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Fotografie als Währung: 8. Triennale der Fotografie

Am 20. Mai beginnt die größte Fotoschau der Stadt mit 20 Ausstellungen und dem Thema „Currency“. Wir sprachen mit der neuen künstlerischen Leiterin Koyo Kouoh über die Triennale-Vorbereitung in Zeiten der Pandemie, über Machtstrukturen und die Wirkkraft der Bilder – und über ihren Blick auf Hamburg

Interview: Karin Schulze

SZENE HAMBURG: Koyo Kouoh, fast jede und jeder macht heute unablässig Fotos, versendet, guckt und kommentiert sie pausenlos. Warum braucht es da noch eine Fototriennale?

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Neue künstlerische Leiterin der Phototriennale: Koyo Kouoh (Foto: Zeitz Mocaa)

Koyo Kouoh: In den letzten 30 Jahren haben die Menschen mehr Bilder produziert als in der gesamten Zeit davor. Das ist erst einmal erschreckend. Jeder meint Fotograf:in zu sein, obwohl niemand denkt, jeder Mensch könne Bildhauer:in oder Ärzt:in sein. Gerade deshalb gilt es, der Fotografie als eigener Kunstform eine Bühne zu verschaffen.

Die 8. Triennale der Photographie Hamburg 2022 versammelt zwölf Schauen in zehn Ausstellungshäusern, ein Festival und die Triennale Expanded unter dem Titel Currency. Was ist damit gemeint?

Mit dem englischen Wort für „Währung“ ist die Fotografie als Transaktionsmittel gemeint. Wir leben in einem retinalen Zeitalter. Nichts wandert zwischen den Menschen so oft hin und her wie Fotografie. Mal in privaten Kontexten, mal in kommerzieller Absicht. Mal um Wahrnehmung zu lenken und mal um gezielt Wertschöpfung in Gang zu setzen. Wenn wir Fotografie unter dem Aspekt der Währung betrachten, reflektieren wir, wie wir zu Fotografie und ihrer Wirkmacht stehen.

„Currency“ ist auch das Thema der von Ihnen zusammen mit Rasha Salti, Gabriella Beckhurst Feijoo und Oluremi C. Onabanjo kuratierten Ausstellung in den Deichtorhallen. Was erwartet uns da?

Wir stellen 29 internationale Positionen vor: etwa den libanesischen Fotografen Riad Antar, der das Verhältnis von Mythologie und Geschichte mit einer linsenlosen Kamera erkundet, oder die ägyptische Künstlerin Rana El Nemr, die Bilder der Selbstreflexion an die Dinge und Erscheinungen ihrer Kairoer Wohnumgebung heftet. Einige Künstler:innen sind in ihren Dreißigern, andere schon in ihren Neunzigern. Es werden experimentelle, dokumentarische und poetische Ansätze dabei sein. Dabei spielt Counter-Mapping, also das Umschreiben von dominanten Machtstrukturen, eine besondere Rolle.

Inwieweit folgen auch die Projekte der anderen Häuser der thematischen Vorgabe „Währung“?

Wir haben mit unserem Verständnis von „Currency“ ein thematisches Gerüst vorgeschlagen, das die Institutionen auf die ihre jeweilige DNA übertragen konnten. Das reicht von einer Gesamtschau des Fotografen Herbert List und seiner Magie des Lichts im Bucerius Kunstforum über eine Neuentdeckung der Hamburger Mode- und Werbefotografin Charlotte March in der Sammlung Falckenberg bis zum Fotoprojekt von LaToya Ruby Frazier zur Wasserkrise in Flint, Michigan, das im Kunstverein in Hamburg gezeigt wird.

Die beiden Jahre der Vorbereitungszeit der Ausstellung waren geprägt von der Corona-Pandemie. Was bedeutete das?

Die kuratorische Arbeit im Team fand vor allem am Bildschirm statt. Wir konnten auch keine Atelierbesuche machen, dafür haben uns die Künstler:innen andere Zugangsweisen zu ihren Werken ermöglicht. Damit war die Planung der Triennale betont umweltbewusst: Wir sind sehr wenig geflogen.

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Cecilia Reynoso: Gaviota serving desert, from the series „The Flowers Family“, 2014

Auch eine verstärkte Beteiligung Hamburger Künstler könnte Kohlendioxid einsparen. Wie sieht es damit aus?

Ein wesentlicher Teil der Triennale ist die sogenannte Triennale Expanded. Aus Vorschlägen von Hamburger Fotograf:innen, Künstler:innen, Kurator:innen und Initiativen wurden zwölf Projekte ausgewählt und gefördert, die ab dem 2. Juni vorgestellt werden. Mit dabei sind etwa ein performativer Abend zur Fotografie, ein Archiv, das Wolkenbilder von Orten fossiler Verbrennung sammelt, oder das Panel zu NFTs und Krypto-Kunst als sozial engagierter Kunstpraxis.

Warum läuft die Triennale Expanded erst ab dem 2. Juni?

Das Expanded-Programm startet parallel zum Festival der Triennale, das vom 2. bis 6. Juni stattfindet. So haben wir zusätzlich zum Triennale-Start am 20. Mai einen zweiten Eröffnungsimpuls, wodurch sich das Publikumsinteresse verteilen kann. Das Festival umfasst Gespräche, Diskussionen, Filmvorführungen und Performances, mit denen die Themen der zwölf Ausstellungen und der Triennale Expanded vertieft werden.

Sie leiten das Zeitz Museum of Contemporary Art Africa in Kapstadt und sind als Kuratorin, Beraterin oder Rednerin in Afrika, Europa und Amerika unterwegs. Currency ist nach Streamlines in 2025/16 Ihre zweite Ausstellung in der nördlichen Deichtorhalle. Wie ist Ihr Verhältnis zur Halle und zu Hamburg?

Sehr freundschaftlich. Ich mag die Stadt Hamburg sehr für ihre Eleganz. Als Hafenstadt vermittelt sie ein unwiderstehliches Gefühl von Offenheit und Grenzenlosigkeit. Und ich bin fasziniert von der Geschichte des Großbürgertums. Manchmal meine ich, einen Buddenbrook durch die Straßen schlendern zu sehen. Es ist zwar nicht Lübeck, aber doch hanseatisch. Da ich aus Kamerun komme, weiß ich, dass Hamburg eine große Rolle in den schwierigen Beziehungen zwischen Kamerun und Deutschland gespielt hat. Streamlines bezog sich direkt auf diese Geschichte. Mit Dirk Luckow, dem Intendanten der Deichtorhallen, verbindet mich eine kuratorische Affinität, so dass ich für die Triennale zurückkommen konnte.

Triennale der Photographie: Ausstellungsparcours in Hamburger Museen und Institutionen, Eröffnung: 19.5., 20.5.–18.9. Die Festivalwoche findet vom 2. bis 6. Juni statt. Dann startet auch die Triennale Expanded


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Kunstausstellung: The Mistery of Banksy

Ein Künstler und ein Mysterium. Niemand weiß, wer der britische Street-Art-Künstler Banksy ist. Nur seine Werke kennen fast alle. Jetzt kommt mit „The Mistery of Banksy – A Genius Mind“ eine Ausstellung rund um das Mysterium nach Hamburg

Text: Felix Willeke

150 Werke sind bei „The Mistery of Banksy – A Genius Mind“ ab dem 3. Juni 2022 im ehemaligen Galeria-Kaufhof in der Mönckebergstraße zu sehen. Fast alle der Graffitis, Drucke, Fotos, Skulpturen und Videoinstallationen sind dabei reproduziert. Die Ausstellung zeigt die komplette Bandbreite des im englischen Bristol geborenen Künstlers: Von politischen und gesellschaftlichen Themen bis hin zu humorvollen Werken. Darunter eine Kopie des Bildes „Girl White Balloon“, dass bei einer Auktion 2018 plötzliche geschreddert wurde. Außerdem haben die Macher:innen einen Londoner U-Bahn-Waggon nachgebaut, den der Brite im Sommer 2020 mit Ratten und Coronamasken besprüht hatte. Natürlich sind diese Hommage und die gezeigten Werke vom Künstler selbst ganz nach seinem Motto „Copyright is for losers ©TM“, nicht autorisiert.

„The Mistery of Banksy – A Genius Mind“
3. Juni bis 3. Oktober 2022, Mönckebergstraße 3 (ehemals Galeria-Kaufhof).
Tickets: 18 bis 22 Euro (ermäßigt 10 bis 18 Euro)


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Wenn Würfel tanzen wollen

Was Minimal Art ausmacht und wo ihre Grenzen liegen, ist noch bis Ende April 2022 in einer minimalistischen Schau im Bucerius Kunst Forum zu sehen

Text: Karin Schulze

Minimal ist an dieser Ausstellung viel. Ihr Gegenstand ist die ab den frühen 1960er-Jahren in den USA entstandene Kunstrichtung, die Minimal Art genannt wird. Minimal ist auch die Bestückung der Schau: Es werden gerade einmal 17 Arbeiten von neun Künstlern und einer Künstlerin gezeigt. Im Nu ist man durch die Schau hindurch und nicht wenige fragen dann: Wo geht es jetzt weiter?

Minimal war auch der Transportweg der Exponate. Die vielleicht schönsten beiden Arbeiten – Donald Judds Untitled (Stack) von 1968–1969 und Robert Morris’ Filzarbeit von 1974 – kommen aus der Münchner Pinakothek der Moderne. Drei Viertel der Exponate aber entstammen der Hamburger Kunstsammlung von Christoph Seibt. Dem Wirtschaftsanwalt gehören mehrere Hundert Werke des Minimalismus und der Konzeptkunst. Sie füllen seine Stadtvilla, ein Schaulager in Billbrook und zukünftig vielleicht auch sein eigenes Ausstellungshaus.

Minimal sind die Materialien, Formen und Ideen, auf die die Minimal Art setzt: Reduktion auf grundlegende, meist geometrische Formen und industrielle Materialien, klare Erkennbarkeit der Werkidee und radikale Kappung von gestischer Expressivität, künstlerischer Spontanität und subjektivem Ausdruck. Denn schließlich war es die um 1960 dominierende Malerei des Abstrakten Expressionismus, die Künstler wie Dan Flavin, Sol LeWitt oder Donald Judd dazu trieb, den Bildraum zu verlassen und die grundlegenden Formen optischen Ausdrucks mit klaren Kanten kühl in den realen Raum hinauszutreiben.

Es kann auch zuviel Minimalismus sein

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Dan Flavin: untitled (to Barnett Newman) four, 1971 (Estate of Dan Flavin / VG Bild Kunst, Bonn 2022 / Foto: David Zwirner Gallery, New York)

Die Ausstellung zeigt auch, wie schon in den Jahren 1966 bis 1968, als die Minimal Art auf dem Höhepunkt war, die fabelhafte Charlotte Posenenske mit ihren Reliefs und Vierkantrohren in die Männerdomäne einbrach, ohne allerdings damals groß wahrgenommen zu werden. Sie unterminierte die Minimal Art konzeptuell und politisch, indem sie den Warencharakter der Werke attackierte: Sie überließ das Arrangement ihrer seriellen Skulpturen dem Sammler oder Kurator, verzichtete auf Signaturen, limitierte die Auflagen nicht oder verkaufte zum Selbstkostenpreis.

Ein Zuviel aber gibt es in der Ausstellung auch. Denn die schlanke Reihe der hochkarätigen Minimalisten wird durch gleich fünf Arbeiten des Beuys-Schülers Imi Knoebel gesprengt, die mit ihren Verschiebungen von Quadraten und Vielecken auch noch gehörig auf der Stelle treten. Seibt soll Dutzende Werke des Künstlers haben. Schade, dass das Bucerius Kunst Forum der Vorliebe des einflussreichen Sammlers nicht Ausgewogenheit entgegengesetzt hat.

Tanzen

Sehr, sehr toll ist dagegen der Schlussakzent, den man, ohne es abwertend zu meinen, einen Schlussgag nennen könnte: Jeppe Hein antwortet auf den Cube-Cube (1965) von Sol LeWitt im ersten Teil der Schau. Der 1974 geborene Postminimalist Hein setzt dezidiert auf die Mitwirkung des Betrachtenden und zwar auf eine, die in die Erscheinung des Kunstwerks eingreift. Sein Würfel Changing Neon Sculpture besteht wesentlich aus blinkenden Neonröhren. Ihr Flackern beruhigt sich erst, wenn sich ihnen jemand nähert.

Hatte der US-Kunstkritiker Michael Fried 1967 in einem berühmten Essay der Minimal Art vorgeworfen, sie attackiere die Autonomie des Kunstwerks, weil ihre Werke theatralisch den Raum um sich herum zur Bühne machten, so zwinkert Heins Neonkubus einem jeden zu: Ich bin nicht nur ein Ding, das den Raum belebt. Ich kann auch tanzen und ich tanze mit dir!

Minimal Art. Körper im Raum, noch bis zum 24. April 2022 im Bucerius Kunst Forum


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Van Gogh Alive

Vom 25. März bis 8. Juni  2022 zieht die immersive Kunstaustellung „Van Gogh Alive“ nach Ottensen

Text: Anarhea Stoffel

Vom 25. März bis 8. Juni  2022 zieht die immersive Kunstaustellung „Van Gogh Alive“ nach Ottensen in die Gaußstraße. Sie bietet Besuchern ein Multimedia-Erlebnis, das über einen einfachen Museumsbesuch hinausgeht.

Die Veranstaltung verbindet auf Leinwände projizierte Gemälde mit Musik, Licht und Gerüchen zu einer besonderen Erfahrung sowohl für Kinder als auch Erwachsene. Statt still Museumsflure entlangzugehen und Werke von Weitem zu betrachten, kann das Publikum bei dieser Ausstellung vollkommen in die Gemälde des berühmten niederländischen Künstlers  eintauchen und sie mit allen Sinnen wahrnehmen. So geht man beispielsweise an den Leinwänden in Hochauflösung vorbei, während einem Zitronenduft in die Nase steigt und klassische Musik im Hintergrund den Raum erfüllt.

Die multimediale Ausstellung ermöglicht Besuchern einen schnellen Zugang zu den Bildern und die Chance, bedeutende Kunstwerke zu erleben, ohne weit reisen zu müssen. Mit rund 860 Quadratmeter hat der Veranstaltungsort außerdem mehr als genug Platz zum Erleben und Betrachten.

vangogh-alive.de


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Auch ich ein Influenzer

Die internationale Gruppenschau Lo(l) im Kunsthaus Hamburg erforscht die Verbindung von Texten und Körpern im digitalen Zeitalter

Text: Karin Schulze

Können Künstler, was Cristiano, Ariana und Kylie können? Können sie Millionen beeinflussen, können sie Influencer sein? Der Schweizer Installationskünstler Thomas Hirschhorn jedenfalls möchte es: „Ich bin in den Sozialen Medien nicht selbst aktiv, aber ich folge mit Interesse deren wachsender Entwicklung und Bedeutung, ihrer kollektiven Relevanz und Ästhetik. Und ich möchte mein Verlangen ausdrücken, selbst ‚influence‘ zu haben – hoffentlich glaubwürdig selbstironisch, bescheiden und sogar etwas albern.“

Also malte er postergroße Instagram-Seiten, auf denen er durchaus ernsthaft mit Wort und Bild unter #equality für Gleichheit oder unter #engagement für vollen künstlerischen Einsatz plädiert – nicht ohne sich dafür ordentlich viele Likes zuzuteilen. In Alu gerahmt, hängen die Arbeiten wie groß gezogene Smartphone-Displays an der Wand. So trifft die imaginierte digitale Hunderttausender-Reichweite auf die überschaubare Zahl von Kunstbetrachtern.

Hirschhorns I-NFLUENCER-Serie

Hirschhorns I-NFLUENCER-Serie ist Teil der Kunsthaus-Gruppenschau Lo(l) – Embodied Language. Kuratorin Anna Nowak war aufgefallen, dass derzeit viele interessante Künstler:innen großformatige Texte in ihren Arbeiten verwenden. Anders aber als bei Lawrence Weiner, der ab den 70er-Jahren ausgefeilte, poetische Werkkonzepte in großen Lettern an Wände schrieb, greifen sie schnelle, alltägliche Texte auf. Häufig kommt als Reaktion auf die Digitalisierung auch der Körper ins Spiel: Verbindet uns Kommunikation, gibt sie Gefühlen und Empathie Raum? Oder sind wir nur immer umfassender und kälter vernetzt?

„Illiberal democracy“ & „authoritarianism“

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Thomas Hirschhorn: I-nfluencer-Poster (#Engagement), 2021

Der Ausstellungstitel nimmt diesen doppelten Bezug auf, indem er das emotionsbezogene „LOL“, die Abkürzung für „laughing out loud“, mit „LO“ kombiniert. Die beiden Buchstaben waren 1969 die ersten Zeichen, die über das Internet gesendet wurden. Die österreichische Künstlerin und Schriftstellerin Barbara Kapusta reflektiert die Durchlässigkeit von Körpern, die Vergiftung oder Vernichtung bedeuten kann, aber auch Empathie und Solidarität ermöglicht. In Hamburg wird ein Wandbild riesengroßer Hände mit zerfließenden Konturen zu sehen sein: die Hand als das Körperteil vielleicht, der immer mehr Schnittstelle zum Computer ist und immer weniger tastendes und fühlendes Organ?

Die Arbeit Synonyme der aus Moskau stammenden, in Hamburg arbeitenden Künstlerin Katja Pilipenko verbindet Begriffspaare durch Lentikulardruck. Wenn der Betrachter sich bewegt, scheint auf den Bildtafeln mal der euphemistische und mal der unverblümte Ausdruck auf: entweder schönfärberisch „illiberal democracy“ oder schlankweg „authoritarianism“.

Erschöpfung und Humor

Den Anteil mimischen Ausdrucks bei der Gebärdensprache untersuchen Christine Sun Kim & Thomas Mader. Die Pariser Künstlerin, Autorin und Choreografin Émilie Pitoiset greift Captchas auf: verunklarte Schriftzüge, die zur Unterscheidung von Menschen und Bots dienen. Diese verbindet sie mit Fotos von Marathontänzen, bei denen sich seit den 1920er-Jahren Tanzende tagelang bis zur Erschöpfung verausgabten.

Den humorvollen Gestus Hirschhorns nehmen Arno Becks Zeichnungen auf. Sie scheinen digital, sind aber analog erstellt. Auch die Wortschöpfungen in ihnen spielen mit analogen und digitalen Bezügen: „Facebook“ wird zu „Faithbook“ und die „Greek Mythology“ zur „Geek Mythology“. Besonders gespannt kann man auf die Arbeit der derzeit viel gefragten Nora Turato sein, die kürzlich sogar eine kleine Schau im MoMA hatte. Sie liefert mit ihren rasend kraftvollen Sprach-Performances schroffe, spannungsgeladene Essenzen aktueller Ausdrucks- und Sprechweisen.

Lo(l) – Embodied Language, vom 12. März bis 1. Mai 2022 im Kunsthaus Hamburg


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Rationale Körper

Sexed Power: Gruppenschau zum Internationalen Frauentag im Gängeviertel

Text: Sabine Danek

Seit 2018 kuratieren Hamburger Künstlerinnen zum Internationalen Frauentag eine Ausstellung, die sich mit „den politischen Forderungen feministischer Aktivistischen solidarisiert“. Und auch in diesem Jahr ist sie so spannend wie hochkarätig. Die Arbeiten kreisen diesmal um das Thema Körper und Wahrheit und gehen der gesellschaftlichen Zuschreibung nach, dass der weibliche Geist dort ist, wo der Körper ist. Neben einem Animationsfilm der großen österreichischen Malerin Maria Lassnig aus den 1970ern sind Arbeiten von Cordula Ditz, von Franziska Opel, dem Cake & Cake Collective und anderen Künstlerinnen zu sehen. Historische Positionen stehen dabei aktuellen gegenüber, die Materialien sind sehr unterschiedlich, das Programm sehr interessant. Eröffnet wird die Ausstellung von Anna Nowak vom Kunsthaus und begleitet von einem Vortrag von der Philosophin Dr. Heidi Salaverria, es findet eine Performance von Elena Victoria Pastor statt und im Anschluss ein Konzert in der Fabrique. Best place to be am Frauentag!

„Sexed Power“ im MOM art space des Gängeviertel, Eröffnung am 8. März um 19 Uhr, Finissage am 13. März um 19 Uhr mit einer Performance von Suse Itzel


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Moments of Connection

Installationen des Künstlerduos Drift im Museum für Kunst und Gewerbe

Text: Anna Reclam

Die Wunder der Natur mittels Technologie in Szene gesetzt: leuchtende Löwenzahnsamen, prachtvolle Seidenblüten und die anmutigen Flugbewegungen von Tieren. Drei Lichtinstallationen des Künstlerduos Drift sind anlässlich des 5. Geburtstags der Elbphilharmonie im Museum für Kunst und Gewerbe zu sehen.

Lonneke Gordijn und Ralph Nauta sind bekannt für ihre wunderschönen Objekte und Installationen, die die Vorgänge der Natur simulieren und dadurch meditative Erlebnisräume schaffen. „In einer Welt der Gegensätze und Herausforderungen erlauben die Arbeiten von Drift eine Pause, einen Moment des Friedens, des Innehaltens, um voller Staunen den Bewegungen oder dem stillen Leuchten der Installationen zu folgen“, sagt Direktorin Tulga Beyerle.

„Moments of Connection“: Bis 8. Mai 2022 im Museum für Kunst & Gewerbe


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„Der stumme Schrei“ im incubARTor

Raum für Kunst von Rother & Co. Fine Arts, der incubARTor

Text: Anna Reclam

Kürzlich hat ein neuer Ausstellungsraum in Hamburg an den Colonnaden seine Türen geföffnet: der incubARTor. Hier haben junge, aufstrebende Künstler die Möglichkeit, jeweils für drei Monate ihre Werke der Öffentlichkeit zu präsentieren.

Den Anfang macht der 25-jährge Alexander Höller. Mit seiner Serie „Der stumme Schrei“ – angelehnt an Edvard Munchs „Der Schrei“ – möchte er ein Zeichen setzten gegen Vorurteile, Intoleranz und Schubladendenken. Beschrieben werden die Bilder als laut und expressiv und radikal in der Form.

„Der stumme Schrei“, eine Serie von Alexander Höler, bis zum 17. April 2022 im incubARTor


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 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Februar 2022. Das Magazin ist seit dem 29. Januar 2022 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Gastarbeiter: Wir sind von hier

In der Ausstellung „Wir sind von hier. Türkisch-deutsches Leben 1990 Fotografien von Ergun Çağatay“ wird das Leben türkischer „Gastarbeiter“ greifbar und lebensnah porträtiert

Text: Marco Arellano Gomes

Diese Chance ließ sich auch Bundespräsident Frank Walter Steinmeier nicht entgehen. Ende September 2021 besuchte er die Fotoausstellung „Wir sind von hier. Türkischdeutsches Leben 1990“ im Ruhrmuseum in Essen, die zum Anlass des 60-jährigen Jubiläums des Abschlusses des deutsch-türkischen Anwerbeabkommens ins Leben gerufen wurde. Seit den 1950er-Jahren schloss die Bundesrepublik mit mehreren Ländern – darunter Italien, Spanien, Griechenland und Portugal Anwerbeabkommen ab, um den Mangel an Arbeitskräften im Wirtschaftswunderland auszugleichen. Viele der „Gäste“ blieben und wurden Teil der Gesellschaft.

Beeindruckendes Panorama

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Zwei Bergleute kurz vor Schichtende im Bergwerk in Walsum, Duisburg (Foto: Ergun Cagatay)

Vom 4. Februar bis zum 6. Juni wird diese außergewöhnliche Fotoausstellung nun auch im Museum für Hamburgische Geschichte zu sehen sein. Sie zeigt Fotos des renommierten Istanbuler Fotografen Ergun Çağatay (1937–2018). Çağatay hatte 1990 sechs Wochen lang die Städte Hamburg, Köln, Werl, Berlin und Duisburg besucht, um die türkischen Gastarbeiter der ersten und zweiten Generation abzulichten. Etwa 3500 Fotos sind entstanden. 120 sind in der Ausstellung zu sehen. Sie zeigen das Alltagsleben der aus der Türkei stammenden Frauen und Männer und geben Einblick in Wohnzimmer, Moscheen, Fabriken, Obst- und Lebensmittelgeschäfte sowie in ein Stahlwerk und eine Steinkohlenzeche. „Das Ziel meiner Reise bestand darin, die soziale Integration beziehungsweise Nicht-Integration der zweiten Generation zu zeigen“, zitiert die Ausstellung den vor drei Jahren gestorbenen Fotografen.

Von Blohm+Voss bis zur Moschee in St. Georg

In Hamburg fotografierte Çağatay unter anderem die Schiffswerft Blohm+Voss. Aber auch Fotos auf dem Altonaer Flohmarkt, dem Großmarkt und der Moschee in St. Georg befinden sich in der Sammlung. „Ein beeindruckendes Panorama der türkisch-deutschen Lebenswelt, so Prof. Dr. Hans-Jörg Czech, Direktor und Vorstand der Stiftung Historische Museen Hamburg. Flankiert werden die Bilder von acht Video-Interviews mit Persönlichkeiten, die wichtige Beiträge zum Thema deutsch-türkische Migration geleistet haben. Unter ihnen der Investigativ-Journalist Günter Wallraff, der 1985 seine Erfahrungen als Türke „Ali“ in seinem Buch „Ganz unten“ veröffentlicht hatte.

Die Anerkennung der Lebensleistung von Gastarbeitern

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Selbstbildnis von Ergun Çağatay (Foto: Ergun Cagatay)

Zur Ausstellung gibt es ein umfangreiches Begleitprogramm. So sind unter anderem öffentliche (Gruppen-)Führungen, Gespräche, Workshops, Schulführungen, ein Fotografie-Workshop, ein Symposium, ein Podiumsgespräch und eine Schreibwerkstatt geplant. „Durch die Geschichten und Erfahrungen der Menschen bekommt Zuwanderung ein Gesicht, besser gesagt: viele Gesichter“, so Michelle Müntefering (SPD), Staatsministerin im Auswärtigen Amt. Es sind Gesichter von Gästen, die hierzulande zu großen Teilen inzwischen zu Hause sind. „Wir sind von hier“ lautet daher der treffende Titel der Ausstellung. Insbesondere die Texte des 72 Seiten umfassenden Begleitmagazins zeigt auch die Zerrissenheit und den Schmerz, den eine Einwanderung – und sei sie auch nur auf Zeit – mit sich bringt. Die Anerkennung der Lebensleistung von Gastarbeitern hat noch immer Seltenheitswert. Vielleicht vermag diese Ausstellung zum gegenseitigen Verständnis beitragen.

„Wir sind von hier. Türkisch-deutsches Leben 1990 Fotografien von Ergun Çağatay“ im Museum für Hamburgische Geschichte, noch bis zu 6. Juni 2022


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Februar 2022. Das Magazin ist seit dem 29. Januar 2022 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Dänische Architektur – Gesamtkunstwerke

Noch bis April 2022 zeigt das Jenisch Haus in einer Wanderausstellung die gemeinsame Arbeit der dänischen Architekten Arne Jacobsen und Otto Weitling in Deutschland

Text: Rosa Krohn

 

Vom Bundesaußenminister Heiko Maas und seinem dänischen Amtskollegen Jeppe Kofod wurde 2020 das Deutsch-Dänische Kulturelle Freundschaftsjahr eingeläutet. 2021 jährte sich zudem der Todestag des dänischen Architekten Arne Jacobsen zum 50. Mal. Beide Ereignisse zusammen gaben schließlich Anlass für die Ausstellung „Gesamtkunstwerke“, die seit Mitte November und noch bis April 2022 im Jenisch Haus zu bewundern ist.

Jacobsens Designs reichen vom Kleinen zum ganz Großen – von der Gabel bis zum Rathaus. Seine Stuhlserien sind bis heute ikonisch, legendär und echte Designklassiker. Was viele jedoch nicht wissen, ist, dass Jacobsen auch die deutsche Architektur, gemeinsam mit seinem dänischen Partner Otto Weitling wesentlich mitgeprägt hat. Die Kuratoren der Ausstellung, Architekt Hendrik Bohle und Journalist Jan Dimog, werfen nun einen Blick auf die produktive Zeit der beiden in Deutschland. Verwirklichungen dieser in Hannover, Castrop-Rauxel, auf Fehmarn oder auch in der Hamburger City Nord stehen dabei im Fokus: Zeichnungen, Zitate, historische und zeitgenössische Fotografien, aber auch Modelle und Produktentwürfe von Gebäuden bieten die Möglichkeit, einen Einblick in die Zusammenarbeit und den Einfluss der beiden auf deutsche Städtebilder zu erhalten.

„Gesamtkunstwerke“, noch bis April 2022 im Jenisch Haus


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Januar 2022. Das Magazin ist seit dem 22. Dezember 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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