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Kristine Bilkau: „Das Schreiben ist wie eine Art Höhlenwanderung“

Mit ihrem aktuellen Buch „Nebenan“ stand die Hamburger Autorin auf der diesjährigen Shortlist für den Deutschen Buchpreis, den letztlich Kim de l’Horizon mit „Blutbuch“ gewann. Im Interview spricht Bilkau über die kreative Kraft der Leere, die Vorteile der sozialen Medien und die Sehnsucht nach Stabilität

Interview: Daniel Schieferdecker

 

SZENE HAMBURG: SZENE HAMBURG: Kristine Bilkau, Sie sind in Hamburg geboren und aufgewachsen. In einem Interview haben Sie mal gesagt, dass Orte das soziale Miteinander prägen. Welchen Einfluss hat die Stadt Hamburg auf Sie und insbesondere auf Ihren literarischen Output?

Kristine Bilkau: Hamburg ist für Literaturschaffende ein guter Ort, finde ich, weil es hier eine lebendige Szene gibt, mit vielen schönen, interessanten Veranstaltungsformaten und -orten. Das liegt vor allem an den Menschen, die das möglich machen mit ihren Ideen und ihrem Engagement, und daran, dass es die nötige finanzielle Förderung von der Stadt gibt. Nur die seit Jahren steigenden Mieten, die sind für Kunstschaffende in Hamburg ein Problem. Mit den steigenden Energiepreisen verschärft sich für viele die Situation noch.

Wie kommen Sie auf die Ideen für Ihre Bücher? Ist der Ausgangspunkt in erster Linie etwas in Ihnen selbst oder kommt die Eingebung eher von außerhalb?

Ich würde sagen: beides. Es sind Beobachtungen, die ich verarbeite, aus denen dann Figuren entstehen. Ein Text beginnt für mich immer mit den Figuren, irgendwann sind sie da, und ich muss sie erst einmal kennenlernen. Das bedeutet, dass ich am Anfang schreibe, um die Figur entstehen zu lassen. Von diesen Texten landet dann wenig im Roman, es bleibt eine verborgene Arbeit.

Wie war das konkret für Ihren Roman „Nebenan“?

Auch hier begann es mit den Figuren, Astrid und Julia, sowie der Region, die Gegend um den Nord-Ostsee-Kanal. Ich hatte für beide Figuren klare Ausgangsbilder: Astrid, die Ärztin, die zu einem Notfall gerufen wird und die Situation nicht klar einschätzen kann, muss entscheiden, ob sie die Polizei einschaltet. Julia, die im Garten steht, in ihr eigenes Haus blickt und dort kleine Kinder sieht, eine Familie, nach der sie sich sehnt.

 

„Ich finde es schön, mitzubekommen, woran die anderen gerade arbeiten“

Eine der beiden Protagonistinnen in „Nebenan“ verbringt viel Zeit auf Instagram und träumt sich auf diese Weise in die vermeintlich perfekten Leben, die ihr dort präsentiert werden. Welche Rolle spielen die sozialen Medien in Ihrem Leben?

Ich nutze soziale Medien vor allem, weil ich es wichtig finde, mit anderen Literatur- und Kunstschaffenden verbunden zu sein. Auch, um mich zu informieren, wenn es um Kunst und Ausstellungen, Literatur und Lesungen geht. Und soziale Medien können ein gutes Recherchemittel sein. Zum Beispiel auch, um vergessene Autorinnen und Künstlerinnen wiederzuentdecken.

„Was nehmen wir wahr? Wie ordnen wir das ein? Was blenden wir aus? Was verdrängen wir? Für mich gehört das zur Frage des sozialen Miteinanders dazu.“
Kristine Bilkau

In der (Pop-)Musik kommt man um den Einsatz sozialer Medien kaum herum. Wie ist das Ihrer Einschätzung nach im Literaturbetrieb?

Das lässt sich schwer sagen. Es gibt Autorinnen und Autoren, die soziale Medien für sich nicht nutzen und trotzdem ihre Leserschaft finden. Aber ich selbst finde es schön, mitzubekommen, woran die anderen gerade arbeiten, wo sie lesen, wenn das nächste Buch erscheint. Und es gibt auf Twitter und Instagram auch sehr engagierte Leute aus dem Buchhandel, auf deren Literaturtipps und -entdeckungen ich ungern verzichten würde.

 

Leere

Im Deutschlandfunk wurde sehr treffend bemerkt, dass es in „Nebenan“ sehr viel um Leere geht – seien es leer stehende Häuser oder die Leere in den Protagonistinnen. Finden Sie diese Feststellung treffend?

Ja, das kann man so sehen. Wobei es ja nur auf den ersten Blick eine Leere ist. Die ungenutzten Ladenräume sind Orte des Stillstands, die aber für Astrid mit Erinnerungen behaftet sind. Sie sieht dort noch das, was die Kleinstadt einmal war. Und das leere Haus der Nachbarn ist für Julia ein Rätsel. Sie ist gezwungen sich damit auseinanderzusetzen, mit den Menschen, die dort gewohnt haben. Beide, Julia und Astrid, schärfen ihren Blick auf ihr Umfeld, ihr Nebenan, und erfahren dabei etwas über sich selbst. Auch Gewalt spielt für beide Frauen eine Rolle, angefangen bei den auf den ersten Blick kaum sichtbaren, alltäglichen Nuancen, mit denen sie zu tun haben. Was nehmen wir wahr? Wie ordnen wir das ein? Was blenden wir aus? Was verdrängen wir? Für mich gehört das zur Frage des sozialen Miteinanders dazu.

War dieses Spiel mit der Leere von Anfang an intendiert?

Ja, ich habe von Anfang an über Leerstellen nachgedacht, wie sie sich auf die Figuren auswirken und was sie, unter dem Brennglas einer Kleinstadt, über die Gesellschaft aussagen können.

 

Die Fragilität des Miteinanders

Kristine Bilkau Nebenan-klein

„Nebenan“ von Kristine Bilkau stand auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis 2022

Leere bedeutet ja, dass nichts da ist. Was ist am Nicht-vorhanden-sein so spannend, dass Sie es zum zentralen Bestandteil eines Buches gemacht haben?

Diese Leerstellen zeigen ganz fein die Brüche in unserem Miteinander. Die leeren Geschäfte im Stadtzentrum sind soziale Orte, sind ehemalige Begegnungsorte, und sie zeigen, wie empfindlich unser Miteinander ist, wie schnell es auf politische und ökonomische Veränderungen reagiert, wie wichtig es ist, da genau hinzusehen. Das leere Haus erzählt auch, wie zerbrechlich Geborgenheit sein kann. Der französische Philosoph Gaston Bachelard hat in seinem Buch „Poetik des Raumes“ sinngemäß gesagt: Ein Nest ist ein fragiler Ort, der Stabilität vortäuschen soll. Das hat mich beschäftigt, davon wollte ich erzählen. Die Figuren kreisen gedanklich um das leere Haus. Dabei setzen sie sich mit der Fragilität des Miteinanders auseinander – ob in einer Stadt, einem Dorf, einer Nachbarschaft oder unter dem eigenen Dach.

Kommt es manchmal vor, dass Sie sich beim Schreiben selbst neu entdecken, weil Sie sich vielleicht mit Themen auseinandersetzen, mit denen Sie sich vorher noch nie beschäftigt haben?

Das gehört für mich zum Schreibprozess dazu. Es sind Erkundungen, die in immer tiefere Schichten führen. Ich betrachte es manchmal wie eine Art Höhlenwanderung. Ich wage mich langsam vor, leuchte hierhin und dorthin, und entdecke dann erst, in was für einem Labyrinth ich mich befinde.

 

Das nächste Buch? Kommt im Frühling 2023

Ebenfalls zentral in „Nebenan“ ist das Gefühl von Unsicherheit. Haben Sie den Eindruck, dass dieses Gefühl in Anbetracht der derzeitigen Weltlage gesellschaftlich größer und präsenter geworden ist?

Ja. Ich glaube, dass die massiven sozialen und politischen Krisen weltweit dazu führen, dass da eine größere Sehnsucht nach Stabilität aufkommt. Und eine große Furcht vor Einsamkeit. In meinem Roman sind es Julias Sehnsüchte nach stabilen Beziehungen, nach einer Familie, von denen sie ganz eingenommen ist. Da wird der Rückzug ins Private sehr idealisiert; die überschaubare Welt, die man selbst gestalten kann. Anders bei Astrid und ihrem Mann Andreas, deren Blick wandert eher nach draußen, auf das kleine Miteinander in der Stadt, um das sie sich Gedanken machen.

Arbeiten Sie bereits an einem neuen Buch? Können Sie schon etwas darüber verraten?

Ich stecke gerade in den letzten Zügen an einem Buch über das Schwimmen, das nächsten Frühling erscheint. Es ist ein persönliches Buch über meine Liebe zum Wasser.

Kristine Bilkau: Nebenan, erschienen im Luchterhand Literaturverlag, 288 Seiten, 22 Euro


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Evolutionäre Entrückung: „Crimes of the Future“

Acht Jahre ließ Kult-Regisseur David Cronenberg die Filmwelt warten, nun meldet er sich mit „Crimes of the Future“ zurück und wagt darin einen verstörenden Blick in die Zukunft

Text: Christopher Diekhaus

 

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„Crimes of the Future“ von David Cronenberg, ab dem 10. November im Kino (©SPF Crimes Productions Inc)

Eine ganze Weile war er weg – nun ist er wieder da! David Cronenberg meldet sich nach seiner 2014 veröffentlichten Hollywood-Satire „Maps to the Stars“ mit einem Science-Fiction-Thriller zurück. Er verhandelt in seinem neuen Film seine Lieblingsthemen verhandelt. In „Crimes of the Future“ – komplett losgelöst von Cronenbergs gleichnamigem Film aus dem Jahr 1970 – dreht sich alles um das Verhältnis des Menschen zu seinem Körper und zur Technik und erforscht eigenwillige Formen der Erotik.

In einer nicht näher bestimmten Zukunft haben sich gravierende biologische Veränderungen vollzogen: Viele Menschen empfinden keinen Schmerz mehr und sind immun gegen Infektionskrankheiten. Bei einigen gehen die physiologischen Umwälzungen so weit, dass sie ständig neue Organe mit unbekannten Fähigkeiten entwickeln. Diese „Gabe“ besitzt auch der Performancekünstler Saul Tenser (Viggo Mortensen), dessen Partnerin Caprice (Léa Seydoux) die merkwürdigen Gebilde in aufsehenerregenden Live-Shows aus ihm herausoperiert. Während der Staat die wild wuchernde Evolution einzuhegen versucht, wird Saul von einer radikalen Aktivistengruppe kontaktiert, die für ein revolutioniertes Verdauungssystem kämpft.

Aufregende Akzente, aber keine neuen bahnbrechenden Einsichten

Cronenberg mag mit früheren Werken stärker polarisiert und geschockt haben. Herrlich abseitige Ideen lässt er aber auch in seine jüngste Arbeit einfließen. Die Welt, in die der kanadische Autorenfilmer sein Publikum entführt, wirkt seltsam leer, sieht ranzig und abgenutzt aus und verfügt über ungewöhnliche, organisch anmutende Apparate, mit deren Hilfe Körperfunktionen kontrolliert werden. Der Film sinniert über die Frage, wozu der menschliche Körper fähig sein könnte, und befasst sich überdies mit dem heute grassierenden Hang, alles in eine Inszenierung zu verwandeln. Manches wird dabei leider nur angerissen. Bahnbrechend neue Einsichten sollte man nicht erwarten. Im Meer der Kino-Dystopien setzt die konventionelle Spannungsmechanismen unterlaufende Zukunftsvision jedoch einige aufregend-schräge Akzente.

„Crimes of the Future“, Regie: David Cronenberg. Mit Viggo Mortensen, Léa Seydoux, Kristen Stewart. 107 Min. Ab 10. November im Kino

Hier gibt’s den Trailer zum Film:


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Literaturkritik: Schön ist die Nacht

„Schön ist die Nacht“ von Christian Baron ist Literatur mit Klasse, meint unsere Literaturkritik

Text: Ulrich Thiele

 

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„Schön ist die Nacht“ von Christian Baron ist bei Claassen erschienen

Die große Möglichkeit der Literatur ist es, sich in Denk-, Zeit- und Lebensräume vorzutasten, die einem normalerweise nicht zugänglich sind. Christian Baron bietet seinen Lesern diese Möglichkeit, weil er dem großen Thema, das er verhandelt, nicht einfach eine Geschichte überstülpt. Sein Thema, die Klassenfrage im Kapitalismus, wächst aus der Literatur, aus dem Herantasten in menschliche Köpfe und Lebenswelten.

In seinem 2020 erschienenen Erstling „Ein Mann seiner Klasse“ erzählte Baron von seinen eigenen Familienverhältnissen im Arbeitermilieu Kaiserslauterns der 90er-Jahre. Das Buch war ein Novum, weil Baron mit Wärme und Distanz den Elefanten im Raum adressierte, den selbst Linke oder Linksliberale vor lauter Identitätsdebatten übersehen: Deutschland ist eine Klassengesellschaft.

In „Schön ist die Nacht“ erzählt Baron nun von seinen Großvätern im Arbeitermilieu Kaiserslauterns der 70er-Jahre. Der Zimmermann Willy wünscht sich nichts sehnlicher als ein normales Leben mit Eigenheim. Er möchte „anständig“ sein und mutet dabei an wie die Figur Shen Te in Bertolt Brechts Drama „Der gute Mensch von Sezuan“, dessen Versuch, ein guter Mensch zu sein, von den Systemzwängen des Kapitalismus unmöglich gemacht wird.

Kein Happy End

Willys Freund Horst ist ein ungelernter Hilfsarbeiter. Er glaubt schon lange nicht mehr daran, auf ehrliche Weise zu Wohlstand zu kommen. „Schön ist die Nacht“ ist literarischer als sein Vorgänger. Plastisch beschreibt Baron die Spelunken, Baustellen, heimischen Küchen mit Brandflecken an den Wänden. Den Figuren nähert sich Baron nicht naturalistisch an, sondern mit einer Art poetischem Pfälzisch. Nicht nur die Charaktere reden in pfälzischem Dialekt, auch der Erzähler greift Dialekt und Slang auf und verwebt sie mit seiner literarischen, „hochdeutschen“ Sprache. Bemerkenswert sind auch die Nebenfiguren. Die Frauenfiguren sind zwischen Gewaltausbrüchen, Alkoholismus und Emanzipationsbestreben ebenso ambivalent wie Horst und Willy. Die sogenannten „Gastarbeiter“ sind nicht bloß Statisten, sondern erhalten Würdigung durch Vertiefung. Willys Besuch bei Ömer ist eine von mehreren unsentimental emotionalen Szenen, die die Kluft zwischen Zerrbild und Realität auf den Punkt bringt und wie geradezu tragisch ein Zerrbild den Kern des Elends vernebelt.

Dass die Handlung weitgehend in den 1970ern spielt, ist kein Zufall. Ölkrise, Konjunkturabschwung, Marktsättigung – der Kapitalismus gerät in die Krise. Willys und Horsts Geschichte hat kein Happy End, so wie die Realität der ökonomisch unteren Schichten damals wenig Anlass zur Freude verhieß. Wenige Jahre nach dem Handlungszeitraum, in den frühen 1980ern, setzten Ronald Reagan und Margaret Thatcher den globalen Siegeszug des Neoliberalismus in Gang.

Christian Baron: „Schön ist die Nacht“, Claassen, 384 Seiten, 23 Euro


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„Alcarràs – Die letzte Ernte“: Land unter

Regisseurin Carla Simón zeigt in ihrem Film „Alcarràs – Die letzte Ernte“ eine ländliche Familienidylle, die unterzugehen droht. Für den überraschend fesselnden Film gab es unter anderem den Goldenen Bären auf der Berlinale 2022

Text: Marco Arellano Gomes

Es war nicht unbedingt zu erwarten, dass der Goldene Bär der Berlinale dieses Jahr an einen spanischen Film geht, der das ländliche Leben porträtiert. Doch dieser Film ist eben viel mehr als das.

„Alcarràs – Die letzte Ernte“ zeigt die Familie Solé, die seit 80 Jahren im katalanischen Dorf Alcarràs Pfirsiche anbaut. Doch nun droht das Ende: Einst hat der Großgrundbesitzer Pinyol der Familie als Dank für seine Rettung im Spanischen Bürgerkrieg das Land überlassen. Doch von dieser Abmachung will dessen Enkel nichts mehr wissen. Er will das Land zurück, um eine Fotovoltaik-Anlage darauf zu errichten. Schon bald rücken die ersten Bagger an und stürzen die Familie Solé in Ungewissheit. Vater Quimet (Jordi Pujol Dolcet) stürzt sich in die Erntearbeit. Mutter Dolors (Anna Otín) versucht Haus und Familie mit fröhlicher Geduld zusammenzuhalten. Was wird vom Landleben bleiben?

Großes Kino von Laiendarstellern

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„Alcarràs – Die letzte Ernte“, ab 11. August 2022 in den Kinos (Foto: Piffl Medien)

Regisseurin Carla Simón („Fridas Sommer“) gelingt es geschickt, einem das Leben auf dem Lande nahe zu bringen. Als Zuschauer ist man mittendrin – beim Pflücken, beim Streiten, im Leben. Das liegt nicht nur an der dokumentarischen Kameraarbeit (Daniela Cajías) mit ihren Nah- und Naturaufnahmen. Es liegt auch an den authentischen Darstellungen der einzelnen Familienmitglieder und ihrem Mit- und Durcheinander – vom verschlossenen und doch herzlich wirkenden Großvater Rogelio (Josep Abad) bis zu den verspielten Kleinkindern. Diese sind allesamt mit Laiendarstellern besetzt. Das sieht und fühlt man im positiven Sinne. Simón stammt selbst aus dem tiefsten Katalonien. Ihre Familie baute ebenfalls Pfirsiche an. Die Erinnerung an ihren vor einigen Jahren verstorbenen Großvater brachte sie dazu, dieses Leben filmisch einfangen zu wollen. Das ist gelungen. „Alcarràs“ ist ausbalanciert, voller Farben, Kontraste und Leben – und deshalb absolut sehenswert.

„Alcarràs – Die letzte Ernte“, Regie: Carla Simón. Mit Jordi Pujol Dolcet, Anna Otín, Josep Abad. 120 Min. Ab dem 11. August in den Kinos 

Hier gibt’s den Trailer zum Film:


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Das Licht aus dem die Träume sind

„Das Licht aus dem die Träume sind“ von Pan Nalin ist eine nostalgische Ode an die analoge Filmkunst – jetzt im Kino

Text: Anna Grillet

Der erste Kinobesuch verändert das Leben des neunjährigen Samay (grandios: Bhavin Rabari) für immer. Filme machen will er und nichts anderes. Seine Familie ist arm, lebt in einem abgelegenen Dorf in Gujarat, Indien. Hier halten die Züge nur wenige Augenblicke, Samay rennt den Bahnsteig entlang, um den Reisenden heißen Tee durchs Abteilfenster zu reichen. Nun aber drückt er sich vor der Arbeit, schwänzt die Schule, fährt stattdessen heimlich in die Stadt.

Der wissbegierige Junge freundet sich dort mit dem Filmvorführer Fazal (Bhavesh Shrimali) an, der lässt ihn im Tausch gegen den Inhalt seiner Lunchbox in die Vorstellungen, führt ihn ein in die Geheimnisse der ratternden Projektoren, die magische Welt von Bollywood und Stanley Kubricks „2001: Odyssee im Weltraum“ (1968). Filme drehen ist für Samay eine Jagd nach dem Licht. Seine Freunde unterstützen ihn, er ist der geborene Geschichtenerzähler, durch ihn wird ihr Alltag abenteuerlicher, bunter. Für die Realisierung seiner Träume klaut der Neunjährige ohne Skrupel, improvisiert mit ungeheurer Fantasie seine erste Vorstellung bewegter Bilder im Dorf.

Die Ära des „alten“ Kino neigt sich dem Ende zu

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Indien liebt Kino, das beweist Pan Nalin mit „Das Licht aus dem die Träume sind“ (Foto: Neue Visionen Filmverleih)

Doch die Ära des Zelluloids neigt sich dem Ende zu, vielen Kinos droht die Schließung. „Das Licht, aus dem die Träume sind“ basiert auf den Erinnerungen und Reflexionen des indischen Regisseurs Pan Nalin („Samsara“), genau wie sein Protagonist kommt er aus Gujarat, hat Tee an Reisende verkauft und Prügel bezogen fürs Stehlen oder Schuleschwänzen. Im Gegensatz zu Giuseppe Tornatores „Cinema Paradiso“ (1989) integriert Nalin seine Hommagen an die Filmemacher in die Handlung, möchte nicht, dass sie leicht zu dechiffrieren sind. Wenn Samay die Gleise entlangläuft, erinnert die Weite der Landschaft an Sergio Leone und den frühen Terrence Malick. Das lyrische Spiel von Dunkel und Helligkeit, die Farbschattierungen sind von unglaublich kraftvoller Schönheit. Ebenso groß ist das Entsetzen beim Anblick Hunderttausender von Filmrollen, die eingeschmolzen werden und sich in dünne bunte Armreifen verwandeln.

„Das Licht aus dem die Träume sind“, Regie: Pan Nalin. Mit Bhavin Rabari, Bhavesh Shrimali, Richa Meena. 110 Min. Ab dem 12. Mai 2022 im Kino.

Hier gibts den Trailer zum Film:


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„Ich wusste nie, ob wir bloß vorsichtig waren oder schon paranoid“

In „Die Diplomatin“ schreibt Lucy Fricke, Autorin des Bestsellers „Töchter“, aus Sicht einer deutschen Konsulin, die an die Grenzen der Diplomatie stößt. Ein Gespräch über das Leben im politisch aufgeheizten Istanbul, den geringen Frauenanteil im Auswärtigen Amt und im Verborgenen organisierte Fluchten

Interview: Ingrun Thiele

SZENE HAMBURG:  Frau Fricke, die Handlung Ihres neuen Romans „Die Diplomatin“ spielt im zweiten Teil in Istanbul. Entstand die Idee zum Buch vor Ort?

Lucy Fricke: Ich war sehr lange in Istanbul, mehrere Monate, verteilt auf fast zwei Jahre. Zunächst hatte ich gar nicht den Plan, in der Form über Istanbul zu schreiben, sondern bin vollkommen „leer“, ohne Idee für einen neuen Roman, dort hingefahren. Durch mein vorheriges Buch „Töchter“ hatte ich ein turbulentes Jahr hinter mir mit fast 70 Lesungen – ich bin vollkommen erschöpft in der Türkei angekommen. Das, was ich dort gesehen habe, hat mich dann so sehr beschäftigt, dass ich darüber schreiben wollte. Mich haben die Geschichten hinter den Nachrichten interessiert.

Was genau hat Sie interessiert?

Die Schicksale der Menschen in autoritären Verhältnissen, wie etwa unter Anklage stehende oder inhaftierte Türken und Deutsch-Türken oder deutsche Staatsangehörige, die mit einer Ausreisesperre in der Türkei festsaßen. Aus einer türkischen Perspektive habe ich es nicht erzählen können, deswegen habe ich aus der Sicht der deutschen Diplomatin Fred geschrieben. Sie stößt auf die Grenzen der Rechtsstaatlichkeit, auf staatliche Willkür und Machtlosigkeit.

„Diplomatie ist immer eine Politik der kleinen Schritte“

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„Die Diplomatin“ von Lucy Fricke erzählt von schwieriger Diplomatie und einer Frau in eine Männerwelt

Ihre Protagonistin, Fred, wollte mit ihrem Job als Botschafterin die Welt ein Stück verbessern. Wusste sie, auf was für ein Leben sie sich einlässt?

Sie ist nicht naiv, sie wusste schon zu Beginn ihrer Karriere, dass sie in ihrem Job einen sehr engen Handlungsspielraum hat und begrenzte Möglichkeiten. Die Diplomatie ist immer eine Politik der kleinen Schritte, des Miteinanderredens und Verhandelns. Daran glaubt sie. Wenn allerdings auf der anderen Seite niemand mehr den Hörer abhebt, wird es schwierig mit dem Reden.

Die Arbeit in der Welt der Diplomatie bestimmt Freds Leben, auch blieb sie deswegen kinder- und partnerlos. Hat sie ihren Lebensweg bereut?

Na ja, es ist sicherlich ein Roman der Ernüchterung. In dieser Generation musste vieles für den Job aufgeben werden, besonders als Frau. Fred kommt eines Tages an den Punkt, an dem sie sich fragt, ob es das wert war. Als sie an ihren Beruf den Glauben verliert, bricht im Prinzip ihr Leben zusammen, weil alles darauf aufbaut.

Würden Sie sagen, dass Karriere und Einsamkeit unweigerlich einhergehen?

Unweigerlich sicherlich nicht. Aber ich glaube schon, dass Einsamkeit und Erfolg oft zusammenhängen. Besonders, wenn der Beruf das Einzige im Leben ist und das Leben bestimmt. Männer in solchen Positionen haben öfter begleitende Ehefrauen, die den eigenen Beruf erst mal ruhen lassen. Fred ist gezwungen, alle paar Jahre den Ort zu wechseln, sie ist rund um die Uhr in dieser Funktion als Botschafterin, sie repräsentiert Deutschland im Ausland und das permanent. Als öffentliche Figur hat sie so gut wie keine Privatsphäre, sie lebt hinter ihrer Fassade und weiß nicht, wem sie überhaupt vertrauen kann. Das macht einsam.

Nur 20 Prozent Diplomatinnen

Sie schreiben, Fred sei weder eine gescheiterte Frau noch eine egoistische Karrieristin. Was ist sie dann?

Nun ja, sie hatte zwei Fehlgeburten. Sie wurde von ihrem Mann verlassen. Kinderlosen Frauen wird immer unterstellt, sie hätten sich explizit dafür entschieden, um ihre Freiheit zu genießen oder Karriere zu machen. Es ist aber nicht unbedingt eine bewusste oder freiwillige Entscheidung. Manchmal klappt es nicht oder es ergibt sich einfach nicht. Darum ging es mir an der Stelle. Zu sagen, dass Fred nicht diese Karrierefrau ist, sondern dass sie einfach nicht das Glück hatte, schwanger zu werden. Aber das ist kein Scheitern. Es ist möglich, auch ohne eigene Familie und Kinder ein erfülltes Leben zu führen.

Es ist eher ungewöhnlich, mit Fred eine Frau in dieser Position zu sehen.

Nur etwa 20 Prozent dieser Positionen sind von deutscher Seite mit Frauen besetzt. Die Frauenquote soll nun angehoben werden auf 50 Prozent, langsam ändert sich etwas – das Problem ist, dass es noch nicht genügend Frauen auf dieser Ebene gibt. Man muss schon 20, 25 Jahre beim Auswärtigen Amt sein, um überhaupt Botschafterin werden zu können, die Veränderungen kommen also sehr zeitversetzt an. Genau das fand ich spannend: Eine Frau einzusetzen in einer noch männerdominierten Welt der Diplomatie.

Im Laufe des Buchs verliert sie den Glauben an die Diplomatie und findet andere Wege am Rande der Legalität. Was müsste Ihres Erachtens geändert werden?

Die Abhängigkeiten müssten reduziert werden. Darum geht es aktuell in den Beziehungen zu Russland, aber auch die Verflechtungen zwischen Deutschland und der Türkei sind immens. Wirtschaftliche oder geopolitische Abhängigkeiten schränken den Handlungsspielraum eines Landes enorm ein. In Krisen- und Kriegszeiten fliegt einem das um die Ohren. Ich wünsche mir außerdem, dass noch stärker, immer und überall, die Einhaltung und Durchsetzung der Menschenrechte verhandelt wird.

„Genau das fand ich spannend: Eine Frau einzusetzen in einer noch männerdominierten Welt der Diplomatie.“

Lucy Fricke

Politik als offenes Buch

Dass Diplomaten verurteilten Menschen zur Flucht verhelfen, basiert auf wahren Fällen?

Wenn sie verurteilt sind, ist es meistens zu spät. Oftmals steht eine Anklage im Raum, ein nahender Prozess, in dieser Zeit kann man noch handeln. Das, was Fred tut, haben auch Diplomaten in der Vergangenheit getan und die sind auch noch alle im Beruf. Nur wird das nicht öffentlich gemacht, damit Kontakte und Fluchtrouten nicht verraten werden und die Wege weiterhin offengehalten werden können. Es ist absolut nötig, im Verborgenen zu arbeiten. Heiko Maas hat „Die Diplomatin“ auch besprochen und bestätigt die Realitätsnähe. Ich glaube nicht, dass er das als amtierender Außenminister hätte sagen dürfen.

Die Politik ist eine verschlossene Welt für sich. Wie haben Sie Zugang dazu erhalten?

Erstaunlicherweise war sie gar nicht so verschlossen, wie man immer denkt. Ich stellte mich als Schriftstellerin vor und bat direkt um ein Gespräch. Ich bekam relativ schnell Termine mit Diplomaten, Botschaftern, aber auch mit Journalisten und Anwälten. Zu meinem Erstaunen haben sie ziemlich offen erzählt.

Woran liegt das?

Vielleicht, weil ich Schriftstellerin bin und keine Journalistin. Ich glaube, viele waren froh, dass jemand Interesse daran zeigt, wie das Ganze funktioniert und nicht bloß aus der Ferne einen Roman darüber schreiben will. Ich habe mich für die ganzen Details interessiert. Diese Offenheit hatte allerdings die klare Grenze, dass ich die Gespräche nicht aufzeichnen und keine Namen nenne durfte. Zudem war ich lange dort, die Gespräche zogen sich teilweise über Monate, in denen wir uns immer wieder trafen, sodass Vertrauensverhältnisse entstanden.

Türkei-Depression

Haben Sie diese politisch angespannte Atmosphäre, die Sie in Ihrem Roman beschreiben, auch in Ihrem dortigen Alltag wahrgenommen?

Sie war für mich allgegenwärtig. Ich hatte dort ein Stipendium der Kulturakademie Tarabya, die sich auf dem Gelände der Sommerresidenz des deutschen Botschafters befindet. Dieses Grundstück grenzt direkt an eine andere Residenz, und zwar an die von Erdoğan. Wenn ich das Apartment verließ, sah ich seine Soldaten, die das Gelände sicherten. Im Café gegenüber saß immer wieder der Geheimdienst. In den Gesprächen mit Türken wurde der Name des Präsidenten so gut wie nie ausgesprochen. Ich lernte Menschen kennen, die Freunde bei sich zu Hause versteckten, die untergetaucht waren, um dem Gefängnis zu entgehen. Viele wussten, dass sie überwacht wurden. Es wurde normal, dass wir gewisse Textnachrichten sofort nach dem Lesen löschten. Bei manchen Gesprächen schalteten wir die Handys aus, legten sie nebenan ins Schlafzimmer. Ich wusste nie, ob wir bloß vorsichtig waren oder schon paranoid. Nach zwei Monaten hatte ich meine erste Türkei-Depression. So ging es hin und her. Ich liebe Istanbul, es ist die schönste Stadt, die ich kenne und es wimmelt dort von wunderbaren Leuten. Es war schön und beängstigend zugleich. Erst als ich wieder in Berlin war, habe ich gemerkt, wie sehr mir das alles in die Knochen gegangen ist.

Dann war die Recherche wohl sehr intensiv?

Sehr. Zugleich war sie aber sehr befriedigend. Ich habe unglaublich viel gelernt und erfahren. Ich habe bewundernswerte Menschen getroffen, die ihren Glauben, ihre Liebe und ihren Humor nicht verloren haben, die nicht aufhören, zu kämpfen. Das Schreiben an diesem Roman hat mich definitiv klüger und demütiger gemacht.

Lucy Fricke: „Die Diplomatin“, Ullstein-Verlag, 256 Seiten, 22 Euro.


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„Die Züchtigung hatte etwas erotisches“

In der autobiographischen Erzählung „Der unterbrochene Wald“ erinnert sich Georges-Arthur Goldschmidt an seine Kindheit und Jugend während des Holocaust und an seine Flucht vor dem Naziregime. Ein Gespräch über erregende Strafrituale, die Bedeutung von Heimat und darüber, was die permanente Angst ums Leben mit einem Menschen macht

Interview: Ingrun Thiele

SZENE HAMBURG: Herr Goldschmidt, Ihr vorheriges Buch, „Der versperrte Weg“, haben Sie auf Deutsch geschrieben, „Der unterbrochene Wald“ nun auf Französisch. Wieso der Sprachwechsel?

Georges-Arthur Goldschmid: Für mich ist es eine befreiende Sprache, weil die Franzosen mich vor der Deportation der Nazis beschützt haben. Ich bin kein Jude, sondern ein sogenannter „Nicht-Arier“ und wurde von den Deutschen gesucht. Die Franzosen haben ihr Leben riskiert, um mich zu verstecken, nur ihretwegen habe ich überlebt.

Schreiben Sie deshalb, dass die französische Sprache „Redefreiheit“ bedeutet?

Frankreich unterlag der Okkupation des Nazi-Deutschlands, doch hat sich mit Gebrüll davon befreit. Dadurch habe ich gelernt, dass die Regierung gegen die Unterwerfung rebellieren kann. Als ich ein Knabe war, sprach niemand von Freiheit, es war verboten und selbst als 16-Jähriger bestand noch immer die Gefahr für mich, deportiert und verhaftet zu werden. Die Befreiung im September 1944 bedeutete daher für mich die endgültige Erleichterung und deswegen ist Französisch für mich die Sprache der Befreiung und der Freiheit.

Flucht nach Italien und Frankreich

Wie sah Ihre Flucht aus?

Ich bin in einer bürgerlichen, sehr kultivierten Familie geboren, die in Hamburg seit mehr als 200 Jahren lebte. Mein Vater war Oberlandesgerichtsrat in Hamburg. Als die Nicht-Arier 1938 nicht mehr existieren durften, hatten meine Eltern das Glück, Kontakte nach Florenz zu haben, sodass ich nach Italien geschickt wurde. Als ich von dort erneut vor den Nazi-Schergen flüchten musste, kam ich ins Internat nach Frankreich und als Savoyen von den Deutschen besetzt wurde, hielten mich Bergbauern versteckt. Dadurch waren Sie dem Gefühl einer existenziellen Ortlosigkeit ausgesetzt.

Fühlen Sie sich heute eher Deutschland oder Frankreich heimatlich verbunden?

Diese Frage ist typisch deutsch! Heimat ist kein fixer Begriff und sie ist nicht nur der Ort, wo man geboren worden ist. Für mich ist Heimat da, wo ich glücklich gewesen bin, daher fühle ich mich zu all diesen Orten verbunden. Ich habe heimatliche Erinnerungen an Orte, an denen ich nur zwei Tage gewesen bin oder ich erinnere mich an den Blick auf den Mont Blanc, den ich von dieser Seite noch nie gesehen hatte. So gesehen hat jeder Mensch Tausende Heimatbilder, die sich eingeprägt haben, unabhängig vom Geburtsort. Und heute fühle ich mich hier in Paris bei meiner Frau wunderbar beheimatet.

„Fünf Franzosen haben ihr Leben für mich aufs Spiel gesetzt“

Wie kamen Sie zu dem Bergbauern, der Sie vor den Nazis versteckte?

Er lebte sehr zurückgezogen in einem schwer zugänglichen Tal. Er hatte fürchterliche Angst und hat mich bald bei einem anderen Bauern unterkommen lassen. Er hatte nicht nur mich, sondern auch andere bei sich versteckt. Vermittelt wurde ich von einem alten, katholischen Missionar. Fünf Franzosen haben ihr Leben für mich, einen verpinkelten Jüngling, aufs Spiel gesetzt, um mich vor der Deportation zu bewahren. Das finde ich unerhört und so was vergisst man nicht.

Beim Lesen wird nicht ganz deutlich, wie genau Ihre persönliche Bindung zu ihm und seiner Familie war.

Es war keine Art Familienersatz, aber ich war absolut fremd und trotzdem war es für ihn und viele andere Franzosen selbstverständlich, uns einen Unterschlupf zu geben. Dadurch bin ich ihm und Frankreich sehr verbunden.

Dann waren Sie keine Ausnahme?

Frankreich ist das Land, in dem die meisten Juden versteckt worden sind. Von den 320.000 in Frankreich lebenden Juden wurden dadurch „nur“ 75.000 in die Vernichtungslager deportiert.

Jude sein, Flucht und Erklärungen eines Kindes

Ihre Eltern haben nie darüber gesprochen, was es heißt, Jude zu sein.

In der Schule lernten wir einmal das Gedicht „Die Loreley“ von Dichter Unbekannt – das war von Heinrich Heine, aber der war Jude. Und es war unmöglich, zu sagen, dass das bekannteste deutsche Gedicht von einem Juden sei, selbst meine Eltern haben es mir nicht gesagt, sie haben sich davor gehütet!

Haben Sie bei der Verabschiedung trotzdem geahnt, wieso Sie weggeschickt wurden?

Als sie mich an den Bahnhof brachten, das ist der vielleicht traurigste Tag in meinem Leben gewesen. Ich ahnte, wieso sie mich wegschickten, aber ich verstand nicht. Ich hatte Schuldgefühle, weil ich als kleiner Junge an mir rumgefummelt habe und brachte das damit in Verbindung. Ich versuche immer, das in meinen Schmökern zu erklären, aber ich weiß selbst nicht mehr genau, wie das gewesen ist.

Sind Sie damals von einem Wiedersehen ausgegangen?

Diese Frage erweckt in mir unterschiedliche Gedanken … Ich glaube nicht. Ich nehme an, ich wusste, dass ich meine Eltern nie wieder sehen würde, zumindest unterbewusst. Kinder wissen immer Bescheid, sie ahnen alles. Ich habe das wohl irgendwie herausgeschnüffelt.

„Man empfand zugleich ein Leiden und eine Lust“

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Stand 2021 auf der Longlist des Deutschen Buchpreises: „Der unterbrochene Wald“ von Georges-Arthur Goldschmidt (Foto: Wallstein Verlag)

In dem Internat, in dem Sie in Frankreich untergebracht worden sind, mussten Sie traumatisierende Gewalterfahrungen erleiden.

Die Situation war natürlich fürchterlich, ich war nackt und wurde blutig geschlagen. Aber es war für mich nicht so schlimm, wie es aus der heutigen Sicht erscheint. In der damaligen Zeit, vor allem in katholischen Internaten, war es gang und gäbe, dass man auf den Po geschlagen wurde. Und nicht nur dort, es war auch selbstverständlich, dass es in jeder Familie einen gelben Onkel gab.

Was ist ein „gelber Onkel“?

Das war eine Rute, um Kinder zu schlagen. In jeder Nation wurden Kinder gezüchtigt. Das Thema spielte für alle Menschen meiner Generation eine große Rolle, nur spricht keiner darüber, was man dabei empfand.

Sie meinen, dass die Züchtigung etwas Erregendes für Sie hatte?

Es war ein zweideutiges Unternehmen, man empfand zugleich ein Leiden und eine Lust, die Züchtigung hatte etwas Erotisches. Mit 18 war ich selbst noch ein Kind, ich hätte dagegen revoltieren können, doch ich war zu faul oder zu feige, dagegen anzugehen. Ich ließ es geschehen. Heute hält man nichts mehr davon und es ist zum Glück verboten und vergessen.

Wie denken Sie heute über Ihre Peiniger?

Die Direktorin des Heims hat mich vor der Deportation gerettet. Es machte ihr zwar Spaß, Kindern auf den Hintern zu schlagen, sie ergötzte sich an Jünglingen. Aber das war nun mal diese Zeit, ich nehme ihr das nicht übel. Ich hege allgemein keine Rachegefühle gegen jemanden, Menschen sollte man nichts übelnehmen. Die Leute, die die Befehle ausgeben, sind gefährlich, aber nicht die armen Schlucker, die gehorchen müssen.

„Angst ist so fürchterlich“

Sie schreiben in Ihrem Buch von einer inneren Unruhe und einem allgegenwärtigen Verfolgungswahn, die das Seinsverbot mit sich zogen – merken Sie das heute noch?

Eigentlich war das kein Wahn, das war Realität. Es wurde nach meinem Leben getrachtet und diese verrückte Hitlerei führte dazu, dass alle Juden, Halbjuden, Nicht-Arier mit einer Boshaftigkeit ohnegleichen behandelt wurden. Ich selbst bin protestantisch erzogen worden, hätte deutscher gar nicht sein können und trotzdem wurde ich verfolgt. Die Hitlerei ist das schlimmste Verbrechen in der Geschichte der Menschheit. Der Antisemitismus hat Millionen Menschen das Leben gekostet und das ohne Grund. Das hat mich natürlich geprägt und es ist noch irgendwie in mir.

Haben Sie ein Beispiel?

Meine Frau meinte, ich hätte manchmal komische Reaktionen. Wenn ich mich in einem öffentlichen Raum befinde, sitze ich immer nahe der Tür, ein Fluchtinstinkt. Das sind Verhaltensweisen und Reaktionen, die ich selbst gar nicht bemerke.

Entstand daraus die Vorstellung, sich „im Ohr eines Pferdes verkriechen“ zu wollen?

Mein großer Bruder reihte sich in den Widerstand ein, ich versteckte mich und hatte ständige Angst, von den Deutschen gefunden zu werden. Angst ist so fürchterlich. In jedem Löchlein möchte man verschwinden, man sucht überall mögliche Verstecke. Und das Ohr eines Pferdes, da hat man doch wunderbar Platz, man ist gegen den Regen geschützt und es ist warm – wie im Märchen. Aber es ist natürlich nur eine illusorische Sicherheit, ein körperliches Bedürfnis. Diese Wunschvorstellung schützt einen nicht, aber sie gab mir eine innere Sicherheit.

Georges-Arthur Goldschmidt: „Der unterbrochene Wald“, Wallstein, 133 Seiten, 20 Euro


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„Zu hundert Prozent ausgeschlossen“

Der FC Teutonia 05 möchte Untermieter im neuen Stadion seines Nachbarn Altona 93 werden. Die Absage ist deutlich und zeigt einen tiefen Konflikt

Text: Mirko Schneider

Ein Sonntagnachmittag an der Griegstraße. Im altehrwürdigen, etwas modrigen Stadion an der Adolf-Jäger-Kampfbahn kämpft in wenigen Minuten Regionalligist Altona 93 gegen den Lüneburger SK Hansa um Punkte für den Klassenerhalt. 1000 Fans warten auf der langen Gegengerade, der gegenüberliegenden Haupttribüne, der „Meckerecke“ links daneben und dem „Zeckenhügel“ hinter dem Tor auf der Westseite auf den Anpfiff. Jeder Ball, der beim Aufwärmen von den Spielern versehentlich auf den „Zeckenhügel“ geschossen wird, löst bei den Hunden einiger Altonaer Anhänger große Freude aus. Der Einlauf der Mannschaften sagt schließlich mehr als tausend Worte. Wie üblich spielt die Stadionregie die berühmte Melodie aus „Star Wars: A new hope“. So sieht sich Altona 93 selbst. Die Jedi-Ritter treten gegen das Imperium an. Nur eben auf dem Fußballfeld.

„Altona 93 ist für mich ursprünglicher Fußball. Ich kann mit den Spielern schnacken und den Rasen anfassen. Der Besuch eines Spiels fühlt sich an wie ein großer, entspannter Nachbarschaftstreff. Und das auf einem sportlichen Niveau in der 4. Liga, welches wirklich Spaß macht“, sagt Ragnar Törber. Der heute 47 Jahre alte selbstständige Architekt und stellvertretende Vorsitzende von Altona 93 wurde in den 80er-Jahren als Fan des FC St. Pauli sozialisiert. Damals verfolgte er die Partien der Kiezkicker von den Bäumen der Nordkurve aus. Mit Altonas nur 800 Meter Luftlinie entferntem Nachbarverein, dem Staffelrivalen FC Teutonia 05, kann Törber wenig anfangen. „Was der FC Teutonia 05 macht, ist für uns nicht wichtig. Wenn Teutonia mit viel Geld in die 3. Liga will, ist das deren Sache. Unsere Planungen bleiben davon unberührt“, sagt Törber.

Für viele der Inbegriff von Fußballkultur: Altona 93 und die Adolf-Jäger-Kampfbahn (Foto: Erik Brandt-Höge)

Die geeignete Fläche ist längst gefunden

Diese Planungen betreffen das neue Stadion von Altona 93 am Diebsteich. 2007 verkaufte Altona 93 nämlich die Adolf-Jäger-Kampfbahn für 11,25 Millionen Euro an Behrendt Wohnungsbau und den Altonaer Spar- und Bauverein für den dringend benötigten Bau 300 neuer Wohnungen. Der Deal mit der Stadt Hamburg versprach Altona dafür eine andere Fläche, auf der der Amateurfußballkultclub eine neue Heimat finden sollte. Den Verkaufspreis sollte Altona dort zweckgebunden für die Errichtung eines neuen Stadions einsetzen.

„Ohne neues Stadion können wir als Club nicht weiterexistieren“

Ragnar Törber, stellvertretender Vorsitzender von Altona 93

Erst wenn das neue Stadion steht, muss Altona seine Adolf-Jäger-Kampfbahn verlassen. Allerdings spätestens bis zum 31. Dezember 2026. Die geeignete Fläche ist längst gefunden, seit fünf Jahren laufen die konkreten Planungen für einen Umzug von Altona 93 in ein neu zu errichtendes Stadion am Diebsteich mit einer Zuschauerkapazität von 5000 Fans. Törber hat die Stadionfrage gemeinsam mit der Stadt Hamburg, dem Sportamt und der Bezirksversammlung Altona in vielen Gesprächen weit vorangetrieben. 2023 sollen die Bauverträge unterzeichnet werden, wobei zuvor 75 Prozent der Mitglieder von Altona 93 zustimmen müssen. Ende 2026 soll dann der Umzug erfolgen.

Teutonia möchte auch gerne am Diebsteich spielen

An dieser Stelle kommt Altonas Nachbar ins Spiel, der FC Teutonia 05. Die Teutonen, die in der Saison 2016/17 noch in der sechstklassigen Landesliga spielten, haben einen rasanten sportlichen Aufstieg hingelegt. Teutonia darf auf einige potente Geldgeber zählen und möchte hinter dem HSV und dem FC St. Pauli dritter Proficlub in Hamburg werden. Das nächste Ziel ist der Aufstieg in die 3. Liga. Nur ist kein passendes Stadion in Sicht. Da die Stadt Hamburg für Teutonia bislang keine geeignete Fläche anbot, möchte Teutonia gerne ebenfalls am Diebsteich spielen und in die bestehenden Stadionplanungen mit einsteigen. Liborio Mazzagatti (48), stellvertretender Vorsitzender Teutonias, betonte bereits, gerne mit Altona über das Thema sprechen zu wollen.

Törber wiederum verwundert das. „Teutonia ist mit seinem Wunsch, bei uns zu spielen, an die Medien gegangen, ohne auch nur einmal vorher mit uns zu sprechen. Das fühlt sich unsportlich an“, sagt Törber. Gegen ein Treffen und ein freundliches Gespräch mit Mazzagatti habe er nichts einzuwenden. Ändern werde sich an der Haltung Altonas aber nichts. „Wir brauchen uns nicht zu einigen. Für uns ist es zu hundert Prozent ausgeschlossen, gemeinsam mit Teutonia in unserem neuen Stadion zu spielen. Denn das wird unsere neue Heimat und wir werden alle Spielzeiten für unsere Teams brauchen“, sagt Törber. In so lange bestehende Planungen noch einmal einzugreifen sei unmöglich. Zumal Teutonia sich ein Stadion für 10.000 Fans wünscht.

Schneller Erfolg mit vermögenden Investoren – das ist nicht Altona 93

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Altona 93 spielt aktuell in der Regionalliga Nord gegen den Abstieg (Foto: Erik Brandt-Höge)

Was unter anderem durch Banner in Altonas Stadion offensichtlich ist: Der FC Teutonia 05 steht für einen Fußball, der von den Fans von Altona 93 zutiefst abgelehnt wird. Schnellen Erfolg mit vermögenden Investoren – Teutonia plant in Liga drei mit einem Etat von bis zu 15,3 Millionen Euro – will in Altona niemand, weil das dem ursprünglichen Fußball widerspricht. Dem, was Altonas Fans als „echt“ empfinden. Fußball gilt beim Altonaer Fußballclub von 1893 als kulturelles Gut, welches es zu verteidigen gilt gegen die „Höher, schneller, weiter“-Mentalität des einst kleinen Nachbarn Teutonia, der Altona mittlerweile in der Tabelle sportlich überflügelt hat. Würde Törber den Mitgliedern einen Vertrag über das neue Stadion am Diebsteich vorlegen, der Teutonia die Möglichkeit eines Einstiegs ließe, würde er niemals 75 Prozent Zustimmung bekommen.

„Altona 93 ist für mich ursprünglicher Fußball“

Ragnar Törber, stellvertretender Vorsitzender von Altona 93

Dennoch steigt der Druck in der öffentlichen Debatte. Christian Okun, der Präsident des Hamburger Fußball-Verbandes, hat sich eindeutig pro Teutonia positioniert. Er sieht die Notwendigkeit eines Stadions mittlerer Größe für die Sportstadt Hamburg. Bei der Öffentlichen Planungsdiskussion im Rathaus Altona traten Redner auf, die sich ebenfalls für Teutonia positionierten. Sogar aus der Amateurabteilung des FC St. Pauli. „Ich spreche mit St. Pauli seit vielen Jahren und dort findet man unsere Pläne gut. Das wirkte auf mich inszeniert und hatte etwas von RTL 2“, sagt Törber. Mit den Altonaer Politikern, die sich auf Teutonias Seite schlugen, möchte Törber nun wieder ins Gespräch kommen. Genauso wie mit Verbandspräsident Okun, dessen Vorgehen Törber zutiefst irritiert hat. „Zwei unserer ehemaligen Schatzmeister arbeiten beim Verband. Unsere Pläne sind seit Jahren bekannt. Ich verstehe daher den plötzlichen Vorstoß von Herrn Okun nicht.“

Ohne das „Ja“ von Altona 93 ist es ein „Nein“ für Teutonia

Entscheidend wird nun sein, ob die Stadt Hamburg ihr Wort gegenüber Altona 93 hält. Das alleinige Nutzungsrecht für das neue Stadion ließ sich der Verein längst zusagen. Ohne Altonas „Ja“ kann Teutonia nicht dabei sein. Was aber passiert, wenn der Stadt Hamburg die Vision eines dritten Proficlubs in der Stadt so gut gefällt, dass sie ihre Meinung ändert? Törber ist da glasklar. „Das wird keinesfalls passieren, weil die politisch Verantwortlichen in Hamburg vernünftige Leute sind. Aber wenn es passieren würde, dann wären wir als Altona 93 aus dem Projekt sofort raus. Dann allerdings müsste die Stadt öffentlich zu ihrer Verantwortung stehen, uns als Traditionsclub über die Klippe springen zu lassen. Denn ohne neues Stadion können wir als Club nicht weiterexistieren.“


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„Lingui“: Die Kraft der Frauen

„Lingui“ ist ein Film über feministischen Widerstand und mütterliche Liebe – bildgewaltig, hochaktuell und relevant

Text: Anarhea Stoffel

Ein kleines Dorf im Tschad, eine staubig karge Landschaft, gleißendes Sonnenlicht und eine Frau, die Feuerschalen aus alten Lkw-Reifen herstellt. Es sind eindrucksvolle Bilder, die der tschadische Regisseur Mahamat-Saleh Haroun in seinem neuen Film zeigt. Das Thema des Films ist unterdessen ein Universelles: der Kampf gegen unterdrückende Gesetze und die Bindung zwischen Mutter und Tochter. Diese gerät aus den Fugen, als die 15-jährige Maria (Rihane Khalil Alio) ihrer Mutter Amina (Achouackh Abakar Souleymane) gesteht, schwanger zu sein.

Zwischen Enttäuschung, Religion und einer besseren Zukunft

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„Lingui“, ein Film aus dem Tschad mit viel Relevanz (Foto: Déjà-Vu Film)

Amina ist enttäuscht, glaubt ihre Tochter habe denselben Fehler gemacht wie sie selbst: dem Vater ihrer Tochter zu vertrauen, der sie während der Schwangerschaft verließ. Anna wurde daraufhin von ihrer Familie verstoßen wurde und musste ihr Kind allein großziehen. Maria hingegen verkündet ihrer Mutter, sie wolle das Kind abtreiben. Das stürzt Amina in eine tiefe Krise: Hin- und hergerissen zwischen dem muslimischen Glauben, der eine Abtreibung nicht zulässt, und dem Wunsch, ihrer Tochter eine bessere Zukunft zu ermöglichen. Immer wieder verspüren beide den Druck, sich den autoritären Vorstellungen ihres patriarchalen Umfelds zu beugen. Nachdem Maria aus Verzweiflung versucht, sich das Leben zu nehmen, versöhnen sich Mutter und Tochter. Amina beschließt, Maria zu helfen. Die beiden Frauen beginnen einen Kampf um Gerechtigkeit und Selbstbestimmung in einer Gesellschaft, die ihnen keine Stimme geben will.

„Lingui“ ist ein bewegender Film über weibliche Solidarität und das nicht nur zwischen den beiden Hauptfiguren. Er zeigt eine bedingungslose Liebe, die weder durch Unterdrückung noch Gewalt zu brechen ist. Im Gegenteil, es ist eine Liebe, die durch Oppression verstärkt wird.

„Lingui“, Regie: Mahamat-Saleh Haroun. Mit Achouackh Abakar Souleymane, Rihane Khalil Alio, Youssouf Djaoro. 87 Min. Ab dem 14. April in den Kinos 

Hier gibt‘s den Trailer zum Film:


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Ferris MC: „Immer nonkonform“

Der Hamburger Rapper Ferris MC veröffentlicht seine Autobiografie „Ich habe alles außer Kontrolle“ – und ein neues Album. In den Songs auf „Alle hassen Ferris“ thematisiert er seine Antihelden-Position im Musikgeschäft

Interview: Erik Brandt-Höge

SZENE HAMBURG: Ferris, gab es einen konkreten Anlass, den Titelsong deines neuen Albums, „Alle hassen Ferris“, zu schreiben?

Ferris: Nein, es war ein Potpourri aus Erlebnissen und Kommentaren, die ich so mitgekriegt habe, die mich zum Schreiben bewegt haben. Ich hatte das Gefühl, überall nur verbrannte Erde hinterlassen zu haben und zur Persona non grata geworden zu sein. Es kam mir vor, als könnte ich machen, was ich wollte, so sehr abliefern, wie nur möglich: Und die Leute redeten trotzdem. Und wenn man dann während der Pandemie eingeschlossen in seinem Kämmerlein dasitzt, wird diese Wahrnehmung natürlich noch stärker. Deshalb der sehr plakative, aber natürlich auch humorvoll gemeinte Titel: „Alle hassen Ferris“.

Humorvoll, weil dir die Ansichten anderer am Ende doch nicht so wichtig waren und sind?

Genau. Ich mache nicht Musik, um es damit allen recht machen zu können. Das habe ich mal gemacht, aber damit bin ich komplett auf die Schnauze gefallen. Ich wollte dem gerecht werden, was die Leute von mir verlangten, aber das konnte ich ja gar nicht. Ich kann zum Beispiel nieman- dem den alten Ferris zurückgeben. Kein Künstler kann das. Man ist ja nicht der Lakai des Publikums, sondern drückt seiner Kunst den eigenen Stempel auf. Wobei ich sagen muss: Es ist jetzt auch nicht so, dass ich komplett darauf scheiße, was die Leute von mir denken. Wie jeder andere Künstler suche auch ich nach Anerkennung und Liebe.

„So fühle ich mich am wohlsten“

Im Song „Alles außer Kontrolle“ heißt es: „Meine Mukke folgt keinem Trend, deshalb verdien’ ich damit auch keinen Cent.“ Dieses Keinem-Trend- Folgen: Macht das vor allem Spaß oder ist es auch mal anstrengend?

Massentauglichkeit spült natürlich Geld in die Kassen, aber ich finde es wichtiger, es nicht darauf anzulegen, massentauglich zu sein. Also dass man zum Beispiel nicht ganz offensichtlich versucht, einen Chart-Hit zu produzieren, der dann vom Label noch in die Playlisten gepusht wird. Wenn man Geld in die Hand nimmt, kann man überall stattfinden und sich somit Erfolg auch erkaufen. Bei mir ist es so, dass man sich schon schlau machen muss, was ich gerade mache. Dann allerdings findet man High-End Quality – auf meine Art. Das ist der Weg, den ich immer gegangen bin, immer nonkonform. So fühle ich mich am wohlsten.

„Man ist ja nicht der Lakai des Publikums“

Ferris MC

Wobei man meinen möchte, der Refrain im Song „Was ist geblieben“, auch aus „Alle hassen Ferris“, ist geradezu dafür gemacht worden, dass er von Tausenden im Stadion mitgeschrien werden könnte. Textbeispiel: „Alles, was wir machten, war für die Ewigkeit.“ Könnte auch von den Toten Hosen sein …

Wenn die Toten Hosen, Die Ärzte oder die Broilers diesen Refrain gemacht hätten, also Künstler, die sich mit Gitarrenmusik längst etabliert haben, könnte er tatsächlich sehr erfolgreich werden. Wir – den Song habe ich zusammen mit Dag aufgenommen – machen aber Gitarrenmusik mit Rap und auch mit Rap Attitüde. Dabei müssen wir schon Glück haben, dass daraus ein Hit wird. Wir haben den Refrain gemacht, weil wir wollten, dass die Leute mitgenommen werden, denn die Strophen sind ja eher nicht zum Mitschreien.

„Es wird besser“

Nicht nur durch Textzeilen wie „Ich war schon vor Corona gefickt“ bleibst du auf diesem Album deinem Credo treu, nicht Rap-typisch den Helden, sondern den Antihelden zu geben. Nicht zu sagen, wie toll du bist, sondern was dir alles Negatives passiert ist. Kommt diese Attitüde ganz automatisch in deine Songs oder nimmst du sie dir gezielt vor?

Das passiert einfach. Aufgrund der letzten Niederschläge, die der Pandemie geschuldet waren, konnte ich auch wieder eine Brücke schlagen zu dem, wie ich angefangen habe: als Außenseiter, Loser, der, dem niemand wirklich geheuer ist. Eben der Antihelden-Position. Klar, es gab mal ein, zwei Jahre, als mir alles in den Schoß zu fallen schien und als es auch finanziell richtig lief. Da habe ich ganz anders geschrieben. Aber die besten Texte kann ich nach wie vor schreiben, wenn ich leide. Krisen machen mich kreativ und ich versuche immer, in ihnen eine Chance zu sehen. Sie halten meinen Prozess am Laufen. Wobei Corona natürlich nicht nur für mich ungeil war. Ich kenne niemanden, der sagt, dass er da richtig gut durchgekommen ist.

Apropos Chancen sehen: „Bye Bye Bye“ – zusammen mit Swiss – ist dann noch ein Hoffnungs- Track. Es wird alles vorbei- gehen und besser werden, so die Message in kurz …

Richtig, nach einem Tal geht es auch wieder einen Berg hoch. Klar, nach einem Tal kann auch noch eins kommen. Aber meine Erfahrung ist, dass wenn man nicht auf der Couch sitzen bleibt, sondern etwas für sich tut, kann es zwar mal eine Weile dauern, bis es besser wird, aber es wird besser. Ein Satz, den ich während der Pandemie immer wieder zu mir selbst gesagt habe, war: „Alles wird besser!“

„Alle hassen Ferris“ (Arising Empire/Missglückte Welt/Edel) erscheint am 17. Juni 2022; die Autobiographie „Ich habe alles außer Kontrolle“ (Edel Books) ist im Verbund mit Ferris’ Frau Helena Anna Reimann entstanden und am 1. April 2022 erschienen

Hier gibt‘s einen ersten Eindruck vom neuen Album:


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