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Rocko Schamoni: „Wir haben ein Konformitätsproblem“

Rocko Schamoni taucht erneut ins Hamburg der 1960er- und 1970er-Jahre ein: In „Der Jaeger und sein Meister“ porträtiert er das zügellose Leben des Ausnahmekünstlers Heino Jaeger

Text & Interview: Ulrich Thiele

 

Heino Jaeger, anarchischer Satiriker, Stimmenimitator und Künstler, zu Lebzeiten kultisch als „Meister“ verehrt. Auf ihn passt das Bild vom Genie am Rande des Wahnsinns: Jaeger starb 1997 von Psychosen und Alkohol gezeichnet, heute ist sein Name den wenigsten bekannt. „Der Jaeger und sein Meister“ ist laut Schamoni das Hauptwerk seiner geplanten Freaks-Trilogie. Sein Vorgänger „Grosse Freiheit“ über den Bordellbesitzer Wolfgang „Wolli“ Köhler entstand eher zufällig.

Köhler habe er nur aufgesucht, um von ihm etwas über Heino Jaeger zu erfahren. Wobei er die Kiezgröße so gut kennenlernte, dass er ihm einen eigenen Roman widmete. Für den Jaeger-Roman sprach Schamoni mit Weggefährten, allen voran mit Jaeger-Freund Joska Pintschovius. Herausgekommen ist eine Freakshow mit so vielen Persönlichkeiten, die Jaegers Weg kreuzen, dass Schamoni dem Roman ein Personenregister voranstellt: Hubert Fichte, Dieter Bockhorn, Uschi Obermaier, Fritz Raddatz, Wilhelm Prinz von Homburg und auch Wolli Köhler. Warum diese Freakshow? Darüber gibt ein ausführlicher, sehr persönlicher und berührender Prolog Auskunft, in dem Schamoni den Tod seines Vater, dessen unerfüllte Sehnsucht, schöpferisch tätig zu sein und seine eigene, Schamonis, Faszination für Freaks beschreibt. Sein schöpferischer Drang (auch) als Resultat einer Melancholie, einer existenziellen Trauer über Vergänglichkeit und Leere, bekommt so eine fast schon verzweifelte Note, die sich mit dem Titel einer Doku über Christoph Schlingensief auf den Punkt bringen lässt: „In das Schweigen hineinschreien“.

 

Kritik

 

SZENE HAMBURG: Herr Schamoni, Sie schreiben im Prolog vom Gefühl, eine schöpferische Antwort auf die Welt geben zu müssen, „als wäre es unsere Aufgabe, Zeugnis abzulegen in Form einer Antwort auf den großen Chor“. Was macht das mit Ihnen, wenn Ihre Antwort auf den großen Chor von Kritikern verrissen wird?

Rocko Schamoni: Das macht mich traurig, weil es mir beweist, dass ich danebenlag, oder die Kritiker mich nicht verstanden haben. Ich lasse mich davon sehr verletzten, leider gehört das zu meinem Beruf. Und ich finde die Kritiker wichtig, wir brauchen sie, auch wenn sie uns zerstören wollen.

Hatten Sie manch harsche Kritik zu „Grosse Freiheit“ beim Schreiben des Jaeger-Romans im Hinterkopf?

Natürlich, jeder Schlag hinterlässt eine Narbe. Ich habe viele davon und merke mir jedes Wort und jeden Urheber.

 

Die Annäherung an Heino Jaeger

 

Wolli Köhler kannten Sie persönlich, Jaeger haben Sie sich über Recherche und Gespräche mit Menschen aus seinem Umfeld angenähert. Inwiefern macht das einen Unterschied beim Schreiben?

Na ja, das ist so, als ob man mit jemandem spricht, ihn oder sie spürt, riecht, vielleicht berührt, oder als ob man ein Buch über jemanden liest, ohne direkte Begegnung, nur noch ein Abbild, eine Vision. Es kommt nichts an die direkte Begegnung ran.

Jaeger ähnelt Wolli insofern, als er ein Grenzgänger ist. Welche Grenzen hat er überschritten?

Er hat die Regeln des deutschen Humors missachtet, in seinen Erzählungen gab es weder Stringenz noch Effektivität oder Aufgeräumtheit.

Sein „merkwürdig pointenloser Humor“, wie Sie schreiben, steht damit in krassem Kontrast zu dem, was man in Deutschland unter Humor versteht.

Es ging ihm gar nicht in erster Linie um Humor, er war Weltbeobachter und weil Menschen häufig so groteske Wesen sind, die so absurde Dinge tun, hat er das in seinem Kopf festgehalten und in Kunst umgewandelt.

Das gilt auch für seine Zeichnungen, die oft Zwitterwesen zwischen Mensch und Tier und dominante Geschlechtsteile zeigen. Im Roman philosophiert er an einer Stelle im Museum regelrecht über den Penis („Eine merkwürdige Vorstellung, wenn von einem nichts übrig bleibt als der eigene Penis, oder?“). Sie haben zwei solcher Zeichnungen an Ihrem Arbeitsplatz hängen – was sehen Sie darin, wenn Sie sie betrachten?

Ich sehe darin eine zerborstene Welt, die wir uns mit allen Anstandsund Benimmregeln, Konformitäten und Gesetzen schönreden und -denken. Aber die Welt der Menschen ist häufig nicht schön, sondern brutal, roh, verschlagen, bösartig, gierig, ignorant und unendlich dumm. Jaeger zeigt die Welt ohne Negligé.

 

Christoph Schlingensief hatte recht

 

Aus Ihrem Roman spricht ein Bedauern, dass die Zeit der Freaks vorbei ist und es solche Menschen wie Jaeger heute kaum noch gibt. Abgesehen vom Bedauern: Welche Antwort geben Sie auf die Gegenwart, wenn Sie einen Roman über das Hamburg der 1960er und 1970er schreiben?

Ich habe, wenn Sie so wollen, einen „historischen Roman“ geschrieben, allerdings ergibt sich daraus in meinen Augen sehr viel fürs Jetzt. Ich glaube, dass wir in der Gegenwart ein „Konformitätsproblem“ haben, weil die meisten Informationen aus denselben Quellen kommen und über dieselben Werkzeuge – soziale Netzwerke – verteilt werden. Ein „anders sein“ erscheint mir unter diesen Bedingungen immer schwieriger. Christoph Schlingensief warnte uns vor 20 Jahren, dass „Matrix“ wahr werden würde. Er hatte recht, wir hängen alle an denselben Schläuchen.

Der neue Roman von Rocko Schamoni: „Der Jaeger und sein Meister“

Der neue Roman von Rocko Schamoni: „Der Jaeger und sein Meister“

Wäre Jaeger kommerziell erfolgreich oder irgendwann von einer breiten Öffentlichkeit als „kultig“ entdeckt worden, glauben Sie, er wäre er wie fast jede Subkultur von dieser Konformitätskultur wegkommerzialisiert und vereinnahmt worden – mit Heino-Jaeger-T-Shirts bei H&M?

Nein, er hat alles dafür getan, dass es nicht so kommt und so ist es dann auch gekommen. Er hat sich dem Erfolg gezielt entzogen, der war ihm nicht wichtig genug.

Sie sagen, es gäbe „kaum“ noch Freaks. Wer gehört zu den Ausnahmen?

Zum Beispiel Helge Schneider und seine Leute. Die sind frei und verschroben.

Rocko Schamoni: „Der Jaeger und sein Meister“, hanserblau, 288 Seiten, 22 Euro


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, September 2021. Das Magazin ist seit dem 28. August 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Heinz Strunk: „Eigentlich ist das total krank“

In „Es ist immer so schön mit dir“ beleuchtet Heinz Strunk die Abgründe toxischer Beziehungen. Ein Gespräch über das Festhalten wider alle Vernunft, Strunks Faible für Kalendersprüche und über seine Abkehr von der Kirche

Interview: Ingrun Gade

 

Der Protagonist ist Mitte 40, steckt in einer leidenschaftslosen Beziehung mit Julia und betreibt ein eigenes Einmann-Tonstudio. Seinen Wunsch nach einer künstlerischen Karriere als Musiker hat er aufgegeben, doch der geplatzte Traum schmerzt ihn nicht mehr. Dann lernt er Vanessa kennen, eine Schauspielerin, und er kann es kaum fassen – diese schöne, junge Frau interessiert sich für ihn. Er verliebt sich, verlässt Julia und gerät in einen Sog aus Glück, Chaos, Abgründigkeit und Abhängigkeit.

„Es ist immer so schön mit dir“, der neue Liebesroman von Heinz Strunk

„Es ist immer so schön mit dir“, der neue Liebesroman von Heinz Strunk

SZENE HAMBURG: Herr Strunk, Sie sind im April Twitter beigetreten und hatten schon nach kurzer Zeit 5.000 Follower. Stimmt es, dass Ihr Verlag Sie aus Promo-Zwecken „an die Social-Media-Front“ gezwungen hat, oder war das nur ein Spaß?

Heinz Strunk:Och, wissen Sie … Ob das Ernst ist oder Spaß, wer weiß das schon. Das muss jeder für sich rausfinden.

Dann hat sich wohl auch meine Frage zu Ihrer angeblichen Angst, „dass der Roman floppt“ und Sie „bei Rowohlt geschasst“ werden, erübrigt.

Ich bin mir immer unsicher, ob ein Buch von mir erfolgreich wird. Ich hoffe es natürlich, aber ich kann es nie einschätzen. Ich denke, dass man dabei bescheiden bleiben sollte, gerade weil es stark vom Format abhängig ist. In Deutschland muss ja immer „Roman“ draufstehen, damit es ein richtiger Erfolg wird.

Dabei präferieren Sie eher dichte und kurze Formate, wie Sie mal sagten. Warum diesmal ein Liebesroman?

Wenn ich Bücher schreibe, versuche ich immer, dem ewigen Kanon der bereits geschriebenen Literatur noch irgendeine originelle Variante hinzuzufügen. In diesem Fall also alle dunklen, finsteren, verzweifelten, hysterischen, paranoiden Seiten einer Beziehung, in der wahrscheinlich jeder schon mal irgendwann zu einer Zeit seines Lebens gesteckt hat – diese genau aufzuzeichnen, ist mein Anliegen.

 

Beziehungen

 

Die Beziehung der beiden Protagonisten ist das, was man heute als „toxisch“ bezeichnet. Beim Lesen entsteht der Eindruck, als gäbe es eine Dichotomie: Entweder kurze, leidenschaftliche, aber eben auch toxische Beziehungen oder lange und leidenschaftslose. Gibt es nichts dazwischen?

Es gibt in diesem Rahmen unterschiedliche Varianten: Es gibt langjährige Beziehungen, die leidenschafts- und sexuallos sind, aber dennoch funktionieren. Es gibt aber auch viele Menschen, die in einer solchen Beziehung festhängen, damit vollkommen unzufrieden sind und es dennoch nicht hinbekommen, sich zu trennen. Jeder, der schon mal selbst in einer solchen Situation war, weiß, wie schwierig dieser Schritt ist.

Und die toxische Variante?

Es gibt Beziehungen, die zwar toxisch sind, aber endlos dauern. In meiner Geschichte habe ich versucht, komprimiert über einen Zeitraum von ungefähr anderthalb Jahren zu schreiben. Wann diese Situation eskaliert, hängt von der Leidensfähigkeit der Beteiligten ab. Bei manchen Menschen frage ich mich, wie sie das noch aushalten. Mein Zerreißpunkt wäre sehr viel früher erreicht.

Gibt es auch lange, leidenschaftliche und glückliche Beziehungen?

Ja, absolut. Einige davon sogar in meinem Umfeld und ich hoffe auch, dass das die Mehrheit ist. Aber darüber zu schreiben wäre langweilig. Als Schriftsteller versuche ich über Themen zu schreiben, die möglichst noch nicht behandelt worden sind.

An Vanessa wird deutlich: Das Reinzwängen in ein sozial erwünschtes und gesittetes Leben überkommt fast jeden. Inwiefern spielen soziale Zwänge eine Rolle beim Scheitern der Beziehung?

Liebe, Beziehungen und dass sich Menschen zusammentun, das würde ich unabhängig machen von der Gesellschaft. Die Leute finden sich, unter welchen Umständen auch immer. Und es gibt bei uns allen diesen „Nestbautrieb“. Ich glaube, bei Frauen ist er vermutlich etwas stärker ausgeprägt als bei Männern, wobei es natürlich immer Ausnahmen gibt und Fälle, in denen das Gegenteil der Fall ist.

Der Protagonist unterwirft sich seiner Partnerin gänzlich. Warum tut er sich das an?

Eigentlich ist das total krank. Aber es bleibt ihm in der Situation scheinbar nichts anderes übrig. Und auch das kennt man ja. Anstatt einen Kompromiss zu finden, gibt man gleich auf und klein bei. Und erfahrungsgemäß ist es auch so, dass wenn die Frau auf der Klaviatur von Druckschuld und schlechtem Gewissen zu spielen vermag, die meisten Männer relativ schnell einknicken.

Für Julia war die Trennung hingegen eher wie ein Befreiungsschlag …

Das ist auch das, was eine Trennung idealerweise bewirken sollte, nämlich dass eine Befreiung und nicht eine jahrelange Quälerei und ein Zurücklehnen in der Beziehung geschieht. Ich habe auch schon beides erlebt.

Das Hamburger Multitalent Heinz Strunk; © Dennis Dirksen

Das Hamburger Multitalent Heinz Strunk; © Dennis Dirksen

Sie haben dem Roman ein Zitat von John Cheever vorangestellt. Warum?

John Cheever ist eines meiner großen Vorbilder. Ich selbst bin bei Rowohlt, einem Verlag, der traditionell nordamerikanischen Erzählern verpflichtet ist, dadurch bin ich auch auf John Cheever gestoßen, einen Autor, der zu Lebzeiten nie so erfolgreich war. Ich finde das Zitat so brillant, dass ich es nehmen musste.

Es lautet: „Würden Sie mir bitte gestatten, meine Hand um Ihre Knöchel zu legen? Das ist alles, was ich möchte. Es würde mir das Leben retten. Ich würde Sie auch gern dafür bezahlen.“ Körperlichkeit und sexuelle Triebe spielen bei Ihnen eine wichtige Rolle, meistens aber als zerstörerische Kraft. Überwiegen die negativen Aspekte?

Nein, das kann man nicht pauschalisieren. Da muss ich die etwas langweilige Antwort geben, dass das ziemlich typenabhängig ist. Es gibt Leute, für die die Libido quasi eine lebenslange Quelle des Leids ist. Und bei anderen, bei denen die Libido nicht so ausgeprägt ist, ist das vollkommen anders und völlig in Ordnung.

Also sind Sie nicht so düster unterwegs wie Houellebecq, der in seinen Romanen gleich für die Abschaffung des Körpers plädiert?

Nein, ich glaube, dass Houellebecq aus seiner eigenen Sicht schreibt, die sehr traurig ist und auch übertrieben. Sein Blick auf die Sexualität sollte kein Maßstab für die Allgemeinheit sein – zum Glück.

Den Vergleich habe ich wegen Passagen wie dieser gezogen, in der der Protagonist sich im Spiegel betrachtet: „Ein aufrecht stehender Sack voller Eingeweide. Qualliges, lilienweißes Fleisch. Was ist lappiger, die Haut oder das Fleisch? (…) Was er da sieht, hat nun gar keinen Marktwert mehr. Kann er sich gleich morgen mit den anderen Ausgeleierten und Verwelkten zusammentun.“ Das ist schon ziemlich düster.

Da muss ich leider widersprechen. Das wird mir gelegentlich gesagt, aber ich empfinde das gar nicht so. Wenn man sich mal die Mühe macht und mit offenen Augen durch eine deutsche Autobahnraststätte geht, dann wird man auf genau die Leute treffen, die ich beschreibe. Ich versuche ja, nicht zu übertreiben, sondern die Wirklichkeit so wiederzugeben, wie sie ist. Und das hat nichts zu tun mit Menschenhass oder einem düsteren Filter. Ich bemühe mich um Genauigkeit und darum, die Dinge so abzubilden, wie sie sind.

 

Abkehr von der Kirche

 

Ein anderes Thema in Ihren Büchern und auch im aktuellen Roman ist die Kirche und der Glaube an Gott. Auch damit haben Sie ein aktuelles Thema aufgegriffen, Stichwort Missbrauchsskandal.

Dieser Roman war eine willkommene Gelegenheit, meine eigenen Erfahrungen und Beobachtungen einfließen zu lassen. In jungen Jahren war ich selbst ein fleißiger Kirchgänger. Ich bin konfirmiert worden, war auf sämtlichen Kirchenfreizeiten und habe bis zum 18. Lebensjahr fest an die Existenz eines Gottes geglaubt.

Warum danach nicht mehr?

In dieser Zeit habe ich mitgekriegt, wie sich aus meinen drei Gemeinden alle drei Diakone an die Mädchen rangemacht haben. Ich habe die ganzen Vertuschungen mitbekommen, allenfalls gab es eine Strafversetzung, ansonsten blieben diese Straftaten aber ungesühnt. Seitdem möchte ich nichts mehr mit der Kirche zu tun haben.

Das heißt, die Schilderungen basieren auf einem konkreten Fall?

Ja, auf echten Fällen. Das waren damals „Glaubensgenossen“ von mir. Die Überschneidungen mit dem aktuellen Kölner Skandal sind natürlich Zufall. Wenn man ein Buch schreibt, dauert das seine Zeit, sodass man nie ganz aktuell sein kann. Wobei es eigentlich kein aktuelles Thema ist – das Thema existiert an sich schon, seitdem es die Kirche gibt.

Um zum Schluss noch mal auf Ihren Twitter-Account zurückzukommen: Sie nutzen ihn auch immer wieder für Ihr Faible für schlechte Kalendersprüche à la: „Wer morgens zerknittert aufwacht, hat tagsüber viele Entfaltungsmöglichkeiten.“ Haben Sie aktuell einen Favoriten?

„Ich habe heute Morgen zwei Geschenke geöffnet: Meine Augen.“ Das ist ein Top-Satz. Ich weiß nicht, ob der jemals zu überbieten ist.

Heinz Strunk: „Es ist immer so schön mit dir“, Rowohlt, 288 Seiten, 22 Euro. Autorenlesung am 13.9. in der Elbphilharmonie (Großer Saal), 20 Uhr

 


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, August 2021. Das Magazin ist seit dem 29. Juli 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Lust auf mehr Geschichten aus Hamburg?

Hey, hey, hey, Herr Stanišić!

„Hey, hey, hey, Taxi!“ heißt das neue Werk von Saša Stanišić. Es basiert auf Geschichten, die er sich zusammen mit seinem Sohn ausgedacht hat. Im Interview mit SZENE HAMBURG spricht der Buchpreisträger über den Entstehungsprozess, die anarchische Vorstellungskraft von Kindern – und er verrät, warum gerade dieses Buch ihm so viel bedeutet

Interview: Marco Arellano Gomes

 

SZENE HAMBURG: Saša Stanišić, nach der Lektüre Ihres neuen Buches kam mir die verwegene Idee, das Interview so zu führen, dass ich Fragen stelle – und Sie, wie einer der Charaktere im Buch, ausschließlich mit „Odjo, odjo“ antworten …

Saša Stanišić: (lacht) Das wäre für uns beide ein Spaß. Für die Leser wahrscheinlich weniger.

Zumindest würde das den Charakter Ihres neuen Buches unterstreichen. Es ist ja ein eher ungewöhnliches, sehr fantasievolles, fast absurd­komisches Kinderbuch geworden.

Ich habe viel Feedback zu der Geschichte mit dem „Odjo, odjo“ sagenden Taxifahrer erhalten. Die scheint besonders gut anzukommen. Kinder lieben das Abstrakte. Sie verstehen zwar nicht unmittelbar, was los ist, aber sie können sich gut vorstellen, dass trotz der unverständlichen Kommunikation etwas gut ausgehen wird.

Kinder können fehlende Informationen ganz gut ersetzen mit eigener Imagination. Die hören das „Odjo, odjo“ und bauen daraus eine sinnvolle Antwort für sich. Die Kommunikation ist zwar misslungen, aber der Weg zu einer Geschichte ist gelungen. (lacht)

Wann genau kamen Sie auf die Idee, ein Kinderbuch zu schreiben?

Die Idee kam, nachdem ich die „Taxi-Geschichten“ schon längere Zeit meinem Sohn erzählt hatte. Und da die ihm wirklich Spaß machten, dachte ich, dass sich das vielleicht auch auf andere Kinder übertragen lässt.

Wann wurde der Gedanke einer Veröffentlichung konkreter?

Mein Sohn hat nicht lockergelassen. Irgendwann schlug ich ihm vor, mehr aus Scherz, lass uns doch ein Buch mit den Geschichten machen. Er sagte: „Gut, aber ich darf entscheiden, was in das Buch kommt.“ Ja, so war das dann auch. Ich stellte das Projekt dem mairisch Verlag vor, und wir waren uns gleich einig, auch, dass es ein Bilderbuch werden sollte.

 

„Kinder haben eine sehr spannende Vorstellung von Logik“

 

Es muss schwer sein, die Geschichten einzufangen, wenn sie so spontan entstehen!?

Ich habe mir meist kurz nach dem Erzählen Notizen gemacht. Später entstanden daraus längere Textbausteine oder gleich fertige Texte. Das ist ein interessanter Prozess: Man schreibt die Erinnerung an die einzelne Geschichte auf, so gut man sie eben erinnert, und dichtet dann Details hinzu. Die Texte entsprechen oft nicht mehr zu einhundert Prozent dem, was ich meinem Sohn erzählt hatte.

Auch von der Unmittelbarkeit geht sicher etwas verloren. Sobald man die Formulierungsmaschinerie anwirft – bei mir ist das jedenfalls so – will man, dass jeder Satz der bestmögliche Satz ist. Das Spontane beim Geschichtenerzählen, geht dabei natürlich verloren.

Sie schreiben im Vorort (sic): „Im Zuhören ist ein Kind Architekt für Welten aus Sprache.“ Haben Kinder den Erwachsenen in dieser Hinsicht etwas voraus?

Sie sind auf jeden Fall freier, insofern, dass sie nicht wie wir Erwachsenen bestimmte Gewohnheitsstrukturen im Erzählen anwenden. Wir Erwachsene springen nicht unbedingt von A nach Z und wieder zurück, sondern halten eine gewisse Chronologie, einen linearen Verlauf. Auch was die Motive angeht, erzählen Erwachsene anders. Kinder sind anarchischer, unbekümmerter auch. Sie überraschen, haben eine sehr spannende Vorstellung von Logik. Das finde ich super.

Konnten Sie das auch bei ihrem Sohn Nikolai bemerken, wenn Sie ihm die Geschichten erzählten?

Ja. Als ich mit dem Geschichtenerzählen anfing und ich ihn bat, in die Geschichte mit einzusteigen, tat er immer so, als ob er mit einem Fahrzeug hinzukam. Dann setzte er sich auf einen Besen, nahm ein Auto und paddelte sich dazu und übernahm das Erzählen. Oft erweiterte er dabei alles, was ich zum Beispiel motivisch vorbereitet hatte, in ganz unerwartete Richtungen. Er brachte neue Figuren mit, erfand Gegenstände, die bei der Problemlösung hilfreich wurden, änderte auch mal das Problem an sich.

Die Geschichten nahmen häufig einen ganz eigenen, chaotischen, aber sehr sympathischen Weg zu ihrem Schluss. Manchmal hatte das auch nicht mehr viel zu tun mit dem, wie die Geschichte bis dahin verlaufen war.

 

Harmonie zwischen Text- und Bildsprache

 

Bei Kinderbüchern spielt neben der Qualität der Geschichten die Optik eine große Rolle. Die Illustrationen in „Hey, hey, hey, Taxi!“ sind nicht niedlich und süß, sondern eher verspielt und surreal. Wie kam es zu der Zusammenarbeit mit Illustratorin Katja Spitzer?

Die Frage der Illustration kam erst auf, als die Geschichten recht fortgeschritten waren. Ich bekam eine Liste von Vorschlägen und diese bin ich gemeinsam mit meinem Sohn durchgegangen. Er hat sofort gesagt: „Das will ich haben!“ Katja Spitzer. Er hat die Illustratorin quasi bestimmt.

Hey-hey-hey-Taxi-c-mairisch-verlagWie lief die Zusammenarbeit mit Katja Spitzer?

Im Grunde hatte Katja völlig freie Hand. Sie hat sich auf eine sehr verspielte Weise auf das Projekt eingelassen und wunderbare Ideen eingebracht. Sie hielt mich immer auf dem Laufenden und fragte immer wieder: „Geht das in die Richtung, die du dir vorstellst?“

Oft hat man bei Kinderbüchern ja das Gefühl, dass Text oder Bild überwiegen und das jeweils andere nur Beiwerk ist. Für ein gelungenes Bilder-Text-Buch bedarf es meines Erachtens einer Harmonie zwischen Text- und Bildsprache, und die war schnell mit Katjas Illus auch hergestellt.

Empfanden Sie es als leichter oder schwerer, ein Kinderbuch zu schreiben?

Für mich ist das Schöne, dass ich auch bei einem Kinderbuch meinem Handwerk nachgehe. Nur das Zielpublikum ist eben ein anderes. Ich arbeite aber auch hier an jedem Satz. Es mag leicht und unbeschwert erscheinen, aber jedes Wort muss am Ende wirklich sitzen. Da gibt es null Unterschied zu einem Erwachsenenbuch. Im Gegenteil: Ich habe bei „Hey, hey, hey, Taxi!“ sogar viel stärker erahnen wollen, wie die Texte ankommen könnten.

Ein Kinderbuch ist in dieser Hinsicht also voraussetzungsvoller als ein Roman. Aber die Schreibdauer ist kürzer, was angenehmer ist.

Wie viel Nikolai, wie viel Saša Stanišić steckt in dem Buch?

(lacht) Das ist schwer zu sagen. Es gibt Geschichten, die extra für das Buch entworfen worden sind, die ich ihm also gar nicht erzählt habe. Das sind vor allem diejenigen, die einen Meta-Charakter haben, zum Beispiel die Geschichte um die Heldin, die keine Heldin sein will oder die Eingangsgeschichte, die zusammenfasst, was kommen wird.

Je konkreter und abenteuerlicher ein Text, desto wahrscheinlicher ist, dass mein Sohn Rezipient war oder sich eingeschaltet hat. Pi mal Daumen war er bei etwa drei Viertel der Geschichten involviert.

Das Buch lädt dazu ein, eigene Erlebnisse in die Geschichten mit einzuflechten. Wie genau funktioniert das?

Ich improvisiere gern beim Vorlesen. Mein Sohn liebt das. Ich kann also nur dazu raten, die eigene Lebenswirklichkeit in diese meine Taxi-Welt zu bringen. Dazu muss im Text auch nicht explizit eine Anweisung stehen.

Das Taxi war für Nikolai und mich nur ein Symbol für einen Abschied. Denn darum geht es im Buch: Dass ein Elternteil weggeht und immer wieder zurückkommt. Solche Elemente können die Eltern also umwandeln und anpassen, um die Gemeinsamkeiten mit dem eigenen Kind sichtbarer zu machen. Denn die Kinder freuen sich darüber, in dem Spannungsverhältnis der überbordenden Fantasie und dem Alltag das eigene Leben zu erkennen.

War das Weggehen und Zurückkom­men nicht auch in Ihren früheren Werken wie „Herkunft“ das leitende Thema?

Zwei meiner Bücher kreisen in der Tat stark um das Thema der Ankunft. Die spielen allerdings auf einer anderen Ebene des Ankommens und berühren Fragen von Geflüchteten und politische Identitäten. In „Hey, hey, hey, Taxi!“ geht es mehr um den Abschied und das Nach-Hause-Kommen an sich, Nähe und Distanz also zwischen Eltern und Kindern im Alltag und durch den Beruf: Ob das nun der banale Weg in die Kita ist, der zur Arbeit oder eine Lesereise von zwei Tagen. Das beschäftigt Eltern gleichwohl wie die Kinder.

 

Verbunden durch das Erzählte

 

Erinnern Sie sich, wie Sie als Kind solche Abschiede erlebten?

Ich bin als Kind bei meiner Großmutter aufgewachsen. Ich hatte also nicht diese Art von Abschied und Ankunft, wie sie mein Sohn in der Kita ritualisiert hat. Es ist zentral, wie Kinder Abschiede erleben und internalisieren. Das Erzählen von Geschichten kann dabei helfen, diese Trennungen auf Zeit offener zu gestalten.

Und das muss nicht einmal durch fantastische Abenteuer geschehen, sondern geht auch über die Frage: „Was hast du heute alles erlebt?“ Abschied und Heimkehr sind die Marker am Anfang und Ende dieser Geschichten, die einen dann wieder verbinden.

Also bietet das gemeinsame Erzählen die Möglichkeit, verbunden zu bleiben, indem man die Erfahrungen, die man während des Getrenntseins macht, in Geschichten verpackt und miteinander teilt?

Genau darum geht es ja beim Geschichtenerzählen: Wir kommen zusammen und sind verbunden durch das Erzählte. Geschichten sind eine Form von Kommunikation – ein Angebot, Einblick in das eigene Leben zuzulassen oder in ein ausgedachtes – jedenfalls ein Angebot, das zusammenführt. Und so ist das Buch gemeint. Es ist ein Angebot für Erwachsene und Kinder, die vielleicht den halben Tag nicht zusammen waren, aber über gemeinsame Geschichten wieder zusammenkommen.

Sie haben auf Insta­gram geschrieben: „Es gibt wichtige Bücher und Bücher, die einem wichtig sind. Das ist ein Buch, das mir sehr wichtig ist.“ Was macht es für Sie so wichtig?

Ich habe das Gefühl, mein Sohn und ich haben durch „Hey, hey, hey, Taxi!“ miteinander eine Erinnerung geschaffen, die vielleicht jahrelang wichtig für uns sein könnte. Egal ob wir gerade eine Krise oder eine schöne Zeit haben: Diese Geschichten bleiben für immer. Mit dem Buch habe ich sie für uns archiviert.

Saša Stanišić, Katja Spitzer: „Hey, hey, hey, Taxi!“, mairisch, 69 Seiten, 18 Euro, ab 4 J.


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, April 2021. Das Magazin ist seit dem 27. MÄRZ 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Max Frisch fragt … Norbert Gstrein

Autoren der Gegenwart antworten auf den berühmten Fragebogen von Max Frisch. Dieses Mal antwortet der Autor Norbert Gstrein. In seinem neuen Roman „Der zweite Jakob“ (Hanser, 448 Seiten, 25 Euro) wird der Protagonist mit einer unangenehmen Frage konfrontiert: „Was ist das Schlimmste, das du je getan hast?“

 

Sind Sie ein Moralist?

Das würde mich und andere überfordern. Mein Problem ist, dass ich mir selbst in der Rolle nicht einmal die Wahrheit glauben würde.

Wissen Sie, woher Sie die moralischen Gesichtspunkte haben, d.h. wessen Interessen die betreffende Moral schützt?

Mit der entsprechenden Hardware auf die Welt gekommen, von Schulen, Literatur und wohl auch Religion mit Software versorgt. Wenn ich alles glauben würde, was man mir gesagt hat, und alle Vorgaben erfüllen würde, wäre das ein Problem. Dann denke ich aber immer, dass ich niemanden darum gebeten habe, geboren zu werden, und allein dadurch das Recht auf ein paar kräftige Verstöße gegen die guten Sitten habe.

Wenn Sie erkennen, dass Sie in einer amoralischen Gesellschaft leben: befriedigt es Sie, dass wenigstens Sie sich moralisch verhalten?

Es geht mir eher umgekehrt: Wenn ich erkenne, dass ich in einer Gesellschaft mit hohen moralischen Ansprüchen lebe, bin ich froh, dass ich wenigstens in der Literatur dagegen verstoßen kann. Aber manchmal geht es selbst da nicht mehr, und Sie werden für Gedanken haftbar gemacht, die nicht einmal Ihre Gedanken sind, sondern die Ihrer Figuren.

 

„Zu wenig zu leben, zu wenig zu lieben“

 

Haben Sie amoralische Einfälle?

Ich habe als Achtzehnjähriger „Atlas wirft die Welt ab“ von Ayn Rand gelesen. Das ist ein durch und durch amoralisches Buch. Die „Starken“ beschließen, die Welt zu verlassen und die „Schwachen“ in ihrem Elend zurückzulassen. Es gibt Tage, an denen ich die Zeitungen lese und vom Stillstand mancher Diskussionen so betrübt bin, dass ich denke, ich würde mit ihnen kommen, und mich selbstverständlich im nächsten Augenblick für diesen Gedanken geisele.

Angenommen, Sie entwickeln eine Erfindung, die das öffentliche Lügen unmöglich macht: wen können Sie sich als Geldgeber für Ihre kühne Forschung vorstellen?

Karl Lauterbach und die noch zu gründende Lauterbach Foundation, aber nur, falls die ein paar kleine Notlügen erlauben.

Was könnten Sie sich nicht verzeihen?

Zu wenig zu leben, zu wenig zu lieben. Schlechte Bücher zu schreiben. Zugeben zu müssen, dass mir Max Frisch, dem ich einmal begegnet bin und den ich als sehr gewitzten, sehr generösen, sehr klugen Menschen erlebt habe, inzwischen manchmal sehr auf die Nerven geht mit seiner schweizerischen Schülermoral.

Max Frisch: „Fragebogen. Erweiterte Ausgabe“, Suhrkamp, 127 Seiten, 10 Euro


SZENE-März-2021 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, März 2021. Das Magazin ist seit dem 26. Februar 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Simon Urban über „Wie alles began und wer dabei umkam“

Wer’s erbaulich mag, ist hier falsch: Simon Urbans „Wie alles begann und wer dabei umkam“ ist eine schwarzhumorige Gesellschaftsanalyse und ein tollkühnes Gedankenexperiment

Interview: Ulrich Thiele

 

SZENE HAMBURG: Simon Urban, der Ich-Erzähler ist ein Soziopath. Muss ich mir Sorgen machen, wenn ich mich als Leser hin und wieder indentifiziere?

Simon Urban: Ganz und gar nicht. Aus Autorenperspektive ist das sogar ein großes Kompliment, wenn es gelingt, dass man sich als Leser dabei ertappt, sich mit einer Figur zu identifizieren, obwohl sie Dinge tut oder denkt, die dem eigenen Wertekanon widersprechen. Wir alle tragen ja tabuisierte Gedanken in uns. Wir sprechen sie nur aus naheliegenden Gründen nicht aus.

Justus Hartmann ist angetrieben davon, tabuisierte Haltungen und Empfindun- gen aus den Menschen seines Umfeldes zu kitzeln. Haltungen, „die wir in uns einzuschließen verdammt sind, weil ihre öffentliche Äußerung unsere soziale und ökonomische Existenz erst gefährden und schließlich vollständig vernichten würde“. Wie war das, mehrere Jahre mit so einer Figur zu leben?

Das war eine schöne Zeit, ich habe das sehr genossen! Weil der Charakter eine so große Ehrlichkeit und Unverblümtheit besitzt. Er ist besessen von der Frage, was richtig ist und was falsch und wie man als Mensch und als Gesellschaft damit umzugehen hat. Zugleich ist er ein im besten Sinne amoralischer – oder noch besser: außermoralischer – Charakter.

 

„Was darf man nur denken?“

 

Das hat teilweise fast etwas Tourette-haftes. Er kann einfach nicht anders, als zu sagen, was er denkt. Und so ein Mensch bringt automatisch gesellschaftliche Gefüge, die oft auf Konsens und Behutsamkeit und bestimmte Sprachregeln ausgelegt sind, maximal in Unordnung. Das macht natürlich Spaß, ich empfinde es aber auch als befreiend. Und auch wenn das nicht das Hauptthema des Romans ist, passt es natürlich gut in unsere Zeit. Was darf man in welcher Umgebung offen aussprechen? Was darf man nur denken? Und was darf man vielleicht noch nicht einmal denken?

Sie verhandeln diese Fragen anhand des Rechts. Der Protagonist, ein hochintelligenter Jurastudent, ist mit dem deutschen Gesetz nicht einverstanden, begibt sich auf Weltreise nach Neuguinea und Singapur für ein „Studium der Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit in Theorie und Praxis“ und entwirft ein universelles Rechtssystem, das das Leid der Angehörigen eines Opfers ins Strafmaß einberechnet und in dem auch Kategorien wie Rache und die Todesstrafe Platz bekommen. Warum das Recht?

Ein einfacher Grund für mein Interesse an diesem Thema wird sein, dass ich selbst beruflich aus der Art geschlagen bin: Ich komme aus einer Juristenfamilie, meine beiden Eltern waren Richter, sogar mein Großvater und mein Urgroßvater waren schon Richter. Ich bin immer fasziniert gewesen von der Frage, was genau Gerechtigkeit ist und wie sie sich herstellen lässt. Wie ist das Verhältnis des Individuums zu dem rechtlichen System, in dem wir als Angehörige einer Nation zu existieren gezwungen sind? Was passiert, wenn man sich damit nicht in Einklang befindet?

Es ist ja durchaus denkbar, dass es irgendwo auf der Welt ein Rechts- system gibt, dessen Regeln unserem persönlichen Gerechtigkeitsempfinden sehr viel mehr entsprechen als die praktizierte Rechtsprechung, der wir hierzulande unterworfen sind. Wir sind aber qua Geburt genötigt, mit unserem System zu leben, es zu respektieren und zu akzeptieren. Der Held meines Romans will sich damit nicht abfinden. Er tut etwas Unerhörtes, Anmaßendes und nimmt das Gesetzeschreiben schließlich selbst in die Hand.

 

„Mein Held ist gerechtigkeitssüchtig“

 

Er ist alles andere als ein mitfühlender Mensch. Trotzdem kritisiert er eine seiner Meinung nach fehlende Opfer- empathie im deutschen Recht. Einmal sagt er selbst, dass seine Gerechtigkeits- sucht wie eine sexuelle Obsession sei und nicht aus Mitgefühl heraus resultiere. Wie passt das zusammen?

Der Vergleich mit dem Sexualtrieb sagt: Hier geht es um etwas, das uns ausmacht, das intuitiv oder sogar genetisch ist und sich eigenständig meldet. Etwas, das wir letztlich hinnehmen müssen, weil es zu uns gehört.

Ich mag dieses Schopenhauer-Zitat sehr, weil es genau das auf den Punkt bringt: Der Mensch kann tun, was er will, aber er kann nicht wollen, was wer will. Mein Held ist gerechtigkeitssüchtig und dagegen ist er machtlos, es ist ein Zwang. Wenn er dem deutschen Recht vorwirft, die Opfer nicht ausreichend zu berücksichtigen, tut er das tatsächlich nicht aus Empathie, sondern weil sein Gerechtigkeitsempfinden hier einen Mangel registriert. Ein Soziopath, der Empathie anmahnt, das empfand ich als spannende Konstellation.

Justus ist ein unzuverlässiger Erzähler, man kann ihm nicht ganz trauen. Wie soll man sich zu ihm verhalten?

Ich fürchte, das muss jeder Leser für sich entscheiden. Das Gleiche gilt ja letztlich auch für die Haltungen der Figur. Man kann sich auf seine Gedankenspiele einlassen und ihm ein Stück weit folgen oder sie sofort konsequent zurückweisen.

Was den unzuverlässigen Erzähler angeht, das ist ja letztlich eine grundsätzliche Frage, wenn es um Fiktion geht: Glaube ich das, was mir erzählt wird? Auch wenn es unglaublich ist? Ich schätze, bei Justus sollte man besser auf der Hut sein.

Sandra – eine Freundin des Protagonisten – schreibt in einem Brief von seiner egozentrischen Radikalität, die vielleicht nötig sei, um in unserer heutigen Welt noch das sein zu können, was man sein muss. Was meint sie damit?

Sandra ahnt zwar nur, was Justus zu diesem Zeitpunkt tut, aber sie hat offenbar ein ganz gutes Gespür. Die Formulierung, die Sie zitieren, bezieht sich in erster Linie auf die archaische Rolle, die mein Held sich zunehmend zu eigen macht. Ohne zu viel verraten zu wollen: Er belässt es nicht dabei, neue Gesetze zu verfassen, seine Gerechtigkeitsobsession treibt ihn noch weiter.

Inwiefern eine archaische Rolle?

Wir alle kennen solche Konstellationen aus vornehmlich amerikanischen Filmen. Der Mann, der das Recht in die eigenen Hände nimmt, weil es sonst keiner tut. Allerdings sind das meistens Charles-Bronson-mäßige Typen, die einerseits die physischen Voraussetzungen für ihre Agenda mitbringen, aber zugleich nie den Mund aufbekommen und ihre Gedanken mit uns teilen.

Mein Experiment besteht darin, das Prinzip umzudrehen: Mein Held ist anfangs ein unsportlicher Lappen, der aber permanent reflektiert. Ein Anti-Bronson, wenn man so will. Aber genau deshalb hoffentlich literarisch deutlich interessanter.

 

Archetypen aus dem Superhelden-Genre

 

Der gesamte Roman ist wie eine Genesis, das Ende ist der eigentliche Anfang, wie ja schon der Titel verdeutlicht. Sozusagen „Batman Begins“. Warum diese Vorgeschichte als Hauptprinzip?

Die vermeintliche Vorgeschichte ist hier die Geschichte, weil sie natürlich den mit Abstand spannendsten Teil der Figurenentwicklung erzählt. Wie wird jemand zu dem, was er ist? Die „Batman“-Trilogie von Christopher Nolan nennen Sie völlig zu Recht, denn tatsächlich gibt es einige Parallelen. Aber am Ende sind die Unterschiede in meiner Wahrnehmung größer.

Der Roman orientiert sich zwar an filmischen Strukturen, an Topoi und Archetypen aus dem Superhelden-Genre. Aber weil es hier um Literatur geht, um einen psychologischen Roman, um eine andere Art der Heldenreise, passiert auch mit diesen Zutaten etwas anderes.

Die Figuren und ihre Motivationen sind komplexer, gebrochener, es gibt viel mehr Ebenen und weniger Schwarz-Weiß. Gerechtigkeit und Recht sind komplexe Themen und hier ist Literatur klar im Vorteil. Sie wird dieser Tatsache viel eher gerecht, als es 90 Filmminuten könnten, die am Ende noch durch die Marktforschung müssen.

Hätte der Roman auch kürzer, dichter sein können als die mehr als 500 Seiten, oder braucht es den Platz, um die Entwicklung in ihrer Dauer nachfühlen zu können?

Es brauchte meines Erachtens tatsächlich diese Länge. Ich habe mich ja gerade nicht auf die Machart eines Actionfilm-Charakters beschränken wollen, der die Bühne schon fertig betritt. Auf seine Weise ist „Wie alles begann…“ eben auch ein Entwicklungsroman. Und das braucht Raum. Und weil Gerechtigkeit ein universelles Thema ist, und somit logischerweise größer als Landesgrenzen, hatte ich außerdem Lust, meinen Helden aus einem geografisch eingezirkelten Denkraum ausbrechen zu lassen.

 

Wert der Überforderung

 

Wem würden Sie Ihren Roman empfehlen?

Ich sitze sehr gerne und gut zwischen den Stühlen von E- und U-Literatur. In Deutschland, so mein Eindruck, existiert noch immer eine recht strikte Trennung von Unterhaltungsliteratur und ernsthafter Literatur, anders als beispielsweise in den USA, wo diese Bereiche viel konsequenter und lustvoller verquickt werden, ohne dass sich jemand wundert. Das hat mir immer gefallen.

Für meine Begriffe darf und soll das, was Tiefe erreichen und Existenzielles erzählen will, sehr gut unterhalten. Ich empfinde es sogar als Defizit, wenn Literatur das nicht tut. Was ich versuche, ist also immer EU-Literatur.

In einem Kurzvideo im Rahmen der Hamburger Literaturpreise sagen Sie, dass Sie mit Ihrer Literatur auch überfordern wollen. Worin liegt der Wert der Überforderung?

Die große Möglichkeit der Literatur ist es, sich in menschliche Köpfe und Denkräume vorzutasten, die uns normalerweise nicht zugänglich sind. Das sind Bereiche, die Literatur aufschließen und sichtbar machen kann. Auf diese Weise eine Figur zu begleiten, die sich beispielsweise erdreistet, im Alleingang die Gesetze eines Landes zu verändern, und die auch sonst kein Blatt vor den Mund nimmt, ist sicher immer wieder eine Überforderung, weil es so ruchlos ist. Aber hoffentlich auch: Bereicherung, Erkenntnis, Perspektivwechsel, Spaß am Zynismus und der Verdorbenheit eines Charakters.

Als Leser selbst liebe ich diese Form der Überforderung, ich werde gerne gezwungen, Zeit im Kopf von Personen zu verbringen, die ganz anders sind und ticken als ich. Schließlich sind wir uns in unserem selbst geschaffenen sozialen Umfeld schon zunehmend einig in allen Belangen. Da sollte Literatur uns immer auch mit dem „Anderen“ konfrontieren. Und erbaulich sind ja schon die meisten Fernsehfilme im Öffentlich-Rechtlichen. Ich finde, das reicht.

Simon Urban: „Wie alles begann und wer dabei umkam“, Kiepenheuer & Witsch, 544 Seiten, 24 Euro. Erscheint am 11.2. Die für den 23.2. geplante Autorenlesung im Literaturhaus wird auf März verschoben


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Februar 2021. Das Magazin ist seit dem 28. Januar 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Ein Buch über Hamburgs Fußballgeschichte

Ralf Klee und Broder-Jürgen Trede setzen Hamburgs Fußballgeschichte ein Denkmal

Text: Matthias Greulich

 

Wissen Sie, warum dieses Schiff „Peter“ heißt?, fragt der Barkassenführer, um nach einer bedeutungsschweren Pause fortzufahren. Er habe damals beim berühmten FC St. Pauli im Tor gestanden, wo ihm seine Frau Erna bei den Heimspielen hinter dem eigenen Kasten stets die Daumen zu drücken pflegte. Die Verantwortlichen bei St. Pauli fanden das problematisch. So gerne sie Erna mochten, eine Frau als zwölfter Mann brächte dem Verein großes Unglück, befanden sie. Die Lösung: „Erna heißt ab jetzt Peter.“ Einmal dabei, benannten die Eheleute daraufhin ihre Barkasse ebenfalls um. Der St. Pauli-Torwart war Ludwig, genannt „Lutn“ Alm. Er starb 1976, aber die Anekdote wird sich rund ums Millerntor immer noch mit Begeisterung erzählt.

 

„Besser als Fernsehen“

 

Broder-Jürgen Trede kannte die Geschichte und beschloss, der Barkasse einen Besuch abzustatten. „Einen ganzen Nachmittag habe ich auf der ‚Peter‘ verbracht, um mir die Geschichten von Alms Familie anzuhören“, so der Fußball-Autor. Besser als Fernsehen sei das gewesen, und so taucht die Landungsbrücke 7 als 95. Ort der Erinnerung der „Fußballheimat Hamburg“ auf, das Trede gemeinsam mit Ralf Klee geschrieben hat. „Die Menschen, die wir besucht oder telefonisch befragt haben, hatten alle große Lust auf das Thema“, berichtet Trede. Uwe Seeler nahm sich Zeit, um über sein Elternhaus („Zu sechst auf 50 Quadratmetern, Ofenheizung, kein fließend warmes Wasser – aber ich fühlte mich total behütet“) in Eppendorf zu erzählen.

In der Pandemie waren die umtriebigen Autoren, die unter Hamburgs Sportjournalisten immerhin einen Ruf als große Spürnasen zu verteidigen haben, durch die halbe Stadt gewandert, um den Orten der Geschichte einen Besuch abzustatten. „Der Fußball ist ein Vehikel, um sich mit der Geschichte der Stadt zu beschäftigen“, bilanziert Trede.

Dem 46-Jährigen und dem ein Jahr älteren Klee gelang das Kunststück, ihren Anekdotenschatz nach Spaziergängen zwischen Volksdorf und Kirchwerder ebenso fundiert wie unterhaltsam aufzuschreiben. Da für jeden Ort nur zwei Seiten zur Verfügung stehen, musste das Material, das ansonsten ausgeufert wäre, stark verdichtet werden.

Selbst das „Phantom der deutschen Fußballschichte“ fehlt nicht: der Luftwaffen Sportverein Hamburg. Der Militärklub, bei dem unter anderem Nationalspieler Karl Miller (später FC St. Pauli) spielte, verlor 1944 das Endspiel um die Deutsche Meisterschaft vor 70.000 Zuschauern im Berliner Olympiastadion mit 0:4 gegen den Dresdner SC. „Während zu jedem mehr oder weniger erfolgreichen deutschen Verein heute inflationär Vereinschroniken erscheinen, scheint eine Soldatenmannschaft der Nazis ein zu heißes Eisen zu sein“, schrieb Klee. Er recherchierte daher auch auf dem Poloplatz unweit der S-Bahn Klein Flottbek, wo die Luftwaffensportler im Zweiten Weltkrieg geschützt von Bombenangriffen trainieren konnten.

 

Eine Mannschaftsleistung

 

Das Buch sei eine geschlossene Mannschaftsleistung betonen die Autoren. Dennoch konnte es passieren, dass sich die beiden Studienfreunde beim gegenseitigen Vorlesen der Texte batteleten. Die beiden HSV-Anhänger kennen sich seit Mitte der 1990er Jahre, als sie häufiger nach der Vorlesung am benachbarten Rothenbaum A-Jugend-Spiele der Rothosen besuchten. „Was für ein charmantes Stadion war das“, erinnert sich Trede an die Heimat des HSV, an die nach ihrem Abriss nicht mal eine Plakette erinnert.

Seinerzeit entstand die Idee, diesen Orten ein Denkmal zu setzen. „Jetzt sind wir froh, dass wir seit Unizeiten nicht immer nur gelabert, sondern es durchgezogen haben“, so Trede. Wer dieses, mit grandiosen historischen Fotos bebilderte Fußballbuch liest, kann diese Freude teilen.

Broder-Jürgen Trede, Ralf Klee: „Fußballheimat Hamburg. 100 Orte der Erinnerung. Ein Stadtreiseführer”, Arete Verlag, 216 Seiten, 18 Euro


Cover_SZ0121 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Januar 2021. Das Magazin ist seit dem 22. Dezember 2020 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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„Sicherheitszone“: Katrin Seddigs neuer Roman

Katrin Seddigs Familienroman „Sicherheitszone“ spielt vor dem Hintergrund des G20-Gipfels in Hamburg. Ein Gespräch über gesellschaftliche Brüche, die Unübersichtlichkeit der Welt und Wege aus der Ohnmacht

Text & Interview: Ulrich Thiele

 

Zu Beginn steht ein Zitat der polnischen Dichterin Wisława Szymborska: „Ich ziehe das Chaos der Hölle dem Chaos der Ordnung vor.“ In „Sicherheitszone“ zerfällt die Ordnung der Familie Koschmieder. Die 17-jährige Imke ist bei „Jugend gegen G20“ aktiv. Ihr großer Bruder Alexander steht als Polizist auf der anderen Seite. Thomas, der Vater, verlässt die Familie für eine jüngere Frau – die Ernüchterung folgt schnell. Während einer Demo gerät er auf der Suche nach Imke in einen Tumult und wird von einem Polizisten attackiert: „Er hatte die ganze Zeit gedacht, er könne außen vor bleiben, alles als Beobachter sehen, und sein eigener Irrtum wird ihm so kalt und klar, so höhnisch bewusst, als wäre er ein Irrtum nicht nur in diesem Moment, sondern seines ganzen Lebens.“

Seddigs Roman ist die Geschichte eines Umbruchs und der damit verbundenen Verunsicherung: „Die Welt, wie wir sie kannten, die ist vorbei. Sie ist schon länger vorbei, aber wir haben’s jetzt erst gemerkt“, konstatiert Thomas zum Schluss. Selten wurde das Chaos der Ordnung präziser seziert als in „Sicherheitszone“.

 

SZENE HAMBURG: Katrin, du hast Kultur einmal als lebenswichtig bezeichnet, weil mit ihrer Hilfe Krisen verdaut werden. Hast du G20 nun verdaut?

Katrin Seddig: Nein, ich spüre immer noch Wut und nicht aufgearbeitete Prozesse in mir. Aber während der Arbeit am Roman habe ich gelernt, Abstand zu nehmen und die Ausschreitungen wie ein historisches Bild zu betrachten.

Und kannst du die Ereignisse inzwischen irgendwie für dich einordnen?

Privat war das für mich ein Bruch. Mir wurde schlagartig klar, dass ich mich auf bestimmte Dinge nicht verlassen kann. Ich wusste schon vorher, dass es schwarze Schafe bei der Polizei gibt. Ich sehe auch ein, dass das eine schwierige Lage für die Polizisten war. Aber dass so massiv vorgegangen wird – etwa bei der Räumung des Camps – hat mich schockiert.

Ich habe da erst begriffen, dass man systematisch Gesetze brechen kann und dafür nicht belangt wird, wenn man Macht hat. Das ist vielleicht naiv, aber ich musste das wohl erst sehen, um es zu wissen.

 

Ein strukturelles Problem

 

Wo ist die Wurzel des Problems?

Das ist ein strukturelles Problem. Es ist keine Entscheidung von einzelnen Polizisten, dass es keine Folgen hat, wenn auf Menschen eingeprügelt wird, die schon am Boden liegen. Es gab damals noch keine Kennzeichnung von Polizisten, eine unabhängige Beschwerdeinstanz gibt es bis heute nicht. Und die Leute, die die Befehle geben, sind verantwortlicher als 20-jährige Polizisten, die die ganze Zeit angespuckt werden und irgendwann ausrasten.

Das entschuldigt nichts, ist aber menschlich nachvollziehbarer, als wenn fragwürdige Räumungsbefehle gegeben werden, obwohl man den Überblick hat und gar nicht physisch in Gefahr ist. Du hast die Ereignisse fiktiv verarbeitet.

Welche Rolle spielt das Narrative bei der Aufarbeitung?

Mir ist aufgefallen: Je weiter die Menschen weg von den Ereignissen waren, umso klarer war ihre Vorstellung davon, wie es gewesen ist. Diejenigen, die mittendrin waren, hatten gar keine Vorstellung, weil es so kompliziert und unübersichtlich war. Man kann immer nur einen Bruchteil sehen.

Manche Entwicklungen lassen sich durch Geschichten besser erfassen als durch Berichte. Ich biete nur eine Geschichte von vielen möglichen an. Deswegen war es mir wichtig, kein Sachbuch zu schreiben, sondern einen Familienroman.

Warum ein Familienroman?

Das kommt aus meiner persönlichen Situation heraus, weil ich in einer Familie lebe. Außerdem ist die Familie tatsächlich auch die kleinste Zelle der Gesellschaft, so klischeehaft das klingt. Darin spiegeln sich Konflikte vereinfacht wider. Und ich wollte ein Bild eines gesellschaftlichen Bruchs zeichnen.

Cover_Seddig_SicherheitszoneWie war das, dich in so unterschiedliche Charaktere hineinzudenken, die teilweise konträr zu deiner Einstellung stehen?

Unterschiedlich schwer. Mich in Jugendliche hineinzuversetzen, fällt mir schwerer, weil ich in dieser Gemeinschaft nicht mehr lebe und gerade Jugendliche sich stark von Erwachsenen abgrenzen durch ihre Sprache und sie sind untereinander ganz anders als vor Erwachsenen. Ich habe deswegen keine Jugendsprache verwendet, dieser Versuch hätte nur scheitern können. +

Natürlich ist es einfacher für mich, mich in Menschen meines Alters hineinzuversetzen, und leichter in Frauen als in Männer. Grundsätzlich kann man sich aber in alle Gedankengänge hineinversetzen, auch in böse. Man hat alle Regungen in sich, wenn man die konsequent weiterverfolgt, dann kann man sich alles denken.

Du sagst, es fällt dir leichter, dich in Frauen hineinzuversetzen als in Männer. Interessanterweise vertritt der Vater im Roman viele der Thesen und Meinungen, die du in deiner Taz-Kolumne vertrittst.

Das liegt vielleicht daran, dass der Vater die Hauptfigur sein musste, falls es überhaupt eine Hauptfigur in dem Roman gibt. Er ist der erste Handelnde, indem er die Familie verlässt. Er ist auch die tragischere und zugleich komischere Figur, weil er viel mehr der Lächerlichkeit preisgegeben wird als die anderen Figuren.

Warum eignet sich der Vater am besten für die Rolle der Hauptfigur?

Ich beobachte in meinem Umfeld, dass feinfühlige Männer meines Alters mit dominanten Vätern aufgewachsen sind. Sie haben größere Schwierigkeiten als Frauen, sich in der heutigen Welt zurechtzufinden – gerade weil sie nicht so sein wollen wie ihre Väter, aber doch noch ungewollt in dieser Welt stecken. Es ist bezeichnend, dass Frauen immer noch mehr im Haushalt machen. Der Mann ist also am besten geeignet für diese Art von ambivalenter Figur.

Außerdem ist es als Mann einfacher, auf komische Art zu scheitern. Männern wird mehr zugestanden, sie können großspurig scheitern. Frauen müssen ihren Weg gehen – wenn sie scheitern, ist das tragisch.

Warum ist das deiner Meinung nach so?

Weil die Frau immer als die Mutter gesehen wird. Wenn sie als Mutter scheitert, ist das tragisch für die Kinder. Wenn der Vater scheitert, gibt es für die Kinder noch die Chance, dass die Mutter gut für sie sorgt. Natürlich gibt es auch Fälle, in denen die Frau schwach ist und die Männer einspringen müssen, aber das sind eher die Ausnahmen.

Dein Blick auf die Menschen ist erst einmal desillusionierend, aber nicht verurteilend. Gehst du so an deine Figuren heran – mit kaltem Blick und Menschenliebe?

So kann man das nennen. Ich muss auf jeden Fall genau sein und darf nichts beschönigen. Gerade wenn man präzise auf einen Menschen blickt, kann man verzeihend sein. Wie man auch mit sich selbst umgehen sollte, so gehe ich mit den Figuren um.

Wie blickst du auf Alexander?

Er ist kein schlechter Mensch. Er ist liebevoll und der Familie zugeneigter als Imke. Er kümmert sich um die Großmutter und hat ein warmes Verhältnis zur Schwester. Er sucht eben nach Orientierung. Sein Problem ist eher, dass er zu wenig Einstellung hat.

 

„In der Schnelligkeit liegt der Teufel, dadurch ist der Blick auf die Welt oberflächlicher“

 

Was andeutungsweise mit einer Grundverunsicherung einhergeht, weil er adoptiert ist. War das eine bewusste Entscheidung von dir?

Ja, schon. Als Komposition in der Familie. Es gibt keine Familie, in der alle Kinder gleich behandelt werden. Aber bei einem Adoptivkind kommt es insofern zu Problemen, als es sich einbilden kann, dass es zurückgesetzt wird. Im Roman wird auch immer wieder angedeutet, dass Alexander dunkler ist, dass er eventuell migrantische Wurzeln hat. Er kann auch als Abbild der Gesellschaft für migrantische Kinder gesehen werden, die nie als ganz angenommen gesehen werden. Das ist ein gesellschaftliches Problem, wie damit umgegangen wird, wenn jemand nicht zu 100 Prozent dazu passt. Bei der Polizei findet Alexander Zugehörigkeit.

Macht die Unübersichtlichkeit dir auch zu schaffen?

Es macht mich fertig. Vor allem die Schnelligkeit der Nachrichten überfordert mich, gerade weil ich genau hinsehen und die Zusammenhänge verstehen will. Man muss aushalten, dass in dem, was man ablehnt, auch richtige und gute Anteile enthalten sein können. Und zugleich muss man immer die eigene Einstellung hinterfragen, weil man in seiner eigenen politischen Position immer auch selbstgefällig ist. Das ist eine große Arbeit, die die Medien nicht leisten könnten. In der Schnelligkeit liegt der Teufel, dadurch ist der Blick auf die Welt oberflächlicher. Die Zersplitterung führt auch zur Handlungsunfähigkeit. Aber auch im Zweifel muss man sich für eine Handlung entscheiden, sonst kann man nicht politisch aktiv sein.

Was glaubst du, wie man in 100 Jahren mit dem Segen der Spätgeborenen auf unsere verunsicherte Gesellschaft blickt?

Ich lese gerade die großen Gesellschaftsromane von Balzac, darin kann man sehen, wie die Menschen im 19. Jahrhundert lebten und dachten. Und wenn man Jane Austen liest und sieht, wie die Menschen in ihren Romanen miteinander umgehen – das sind die gleichen Peinlichkeiten wie heute. Austen ist so originell, weil man zwischendurch vergisst, dass ihre Romane in einer anderen Zeit und Gesellschaftsschicht spielen. Ich glaube, was im Menschen gleich bleibt, sind seine Schwächen. Die sind universell, auch wenn es regionale und zeithistorische Färbungen gibt.

Katrin Seddig: „Sicherheitszone“, Rowohlt Berlin, 464 Seiten
Autorenlesung am 5.9. in der Bücherhalle Elbvororte, 19 Uhr


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, September 2020. Das Magazin ist seit dem 29. August 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Interview: Sabine Peters über ihren neuen Roman

Die Hamburger Schriftstellerin Sabine Peters webt in ihrem Roman „Ein wahrer Apfel leuchtete am Himmelszelt“ einen Mosaikteppich aus Szenen einer Kindheit mit religiösen und literarischen Prägungen. Ein Gespräch über den Reichtum der Fantasie, abgestumpfte Erwachsene und Generationenkonflikte

Interview: Ulrich Thiele

 

SZENE HAMBURG: Sabine Peters, in Ihrem vorletzten Roman „Narrengarten“ geht es um desillusionierte Erwachsene im heutigen Hamburg. Nun um eine fantasiereiche Kindheit in der Provinz in den 60er und 70er Jahren. Was bewog Sie zu dem Sprung in die Vergangenheit?

Ich habe in Gesprächen mit Freunden gemerkt, wie leidenschaftlich ich werde, wenn das Thema Kindheit aufkommt.

Inwiefern?

Es wirbelt so viele Farben, Klänge, Tonfälle und Gerüche in mir auf. In meinem allerersten Buch, „Der Stachel am Kopf “, geht es am Anfang auch um Kindheiten. Aber auf eine sehr bittere Art und Weise. Ich hatte damals, mit Ende 20, den Anspruch, der Gesellschaft „die schöne Maske vom Gesicht zu reißen“. Inzwischen hat sich etwas bei mir verändert. Kindheit kann so ein reicher Fundus sein – nicht unbedingt autobiografisch, sondern Kindheit an sich. Weil wir in der Kindheit alles zum ersten Mal erleben. Entsprechend hat das Thema eine starke Leuchtkraft. Mich interessiert auch das Halb-Verstehen, das Nicht-Verstehen und dass man sich als Kind manchmal einen ganz falschen Reim auf bestimmte Sätze macht – darin steckt eine Fülle an Verwirrung, Verspieltheit und auch an Bedrohung.

Sie sagten, „nicht unbedingt autobiografisch“. Ihre Bücher werden oft autobiografisch gelesen. Stört Sie das?

Ja, das ärgert mich manchmal. Ich habe irgendwann diese Figur der Marie eingeführt, um die es immer wieder in meinen Büchern geht und die immer eins zu eins als Alter Ego gelesen wird. Bei dem Begriff „autobiografisch“ schwingt dieser Wahrheitsanspruch mit. Aber die Wahrheit des Erzählens ist doch etwas anderes. Fiktionen, Fantasien und Lügen sind manchmal produktiver in dem Versuch, sich der Wahrheit anzunähern, als dieses beißende „Wie war das genau?“.

Cover von Sabine Peters “Ein wahrer Apfel leuchtet am Himmelszelt”, Wallstein Verlag

„Besser du strickst, als Lügengeschichten zu schreiben. Du bist auf jeden Fall ein lausiger Historiker. Willst du mir weismachen, dass man Erinnerungen trauen kann?“, heißt es einmal. Welche Rolle spielt die Fiktion, wenn Sie über vergangene Zeiten schreiben?

Natürlich gibt es Daten und Fakten. Eine Kindheit in den 60ern auf dem Dorf ist objektiv nicht mit heute vergleichbar. Aber Erinnerung ist nichts Festes, sondern wandelbar. Und bei Fiktionen geht es um eine Art von Verwandlungsarbeit. Der Vater sagt in dem Buch irgendwann: „Diese alberne Wirklichkeit interessiert mich nicht.“ Er kann die Wirklichkeit nicht mit Daten erfassen, nicht mit dieser linearen Geschichtsschreibung, der Aneinanderreihung von Fakten und Ereignissen. Diese Kontinuität scheint mir ein Konstrukt, dem ich in der Literatur mit Zweifeln gegenüberstehe. Weil daran auch Kategorien wie Logik oder Entwicklung gebunden sind, auf die wir von früh an konditioniert werden.

Was stört Sie daran?

Der Reichtum und auch der Witz des Verwandelns werden dadurch versteinert. Wir verholzen im Laufe des Lebens, weil wir nicht mehr spielen und kein Gespür für Metamorphosen haben. Hubert Fichte hat sich einen Spruch von Empedokles auf seinen Grabstein gravieren lassen: „Denn ich war schon einmal ein Junge und ein Mädchen und ein Busch und ein Vogel und ein aus dem Meer springender wandernder Fisch.“ Genau deswegen fand ich es interessant, im letzten Teil des Buches, beim Blick in die Zukunft, alle Stricke reißen zu lassen und ins Surreale zu gehen. Mir war es wichtig, keine Kontinuität zu erfinden bezüglich Marie. Nach dem Motto: Wenn sie als Kind mit religiösen Bildern und Kultur überschüttet wird, dann entwickelt sich daraus logisch im Erwachsenenalter eine Schriftstellerin.

Die Kindheit wird im Rückblick oft verkitscht und idealisiert. Haben Sie Techniken der Distanznahme?

Ich bitte meine Erstleser und den Lektor immer, sie sollen Kitsch anstreichen. Aber ich glaube, ich bin eher spröde. Sie haben Recht, bei diesem Thema gibt es immer wieder Schönmalerei: Die Kindheit als das Unschuldige, das Reine, das Unbelastete und Freie. Mir ging es beim Schreiben darum, eine Situation zu finden oder erfinden, die das Schöne, die Freude, aber eben auch den Schrecken vorstellbar macht.

 

„Für die Generation meiner Eltern und Großeltern war das sittenlos und indiskret.“

 

Haben Sie ein Beispiel für den Schrecken?

Zum Beispiel die Geschichte beim Zahnarzt. Wo Marie – autoritätshörig wie sie gestrickt ist – brav den Mund aufmacht, aber bei dem Schwenkarm über ihr an die Szene aus „Der Bauer und der Windmüller“ von Wilhelm Busch denkt, als der Esel an der Mühle erhängt wird. Kinder sind in extremem Maße abhängig von Erwachsenen. Ich glaube, mit dieser Abhängigkeit hängt Maries Bereitschaft zusammen, zu glauben, dass die Erwachsenen sie aufhängen können, wenn sie wollen. Erziehung verläuft niemals gewaltlos. Man kann die Gewalt eindämmen, aber es gibt auch heute noch einen Vater- oder Mutterblick, bei dem Kinder erstarren. Und Kinder haben feine Antennen dafür, wenn der Tonfall anders wird.

Niemand schreibt über die Vergangenheit, ohne damit etwas über die Gegenwart zu sagen. Warum schreiben Sie 2020 über eine Kindheit in den 60ern und 70ern?

Einmal, weil sie eben ein faszinierendes Potenzial an Lebendigkeit hat. Ich schreibe aber nicht, um einen früheren Zustand wiederherzustellen oder abzubilden, sondern um ihm zu formen. Ich kann mit dem Material spielen, etwas durchstreichen, hinzufügen, es verwandeln. Das ist die fantastische Ebene.

Und die sachliche?

Junge Leute sagen mir oft, wie verwundert sie über die ältere Generation und bestimmte Verhaltensweisen sind. Das sind selten individuelle Verhaltensweisen, sondern welche, die von vielen Leuten mit der Muttermilch aufgesogen wurden. Wenn es gut geht, kann eine solche Beschäftigung mit der Kindheit auch bei jüngeren Menschen dazu führen, dass ihnen das Verhalten der Alten nicht absurd und idiotisch vorkommt, sondern dass es einen zeithistorischen Rahmen bekommt. In dem Buch beschäftige ich mich auch mit der Großmutter. Die ist Jahrgang 1886. Man muss sich mal vorstellen, was die alles mitgekriegt hat: Zwei Weltkriege, Wilhelminismus, Weimarer Republik, Faschismus, Wiederaufbau. Was machen diese Erfahrungen mit Menschen? Mir kamen die Alten als Jugendliche extrem verschlossen vor. In meiner Jugend wurde es schon mehr und mehr eine Tugend, dass man versuchte, möglichst offen zu sein. Für die Generation meiner Eltern und Großeltern war das sittenlos und indiskret. Wir fanden sie dafür verlogen. Dabei gab es in unserer Offenheit auch Hintertüren. Und man konnte ein Gegenüber in aller Offenheit plattwalzen.

 

„Schreiben heißt, ein Rätsel zu verstehen, ohne es zu lösen“

 

Sie sagten einmal, zu schreiben bedeute vor allem, zu warten. Worauf warten Sie?

Das Warten besteht in dem Versuch – das klingt hoffentlich nicht zu geheimnisvoll – in einen anderen Zustand zu kommen. Ich muss so viel Alltagszeug aus meine Ohren und Alltagssprache aus meinem Mund spülen. Und ich muss Zweifel und Skepsis betrachten und umrunden. Das Warten ist ein Horchen auf die Töne oder einen bestimmten Sprachduktus, den man plötzlich findet und mit dem man die Skepsis überwindet.

Wie ist Ihr Blick auf Religion?

Ambivalent. Ich glaube, Kinder, die damals entsprechend sozialisiert wurden, haben eine Fülle von Geschichten und schöner, reizvoller Sprache bekommen. Und durch diesen Gedanken, Gott oder den Göttern gefallen zu wollen, sind die schönsten Kirchen und Kunstwerke geschaffen worden. Zugleich sind da aber auch all die Gewalt, Regeln, Normen, Drohungen, denn Religion ist unvermeidlich grausam. Man kann versuchen, sie zu entgiften, aber dann verlöre sie auch für Kinder von ihrer Faszination. Man kann sagen: Religion besteht aus Geschichten. Und die Kinder in diesem Buch möchten diese Geschichten nachspielen. Und sie wollen nicht nur etwas vom Guten hören, sondern auch vom Bösen. Mit Geschichten finden sie ihren Umgang damit.

Wenn Sie die Rolle der Religion mit unserer Gegenwart in Deutschland vergleichen, was sehen Sie da?

Was ich heute beobachte, ist, dass viele Leute sich ihre eigene Religion mixen: hier eine Prise Buddhismus, da eine Prise Schamanismus. Vielleicht ist das nicht verkehrt; ich weiß nicht. Andere, die mit dem Jenseitsgedanken gar nichts anfangen können, suchen ihren Sinn in der reinen Gegenwart, im Fitnessstudio oder im Reisen. In meiner Kindheit hätte man zu dieser Einstellung gesagt: Du bist nicht hier, damit du dich von Gott bedienen lässt. Du bist dazu da, diesem Gott zu dienen und dich zu unterwerfen. Natürlich hat dieses repressive Denken Millionen Menschen ins Unglück getrieben.

2016 erhielt Sabine Peters den Italo-Svevo-Preis für “literarische Spielarten des ästhetischen Eigensinns” (Foto: Jutta Schwöbel

Andererseits wurden die Ideale der Selbstverwirklichung auch längst pervertiert.

Ja, wenn die Welt, das Lebendige in dieser Welt, nur dazu da ist, um mir zu gefallen – das ist Neoliberalismus pur. Das Religiöse ist immer beseelt von dem Gedanken, dass es noch etwas außerhalb von mir geben mag. Das ist meiner Ansicht nach ein Gedanke, den man sich schon mal durch die Ohren ziehen lassen kann. Um dieses Lebendige außerhalb von mir auch zu achten und dessen Kostbarkeit zu würdigen. Ich mag den Satz: „Der Gärtner hegt den Garten. Und während er dies tut, hegt der Garten den Gärtner.“ Das finde ich so demokratisch, da ist kein Herrschaftsverhältnis, sondern eine gegenseitige Verflechtung mitgedacht.

Bei Ihnen geht es auch um Machtlosigkeit gegenüber der Vergänglichkeit. In Ihrem Roman wird das deutlich, als die Großmutter stirbt. Sie haben dazu mal gesagt, dass das Schreiben für Sie kein Verarbeiten, sondern ein Bearbeiten ist. Warum überhaupt schreiben, warum bearbeiten?

Weil man mit etwas nicht fertig wird und das auch überhaupt nicht will. Das wäre doch unerhört. Mit einer wichtigen Person möchte man nie fertig werden. Beim Schreiben geht es nicht darum, ein Rätsel zu lösen. Es geht darum, ein Rätsel zu verstehen, ohne es zu lösen – das ist die große Faszination und Freude am Schreiben. Schreiben ist eine Reaktion auf die Welt, es kommt aus einem Staunen über die Welt heraus. Man möchte die Welt nicht abbilden, sondern antworten, einen Ausdruck dafür finden, wie schön, schrecklich oder empörend etwas ist. Man möchte es nicht stehenlassen, sondern in Beziehung dazu treten.

In Peter Handkes „Lied vom Kindsein“ heißt es zum Schluss: „Als das Kind Kind war / warf es einen Stock als Lanze gegen den Baum / und sie zittert da heute noch.“ Bei Ihnen heißt es über die erwachsene Marie: „Alle Kinderfreuden, alle Kinderschmerzen hatten ausgeschlagen und sie waren nun verwachsen, ausgewachsen oder zugewachsen.“ Gibt es also kein Zittern mehr?

Doch, das gibt es. Auch wenn die Schmerzen und Freuden zugewachsen sind, ist da noch eine Narbe oder ein Mal, unter dem die Kindheit steckt. Ich glaube schon, dass wir das Kind in uns verlieren und wir versteinern. Aber zugleich verflüssigen wir uns. Wenn es an das Eingemachte geht, in intensiven Gesprächen, in Streitigkeiten oder auch beim Schreiben, merkt man plötzlich wieder einen Vulkan in sich, der noch tätig ist. Und wenn jemand sehr beglückt ist, kann man im Gesicht des Erwachsenen sehen, wie er als Kind in entsprechenden Augenblicken aussah. Ich finde es auch nicht verkehrt, wenn man verschiedene Lebenszeiten gleichzeitig in sich trägt und sie etwas Fließendes sind.

 


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, August 2020. Das Magazin ist seit dem 30. Juli 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Marc Degens’ Autofiktion: Oh, Kanada

Vier Jahre lang hat der Schriftsteller, Verleger und Neu-Hamburger Marc Degens in Kanada gelebt. Seine Aufzeichnungen sind in „Toronto“, erschienen im mairisch Verlag, zu lesen

Interview: Ulrich Thiele

 

Viel passiert nicht, zumindest auf der Plot­-Ebene. Degens berichtet in knappen Sätzen von Restaurant­ und Konzertbesuchen, Lesungen und entspannten Nachmittagen in Buchläden und Comicshops sowie von Reisen quer durchs Land. Zwischen den Zeilen passiert hingegen viel, denn diese charmante Zelebrierung des Lebens in einer offenen Gesellschaft macht glücklich und sehnsüchtig zugleich.

 

SZENE HAMBURG: Marc Degens, unter diesen Umständen stachelt „Toronto“ das Fernweh noch mehr an als ohnehin schon.

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Foto: Martina Steber

Marc Degens: Ich glaube, dass es ein Buch ist, mit dem man gut auf Reisen gehen kann, selbst wenn man zu Hause bleibt. Meine Hoffnung ist, dass es weniger ein Reiseführer ist, der anleitet, was man alles ma­chen könnte. Sondern dass man mit dem Buch tatsächlich eine Reise erlebt.

Sie sind seit zwei Jahren wieder in Deutschland. Was vermissen Sie am meisten?

Wunderbare Autofahrten mit Blicken auf Seen und bisher unbekannte Landschaften. Gerade in der jetzigen Zeit, in der ich auf meine eigenen vier Wände zurückgezogen lebe, vermisse ich das ganz deutlich.

Sie waren vier Jahre in Kanada, das Erlebte lesen wir in Ihrem Buch in verdichteter Form. Manche Ihrer Einträge schildern mehrere Tage am Stück, dann gibt es immer wieder mal einen Sprung von mehreren Wochen oder Monaten. Wie haben Sie Ihre Tagebucheinträge für das Buch selektiert?

In Hinsicht auf eine Pointierung. Die Frage war, was der rote Faden ist und welche Geschichte ich erzählen wollte.

Und zwar?

Die Facetten, die dieses Land aus­ machen, und wie man sie erlebt, wenn sie für einen Neuland sind. Also wie gesagt: Auf der einen Seite die Natur­erfahrung, die Weite und Schönheit dieses Landes.

Aber auf der anderen Seite auch die kanadische Mentalität in der Großstadt Toronto, die mich sehr berührt hat und die ich sehr einzigartig fand. Diese Herzlichkeit, Offenheit und Toleranz, die ich besonders in den Kulturveranstaltungen gespürt habe, und die Entspanntheit, die das Leben so angenehm macht.

In einer Szene schreiben Sie, wie Sie ein Bild auf Instagram als Erinnerung für Sie selbst veröffentlichen. „Dass andere das Foto auch sehen können ist allerdings ein schöner Nebeneffekt. Genauso verhält es sich mit dem Schreiben.“ Schreiben Sie also nur für Sie selbst?

Die Stelle bezieht sich auf mein Ta­gebuchschreiben. Dabei ist es tatsächlich so, dass es hauptsächlich einen Sinn für mich erfüllt. Indem ich auch ganz banale Dinge archiviere. Da ist auch der Bogen zu den sozialen Medien.

In­stagram wird gern als ein Medium der Selbstdarstellung gesehen, um Likes zu sammeln. Ich glaube aber, dass ein we­sentlicher Punkt des Postens wie beim Tagebuchschreiben das Archivieren für sich selbst ist. Und auf der Timeline kann man dieses Archiv dann immer wieder durchforsten.

Ich möchte aber nicht mein gesamtes Tagebuch veröffentlicht sehen. Das ist viel zu umfangreich und voller Banalitäten, die ich niemandem zumuten will. Deswegen die Selektion und Reduktion. Das ist dann der schriftstellerische Prozess: herauszufinden, was weggelassen werden kann.

Also das Kürzen als fast schon wichtigster schriftstellerischer Prozess?

Zumindest einer, der immer wich­tiger wird. Oft, wenn ich gefragt werde, woran ich schreibe, kann ich antworten: Ich schreibe gar nicht mehr, ich bin nur noch am Streichen.

 

„„Toronto“ ist ein Buch über das Glück.“

 

Hat das Schreiben umgedreht auch Ihren Blick auf Kanada geprägt?

Ich würde erst einmal bestreiten, dass die schriftstellerische Wahrnehmung zu einem anderen Erleben führt. Persönliche Vorlieben spielen eher eine Rolle als der Beruf. Bei mir ist es das Visuelle: Meine Liebe zu Comics zum Beispiel.

Das passt zu Ihrer Trennung von Kunst und Leben. Das Leben sei wichtiger als die Kunst, schreiben Sie.

Damit richte ich mich gegen dieses Bild, das man in Deutschland oft pflegt: vom gequälten Künstler, der sein eigenes Leben vernachlässigt, um große Kunst zu schaffen. Über Glück zu schreiben ist schwer und es wird eher selten gemacht.

Es gibt einen Satz von Marcel Reich­-Ranicki, der sinngemäß anmerkte, dass immer nur Romane über unglückliche Lieben geschrieben werden, aber nie über glückliche Ehen. Ich wollte etwas thematisieren, was ich in Kanada erfahren habe, nämlich ein großes Gefühl des Glücks und auch der Dankbarkeit. „Toronto“ ist ein Buch über das Glück.

Sie haben in Ihrem Verlag SUKULTUR eine Reihe für Autofiktionen gestartet. Ist „Toronto“ auch Autofiktion?cover-toronto-marc-degens

Das Tagebuch ist ja ein klassisch autobiografisches Format, das es schon gab, bevor es die Autofiktion gab. Autofiktion hat immer auch den Aspekt, dass sich zu dem autobiografischen Geschehen eine literarische Fiktion hinzu­gesellt. In „Toronto“ gibt es nur wenige Stellen, die in Richtung Fiktion gehen, etwa wenn Erinnerungen aufkommen und diese sich zu einer Geschichte ent­wickeln.

Der Begriff ist also literaturwissenschaftlich unscharf, aber wir wissen, was damit gemeint ist: Eine Form des autobiografisch verbürgten Schreibens, die im Gegensatz zum rein Fiktiven steht. Insofern ist „Toronto“ auch Autofiktion.

Warum ist autobiografisch gefärbtes Erzählen derzeit so populär?

Weil traditionelle Literaturgattungen wie der Roman ein bisschen in die Krise geraten sind. Heute wird sich weniger darüber ausgetauscht, welche Romane man gelesen hat, sondern welche Fernsehserien man gesehen hat.

Der Roman ist nicht tot, aber er hat mehr Konkurrenz, weil das epische Erzählen durch die veränderte Medienlandschaft andere Ausformungen bekommen hat. Dadurch sind andere literarische Formen im Aufwind, zum Beispiel kleine Beobachtungen in kurzen, pointierten Formen.

 

„In Hamburg ist das Fernweh am geringsten“

 

In Interviews mit berühmten Schriftstellern entsteht oft der Eindruck, dass sie über das Autobiografische als Stilmittel nicht reden wollen, weil sie die Frage danach als kränkende Nicht-Anerkennung ihrer Fantasiefähigkeit sehen. Teilen Sie den Eindruck?

Ich habe vor einigen Mo­naten das Buch „Das Tagebuch und der moderne Autor“ aus den 1960er Jahren gelesen. Darin melden sich Schriftstellergrößen wie Arno Schmidt, Heinrich Böll und Elias Can­etti zu Wort und man merkt noch deutlich ihre Reserviertheit gegenüber diesem Medium. Arno Schmidt etwa hat das Tagebuch-­Schreiben als literarische Kunstform komplett abgelehnt.

In den Ablehnungen schwingt oft auch noch diese alte Genieästhetik mit. Also die Annahme, dass das Genie von der Muse befeuert wird und dabei Kunst herauskommt, die schon immer da war und nur freigelegt werden müsse. Das ist ein recht überholter Gedanke.

Viele Texte beschreiben heute, unter welchen Schwierigkeiten und von welchen gesellschaftlichen Faktoren beeinflusst Kunst hergestellt wird. Kunst als etwas vom Menschen und nicht vom Genie Gemachtes zu sehen, ist in meinen Augen aber die zeitgemäßere und richtige Lesart.

„Die kanadische Freundlichkeit und das permanente Entschuldigen haben mich für das Leben in Berlin unbrauchbar gemacht“, schreiben Sie an einer Stelle. Sie leben seit letztem Jahr nicht mehr in Berlin, sondern in Hamburg. Was hat Sie hergezogen?

Tatsächlich war Hamburg seit Jahrzehnten ein Sehnsuchtsort für mich, obwohl ich nur selten hier war. Aber die Erfahrungen, die ich hier gemacht habe, waren immer außergewöhnlich.

Hamburg hat eine reiche und diverse Kunst­ und Kulturszene, und es herrscht eine Freundlichkeit in der Stadt, die mich sogar an Toronto erinnert. Ich dachte, wenn schon zurück nach Deutschland, dann ist Hamburg die ideale Stadt. Das Fernweh ist hier am geringsten. Ich befürchte aber, dass ich merken werde, wie sehr mir die weiten kanadischen Landschaften fehlen, wenn ich Ausflüge ins Umland mache.

Was ist das Schönste an der Rastlosigkeit?

(überlegt) Dass sie nicht zu Ende geht.

Marc Degens: „Toronto“, mairisch, 144 Seiten, 12 Euro


Cover Szene Juni 2020 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Juni 2020. Das Magazin ist seit dem 30. Mai 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Die Welt von Gestern: Severus Verlag feiert Jubiläum

Messen wurden abgesagt, Neuveröffentlichungen verschoben. Grund genug, die weite Welt des Vergangenen zu entdecken – zum Beispiel im Sortiment des Severus Verlags, der sein 10. Jubiläum feiert

Interview: Ulrich Thiele

 

Am 8. Mai 2010 wurde der Severus Verlag als Imprint der Bedey Media GmbH gegründet. Dennoch feiert er seinen 830. Geburtstag, wie er ironisch verkündet, denn in seinem Sortiment stehen auch mittelalterliche Werke wie die altbretonischen Liebes-Sagen „Die Lais der Marie de France“. Severus hat es sich zur Aufgabe gemacht, bekannte und vergessene Originaldokumente aus dem Fundus des letzten Jahrtausends in edlen Ausgaben neu zu verlegen. Eine bewusste Entscheidung „gegen den Trend der Zeit, Inhalte und Themen möglichst schnell und oberflächlich abzuhandeln“, wie es in der Selbstbeschreibung des Verlags heißt. Ein Gespräch mit Programmleiterin Anna Klöhn.

 

SZENE HAMBURG: Frau Klöhn, was bietet uns die literarische Welt von gestern?

Anna Klöhn: Einblicke in die Gedankenwelt unserer Vorfahren. In alten Büchern können wir hautnah erfahren, wie sie lebten und die Welt beurteilten. Gerade aus heutiger Perspektive ist das ungeheuer spannend.

Inwiefern?

Wir können zum Beispiel in Rudolf Diesels Tagebuch ganz dicht an seinen Gedanken während der Erfindung des Dieselmotors sein. Auch das Thema Entschleunigung ist momentan ja in aller Munde – diesbezüglich können wir viel von dem norwegischen Polarforscher Fridtjof Nansen lesen und lernen. Er hat als erster Mensch Grönland durchquert und seine ganzen Forschungen in drei Bänden herausgebracht. Darin können wir Seite für Seite lesen, wie Menschen früher wochenlang und unter schwierigsten Bedingungen gereist sind.

Heute ist die Welt längst vermessen worden, wir können in wenigen Stunden auf einem anderen Kontinent sein oder die Welt im Internet mit einem Klick durchreisen – was alles natürlich seinen Reiz hat, aber da fehlt das Ursprüngliche.

Welche alten Bücher sind besonders beliebt?

Kochbücher aus dem 19. Und 20. Jahrhundert haben seit zwei Jahren einen großen Anreiz bei unseren Lesern. Momentan kommt der Trend „Kochen und Backen wie zu Omas Zeiten“ wieder auf. 2016 haben wir angefangen, das Hamburger Kochbuch von Hulda Behnke aus dem Jahr 1923 neu aufzulegen – mit Hamburger Gerichten wie „Teufelstunke“ und „Rührei auf andere Art“.

 

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„Bücher sind Schätze“, sagt Anna Klöhn (Foto: Henry Be via Unsplash)

 

Ihre Neuauflagen sind sehr aufwendig. Wie gehen Sie vor – zum Beispiel bei Marx’ „Das Kapital“?

Das Besondere an unserer „Kapital“-Ausgabe ist, dass wir uns das Hamburger Original ausgesucht haben, also den allerersten Band. Wir besorgen uns die Bücher in der Regel selbst aus Antiquariaten und scannen sie ein. Wir haben ein Programm, mit dem die Frakturschrift dann übertragen wird. Anschließend überprüfen wir, was man an die heutige Rechtschreibung anpassen und was man so stehen lassen kann.

Im Hamburger Kochbuch gibt es zum Beispiel Mengenangaben, die es heute nicht mehr gibt. Das müssen wir in Fußnoten erläutern. Wenn das Lektorat durchgelaufen ist, gucken wir, wie wir die Bücher noch optisch aufwerten können – zum Beispiel durch eigens angefertigte Illustrationen wie in „Vegetarische Zeitreise“. Das ist unser Markensymbol: Wir geben uns große Mühe mit der Ausstattung der Bücher und füttern sie zusätzlich mit Bildmaterial. Und dann setzen wir sie ganz klassisch und entwerfen gleichzeitig ein passendes Cover.

Wie lange dauert das?

„Das Kapital“ ist natürlich sehr umfangreich, die Produktion hat entsprechend länger als normal gedauert. Bei einem Buch mit einem Umfang von 150 bis 300 Seiten dauert es zwischen drei und fünf Monaten, bis es auf den Markt kann. Was auch daran liegt, dass wir mehrere Projekte gleichzeitig betreuen.

Viele Ihrer Bücher haben Nischencharakter. Finden Sie trotzdem genug Leser?

Ja, auch Nischenthemen haben ihre Liebhaber. Außerdem achten wir immer auf anstehende Jubiläen, zu denen wir etwas beisteuern können. Gerade ein Schriftsteller wie Theodor Storm hat eine breite Leserschaft, die an Schmuckausgaben von Büchern interessiert ist, die es schon auf dem Markt gibt.

Wie entscheiden Sie, welche Jubiläen Sie aufgreifen und welche Sie auslassen?

Wir achten auf die Beliebtheit des Jubilars und oft auch auf den regionalen Hamburg-Bezug. Der Hamburger
Schriftsteller Wolfgang Borchert hatte auch gerade ein Jubiläum, zu dem Anlass haben wir seine bekanntesten Werke in liebevoller Gestaltung und aufeinander abgestimmten Ausgaben neu aufgelegt.

 

Ein anderes Leseerlebnis

 

Warum fokussieren Sie sich so stark auf die Haptik?

Unser Prinzip lautet: Bücher sind Schätze. Ich finde es sowieso spannend, antiquarische Bücher in der Hand zu halten, weil man ihnen ansieht, dass das Büchersetzen früher ein richtiges Handwerk war. Die Seiten wurden aufwendig mit Pergamentseiten dazwischen gestaltet. Oder es gab besondere Ledereinbände, was sich heute kein Verlag mehr leisten kann, weil die Kosten zu hoch sind. Wir streben an, diesen haptischen Reiz weiterhin zu erhalten – nur eben auf die heutige Zeit angepasst.

Legen Sie auch mal Bücher auf, von denen Sie wissen, dass sie sich nicht groß rentieren werden?

Ja, mein persönliches Faible zum Beispiel: Kunstbände. Ich komme aus der Romanistik und habe im Nebenfach Kunstgeschichte studiert. Wir haben Bände über Auguste Rodin, Edgar Degas oder Worpswede neu aufgelegt, obwohl zum Jubiläum schon welche veröffentlicht wurden und wir nicht wussten, ob es sich finanziell lohnt, sie noch mal neu aufzulegen.

Aber gerade Bildbände bieten ganz viel Gestaltungsfreiraum, der einfach verlockend ist. Manchmal probieren wir auch Nischenthemen aus, ohne einschätzen zu können, wie gut sie ankommen. Vor ein paar Jahren haben wir Märchen aus aller Welt veröffentlicht, mit japanischen und altindischen Märchen. Viele kennen ja nur die gängigen Märchen der Brüder Grimm oder von Andersen und wir wollten den Blick erweitern.

Liest man schöne Bücher anders?

Ja, ich denke schon. Manche Titel, die besonderes Interesse erregen, bringen wir auch als E-Book heraus. Ich merke dabei immer, dass es ein enormer Unterschied ist, ob man Bücher digital oder analog liest. Selbst zwischen Paperback und Hardcover gibt es einen großen Unterschied. Das ist ein anderes Leseerlebnis.

Warum heißt Ihr Verlag eigentlich „Severus“, also übersetzt „ernst“ oder „streng“?

So fing es damals an. Ganz ursprünglich hatten wir eine Reichskanzlerserie, die wir inzwischen ein bisschen zurückgestellt haben. Der Schwerpunkt war früher historisch-politisch und der Verlagsname spielt auf den damaligen Tonus an. Die Auffächerung mit mehr Literatur, Kunstbänden und Biografien von Künstlern und Musikern im Programm, folgte erst später.

Zum 75. Todestag der Malerin, Grafikerin und Bildhauerin Käthe Kollwitz beleuchtet der Severus Verlag auf seiner Facebook-Seite die Werke der Künstlerin in einer digitalen Werkstatt


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Mai 2020. Das Magazin ist seit dem 30. April 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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