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Unternehmen zeigen ihre Kunstsammlungen bei der add art 2019

Zum 7. Mal öffnen Hamburger Unternehmen ihre Türen, zeigen ihre Kunstsammlungen, feiern Jubiläen und den Nachwuchs – und das an Orten, zu denen man nur selten Zutritt hat

Text: Sabine Danek 
Bild: Marlen Schulz 

 

Es wäre viel zu schade, wenn das alles verborgen bleiben würde. Die Kunst, die von Hamburger Unternehmen gesammelt wird, von Anwaltskanzleien, Immobilienmaklern, Konzernen, Studios oder Agenturen. Deshalb öffnet add art einmal im Jahr die sonst geschlossenen Türen und macht den Blick frei auf Kunst, die man sonst nicht sehen kann. Wie die von Street-Artist Ray de la Cruz gestalteten Räume der INP Holding und deren Sammlung mit Arbeiten von Tjorg Douglas Beer und David Friedemann. Oder die beeindruckend zeitgenössischen Werke bei Lohmann Konzept, das Unternehmen im Gesundheitswesen berät.

Die Arbeiten reichen von Zeichnung und Malerei zu Skulptur, Objekte, Fotografie, Video- und Computerkunst und beschäftigen sich mit dem „Wandel“ als hochaktuellem, gesellschaftlichem Thema. Bei der diesjährigen add art stellt es die „Inszenierungen des Augenblicks“ der Performance-Künstlerin Carmen Oberst in den Mittelpunkt und überreicht jedem Besucher eine ihrer „Gedächtnis-Boxen“. Natürlich fehlt auch die legendäre Sammlung der Werke von Dieter Roth (1930–1998) nicht, dessen Schimmel- und Eat-Art-Werke auch im MoMA New York zu finden sind. Einer der Hamburger Anwälte Buse Heberer Fromm hatte den Künstler bereits in den 1970er Jahren mit Käufen unterstützt.

 

Kunst regt zu Gesprächen mit Mitarbeitern an

 

Vor sieben Jahren gründete Hubertus von Barby add art. „Als Berufstätige verbringen wir viel Zeit im Büro. Es schafft gleich eine andere Atmosphäre, wenn Kunst an den Wänden ist. Damit meine ich weniger die üblichen Kunstdrucke – in Hamburg vorzugsweise die Speicherstadt –, sondern echte, originale Kunstwerke“, sagt der Kommunikationsberater. „Kunst verändert aber nicht nur die Raumsituation, sondern bringt ein ganz neues Moment in ein Unternehmen. Auf der einen Seite kann ein Werk mir persönlich einen Impuls geben, ein gutes Werk lässt mich sogar immer wieder Neues darin sehen und entdecken. Auf der anderen Seite regt Kunst auch zu Gesprächen mit anderen Mitarbeitern oder auch Kunden an.“

Gleichzeitig steht die Kunstförderung im Zentrum der add art, in deren Namen bereits die Aufforderung „Füge Kunst hinzu“ steckt. Deshalb zeigen auch in diesem Jahr sieben Unternehmen Arbeiten von ausgewählten Studierenden der Hochschule für angewandte Wissenschaften (HAW). Zum zweiten Mal wird der add art Award für Nachwuchskunst, der mit 3.000 Euro dotiert ist, verliehen und jeder der Nachwuchskünstler, die in den verschiedenen Unternehmen ausgestellt sind, wird mit einem Honorar oder einem Ankauf unterstützt. Die Ausstellungen und Sonderschauen können mit Führungen oder zu festen Terminen besucht werden. Mehr als 1.700 Interessierte haben das im letzten Jahr genutzt. Tendenz steigend.

 

add art: Termine und Führungen

 

Eröffnung und Award-Verleihung

Erstmals findet die Auftaktveranstaltung in der Rahmenwerkstatt Kappich & Piel im Schanzenviertel statt – und erstmals auch mit einem Kunstquiz. Bei Art & Smart, durch das die Moderatoren Darren Grundorf und Tom Zimmermann führen, können die Gäste einfach nur zuhören oder sich in Teams zusammenfinden und Antworten auf Fragen rund um die Kunst beantworten. Die Sieger werden prämiert. Zudem wird der add art Award für Nachwuchskunst verliehen und es findet eine Podiumsdiskussion statt.

Kunst & Stadtteil

Auch in diesem Jahr finden im Rahmen der add art drei organisierte Führungen statt. Besucht werden Unternehmen mit Kunst und auf dem Weg zu ihnen werden Informationen über den besuchten Stadtteil vermittelt. Die drei Führungen sind: Neuer Wall & Fleetinsel am 22.11., Neustadt & Gängeviertel am 23.11., HafenCity & Cremon-Insel am 24.11. Die Teilnahme kostet 25 Euro.

Sonderschauen

Zum 65. Geburtstag von Werner Büttner findet in der Dependance der LBBW eine speziell zur add art arrangierte Ausstellung mit Werken von Werner Büttner statt.
Die Handelskammer nimmt mit der Schau „Die wachsende Stadt – Hamburg 1814-1914“ teil.

Lunch Talk

Die Kunsthistorikerin Julia Rosenbaum spricht mit der Künstlerin Carla Chan (*1989) über ihre Arbeiten, die in der Kanzlei Fieldfisher gezeigt werden. Es geht um das Wandeln an der Grenze zwischen Natur und Digitalem, Figuration und Abstraktion. „Grenzgänge: Das Übersetzen digitaler Möglichkeiten in künstlerische Ästhetik“: Lunch Talk, 22.11., 12.30 Uhr, Fieldfisher LLP. Der Lunch-Talk findet in englischer Sprache statt. Ein Imbiss wird gereicht. Anmeldung unter www.addart.de.

add art
21.-24.11.19 


szene-hamburg-november-2019Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, November 2019. Titelthema: Sexualität. Das Magazin ist seit dem 27. Oktober 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Disney, Pollock und Warhol: Neue Ausstellung

Disney, Rockwell, Pollock und Warhol und ihr Beitrag zum American Way of Life

Text: Karin Schulze

 

Nach den Herren Ba­selitz, Richter, Pol­ke und Kiefer, die in den Deichtorhallen mit ihrem überwiegend durchaus ein­drucksvollen Frühwerk Hof halten, marschiert jetzt eine weitere Garde weißer männ­licher Megakünstler auf: Dis­ney, Rockwell, Pollock und Warhol. Kann das interessant sein? Welchen kühnen Faden schlingt die Ausstellung des Bucerius Kunst Forums um das heterogene Quartett aus einem Trickfilm­-Entrepreneur, einem Americana­-Illustrator und den zentralen Protagonisten des abstrakten Expressionismus und der Pop­ Art?

Alle vier jedenfalls haben Mitte des vergangenen Jahrhunderts die visuelle Kultur der USA entscheidend geprägt. Dabei versucht die Ausstellung zweierlei zu zeigen: Wie prägten ihre Protagonisten das Bild des American Way of Life? Und wie ebneten sie das Gefälle zwischen Avantgarde und Kulturindustrie ein, sodass am Ende, was vorher als „lowbrow“ (Disney), „middlebrow“ (Rockwell) und „highbrow“ (Pollock) galt, in die Pop ­Art Warhols mündete.

Der Trickfilmkünstler und ­produzent Walt Disney (1901– 1966) schaffte mit seinen technisch stets innovativen und mit­ unter auch gewagten Filmen wie „Schneewittchen und die sieben Zwerge“ oder „Fantasia“ den Weg vom Cartoon zum Medien­imperium. Sein Hang zum Niedlichen stiftete einerseits zu kultureller Verkindlichung an, setzte aber auch ein neues verspieltes Kreativpotenzial frei.

 

 

Norman Rockwell (1894– 1978), der mit Disney befreundet war, schuf sein Werk vor allem in Gestalt der Coverentwürfe für das Massenblatt „The Saturday Evening Post“. Die Motive setzte er meist zuerst mit Modellen in Szene, die er über fotografische und gezeichnete Zwischenstufen am Ende in ein Ölbild übertrug. Sind seine Arbeiten lange konservativ und Moderne­ feindlich ausgerichtet, steht sein „The Connoisseur“ (1961) dann schon vor einem „Pollock“, den Rockwell durchaus ehrfurchtsvoll nachgeschöpft hat.

Jackson Pollocks (1912– 1956) Erfindung des Drip ­Paintings wird im Kalten Krieg als freiheitsliebend und typisch amerikanisch vermarktet. Und Andy Warhol (1928–1987), der Rockwell-­Fan war und zwei seiner Werke besaß, schuf einen Popkulturkosmos aus Siebdrucken, Objekten, Filmen, Partys und medialen Produkten, der die Grenzen zwischen Kunst und Ware, Starkult und Lifestyle einriss.

Interessant ist die Frage nach dem Beitrag der vier zu einer spezifischen US­-Kultur allemal. Vielleicht aber wäre dieser Stoff – distanziert und ernsthaft ideologiekritisch beleuchtet – zwischen Buchdeckeln besser aufgehoben.

Bucerius Kunst Forum: Amerika! Disney, Rockwell, Pollock, Warhol, bis 12.1.2020


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Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, November 2019. Titelthema: Sexualität. Das Magazin ist seit dem 27. Oktober 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Peaches: Scham mit Charme – Ausstellung im Kunstverein

Heiter und gar nicht obszön: Electroclash-Queen Peaches befreit die Doppel-Masturbatoren aus der Knechtschaft und führt sie in ein Glamourland der polymorphen Lüste

Text: Karin Schulze
Foto (o.): Fred Dott

 

Das passiert bei Ausstellungen nicht allzu oft: Am Eröffnungsabend der Peaches-Ausstellung „Whose Jizz Is This?“ (dt. etwa: Wessen Wichse ist das denn?) wird vor dem Betreten vor „Gleitmitteln auf dem Boden“ gewarnt. Seit über 20 Jahren steht die kanadische Wahlberlinerin auf der Bühne, jetzt bestreitet sie erstmals eine umfassende Ausstellung in einer Kunstinstitution.

Wer von der queeren Subkultur-Ikone nun eine obszöne Sauerei erwartet, wird enttäuscht. Verschämt betrachtet man vielleicht noch das Youtube-artige Video gleich am Eingang. Darin knetet ein hemdsärmeliger Kerl hantelförmige Sextoys durch und befingert die Doppel-Masturbatoren grob, um die Qualität ihrer Vagina- bzw. Schlund-Ersatzfunktion zu erproben.

Schon wenige Meter weiter aber fühlt man sich wie Alice im Sextoyland und bewegt sich staunend durch den abgedunkelten Raum, in dem es atmet, tröpfelt, schmatzt und pocht, während sich nach und nach die wundersame Emanzipation der Silikonorgane ereignet. Sie nennen sich jetzt „Fleshies“, haben die ihnen zugewiesene passive Liebedienerei satt und brechen auf, um ihr eigenes Begehren zu finden.

 

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Peaches: Whose Joizz Is This?, 2019

 

Im Kunstsprech würde man das eine „multimedial-immersive Installation“ nennen. Peaches sagt: „ein dekonstruiertes Musical in 14 Szenen“. Man könnte auch sagen: ein Stationendrama mit Bildungsroman-Touch, bei dem sich die Fleshies über Selbstbefreiungsmonologe (sehr, sehr lustiges Video), Federica Dauris grandiose, von Gleitmitteln geschmierte Körperöffnungsperformance (nur am Eröffnungsabend) oder ein Verwandlungsoratorium (altarartige Bühneninstallation) zu immer größerer Befreiung aufschwingen, bis sie sich in einem Springbrunnen gegenseitig ekstatisch Flüssigkeiten auf die sensibelsten Stellen spritzen.

Wie Kunstverein-Direktorin Bettina Steinbrügge in ihrer Eröffnungsrede andeutete, könnte man das Peaches-Musical als Ausblick auf eine Welt verstehen, in der sich nicht länger Frauen und Männer, Schwule oder Lesben vergnügen, sondern – gemäß dem Theoretiker Paul B. Preciado – „gleichwertige Körper einen Zeitvertrag schließen“. Kann es eine geschlechterunabhängige Sexualität geben? Keine Ahnung. Sicher aber ist: Die Ausstellung ist lustig, intelligent, wunderbar.

Madonna sagte: „Papa don’t preach“. Wir sagen: „Peaches please preach!“

Peaches: Whose Jizz Is This?: bis 20.10., Kunstverein in Hamburg


Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, September 2019. Titelthema: Mobilität – Das bewegt die Stadt. Das Magazin ist seit dem 29. August 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Gewalt, Geld – und Glück

Warum die erste Ausstellung in den neuen Räumen des Bucerius Kunst Forums von Krieg, Katastrophen und Konsumterror handelt und trotzdem glücklich macht

Text: Karin Schulze
Foto (o.): Peter Piller: Zungen / Tongues (10), 2002–2004

 

Mit dicken schwarzen Kopfhörern auf den Ohren und auf einem Wall aus Sandsäcken hockend – so hat man den Besucher des Bucerius Kunst Forums bisher noch nicht gesehen. Der Titel der aktuellen Ausstellung „Here We Are Today“ verweist denn auch gleich dreifach auf neues Terrain: Er lädt stolz ein in das von Gerkan, Marg und Partner hinter der alten Fassade neu gebaute Haus am Neuen Wall. Er deutet auf eine programmatische Öffnung des bislang eher dem Altehrwürdigen zugeneigten Hauses auch für Gegenwartskunst. Und er benennt das Thema, das die Arbeiten der 18 ausgestellten Künstler skizzieren: den heutigen Zustand unserer Welt.

So sitzt man also mit Kopfhörern auf Sandsäcken und lauscht dem Videovortrag von Hito Steyerl, die – nicht erst seit ihrer diesjährigen Ausstellung im New Yorker Park Avenue Armory – weltweit zu den inhaltlich entschiedensten und zugleich ästhetisch überzeugendsten Künstlern zählt. Ihre Lecture Performance mischt Fakten mit absurden Scheinargumenten, wichtigtuerischen Enthüllungsgestus mit schelmischen Blicken.

 

Kunst und Krieg

 

So gelingt ihr das Kunststück, eine Fake-Argumentation von nahezu Trump’scher Perfidie abzuliefern und doch ihren Gegenstand – den Zusammenhang von Kunst und Krieg, von Museumssponsoring und Rüstungsindustrie – ernsthaft zu beleuchten und über die Augen, die Ohren und die barrikadenartige Sitzfläche in den Betrachter einsickern zu lassen.

Ein paar Meter weiter in dem luftig mit Arbeiten bestückten Ausstellungsraum trifft man auf die S/W-Porträtfotos von Samuel Fosso. Sie zeigen stets ihn selbst – aber im Outfit und der Pose von Malcolm X, Patrice Lumumba, Nelson Mandela oder Angela Davies. Als African Spirits vermitteln sie durch das Verkleidungs- und Verkörperungsspiel hindurch ein würdevolles Bild dessen, was Aimé Césaire als „Négritude“ bezeichnete.

 

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Erkan Özgen: Wonderland (Filmstill), 2016

 

Den stärksten Eindruck aber hinterlässt die Videoarbeit „Wonderland“ des türkischen Künstlers Erkan Özgen. Die Kamera fokussiert einen dreizehnjährigen gehörlosen Jungen, der mit seiner Familie aus dem nordsyrischen Kobanê in die Türkei geflohen ist. Gestisch und mimisch berichtet er von den Taten des Islamischen Staats, von Bomben, Folter und Enthauptungen. Tief verunsichernd sind die Intensität des erlebten Terrors, die Fassungslosigkeit im Blick des Kindes, aber auch die bange Frage, welcher vielleicht unheilbare Schaden in seiner von Gräueln und Granaten perforierten Seele angerichtet wurde.

 

„Sie sieht hin, wo es weh tut“

 

Kathrin Baumstark, der neuen Direktorin des Hauses, ist mit der Auswahl der Projekte von 18 Künstlern eine starke Schau geglückt. Mit den Kapiteln „Verbrechen“ „Heimat“ (dort etwa Eva Leitolfs fotografische Erkundungen rassistisch motivierter Gewalt) oder „Kapital“ (mit Andreas Gurskys Konsumhorror-Collage „Amazon“) wird klug ein Panorama der Bruchstellen gezeichnet, an denen sich unsere Zukunft entscheidet. Dabei ist vor allem realistisch-dokumentarisch agierende Kunst zu sehen.

Selbst dort, wo man vor abstrakten monochromen Bildtafeln zu stehen meint, schaut man in Wirklichkeit auf Abbilder des Schreckens: Johanna Diehl hat die farbigen Einbände der Tagebücher aufgenommen, in denen ihre Großmutter die Verdrängungsleistung erbrachte, alle historischen oder familiären Katastrophen auszublenden, die sich zwischen 1936 und 2009 ereigneten.

Ausblenden – genau das macht die Ausstellung nicht. Sie sieht hin, wo es weh tut. Und beglückt damit. Denn sie sieht die Welt durch die Augen und die widerständige Anverwandlungskraft der Künstler. Nicht resignierend, sondern als Form handelnden Einspruchs.

Bucerius Kunst Forum: Here We Are Today. Das Bild der Welt in Foto- & Videokunst, 7.6.-29.9.19, Alter Wall 12 (Altstadt)


Szene-Hamburg-August-2019-TitelDieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, August 2019. Titelthema: Wie sozial ist Hamburg? Das Magazin ist seit dem 27. Juli 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Kulturisten-Hoch2: Generationen auf Augenhöhe

Wenn junge und alte Menschen gemeinsam etwas erleben, ist das für beide Seiten bereichernd. Das Projekt Kulturisten-Hoch2 macht dies möglich. Wie prägend ein Abend sein kann, erzählt die Initiatorin Christine Worch

Interview: Karin Jirsak

 

SZENE HAMBURG: Frau Worch, KulturistenHoch2 bringt Senioren und Schüler als Tandem für Kulturveranstaltungen zusammen. Wie läuft das ab?

Christine Worch: Seit 2016 bilden wir Kooperationen mit Schulen in Stadtteilen, in denen signifikant viele ältere Menschen mit niedrigem Einkommen leben. Einmal im Jahr stellen wir das Projekt in den Schulen vor, und die Schüler der jeweiligen Oberstufen können sich bei Interesse anmelden.

Wenn wir mindestens 15 Anmeldungen haben, kann das Projekt starten. Erst dann suchen wir die älteren Menschen in einem Stadtteil über verschiedene Kommunikationskanäle. Da stützen wir uns zum Beispiel auf Kooperations- und Netzwerkpartner, wie den ASB oder auch kirchliche Seniorentreffs.

Mittlerweile gibt es auch schon viel Mundpropaganda. Dank unseres Kooperationspartners Kulturleben Hamburg, der Tickets für Kulturveranstaltungen an Menschen mit geringem Einkommen vermittelt, können wir den älteren Menschen Karten für vielseitige Veranstaltungen anbieten, für die sie im Vorfeld Interesse bekundet haben. Wenn sie sich für eine Veranstaltung entschieden haben, suchen wir nach einer passenden Begleitung in der näheren Umgebung.

Funktioniert das Prinzip?

Bis jetzt haben sich rund 600 Tandems gefunden. Also ja.

Welche Veranstaltungen besuchen die Tandems?

Je nach Interesse der teilnehmenden Senioren kann das mal ein klassisches Konzert sein, eine Ausstellung, ein Theaterstück. Oder auch mal etwas Ungewöhnlicheres. Gleich im ersten Jahr sind zwei Tandems zum Wacken Open Air gefahren. Ein 69-jähriger Teilnehmer sagte hinterher, er sei völlig begeistert davon gewesen, dass da 80.000 „wild aussehende Menschen“ so friedlich zusammen feiern.

Wieso haben Sie sich für ein Generationen-Projekt entschieden?

Ich war früher im Marketing und Vertrieb tätig, aber vor fast genau acht Jahren hatte ich den großen Wunsch, mein Know-how auf diesem Gebiet in etwas Soziales einzubringen. Ich habe dann eine Fundraising-Ausbildung gemacht, bin als Beraterin in verschiedenen Demenzprojekten tätig gewesen und habe unter anderem auch für Kulturleben Hamburg gearbeitet.

Dabei habe ich bemerkt, dass es immer wieder ältere Menschen gab, die das Angebot, eine Kulturveranstaltung zu besuchen, zwar gerne in Anspruch genommen hätten, aber darüber klagten, dass ihnen eine Begleitung fehle. Jemand, der gegebenenfalls auch helfen kann, wenn die ältere Person nicht mehr so mobil ist.

 

Wenn Alt und Jung Freunde werden

 

Unternehmen die Tandems nach dem ersten Treffen öfter etwas zusammen?

Wenn da Menschen aufeinandertreffen, die sich mögen, versuchen wir, sie künftig gemeinsam zu vermitteln. Gelingt das nicht, weil zum Beispiel die Schülerin oder der Schüler an dem fraglichen Abend keine Zeit hat, so hat der ältere Mensch die Chance einen anderen jungen Menschen kennenzulernen.

Es kommt durchaus vor, dass dauerhafte Freundschaften entstehen und die Teilnehmenden auch über das Projekt hinaus weiter Kontakt haben.

Welche Rückmeldungen kommen bei Ihnen an?

Beide Seiten freuen sich darüber, mit Menschen in Kontakt zu kommen, die einer ganz anderen Generation angehören als sie selbst und dass sie so in vielerlei Hinsicht ihren Horizont erweitern können. Gerade Jugendliche, deren Großeltern nicht in ihrem direkten Umfeld leben, finden es interessant, die Geschichten älterer Menschen zu hören.

Viele sagen auch, dass sie durch das Projekt auch Kultur kennenlernen konnten, auf die sie alleine wahrscheinlich nicht gekommen wären.

Warum sind gerade Kulturveranstaltungen eine gute Möglichkeit, Generationen zu verbinden?

Auf beiden Seiten gibt es oft Vorurteile, und eines unserer wichtigsten Ziele ist es, diese abzubauen. Dazu ist es wichtig, dass sich die Jüngeren und die Älteren auf Augenhöhe begegnen, die Kultur kann da ein sehr guter Mittler sein.

Wir hatten zum Beispiel mal eine 17-jährige Teilnehmerin, die mit ihrer 78-jährigen Partnerin das erste Mal in die Oper gegangen ist, was natürlich sehr aufregend für sie war. Die ältere Dame war dagegen eine vormals versierte Operngängerin. Beide haben bei einer tragischen Szene zusammen geweint, und das Mädchen sagte hinterher, sie habe die Geschichte, die da auf der Bühne gezeigt wurde, durch das anschließende Gespräch mit ihrer Begleiterin erst richtig verstanden.

Kulturisten-Hochzwei-Alter-Test-Anzug

So ausgerüstet fühlen Jugendliche nach, wie es ist, zu altern

Die Jugendlichen werden für die Teilnahme an dem Projekt vorher geschult. Was wird dabei vermittelt?

Zum Beispiel, wie sie Menschen mit Rollstühlen und Rollatoren unterstützen können. Auch ein Alterssimulationstraining gehört zur Ausbildung. Seheinschränkungen werden zum Beispiel mit verschiedenen Brillen simuliert, ein Schallschutz lässt die Jugendlichen Schwerhörigkeit nachempfinden. Eine Halskrause, Gewichte für die Hand- und Fußgelenke und Ellbogen, jeweils zwei Kilo schwer, und spezielle Handschuhe zeigen die Einschränkungen von Gelenkversteifungen. Dazu kommt noch eine 25 Kilo schwere Weste, die den Kraftverlust des Gesamtorganismus fühlbar macht.

Nach spätestens fünf Minuten Bewegung in dieser Montur wird den Jugendlichen klar, dass das Altern wirklich kein Spaß ist und sie entwickeln großen Respekt davor, was ältere Menschen jeden Tag leisten müssen. Wir gehen dann auch noch einmal in diesem Aufzug mit den Teilnehmenden einkaufen. Dabei begreifen die Jugendlichen dann auch, warum es manchmal so lange dauert, wenn vor ihnen an der Kasse ein älterer Mensch steht.

Was bewirkt das bei den Jugendlichen?

Es gibt Jugendliche, die nach dem Projekt den Wunsch äußern, in der Altenpflege tätig zu werden. Sie bekommen nach Ablauf des Projektjahres ein Zertifikat für ihren ehrenamtlichen Einsatz. Daraus können sich also auch Zukunftsperspektiven entwickeln.

Kulturisten-hoch2.de


Szene-Hamburg-August-2019-TitelDieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, August 2019. Titelthema: Wie sozial ist Hamburg? Das Magazin ist seit dem 27. Juli 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Sommerfestival auf Kampnagel: Kunst kennt keine Grenze

Als Chefdramaturg kam András Siebold 2007 aus Berlin nach Hamburg, seit 2013 leitet er das Internationale Sommerfestival, das am 7. August startet. Ein Gespräch darüber, was Besucher in diesem Jahr erwartet

Interview: Dagmar Ellen Fischer
Foto (o.): Anja Beutler

 

SZENE HAMBURG: Herr Siebold, 2019 wird das Festival um Aliens, Weltraum und eine Zukunft im Klimawandel kreisen, setzt ihr euch jedes Jahr ein Thema als Startposition, bevor die konkrete Planung losgeht?

András Siebold: Wir haben nie ein Festivalthema, Festival-Überthemen sollte man nicht trauen. Denn oft dienen sie nur dem Zweck, inhaltliches Denken der Festivalmacher vorzutäuschen, denen es sowieso immer gleich um alles in der Welt geht. Natürlich gibt es auch sorgfältig kuratierte Festivals zu spezifischen Themen wie künstliche Intelligenz, aber dafür ist das Sommerfestival zu groß und divers.

Wir würden uns extrem limitieren und müssten tolle Arbeiten ausschließen, wenn sie nicht passen. Viel spannender ist doch, mit guten Künstlerinnen und Künstlern zu arbeiten und deren Themen aufzugreifen und zu verbinden.

Wie kommt dann eine Produktion zur anderen, bis ein gut dreiwöchiges Programm steht?

Bricht Genre­ Grenzen für offenes Denken: Kurator András Siebold / Foto: Julia Steinigeweg

Sobald man sich für eine Arbeit entschieden hat, kommt ein Prozess in Gang – man sieht andere Stücke und betrachtet sie in Zusammenhang mit dem, was wir schon haben. Da entsteht dann so eine Aufmerksamkeits-Nervosität für bestimmte Themen, Formen und Ästhetiken.

Klingt recht organisch …

Es gibt zwei oder drei Produktionen, mit denen wir starten, weil sie sehenswert sind. Dieses Grundgerüst wird dann weiter gebaut, damit es hält und Sinn ergibt. In diesem Jahr hatten wir mit dem Journalisten Hannes Grassegger „3 Grad Plus“ entwickelt, eine Live-Reportage über den drohenden Kollaps unseres Planeten.

Da ging es um Dystopien, also die menschengemachte Hölle der Zukunft. Und weil Dystopien erst über Bilder begreifbar werden, haben wir dazu eine Filmreihe mit dem neuen Berlinale-Programmchef Mark Peranson entwickelt und außerdem Kris Verdoncks Stück „Something (Out of Nothing)“ eingeladen. Das ist eine Theaterüberwältigung über eine unbewohnbar werdende Erde.

Von da aus ist es nur ein kleiner Gedankenschritt zu anderen Planeten, wodurch wiederum andere Produktionen in das Festivalgerüst passten: Die Uraufführung des neuen Musicals von Socalled, der seine Puppen auf einen fiktiven Planeten reisen lässt, Kid Koalas Satelliten-Orchester Show oder unsere Kooperation mit dem Planetarium. So entstehen Schwerpunkte und Verbindungslinien.

 

„Ist es das wert?“

 

Auf welchen Wegen erfährst du von sehenswerten Stücken, zu denen du dann reist?

Alles eine Frage der Kommunikation, ich arbeite ja in einem Team, und wir reden mit vielen Menschen, mit Leitern anderer Festivals zum Beispiel, und sind mit Leuten in aller Welt in Kontakt.

Reisen, insbesondere mit dem Flugzeug, ist ja ein heikles Thema in diesem Zusammenhang, habt ihr alle Stücke gesehen, die eingeladen werden?

Klar, wir reisen viel. In Zeiten des Klimawandels ist die Frage tatsächlich: wie reisen und wohin? Ich bin schon mal für nur einen Tag nach Mexiko geflogen, um ein Stück zu sehen – das ist Wahnsinn, und aus ökologischer Sicht eine Katastrophe. Insofern fragen wir uns jeweils: Ist es das wert?

Wie entscheidest du solche Fragen?

Mit Überlegungen wie: Können wir ein Video anschauen? Läuft die Arbeit woanders in Europa, wo man mit dem Zug hinkommt? Oder kann man es verantworten, eine Produktion einzuladen, die man nicht live gesehen hat? Für das diesjährige Festival haben wir alles live vorab gesichtet – außer den Uraufführungen natürlich.

Wie viele sind es 2019?

Neun Weltpremieren. Das Besondere sind die drei großen Produktionen in der K6: jede Woche eine Uraufführung in der großen Kampnagel-Halle, das gab es noch nie!

Zur Eröffnung das französische Kollektiv (La)Horde mit 15 georgischen Tänzern in „Marry me in Bassiani“; in der zweiten Woche die legendäre Künstlerin Peaches, die ihr zwanzigjähriges Bühnenjubiläum bei uns feiert mit „There’s only one peach with the hole in the middle“; und schließlich zum Finale ein Werk der kanadischen Choreografin Aszure Barton, die zurzeit auf Kampnagel „Where there’s Form“ kreiert, in Zusammenarbeit mit dem deutschen Komponisten Volker Bertelmann – besser bekannt als Hauschka.

 

 

Peaches dürfte ein Selbstgänger werden, (La)Horde war schon erfolgreich auf Kampnagel zu sehen, nur Aszure Barton ist Vertrauenssache, oder?

Ja, aber sie ist wirklich sensationell und eine große Nummer auf dem internationalen Ballett-Parkett! Ihre Choreografien haben etwas sehr Elegantes, gleichzeitig zeugen sie von einem hohen Bewusstsein für zeitgenössische Stile; ihre Tänzer sind extrem gut ausgebildet, aber viel flexibler als klassische Ballettsoldaten.

Woher kommen deine Kenntnisse in sämtlichen Genres, oder besser: diese Nicht-Spezialisierung deines Interesses?

Das Festivalprogramm spiegelt mein Leben, ich habe in sehr unterschiedlichen Medien gearbeitet, mit Filmleuten, Autoren, Architekten, zwei Jahre in einer Galerie, davor mit Robert Wilson. Ich habe die Genres von Anfang an nicht getrennt – und ein bisschen Schuld ist auch Tom Stromberg …

… weil?

… ich bei ihm mein erstes Praktikum absolvierte, auf der Documenta X; dort gab es 1997 erstmals ein integriertes Theaterprogramm, das er als Kurator verantwortete, mit damals noch unbekannten Größen wie Gob Squad, Stefan Pucher und Meg Stuart. Das war ein tolles Umfeld: Ich habe eigentlich für das Theaterprogramm gearbeitet, das aber im Rahmen einer Bildenden-Kunst-Ausstellung stattfand.

 

„Die Kunst ist viel weiter als das Feuilleton“

 

Was motiviert dich im nunmehr siebten Jahr als Künstlerischer Leiter des Internationalen Sommerfestivals?

Menschen zu offenem Denken zu motivieren. Und eine Öffnung des Kunstbegriffs zu erreichen. Das Theater zehrt längst von der Bildenden Kunst und umgekehrt, aber geh’ mal auf eine Ausstellungseröffnung, da siehst du wenige aus der Theaterszene.

Über den Tellerrand zu schauen, sich zu öffnen für andere Einflüsse, hat immer etwas Bereicherndes. Alle Entwicklungen sind entstanden, indem Menschen ihre gewohnten Grenzen überschritten oder Einflüsse von außen bekommen haben. So ist es auch in der Kunst, diese Trennung von Sparten – hier der Tanz, da die Musik, hier das Theater, da die Performance …

… das interessiert dich nicht?

Die Kunst ist da viel weiter als die Institutionen oder das Feuilleton, die wenigsten Künstlerinnen und Künstler beschränken sich auf ein Medium. Bestes Beispiel: (La)Horde, die nicht nur die große Tanz-Eröffnungsproduktion machen, sondern in der Vorhalle nebenan auch eine Live-Art-Ausstellung.

Natürlich gibt es Künstler, die sich für ein Medium entscheiden, nicht jeder muss interdisziplinär arbeiten; wir bieten auch ein Konzert, das nur ein Konzert ist. Aber ich finde die Übergänge extrem interessant. Und das ist der Anspruch dieses Festivals – und auch mein Kunstbegriff: Sich durch die verschiedenen Medien zu bewegen, einen Parcours zu schaffen, in dem das Publikum sich durch unterschiedliche Genres, Stücke und Atmosphären bewegen kann.

Und es bewegt sich auch?

Ja, das funktioniert ganz gut, indem wir einen Ort schaffen, der eine große Offenheit hat, der einer Aufforderung gleichkommt, hier einzusteigen und sich treiben zu lassen. Das Publikum schaut sich Sachen an, die es sich sonst nicht angeschaut hätte und schätzt genau das sehr.

Gedanklich bist du schon im nächsten Jahr?

Dieses Festival ist jetzt perfekt. Ich bin wirklich zufrieden, es gibt nichts, was wir aus strategischen Gründen reingesetzt haben. Und ja, gleichzeitig denke ich: Oh Gott, was sollen wir nächstes Jahr zeigen?

Internationales Sommerfestival 2019: 7.-25.8., Kampnagel (Winterhude)


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Gegen das Holocaust-Vergessen – Erinnerungen an Rosa

Mit Theater, Musik und Kunst wird vom 20. bis 25. Mai im Wilhelmsburger „Tor zur Welt“ an deportierte Sinti und Roma erinnert

Text: Karin Jirsak
Foto: Tobias Corts

Ihr Markenzeichen war eine Rose im Haar, weshalb man die Kurzwarenhändlerin Amanda Mechau nach dem Krieg liebevoll „Rosa“ taufte. Nicht nur in den Straßen Wilhelmsburgs war sie sehr bekannt für ihre zupackende Art und ihre Großherzigkeit, aber auch wegen ihrer markanten Erscheinung. „Sie hat oft auf dem Stübenplatz gestanden und einen Zigarrenstumpen in einer kurzen Pfeife geraucht“, weiß Christiane Richers, Initiatorin der Veranstaltungsreihe „Zeich(n)en gegen das Vergessen“.

Heute gibt es nur noch zwei Zeitzeugen, die sich an dieses und andere Bilder der Hamburger Holocaust-Überlebenden Amanda „Rosa“ Mechau erinnern. Es gibt kein Buch über ihre bewegte Geschichte, keinen Wikipedia-Eintrag im Netz. Gerade deshalb ist Rosa die passende Patin für ein interdisziplinäres Kunstprojekt, das vom 20. bis zum 25. Mai im Wilhelmsburger Bildungszentrum „Tor zur Welt“ an die Geschichten deportierter Sinti und Roma erinnert – mit einer Ausstellung, Theaterstücken, Gesprächen und Musik.

 

Große und impulsive Porträts

 

Rosa Mechau, geboren 1913, starb Anfang der 1980er Jahre in Harburg. Seitdem sind fast vierzig Jahre vergangen. Mit den Zeitzeugen verschwinden auch die Erinnerungen – dem entgegenzuwirken hat sich der Maler und Fotograf Manfred Bockelmann seit sieben Jahren zur Lebensaufgabe gemacht; seine Porträts wurden unter anderem in Wien, Barcelona und New York ausgestellt. Insgesamt 35 seiner bislang 180 Zeichnungen werden nun in der Pausenhalle des Helmut-Schmidt-Gymnasiums zu sehen sein.

Die mit Kohle auf Jute gezeichneten Porträts zeigen vor allem Kinder und Jugendliche, die in Konzentrationslagern zu Tode kamen. „Ich wollte diese Porträts auf sperrige, große Formate bringen, weil der Betrachter einen stärkeren Impuls erhält, sich mit dem einzelnen Schicksal zu beschäftigen“, erklärt Bockelmann.

 

 

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Ein Porträt, das der Künstler eigens für die Ausstellung anfertigt, hebt nun auch Rosa Mechau aus dem Dunkel des Vergessens. Am 20. Mai wird die Ausstellung eröffnet – genau 79 Jahre nach dem Tag, an dem die vor dem Krieg in Harburg lebende Sintiza mit ihrer Familie in das Konzentrationslager Belzec in Ostpolen deportiert wurde. Zwei ihrer Kinder verhungerten dort, Rosa überlebte. Traumatisiert kehrte sie zurück, aber zum Trauern blieb wenig Zeit.

Bald nahm sie ihre Händlerinnentätigkeit wieder auf. Auf ihren Geschäftswegen durch Wilhelmsburg und Harburg begegnete sie vielen, die im Krieg alles verloren hatten. Sie half, wo sie konnte, besorgte, was nötig war, brachte Brot, Leberwurst und Margarine in die sogenannten Nissenhütten, zu den Ärmsten der Armen, ohne Gegenleistung. „Iss erst mal“, sagte sie dann, wie Zeitzeugen und Theater-am-Strom-Regisseurin und Autorin Christiane Richers berichteten.

 

Rosa im Theater begegnen

 

Dank Gesprächen mit ihnen und umfangreichen Recherchen im Stadtarchiv ergab sich bei den Vorbereitungen der Veranstaltungsreihe ein sehr lebendiges Bild von Amanda Rosa Mechau, aus dem sich das Stück „Rosa begegnen“ entwickelte. Im Rahmen von „Zeich(n)en gegen das Vergessen“ stellt Theater am Strom die noch in der Entstehung befindliche Produktion erstmals vor, nach der Veranstaltungsreihe wird das Stück in das dauerhafte Programm des Theaters aufgenommen.

Mit „Fruchtschuppen C – Ab Hamburg Ab“ führt eine weitere Theater-am-Strom-Produktion in die HafenCity, wo eine bunt gemischte Besichtigungsgruppe mit der Geschichte der Verfolgung von Sinti und Roma konfrontiert wird. Dem Thema widmet sich auch die szenische Lesung „Spiel Zigeunistan“, basierend auf Gesprächen mit zwei Mitgliedern der Wilhelmsburger Sinti-Familie Weiss. Zum Abschluss der Reihe verbindet das Kako Weiss Ensemble Musikstücke der jiddischen und Sinti-Tradition mit modernen Jazz-Einflüssen.

Nach dem Auftakt in Wilhelmsburg wird die Reihe „Zeich(n)en gegen das Vergessen“ im September in der Zentralbibliothek weitergeführt, im Oktober zeigt die Studiobühne des Ernst-Deutsch-Theaters die Uraufführung von „Rosa begegnen“ – denn ihre Geschichte darf gerade heute nicht vergessen werden. Richers: „Uns ist es wichtig, ein Zeichen zu setzen gegen den in manchen Kreisen verbreiteten Wunsch, die Vergangenheit ruhen zu lassen.“

Zeich(n)en gegen das Vergessen: Bildungszentrum Tor zur Welt, 20.-25.5


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Mai 2019. Das Magazin ist seit dem 27. April 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Sexed Power: Ausstellung Sexed Power im Gängeviertel

Am Weltfrauentag eröffnet im MOM art space im Gängeviertel die Ausstellung „Sexed Power“.

Text: Sabine Danek
Abbildung (o.): Dagmar Rauwald: Selfgendered Identity, 2018

In den letzten zwei Jahren gab es in linken Hamburger Netzwerken reichlich Streit um frauenpolitische Positionen, der feministische Raum im Gängeviertel wurde geschlossen.

Diese Auseinandersetzungen wollen die Künstlerinnen der Ausstellung „Sexed Power“ nicht aufwärmen. Sie treten lieber in Aktion. Mit einer Schau, die am Weltfrauentag Solidarität zeigt, die ein Zeichen ist und auch eine Positionierung. Gegen die „Pimmelsuppe“, die in der Kunst immer noch gekocht wird. Ob mit der Absage der Retrospektiven von Adrian Piper und Joan Jones im Münchner Haus der Kunst, die durch eine Schau von Markus Lüpertz ersetzt werden. Oder auch in der großen Ausstellung „Baselitz – Richter – Polke – Kiefer“, die im Herbst aus der Staatsgalerie Stuttgart in die Deichtorhallen wandert.

 

„MeToo konnte die Gesellschaft bis heute nicht nachhaltig verändern“

 

Für Dagmar Rauwald, Künstlerin und „Sexed Power“-Initiatorin sind das: „Malerfürsten, die in einer Zeit schnell Karriere machten, in der es für Künstlerinnen noch schwerer als heute war, sich durchzusetzen und deren fataler Machismo mit Großschauen wie dieser immer wieder bestätigt wird“. Dagegen lehnt „Sexed Power“ sich auf, will nicht zulassen, dass die ungleichen Verhältnisse einfach totgeschwiegen werden und auch zeigen, „dass MeToo die Gesellschaft bis heute nicht nachhaltig verändern konnte“.

„Sexualisierte Gewalt und sexualisierte Macht sind zwei unterschiedliche Dinge“, sagt Dagmar Rauwald, „aber sie bedingen sich auch. Sexualisierte Macht kann zu sexueller Gewalt führen.“

Johanna Bruckner: Molekulare Geister in der Liebe, 2018

Im Mittelpunkt steht trotz aller politischer Positionierung bei „Sexed Power“ aber die Kunst. Die Körper-Arbeiten der österreichischen Biennale-Teilnehmerin Johanna Bruckner, die herrlich umstürzlerischen Videos, Installation und Malereien von Cordula Ditz. Die Skulpturen von Ida Lennartson, die mit Kunsthaaren, Prothesen oder Fragmenten aus Arbeitsprozessen, von Körpern erzählt und sie auseinandernimmt. Die Abformungen und Bronzegüsse von Julia Frankenberg und Anna Lena Grau, Performances von Louise Vind Nielsen, die Malerei von Dagmar Rauwald und die Arbeiten von Emma Howes, die sich als „Übersetzerin zwischen Bewegung und Form“ versteht.

Gemeinsam haben die Künstlerinnen, dass sie „ Kunst als Spiegel gesellschaftlicher Prozesse sehen, kritisch reflektieren und jede auf ihre Weise für authentische und starke Kunst stehen.“

Es ist bereits die zweite „Sexed Power“-Schau und perfekt wäre es, wenn sich daraus ein fortlaufendes Projekt entwickelt, die Ausstellung eine Keimzelle wird, die sich vergrößert und in eine Plattform Hamburger Künstlerinnen verwandelt.

Sexed Power 2019, Mom Art Space, 8.–16.3.


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, März 2019. Das Magazin ist seit dem 28. Februar 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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(Don’t )Try this at home – Skaten ist nicht rational erklärbar

Freiheit, Rausch und Systemkritik prägen Straßenkulturen – auch die Skateszene. Der Fotograf und Skater Felix Valentin dokumentiert den Zeitgeist einer Subkultur, zu der er selbst gehört, und gewährt mit seinen Arbeiten einen Einblick in den rauen, aber amüsanten Alltag von jungen Asphaltsportlern.

Fotograf und Skater Felix Valentin dokumentiert den Zeitgeist der Skate-Szene.

Das erste Skateboard bekam Felix Valentin in der siebten Klasse von seiner Großmutter geschenkt, seitdem ließ der Board-Sport den heute 30-Jährigen nicht mehr los. Durch einen neuen Job als Art Director erhielt die Fotografie mehr Einzug in sein Leben – beruflich wie privat. Was anfänglich mit Skatefotos begann entwickelte sich schnell zu einer dokumentarischen Arbeit über die lokale Skateszene abseits des Skateparks. „Das ist das eigentlich Spannende, weil es Außenstehende nie zu Gesicht bekommen“, so Felix Valentin. „Wenn ich abends mit den Jungs nach Hause gehe, mit denen ich mich tagsüber aufs Maul gelegt habe, dann gibt es oft eine explosive Mischung aus Adrenalin, Scheißegal-Haltung und dem Hang zum Exzessiven.“

Authentische Fotos, die sich dem Rausch hingeben

In solchen Momenten entstehen authentische Fotos von Menschen, die sich dem Rausch nur zu gern hingeben und für die Freiheit wie Selbstbestimmung existenziell sind. Dass sich solche Charaktere besonders häufig unter Skatern finden, ist für Felix Valentin leicht zu erklären: „Skaten kann eine Flucht vom tristen Alltag sein. Während einer Session hat man viele Erfolgserlebnisse. Einen Trick zum ersten Mal zu stehen, gibt einem ein höchst befriedigendes Gefühl. Es ist oft harte Arbeit, einen neuen zu lernen. Dafür auch noch Anerkennung von Freunden zu bekommen, die diese Leidenschaft mit dir teilen, fühlt sich einfach gut an“, erklärt der Designer, „Skaten ist eine körperliche und geistige Grenzerfahrung und nicht immer rational erklärbar.“ Das Wichtigste, was einen das Skaten lehre: Immer wieder aufstehen, auch wenn man noch so tief gefallen ist.

Der hohe Kontrast und die Farbigkeit des Schwarz-Weißen unterstreicht die Härte seiner Bilder. Starke Schatten sind erwünscht, die Haut soll gar nicht weich wie bei einem Beauty Shot aussehen. Alles, was auf dem ersten Blick nicht klassisch schön ist, ist für Felix Valentin ästhetisch. „Schönheit ist für mich ein gemachter Begriff. Darum habe ich gar kein Verlangen danach, so etwas abzulichten“, erklärt der Fotograf, „Ich will ehrliche Momentaufnahmen, die nicht kreiert sind und meine Sicht der Dinge zeigen. Das ist für mich interessant – nicht die gebaute, bunte Welt.“ In Zukunft möchte sich der Fotograf auch der Dokumentation des Lebens anderer Randgruppen widmen, die so nicht auf jedem x-beliebigen Instagram- Kanal zu finden sind. Noch bis Ende Juni können sich Interessierte die Arbeiten in der Ausstellung „Try this at home“ in der Pony Bar anschauen.

Die Ausstellung „Try this at home“ könnt ihr noch bis zum 30.6.2018 in der Pony Bar sehen.

Text: Jennifer Meyer
Fotos: Felix Valentin

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 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Juni 2018. Das Magazin ist seit dem 26. Mai 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!

Die Documenta der Fotos – Triennale der Photographie

Zum 7. Mal verwandelt sich die Triennale der Photographie Hamburg in einen Hotspot – und in diesem Jahr in einen sehr politischen. Wir sprachen mit dem künstlerischen Leiter Krzysztof Candrowicz darüber, was Fotografie so besonders macht und wie sie den Geist öffnen kann.

SZENE HAMBURG: Ging es bei der letzten Phototriennale noch um die technische und ästhetische Zukunft der Fotografie, haben Sie jetzt gesagt: „zu viel Nachdenken über Form macht Kunst bedeutungslos“. Was hat sich in den letzten drei Jahren für die Fotografie geändert?

Krzysztof Candrowicz: Es ist kaum zu glauben, aber das Medium Fotografie wurde tatsächlich noch populärer. Alle Social-Media-Kanäle leben von Fotografie. Einzig bei Twitter überwiegt noch der Text. Die große Veränderung in den letzten drei Jahren ist, wie wir Bilder verarbeiten seit die Fotografie so unmittelbar geworden ist. Die Beliebtheit von Snapchat, Gifs und „Stories“ haben unsere Wahrnehmung beeinflusst. Bilder verschwinden nach ein paar Sekunden wieder und der langsame Konsum eines Bildes, die Meditation darüber, ist eher selten geworden. Natürlich machen auch Fotofestivals es nicht gerade einfacher, denn wir versuchen ein Thema durch Hunderte von Bildern zu umreißen. Dennoch wird es auf der Triennale viele Möglichkeiten geben, über einzelne Bilder zu meditieren.

Zum zweiten Mal künstlerischer Leiter der Triennale: Krzysztof Candrowicz

Fotografen sind für Sie heute nicht mehr nur Bildermacher, sondern Philosophen, Dichter, Forscher mit der Kamera. Können sie das genauer erklären?

Eine simple fotografische Dokumentation ist heute nicht mehr besonders aufregend. Es gibt Millionen Fotografen, Tonnen an Fotoprojekten. Nahezu jedes Thema ist abgedeckt und fast alle Bilder landen in der globalen Bildermülltonne Google Images. Fotografen, die ohne Intention oder Aussage alles um sie herum fotografieren, von links nach rechts und ohne eigene „Botschaft“, reproduzieren einfach die Realität. Dabei ist das Wertvolle die Idee hinter einem Bild, hinter einem Projekt. Deshalb sind diejenigen, die auf Ideen und Inhalte fokussiert sind, nicht mehr länger nur Bildermacher, sondern vielmehr auch Philosophen, Poeten oder Soziologen, die mit der Kamera ihre Theorien und Geschichten visualisieren.

Was kann Fotografie heute als Medium, was kein anderes kann?

Darauf zu antworten ist eine wirkliche Herausforderung. Fotografie berührt die Augen und das Sehen ist der unmittelbarste und wirkungsvollste aller Sinne. Gleichzeitig kann man Fotografien am schnellsten und einfachsten teilen. Bilder haben keinen Ton, bewegen sich nicht und ermöglichen, uns auf eine sehr einfache Art und Weise und ohne Worte auszudrücken. Das Phänomen Selfie ist das beste Beispiel dafür. Für mich ist die Stärke der Fotografie aber vor allem ihre Langsamkeit. Wir können mit ihr den Fluss der Zeit anhalten und über Momente nachsinnen, die für unsere Augen unsichtbar sind.

Sie haben die Phototriennale „Documenta der Fotografie“ genannt …

Tatsächlich war die Documenta bei der Entwicklung der Triennale für mich der wichtigste Bezugspunkt. Die letzten Triennalen haben sich mit der Ästhetik und der sozialen Wirkung der Fotografie beschäftigt. Dieses Mal aber interessiert uns nicht so sehr ihre visuelle Sprache. Als Medium selbst ist sie viel transparenter geworden und deshalb konzentrieren wir uns stärker auf ihren Inhalt. Ich persönlich finde die meisten Ausstellungen und Festivals, die vor allem Porträts, Landschaften oder andere formale Aspekte im Blick haben, ziemlich langweilig. Die Documenta aber war von Anfang an eine Art politischer Kommentar, eine Stimme der Künstler. Und ich wünsche mir, dass die Triennale 2018 auch ein gemeinsames Statement ist, in diesem Fall durch Fotografie.

Foto: Salvatore Vitale: How to Secure a Country, 2015- 2017

Die einzelnen Ausstellungen der Triennale sind durch Computerbegriffe wie Home, Control, Space verbunden. Welche neuen Aspekte zu Heimat und Heimatlosigkeit, urbanem Raum und Machtverhältnissen kann man erwarten?

Tastatur-Begriffe wie Enter, Space oder Control sind für mich nicht mehr als Symbole für die digitale Transformation und Automatisierung. Wir verwenden diese Begriffe als Metaphern, um den Einfluss von Technologie, Globalisierung, von Massenproduktions- und Konsum-Kreisläufen zu verdeutlichen. Der Fortschritt will uns glauben machen, dass die heutige Welt einfach ist. Aber genau das Gegenteil ist der Fall. Abseits der Tastatur und des Screens ist die Welt komplizierter geworden und das Programm der Triennale 2018 beschäftigt sich mit dieser Komplexität. Die Triennale ist ein politisches und gesellschaftliches Statement mithilfe von Bildern und ist neben der Fotografie von Autoren wie Noam Chomsky, Noah Harari und Naomi Klein inspiriert.

Während in der Kunsthalle eher bekannte Künstler wie Thomas Demand oder Sophie Calle zu sehen sind und im Bucerius Kunst Forum Anton Corbijn, scheinen die Bilder der Schau [ENTER] in den Deichtorhallen sehr intensiv zu sein.

Genau das ist die Struktur des Festivals! Das gesamte Programm heißt ja „Breaking Point“. Die Ausstellungen dazu, mit Titeln wie [ENTER], [HOME] oder [ESCAPE], werden in den großen Museen gezeigt und beziehen direkt Stellung zu politischen, wirtschaftlichen oder ökologischen Themen. Darüber hinaus gibt es „Special Shows“, die nicht unbedingt einen Bezug zum Festival-Thema haben. Dafür haben wir die Künstler Anton Corbjin, Joan Fontcuberta und Shirana Shahbazi eingeladen. Alle stellen zum ersten Mal in Hamburg aus.

Auch viele OFF-Räume nehmen diesmal teil.

Die [OFF] Triennale wurde entwickelt, um ein breiteres Publikum zu erreichen und auch Menschen, die normalerweise nicht ins Museum gehen. Dank Pop-up-Orten und weniger bekannten Galerien werden wir auch für ein jüngeres Publikum sichtbar. Außerdem konnte sich jeder für die OFF Sektion bewerben. Über 800 Ausstellungskonzepte wurden eingereicht und die Triennale wird so demokratischer und offener.

Foto: Andreas Herzau: Girl, aus der Serie Moscow Street, 2008

Was ist die große Herausforderung der Triennale?

Ich weiß, dass es sich fast zu vielversprechend oder vielleicht sogar trivial anhört, aber die große Herausforderung der Triennale ist, durch Fotografie zu einem Wandel zu inspirieren. Da visuelle Sprachen wichtig sind, um Dinge zu vermitteln, die nicht in Worte zu fassen sind, ist sie das perfekte Werkzeug, wichtige globale Themen zu veranschaulichen. Deswegen hebt die Triennale auch Künstler hervor, die sich mit ihren Arbeiten an der Grenze von Kunst und Aktivismus bewegen. Ich hoffe, dass ihre Projekte den Blick und Geist der Besucher öffnen.

Darüber hinaus sollen Initiativen zum Handeln und Inspiration für nachhaltige Alternativen entstehen.

Neben inspirierenden und packenden Fotografen haben wir den Künstler Joshua Schwebel eingeladen, der sich mit sozialen und politischen Interventionen beschäftigt. Er wird sich an Hamburger Museumsdirektoren wenden und sie zu Projekten einladen, die zum Umdenken anregen – Aktionen, Proteste oder Manifeste. Schließlich ist die Triennale auch eine riesige gemeinschaftliche Plattform auf der wir alle voneinander lernen.

Ist Hamburg eine gute Stadt für Fotografie?

Hamburg ist ein wahrer Knotenpunkt für Fotografie, wenn auch international eher immer noch unentdeckt. Die erste Fotoausstellung, die je in einem Museum gezeigt wurde, fand 1890-1898 in der Hamburger Kunsthalle statt. Die Museen hier haben tolle Fotografie-Kollektionen und die Deichtorhallen sind vielleicht der größte Ort, der sich ganz der zeitgenössischen Fotografie verschrieben hat. Auf jeden Fall in Europa und wenn nicht sogar weltweit. Wenn man dann noch die Bildungstradition der HFBK nimmt, die Tatsache, dass die meisten Verlage in Hamburg sitzen und dazu die Triennale der Photographie, ist klar, dass Hamburg der Spot ist!

/ Interview: Sabine Danek

/ Beitragsfoto: Martin Errichiello & Filippo Menichetti, Untitled, 2016, Laino Borgo (Cs) Italy, aus der Serie: In fourth Person

Die Triennale der Photographie findet vom 7.6. bis 26.8. in den Deichtorhallen und an vielen anderen Orten in Hamburg statt.


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Juni 2018. Das Magazin ist seit dem 26. Mai 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!