetzt fahre ich erst mal nach Hause und verbringe dort viel Zeit mit den Kindern meiner Schwestern. Das ist also Urlaub, aber auch Arbeit (lacht).“


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Mathias: „Ich will aus Ideen Realität werden lassen“

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Wir fischen sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir Mathias begegnet.

Protokoll: Rosa Krohn

„Ich habe in Lüneburg studiert. Erst Angewandte Kulturwissenschaften und dann Umweltwissenschaften. Schon im Studium habe ich angefangen, viel nebenbei zu machen: 1994 haben wir zum Beispiel die Kaserne in Lüneburg besetzt. Zwei Monate später sind wir mit 60 Leuten eingezogen. Daraufhin hat das Land gesagt: ‚Na gut, wenn die Studierenden schon mal dort sind, dann zieht die Uni da halt auch hin.‘ Seitdem weiß ich: Man braucht ’ne lustige Idee zur richtigen Zeit, ein paar Leute – noch nicht einmal Geld – und dann kann man schon ’ne ganze Menge machen. 

„Wilhelmsburg – da geht was!“

Anfang 2000 kam ich dann nach Hamburg. Die Stadt hat mich schon immer gereizt. Ich habe damals auf die Karte geschaut und dachte sofort: ‚Wilhelmsburg ist das Spannendste überhaupt: Dieses Gebiet zwischen Norder- und Süderelbe – da geht was!‘ Ich habe aber auch sofort das Problem gesehen: Zu wenig Wohnfläche und dadurch auch zu wenig Menschen. So kam es, dass ich mich nach und nach in der Regionalentwicklung engagiert habe. Denn es war klar, es braucht Wohnraum. Anfang der 2000er-Jahre stieß ich auf eine Studie, die gezeigt hat, dass eine Verlegung der Wilhelmsburger Reichsstraße viel Platz schaffen würde. Da bin ich aktiv geworden und habe mit ein paar Leuten der Stadt unsere Wunschvorstellung von Wilhelmsburg präsentiert. Mittlerweile ist das Ganze Realität geworden.

„Ich brauche keine Reichtümer“

Über die Jahre war ich an vielen weiteren Projekten beteiligt. Aktuell versuchen wir mit 20 Haushalten und 40 Leuten eine Baugemeinschaft zu gründen. Damit wollen wir besonders denen helfen, die von Altersarmut betroffen sein werden. Das Projekt ist für mich ein Ansporn immer weiterzumachen: Vor über 20 Jahren habe ich gesehen, wie viel Potenzial Wilhelmsburg hat und jetzt die Früchte zu ernten, das ist schon toll. Ich habe keine Kinder, ich brauche keine Reichtümer, ich muss nichts vererben. Ich will weiter mit vielen lustigen Menschen experimentieren und aus Ideen Realität werden lassen. Denn damit kann man viele Menschen beglücken.“


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Fabian: „Mal über den Tellerrand blicken“

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Wir fischen sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir Fabian begegnet.

Protokoll: Rosa Krohn

„Ich liebe das Reisen. Ich bin vom Charakter her rastlos, möchte immer Neues sehen und entdecken. Deshalb weiß ich auch nicht, wie lang es mich noch hier in Hamburg hält. Weil ich schon so viel gereist bin, sehe ich, wie viel es zu erleben gibt; wie viele interessante Orte, Persönlichkeiten und Momente da draußen warten.

Meine Leidenschaft fing als Jugendlicher an. Mit 17 Jahren bin ich ausgezogen und war seitdem im Grunde überall. Ich bin viel mit dem Zelt unterwegs gewesen, habe in Kanada in den Rocky Mountains oder in Südamerika gezeltet, war in Asien, Ozeanien und Nordamerika: raus in die Natur, Spaß haben und Abenteuer erleben. Als ich noch weniger verdient habe, habe ich ganz klassisch Gebackpacked – immer das Billigste vom Billigsten, von Hostel zu Hostel. Das war eine coole Zeit: Man hat viele interessante Leute kennengelernt, Bier für 70 Cent getrunken und einen Riesenspaß gehabt. Zwischendurch habe ich auch mal mit der Freundin so richtig Urlaub gemacht, beispielsweise in Ressorts. Aber mein Rucksack und ich – wir sind ein Dreamteam. Meine gut bezahlte Arbeit als IT-ler finanziert mir das Reisen heute. Ich weiß, dass das ein Privileg ist und die Möglichkeit nicht jeder hat. Ich schätze es sehr.

Das Zurückkommen

Auch das Zurückkommen tut mir gut und erdet mich: Nach Deutschland zu kommen und zu sehen, in welcher Blase wir hier leben . Wenn du in Malaysia mit einem Motorrad durch Dörfer fährst und siehst, wie Menschen leben können und welches Leben sie führen – teils nicht mal die Basics besitzen – ist das echt ein Augenöffner. Wir genießen hier solch einen Wohlstand … Trotz all der Möglichkeiten und der guten Lebensstandards hier im Land stelle ich oft fest, dass gerade wir Deutschen häufig gestresst und schlecht gelaunt sind. Ich kann es deshalb nur jedem empfehlen, mal über den Tellerrand zu blicken – vorausgesetzt natürlich, man hat die Möglichkeit.

Durch die Pandemie ging das mit dem Reisen eine lange Zeit nicht. Was mir auch hier besonders gefehlt hat, ist die Begegnung, der zwischenmenschliche Kontakt. Als du mich eben angesprochen hast, fand ich das richtig toll. Ich hatte das Gefühl lange Zeit waren die Menschen wirklich sehr distanziert, ängstlich und nervös – eben Social Distancing pur. Aber nun blicke ich positiv in die Zukunft: Durch den Zugang zu Impfstoffen glaube ich, dass Kontakte wieder stattfinden werden. Ich freue mich darauf mit Freunden mal wieder Poker zu spielen – in echt, nicht digital! Ich hoffe darauf, dass zukünftig wieder mehr möglich sein wird. Denn wir Menschen sind ja Herdentiere und ich glaube Kontakt ist etwas, das wir alle dringend brauchen.“


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