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„Ich wusste nie, ob wir bloß vorsichtig waren oder schon paranoid“

In „Die Diplomatin“ schreibt Lucy Fricke, Autorin des Bestsellers „Töchter“, aus Sicht einer deutschen Konsulin, die an die Grenzen der Diplomatie stößt. Ein Gespräch über das Leben im politisch aufgeheizten Istanbul, den geringen Frauenanteil im Auswärtigen Amt und im Verborgenen organisierte Fluchten

Interview: Ingrun Thiele

SZENE HAMBURG:  Frau Fricke, die Handlung Ihres neuen Romans „Die Diplomatin“ spielt im zweiten Teil in Istanbul. Entstand die Idee zum Buch vor Ort?

Lucy Fricke: Ich war sehr lange in Istanbul, mehrere Monate, verteilt auf fast zwei Jahre. Zunächst hatte ich gar nicht den Plan, in der Form über Istanbul zu schreiben, sondern bin vollkommen „leer“, ohne Idee für einen neuen Roman, dort hingefahren. Durch mein vorheriges Buch „Töchter“ hatte ich ein turbulentes Jahr hinter mir mit fast 70 Lesungen – ich bin vollkommen erschöpft in der Türkei angekommen. Das, was ich dort gesehen habe, hat mich dann so sehr beschäftigt, dass ich darüber schreiben wollte. Mich haben die Geschichten hinter den Nachrichten interessiert.

Was genau hat Sie interessiert?

Die Schicksale der Menschen in autoritären Verhältnissen, wie etwa unter Anklage stehende oder inhaftierte Türken und Deutsch-Türken oder deutsche Staatsangehörige, die mit einer Ausreisesperre in der Türkei festsaßen. Aus einer türkischen Perspektive habe ich es nicht erzählen können, deswegen habe ich aus der Sicht der deutschen Diplomatin Fred geschrieben. Sie stößt auf die Grenzen der Rechtsstaatlichkeit, auf staatliche Willkür und Machtlosigkeit.

„Diplomatie ist immer eine Politik der kleinen Schritte“

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„Die Diplomatin“ von Lucy Fricke erzählt von schwieriger Diplomatie und einer Frau in eine Männerwelt

Ihre Protagonistin, Fred, wollte mit ihrem Job als Botschafterin die Welt ein Stück verbessern. Wusste sie, auf was für ein Leben sie sich einlässt?

Sie ist nicht naiv, sie wusste schon zu Beginn ihrer Karriere, dass sie in ihrem Job einen sehr engen Handlungsspielraum hat und begrenzte Möglichkeiten. Die Diplomatie ist immer eine Politik der kleinen Schritte, des Miteinanderredens und Verhandelns. Daran glaubt sie. Wenn allerdings auf der anderen Seite niemand mehr den Hörer abhebt, wird es schwierig mit dem Reden.

Die Arbeit in der Welt der Diplomatie bestimmt Freds Leben, auch blieb sie deswegen kinder- und partnerlos. Hat sie ihren Lebensweg bereut?

Na ja, es ist sicherlich ein Roman der Ernüchterung. In dieser Generation musste vieles für den Job aufgeben werden, besonders als Frau. Fred kommt eines Tages an den Punkt, an dem sie sich fragt, ob es das wert war. Als sie an ihren Beruf den Glauben verliert, bricht im Prinzip ihr Leben zusammen, weil alles darauf aufbaut.

Würden Sie sagen, dass Karriere und Einsamkeit unweigerlich einhergehen?

Unweigerlich sicherlich nicht. Aber ich glaube schon, dass Einsamkeit und Erfolg oft zusammenhängen. Besonders, wenn der Beruf das Einzige im Leben ist und das Leben bestimmt. Männer in solchen Positionen haben öfter begleitende Ehefrauen, die den eigenen Beruf erst mal ruhen lassen. Fred ist gezwungen, alle paar Jahre den Ort zu wechseln, sie ist rund um die Uhr in dieser Funktion als Botschafterin, sie repräsentiert Deutschland im Ausland und das permanent. Als öffentliche Figur hat sie so gut wie keine Privatsphäre, sie lebt hinter ihrer Fassade und weiß nicht, wem sie überhaupt vertrauen kann. Das macht einsam.

Nur 20 Prozent Diplomatinnen

Sie schreiben, Fred sei weder eine gescheiterte Frau noch eine egoistische Karrieristin. Was ist sie dann?

Nun ja, sie hatte zwei Fehlgeburten. Sie wurde von ihrem Mann verlassen. Kinderlosen Frauen wird immer unterstellt, sie hätten sich explizit dafür entschieden, um ihre Freiheit zu genießen oder Karriere zu machen. Es ist aber nicht unbedingt eine bewusste oder freiwillige Entscheidung. Manchmal klappt es nicht oder es ergibt sich einfach nicht. Darum ging es mir an der Stelle. Zu sagen, dass Fred nicht diese Karrierefrau ist, sondern dass sie einfach nicht das Glück hatte, schwanger zu werden. Aber das ist kein Scheitern. Es ist möglich, auch ohne eigene Familie und Kinder ein erfülltes Leben zu führen.

Es ist eher ungewöhnlich, mit Fred eine Frau in dieser Position zu sehen.

Nur etwa 20 Prozent dieser Positionen sind von deutscher Seite mit Frauen besetzt. Die Frauenquote soll nun angehoben werden auf 50 Prozent, langsam ändert sich etwas – das Problem ist, dass es noch nicht genügend Frauen auf dieser Ebene gibt. Man muss schon 20, 25 Jahre beim Auswärtigen Amt sein, um überhaupt Botschafterin werden zu können, die Veränderungen kommen also sehr zeitversetzt an. Genau das fand ich spannend: Eine Frau einzusetzen in einer noch männerdominierten Welt der Diplomatie.

Im Laufe des Buchs verliert sie den Glauben an die Diplomatie und findet andere Wege am Rande der Legalität. Was müsste Ihres Erachtens geändert werden?

Die Abhängigkeiten müssten reduziert werden. Darum geht es aktuell in den Beziehungen zu Russland, aber auch die Verflechtungen zwischen Deutschland und der Türkei sind immens. Wirtschaftliche oder geopolitische Abhängigkeiten schränken den Handlungsspielraum eines Landes enorm ein. In Krisen- und Kriegszeiten fliegt einem das um die Ohren. Ich wünsche mir außerdem, dass noch stärker, immer und überall, die Einhaltung und Durchsetzung der Menschenrechte verhandelt wird.

„Genau das fand ich spannend: Eine Frau einzusetzen in einer noch männerdominierten Welt der Diplomatie.“

Lucy Fricke

Politik als offenes Buch

Dass Diplomaten verurteilten Menschen zur Flucht verhelfen, basiert auf wahren Fällen?

Wenn sie verurteilt sind, ist es meistens zu spät. Oftmals steht eine Anklage im Raum, ein nahender Prozess, in dieser Zeit kann man noch handeln. Das, was Fred tut, haben auch Diplomaten in der Vergangenheit getan und die sind auch noch alle im Beruf. Nur wird das nicht öffentlich gemacht, damit Kontakte und Fluchtrouten nicht verraten werden und die Wege weiterhin offengehalten werden können. Es ist absolut nötig, im Verborgenen zu arbeiten. Heiko Maas hat „Die Diplomatin“ auch besprochen und bestätigt die Realitätsnähe. Ich glaube nicht, dass er das als amtierender Außenminister hätte sagen dürfen.

Die Politik ist eine verschlossene Welt für sich. Wie haben Sie Zugang dazu erhalten?

Erstaunlicherweise war sie gar nicht so verschlossen, wie man immer denkt. Ich stellte mich als Schriftstellerin vor und bat direkt um ein Gespräch. Ich bekam relativ schnell Termine mit Diplomaten, Botschaftern, aber auch mit Journalisten und Anwälten. Zu meinem Erstaunen haben sie ziemlich offen erzählt.

Woran liegt das?

Vielleicht, weil ich Schriftstellerin bin und keine Journalistin. Ich glaube, viele waren froh, dass jemand Interesse daran zeigt, wie das Ganze funktioniert und nicht bloß aus der Ferne einen Roman darüber schreiben will. Ich habe mich für die ganzen Details interessiert. Diese Offenheit hatte allerdings die klare Grenze, dass ich die Gespräche nicht aufzeichnen und keine Namen nenne durfte. Zudem war ich lange dort, die Gespräche zogen sich teilweise über Monate, in denen wir uns immer wieder trafen, sodass Vertrauensverhältnisse entstanden.

Türkei-Depression

Haben Sie diese politisch angespannte Atmosphäre, die Sie in Ihrem Roman beschreiben, auch in Ihrem dortigen Alltag wahrgenommen?

Sie war für mich allgegenwärtig. Ich hatte dort ein Stipendium der Kulturakademie Tarabya, die sich auf dem Gelände der Sommerresidenz des deutschen Botschafters befindet. Dieses Grundstück grenzt direkt an eine andere Residenz, und zwar an die von Erdoğan. Wenn ich das Apartment verließ, sah ich seine Soldaten, die das Gelände sicherten. Im Café gegenüber saß immer wieder der Geheimdienst. In den Gesprächen mit Türken wurde der Name des Präsidenten so gut wie nie ausgesprochen. Ich lernte Menschen kennen, die Freunde bei sich zu Hause versteckten, die untergetaucht waren, um dem Gefängnis zu entgehen. Viele wussten, dass sie überwacht wurden. Es wurde normal, dass wir gewisse Textnachrichten sofort nach dem Lesen löschten. Bei manchen Gesprächen schalteten wir die Handys aus, legten sie nebenan ins Schlafzimmer. Ich wusste nie, ob wir bloß vorsichtig waren oder schon paranoid. Nach zwei Monaten hatte ich meine erste Türkei-Depression. So ging es hin und her. Ich liebe Istanbul, es ist die schönste Stadt, die ich kenne und es wimmelt dort von wunderbaren Leuten. Es war schön und beängstigend zugleich. Erst als ich wieder in Berlin war, habe ich gemerkt, wie sehr mir das alles in die Knochen gegangen ist.

Dann war die Recherche wohl sehr intensiv?

Sehr. Zugleich war sie aber sehr befriedigend. Ich habe unglaublich viel gelernt und erfahren. Ich habe bewundernswerte Menschen getroffen, die ihren Glauben, ihre Liebe und ihren Humor nicht verloren haben, die nicht aufhören, zu kämpfen. Das Schreiben an diesem Roman hat mich definitiv klüger und demütiger gemacht.

Lucy Fricke: „Die Diplomatin“, Ullstein-Verlag, 256 Seiten, 22 Euro.


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„Die Züchtigung hatte etwas erotisches“

In der autobiographischen Erzählung „Der unterbrochene Wald“ erinnert sich Georges-Arthur Goldschmidt an seine Kindheit und Jugend während des Holocaust und an seine Flucht vor dem Naziregime. Ein Gespräch über erregende Strafrituale, die Bedeutung von Heimat und darüber, was die permanente Angst ums Leben mit einem Menschen macht

Interview: Ingrun Thiele

SZENE HAMBURG: Herr Goldschmidt, Ihr vorheriges Buch, „Der versperrte Weg“, haben Sie auf Deutsch geschrieben, „Der unterbrochene Wald“ nun auf Französisch. Wieso der Sprachwechsel?

Georges-Arthur Goldschmid: Für mich ist es eine befreiende Sprache, weil die Franzosen mich vor der Deportation der Nazis beschützt haben. Ich bin kein Jude, sondern ein sogenannter „Nicht-Arier“ und wurde von den Deutschen gesucht. Die Franzosen haben ihr Leben riskiert, um mich zu verstecken, nur ihretwegen habe ich überlebt.

Schreiben Sie deshalb, dass die französische Sprache „Redefreiheit“ bedeutet?

Frankreich unterlag der Okkupation des Nazi-Deutschlands, doch hat sich mit Gebrüll davon befreit. Dadurch habe ich gelernt, dass die Regierung gegen die Unterwerfung rebellieren kann. Als ich ein Knabe war, sprach niemand von Freiheit, es war verboten und selbst als 16-Jähriger bestand noch immer die Gefahr für mich, deportiert und verhaftet zu werden. Die Befreiung im September 1944 bedeutete daher für mich die endgültige Erleichterung und deswegen ist Französisch für mich die Sprache der Befreiung und der Freiheit.

Flucht nach Italien und Frankreich

Wie sah Ihre Flucht aus?

Ich bin in einer bürgerlichen, sehr kultivierten Familie geboren, die in Hamburg seit mehr als 200 Jahren lebte. Mein Vater war Oberlandesgerichtsrat in Hamburg. Als die Nicht-Arier 1938 nicht mehr existieren durften, hatten meine Eltern das Glück, Kontakte nach Florenz zu haben, sodass ich nach Italien geschickt wurde. Als ich von dort erneut vor den Nazi-Schergen flüchten musste, kam ich ins Internat nach Frankreich und als Savoyen von den Deutschen besetzt wurde, hielten mich Bergbauern versteckt. Dadurch waren Sie dem Gefühl einer existenziellen Ortlosigkeit ausgesetzt.

Fühlen Sie sich heute eher Deutschland oder Frankreich heimatlich verbunden?

Diese Frage ist typisch deutsch! Heimat ist kein fixer Begriff und sie ist nicht nur der Ort, wo man geboren worden ist. Für mich ist Heimat da, wo ich glücklich gewesen bin, daher fühle ich mich zu all diesen Orten verbunden. Ich habe heimatliche Erinnerungen an Orte, an denen ich nur zwei Tage gewesen bin oder ich erinnere mich an den Blick auf den Mont Blanc, den ich von dieser Seite noch nie gesehen hatte. So gesehen hat jeder Mensch Tausende Heimatbilder, die sich eingeprägt haben, unabhängig vom Geburtsort. Und heute fühle ich mich hier in Paris bei meiner Frau wunderbar beheimatet.

„Fünf Franzosen haben ihr Leben für mich aufs Spiel gesetzt“

Wie kamen Sie zu dem Bergbauern, der Sie vor den Nazis versteckte?

Er lebte sehr zurückgezogen in einem schwer zugänglichen Tal. Er hatte fürchterliche Angst und hat mich bald bei einem anderen Bauern unterkommen lassen. Er hatte nicht nur mich, sondern auch andere bei sich versteckt. Vermittelt wurde ich von einem alten, katholischen Missionar. Fünf Franzosen haben ihr Leben für mich, einen verpinkelten Jüngling, aufs Spiel gesetzt, um mich vor der Deportation zu bewahren. Das finde ich unerhört und so was vergisst man nicht.

Beim Lesen wird nicht ganz deutlich, wie genau Ihre persönliche Bindung zu ihm und seiner Familie war.

Es war keine Art Familienersatz, aber ich war absolut fremd und trotzdem war es für ihn und viele andere Franzosen selbstverständlich, uns einen Unterschlupf zu geben. Dadurch bin ich ihm und Frankreich sehr verbunden.

Dann waren Sie keine Ausnahme?

Frankreich ist das Land, in dem die meisten Juden versteckt worden sind. Von den 320.000 in Frankreich lebenden Juden wurden dadurch „nur“ 75.000 in die Vernichtungslager deportiert.

Jude sein, Flucht und Erklärungen eines Kindes

Ihre Eltern haben nie darüber gesprochen, was es heißt, Jude zu sein.

In der Schule lernten wir einmal das Gedicht „Die Loreley“ von Dichter Unbekannt – das war von Heinrich Heine, aber der war Jude. Und es war unmöglich, zu sagen, dass das bekannteste deutsche Gedicht von einem Juden sei, selbst meine Eltern haben es mir nicht gesagt, sie haben sich davor gehütet!

Haben Sie bei der Verabschiedung trotzdem geahnt, wieso Sie weggeschickt wurden?

Als sie mich an den Bahnhof brachten, das ist der vielleicht traurigste Tag in meinem Leben gewesen. Ich ahnte, wieso sie mich wegschickten, aber ich verstand nicht. Ich hatte Schuldgefühle, weil ich als kleiner Junge an mir rumgefummelt habe und brachte das damit in Verbindung. Ich versuche immer, das in meinen Schmökern zu erklären, aber ich weiß selbst nicht mehr genau, wie das gewesen ist.

Sind Sie damals von einem Wiedersehen ausgegangen?

Diese Frage erweckt in mir unterschiedliche Gedanken … Ich glaube nicht. Ich nehme an, ich wusste, dass ich meine Eltern nie wieder sehen würde, zumindest unterbewusst. Kinder wissen immer Bescheid, sie ahnen alles. Ich habe das wohl irgendwie herausgeschnüffelt.

„Man empfand zugleich ein Leiden und eine Lust“

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Stand 2021 auf der Longlist des Deutschen Buchpreises: „Der unterbrochene Wald“ von Georges-Arthur Goldschmidt (Foto: Wallstein Verlag)

In dem Internat, in dem Sie in Frankreich untergebracht worden sind, mussten Sie traumatisierende Gewalterfahrungen erleiden.

Die Situation war natürlich fürchterlich, ich war nackt und wurde blutig geschlagen. Aber es war für mich nicht so schlimm, wie es aus der heutigen Sicht erscheint. In der damaligen Zeit, vor allem in katholischen Internaten, war es gang und gäbe, dass man auf den Po geschlagen wurde. Und nicht nur dort, es war auch selbstverständlich, dass es in jeder Familie einen gelben Onkel gab.

Was ist ein „gelber Onkel“?

Das war eine Rute, um Kinder zu schlagen. In jeder Nation wurden Kinder gezüchtigt. Das Thema spielte für alle Menschen meiner Generation eine große Rolle, nur spricht keiner darüber, was man dabei empfand.

Sie meinen, dass die Züchtigung etwas Erregendes für Sie hatte?

Es war ein zweideutiges Unternehmen, man empfand zugleich ein Leiden und eine Lust, die Züchtigung hatte etwas Erotisches. Mit 18 war ich selbst noch ein Kind, ich hätte dagegen revoltieren können, doch ich war zu faul oder zu feige, dagegen anzugehen. Ich ließ es geschehen. Heute hält man nichts mehr davon und es ist zum Glück verboten und vergessen.

Wie denken Sie heute über Ihre Peiniger?

Die Direktorin des Heims hat mich vor der Deportation gerettet. Es machte ihr zwar Spaß, Kindern auf den Hintern zu schlagen, sie ergötzte sich an Jünglingen. Aber das war nun mal diese Zeit, ich nehme ihr das nicht übel. Ich hege allgemein keine Rachegefühle gegen jemanden, Menschen sollte man nichts übelnehmen. Die Leute, die die Befehle ausgeben, sind gefährlich, aber nicht die armen Schlucker, die gehorchen müssen.

„Angst ist so fürchterlich“

Sie schreiben in Ihrem Buch von einer inneren Unruhe und einem allgegenwärtigen Verfolgungswahn, die das Seinsverbot mit sich zogen – merken Sie das heute noch?

Eigentlich war das kein Wahn, das war Realität. Es wurde nach meinem Leben getrachtet und diese verrückte Hitlerei führte dazu, dass alle Juden, Halbjuden, Nicht-Arier mit einer Boshaftigkeit ohnegleichen behandelt wurden. Ich selbst bin protestantisch erzogen worden, hätte deutscher gar nicht sein können und trotzdem wurde ich verfolgt. Die Hitlerei ist das schlimmste Verbrechen in der Geschichte der Menschheit. Der Antisemitismus hat Millionen Menschen das Leben gekostet und das ohne Grund. Das hat mich natürlich geprägt und es ist noch irgendwie in mir.

Haben Sie ein Beispiel?

Meine Frau meinte, ich hätte manchmal komische Reaktionen. Wenn ich mich in einem öffentlichen Raum befinde, sitze ich immer nahe der Tür, ein Fluchtinstinkt. Das sind Verhaltensweisen und Reaktionen, die ich selbst gar nicht bemerke.

Entstand daraus die Vorstellung, sich „im Ohr eines Pferdes verkriechen“ zu wollen?

Mein großer Bruder reihte sich in den Widerstand ein, ich versteckte mich und hatte ständige Angst, von den Deutschen gefunden zu werden. Angst ist so fürchterlich. In jedem Löchlein möchte man verschwinden, man sucht überall mögliche Verstecke. Und das Ohr eines Pferdes, da hat man doch wunderbar Platz, man ist gegen den Regen geschützt und es ist warm – wie im Märchen. Aber es ist natürlich nur eine illusorische Sicherheit, ein körperliches Bedürfnis. Diese Wunschvorstellung schützt einen nicht, aber sie gab mir eine innere Sicherheit.

Georges-Arthur Goldschmidt: „Der unterbrochene Wald“, Wallstein, 133 Seiten, 20 Euro


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Ferris MC: „Immer nonkonform“

Der Hamburger Rapper Ferris MC veröffentlicht seine Autobiografie „Ich habe alles außer Kontrolle“ – und ein neues Album. In den Songs auf „Alle hassen Ferris“ thematisiert er seine Antihelden-Position im Musikgeschäft

Interview: Erik Brandt-Höge

SZENE HAMBURG: Ferris, gab es einen konkreten Anlass, den Titelsong deines neuen Albums, „Alle hassen Ferris“, zu schreiben?

Ferris: Nein, es war ein Potpourri aus Erlebnissen und Kommentaren, die ich so mitgekriegt habe, die mich zum Schreiben bewegt haben. Ich hatte das Gefühl, überall nur verbrannte Erde hinterlassen zu haben und zur Persona non grata geworden zu sein. Es kam mir vor, als könnte ich machen, was ich wollte, so sehr abliefern, wie nur möglich: Und die Leute redeten trotzdem. Und wenn man dann während der Pandemie eingeschlossen in seinem Kämmerlein dasitzt, wird diese Wahrnehmung natürlich noch stärker. Deshalb der sehr plakative, aber natürlich auch humorvoll gemeinte Titel: „Alle hassen Ferris“.

Humorvoll, weil dir die Ansichten anderer am Ende doch nicht so wichtig waren und sind?

Genau. Ich mache nicht Musik, um es damit allen recht machen zu können. Das habe ich mal gemacht, aber damit bin ich komplett auf die Schnauze gefallen. Ich wollte dem gerecht werden, was die Leute von mir verlangten, aber das konnte ich ja gar nicht. Ich kann zum Beispiel nieman- dem den alten Ferris zurückgeben. Kein Künstler kann das. Man ist ja nicht der Lakai des Publikums, sondern drückt seiner Kunst den eigenen Stempel auf. Wobei ich sagen muss: Es ist jetzt auch nicht so, dass ich komplett darauf scheiße, was die Leute von mir denken. Wie jeder andere Künstler suche auch ich nach Anerkennung und Liebe.

„So fühle ich mich am wohlsten“

Im Song „Alles außer Kontrolle“ heißt es: „Meine Mukke folgt keinem Trend, deshalb verdien’ ich damit auch keinen Cent.“ Dieses Keinem-Trend- Folgen: Macht das vor allem Spaß oder ist es auch mal anstrengend?

Massentauglichkeit spült natürlich Geld in die Kassen, aber ich finde es wichtiger, es nicht darauf anzulegen, massentauglich zu sein. Also dass man zum Beispiel nicht ganz offensichtlich versucht, einen Chart-Hit zu produzieren, der dann vom Label noch in die Playlisten gepusht wird. Wenn man Geld in die Hand nimmt, kann man überall stattfinden und sich somit Erfolg auch erkaufen. Bei mir ist es so, dass man sich schon schlau machen muss, was ich gerade mache. Dann allerdings findet man High-End Quality – auf meine Art. Das ist der Weg, den ich immer gegangen bin, immer nonkonform. So fühle ich mich am wohlsten.

„Man ist ja nicht der Lakai des Publikums“

Ferris MC

Wobei man meinen möchte, der Refrain im Song „Was ist geblieben“, auch aus „Alle hassen Ferris“, ist geradezu dafür gemacht worden, dass er von Tausenden im Stadion mitgeschrien werden könnte. Textbeispiel: „Alles, was wir machten, war für die Ewigkeit.“ Könnte auch von den Toten Hosen sein …

Wenn die Toten Hosen, Die Ärzte oder die Broilers diesen Refrain gemacht hätten, also Künstler, die sich mit Gitarrenmusik längst etabliert haben, könnte er tatsächlich sehr erfolgreich werden. Wir – den Song habe ich zusammen mit Dag aufgenommen – machen aber Gitarrenmusik mit Rap und auch mit Rap Attitüde. Dabei müssen wir schon Glück haben, dass daraus ein Hit wird. Wir haben den Refrain gemacht, weil wir wollten, dass die Leute mitgenommen werden, denn die Strophen sind ja eher nicht zum Mitschreien.

„Es wird besser“

Nicht nur durch Textzeilen wie „Ich war schon vor Corona gefickt“ bleibst du auf diesem Album deinem Credo treu, nicht Rap-typisch den Helden, sondern den Antihelden zu geben. Nicht zu sagen, wie toll du bist, sondern was dir alles Negatives passiert ist. Kommt diese Attitüde ganz automatisch in deine Songs oder nimmst du sie dir gezielt vor?

Das passiert einfach. Aufgrund der letzten Niederschläge, die der Pandemie geschuldet waren, konnte ich auch wieder eine Brücke schlagen zu dem, wie ich angefangen habe: als Außenseiter, Loser, der, dem niemand wirklich geheuer ist. Eben der Antihelden-Position. Klar, es gab mal ein, zwei Jahre, als mir alles in den Schoß zu fallen schien und als es auch finanziell richtig lief. Da habe ich ganz anders geschrieben. Aber die besten Texte kann ich nach wie vor schreiben, wenn ich leide. Krisen machen mich kreativ und ich versuche immer, in ihnen eine Chance zu sehen. Sie halten meinen Prozess am Laufen. Wobei Corona natürlich nicht nur für mich ungeil war. Ich kenne niemanden, der sagt, dass er da richtig gut durchgekommen ist.

Apropos Chancen sehen: „Bye Bye Bye“ – zusammen mit Swiss – ist dann noch ein Hoffnungs- Track. Es wird alles vorbei- gehen und besser werden, so die Message in kurz …

Richtig, nach einem Tal geht es auch wieder einen Berg hoch. Klar, nach einem Tal kann auch noch eins kommen. Aber meine Erfahrung ist, dass wenn man nicht auf der Couch sitzen bleibt, sondern etwas für sich tut, kann es zwar mal eine Weile dauern, bis es besser wird, aber es wird besser. Ein Satz, den ich während der Pandemie immer wieder zu mir selbst gesagt habe, war: „Alles wird besser!“

„Alle hassen Ferris“ (Arising Empire/Missglückte Welt/Edel) erscheint am 17. Juni 2022; die Autobiographie „Ich habe alles außer Kontrolle“ (Edel Books) ist im Verbund mit Ferris’ Frau Helena Anna Reimann entstanden und am 1. April 2022 erschienen

Hier gibt‘s einen ersten Eindruck vom neuen Album:


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„Er war einfach ein Kauz“

Monika Helfers „Löwenherz“ ist das dritte Buch ihrer Familientrilogie. Ein Gespräch über die Kunst des Lügens, wandelnde Erziehungsstile und das entrissene Lebensglück ihres Bruders, der mit 30 Jahren den Freitod wählte

Interview: Ingrun Thiele

Die Figuren in Monika Helfers Büchern haben Mut, Überlebenswillen und den gesunden Trotz eines Kindes, nämlich den Trotz, sich von gesellschaftlichen Wertvorstellungen und Kategorisierungen nicht beirren zu lassen“, hieß es in Dorothea Zanons Laudatio für die Autorin, als dieser 2016 das Österreichische Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst verliehen wurde. Auch in ihrem neuen Buch „Löwenherz“ behält Helfer ihren persönlichen und zugleich ungeschminkten Schreibstil bei. Egal, ob es um ihr offenkundiges Fremdgehen in vergangenen Zeiten geht oder um hässliche Babys – Helfer schreibt stets ungezwungen über gesellschaftlich verpönte Denkweisen und tabuisierte Themen.

Eine Hommage – nicht ganz einfach

SZENE HAMBURG: Frau Helfer, fällt es Ihnen leichter, über reale Personen zu schreiben als sich Figuren auszudenken?

Monika Helfer: Nein, bei fiktiven Figuren bin ich gelassener, weil sie weiter weg sind. Aber ich habe das Gefühl, dass ich inniger schreibe, wenn ich mit Herzblut dabei bin.

Haben Sie sich deswegen entschieden, über Ihren Bruder zu schreiben?

Ja, wir waren uns sehr nah. „Löwenherz“ ist ja das dritte Buch meiner Familientrilogie. Nachdem ich bereits über meinen Vater und meine Vorfahren geschrieben habe, ist mir als nächstes gleich Richard eingefallen. Er ist eine so besondere und interessante Figur, die sich für ein weiteres Buch gut geeignet hat. Ich wollte eine Hommage an ihn schreiben, was allerdings nicht einfach war, weil Richard so viele Facetten hatte.

„Erfinden ist nicht immer etwas Schlechtes“

Meinen Sie damit, dass Ihr Bruder ein „Schmähtandler“ war – also ein Mensch, der trickst und lügt?

Ja, Richard hat ständig Geschichten erfunden.

Haben Sie ein Beispiel?

Unzählige! Einmal hat er sich beim Betreten eines Ladens als Blinder ausgegeben, damit sein Hund als Blindenhund mit reindurfte. Die beiden waren unzertrennlich.

Gleichzeitig bezichtigen Sie ihn nie der böswilligen Lüge.

Das Erfinden ist nicht immer etwas Schlechtes, oft hat Richard Personen durch seine Geschichten sogar aufgewertet. Sein Erfinden war für alle eher eine Freude, ein Spaß.

Konnten Sie dabei immer unterscheiden, wann er die Wahrheit sagt und wann er fabuliert?

Nicht immer, aber meistens. Aber das war mir auch egal. Ich war nie darauf gefasst, die Wahrheit zu hören und wenn man das weiß, kann man damit leben.

„Ich glaube, dass sich Richard nie richtig geliebt gefühlt hat“

Was hat Richard dabei angetrieben?

Ach, er war einfach ein Kauz. Er hatte eine schwierige Kindheit: Erst starb unsere Mutter, dann kam er zu einer Tante, weil unser Vater sich aus unseren Leben zurückgezogen hatte. Diese Tante hatte einen Ehemann, der immer laut gebrüllt hat, um seine Blindheit zu kompensieren – ein riesiger Mensch mit einer unglaublich tiefen, lauten Stimme, das war für ein Kind natürlich angsteinflößend. Meine Schwestern und ich waren bei einer anderen Tante untergekommen, sodass wir getrennt von ihm waren, er war also allein. Ich glaube, dass sich Richard nie richtig geliebt gefühlt hat.

Wenn man dem Buch glaubt, hat ihn seine Tante doch geliebt?

Die Liebe zu Kindern war damals so eine Sache … Kindern werden heutzutage wie selbstverständlich Wünsche erfüllt und sie werden von den Eltern geküsst – früher waren Kinder eher wie kleine Erwachsene und wurden strenger erzogen. Auch meine Geschwister und ich sind so aufgewachsen, wir sind nie verhätschelt worden.

„Er hat nicht gern gelebt“

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In „Löwenherz“ erzählt Helfer von ihrem Bruder.

Er hat sich dort also nie wohlgefühlt?

Ich glaube nicht. Als Fünfjähriger war er mal eine Woche verschwunden und seine Tante hatte Angst, dass man ihr vorwerfen würde, sie hätte schlecht auf ihn aufgepasst. Deswegen meldete sie es nicht der Polizei, erst am fünften Tag stand eine Vermisstenanzeige in der Zeitung. Wie sich herausstellte, hatte er sich eine Höhle im Wald gesucht und sich dort versteckt. Es war Sommer, er hatte eine Wolldecke mitgenommen und genügend Proviant, er fühlte sich in dieser Höhle wohl.

Waren seine Lügengeschichten auch eine Art Flucht vor der Wirklichkeit?

Er wollte mit der Welt nichts zu tun haben. Er hat nicht gern gelebt. Er hat zwar gerne als Schriftsetzer gearbeitet und in seiner Freizeit gemalt, aber glücklich war er nie. Das änderte sich, als ihm der Hund zulief, den er bei sich aufnahm und als Kitti ihm später das Kind gab, das nicht sein eigenes war.

„Kitti hat etwas Dämonisches“

Richard lernte die schwangere Kitti kennen, die gleich ihr erstes Kind „Putzi“ an ihn abdrückte, obwohl sie sich gar nicht richtig kannten. Wieso ließ er sich so von ihr ausnutzen?

Das fragt man sich, das versteht kein Mensch. Im Buch habe ich es natürlich etwas übertrieben dargestellt, aber Kitti hat etwas Dämonisches. Sie wollte einfach nur Spaß am Leben haben und die beiden Kinder waren ihr lästig. Eines Tages kam sie an und wollte auch ihr Neugeborenes loswerden. Weil Richard aber nicht mit Babys umgehen konnte, wurde es kurzerhand bei mir und meinem Mann untergebracht, was ihr vollkommen gleichgültig war. Dieses Verhalten ist kriminell.

Und Sie haben nichts unternommen?

Wir haben zu Richard immer wieder gesagt: „Richard, du musst zur Polizei gehen, es ist nicht dein Kind, du kannst Schwierigkeiten bekommen!“ Aber er hat es schlichtweg nicht gemacht. Und das Merkwürdige ist, dass wir uns irgendwann selbst daran gewöhnt hatten. Das Baby – Putzi 2 – wurde nach einer Woche wieder von ihr abgeholt, aber Putzi 1 gehörte dann zu Richard dazu. Sie war so reizend und entzückend, wir haben sie alle geliebt.

Putzi 1 und Putzi 2

Was hat es eigentlich mit diesen seltsamen Namen auf sich?

Das Verrückte ist, dass Richard nie wusste, wie das Kind hieß! Kitti nannte ihre Kinder immer nur Putzi 1 und Putzi 2 und konnte sich den komplizierten richtigen Namen von Putzi 1, den deren Vater ihr gab, vermutlich gar nicht merken. Ich glaube, sie hat nicht mal gewusst, von welchem Mann das zweite Kind war, sie ist ja mit jedem ins Bett gegangen.

Und deswegen wurde kein offizieller Adoptionsantrag gestellt?

Ja, eines Tages hat Richard Tanja geheiratet, eine Anwältin. Sie dachte, genau wie alle anderen, dass Putzi sein Kind wäre. Als sie es dann herausfand, wollte sie versuchen, das Kind zu adoptieren. Das Problem war, dass man ein Kind nicht adoptieren kann, dessen Namen man nicht weiß und er war nicht mal der leibliche Vater. Also schrieb Tanja einen Brief direkt an Kitti und bat um die Adoption, woraufhin diese aber wenige Tage später mit Verstärkung vor der Tür stand und Richard das wie am Spieß schreiende Kind entzog.

Das muss furchtbar für ihn gewesen sein.

Seine Zuneigung zu Tieren und zu Kindern war typisch für ihn, Putzi und der Hund waren sein Lebensglück. Als der Hund starb und ihm Putzi genommen wurde, hatte er keinen Grund mehr gehabt zu leben und hat sich dann auch mit 30 Jahren von der Welt verabschiedet.

„Putzi 1 – wir haben sie alle geliebt“

Interessiert Sie, was aus Putzi 1 und Kitti geworden ist?

Was aus Putzi geworden ist, wüsste ich schon gerne. Bei Kitti – um Himmels willen, ich will nichts mit ihr zu tun haben. Irgendwann kam mal eine Frau bei einer Lesung zu mir und meinte, sie würde Kitti kennen. Ich habe sofort abgewunken. Ich möchte nichts mit ihr zu tun haben, sie soll mich nur in Ruhe lassen.

Blut ist demnach nicht immer dicker als Wasser?

Also Putzi 1 – lieber hätte man ein Kind gar nicht haben können, wir haben sie alle geliebt. Ich halte nichts von diesem Spruch, dass Blut dicker sei als Wasser. Ich war sehr mit Richard verbunden und bin es noch, aber es gibt auch viele Fälle, in denen sich der Spruch nicht bewahrheitet. Ich glaube, man liebt jeden, der gut zu einem ist, das gilt als Erwachsener und bei Kindern sogar noch stärker.

Monika Helfer: „Löwenherz“, Hanser, 192 Seiten, 20 Euro


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Die Freiheit einer Frau

Shootingstar der Literatur, Édouard Louis, zeichnet in seinem neuen Buch „Die Freiheit einer Frau“ das Porträt einer Mutter

Text: Ulrich Thiele

Édouard Louis misstraut der Literatur: „Man hat mir gesagt, die Literatur dürfe niemals versuchen, die Wirklichkeit zu erklären, sondern sie nur illustrieren, aber ich schreibe, um das Leben meiner Mutter zu verstehen“, beschreibt der Franzose an einer Stelle sein antiliterarisches Programm.

Seine Herkunft, das Arbeitermilieu, Armut, die Herablassung der Intellektuellen gegenüber der Landbevölkerung, die rauen und engen Rollenverhältnisse im Arbeitermilieu – all das waren schon in seinem ersten Roman, „Das Ende von Eddy“, die zentralen Themen. Nachdem er sich zuletzt in „Wer hat meinen Vater umgebracht?“ seinem Vater näherte und wie die Klassenverhältnissen ihn durchdrängten, porträtiert er in „Die Freiheit einer Frau“ nun also seine Mutter – wieder zärtlich und wütend mit einem (meist) schnörkellosen Stil, den man emphatisch-soziologisch nennen könnte.

Kein glattes Happy End

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Die Freiheit einer Frau von Édouard Louis

Ausgangspunkt ist ein Bild seiner Mutter in jungen Jahren, das das Cover ziert: „Sie frei zu sehen, mit ganzem Körper in die Zukunft projiziert, rief meine Erinnerung an ihre mit meinem Vater geteilten Lebensjahre wach, die von ihm ausgegangenen Demütigungen, die Armut, zwanzig Jahre ihres Lebens versehrt und fast zerstört durch die männliche Gewalt und das Elend.“ Als Mädchen hatte sie davon geträumt, Köchin zu werden. Sie blieb ohne Ausbildung, war zweimal verheiratet, bekam fünf Kinder und war „gefangen im häuslichen Rahmen.“ Doch wie auch sein Vater, dessen spätes Infragestellen seiner Männlichkeitsvorstellungen Louis in „Wer hat meinen Vater umgebracht?“ schildert, findet seine Mutter zumindest teilweise einen Weg aus der Ohnmacht. Mit 45 Jahren verlässt sie ihren Mann, zieht vom Dorf nach Paris, findet einen Partner.

Es ist kein glattes Happy End. „Die bourgeoisen Frauen aus ihrer Straße“ begegnen ihr „voller Herablassung“, manchmal langweilt sie sich, doch sie sei glücklich, sagt sie. Am Schluss stellt Louis die Frage, ob die Fähigkeit, Glück zu empfinden, eine Grundbedingung sein könnte für individuellen und gesellschaftlichen Wandel. Womöglich wird Louis ihr in seinem nächsten Buch nachgehen.

Édouard Louis: „Die Freiheit einer Frau“, Fischer, 96 Seiten, 17 Euro. Autorenlesung und Gespräch am 4. März, 19:30 Uhr im Schauspielhaus


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Thalia Theater: Das mangelnde Licht

Im Roman „Das mangelnde Licht“ der Deutsch-Georgierin Nino Haratischwili geht es um Freundschaft und Verrat. Das darauf basierende Stück wird am 26. Februar 2022 im Thalia Theater uraufgeführt

Text: Dagmar Ellen Fischer

Perfektes Timing: Am 25. Februar 2022 erscheint der neue Roman „Das mangelnde Licht“ der Deutsch-Georgierin Nino Haratischwili, und nur einen Tag später findet dessen Uraufführung auf der Bühne statt – besser können sich zwei Ereignisse kaum gegenseitig befördern. Zum dritten Mal – nach „Das achte Leben (Für Brilka)“ und „Die Katze und der General“ – verwandelt somit die Hamburger Regisseurin Jette Steckel Literatur der Bestsellerautorin in Theater.

Das jüngste Buch thematisiert ein weiteres Mal Georgiens Historie: Ende der 1980er-Jahre verbindet vier junge Frauen eine besondere Freundschaft; die sensible Qeto, die lebenshungrige Dina, die kluge Außenseiterin Ira und die romantische Nene genießen erste Lieben und die Aussicht auf nie zuvor gekannte Freiheiten nach Georgiens Unabhängigkeit von der Sowjetunion. Doch auf den Freudentaumel folgt der Bürgerkrieg – und das Ende der Freundschaft durch Verrat. Jahrzehnte später treffen sich drei der Frauen wieder und müssen sich dem tragischen Tod ihrer Freundin stellen.

„Das mangelnde Licht“, ab dem 26. Februar 2022 (Uraufführung) am Thalia Theater


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Literaturpunks

Um kommerzielle Zwänge fernzuhalten und künstlerisch frei zu sein, haben die Schriftsteller Klaus Ungerer und Andreas Baum eine eigene Buchreihe gegründet: die edition schelf

Text: Ulrich Thiele

Mit großen Verlagen ist das so eine Sache. Sie haben die Mittel, um Literatur in großem Stil unter die Menschen zu bringen, doch sie müssen sich an Verkaufszahlen orientieren. Mit der Verkaufszahlenorientierung beginnt das Sicherheitsdenken, worunter die Kreativität leiden kann. Cover und Buchtitel sind oft im Sinne der Vermarktbarkeit, nicht im Sinne des Autors, und „Roman“ muss auf jeden Fall draufstehen, Novellen verkaufen sich nicht.

„Wir haben uns letztes Jahr im Frühjahr zusammengesetzt und gesagt: Wenn die Verlage unsere Herzensprojekte nicht machen wollen, dann machen wir den Scheiß eben selbst“, sagt der Schriftsteller Klaus Ungerer. Mit „Wir“ meint er sich und seinen Schriftstellerkollegen Andreas Baum. Im Herbst 2021 haben die beiden eine Buchreihe im Eigenverlag gegründet: Die edition schelf versammelt Erzählungen in klassischer Novellenlänge, ungefähr 100 Seiten. Zusammen mit der Grafikerin Anusch Thielbeer werden die Bücher in enger Zusammenarbeit und zur Zufriedenheit aller erstellt. Die Produktionskosten sind gering, Ungerer und Baum haben das Lektorat selbst übernommen, zudem müssen sie keine hohen Auflagen drucken, da alles nach On-Demand-Prinzip abläuft.

Zwei eigene Novellen

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Klaus Ungerer: „Das Fehlen“, 108 Seiten, 8,99 Euro, erschienen bei edition schelf

Den Anfang machten die Gründer im Herbst mit zwei eigenen Novellen. Klaus Ungerers „Das Fehlen“ ist eine Geschichte über Einsamkeit im Großstadtgetriebe, die nicht von einem Plot, sondern von Atmosphäre getragen wird. Ein namenloser Erzähler schlendert durch Berlin und denkt nach über das, was fehlt: Mutterliebe, erotische Liebe, gesellschaftliche Utopie, verstorbene Menschen. Ungerers Flanierstil ist heiter-melancholisch, manchmal zum Loslachen komisch, dann wiederum tieftraurig, etwa in der Erinnerung an die Freundin Sylvia, die an Krebs erkrankte und „nach und nach Dinge und Personen aus ihrem Leben“ verabschiedete: „Nun war ich dran.“ Wie wahrhaftig Ungerer in wenigen Passagen der ganzen wehmütigen Wucht der letzten gemeinsamen Tage bis zum Abschied Raum gibt, gehört zu den Höhepunkten seiner Einsamkeitsnovelle.

Ganz woanders ist Andreas Baums „Hier bist du sicher“ angesiedelt. Die „afghanische Novelle“ spielt im Herat des Jahres 2004. Nach den Unruhen haben fast alle Ausländer die Stadt verlassen. Der Erzähler, ein deutscher Lehrer, ist geblieben. Die Amerikaner haben sich zurückgezogen, Aufständische übernehmen die Stadt, die Straße zum Flughafen ist gesperrt. In seiner Pension mit dem grünen Innenhof sei der Lehrer sicher, sagen die Wachen am Tor und sein Dolmetscher Karim.

„edition schelf ist wie eine Bandgründung

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Andreas Baum: „Hier bist du sicher“, 96 Seiten, 8,99 Euro, erschienen bei edition schelf

Wie Ungerers Novelle prägt Baums „Hier bist du sicher“ eine ungeheuer dichte Atmosphäre, an der Baum, der 2004 selbst einige Monate in Herat verbrachte, jahrelang gefeilt hat. Dies zeigt sich zum einem in der poetisch-präzisen Beschreibung kultureller Riten und der staubigen Stadtlandschaft. Zum anderen im Gefühl der Bedrohung: „Ich habe das Gefühl, dass ich, solange ich in der Stadt bin, in großer Gefahr bin. Jemand hat mir eine Schlinge um den Hals gelegt. Und irgendwann zieht er zu“, sagt der Lehrer. Im Laufe der Geschichte zieht die Schlinge sich weiter zu, die ihm ohnehin nicht verständliche Umgebung wird für den Lehrer immer bedrohlicher. Kann er seinen Freunden trauen? Gehört er zu den Geiseln, ohne es zu merken? Ein Kommentar zu westlichen Interventionen bei gleichzeitigem Unvermögen, die afghanische Kultur zu verstehen, schwingt unaufdringlich mit.

Wie geht es nun weiter mit der edition schelf? Im Frühjahr soll eine Liebesnovelle von Ungerer erscheinen, eine weitere Novelle von Baum liegt ebenfalls bereit, andere Autoren folgen. Alles weitere ist offen. „Wenn zwei oder drei Leute gut miteinander funktionieren, dann braucht man erst mal keinen großartigen Plan, wie es weitergeht“, sagt Ungerer. „edition schelf ist wie eine Bandgründung – wir nehmen die Instrumente in die Hand und spielen drauf los.“

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„Wer singt, ist stärker“

Katharina Hagenas „Herzkraft“ ist eine literarische Erkundung der Wirkmacht des Singens. Ein Gespräch über Frauenbilder in Märchen und Mythen, Unmittelbarkeit und darüber, warum die Hemmschwelle zum Singen in Deutschland höher ist als in anderen Ländern

Interview: Ingrun Thiele

SZENE HAMBURG: Frau Hagena, die Unterdrückung der Frau spielt in Ihrem Buch eine wichtige Rolle, etwa am Beispiel von Märchen und Mythen – Sirenen, Wasserfrauen, Nymphen. Sie hinterfragen an einer Stelle, ob die Meerhexe in Hans Christian Andersens „Die kleine Meerjungfrau“ wirklich böse ist und haben ein alternatives Ende erfunden. Sollten Märchen generell modernisiert werden, um das Frauenbild anzupassen?

Katharina Hagena: Prinzipiell finde ich, dass man gar nichts umschreiben muss, sondern lieber die Texte genauer lesen sollte. Kunstmärchen wie die von Hans Christian Andersen sind letztlich sehr in ihrer Zeit verhaftet, dort lernen wir etwas über die bürgerlichen Fantasien des 19. Jahrhunderts. Eine singende Meerjungfrau, die ihre Stimme gegen Beine eintauscht und hofft, durch Heirat eine Seele zu bekommen? Ernsthaft? Glücklicherweise ist aber ein guter Text klüger als sein Autor, und wir sehen darin heute Dinge, die vielleicht im vorvorigen Jahrhundert noch nicht sichtbar waren. Echte Volksmärchen hingegen sind so reduziert und so stark, dass sie ohnehin genug Raum zum Interpretieren lassen. Und nicht nur in eine Richtung.

„Singen hat etwas befreiendes“

Frauenfiguren in Märchen sind nur ein Teil Ihres Buches über das Singen. Sie richten Ihren Blick querfeldein auf die Kulturgeschichte, Soziologie, Physiologie, auch Singtherapien werden erwähnt. Hätten Sie noch mehr Themen in petto gehabt?

Auf jeden Fall, unendlich viele. Aber ich muss selbst eine gewisse Notwendigkeit verspüren, um ein Buch schreiben zu können. Das geschieht, wenn mich ein Thema so umtreibt, dass ich versuchen muss, mich ihm schreibend zu nähern. Schreiben ist immer eine Art Wahrheitssuche. Ich bin nicht systematisch vorgegangen, sondern habe darüber geschrieben, welche Aspekte des Singens mich begeistern und bewegen. Dadurch ist „Herzkraft“ sehr persönlich und eher eklektizistisch.

In welchen Lebenslagen singen Sie persönlich gern?

Ich glaube, wenn mein Herz sehr voll ist. Oft habe ich auch das Gefühl, dass man singend diesen Grauschleier, der manchmal auf einen herabsinkt, zerreißen kann, das hat etwas Befreiendes. Aber wenn er zu dicht ist, bleibt mir auch mal die Stimme weg.

„Im Nationalsozialismus wurde sehr viel gesungen“

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„Die Faschisten hätten überhaupt nicht so mächtig werden können,
wenn sie nicht so viele Lieder gehabt hätten“, sagt Katharina Hagena in „Herzkraft“

Obwohl Singen etwas Befreiendes ist, wie Sie sagen, gibt es eine weit verbreitete Hemmschwelle. Wie erklären Sie sich das?

Beim Singen wird das Innerste nach außen getragen. Wir zeigen viel von uns, wenn wir vor anderen singen, machen uns also verletzlich. Das finde ich auch immer wieder schwierig. Viele Menschen singen deshalb lieber für sich allein. Dass Deutsche, die im Ausland aufgefordert werden zu singen, bisweilen verschämt einen spontanen Kehlkopfriss simulieren, hat vielleicht auch etwas mit unserer jüngeren Geschichte zu tun. Im Nationalsozialismus wurde sehr viel gesungen. Die Faschisten hätten überhaupt nicht so mächtig werden können, wenn sie nicht so viele Lieder gehabt hätte. Ein echter Bruch mit diesen Liedern kam erst mit der 68er-Generation, die alles, was in der NS-Zeit gefeiert wurde, hinterfragte. Es entwickelte sich ein Misstrauen gegenüber dem Gesang und dem, was es mit einem macht. Das war auch notwendig. Jetzt wird das zum Glück wieder anders.

Was meinen Sie damit, „was es mit einem macht“?

Singen ist wahnsinnig emotional und kann einen ganz unmittelbar ergreifen. Es ist rauschhaft, lustvoll und beglückend. Es spricht die Sinne an genauso wie die Seele, macht Mut und stärkt das Gemeinschaftsgefühl.

Singen vs. Sprechen

Sie schreiben, Singen sei etwas so Emotionales, dass ein negativer Kommentar zur eigenen Stimme gleich ein negativer Kommentar zum ganzen Menschen sei.

Total! Alle, die sagen, dass sie nicht singen können, hatten mindestens ein kränkendes Erlebnis, meist schon in frühster Jugend. Die Stimme ist so ein großer Teil der Persönlichkeit. Die „Persona“ war in der Antike eine Theatermaske, aber das Wort kommt von personare, hindurchklingen. Das, was durch die Maske dringt, definiert den Menschen. Die Stimme trägt alles in sich, definiert den Menschen, zeigt seine Gefühle, macht ihn aus. Natürlich ist die Stimme nur eines von vielen Fenstern in die menschliche Seele oder Natur. Es ist eben das, durch das ich in diesem Buch schauen wollte.

Und beim Singen ist dieser Effekt noch stärker als beim Sprechen?

Genau, weil das Sprechen eher auf einer rationalen Ebene stattfindet, Singen ist viel emotionaler, und deshalb packt es auch die, die es hören. Singend macht man sich zwar selbst verwundbar, aber auch die Zuhörenden öffnen sich und lassen sich auf die Gefühle ein, die ihnen entgegenströmen. Singen gibt einem daher auch Macht über andere. Es betört, verführt, ergreift. Genau wie bei den singenden Frauen, über die ich schreibe.

„Es geht wahrscheinlich um Wahrhaftigkeit“

Was bedeutet der Titel „Herzkraft“?

Ich habe eine sehr alte und wundervolle Gesangslehrerin. Als Herzkraft bezeichnet sie diese Stärke, die das Singen ausmacht. Es ist das Gefühl, wenn Atem und Stimme ganz leicht beieinander liegen. Es muss aus dem ganzen Körper kommen, nicht nur aus der Kehle. Alles schwebt und fließt. Es ist nicht anstrengend, aber trotzdem passiert ganz viel im Körper. Wenn mir das – sehr selten – gelingt, ruft sie aus: „Jetzt singen Sie mit Herzkraft!“ Und das ist immer das Beste.

Ist die Herzkraft auch hörbar, wenn jemand technisch nicht auf hohem Niveau singt?

Ja, das empfinde ich ganz stark so. Viele Sängerinnen und Sänger sind technisch virtuos und brillant und haben große Stimmen und eine tolle Musikalität. Und manche davon berühren mich, andere nicht. Ich weiß nicht genau, woran es liegt. Vielleicht hat es am Ende doch etwas mit der Person selbst zu tun. Ich meine „Person“ im ganz wörtlichen Sinne, also das, was hinter der Maske liegt. Natürlich kommen mir genauso oft die Tränen bei Liedern von Menschen, die gar keine ausgebildeten Stimmen haben, aber eben mit Herzkraft singen. Es geht wahrscheinlich um Wahrhaftigkeit – wie immer eigentlich.

Singen als Friedensbringer

Das heißt, wenn jemand voller Leidenschaft und Inbrunst, dafür aber umso schiefer singt, finden Sie das schön?

Tja, die Schönheit ist ein weites Feld. Wenn ich voller Inbrunst ein Pferd male, ist es leider nicht möglich, das schön zu finden – auch wenn ich das selbst vielleicht so fühle. Und oft ist das beim Singen ähnlich. Aber es gibt auch Gesänge, mit denen sich zum Beispiel Verzweifelte Mut zusingen, mit denen Mütter oder Väter um ihre Kinder trauern, da werden ästhetische Bedenken einfach bedeutungslos, denn der Gesang ist notwendig und roh und unmittelbar. Das ist mehr als schön, auch wenn es unsere Vorstellung von Schönheit erst einmal aushebelt.

Ist es auch möglich, sich in Rage zu singen?

Ja, klar gibt es Hetzgesänge, Lieder, die Aggressionen schüren. Die Macht dieser Lieder liegt aber weniger im Hass, den sie versprühen, als in der Stärkung des Gemeinschaftsgefühls der Mitsingenden. Und doch glaube ich, Yehudi Menuhin hat recht, wenn er sagt: Wer mit ganzem Herzen singt und zuhört, wie jemand neben ihm mit ganzem Herzen singt, der kann diesen nicht hassen. Nach Menuhin ist Singen zuallererst ein Frieden stiftendes Unterfangen.

„Schlager geben mir nichts“

Was versetzt Sie als Hörerin in Rage?

Es gibt Stücke, bei denen ich mich über mich selbst ärgere. Ich ärgere mich, dass mich irgendein banaler Kitsch rührt und ich ihm irgendwie ausgeliefert bin. Ich höre ein Lied, ich finde es eigentlich richtig doof, und doch habe ich eine körperliche Reaktion, kriege sogar eine Gänsehaut, die wahrhaftig nicht der „Beweis“ für Qualität ist! Diese Art von Exploitation, die dabei stattfindet, hat auch etwas Pornografisches.

Sie meinen Schlager?

Schlager geben mir nichts, aber ich halte sie für harmlos.

Singen und Angst gehen Ihrer Meinung nach auch nicht zusammen – trotzdem kann man sich doch Mut machen durchs Singen, oder?

Es geht physiologisch nicht zusammen. Das, was im Gehirn beim Singen an einer Stelle ausgelöst wird, dämpft an einer anderen die Angstgefühle. Es fängt schon damit an, dass man eine stabile Haltung einnehmen muss, damit überhaupt Töne herauskommen. Das allein hilft schon gegen die Angst. Ich kenne Kinder, die laut singen, wenn sie allein in den Keller gehen oder an großen Hunden vorbei müssen. Wer singt, ist stärker.

Katharina Hagena: „Herzkraft“, Arche, 224 Seiten, 18 Euro. Autorenlesung am 8. Februar 2022 im Literaturhaus, 19.30 Uhr (via Livestream)


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Kaffeeduft und Ed von Schleck

Mit einem Jahr Verspätung erhielt der Schriftsteller Klaus Modick im Hamburger Rathaus den Hannelore-Greve-Literaturpreis für das Jahr 2020. In seiner Dankrede „Meine Hamburger Jahre“ erzählt er, wie die Hansestadt – inklusive SZENE HAMBURG – sein Werk geprägt hat

Text: Klaus Modick

 

Erste Erinnerungen an Hamburg reichen in meine Kindheit zurück, und sie duften intensiv nach Kaffee. Der Freund meines Hamburger Onkels betrieb nämlich in der Speicherstadt ein Kaffee-Lagerhaus, hinter dessen pittoresker Klinkerfassade sich eine märchenhafte Welt auftat. Sie reichte bis zu den Luken, die sich am anderen Ende dieser geheimnisvollen Welt auf den Fleet öffneten, auf dem die Schuten lagen, aus denen die Kaffeesäcke mit Seilwinden zu den Böden gehievt und dort auf den Eichendielen gestapelt wurden. Die Säcke trugen Aufschriften ihrer Herkunft, Guatemala und Costa Rica, Kenia und Kolumbien, und mir kam es so vor, als träumten im Klang dieser exotischen Ländernamen abenteuerliche Geschichten von Reisen und Abenteuern in der großen, weiten Welt. So verband sich mir damals der Duft von Kaffee mit dem Klang der Namen ferner Länder und dem Wort Hamburg zu einer Atmosphäre, die meine Phantasie üppig gedeihen ließ. Vielleicht hat eine unbewusste Erinnerung an diese Eindrücke dazu beigetragen, dass ich nach dem Abitur zum Studium nach Hamburg zog. Wenn man aus der freundlichen Provinzialität einer ehemaligen Residenzstadt wie Oldenburg kommt, merkt man schnell, dass die Weltstadt Hamburg ein – norddeutsch gesagt – ganz anderer Schnack ist.

 

K-, K-, K-HSV

 

Statt „ganz anderer Schnack“ könnte man auch sagen, dass Hamburg immer schon in einer anderen Liga spielte als Oldenburg, auch wenn diese sportliche Metapher derzeit etwas bitter klingen mag. Als ich 1971 nach Hamburg kam, spielte der VFB Oldenburg in der dritten und der HSV in der ersten Liga; heute spielen die Oldenburger in der vierten und der HSV – nun ja, ich gehe hier lieber nicht weiter ins Detail, bekenne mich aber trotz alledem als treuer HSV-Fan, seitdem ich Uwe Seeler in seiner letzten Saison noch leibhaftig spielen sah. Staunend verfolgt habe ich dann den Aufstieg des K-, K- und K-HSV: K wie Krohn, K wie Kuno Klötzer, K wie Kevin Keagan, und begeistert miterlebt habe ich die goldene Ära der legendären Happel-Elf. 5:1 gegen Real Madrid! Das Volksparkstadium wackelte bedenklich.

Studiert habe ich übrigens auch, Campus Von-Melle-Park, in der herben Waschbetonschönheit des Philosophenturms, Germanistik und Geschichte. Ich studierte auf Lehramt, merkte jedoch während eines Schulpraktikums, dass die Aussicht auf eine lebenslange Lehrerexistenz alles andere als verlockend war. Das Erste Staatsexamen fürs Lehramt an Gymnasien absolvierte ich trotzdem, aber eigentlich nur, um besorgte Fragen aus meinem Elternhaus, was denn eigentlich aus mir werden solle, zu sedieren. Hätte ich die Antwort gegeben, die mir damals bereits vage durch den Kopf ging und auf der Zunge lag, hätte man mich vermutlich für spinnert gehalten, lautete sie doch: Schriftsteller.

 

Die gedruckte Legende

 

Geschrieben hatte ich bislang aber nur ein paar Texte für Songs, die bis zum heutigen Tag auf ihre Entdeckung als hitverdächtig warten, sowie einige hemmungslos sentimentale Gedichte, von denen eins sogar den herrlichen Titel „Hamburg“ trägt – aber keine Bange, ich habe nicht die Absicht, Ihnen diesen juvenilen Geniestreich jetzt vorzutragen. Mein Frühwerk war jedenfalls für ein Leben als Schriftsteller nicht wirklich tragfähig, weshalb ich erst einmal weiter studierte und eine Doktorarbeit über Lion Feuchtwanger schrieb. Diese Entscheidung erwies sich dann allerdings sehr wohl als tragfähig, weil die Dissertation als Buch erschien und damit den Beginn meiner Schriftstellerei markierte; und dreißig Jahre später sollte sie sich als ergiebiger Steinbruch für meinen Roman „Sunset“ erweisen: Auch dies also ein Kreis, dessen Linie in Hamburg begann, um sich Jahrzehnte später zu schließen.

 

SZENE HAMBURG

 

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Zuletzt erschienen von Klaus Modick die Erzählung „Leonard Cohen“ in der KiWi-Musikbibliothek (2020) und der Roman „Fahrtwind“ (2021) (Foto: Stephan Meyer Bergfeld)

Um das karge Bafög aufzubessern, jobbte ich während des Studiums in einer Souterrain-Kneipe in der Hegestraße. Das Lokal nannte sich in schöner Schlichtheit „Schröder“ und war ein Hotspot dessen, was in den siebziger Jahren in Kneipen und Kellern, Musikclubs und Cafés als so genannte Hamburger Szene laut und bunt und munter getrieben wurde. Der vage Begriff wurde zur gedruckten Legende, als sich das 1973 gegründete Stadtmagazin knapp und schlau „Szene Hamburg“ nannte. In den achtziger Jahren habe ich in dem Blatt zahlreiche Texte publiziert. Mein erster Beitrag war eine küchenpsychologisch grundierte Charakterstudie mit dem Titel „Genie der cholerischen Wut“, und dies Genie war kein Geringerer als Donald Duck.

 

Von der Theke zum Werbetexter

 

Und auch einige meiner Erlebnisse im nicht nur von Nikotinschwaden durchwaberten Rauch und Schall von „Schröder“ sollten schon bald in meinem Roman „Ins Blaue“ ins literarisch rechte Licht gerückt werden. Damals wohnte ich im Karolinenviertel, wie es sich gehörte in einer Wohngemeinschaft. Einer meiner Mitbewohner hatte einen Schwager, der als Kundenberater in der Werbebranche arbeitete und eines Tages erzählte, dass man dort nach Textern suche, ein Job, für den ich garantiert geeignet sei, und besser bezahlt als Bierzapfen im „Schröder“ sei er allemal. Werbetexter? Auf die Idee wäre ich selbst nie gekommen, allein schon wegen Konsumterror und Bedürfnismanipulation und überhaupt irgendwie unseriös, wenn nicht gar halbseiden – aber mal anhören, was man von mir haben und was man mir dafür bieten wollte, konnte ja nicht schaden. Und also erschien ich im hanseatisch-prächtigen Backsteinexpressionismus des Sprinkenhofs im Kontorhausviertel, wo die Werbeagentur Lintas zwei weitläufige Etagen belegte. Die Eignungsprüfung bestand darin, dass der verblüffend seriös wirkende Kreativdirektor durch diverse Zeitschriften blätterte und mich aufforderte, zu den Werbeanzeigen spontan meine Meinung zu sagen. Nach einem knappen Dutzend frech-forscher Bemerkungen meinerseits sagte er: „Sie können hier morgen anfangen.“

 

Mach keinen Heckmeck!

 

Um weiter an meiner Doktorarbeit schreiben zu können, bot er mir einen Halbtagsjob an, der so gut bezahlt war, dass ich auf der Stelle vergaß, was unter einem Begriff wie Konsumterror überhaupt zu verstehen wäre. Ich blieb vier Jahre in der Lintas, zwei Jahre halbtags und dann noch einmal zwei Jahre in Vollzeit. Da verfasste ich dann Lobeshymnen auf Suppen nach Gutsherrn-Art, auf vierundzwanzig Stunden wirksame Deosprays oder auch auf die fast schon hanseatische Solidität einer schwedischen Automobilmarke sowie das Kleingedruckte auf einer Margarinepackungsrückseite. Literarische Höchstleistungen waren das eher nicht, aber manchmal hat es auch Spaß gemacht, zum Beispiel mit Ed von Schleck: „Mach doch keinen Heckmeck, sonst schleck ich dich vom Fleck weg.“

Meine Erlebnisse im windigen Reich der Werbung haben dann später meinen Roman „September Song“ nachhaltig aromatisiert, eine Art Fortsetzung von „Ins Blaue“. Da hatte ich den süßen Most, den ich Bartel mir bei der Lintas geholt hatte, längst getrunken und trank nur mehr den trockenen Wein der freien Schriftstellerei. Dies Gewächs erwies sich allerdings als anregend genug, um weitere Romane zu inspirieren, die ganz oder zumindest teilweise in Hamburg spielen, als da wären „Das Grau der Karolinen“, der mir 1986 einen Hamburger Literaturförderpreis einbrachte, „Der kretische Gast“ sowie „Die Schatten der Ideen“, in dem ein Hamburger Historiker vor den Nazis ins amerikanische Exil flieht. Und schließlich habe ich mir in dem vom Hamburger Künstler Dieter Wiesmüller illustrierten Bilderbuch „Wo die Sonne schlafen geht“ allerlei Reime darauf gemacht, wie es wohl in einem im Meer versunkenen Hamburg aussehen würde. Wollen wir hoffen, dass dergleichen Bild und Vers bleibt und nie Wirklichkeit werden wird.

 

Der Kreis schließt sich

 

Ich könnte noch viel mehr und viel detaillierter von meinen zwei Hamburger Jahrzehnten erzählen, und vielleicht tue ich das irgendwann auch auf andere Weise. Für heute will ich nur noch anfügen, dass ich im Standesamt Hamburg-Mitte meine amerikanische Frau geheiratet habe und auch unsere beiden Töchter in Hamburg geboren wurden, wofür natürlich nicht der Stadt zu danken ist, sondern meiner Frau. Unsere Töchter sind übrigens auch der Grund, warum wir Hamburg verlassen haben – nicht etwa, weil es uns hier nicht mehr gefiel, sondern weil wir mit den Kindern ein ländliches Umfeld erproben wollten und dann auch in einer Art norddeutschem Bullerbü fanden. Aber das ist schon eine ganz andere Geschichte.

Und so schließt sich dann für mich hier und heute noch ein weiterer Kreis. Denn ohne meine Hamburger Jahre wäre ich nicht geworden, was ich heute bin und würde hier und jetzt nicht vor Ihnen stehen und Ihnen danken – für die Ehre dieses von einer Hamburger Ehrenbürgerin gestifteten Preises, für das mit dem Preis verbundene schöne gute Bare und nicht zuletzt für das freundliche Interesse, das Sie in all den Jahren meinem Werk entgegen gebracht haben.

Der Text ist eine gekürzte Fassung von Klaus Modicks Dankesrede bei der Verleihung des Hannelore-Greve-Literaturpreis am 15. November 2021


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Buchkritik: „Dante, Homer und die Köchin.“

Wolf Wondratschek führt in seinem neuen Buch „Dante, Homer und die Köchin“ direkt in den Club der toten Dichter, denn Dante und Homer sind am Leben – in Italien.

Text: Ulrich Thiele

 

Ohne Erklärungen führt Wolf Wondratschek seine Leser direkt in den Club der lebenden Dichter: „Kaum wiederzuerkennen die beiden, Homer rasiert, Dante fieberfrei“, lautet der erste Satz. Die beiden Großdichter weilen also noch unter den Lebenden, einige hundert beziehungsweise tausend Jahre sind sie inzwischen alt. Irgendwo im Italien der Gegenwart leben sie wie Feriengäste bei einer Köchin, einer lebensschlauen Analphabetin, die sich völlig unbeeindruckt zeigt vom Rang ihrer beiden Gäste. Sie darf in ihrer Ehrfurchtlosigkeit als Alter Ego und Vorbild des Autors verstanden werden, der sich gerne in die Rolle der Frau versetzt – etwa in seinem Liebesgedicht „In einem kleinen Zimmer in Paris“.

 

Ein Badass der Literaturlandschaft

 

Es gibt auf Youtube ein altes Interview mit Wondratschek, in dem dieser davon berichtet, seiner Intellektualisierung gezielt ein Stopp zu setzen. Er bewundere die Art seiner Freunde aus dem Boxkampf- und Prostitutionsmilieu, „den Tag anders zu sehen“, physisch mehr da zu sein, so Wondratschek, die­ser ewige Rebell und Badass der Literaturlandschaft. Oder wie es in „Dante, Homer und die Köchin“ heißt: „Es geht viel verloren. Es geht die Wirkung, lebendig zu sein, verloren.“

 

„Die Freude groß, der Zweck unklar“

 

Das neue Buch von Wolf Wondratschek: „Dante, Homer und dich Köchin“ (Foto: Ullstein)

Das neue Buch von Wolf Wondratschek: „Dante, Homer und dich Köchin“ (Foto: Ullstein)

Auch Homer und Dante ist die Köchin ein Vorbild. „Sie kann den Mund halten, das hat sie uns voraus“, sagt Homer. Beide wollen sich dem „großen Programm des Vergessens widmen“, sich von ihren Erinnerungen, ihrem Ruhm, ihrem Ehrgeiz befreien und die Schreibfeder niederlegen. „Ich möchte emigrieren. Aus dem Kopf hinausgehen“, sagt Dante. Eine der schönsten Passagen entstellt die Fantasielosigkeit einer rationalistischen Welt, als durchdekliniert wird, was passiert, wenn die Öffentlichkeit vom Wunder der lebenden Dichter erfährt: „Medizinische, insbesondere geriatrische sowieso psychiatrische Untersuchungen, Erstellung und Auswertung weniger erster Ergebnisse.“ Die Erzählperspektiven wechseln fließend, für diesen manchmal verwirrenden Flow gilt ein Motto, das Homer und Dante im Buch selbst mitgeben: „Die Freude groß, der Zweck unklar.“

Wolf Wondratschek: „Dante, Homer und die Köchin“, Ullstein, 240 Seiten, 24 Euro


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