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Konfetti im Bier – Roman über die Ultras von St. Pauli

Im März erscheint der erste Ultras-Roman aus dem deutschsprachigen Raum. Aus Hamburg, aus St. Pauli, mitten aus dem Viertel!

Text: Ole Masch
Foto: Melanie Hendtke

Wer den Roar am Millerntor oder einem anderem Fußballstadion vor dem Spiel einmal mitgemacht hat, weiß mit dem Titel des Romans von Toni Gottschalk sofort etwas anzufangen. „Konfetti im Bier“ ist eine Beschreibung der St. Pauli Ultra-Szene von innen und damit einzigartig. Doch er ist noch viel mehr. Er ist Hamburg-Roman, Antifa, Viertelliebe, Fußball und immer wieder St. Pauli Nachtleben. Gespickt von Insiderwissen und Wortwitz, der durch seine Protagonisten auf die Spitze getrieben wird.

Toni Gottschalk, selbst seit vielen Jahren Teil der St. Pauli Ultras und ab 2006 Comiczeichner für verschiedene Fanzines, gelingt ein Debütroman, der nicht von außen draufschaut, sondern mitten drinsteckt. Er erzählt von Merks, Subbe, Jette und all den anderen, für die der FC St. Pauli und die eigene Gruppe viel mehr bedeuten, als nur jedes Wochenende gemeinsam zum Spiel zu gehen. Während sich Walter durch so ziemlich jede Kaschemme St. Paulis trinkt, beschäftigt sich der Rest mit politischer Viertelverteidigung.

 

Ultras, Nachtleben und ganz viel Hamburg

 

Das klingt dann so: „Na, ihr Pimmelköppe, was gibt’s zu lachen“, begrüßte Torre die vier Leute. Einer der Skins, der manchmal halb verächtlich, halb bewundernd „die Axt im Walde“ genannt wurde, konnte kaum an sich halten. „Wir so noch mit einer Handvoll Leuten im Jolly, kommt der Schwan rein und erzählt, dass er eine Gruppe Nasen auf der Budapester gesehen hat. Wir also mit ein paar hin und, was soll ich sagen, war gut. Backenfutter und dann Reste frühstücken …“

„Konfetti im Bier“ ist ein Subkultur-Roman. Ein Buch für Fußballfans und für Leute, die immer schon mal mehr über die Mechanismen von Ultra- Gruppierungen wissen wollten. Für Hamburger. Für Nachtlebenkenner und für jene, die es immer wieder dort hinzieht.

„Konfetti im Bier“ erscheint am 2.3. im Liesmich Verlag


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, März 2019. Das Magazin ist seit dem 28. Februar 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Hidden Kitchen – Hanseatische Klassiker und vegane Knaller

Essen nach dem Baukastenprinzip – In der neuen Hidden Kitchen werden die Gerichte individuell zusammengestellt – Wohlfühlstimmung inklusive.

Text: Lilli Gavric
Beitragsfoto: Lukas Schröder

Man läuft glatt dran vorbei, so unauffällig versteckt sich die Hidden Kitchen auf dem Kiez. „Kommt durchaus vor, dass Gäste anrufen und verzweifelt fragen: ‚Wo seid ihr denn?‘, lacht der Kellner, als ich ihn auf den Standort anspreche. Daher also der Name des lütten Bistros, das seit knapp acht Monaten eröffnet ist. So gut getarnt, dass es bis heute ein Geheimtipp ist. Das Konzept: Die Verwendung von saisonalen, regionalen Produkten mit Fokus auf vegane Gerichte. Dahinter steckt ein junges kleines Unternehmen, das sich eine abwechslungsreiche Küche auf die Fahnen geschrieben hat. Es stellt sich dem Kampf gegen Plastikmüll, verzichtet möglichst auf unnötige Verpackungen und setzt dank der App „Too Good To Go“ auch ein Zeichen gegen die Nahrungsmittelverschwendung. Über diese wird von Restaurants Überproduziertes am Ende des Tages vergünstigt an Kunden abgegeben.

In der Location zwischen Hans-Albers-Platz und Davidwache finden Gäste an drei großen Tischen für Gruppen sowie zwei Zweiertischen Platz. Der schönste Ort ist der an der breiten Fensterfront. Auf einer Empore sitzt es sich hier etwas privater und man ist doch mittendrin. Von der Decke hängen Lampen mit großen kugelförmigen Glühbirnen an einem dicken Tau, die den Raum in gedämpftes Licht tauchen und Hafencharme versprühen. Die Einrichtung ist wie der Laden selbst: unaufgeregt, simpel und gemütlich. Ein langer Flur erlaubt einen Blick in die offene Küche.

Das Motto der Abendkarte: „Soulfood, hanseatische Klassiker und vegane Knallergerichte“. Alle Komponenten – Gerichte, Toppings, Dips – sind miteinander kombinierbar. Es gibt Salate aus Couscous, Linsen und asiatischen Wan Tans, Toppings in verschiedenen Varianten, klassische Rippchen oder auch ein in Bier gebadetes Backhähnchen, genannt „besoffener Hahn“.

Neben der Abendkarte gibt es noch eine Wochenkarte mit jeweils drei festen Gerichten. Ich wähle gebackenen Blumenkohl mit Kartoffelstampf, Rotkraut und Apfel-Chutney (9,90 Euro). Das hausgemachte „Dinkel-Würz-Brot“ ist leider aus, stattdessen empfiehlt mir der gut gelaunte Kellner geröstetes Graubrot mit dem Dip der Woche aus Avocado, Sauerrahm und Koriander. Dazu einen perligen Riesling. Letzterer kommt sehr unkonventionell in einem hohen Wasserglas daher, nun ja. Ein Weinglas wäre schöner. Gegen meine Bestellung ist nichts einzuwenden. Der Kartoffelbrei ist schön cremig, die Blumenkohlröschen auf den Punkt gebacken. Das Apfel-Chutney passt dazu hervorragend, es ist schön fruchtig und nicht zu süß. Platz für Nachtisch bleibt keiner mehr.

Inzwischen hat sich der Laden gefüllt, Freunde des Hauses kommen vorbei, man kennt sich. Die Stimmung ist erfrischend ungezwungen, man mopst sich schon mal eine Süßkartoffel- Pommes vom Nachbartisch. Ein Laden zum Runterkommen mitten auf dem trubeligen Kiez. Und für einen Verdauungsspaziergang ist die Elbe ganz nah.

Friedrichstraße 3 (St. Pauli); www.hidden-kitchen-hamburg.de


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Februar 2019. Das Magazin ist seit dem 26. Januar 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Tazzi Pizza – 450 Grad & 90 Sekunden

Weniger ist manchmal mehr: Statt extravaganter Beläge serviert die neue Pizzeria Tazzi auf St. Pauli neapolitanische Klassiker ohne viel Schnickschnack.

Text & Fotos: Sophia Herzog

Pizza ist eine ernste Angelegenheit – vor allem für die Neapolitaner, die in den Achtzigern die „Associazione Verace Pizza Napoletana“ ins Leben riefen, um die Tradition des beliebten Teigfladens zu wahren. Seit 2017 steht die „Kunst des neapolitanischen Pizzabackens“ sogar auf der Liste der immateriellen Weltkulturgüter, inklusive strenger EU-Normen zu Zutaten und Herstellung. Diese Originalversion ist die Königsdisziplin der Pizza. Das muss schon gut sein, was sich neapolitanische Pizza nennt

Am Pizzaklassiker versucht sich jetzt auch das neu eröffnete Restaurant Tazzi Pizza auf St. Pauli – mit Erfolg. Hinter dem Konzept stecken Harsha, Vijay, Marco und Simone, sie haben die Räumlichkeiten des ehemaligen Le Kaschemme übernommen. Das Besitzerquartett hat sich mit dem Foodtruck „Curry it up“ und der indisch-mexikanischen Fusionsküche des Roots in Ottensen bereits einen Namen gemacht. Für Tazzi Pizza haben sie sich jetzt Holzofen und Pizzaschaufel zugelegt. Eine naheliegende Idee: Als gebürtiger Italiener kann Koch Simone auf genügend Erfahrungen mit der neapolitanischen Backkunst zurückgreifen. Ein bisschen St. Pauli-Flair muss aber trotzdem sein, auf die Außenfassade des Restaurants wurde deshalb mit schwarz-weißem Graffiti der Tazzi-Schriftzug gesprüht. Auch die Inneneinrichtung passt mit viel Holz, roten Backsteinwänden und einer gefliesten Theke in den modernen Stil der umliegenden Gastro-Angebote.

Tazzi Pizza auf St. Pauli ist neopalitanische Pizza aus Hamburg Foto: Sophia Herzog

Immer im Blick: die offene Küche

Wir bekommen an einem trubeligen Samstag gerade noch einen Platz an einer langen Bank im vorderen Bereich des Restaurants – die Einzeltische sind schon besetzt. Das ist zwar nichts für intime Dinner-Dates, dafür fühlt man sich aber gleich wie zu Gast bei einer italienischen Großfamilie, so herzlich und entspannt ist die Atmosphäre. Wir können beobachten, wie die Pizzen im Minutentakt in den großen Holzofen geschoben werden. Im Gegensatz zu anderen Pizza-Restaurants bietet das Tazzi keine spektakulären Kombinationen von Belägen, sondern konzentriert sich auf das Wesentliche: die Klassiker. Einzige Ausnahme bilden dabei einige wenige Specials und die Eigenkreation des Hauses, eine mit Aktivkohle gefärbte Pizza mit Meeresfrüchten (14 Euro). Im heißen Ofen werden die Pizzen nur für 90 Sekunden gebacken und bilden dabei die typischen, leicht angebrannten Luftbläschen im Teig. Der Rand ist herrlich locker und leicht, in der Mitte ist die Pizza dünn und saftig.

Besonders bei der Margherita (8 Euro) kommt die frische Tomatensoße zur Geltung. Dass die angepriesenen karamellisierten Zwiebeln der Thunfischpizza (9 Euro) eher als knackige, rohe Zwiebelstückchen serviert werden, ist im ersten Moment enttäuschend. Da sie der Pizza aber einen angenehmen, leicht säuerlich-scharfen Kick geben, ist das aber schnell verziehen. Dazu passt der obligatorische Negroni mit seiner guten Balance zwischen bitter und süß. Wer von der Auswahl auf der Speisekarte nicht überzeugt sein sollte, kann seinen Lieblingsbelag auf einer Tafel vorschlagen – mit etwas Glück werden hier sogar Pizza-Träume wahr…

Rendsburger Straße 14 (St. Pauli); www.facebook.com/tazzi.pizza


Dieser Beitrag stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Januar 2019. Das Magazin ist seit dem 21. Dezember 2018 im Handel und zeitlos im Online Shop und als ePaper erhältlich! 


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Appetit auf mehr?

Auf ein Wort mit: Markus Gölzer

Markus Gölzer ist textender Exil-Bayer und lebt seit über 20 Jahren auf St. Pauli. Sein Ratschlag für ein besseres Leben: Entdiszipliniere dich endlich!

Selbstdisziplin ist der Schwarze Tod unter den Tugenden: hochinfektiös und das Ende allen bunten Lebens. Wo sich früher heiter-letharge Kneipenbrüder, Punks und pizzaversehrte Kreative tummelten, sind es heute Asketen, die Yogamatten tragen wie Waffenköcher, Kinderwagen führen wie Räumpanzer und außer beim Hechelnden Flamingo nie lachen. Wer einmal von diesen Todernst-Schwadronen auf seinem Rad vom jahrelang benutzten Gehweg verdrängt worden ist, der weiß, was Verlust bedeutet.

Wo es im Musikerleben vor nicht allzu langer Zeit noch zum guten Ton gehörte, mindestens einmal an einer Überdosis über den Jordan zu gehen, laufen Stars von heute Gefahr, an Land zu ertrinken, so penetrant wie sie ihre Wasserflaschen in die Kameras halten. Auch wenn man täglich zwei Liter pumpen soll − muss es immer Wasser sein? Und wer würde ernsthaft behaupten, dass die grassierende Klarheit der aktuellen Musik gut getan hat?

 

Dokumentiere deinen Vollrausch in sozialen Medien

 

Wir sollten die preußische Tugend Selbstdisziplin da hinkicken, wo sie herkommt: in die Vergangenheit. Und dazu kann jeder seinen Teil beitragen. Auch du: Erkläre Freunden und Kollegen, dass du dir fest vorgenommen hättest, nächste Woche mit dem Rauchen anzufangen. Wirf bei wichtigen Meetings die Frage in den Raum: „Was würde Justin Bieber tun?“ Antworte auf die Frage nach Urlaubsplänen: „Schrank vor die Tür und mit ner Kiste Schnaps erstmal Urlaub von mir selbst.“ Dokumentiere deinen einwöchigen Vollrausch dann live in sozialen Medien. Zeit, dass die Undisziplinierten aufstehen. Oder vielleicht doch noch mal umdrehen? Mal schauen.

Text: Markus Gölzer



 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, November 2018. Das Magazin ist seit dem 27. Oktober 2018 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Homophobie im Profisport – Thema im Film Mario

Fußballer sind echte Kerle. Muskulös. Hart im Nehmen. Homosexualität ist in dieser Branche ein Tabuthema wie in kaum einer anderen, auch wenn sich einige wenige Vereine wie der 1. FC St. Pauli klar für eine offene Geisteshaltung aussprechen. Welche Seelenqualen das für einen schwulen Spieler bedeutet, zeigt Marcel Gislers Drama „Mario“. Wir haben mit dem Regisseur gesprochen

Zuerst sieht Mario (Max Hubacher) den Neuen in der Mannschaft nur als Konkurrenten. Auch Leon (Aaron Altaras) ist Stürmer, und nur einer von ihnen beiden – wenn überhaupt – wird den begehrten Profivertrag für die kommende Saison erhalten, auf den alle Spieler der U21-Mannschaft des Berner Clubs YB Young Boys schon ihr ganzes Leben lang hingearbeitet haben. Entsprechend erbittert ist der Konkurrenzkampf unter den jungen Männern.

Doch spätestens, als Mario sich mit Leon eine Spielerwohnung teilen muss, verändern sich seine Gefühle. Aus Misstrauen und Ablehnung wird Freundschaft, schließlich aus Freundschaft Liebe. Eine unmögliche Liebe, die sie öffentlich nicht zeigen dürfen – Sponsoren, Fans, sie alle würden das Paar verurteilen.

Mario, der Film über zwei schwule Fußballer Foto: Pro Fun Media

Die beste Freundin muss als Alibipartnerin herhalten. Foto: Pro Fun Media

Ihr Marktwert? Im Keller. Die Karriere vorbei, bevor sie richtig begonnen hat. „Es gibt Sachen, die gehen einfach nicht!“, faucht Marios Berater ihn an, als die Beziehung schließlich doch auffliegt. Homosexualität ist dabei aus seiner Sicht in einer Liga mit Drogen oder Sex mit Minderjährigen zu sehen. Das Versteckspiel, der innere Kampf gegen die eigenen Gefühle, die Sticheleien der Mannschaftskollegen werden immer unerträglicher, bis Mario und Leon daran zu zerbrechen drohen und eine Entscheidung fällen müssen.

Die Geschichte, die Regisseur Marcel Gisler selber mitgeschrieben hat und in der auch der 1. FC St. Pauli eine Rolle spielt, scheint zu Beginn sehr absehbar. Doch einige überraschende Twists, eine feinfühlige Kamera und vor allem die tolle Schauspielleistung Max Hubachers, der scheinbar mühelos die komplette emotionale Bandbreite von glücklicher Verliebtheit bis hin zu abgrundtiefer Verzweiflung abrufen kann, lassen den Zuschauer intensiv an der zermürbenden Seelenqual des Protagonisten teilhaben. Während Homosexualität in unserer heutigen Gesellschaft weitgehend akzeptiert ist, hinkt die Fußballwelt hier noch weit hinterher. Gut, dass Marcel Gisler das einmal auf so beeindruckende Weise auf die Leinwand holt.


Marcel Gisler, Regisseur Mario, Foto: Pro Fun Media

Marcel Gisler, Regisseur Mario, Foto: Pro Fun Media

Regisseur Marcel Gisler im Interview

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SoleRebels – Fair-Trade-Schuhe mit Autoreifen-Sole

Auf St. Pauli ist das afrikanische Fair-Trade-Schuhlabel soleRebels angekommen. Der erste Flagstore Deutschlands hat in Hamburg eröffnet. Die Geschichte hinter den Sohlen aus Autoreifen.

Es ist nicht nur die Geschichte eines Fair-Trade-Unternehmens, es ist die Story der Äthiopier Bethlemen Tilahun Alemu und Elias Assefa. Gemeinsam haben sie soleRebels nach Hamburg geholt. Der Weg dahin war lang, die Bedingungen aber waren gut: Der Hamburger Elias Assefa emigriert mit 14 Jahren nach Deutschland, mit nichts in der Tasche außer dem Segen seiner Eltern. Verschiedene Stationen in Deutschland führen ihn schließlich mit 22 nach Hamburg. Er kennt seine heutige Geschäftspartnerin da noch nicht, zehn Jahre später aber wird er das Unternehmen soleRebels hierher holen.

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Elias Assefa kam mit 14 Jahren ohne seine Eltern nach Deutschland. Foto: SoleRebels

„Die Menschen in Hamburg leben wie in keiner anderen deutschen Stadt den Gedanken der Nachhaltigkeit“, erklärt Assefa seine Motivation. Seit seiner Flucht aus dem Heimatland besucht er einmal im Jahr seine Familie in Äthiopien. „Als ich kurz vor meinem Besuch durch die ProSieben-Sendung „Galileo“ von Bettys Firma erfahren haben, wollte ich mich ihr sofort vorstellen.“ Die Gründerin der nachhaltigen Schuhmarke aus Afrika suchte jemanden, der die Expansion nach Deutschland leitet. Eine Herausforderung, die den überzeugten Wendländer damals sofort reizt.

Vor allem geht es Alemu und Assefa darum, den gesellschaftlichen Blick zu schärfen für ein Äthiopien mit hohem Kreativitätspotential und einer enormen Entschlossenheit. Nicht ohne Grund wurde soleRebels als erster Schuhproduzent überhaupt das Fairtrade-Siegel verliehen. Was diese Auszeichnung für Bethlemen Tilahun Alemu bedeutet, und ob Konsum die Welt verbessern kann erzählt uns die Geschäftsfrau in einem Hamburger Hinterhof am Neuen Kamp auf St. Pauli.

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Unprätentiös so wie das Produkt: der Flagstore am Neuen Kamp. Foto: SoleRebels

SZENE HAMBURG: Frau Alemu, Sie haben SoleRebels in Zenabwork gegründet, einem kleinen Vorort der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba – wie sah und sieht es dort aus?

Frau Alemu: Das ist ein kleines Dorf mit 5.000 Einwohnern. Ich wurde dort geboren, bin dort aufgewachsen und meine gesamte Familie lebte dort in einer sehr armen Nachbarschaft unter ähnlichen Verhältnissen. Als unsere Schule damals geschlossen wurde, haben ich und meine Brüder viel Zeit mit den Kindern dieser Nachbarschaft verbracht: Die Menschen dort sind sehr talentiert und warten auf die Möglichkeit, das der Welt zu zeigen. Meine Familie lebt heute noch in Zenabwork. Es hat sich wenig verändert.

Was für Einsichten haben Sie in der Zeit in Zenabwork gewonnen?

Mir ist aufgefallen, dass Menschen, selbst wenn sie nicht das Geld verdienen, das sie für ihre Arbeit bekommen sollten, trotzdem weitermachen. Wenn Menschen hart arbeiten, sollten sie aber doch am Ende wenigstens in der Lage sein, ihre Familie zu ernähren. Mit diesem Vorsatz habe ich 2004 mein Unternehmen gegründet.

Wie sah die erste Produktionsstätte, der erste Verkaufsraum aus?

Meine Oma hatte eine kleine Fläche für den Laden. Damals waren die Produktionsabläufe noch sehr schlicht, die benötigten Materialien Leder, Baumwolle und ausrangierte Autoreifen waren einfach und kamen alle aus der Region.

Gab es Hürden?

Um damit zu beginnen, brauchten wir ein Startkapital von 5.000 Dollar. Das Geld kam von meiner Familie. Es war wirklich sehr schwierig – die ersten zwei Jahre war das Geschäft alles andere als erfolgreich.

Trotzdem stand Ihre Familie weiter hinter ihnen. War es das Vertrauen in Sie oder die Hoffnung für die Familie?

Ich glaube, es hat viel mit beidem zu tun. Meine Eltern und auch mein Mann wollten sehen, wie weit ich mit meiner Geschäftsidee komme. Natürlich haben sie gehofft, dass ich es schaffe. Es hätte aber auch schiefgehen können – das ist das Risiko, das sie auf sich genommen haben. Dafür braucht es Vertrauen. Meine Mutter und mein Vater beide trotzdem oft genug gesagt haben, dass ich wieder zur Schule gehen solle. Aber ich habe mich nun mal für den anderen Weg entschieden.

Das Unternehmen ist auch ein Statement gegen das Entwicklungsland-Image und für Afrika auf dem Weltmarkt – mit welchem Ziel?

Nach meiner Erfahrung bedeutet die Gründung einer internationalen Marke wie soleRebels für die Menschen, die dort arbeiten, ein Ozean an neuen Möglichkeiten, die sie sonst nicht gehabt hätten. Vor allem sich und ihr Land weiterzuentwickeln, in einem Kontext, in dem sie bisher nur Abneigung erfahren haben. Ich wollte und will das ändern.

Wie?

Menschen wünschen sich eine faire Bezahlung und gute Arbeitsbedingungen. Überall. Ich sehe meine Aufgabe darin, den Menschen eine Zukunft in ihrem eigenen Land zu ermöglichen. Deshalb möchte ich möglichst viele Leute anstellen, die dann ihre Familien ernähren können. Ich sehe darin einen wichtigen Schritt im Kampf gegen Armut, Hunger, Elend und vielleicht müssten dann auf lange Sicht auch weniger Menschen fliehen.

Glauben Sie, dass Ihre Idee ein Startschuss für die gesamte Branche sein kann?

Absolut, ja. Wir haben in Äthiopien bereits die Tür für junge Unternehmer geöffnet, damit sie ihre Erfahrungen mit den Menschen teilen und ihre Produkte an verantwortungsvolle Konsumenten verkaufen können. Ich bin nicht mehr die Einzige, die dort eine Marke gegründet hat.

Was unterscheidet vor diesem Hintergrund einen lokalen Shop von einem Online-Store?

Die Überlegung ist folgende: Es ist zwar möglich, seine Produkte ausschließlich online zu vermarkten und zu verkaufen. Aber wenn das erst mal läuft, ist es genauso möglich, einen lokalen Shop zu eröffnen – und dort die Produkte für die Menschen dann spürbar zu machen und seine Erfahrungen zu teilen. In einem reinen Onlinebusiness kannst du deine Story nicht weitergeben. Aber die Geschichte ist wichtig. Wer sind die Menschen dahinter? Welche Motivation hatten sie, so eine Anstrengung auf sich zu nehmen? Mit wem arbeitet das Unternehmen zusammen und warum? Es gibt tausend Dinge zu erzählen, die Mensch und Produkt in eine völlig neue Beziehung treten lassen.

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Hier Deko, ansonsten unterm Schuh: Autoreifen. Foto: SoleRebels

Und welche Materialien sehen und fühlen die Kunden heute in den Stores?

Wir verwenden noch immer hauptsächlich Baumwolle, Leder und recycelte Autoreifen, haben uns aber natürlich optimiert, was die Beschaffenheit der einzelnen Elemente betrifft. Wir verarbeiten die Materialien nun so, dass wirklich unglaublich bequeme Schuhe herauskommen, die man einfach überall gerne trägt. Deshalb erzeugen wir auch eine große Bandbreite von Designs und Farben. Wir folgen dabei den Trends und dem, was die Menschen gerne tragen und versuchen, sowohl fair als auch stylish zu sein.

Stichwort Fairtrade: Was bedeutet das Siegel für Sie?

Die Leute reden viel über Fairtrade. Für mich hat diese Auszeichnung vor allem mit den Arbeitsbedingungen zu tun und mit den Rohstoffen, die wir verwenden. Wir kümmern uns darum, dass das Basismaterial gut und sauber ist und gleichzeitig darum, unsere Angestellten vernünftig zu bezahlen. Das ist die Grundlage. Wenn die Produktion beginnt, verzichten wir auf Chemikalien und im Versand auf Plastiktüten und Ähnliches. Jeder profitiert im Produktionsprozess. Das ist für mich Fairtrade.

Advocatus Diaboli: Was ist mit dem Erdöl in den Autoreifen, wenn ich die Schuhe wegschmeißen muss? Ist das ein Dilemma für Sie?

Ja, das ist es. Absolut. Es ist immer Raum da, um besser zu werden. Mit allem was wir tun. Aber bis dahin kann man die Schuhe auch recht einfach selbst reparieren.

 

„Die Art wie wir konsumieren wird immer ausufernder. Das macht mir Angst“

 

Würden Sie sagen, dass man über den Konsum tatsächlich Einfluss nehmen kann auf die Verbesserung der Welt?

Ja, total. Schau dir an, wie die Welt vor zehn Jahren mit dem Essen umgegangen ist und was es heute bedeutet zu essen. Die Menschen fragen, wo die Lebensmittel herkommen oder wie die Produkte hergestellt werden. Es gibt ein neues Denken. Einerseits. Andererseits: Die Art wie wir konsumieren wird immer ausufernder, das macht mir Angst. Dafür gibt es nicht nur ein Beispiel, sondern tausende. Aber ich glaube – ironisch gesagt – dass die bereits entwickelten Ländern uns beibringen können, wie man seinen biologischen Fußabdruck verdeckt.

Hamburg ist der 17. Standort außerhalb Äthiopiens und der erste deutsche – werden Sie nun öfter hier sein?

Ich glaube nicht. Ich bin das erste Mal hier und auch nur für die Eröffnung, um mich um den erfolgreichen Start des Geschäfts zu kümmern. Danach habe ich zu Hause in Äthiopien wieder genug zu tun, weil ich dort ja alles selber manage.

Zum Abschluss eine obligatorische Frage im Hinblick auf die Verbesserung der Welt: private Angelegenheit oder Aufgabe der kritischen Masse?

Jeder hat eine Wahl. Egal ob Schuhe oder Apfel: Es ist unsere Wahl, was wir essen oder tragen. Es beginnt bei uns, bei jedem einzelnen Individuum. Von dort aus erreicht es die Familie, die trägt die Ideale in das Milieu und von dort gelangt die Idee schließlich ins ganze Land. Das hört sich einfach an, wie ein Selbstläufer, nach meiner Auffassung erwächst dadurch aber für jeden auch eine eigene Verantwortung. Also: Es ist Privatsache.

Text & Interview: Jenny V. Wirschky
Fotos: SoleRebels

Die ungekürzte Version dieses Textes ist zu finden in der Printausgabe SZENE HAMBURG, Oktober 2018.

SoleRebels, Neuer Kamp 3 (St. Pauli), www.solerebels.com



 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Oktober 2018. Das Magazin ist seit dem 29. September 2018 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Momentaufnahme – der Transsexuellenstrich in der Schmuckstraße

Die Schmuckstraße auf St. Pauli ist Hamburgs Zentrum für transsexuelle Prostituierte. Außenstehende wissen meist nur wenig vom Treiben in der Szene. Beobachtungen eines Vorbeischlendernden.

Text: Ulrich Thiele
Fotos: Sophia Herzog

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Dieser Artikel stammt aus der SZENE HAMBURG 9/18. Hier können Sie die gesamte Ausgabe lesen.

Sie ruft mir vom Fenster aus etwas auf Spanisch zu. Vermutlich etwas Schnippisches oder Anrüchiges, ihr Ton ist jedenfalls selbstbewusst, aggressiv, herausfordernd. Dabei rudert sie so heftig mit den Armen, als versuchte sie, mich durch die Kraft der Telekinese nach oben zu ziehen. Wüsste ich es nicht besser, könnte ich sie, die ja eigentlich ein „Er“ ist, tatsächlich einfach nur für eine „Sie“ halten – mit den langen, blond gefärbten Haaren, dem weichem Gesicht, dem bauchfreien Top und der übertriebenen Schminke im Gesicht. Ich lächle verlegen und winke ab, ehe ich weitergehe. „Aaaaaaah“, seufzt sie wütend und enttäuscht von meiner Tatenlosigkeit, schmeißt noch ein spanisches Schimpfwort hinterher und drückt mit ihrer rechten Hand ihre Hüfte nach vorne, während sie mit der linken weiter wie eine exzentrische Hollywood-Diva aus den 50er-Jahren raucht.

Wer öfter an der „Taverne Bar Donatella“ in der Schmuckstraße vorbeigeht, kennt solche Szenen zur Genüge. Sie gilt als das Zentrum für die Prostitution durch Transsexuelle in Nordeuropa, die meisten der Prostituierten stammen aus Südamerika, einige sollen einen illegalen Aufenthaltsstatus haben. Noch immer gilt die Szene in der Schmuckstraße als isolierte Community, in die Außenstehende keinen tiefer gehenden Einblick haben. Die Taverne Bar und die Wohnungen darüber – eine Wohngemeinschaft, in der ausschließlich transsexuelle Prostituierte wohnen – sind der erste Anlaufpunkt in Hamburg für jene, die Sex mit Transsexuellen suchen. Die Schmuckstraße zweigt wie eine geheime Seitengasse von der Großen Freiheit auf Höhe der St. Joseph Kirche ab. Während der Name klingt, als gehöre sie zu einem Schickimicki-Stadtteil, entpuppen sich Teile der Umgebung allerdings als ziemlich schmucklos.

Die Schmuckstraße in St. Pauli Foto: Sophia Herzog

Die Schmuckstraße in St. Pauli Foto: Sophia Herzog

Der Gehweg ist schmuddelig, von der ohnehin schon brüchigen Gründerzeit-Fassade der Taverne bröckelt der Putz ab und direkt gegenüber lärmt die Simon-von-Utrecht-Straße. Dazwischen liegt nur die kleine Hundewiese, auf der drei potenzielle Kunden umgeben von leeren Schnapsflaschen, benutzten Kondomen und jeder Menge Hundekot herumlungern und die Prostituierte, die sich an ihrem Fenster zur Schau stellt, begutachten.

Die Männer, die hier so vereinzelt und mit einigen Metern Abstand voneinander stehen und erwartungsvoll Richtung Fenster blicken, sind keine Transsexuellen. Der Anblick verblüfft mich und widerspricht meinem Vorurteil über die Kunden von transsexuellen Prostituierten. Einer von ihnen trägt einen gut sitzenden Anzug mit Krawatte und hat sorgfältig gescheiteltes Haar, wie ein Banker. Der zweite sieht aus wie ein braver Referendar mit seinem Babyface, der braunen Cordhose, dem gestreiften Polohemd und der Brille. Und der dritte könnte ein ganz normaler Familienvater mittleren Alters sein.

“Der Anblick widerspricht meinem Vorurteil über die Kunden von transsexuellen Prostituierten.”

Allerdings scheint keiner von ihnen hineingehen zu wollen. Vielleicht warten sie darauf, dass sich auch die anderen Transsexuellen an ihre Fenster stellen. Doch das Geschäft scheint zur Mittagszeit zu dösen. Abends, wenn die Dämmerung eintritt, ist das anders. Ganz anders: An jedem Fenster über der Taverne steht dann eine Prostituierte und posiert, jedes Zimmer leuchtet farbig. Manchmal hebt eine von ihnen in Captain-Morgan-Pose ihren Fuß auf das Fensterbrett und präsentiert einen ihrer lachsfarbenen High Heels. Andere präsentieren stolz ihre für Transsexuelle typisch langen Beine und die mit Silikon aufgepumpten Hinterteile, die aussehen, als hätten sie zwei Kissen in ihre Hotpants gestopft. Und natürlich heben sie ihre riesigen Silikonbrüste für die Männer auf der Hundewiese hervor, die sich mittlerweile in Scharen aufgestellt haben.

Darunter wieder biedere Bürger und Anzugkerle, aber nun auch stämmige Rockerkerle in Lederjacken und sichtbar kaputte Gestalten in zerrissenen Jeanswesten. Und es kommt auch mal vor, dass ein roter Ferrari vor der Tür steht. Aber nicht jeder Freier muss die Prostituierten zuerst begutachten. Manchmal erkennt man Stammkunden schon aus 50 Metern Entfernung, wenn sie mit strammem und bestimmtem Gang, die Hände an den Rucksackschnallen, schnurstracks auf die Taverne zugehen.

Zur Mittagszeit sieht man aber auch die Anwohner, die nichts mit der Transsexuellen-Szene zu tun haben. Was durch die Fokussierung auf die Taverne leicht vergessen wird: Die Schmuckstraße liegt ansonsten in einem ganz normalen Kiez. Wenige Meter weiter grenzt die Talstraße an, mit einem Budni, einem Getränkemarkt und diversen Handyshops. Und direkt neben der Taverne steht ein Neubau mit Wohnungen, in denen auch Familien leben.

“Die blond gefärbte Transsexuelle raucht wie eine exzentrische Hollywood-Diva.”

Als ich am Nachmittag auf dem Rückweg wieder an der Taverne vorbeigehe, stehen keine Freier mehr auf der Hundewiese. Die blond gefärbte Transsexuelle aber steht noch immer oben am Fenster, noch immer raucht sie wie eine exzentrische Hollywood-Diva. Wieder ein Zuruf, wieder auf Spanisch, wieder mit diesem herausfordernden Grinsen. Ich winke wieder ab und presse ein „Gracias“ heraus, das mehr Deutsch als Spanisch klingt. Darüber muss auch sie herzlich lachen, sie wirft mir einen Kussmund zu und winkt zum Abschied.

 


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, September 2018. Das Magazin ist seit dem 30. August 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich! 



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Rindchen schlemmt – Man Wah

Niemals müde wird unser Kolumnist Gerd Rindchen von den chinesischen Spezialitäten des Restaurants Man Wah mitten auf St. Pauli.

Zu meinen bevorzugten Stätten der Einkehr zählt gefühlt seit der Jungsteinzeit das Man Wah. Hier findet vom experimentierfreudigen Hobby-Foodhunter bis hin zum traditionellen Entenesser ein jeder richtig tolle, authentisch zubereitete chinesische Spezialitäten – in einem zudem recht humanen Preisbereich. Eine klasse Art im Man Wah zu essen ist, sich mit Mehreren querbeet zahlreiche Spezialitäten aus der umfangreichen Vorspeisen- und Dim-Sum-Karte zu bestellen.

Da locken keck die gedämpften Teigtaschen mit Garnelen und Lauch gefüllt, sehr empfehlenswert sind die pikanten Reisteigrollen mit Schweinefleisch (die mit Rinderhack schmecken dagegen eher öde), knusprig kommen die gebackenen Wan Tans mit Garnelen daher, unverzichtbar sind die herzhaften, gegrillten Schweinerippchen und, ja, lecker sind auch die legendären marinierten Hühnerfüße, zu denen ich schon manch zögernde Zeitgenossen bekehrt habe.

Das Man Wah sorgt für neue Geschmackserfahrungen und spannende Entdeckungen

All diese geschmacklich völlig eigenständigen Spezialitäten schlagen mit 3,60 bis 4,20 Euro zu Buche und vier bis fünf pro Nase reichen locker, um satt zu werden. Aber auch die klassische Ente wird hier schulmäßig zubereitet. Tipp: Immer die Variante mit Knochen wählen, die ist einfach viel saftiger.

Richtig spannend wird es, wenn die Kellner die ausschließlich auf Chinesisch offerierten Gerichte von der Tageskarte übersetzen, die vorwiegend der Chinese als solcher hier am Nachbartisch verzehrt. Da gibt es immer wieder aufregende Entdeckungen, die völlig neue Geschmackserfahrungen offenbaren.

Weinmäßig ist es im Man Wah nicht so prall: Es gibt einen preiswerten, offenen chilenischen Chardonnay, der trinkbar ist und nicht blind macht. Ansonsten halt Gerstenkaltschale. Drin und drumherum tobt bis um Zwei in der Früh das pralle Kiezleben. Und wer schon um die Mittagszeit den zweifelhaften Shabby Chic des Spielbudenplatzes auf sich wirken lassen möchte, bekommt für um die 7 Euro eine breite Auswahl leckerer Mittagsgerichte.

Genießerherz, was begehrst du mehr?

Man Wah, Spielbudenplatz 18 (St. Pauli), Telefon 319 25 11



Gerd Rindchen im Rindchen's Weinkontor. Foto:

Gerd Rindchen im Rindchen’s Weinkontor.

Gerd Rindchen ist Gründer von Rindchen’s Weinkontor. Seit 25 Jahren verkostet er Weine nach dem Prinzip „Bestes Preis-Genuss-Verhältnis“. In der SZENE HAMBURG wendet er dieses Prinzip jeden Monat auch auf die Küchen dieser Stadt an.


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, September 2018. Das Magazin ist seit dem 30. August 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Haco – Klar zur Wende!

Das muss man sich auch erst einmal trauen! Björn Juhnke reißt mit seinem Restaurant Haco auf St. Pauli das Ruder ganz radikal rum. Von handfester Kiezküche zu saisonal orientierter nordischer Küche. Von Backbord auf Haco.

Ersteres ist das Lokal, das hier vorher war, mit einfacher Kiezküche à la Schnitzel und viel Bier. Haco ist der neue Laden von Björn Juhnke, abgekürzt von „Hamburg Corner“, in dem er nun eine saisonal orientierte nordische Küche anbietet. Eine Wende um 180 Grad. Und so lautet auch sein Küchen-Motto. Das ist nämlich der Radius, aus dem er seine Produkte bezieht. Bedeutet im Klartext: Er zieht eine horizontale Linie knapp südlich von Hamburg und kauft grundsätzlich nur Produkte, die nördlich davon ihren Ursprung haben. Nach oben (also nach Norden) setzt er sich dabei keine Grenzen. Doch das ist nur Theorie. In der Praxis sieht das gut aus. Und schmeckt auch so.

Vier vegetarische Gänge gibt’s als Menü für 40 Euro, mit Fisch und Fleisch kommen 9 Euro dazu. Man kann aber sowohl innerhalb des Menüs variieren als auch jeden Gang einzeln bestellen. Der gebratene Kopfsalat mit Skyr (ein isländischer Verwandter vom Quark) ist etwas simpel geraten, die Gurkenstreifen mit Austernmayonnaise ein schöner Ausflug ans Meer. Bei der Brokkolisuppe mit gebratenen Röschen und Onsen-Ei zeigt Juhnke, wie man mit gutem Handwerk und dem langsam bei Niedrigtemperatur gegarten Ei auch aus etwas scheinbar Gewöhnlichem etwas Köstliches machen kann. Eine Wucht ist auch der grüne und weiße Spargel, der nicht nur perfekt gegart ist, sondern auch von einer Sauce hollandaise begleitet, die durch braune Butter süchtig macht. Die Lachsforelle mit Sanddorngel und Queller (einem fleischigen Salzwiesengewächs) gefällt uns mit kräftigen Aromen und unterschiedlichen Texturen: Säuerlich- fruchtiger Sanddorn, knackig- salziger Queller – sehr gut. Der vegetarische Karotten-Sellerie-Eintopf ist in Ordnung, die Maibockkeule mit gebratenem Spitzkohl und Urkarotte deutlich besser. Kaum zu verbessern ist der gepökelte und im Vakuum gegarte und dann kross gebratene Schweinebauch. Perfekt dazu die Zwiebelvariation mit einem Röstzwiebelpüree, von dem man eine ganze Schüssel voll löffeln könnte. Die Desserts stehen dem in nichts nach: weder die Variation aus Rhabarber, Milchschokolade und Veilchen noch der Frischkäse mit Erdbeeren und Sauerampfergranité. Highlight aber sind die Tapioka-Perlen zum Frozen Joghurt und zitronigem Biskuit, die sich mit Waldmeister-Sud vollgesogen haben und intensiv und trotzdem natürlich schmecken.

Die Weinkarte mit deutschem Schwerpunkt ist fair kalkuliert, der Riesling vom Weingut Künstler hat genug Kraft und Charakter, um es mit Fleisch und Fisch aufzunehmen. Was noch fehlt, damit Kiez und Topküche richtig fusionieren, wäre etwas gemütlicheres Licht, ausgefeiltere vegetarische Gerichte und ein Service, der noch eine Spur lässiger sein könnte. Dann reißt das Publikum das Ruder sicher mit herum. Von Backbord auf Haco.

/ BEN 

Restaurant Haco: Clemens- Schultz Straße 18 (St. Pauli), Telefon 74 20 39 39, Di-Fr 12–15 und 18–24, Sa 18 –24 Uhr; www.restaurant-haco.com