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Comicfestival 2022: Es wird bunt

In diesem Jahr findet das Comicfestival in Hamburg nach zwei Jahren Corona-Pause wieder in vollem Umfang statt – und widmet sich Themen wie Elternschaft, Identitätssuche und kulturelle Aneignung

Text: Marina Höfker

 

Es geht wieder los: Zum 16. Mal bietet das Comicfestival seinen Besuchern jede Menge spannende Geschichten von talentierten Künstler:innen – und endlich wieder ein prall gefülltes Programm. Vom 30. September bis zum 2. Oktober 2022 stellen Comiczeichner:innen an insgesamt 30 verschiedenen Orten auf St. Pauli, im Karoviertel und in der Neustadt ihre Arbeiten aus.

Dazu gibt es Lesungen, Gespräche, Signierstunden sowie zweistündige Spaziergänge. Hierbei werden Teilnehmende durch Ausstellungen geführt und erfahren mehr zu den Hintergründen der Werke. Bei Workshops können Comicbegeisterte selbst kreativ werden: Gemeinsam mit dem Zeichner Gabri Molist, der seine Arbeit „Walking Is A Form Of Drawing“ auf dem Festival präsentiert, kann jeder lernen seine eigenen Zeichnungen zu entwickeln.

 

Lokalmatadorin beim Comicfestival

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Die Hamburger Künstlerin Marijpol ist auf dem diesjährigen Comicfestival in Hamburg vertreten (Foto: Lisa Notzke)

Eine der diesjährigen Ausstellerinnen ist Marijpol (bürgerlicher Name: Marie Pohl). Die erste Teilnahme ist es für die erfahrene Zeichnerin nicht. Dennoch ist es jedes Mal etwas Besonderes, ihr kreatives Schaffen auf dem Hamburger Event vorzustellen. „Ich habe jetzt sechs Jahre an meinem aktuellen Comic gearbeitet. Ihn beim Comicfestival vorzustellen bedeutet mir viel, weil es da stattfindet, wo ich lebe und hier einzigartige und künstlerische Comics präsentiert werden“, sagt sie.

Ihre Leidenschaft für Comics kam während ihres Studiums der Visuellen Kommunikation und Illustration an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften (HAW) in Hamburg. „Geschichten habe ich schon immer gern gezeichnet, das Comiczeichnen zu nennen kam aber erst im Studium. Die Kombinationsmöglichkeiten von Wort und Bild erscheinen mir unendlich und ich empfinde eine große Freiheit darin sie zu gestalten“, sagt sie.

 

Frauenbilder und alternative Lebensentwürfe

Das Comicfestival Hamburg findet nun zum 16. Mal statt

Das Comicfestival Hamburg findet zum 16. Mal statt (Foto: ComicfestivalI

Die Künstlerin verhandelt in ihrer jüngsten Arbeit „Hort“ viele Themen, die immer mehr in den Fokus der Öffentlichkeit rücken: Frauen- und Familienbilder, körperliche Selbstbestimmung und alternative Lebensentwürfe. „Als ich mit der Arbeit an dem Comic anfing, war ich Mitte 30 – und viele Leute um mich herum waren schwanger. Mir fehlten aber Geschichten von Frauen, die dem Kinderkriegen ambivalent gegenüberstanden“, sagt die Wahl-Hamburgerin.

In ihrem Buch erzählt sie die Geschichte dreier unkonventioneller Frauen. Sie nehmen drei verlassene Kinder bei sich auf und stehen den Themen Elternschaft und Fürsorge ganz unterschiedlich gegenüber. In jeder einzelnen Figur, die sie erschafft, findet sich die Autorin wieder. „Das Großartige am Geschichten erzählen ist, dass ich verschiedenen inneren Stimmen Gestalt geben kann. Dinge, die ich an mir und anderen beobachte, kann ich in Szenen umsetzen und dabei viele Aspekte zu einem Thema aufzeigen, ohne mich für eine Perspektive entscheiden zu müssen.“

 

Körperliche Selbstbestimmung

Drei unkonventionelle Frauen: Das Cover von Marijpols Comic "Hort"

Drei unkonventionelle Frauen: Das Cover von Marijpols Comic „Hort“ (Foto: Marijpol)

Gleichzeitig verhandelt Marijpol das Thema körperliche Selbstbestimmung. Ihre optisch surrealen Figuren zeichnen sich durch eine markante Körperlichkeit aus, wie zu m Beispiel ein Schlangenbein. „Mir geht es dabei thematisch um freigewählte körperliche Attribute. Auch zeichnerisch interessiert mich das: Wie geht eine Frau mit Schlangenbein eine Treppe runter? Und wie läuft eine 2,20 Meter große Riesin durch einen Türrahmen? Das zeichnerisch umzusetzen ist ein Riesenspaß.“

Doch geht es Marijpol nicht nur darum, ihre eigene Arbeit zu präsentieren, sondern auch für sich etwas mitzunehmen. „Ich freue mich darauf, die Arbeiten anderer Künstler:innen zu sehen. Solche Events sind super wichtig, um selbst neue Inspirationen zu bekommen“, sagt sie.

 

Comicfestival: Die Favoriten der Autorin

Was die Künstlerin auf keinen Fall verpassen will? Zum Beispiel die Ausstellung des Berliner Zeichners Nino Bulling, der sein Graphic Novel „Abfackeln“ als einer der wenigen Comickünstler überhaupt auf der „documenta fifteen“ in Kassel ausgestellt hat. Darin erzählt er eine Beziehungsgeschichte, die von Selbstzweifeln und Identitätssuche geprägt ist.

Marijpol freut sich auch auf die prämierte Arbeit von Sheree Domingo und Patrick Spät. Die Zeichnerin und der Szenarist erklären in einem Gespräch, wie ihr gemeinsamer Comic „Madame Choi und die Monster“ entstanden ist. Das Duo erzählt darin die Geschichte von zwei Filmemacher:innen, die in den Siebzigern von Kim Jong-Il nach Nordkorea entführt wurden und dort gezwungen waren Filme zu drehen.

 

Weitere Ausstellungs-Highlights

Ein Ausblick auf "Nami und das Meer" von Catherine Meurisse

Ein Ausblick auf “Nami und das Meer” von Catherine Meurisse (Foto: Catherine Meurisse)

Eines der Highlights des diesjährigen Festivals ist die Künstlerin Catherine Meurisse. Die Französin zeichnete und schrieb bis zum islamistischen Anschlag 2015 für das Satiremagazin Charlie Hebdo. Danach wurde sie mit ihrem autobiographischen Graphic Novel „Die Leichtigkeit“, in dem sie diese Geschehnisse verarbeitete, weltbekannt. Ihr neuestes Werk „Nami und das Meer“ ist ein Tribut der japanischen Kunst und Literatur.

Daneben ist auch die Hamburger Künstlerin Birgit Weyhe vertreten. Sie wurde für ihr aktuelles Buch „Rude Girl“ als beste Comickünstlerin des Jahres ausgezeichnet. Darin verhandelt Weyhe das Thema kulturelle Aneignung und erzählt die Geschichte einer US-amerikanischen Germanistikprofessorin, die als Schwarze nach ihrer Zugehörigkeit in der Welt sucht. Es wird also vielfältig dieses Jahr – da ist für jeden Geschmack was dabei.

 


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Hamburgerin des Monats: Ana Amil

Ana Amil ist Kulturmanagerin, Stadtteilaktivistin auf St. Pauli und Vorsitzende des „Kabinett der schönen Künste e. V.“ Seit Juli lädt der Verein im frisch sanierten „Teehaus“ in den Großen Wallanlagen zu kostenfreien Veranstaltungen ein

Interview: Markus Gölzer

SZENE HAMBURG: Ana, was ist das „Kabinett der schönen Künste e. V.“?

Ana Amil: Wir sind ein Kultur- und Kunstverein aus St. Pauli, gegründet von Menschen, denen die Kunst und Kultur auf St. Pauli wichtig ist. Daraus sind mehrere Projekte entstanden: das Feminité Museum, Arrivati Onlein und Golden Age Art. Das Feminité Museum ist ein digitales Museum, mit dem wir auch analoge Ausstellungen machen. Wir recherchieren, archivieren und zeigen Kunst, Geschichten und Geschichte von Menschen, die sich weiblich lesen aus 180 Jahren St. Pauli.

Arrivati Onlein ist eine Gabenleine am Arrivati-Park beim Grünen Jäger, die wir da schon seit zwei Jahren hängen haben. Hier kann man kontaktlos spenden. Golden Age Art ist ein Netzwerk von Künstler:innen, die zusammen ausstellen wollen, um weibliche Kunst sichtbarer zu machen. Daraus entstehen weitere Projekte wie das Stadtteil-Fanzine „Der blinde Fleck“. Das Kabinett der schönen Künste ist gemeinnützig, wird von Ehrenamtlichen betrieben und ist fördergeld- und spendenfinanziert.

 

„Ich arbeite und handle inklusiv. Das macht mich aus. Wenn das als stark oder emanzipatorisch interpretiert wird, ist das total in Ordnung“

Ana Amil

 

Du meintest am Telefon, dass du als unbequem giltst. Warum?

(Lacht) Das würde man mir direkt nicht ins Gesicht sagen. Ich bin eine Frau mit migrantischem Hintergrund. Ich habe einen alternativen Lebensstil. Ich bin politisch aktiv: Das sind ja keine populären Attribute. Ich sehe das nicht als Defizit, sondern als Vorteil. Ich lebe, was ich denke und sage.

Ich habe mein Leben und meine Arbeit danach ausgerichtet, dass ich mich für universelle Grundrechte starkmache. Ich arbeite und handle inklusiv. Das macht mich aus. Wenn das als stark oder emanzipatorisch interpretiert wird, ist das total in Ordnung.

Wurdest du schon angefeindet?

Es passiert immer mal wieder, dass ich aufgrund meines Geschlechts und meiner Herkunft Diskriminierung erfahre. Dass ich aufgrund meines nichtdeutschen Nachnamens und meines nichtdeutschen Aussehens beurteilt und oder verurteilt wurde. Ich habe erlebt, dass ich bei Grenzkontrollen im Zug als Einzige im Abteil nach dem Pass gefragt werde. Zu offiziellen Terminen nehme ich meine „männliche Flanke“ mit, damit ich überhaupt als Gesprächspartnerin wahrgenommen werde.

Musstest du beim Bezirksamt Mitte Überzeugungsarbeit leisten, dass ihr Teil des Teehauses werdet?

Nein. Die Idee ist ein generationsübergreifendes, inklusives Projekt mit verschiedenen Gruppen zu starten. Das Bezirksamt ist vor eineinhalb Jahren auf uns zugekommen. Grund war unsere Arbeit mit dem Feminité Museum.

 

18 Weiblichkeiten aus St. Pauli

 

Wir haben eine Ausstellung konzipiert: „18 Weiblichkeiten aus St. Pauli“. Die war online super besucht mit über 20.000 Zugriffen. Dann haben wir mit der Alfred-Toepfer-Stiftung gespro- chen, die die Millerntorwache verwaltet und die Ausstellung dort gezeigt. Ebenfalls ein voller Erfolg. Wir machen auch Diversity-Workshops an Grund- schulen. Das hat sich rumgesprochen. Man will in Hamburg diverser auftreten. Wir freuen uns, dass wir dazu beitragen können.

Was erwartet die Besucher:innen im Teehaus?

Es gibt Ausstellungen, Lesungen, Veranstaltungen wie den „Queer Teadance“, oder einen Plattenflohmarkt mit Musikbingo. Jede:r ist willkommen. Alle Veranstaltungen sind kostenfrei. Wir wollen niedrigschwellig und barrierefrei Kunst und Kultur aus St. Pauli ermöglichen.

Neben Kulturmanagerin und Stadtteilaktivistin bist du überzeugte Kollektivistin.

Alles was ich mache und schaffe, kann ich nur mit anderen Menschen machen. Ich stehe hier, spreche hier und zeige mein Gesicht für ungefähr
25 Menschen, die mir helfen, die mich supporten. Ohne die würde ich das alles nicht schaffen. Wir alle sind Teil dieser Gesellschaft. Ich habe Mitmenschen. Wir sollten miteinander und nicht gegeneinander arbeiten.

Ist es auch mal schwer in einem Kollektiv?

Auf alle Fälle. Das ist schwierig, immer wieder in den Dialog zu gehen. Obwohl ich ein großes Ego habe, muss ich mein Ego bei bestimmten Themen für ein gemeinsames Ziel zurück- zustellen. Aber es geht um eine Hal- tung. Nicht um meine Meinung. Eine Meinung kann man ändern. Eine Haltung nicht. Dazu stehe ich.

 

„Die Stadt ist für alle da“

Ana Amil

 

Welche Veränderungen möchtest du mit deinem Engagement erreichen?

Die Stadt ist für alle da. Es geht mir um echte Inklusion. Wir versuchen immer barrierefrei auszustellen. Ich verstehe nicht, dass man nicht für alle Menschen mitdenkt. Es geht um Teilhabe. Viel mehr Menschen, die das Thema Diversität betrifft, müssten in den Entscheidungsgremien sitzen.

Man muss den Menschen ermöglichen, ein Teil der Stadt zu werden. Es muss Orte geben, an denen alle, die an der Teilhabe behindert werden, mitmachen können. Es muss eine Selbstverständlichkeit werden, zu inkludieren. Für mich ist es wichtig, sichtbar in der Stadt stattzufinden an einem Ort wie Planten un Blomen, um alle Menschen sichtbar zu machen.

Was ist der schönste Lohn für deine ehrenamtlichen Aktivitäten?

Da gibt es so viele. Auf persönlicher Ebene berühren mich die vielen Nachrichten und Anrufe, die ich bekomme. Menschen bedanken sich, dass ich ihnen eine Stimme gebe. Das macht mich glücklich. Ich freu mich über die Wertschätzung von Seite der Stadt. Dass unsere Arbeit für so relevant gehalten wird, dass sie unterstützt wird.

 

Die Gaben-Leine auf St. Pauli

 

Als wir die Gaben-Leine aufgebaut habe in Corona-Zeiten, haben sich jeden Tag Leute persönlich bedankt. Sie meinten, das ist so toll, weil es unangenehm sei, sich in die Schlange bei den Essensausgaben zu stellen. Ich komme jeden Tag vorbei und gucke, ob es hier was gibt. Da merke ich: Da bin ich genau an der richtigen Stelle. Ich frag mich immer. Warum bin ich hier?

Und warum bist du hier?

Das hat mit den Frauen in meiner Familie zu tun. Besonders mit meiner Großmutter. Ich bin halb Portugiesin, halb Spanierin. Meine Großmutter mütterlicherseits aus Portugal, war Analphabetin. Eine arme Familie. Sie hat 14 Kinder geboren, sechs sind gestorben. Auch mein Großvater ist zu früh gestorben, und sie hat die Kinder allein aufgezogen. Kurz bevor sie dann gestorben ist, habe ich sie noch mal gesehen in Portugal. Sie war schon krank, kannte aber alle Namen von ihren Enkeln und Urenkeln dieser riesigen Familie.

Und da hat sie zu mir gesagt: Ich bin so dankbar für alles, was ich erlebt habe. Sie ist in einer Diktatur aufgewachsen unter Salazar. Und ich guck sie an und sehe, wie sie die Dinge gesehen hat. Wie viel Optimismus, Idealismus und Willen sie hatte. Meine Mutter hatte den Mut, Anfang der 70er in ein Land zu gehen, dessen Sprache sie nicht spricht. Und jetzt siehst du mich hier mitten im Teehaus sitzen. Ich habe es leichter gehabt dank dieser starken weiblichen Vorbilder. Da bin ich es schuldig, deren Haltung zu vertreten und zu leben.

Was machst du, wenn du keine Projekte vorantreibst?

Ich laufe Rollschuh und spiele Basketball. Beides total schlecht, aber ich liebe es. Ich gehe auf Ausstellungen und mache Musik. Ich bin unglaublich gern mit meinen vier Patenkindern und zwei Neffen zusammen. Die sind noch nicht so voller Vorurteile, haben einen offenen Geist. Ansonsten genieße ich mein Leben mit meinem Mann Paul und unserem Patenhund Knut. Das Langweiligste für mich wäre ein Strandurlaub.


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Niklas: „Damit entsteht so ein nostalgischer 90s-Vibe“ 

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Für SZENEzeigen fischen wir sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir Niklas begegnet

Protokoll: Katharina Stertzenbach

„Ich bin 30 und arbeite seit mittlerweile sieben Jahren in der „Parzelle“ hier auf St. Pauli. In diesem ausgelassenen Nachtleben auf dem Kiez fühle ich mich wohl. Am besten wäre es, ich könnte hauptberuflich als Barleitung arbeiten, aber das geht nicht. Dafür ist die Arbeit auf dem Kiez einfach zu schlecht bezahlt. Unter der Woche arbeite ich deswegen als Sales Manager bei einem IT-Betrieb. Das ist ein guter Job und von dem Geld kann ich mir mein Leben gut finanzieren. Die Arbeit erfüllt mich nicht, ich bin auch kein Computerfreak, aber kann gut schnacken und das hilft. 

Der Sozialpädagoge hinterm Tresen

Auch bei der Arbeit hinterm Tresen muss man viel schnacken. Doch für den Job in der Parzelle brenne ich tausendmal mehr. Vor allem wegen der Leute. Manchmal siehst du dich in der Kneipe auch selbst als Sozialpädagoge. Wenn die Leute anfangen, dir ihre Probleme und Geschichten zu erzählen oder wenn du Konflikte lösen musst – egal ob verbal oder körperlich. Du wirst immer wieder mit neuen Situationen konfrontiert. Auch deswegen mache ich den Job im Nachtleben so gerne.

Echter 90s-Vibe

Mittlerweile hat sich sogar noch mehr entwickelt. Mit einem unserer DJs habe ich das DJ-Duo Two Solala ins Leben gerufen. Im Moment legen wir hauptsächlich in der Parzelle auf. Wir möchten uns mit der Musik – einem Mix aus Oldschool- und 90er-HipHop – von den Mainstream-Playlisten anderer Läden abheben. Deswegen legen wir auch selbst gebrannte CDs auf und machen die Übergänge zwischen den Tracks selbst. Damit entsteht so ein nostalgischer 90s-Vibe. Und man bleibt immer kreativ. Bei uns gibt es keine computergesteuerte Warteschlange, sondern nur den eigenen Kopf. Wir gucken genau, welche Leute im Laden sind, und reagieren spontan, worauf die Bock haben. Vor Kurzem kam ein Gast aus Berlin in die Parzelle und meinte zu mir: ‚Ey, Alter das hab’ ich seit zehn Jahren nicht mehr gehört.‘ Das ist das schönste Kompliment, das ich als DJ je bekommen habe.“


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Spielbudenfestival

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Die Corny Littmann Stiftung will im Juli mit dem Spielbudenfestival hoch hinaus

Die Corny Littmann Stiftung für Kunst und Kultur präsentierte im Sommer 2021 zum ersten Mal das Spielbudenfestival, ein internationales Festival für Straßentheater. Jetzt gibt es vom 22. bis 24. Juli 2022 die zweite Ausgabe auf dem Spielbudenplatz und die Vorbereitungen laufen auf Hochtouren.

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Beim Spielbudenfestival gibt’s neben Artistik, Zauberei, Comedy und Musik auch allerlei Kuriositäten (Foto: Morris Mac Matzen)

15 verschiedene Acts sind im Juli mit dabei. Darunter Artist:innen, Comedians, Musiker:innen, Zauberkünstler:innen und viele weitere Kuriositäten. Die Als kommen dabei nicht nur aus Deutschland. So reist beispielsweise Jay Che aus Singapur an und bringt das Publikum mit seinem „Ping Pong Circus“ zum Staunen. Natürlich darf mit Cia la Tal auch der Publikumsliebling des vergangenen Sommers nicht fehlen, er reist mit zwei brandneuen Programmen aus Barcelona an. Aber das absolute Highlight ist 2022 die Gruppe Geschwister Weisheit. Seit 1990 bieten sie die größte Hochseilshow Europas. Am Sonntag startet der Tag zudem mit einem ökumenischen Gottesdienst und danach heißt es „Mangel frei“ für den Familienzirkus – moderiert von Konrad Stöckel.

Neben der Kunst gibt es beim Spielbudenfestival natürlich auch alles für das leibliche Wohl.

Das gesamte Festival is auch 2022 kosten- und barrierefrei und freut sich auf Besucher:innen aus der Hansestadt und aus aller Welt.

Spielbudenfestival – die Schau der großen Straßenkünste und Kuriositäten
22. bis 24. Juli auf dem Spielbudenplatz

Landungsbrücken

Wer Landungsbrücken hört, denkt vielleicht an einen Flughafen, doch nicht in Hamburg. Die Hamburger Landungsbrücken sind das Tor zum Hafen, voller Historie und Möglichkeiten

Text: Felix Willeke

Nicht ganz 700 Meter lang, sechs Pontons und neun Brücken, das sind die Hamburger Landungsbrücken im Stadtteil St. Pauli. Der Name entstammt der Funktion als Anlegestelle für kleine und große Schiffe. Gebaut wurden die Landungsbrücken 1839. Legten hier früher Überseedampfer an und ab sind sie heute ein Hotspot für Touristen und Hamburger:innen.

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Die Fähre 72 fährt von den Landungsbrücken zur Elbphilharmonie, alles in Sichweite (Foto: medaiserver.hamburg.de/Andreas Vallbracht)

Die Geschichte

Im 19. Jahrhundert veränderte sich der Handel grundlegend. Verfügte Hamburg bis dahin noch über ein kleineres Hafenbecken – gelegen in der Nähe der heutigen U-Bahn-Station Baumwall –, so musste der Hafen aufgrund der immer größeren Schiffe in dieser Zeit erweitert werden. Im Zuge dessen legte man am Hamburger Berg, dem heutigen Stadtteil St. Pauli, einen eigenen Hafen für kohlebetriebene Dampfschiffe an. Genau an dieser Stelle wurden Ende der 1830er-Jahre die Landungsbrücken erreichtet.

Die Ära der Dampfschiffe

Nach einem Umbau von 1907 bis 1909 wurde der Anleger fortan meist für Linienschiffe der HAPAG-Reederei – aus der später die Hapag-Lloyd-Reederei mit Hauptsitz an der Alster hervorging – genutzt. Darunter die Kaiserin Auguste Viktoria, diese war bei Stapellauf im Jahr 1905 kurzzeitig das größte Schiff der Welt und pendelte unter anderem von Hamburg nach New York. Bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges im Jahr 1914 gab es damit einen regen und internationalen Schiffsverkehr mit dem Start an den Landungsbrücken.

Krieg und Wiederaufbau

Die Nationalsozialisten planten in der NS-Zeit westlich von den Landungsbrücken repräsentative Bauten, darunter eine Brücke über die Elbe. Dann begann der zweite Weltkrieg und im Zuge dessen wurde der bedeutsame Hamburger Hafen und damit auch die angrenzenden Landungsbrücken weitgehend zerstört. Der Wiederaufbau begann 1953 und dauert rund zwei Jahre. Damit sahen die Landungsbrücken aber noch nicht so aus, wie Gäste sie heute kennen. Der neuste Abschnitt ist der zwischen Brücke zwei und drei. Dieser wurde erst 1976 wieder aufgebaut.

Der Alte Elbtunnel

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2026 sollen die Renovierungsarbeiten abgeschlossen sein, dann ist der Alte Elbtunnel wieder komplett nutzbar (Foto: Mediaserver Hamburg/Ingo Boelter)

Was heute eine denkmalgeschützte Touristenattraktion ist, war zur Zeit seines Baus eine Sensation: Der Alte Elbtunnel. 448 Meter lang (die Röhren jeweils 426 Meter) liegt der Tunnel mit seinen sechs Metern Röhrenhöhe rund 24 Meter tief unter der Wasseroberfläche. Gebaut wurde er ab 1907. Er war nötig, weil die Hafenarbeiter im Winter bei zugefrorener Elbe oder bei Nebel nur schwer zu den Werften kamen und die Fährschiffe entlastetet werden sollten. Nachdem man sich gegen eine Brücke entscheiden hatte, begann man im Schildvortriebverfahren die beiden Röhren zu bauen. 1911 war der Tunnel fertig.

Auch wenn er heute dank des neuen Elbtunnels bei Övelgönne an verkehrstechnischer Bedeutung verloren hat, ist er einer der größten Attraktionen an den Landungsbrücken. Seit 1995 läuft die Sanierung und seit 2003 steht er unter Denkmalschutz. Die komplette Wiedereröffnung ist für 2026 geplant. So lange bleibt Hamburger:innen und Gästen weiterhin nur eine Röhre des historischen Bauwerkes indem viele im Sommer nach Schatten und Abkühlung suchen. 

Hafen in Sicht

Die Landungsbrücken sind weltweit vielleicht einzigartig. Wohl nirgendwo sonst hat man einen so guten Blick auf einen der größten Häfen der Welt – Hamburg ist nach Containerumschlag weltweit auf Rang 17 und in Europa auf Rang drei. Am besten genießt man diesen Blick natürlich von oben. Dafür eigenen sich besonders gut dich Dachterrassen an den Landungsbrücken. Neben dem Blockbräu, einem alteingesessenen Brauhaus, bietet auch das Hard Rock Cafe Hamburg auf seiner Terrasse einen wunderbaren Blick auf den Hafen.

Blohm+ Voss

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Musik in Werftatmosphäre, das gibt’s nur beim Elbjazz bei Blohm+Voss (Foto: Mediaserver Hamburg/Jörg Modrow)

Schaut man nur einmal quer über die Elbe, bleibt der Blick schnell an den zwei großen Docks hängen. Dem Dock 11 und dem Dock Elbe 17. Beide gehören zur Traditionswerft Blohm + Voss, die mittlerweile zur Lürssen Werftgruppe gehört. Dock 11 ist dabei eines der größten Schwimmdocks Europas. Für Reparatur- und Wartungsarbeiten an Schiffen wird dies abgesengt, das Schiff fährt hinein und die Ballasttanks pumpen das Wasser raus und das Dock schwimmt auf. Das Dock Elbe 17 hingegen ist ein Trockendock so groß, dass es als eines der wenigen Schiffe wie die Kreuzfahrer Quantum of the Seas oder Queen Mary 2 fassen. Wurden bei Blohm + Voss früher große Schiffe wie der Segler Peking (heute im deutschen Hafenmuseum in Hamburg zu besichtigen), die Gorch Fock und das Kriegsschiff Bismarck gebaut, ist die Werft heute auf Reparatur- und Wartungsarbeiten und den Bau von Spezialschiffen und Privatjachten spezialisiert.

Einmal im Jahr findet zudem auf dem Werftgelände das Elbjazz statt. Auf drei großen Bühnen gibt es dann Jazz in ganz besonderer Atmosphäre.

Schiffe

Die St. Pauli Landungsbrücken sind nicht nur das Tor zum Hamburger Hafen, hier kann man vor allem bestens Schiffe gucken. Wer jedoch auf die großen Containerriesen wartet, wartet vergebens. Wer an den Landungsbrücken steht, wartet jedoch vergeblich auf eine Vorbeifahrt der Riesen, da die Elbe hier nicht tief genug ist und aufgrund des Alten Elbtunnels auch nicht weiter ausgebaggert werden darf. Was es jedoch gibt, sind historisch bedeutsame Schiffe.

Rickmer Rickmers

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Die Rickmer Rickmers ist das älteste Museumsschiff in der Nähe der Landungsbrücken (Foto: Mediaserver Hamburg/ThisIsJuliaPhotography)

Das älteste der historischen Schiffe ist die Rickmer Rickmers. 1896 in Bremerhaven vom Stapel gelaufen war sie anfangs als weltweit als Transportschiff unterwegs. Später wurde es hauptsächlich auf der Route zwischen Europa und Chile und zurück für den Transport von Kohle und Salpeter eingesetzt. Von 1924 bis 1962 diente es der portugiesischen Marine als Segelschulschiff und liegt seit 1983 als Museumsschiff im Hamburger Hafen. Heute gibt es hier eine Dauerausstellung und immer wieder wechselnde Ausstellungen sowie ein Restaurant an Bord. Die ganz Wagemutigen klettern bei gutem Wetter in die Masten, hier betreibt Schnustracks-Kletterparks einen kleinen Kletterparcours.

Feuerschiff

Lange nicht so auffällig wie die Rickmer Rickmers, weil nicht einmal halb so groß ist das alte Feuerschiff. Was heute ein Restaurant ist, war früher eine Navigationshilfe für Schiffe. Gebaut 1952 war das Feuerschiff im Osten Großbritanniens im Einsatz und warten Schiffe vor untiefen in Flussmündungen wie der Themse. Seit 1989 liegt das Schiff im Hamburger Hafen und wird mittlerweile auch als Hotel genutzt.

Cap San Diego

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Die Cap San Diego im Hintergrund ist der größte fahrtüchtige Museumsfrachter der Welt (Foto: Mediaserver Hamburg/Jörg Modrow)

Das jüngste der drei historischen Schiffe ist auch gleichzeitig das Größte. Die Cap San Diego wurde 1961 in Hamburg-Finkenwerder gebaut und war als Stückgutfrachter auf der Route nach Südamerika im Einsatz. Mit seinen fast 160 Metern Länge ist es das einzig fahrtüchtige Museumsschiff an den Landungsbrücken und gleichzeitig der größte fahrtüchtige Museumsfrachter der Welt. Mehrmals im Jahr können Gäste mit dem Frachter auf Fahrt gehen, darunter zur Ein- und Auslaufparade anlässlich des Hamburger Hafengeburtstages. Außerdem beherbergt das Schiff ein kleines Hotel und ein Museum.

Landungsbrücken heute

Waren die Landungsbrücken früher ein großes Fährterminal, legt hier heute nur noch der Halunder Jet zur Fahrt auf Hohe See ab – täglich bringt er Gäste auf Deutschlands einzige Hochseeinsel nach Helgoland. Ansonsten sind es die Hafenfähren, großen Hafenrundfahrtschiffe und Barkassen, die hier an und Ablegen. Besonders die Hafenrundfahrten stehen dabei bei vielen hoch im Kurs. Mit den kleinen Barkassen geht es dabei durch die Speicherstadt und mit den größeren Schiffen zu den großen Containerterminals.

Fähre fahren

Hamburg hat einen großen Hafen und dieser lässt sich natürlich am besten vom Wasser aus entdecken. Während viele Gäste an den Landungsbrücken deswegen zur Hafenrundfahrt aufbrechen, gibt es auch die Hafenfähren, die einen Blick auf Containerriesen ermöglichen. Dabei ist der Trip mit der Fähre 62 schon lange kein Geheimtipp mehr. Einfach mit einer Tageskarte auf das Schiff in Richtung Finkenwerder steigen und in knapp einer Stunde für Hin- und Rückfahrt alles von Containerschiffen, Kreuzfahrern bis zum Elbstrand alles im Blick haben.

Essen

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Keine Besuch an den Landungsbrücken ohne Fischbrötchen (Foto: Jana Belmann)

Und wenn man wieder zurück ist, kommt der Hunger. Mittlerweile sind die Landungsbrücken ohne ihre unzähligen Buden und kleinen Lokale undenkbar. Denn von den großen Restaurants mit dem Hard Rock Cafe und dem Blockbräu gibt es bis zur Pommes auf die Hand (Vorsicht vor gierigen Möwen) fast alles. Besonders lecker ist es dabei an der Brücke 10 und bei Underdocks. Brücke 10 ist seit Jahren DER Anlaufpunkt für gute Fischbrötchen, ohne dabei eine Touristenfalle zu sein. Mittlerweile haben sie auf der anderen Elbseite am Ausgang des Alten Elbtunnel einen zweiten Standort eröffnet. Wer jedoch mehr will als klassische Fischbrötchen, sollte zu Underdocks gehen. Hier wird der Klassiker neu interpretiert, lecker!

Welche Hafenrundfahrt in Hamburg ist die beste?

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Auf Hafenrundfahrt geht es vorbei an den Containerriesen (Foto: medaiserver.hamburg.de/Andreas Vallbracht)

Was die beste Hafenrundfahrt ist, muss jeder selbst entscheiden. Steht man auf die großen Schiffe, sollte man eine der großen Hafenrundfahrten machen. Hat man mehr Lust auf Geschichte, bietet sich die Barkassenfahrt durch die Speicherstadt an. Sparfüchse kommen bei der Fahrt mit den Fähren 72, 73 und 62 auf ihre Kosten. Dafür gibt es aber keine Moderation. Vereinzelt werden auch alternative Hafenrundfahrten zu Themen wie Kolonialgeschichte angeboten.

Was versteht man unter Hafenrundfahrt?

Eine Hafenrundfahrt in Hamburg ist eine Schiffsfahrt durch Bereiche des Hamburger Hafens. Dazu gehören neben den Containerterminals und Werften auch die Speicherstadt, die allerdings nicht von allen Schiffen durchfahren wird. Während der klassischen Hafenrundfahrt gibt es einen Moderator, der Fakten, Wissenswertes und Seemannsgarn über den Hamburger Hafen zum Besten gibt.

Wie viel kostet eine Hafenrundfahrt in Hamburg?

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Bei Flut führen einige Hafenrundfahrten auch durch die Speicherstadt (Foto: Mediaserver Hamburg/Jörg Modrow)

Eine Hafenrundfahrt kostet zwischen 3,50 Euro für die einfache Fährfahrt von den Landungsbrücken nach Finkenwerder und über 30 Euro für XXL-Rundfahrten oder Hafenrundfahrten mit Party wie bei Olivia Jones.

Wo startet die Hafenrundfahrt Hamburg?

Fast alle Hafenrundfahrten starten unweit der Landungsbrücken oder direkt vor Ort. An den Landungsbrücken starten zumeist die großen Schiffe, während viele Barkassen im Sportboothafen zwischen Cap San Diego und Feuerschiff ablegen.


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Unsere Lieblingssommer-Spots

Manche zieht es ans Wasser, andere auf heißen Beton: SZENE HAMBURG-Autor:innen erzählen, wo sie sich an Sommertagen gerne aufhalten

Texte: SZENE-Redaktion

Heiligengeistfeld

„Wenn sich die Sonne langsam hinter den grauen Betonwänden des Bunkers herabsenkt, schimmert das Heiligengeistfeld so schön orangefarben.“

Anna Meinke, SZENE-Autorin
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Nicht immer ist so wenig los an warmen Tagen: Heiligengeistfeld (Foto: Erik Brandt-Höge)

Im Sommer, wenn sich die Mittagshitze zwischen den hohen Altbauten der Stadt nur so zu stauen scheint, weht auf dem Heiligengeistfeld stets ein frischer Wind. Dann hocke ich im Schatten der Stromkästen auf dem von der Sonne aufgeheizten Asphalt, und atme durch. Hunderte Menschen tun es mir gleich. In kleinen Grüppchen sitzen sie da. Wenn ich in die Sonne blinzele, erkenne ich sie, wie Farbtupfer auf dem harten Grau. Das muss schön von oben aussehen, denke ich.

Um mich herum höre ich das raue Tönen der Skateboards, irgendwo weiter hinten läuft Musik. Es ist nie laut hier, immer irgendwie angenehm ruhig. In der Weite des Feldes verschwimmen die Geräusche, und was bleibt ist nur ein Flimmern von Stimmen. Das Stimmenflimmern wird zum Sonnenflimmern. Die Hitze wird hier sichtbar, wenn sie sich in gleißenden Wellen über den Asphalt streckt – und trotzdem, zu heiß wird es mir nicht. Ich entfliehe der Enge der Stadt.

Wenn sich die Sonne langsam hinter den grauen Betonwänden des Bunkers herabsenkt, schimmert das Heiligengeistfeld so schön orangefarben. Die letzten Reste der Hitze zersetzen sich in der Abendsonne, legen sich nieder auf dem nun angenehm warmen Boden. Langsam schlendere ich auf dem Feld in Richtung Reeperbahn. Skater, Leute auf Fahrrädern, Rollschuhen oder mit Drachen kreuzen meinen Weg. Hier muss man immer aufmerksam sein. Ich bahne mir meinen Weg durch die rollenden Massen. Mit jedem kühlen Windstoß verblasst der Tag ein wenig mehr, und die letzten Sonnenstrahlen scheinen auf mein Gesicht.

Stuhlmannbrunnen

„Wer nah ran geht, erlebt eine angenehme, kleine Erfrischung. Am liebsten betrachte ich dieses zehn mal 20 Meter große Schauspiel von der direkt an den Brunnen angrenzenden Wiese.“

Erik Brandt-Höge, SZENE-Redakteur
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Plitsch, platsch: Nicht viele Krokodile können behaupten, eine beruhigende Wirkung zu haben (Foto: Erik Brandt-Höge)

Der Weg vom Bahnhof Altona zum Platz der Republik ist ein steiniger. Ja, auch buchstäblich, höhö. Was ich jedoch meine, ist der Stadtstress, der sich auf den paar hundert Metern zwischen Busabfahrten und sattgrüner Liegewiese ballt. Wem man hier auch begegnet: Die Leute sind in Eile, der Zeitdruck, der nächste unangenehme Termin, die Überstunden stehen ihnen auf die Stirnen geschrieben. Viele fröhliche Gesichter sieht man nicht. Bis zum Platz der Republik.

Da hocken Pärchen, Jugendcliquen und Familien ganz entspannt herum, auf Bänken, dem Rasen oder – für viele Kinder am interessantesten – auf den Mauern rund um den Stuhlmannbrunnen. Darin kämpfen zwei Zentauren mit einem Fisch und verspritzen dabei ziemlich viel Wasser. Wer nah ran geht, erlebt eine angenehme, kleine Erfrischung. Am liebsten betrachte ich dieses zehn mal 20 Meter große Schauspiel von der erwähnten, direkt an den Brunnen angrenzenden Wiese. Die Wasserspiele haben von da aus eine ziemlich beruhigende Wirkung. Braucht man ja auch nach dem Weg.

Metropolis Kino

„Wer bekannte und unbekannte Meisterwerke auf der großen Leinwand erleben und zugleich der überhitzten Realität entkommen möchte, ist im Metropolis genau richtig!“

Marco Arellano Gomes, SZENE-Redakteur
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Das Metropolis Kino bietet angenehme Temperaturen und großartige Filme (Foto: Jann Wilken)

Zugegeben: Dieser Hotspot ist eher ein Cool-Spot. Satte zwei Etagen geht es hinunter, ehe man den schattig-kühlen Kinosaal des Metropolis erreicht. Die vielen Treppen hinab lohnen sich aber, denn hier unten im zweiten Untergeschoss gibt es nicht nur einen gut gelüfteten, mit 24 Grad Celsius angenehm temperierten, nicht überfüllten Kinoraum, sondern eine Etage höher auch eine atmosphärische, dezent beleuchtete Bar mit kühlen Getränken und jeder Menge Knabberzeug. Das erfrischt und stärkt einen – insbesondere an heißen Sommertagen.

Doch das Beste gibt es im wunderschönen, historisch gestalteten Kinosaal: Filme mit Tiefgang – von Fellini über Bergman bis Kubrick. Wer bekannte und unbekannte Meisterwerke auf der großen Leinwand erleben und zugleich der überhitzten Realität entkommen möchte, ist im Metropolis genau richtig!

Das Sommerprogramm sieht für den Juli eine Antikriegsreihe mit dem Titel „Make Peace Not War“ vor, bei der unter anderem die Filme „Die Brücke“ und „Schindlers Liste“ laufen. Zudem gibt es eine Reihe zum Modeschöpfer Tom Ford. Dieses Kino – so viel wird klar – bietet einzigartige thematische Zeitreisen, ohne auf modernste Technik zu verzichten. Da es so zentral liegt, bietet sich im Anschluss ein Spaziergang in eines der nahe gelegenen Restaurants oder durch Planten un Blomen oder die Innenstadt an – erfrischt und inspiriert statt platt und satt.

Fischmarkt

„Wenn es uns an unserem Schattenplatz doch zu kühl wird, setzen wir uns oft vor die Fischauktionshalle, direkt in die Sonne und genießen die letzten warmen Strahlen.“

Annarhea Stoffel, SZENE-Autorin
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Schattenplätze mit Top-Ausblick gibt es einige am Fischmarkt (Foto: Anarhea Stoffel)

Die Tage werden länger, das Wetter wärmer, da heißt es für mich: Endlich wieder runter zum Hafen fahren! Hamburg ist vor allem im Sommer immer gut besucht, da habe ich oft keine Lust auf große Menschenmengen, Gedränge und lange in der Sonne herumstehen. Umso schöner ist es dann abends am Fischmarkt.

Da ist zwar auch immer einiges los, unter der Terrasse des Hamburger Elbspeichers hat man aber meist gute Chancen auf einen ruhigen Platz an der Mauer. Vorher hole ich mir mit Freunden eine Limo oder ein Bier am Kiosk. Manchmal haben wir auch Lust auf ein Fischbrötchen vom Lütt & Lecker auf der anderen Straßenseite. Dann sind wir perfekt ausgerüstet und es kann losgehen, auf zum Wasser. Auch bei ganz heißen Temperaturen weht hier noch ein frischer Wind vom Hafen herüber. Und schattig ist der Platz unter der Terrasse auch, es lässt sich also super aushalten.

Wenn es uns an unserem Schattenplatz doch zu kühl wird, setzen wir uns oft vor die Fischauktionshalle, direkt in die Sonne und genießen die letzten warmen Strahlen. Da vergehen die Stunden ganz schnell, während man auf den weiten Hafen hinausschaut und das Treiben an den Docks beobachtet. Hin und wieder fährt ein riesiges Containerschiff vorbei, Richtung Meer in die weite Welt hinaus und ich frage mich, wo es wohl als nächstes anlegen wird.

Haynspark

„Mit Freunden packe ich gegen Feierabend gerne die Picknickdecke aus und genieße ein Bier auf der Wiese.“

Katharina Stertzenbach, SZENE-Volontärin
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Augenweide: Blick vom Haynspark auf die Alster (Foto: Erik Brandt-Höge)

Sommer ist, wenn ich wieder einen ganzen Tag im Haynspark verbringen kann. Bei der Joggingrunde am frühen Morgen ist das grüne Areal zwischen Eppendorfer Landstraße und Alster noch nahezu menschenleer, und ich genieße die Ruhe beim Sport. Gegen Mittag wird es schon voller und der Haynspark zum Treffpunkt für Familien, Stand-Up-Paddler, Schlauchbootbesitzer und Grillfans. Ein bunt gemischter Haufen, und das nicht bloß an Land.

Wer Lust auf eine Abkühlung hat, nutzt einen Wasserzugang und geht plantschen. Mit Freunden packe ich gegen Feierabend gerne die Picknickdecke aus und genieße ein Feierabendbier auf der Wiese. Manchmal treffen wir auch uns am historischen Pavillon, wo wir zu Live-Musik, die dort immer wieder ganz verschiedene Künstler spielen, schon viel getanzt und gefeiert haben. Auf die Anwohner haben wir dabei natürlich stets Rücksicht genommen.


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Schlager, move!

Corona ist „vorbei“ und der Schlagermove kehrt zurück. Am ersten Juliwochenende ist der Kiez wieder voll von kotzenden Prilblumen und schlechter Musik. Das zerstört den Stadtteil, eine Lösung muss her – ein Kommentar

Kommentar: Felix Willeke

Auf St. Pauli ist es DAS Wochenende. Nein, es geht weder um Fußball noch um ein hochkulturelles Highlight. Es ist das Wochenende, an dem einer der beliebtesten Stadtteile Hamburgs komplett durchdreht und das nur bedingt freiwillig: Es ist Schlagermove.

Man kann von dieser Veranstaltung halten, was man will. Nicht jedem gefallen die Lieder von Costa Cordalis oder Jürgen Drews und die Klischee-Bilder von kotzenden Menschen in Schlaghosen sind schon zu oft wiederholt worden. Fest steht: An diesem Wochenende kommen voraussichtlich über 300.000 Menschen nach St. Pauli. Das sind 15-mal mehr Menschen, als hier wohnen und genau da liegt das Problem: Diese Festivalisierung lässt den Stadtteil ausbluten.

St. Pauli: Der Eventstadtteil

Wir alle kennen den Kiez und wissen, wie sehr er in den letzten Jahren zur Ballermann-Amüsiermeile geworden ist. Neben den ganzen Touris kommt dazu, dass fast alle großen Events in Hamburg auf St. Pauli stattfinden: Seien es Marathon und Triathlon, die ihre Strecken über Kiez und am Hafenrand entlangführen, alle zwei Jahre ein Fanfest zu WM und EM und dreimal im Jahr der Dom auf dem Heiligengeistfeld. Und an diesem Wochenende eben der Schlagermove, der aus dem Kiez einen riesigen Open-Air-Bierkönig macht.

„Der Kiez wird ein riesiger Open-Air-Bierkönig“

Felix Willeke

Während das Partyvolk – von dem ein nicht unwesentlicher Teil von außerhalb anreist – über die Reeperbahn zieht, überlegen sich mutmaßlich deutlich mehr Menschen Vermeidungsstrategien. Für viele St. Paulianer:innen heißt es: Weg aus meinem Stadtteil und viele Hamburger:innen meiden das Gebiet um Kiez und Hafenrand am Samstag wie die Pril-Blume die Versenkung. Muss das sein?

Profit vs. Stadtteil

Bei der Antwort lohnt der Blick auf die Politik. Hamburgs Strategie für die Zukunft ist die Stärkung des Tourismus und der Schlagermove ist ein wahres Party-Flaggschiff. Schließlich spült er pro Jahr rund 250.000 Euro Tourismussteuer in die Kassen. Dazu kommt, dass die Hotels genau an diesem Wochenende die Preise erhöhen wie zu Zeiten des Hafengeburtstags oder während der großen Messen. Der Profit ist zweifelsohne da. Er geht aber ganz klar zulasten des Stadtteils.

Der SPD-Politiker Arik Willner sagte 2018 der Welt, dass „St. Pauli ein realer Stadtteil mit realen Bewohnern ist und keine Disney-Kulisse.“ Wahre Worte. Doch diese Stimme verhallt ungehört, denn in diesem Jahr „nach“ Corona wollen alle wieder feiern und die Strategie der Stadt für St. Pauli lautet scheinbar: „Den Kiez-Kult melken, bis er ausblutet.“ Doch wenn das passiert und die Großveranstaltungen dem Stadtteil endgültig den Garaus machen, können wir bald Eintritt für den Vergnügungspark verlangen. Die Menschen, die den Kiez „kultig“ machen, sind dann nämlich längst verschwunden.

Verlegt den Schlagermove!

Was tun? Die Antwort auf diese Frage soll nicht lauten, den Schlagermove zu streichen. Die Lösung ist die Verlegung der Veranstaltung. Das hat schon bei den Harley Days gut funktioniert, die mittlerweile am Großmarkt stattfinden. Für den Schlagermove wäre diese Fläche sicherlich zu klein. Hier müsste man über andere Orte nachdenken.

„Die Antwort ist nicht: Nie mehr Schlagermove“

Felix Willeke

Wie wäre es zum Beispiel mit dem Elbdeich in Wilhelmsburg, hier gibt es Platz, es ist weit genug von Wohnungen entfernt, sodass der Lärmschutz weniger eine Rolle spielt. Alternativ wäre zukünftige auch der kleine Grasbrook denkbar, hier sollen zwar irgendwann einmal Menschen wohnen, aber bis dahin könnte man die entstehende Brache prima als Eventfläche nutzen. Und dann ist da noch Billwerder-Moorfleet: Ein Gebiet voller Industrie, wenig Wohnraum und mit viel Platz. Das Festivalzentrum könnte man hier zum Beispiel bestens auf dem riesigen Parkplatz vor IKEA einrichten, mit sechs Kilometern wäre die Strecke für die Trucks sogar doppelt so lang wie bisher und wenn einmal die Schlickdeponie Feldhofe nicht mehr gebraucht wird, gibt es sogar noch mehr Platz.

Alles Ideen, über die man nachdenken könnte. Für 2022 ist das allerdings zu spät und kommendes Wochenende werden sich wieder Horden in schwitzigen und zu engen Schlaghosen über den Kiez schieben. Vielen St. Paulianer:innen bleibt dann nur die Flucht an den schattigen Alsterlauf, zum gemütlichen Bier in die Strandperle oder sie genießen die Vorzüge des Neun-Euro-Tickets. In diesem Sinne: Hossa!


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St. Pauli

Über kaum einen Hamburger Stadtteil gibt es so viele Geschichten und kaum einer wird so oft besucht wie St. Pauli. Kein Wunder, schließlich gibt es zwischen Elbe und Messe auch viel zu entdecken

Text: Felix Willeke

Etwas mehr als 20.000 Einwohner:innen und rund 2 Quadratkilometer groß. Das sind die nackten Zahlen. Doch St. Pauli ist mehr als Zahlen: Hier gibt es Kultur, Party, Fußball, maritimes und es ist überraschend grün. Kurzum, St. Pauli ist die Vielfalt Hamburgs in einem Stadtteil. Wir begeben uns auf eine Reise durch die ehemalige Hamburger Vorstadt, die ihrer Lage zwischen Dänemark und Hamburg ihre Einzigartigkeit verdankt. Dabei gucken wir über die Landungsbrücken hinweg auf den Kiez und hoch bis zum Hamburger Fernsehturm.

Landungsbrücken

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Von der Dachterrasse des Blockbräu hat man den vielleicht schönsten Blick auf die Landungsbrücken (Foto: Blockbräu )

„An den Landungsbrücken raus, dieses Bild verdient Applaus“, so eine Liedzeile der Hamburger Band Kettcar. Nicht nur gehört „Landungsbrücken raus“ seit 2002 zu einem der beliebtesten Lieder der Band, es trifft auch den Nagel auf den Kopf. „Na dann herzlich Willkommen Zuhaus“, heißt es weiter und für viele sind die Landungsbrücken das Symbol Hamburgs und der eigenen Heimat. Seit 1839 legen hier Schiffe an. Waren es früher die großen Überseelinien, sind es heute Hafenfähren und Hafenrundfahrtschiffe. Darüber hinaus bringt der Holunder Jet seine Gäste noch heute von den Landungsbrücken aus auf Deutschlands einzige Hochseeinsel, nach Helgoland

Wer im Sommer an den Landungsbrücken entlang schlendert sieht Einheimische, Touristen, Kreuzfahrtschiffe und viel Hamburger Geschichte. 

Alter Elbtunnel

Eines der berühmtesten historischen Bauwerke am und unterm Hamburger Hafen ist der Alte Elbtunnel. Von 1907 bis 1911 baute Otto Stockhausen die erste Unterquerung der Elbe. Damals sollte der Elbtunnel die Werften im Hamburger Hafen besser anbinden und besonders im Winter, wenn die Fähren wegen Eis auf der Elbe nicht fahren konnten, den Weg zu Arbeit erleichtern. Heute ist der fast 500 Meter lange und 24 Meter unter der Wasseroberfläche gelegene Tunnel denkmalgeschützt und im Sommer angenehm kühl. Aktuell fahren wegen Renovierungsarbeiten keine Autos durch den Tunnel, für Radfahrer:innen und Fußgänger:innen ist er jedoch täglich (außer zu Silvester) und rund um die Uhr geöffnet.

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Schon längst ein Denkmal: der Alte Elbtunnel (Foto: Mediaserver Hamburg/ThisIsJuliaPhotography)

Auf dem Weg zum Kiez

Von den Landungsbrücken geht es 70 Stufen über die Willy-Bartels-Treppe nach oben und direkt unter dem ikonischen Hotel Hafen Hamburg hat man einen der besten Blicke auf den Hafen, die Docks bei Blohm&Voss und die Musicaltheater auf der anderen Elbseite. Geht man weiter, vorbei am Tropeninstitut, sind es nur wenige Meter und schon steht man auf der berühmten Davidstraße, dem Eingang zum Kiez und dem Herz von St. Pauli. 

Kiez

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Das Molotowcocktail ist einer der bekanntesten Musikklubs auf St. Pauli (Foto: Alexander Schliephake)

Der Kiez ist das Partyzentrum der Stadt. Rund um die Reeperbahn gibt es rund 500 Kneipen – darunter die Ritze und das La Paloma –, Bars und Clubs, rund zehn kleine und große Konzertsäle, sechs Theater und etliche Bordelle. Ein Schmelztiegel von Kultur, Party und vielen Events. Neben dem Schlagermove gibt es jährlich den St. Pauli Weihnachtsmarkt „Santa Pauli“ und das Reeperbahnfestival. Darüber hinaus hält sich seit dem 19. Jahrhundert eine Tradition: die offene Straßenprostitution.

Sex

Die berühmte Herbertstraße zweigt kurz nach dem Hafenrand von der Davidstraße ab und ist der Anfang der Zone, in der jeden Abend von 20 Uhr bis 6 Uhr morgens Prostituierte um Freier werben. Prostitution ist seit 2002 in Deutschland nicht mehr sittenwidrig und hat auf dem Kiez eine lange Tradition.

Schon im 19. Jahrhundert kamen die Matrosen aus dem Hafen, um die Dienste der Damen in Anspruch zu nehmen. Zu dieser Zeit wurde auch die Herbertstraße gebaut und ist seitdem ein Symbol der Prostitution in Hamburg. Auch die Nationalsozialisten schafften es nicht, ihr Verbot von Prostitution hier durchzusetzen – sie verbarrikadierten die Herbertstraße lediglich mit einem Sichtschutz, den es heute noch gibt. Aktuell gibt es auf St. Pauli immer weniger Bordelle, die Szene der käuflichen Liebe hat sich in andere Teile der Stadt verlagert, doch die Straßenprostitution ist nach wie vor ein Teil des Kiezes. 

„Ich bin zwar in Liverpool geboren, doch erwachsen wurde ich in Hamburg.“

angeblich John Lennon

Davidwache und Großstadtrevier

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Legendär: Der Weihnachtsmarkt auf St. Pauli „Santa Pauli“ (Foto: Mediaserver Hamburg)

Eines der berühmtesten Gebäude auf der Reeperbahn ist die Davidwache. Das kleine Backsteinhaus wurde vom Hamburger Architekten Fritz Schumacher erdacht und beherbergt das wohl bekannteste Polizeirevier der Stadt. Mit nur 0,935 Quadratkilometern hat die Davidwache den kleinsten Zuständigkeitsbereich in ganz Europa, aber genug zu tun. Viele verbinden mit der Wache nicht nur Kriminalität, sondern auch berühmte Serien wie Notruf Hafenkante, den Tatort – obwohl hier nie für den Tatort gedreht wurde – und das Großstadtrevier mit Jan Fedder. Seit 1986 gibt es die Vorabendserie um den mittlerweile verstorbenen Hamburger Kult-Schauspieler. Gedreht wurden die Szenen auf einer fiktiven Wache in der Innenstadt und in Hamburg-Altona, seit 2019 steht „die Wache“ im Studio Hamburg im Stadtteil Tonndorf. Doch auf dem Kiez ist das Großstadtrevier immer wieder zu Gast und auch die Davidwache wird von Zeit zu Zeit als Drehort genutzt. 

Kultur

Doch das der Kiez viel mehr ist als Sex und Party zeigen zwei Namen: Ernst Drucker und Corny Littmann. Ernst Drucker übernahm 1884 das später nach ihm benannte Theater direkt neben der Davidwache. Heute ist das Haus unter dem Namen St. Pauli Theater bekannt. Die Nationalsozialisten strichen den Namen des Juden Ernst Drucker in den 1930er Jahren, heute trägt das St. Pauli Theater wieder den Beinamen seines ehemaligen Leiters und ist eines der schönsten Privattheater der Stadt.

Direkt daneben befindet sich das Schmidts Tivoli. Es ist neben dem Schmidtchen und dem Schmidt Theater Teil des Lebenswerks von Corny Littmann. Der Schauspieler und Regisseur eröffnete am 8.8.1988 mit dem Schmidt Theater das erste Haus. Damals wie heute erhalten seine Theater keinen Cent öffentliche Förderung. Waren sich zur Eröffnung viele sicher, Littmanns Konzept würde keine drei Monate überleben, sind er und seine drei Theater heute prägend für Hamburgs Theater-, Comedy- und Musicalszene. In vielen Shows wie der Schmidt Mitternachtsshow machten bekannte Größen wie Olivia Jones, Lilo Wanders, Wolfgang Trepper und Kay Ray ihre ersten Schritte auf Hamburgs Bühnen.

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Eine Institution: das Schmidts Tivoli (Foto: Mediaserver Hamburg/ThisIsJulia Photography)

FC St. Pauli

Nur rund zehn Minuten zu Fuß von der Davidwache entfernt steht das Millerntor-Stadion, das Stadion des FC St. Pauli. Auch wenn der Verein seit Jahren in der 2. Bundesliga spielt, hat er weltweit Sympathisanten: Es gibt Fanclubs in den USA, Mexico, Indien und sogar auf Grönland. Und so verwundert es nur wenig, dass das Stadion mit seinen knapp 30.000 Plätzen bei fast jedem Heimspiel ausverkauft ist. War der Verein noch bis in die 1980er-Jahre ein klassischer Arbeiterverein, entdeckte ihn nach und nach die linke Szene für sich. Angetrieben von den Hausbesetzer:innen der Hafenstraße wandelte sich das Publikum und 1987 brachte „Doc Mabuse“ erstmals den Jolly Roger mit ins Stadion. Der Totenkopf ist bis heute das Symbol des Vereins und auch im St. Pauli Fanshop überall zu finden. 

1988 schrieb das Hamburger Abendblatt: „Der FC St. Pauli ist mehr als Fußball“ und das gilt bis heute. So setzt sich der Verein mit den Kiezhelden für Soziale Projekte ein, schrieb als einer der ersten Deutschen Profiklubs ein Verbot von Homophobie, Sexismus und Rassismus in seine Stadionordnung und mit Benjamin Adrion gründete ein ehemaliger Spieler die Non-Profit Organisation Viva con Agua. 

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Einmal im Jahr gibt es im Millerntor Stadion Kunst statt Fußball: Bei der Millerntor Gallery von Viva con Agua (Foto: Stefan Groenveld)

Das Viertel

Das wahre Herz von St. Pauli sind aber weder Fußballverein, noch der Kiez, es sind seine Menschen. Das merkt man, wenn man durch das Viertel streift. Früher lag St. Pauli „zwischen den Welten“. Im Osten verteidigte sich Hamburg an den Großen Wallanlagen (heute Planten un Blomen) und ließ die Menschen nur über seine Stadttore wie das Millerntor, in die Hansestadt. Im Westen hingegen lag Altona. Altona stand bis 1864 unter dänischer Verwaltung und das Gebiet zwischen diesen beiden Städten war und ist St. Pauli.

Hier ließen sich mehrheitlich Arbeiter nieder, die sich die Städte nicht leisten konnten oder wollten. Dazu kamen das leichte Gewerbe und die Matrosen, die während der damals noch langen Liegezeiten der Schiffe Abwechslung suchten. Eine Vielfalt, die auch heute noch zu spüren ist. Mittlerweile wohnt im Viertel ein Mix aus Studierenden, Alt-Eingesessenen und Neuen Bewohner:innen, die das „hippe“ St. Pauli für sich entdeckt haben. Diese Mischung und die noch großenteils erhaltenen Gründerzeithäuser machen den Stadtteil in Hamburg einzigartig. 

Musik

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Haben ihr Denkmal auf St. Pauli: die Beatles (Foto: Mediaserver Hamburg/Konstantin Beck)

Neben dem Kiez, dem Hafen und der einzigartigen Geschichte ist wahrscheinlich nichts so mit St. Pauli verbunden wie die Musik. War es doch der Kiez, wo die Beatles im Indra, Top Ten Club, Kaiserkeller und im Starclub ihren Durchbruch feierten. John Lennon soll einmal gesagt haben: „Ich bin zwar in Liverpool geboren, doch erwachsen wurde ich in Hamburg.“ Noch heute kann man im Indra Konzerte und Shows besuchen.

Und nach den Beatles? Nach dem aufkommen der DJ’s konnten viele Musikklubs nicht überleben, doch die Musik starb nie. So gab es mit dem Onkel Pö, und gibt es mit dem Mojo Club und dem Grünspan legendäre Konzertlocations in Hamburg und auf St. Pauli. Auch musikalisch war immer viel los: So entwickelte sich in den 1980er Jahren auf St. Pauli und in ganz Hamburg eine deutschsprachige Musik, die mit Vertretern wie Kettcar oder Tocotronic als „Hamburger Schule“ bekannt wurde. Noch heute ist mit dem Grand Hotel van Cleef das Label des Sängers von Kettcar (Marcus Wiebusch) und Thees Uhlmann auf St. Pauli zu Hause.

Bunker

Was früher das J’s war, ist heute das Übel & Gefährlich. Im Hochbunker auf St. Pauli gab es immer Musik. Bevor 2019 der Umbau begann, residierte hier mit JustMusic eines der größten Musikgeschäfte der Stadt. Dazu kamen etliche Proberäume und zwei Konzertlocations: Das Übel & Gefährlich – das aus dem legendären Promi-Club J’s hervorging – und der Resonanzraum. Doch mit dem Umbau wird vieles neu: JustMusic ist bereits verschwunden und das neue grüne Dach macht den Bunker 20 Meter höher. Nach dem Umbau können Besucher:innen in 58 Metern Höhe im Dachgarten chillen. Dazu wird der Bunker auf St. Pauli neben einem Hotel auch die Georg-Elser-Halle, Hamburgs neuste Konzerthalle beheimaten. 

Kulinarik

Wo viel Kultur, Kulturen und Menschen aufeinandertreffen, entsteht neben Musik und Kunst auch häufig bestes Essen und St. Pauli hat dabei viel zu bieten. So gibt es neben dem Ashoka – einem der besten indischen Restaurants Hamburgs – auch den Weinladen St. Pauli, der, auch wenn er nicht mehr ganz auf St. Pauli liegt, neben coolem Ambiente auch beste Beratung zu bieten hat. Hinzu kommt rund um die Paul-Roosen-Straße von der Imbissbude bis zum Restaurant auf Sterne-Niveau alles, was das Herz begehrt. 

Planten un Blomen

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Die berühmten Wasserlichtkonzerte in Planten un Blomen sind einfach schön (Foto: Mediaserver Hamburg)

Was viele nicht wissen: Planten un Blomen gehört zu St. Pauli. Wenn man von der Paul-Rosen-Straße vorbei am Millerntor-Stadion und über das Heiligengeistfeld – wo drei Mal im Jahr der Hamburger Dom stattfindet – schlendert, kommt man an den südlich Eingang der großen Parkanlage. Etwa 47 Hektar groß, entstand Planten un Blomen ab 1821 auf dem Gelände der alten Wallanlagen. Von 1897 bis 1973 fanden hier fünf Gartenausstellungen statt und prägten den Park. Von Süden nach Norden finden sich neben einer Minigolfanlage, einer Eisbahn – die im Sommer als Rollschuhbahn genutzt wird –, die Tropengewächshäuser (aktuell geschlossen), ein Musikpavillon, indem im Sommer viele Open Air Konzerte stattfinden und Hamburgs berühmte Wasserlichtkonzerte. Am Parksee wird in jedem Jahr von Mai bis September täglich nach Sonnenuntergang zu klassischer Musik die Wasserorgel live gespielt.

Heinrich-Hertz-Turm

Wenn man Planten und Blomen auf Höhe der Hamburg Messe verlässt, wartet ein letztes architektonisches Highlight des Stadtteils: der Heinrich-Hertz-Turm. 1968 eröffnet, war er bis ins Jahr 2000 für das Publikum geöffnet und bot aus über 120 Metern Höhe einen Rundblick auf die Stadt. Ab 2023 soll das wieder möglich sein. Ein Team aus Online Marketing Rockstars (OMR), dem Immobilienentwickler Home United und der Hamburg Messe will den Turm dann für das Publikum öffnen.


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10 Techno Clubs in Hamburg

Rein ins Getümmel der Hamburger Clublandschaft. Raven ist wieder ausdrücklich erlaubt. Hier kommen 10 Spots für alle Liebhaber:innen von Techno und elektronischer Musik:

Waagenbau

Die Sternbrücke in Hamburg ist so etwas wie das klubkulturelle Drehkreuz mitten in der Stadt! Euphorische Techno-Nächte warten hier vor allem im Waagenbau. Direkt unter der Eisenbahnbrücke finden sich zwei unterirdische Dancefloors. Oben rattern die Züge, unten tropft der Schweiß von der Decke. Von Electro bis Drum n Bass gibts hier die unterschiedlichsten Beats auf die Ohren. Am Wochenende ist Techno allerdings Gesetz. An den Decks sind dann lokale Newcomer aber auch internationale Szene-Größen.

Waagenbau: Max-Brauer-Allee 204, 22769 Hamburg

Golden Pudel Club

Kein Club genießt in Hamburg größeren Kult-Status als der Golden Pudel Club. Seit 1995 wird in dem ehemaligen Schmugglergefängnis am Antonipark die alternative Musikszene überregional geprägt. Nachdem der von Schorsch Kamerun ins Leben gerufene Club, 2016 fast komplett abgebrannt war, wurde er aufwendig wieder aufgebaut und weiterentwickelt. Schon lange gehört der Pudel zu den bekanntesten Clubs Deutschlands. Underground-Kultur wird hier nicht nur in Form von Techno gelebt. In der Nacht zeigt sich elektronische Musik hier in all ihren Facetten. Nirgendwo lässt sich subkulturelle Entwicklung so gut beobachten wie hier.

Golden Pudel Club: St. Pauli Fischmarkt 27, 20359 Hamburg

PAL

Mittlerweile hat sich das PAL zu einer echten Techno-Institution entwickelt. Gut versteckt ist der Club in einem alten Backsteingebäude direkt an den Messehallen und quasi neben dem Fernsehturm gelegen. Getanzt wird hier in alter Techno-Tradition von Freitagnacht bis Sonntagabend. Um das Publikum im Gleichgewicht zu halten, wartet man gerne mal über Stunden in der Schlange, bis Türsteher und Selekteur entscheiden, ob es passt oder nicht. Aber das Anstehen kann sich lohnen, denn im PAL legen regelmäßig international gefeierte DJs auf und beschallen die zwei Floors mit feinsten Bässen. Besonders beliebt ist die queere Partyreihe „Kinky Sundays“, bei der auch ein Darkroom geöffnet ist.

PAL: Karolinenstraße 45, 20357 Hamburg

Südpol

Auf dem ehemaligen Betriebshof der Hamburger Wasserwerke in der Süderstraße holt der Südpol seit knapp acht Jahren den Techno nach Hammerbrook. Getanzt wird hier unabhängig von Zeit und Raum gerne mal vier Tage am Stück. Direkt am Bille-Kanal erstreckt sich ein großes Gelände mit Outdoor-Bereich und zwei Dancefloors. Gefeiert wird hier nach dem Motto Freiheit, Spaß und Respekt. Betrieben wird der Club im Kollektiv vom Träger „Kulturelles Neuland“. Neben Techno-Kultur gibt es zum Beispiel auch Kunsträume, Diskussionsabende, Tonstudios, Werkstätten und Ateliers. Besonders queere Clubkultur hat hier ein festes Zuhause gefunden.

Südpol: Süderstraße 112, 20537 Hamburg

Uebel & Gefährlich

Legendäre Techno-Nächte kann man in dem ehemaligen Schutzbunker an der Feldstraße erleben. Regelmäßig finden hier Technopartys wie „Oben Unten Alles“ statt. Schon im ikonischen Fahrstuhl geht es dann in einzelnen Gruppen zu elektronischer Musik hoch in den Club über den Dächern Hamburgs. Getanzt wird im schummrigen Uebel & Gefährlich bis in die frühen Morgenstunden. Gefeiert wird aber auch eine Etage höher im Ballsaal oder im Turmzimmer des Bunkers. Bei den Bunker-Raves treten immer wieder mal renommierte DJs wie Ben Clock oder Kollektiv Turmstraße auf. Auch hier lohnt sich das lange Warten in der Schlange.

Uebel & Gefährlich: Feldstraße 66, 20359 Hamburg

Fundbureau

Das Fundburau gehört definitiv zu den beliebtesten Clubs Hamburgs, wenn es um elektronische Musik geht. Zusammen mit der Astra Stube und dem Waagenbau bildet das Funbureau das Party-Delta an der Sternbrücke. Seit 1998 werden hier schon ekstasische Nächte in dem ehemaligen Fundbüro verbracht. Der Club steht für Partys und Konzerte elektronischer Musik aller Art. Auch wenn das Fundbeaurau sich im Laufe der Zeit immer wieder erneuert und professionalisiert hat, ist es seinem unkonventionellen familiärem Anspruch treu geblieben. Gerade deshalb wird viel Wert auf ein vielfältiges Programm gesetzt.

Fundbureau: Stresemannstraße 114, 22769 Hamburg

Bahnhof Pauli

Im Basement des Clubhaus St.Pauli feiert man wie in einem stillgelegten U-Bahn Schacht. Große Abluftschächte und Ventilatoren treffen auf moderne Laser und CO2-Kanonen und reichlich Moving-Heads. Von diesem Bruch lebt der Club und seine wechselnden Party-Reihen elektronischer Musik. An der Haltestelle des Bahnhof Pauli steigt man ein in wilde Nächte und kann selbst entschieden, wann es wieder tag werden soll. Bis zu 400 Gästen feiern hier ausgelassen, ohne das auch nur ein Mucks an die Oberfläche dringt. Gerade legen Gleisarbeiten das Programm auf Eis. Ab September geht der Club mit dem Electronic Red Light Festival wieder regulär an den Start.

Bahnhof Pauli: Spielbudenpl. 21-22, 20359 Hamburg

Gängeviertel & Rote Flora

In Hamburg trifft Techno traditionell auch auf Gegenkultur und alternatives Leben. Techno-Partys werden im Gängeviertel oder der Roten Flora meistens von Initiativen, Kollektiven oder politischen Gruppen veranstaltet. Feiern wird hier mit Aktivismus verbunden. Auf allen Veranstaltungen gibt es eine klare Absage an Sexismus, Homophobie und Rassismus. Fernab von kommerzieller Ausrichtung können hier legendäre Partys und Raves erlebt werden. Wer übrigens glaubt, dass sich hier keinen guten Soundsysteme finden, hat weit gefehlt!

Gängeviertel: Valentinskamp 34A, 20355 Hamburg // Rote Flora: Schulterblatt 71, 20357 Hamburg

Hafenklang

Neben wilden Konzertabenden ist das Hafenklang vor allem für seine Drum and Bass Partyreihe Drumbule bekannt. In dem Live-Musik Club in direkter Nähe zum Fischmarkt treten aber immer wieder Mal Bands wie Egotronic oder Björn Peng, an der Schnittstelle von Techno, Elektro und Punk auf. Wer also zur Abwechslung mal das Stampfen durch Pogen ersetzen möchte, ist hier genau richtig. In regelmäßigen Abständen finden außerdem DJ-Abende statt, bei denen zum Beispiel Record-Release-Partys gefeiert werden oder der Laden von anderen Veranstaltern bespielt wird.

Hafenklang: Große Elbstraße 84, 22767 Hamburg

Edelfettwerk

Das Edelfettwerk ist ursprünglich eine historische Fabrik für Edelfette gewesen. Nachdem die Produktion Ende des 19 Jahrhunderts eingestellt wurde, hat man die Fabrikanlage in einen modernen Club mit Industriecharme umgewandelt. Hier kommen mittlerweile alle Techno-Fans auf ihre kosten, die kein Problem damit haben, wenn das gesamte Setting etwas schicker und kommerzieller ausfällt. Auf die Besucher warten verschiedene Club- und Loungebereiche und auf 400 Quadratmeter haben bis zu 4000 Feiernde Platz. Musikalisch bewegt sich der Sound häufig zwischen Electro, House und Drum’n’Bass.

Edelfettwerk: Schnackenburgallee 202, 22525 Hamburg


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Lost Places – Eingestiegen in Ruinen

Sie sind verlassen, teils verfallen – und dennoch einen Besuch wert: Lost Places. Fünf Porträts von besonders spannenden, weil vom langen Leerstand gezeichneten Orten in und um Hamburg

Text: Erik Brandt-Höge, Anarhea Stoffel & Anna Schärtl

Stadtteilschule Stellingen

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In der Stadtteilschule Stellingen am Sportplatzring 73 ist die letzte Unterrichtsstunde schon eine Weile her… (Foto: Jasmin Tran)
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Ein Ausblick ohne Durchblick (Foto: Erik Brandt-Höge)

Abi-Scherze extrem? Revolution der Lehrer? Schlichtweg Vandalismus? Wer vor der Stadtteilschule Stellingen am Sportplatzring 73 steht, stellt sich allerhand Fragen. Eingeschlagene Turnhallenfenster, zertrümmerte Stühle und Tische auf dem Pausenhof, Graffiti-Kunst überall. Sport, Chemie, Physik, alle Fächer fallen hier wohl erst mal aus. Tendenz – für immer.

Seit zwei Jahren steht die Schule leer, wird seitdem von Partyvolk ebenso besucht und verziert wie von Insta-Abenteurern und Nachbarskindern, die den Gebäudekomplex für ausgedehnte Versteckspiele nutzen. Der Sprung über den Zaun ist schließlich nicht schwer. Der Gang durch eines der Zaunlöcher noch weniger. Ruck, zuck ist man drauf auf dem Areal, das enorm viel Spannung in sich birgt. Sind in den Chemiesälen noch die ein oder anderen Pulver für Experimente zu finden? Kommt man an Gratis-Bunsenbrenner? Ist vielleicht sogar eine der berühmten blauen Matten aus dem Kabuf im Sportbereich abzustauben? Von Diebstahl ist natürlich abzuraten. Er wäre zudem unmöglich. Die ganze Schule ist kernentrümpelt. Nichts mehr in den Schränken, nichts mehr auf dem Mattenwagen.

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Sport fällt aus (Foto: Erik Brandt-Höge)

Ein Besuch des Gebäudekomplexes, in dem einst die Sekundarstufe II der Stadtteilschule zu finden war (jetzt im Brehmweg 60), lohnt sich dennoch. Wo sonst kommt man so leicht an Nostalgiegefühle, an Erinnerungen an die eigene Schulzeit? Und wer weiß, wie lange das noch geht. Es heißt, ein Abriss für ein Neubaugebiet stehe an. 

Gummifabrik Harburg

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„Matador“ und „Triumph“ – nur zwei Namen der populären Kämme, die in der Gummifabrik Harburg hergestellt wurden (Foto: Anna Schärtl)

Über 200 Meter erstrecken sich die dreigeschossigen Backsteingebäude der Gummifabrik und werfen lange Schatten auf die Straßen. Sie passen gut in die Harburger Industrielandschaft. Doch je näher man auf die Gebäude zukommt, desto klarer wird: Was einst ein beeindruckender Industriebau war, verfällt mehr und mehr zur Ruine. Wenn massive Holzbretter den Blick in die Gebäude nicht gerade komplett versperren, findet man eingeschlagene Fenster und Löcher in den Fassaden. Wer sich reckt, um durch eine der zerschlagenen Scheiben zu schauen, entdeckt ein Mosaik aus Graffiti – einige Schriften schon verblasst, an anderen tropft fast noch die Farbe hinab. Durch die Gitter der Kellerfenster lässt sich erhaschen, wie die Räume mit Regenwasser volllaufen. Blätter und einige Plastikflaschen schwimmen auf dem Abwasser, der Putz an den Wänden bröckelt. So verfällt der Komplex, der einst Harburgs ganzer Stolz war.

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Aus dem einstigen Industriedenkmal ist eine Ruine geworden (Foto: Anarhea Stoffel)

1856 ist Hamburg die erste europäische Stadt mit einer Hartgummifabrik, das Patent für die Herstellung wurde gerade erst erworben. Unter Produktnamen wie „Hercules-Sägemann“, „Matador“ und „Triumph“ werden die Kämme der New-York Hamburger Gummi-Waaren Compagnie (NYH) schnell bei Friseur:innen auf der ganzen Welt im Handel beliebt. Seit 1954 ist der Harburger Standort der NYH – die Fabrik in Barmbek wurde im Zweiten Weltkrieg stark beschädigt – für den Hauptteil der Produktion verantwortlich. Neue Gebäude werden errichtet, alte erweitert, die Flure der Fabrik sind voll mit Leben. Als die Produktion 2009 nach Lüneburg verlagert wird, hallt in den leeren Räumen nur noch die Frage nach: „Was wird jetzt aus der Gummifabrik?“ Bis heute ist das nicht geklärt. Über die vergangenen Jahre wechselte das Grundstück immer wieder den Besitzer. Denkmalschutz, Gesundheitsbehörde, die Stadtplanung Harburg und Investoren sind in einem ständigen Vor und Zurück, während die alten Mauern immer mehr an Halt verlieren.

Schilleroper

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Von der Schilleroper wird nur das denkmalgeschützte Stahlgerüst bleiben – und die Geschichten (Foto: Erik Brandt-Höge)

Unter dem Namen Circus Busch beginnt 1889 Geschichte der Schilleroper. Ihr Erbauer Paul Busch eröffnet den Zirkus mit einer Galavorstellung, doch das Zirkusprogramm ist nur von kurzer Dauer. Herr Busch zieht mit seiner Truppe weiter und das Bauwerk wird zu einem Theater umgebaut, indem 1905 mit der Premiere von Schillers „Wilhelm Tell“ das erste Stück auf die Bühne kommt. Zur Feier seines 100. Geburtstags im selben Jahr wird das Bauwerk kurzerhand in Schiller-Theater und später Schilleroper umbenannt. Das Haus zeigt bis in die 1920er-Jahre Inszenierungen mit namhaften Schauspielern wie Hans Albers. Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs wird der Theaterbetrieb eingestellt und das Gebäude zum Lager für italienische Kriegsgefangene.

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Seit März 2021 wird die alte Schilleroper abgerissen (Foto: Erik Brandt-Höge)

Nach Ende des Krieges dient die Schilleroper dann als Notunterkunft für Geflüchtete und später als Hotel. Als 1975 ein Brand große Teile des Gebäudes zerstört, ist erst einmal Schluss. Seither kann sich keine Idee für die Schilleroper wirklich durchsetzen. In den Neunzigern dient sie für kurze Zeit erneut als Geflüchtetenunterkunft. Jedoch sind die Bedingungen im bereits heruntergekommenen Gebäude so schlecht, dass es zu politischen Auseinandersetzungen kommt. Es folgt ein erfolgreicher Subkulturclub in den frühen 2000ern, seit 2006 ist der Bau jedoch absolut ungenutzt. Jegliche Zukunftspläne werden weiter abgelehnt. Weil die Eigentümerin kein Interesse an den Aufforderungen zur Sanierung zeigt, wird das Gebäude seit März 2021 Stück für Stück abgerissen. Das Stahlgerüst bleibt jedoch, denn es ist denkmalgeschützt. Die Schilleroper hat viele Leben gelebt, sie erzählt von vergangenen Zeiten. Und womöglich werden ihre Geschichten das Einzige sein, das von ihr bleibt.

Mausoleum Baron von Schröder/ Kretschmer

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Das Sonnenlicht scheint durch die verbliebenen Bleiglasfenster des größten Mausoleums Nordeuropas (Foto: Erik Brandt-Höge)

Es ist leicht, sich auf den verzweigten Wegen zwischen Kapellen, Gräbern und dem dichten Grün des Ohlsdorfer Friedhofs zu verlieren. Begibt man sich jedoch ein wenig auf die Suche, findet man die berühmten Mausoleen des Friedhofes, die Grabstätten der einflussreichsten Familien Hamburgs. Eine befindet sich direkt vor der Kapelle 7 und fällt besonders ins Auge. Sie ist größer als die anderen, aber auch deutlich verfallener: das Mausoleum Baron von Schröder/Kretschmer. Nah am bröckelnden Bauwerk steht die Marmorskulptur von Hugo Lederer „Das Schicksal“. Eine Frau, die zwei Menschen hinter sich her in den Tod zieht. Errichtet wurde das Mausoleum 1906 von Charles von Schröder, Sohn des Unternehmers Johann Heinrich von Schröder. Die Gruft blieb im Besitz der Familie Schröder bis zur letzten Beisetzung 1958. Dann passierte lange Zeit nichts mehr.

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Im Inneren macht sich das Moos über den ehemals verzierten Decken und Wänden breit (Foto: Erik Brandt-Höge)

Schließlich übernahm Investor Klausmartin Kretschmer im Jahr 2009 die Patenschaft für das Mausoleum. Er verpflichtete sich, den Bau zu sanieren und plante, dort verschiedene öffentliche Events zu veranstalten. Einige fanden auch statt, zum Beispiel eine Vorstellung des Vampir-Romans „Hymne an die Nacht“ von Sylvia Madsack im April 2014. Doch plötzlich stoppten die Bauarbeiten, ohne eine Erklärung. Heute steht das Mausoleum zwar noch, es bleibt aber fraglich, wie lange. Die Plane, die eigentlich das Dach bedecken sollte, ist abgefallen. Feuchtigkeit dringt ins Innere und lässt alles schimmeln.

Eine Grundsanierung würde mehrere Millionen Euro kosten, sich aber lohnen. Denn das größte Mausoleum Nordeuropas ist in seinem Bau einzigartig, die detaillierten Verzierungen aus Sandstein im Innenraum erzählen biblische Geschichten, genauso wie die bunten Bleiglasfenster, durch die sich das Sonnenlicht auf den gemusterten Steinboden fällt. All diese Details gehen aber durch den Verfall verloren, und so wird diese Grabstätte immer mehr zu einem unheimlichen Ort der Vergänglichkeit.

Pulverfabrik Düneberg

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Keine Fabrikarbeiter mehr in der Pulverfabrik Düneberg, dafür Graffiti-Kunst und Ausflügler:innen (Foto: Anarhea Stoffel)

Das Naturschutzgebiet Besenhorster Sandberge in Geesthacht ist idyllisch: Zwischen hohen Kiefern erstrecken sich weite Sanddünen, die von der Elbe flankiert werden. Die Dünen entstanden nach der letzten Eiszeit, als sich durch das abfließende Wasser Sand in den Wäldern ablagerte und aufgeweht wurde. Neben der einzigartigen Natur fällt hier noch etwas ins Auge: alte Ruinen voll bunter Graffiti-Kunst. Wie Schatten tauchen sie immer wieder zwischen den Baumgruppen auf. Es sind die Reste eines ehemaligen Fabrikgeländes, das als solches kaum noch zu erkennen ist. 1876 gründet Max von Duttenhofer die Pulverfabrik auf Land, das er von Otto von Bismarck pachtet. Im Ersten Weltkrieg wird vor allem Schwarzpulver produziert. Die Fabrik beschäftigt zu diesem Zeitpunkt mehr als 20.000 Menschen.

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Wo früher Schwarzpulver produziert wurde, hat heute die Natur übernommen (Foto: Anarhea Stoffel)

Das Gelände wird zwar nach dem Krieg stillgelegt, um 1934 nimmt die Produktion in der NS-Zeit aber wieder Fahrt auf. Der Bedarf an Schwarzpulver ist hoch. Im Zweiten Weltkrieg wird die Anlage sogar um einige Gebäude erweitert, im April 1945 jedoch durch Bombenangriffe zerstört. Ab dann geht alles ganz schnell: Nach Kriegsende werden die Anlagen abgebaut, gesprengt, später entseucht. Seitdem sind sie vollständig der Natur überlassen. Heute sind die Ruinen ein beliebtes Ziel für Graffiti-Künstler:innen. Ihre grellbunten Werke sind das Einzige, dass die Betonreste noch von der Natur abhebt. Auf den Dächern der ehemaligen Werkstätten wachsen Bäume in die Höhe. Ab und zu übt noch das Technische Hilfswerk in der ehemaligen Fabrik für ihre Katastrophenschutzeinsätze. Ansonsten herrscht Ruhe in den Besenhorster Sandbergen. Nur einige Spaziergänger:innen und Reiter:innen haben das Gebiet noch auf ihrer Route. 

Die fünf Lost Places in der Übersicht:


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