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Bedrohte Zukunft: Molotow muss bleiben!

In diesem Monat erlebt der Musikclub Molotow seinen 29. Geburtstag. Das wird groß gefeiert. Doch die Zukunft des Ladens ist erneut bedroht

Text: Ole Masch

 

Seit einigen Wochen sind die schwarz-roten Plakate und Aufkleber an den Stromkästen und Straßenlaternen dieser Stadt kaum zu übersehen. „Molotow Must Stay“ oder „Molotow muss bleiben“ ist dort zu lesen. Wer aber glaubt, dass der Club damit seinen Geburtstag ankündigt irrt. Schon häufig kämpfte das Molotow ums Überleben, aber die Zukunft im Neubau auf dem ehemaligen Esso-Häuser-Gelände schien nach der Rückkehrrechts-Zusage des Investors gesichert. Und auch das Ausweichquartier in den früheren Räumen der China Lounge mit seinem gemütlichen Hinterhof, wirkt wie die perfekte Zwischenlösung.

Doch der Eindruck täuscht. Das Molotow schreibt auf seiner Facebook-Seite, dass eine Rückkehr in das sogenannte Paloma-Viertel mittlerweile unklar sei. Zwar habe sich an der Rückkehroption und dem Interesse des Clubs dort wieder hinzuziehen nichts verändert, meint Betreiber Andi Schmidt gegenüber SZENE HAMBURG. „Wir haben bisher nur noch kein für uns bezahlbares Mietangebot bekommen“.

 

„Wenn ich träumen darf, …“

 

Ein weiteres Problem: Das Gelände am Spielbudenplatz liegt seit Jahren brach. Die Bayrische Hausbau, Eigentümerin des Esso-Häuser-Areals, schreibt auf ihrer Internetseite über die Fertigstellung der neuen Bebauung von Mitte 2022. „Das gesamte Konzept für den momentanen Standort, inklusive Finanzierung, war ab 2014 nur für vier Jahre geplant, so Schmidt. „Bis dahin sollte das Paloma-Viertel fertig und wir am Nobistor eigentlich schon wieder raus sein.“ Wie lange man am jetzigen Standort bleiben könne, sei ebenfalls unklar. „Wenn ich träumen darf, würde ich mir jemanden wünschen, der das Gebäude am Nobistor kauft, es zu einer bezahlbaren Miete an das Molotow vermietet und es für immer als Live-Club erhält.“

Nicht wenige dürften dabei an die Stadt denken, die mit dieser Lösung einen Betrag für den Musikstandort Hamburg leisten könnte. Ob dies jedoch geschieht, steht in den Sternen. Gefeiert wird ein Jahr vorm runden 30. Geburtstag natürlich trotzdem. Andi Schmidt verspricht ein denkwürdiges Fest mit Livebands wie Strange Bones, Sons, Bilk, Thee MVPs und Calva Louise. Dazu eine ganz spezielle Tombola, eine Sonderausgabe des legendären Pub Quiz und Musik von den Motorboooty DJ. Bei diesem Programm geht bekannte Losung natürlich leicht über die Lippen: Molotow muss bleiben!

Molotow: Nobistor 14 (St. Pauli)
16.11.19, 18 Uhr


szene-hamburg-november-2019Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, November 2019. Titelthema: Sexualität. Das Magazin ist seit dem 27. Oktober 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Lokale Newcomer beim Molotow Cocktail Festival

Zahlreiche hoffnungsvolle Hamburger Musiker präsentieren sich im Reeperbahn-Schuppen

Text: Erik Brandt-Höge

 

Es ist schummrig, Schweiß liegt in der Luft, Gitarrenriffs krachen von der Bühne in die Menge: eine typische Molotow­-Szene. Der Club auf der Ree­perbahn, den Musikfachblätter regelmäßig in ihren Beliebtheitslisten für Locations weit oben platzieren, ist seit bald 30 Jah­ren ein Zuhause von Rockbands und ihren Fans, von Partymachern aus ganz Ham­burg, ach, aus der ganzen Welt. Nicht sel­ten starteten spätere Weltstars im Molotow ihre Karrieren, Gruppen wie Mando Diao und The Hives standen hier schon auf der Bühne.

 

Offene Türen für Newcomer

 

Auch kleine Festivals gibt es im Club und dessen Hinterhof. Die Burger Invasion etwa, benannt nach dem legen­dären kalifornischen Underground-­Label Burger Records, bietet jährlich die spannendsten Punk­-Combos. Und eh klar, dass das Molotow kürzlich wieder einer der Top-­Spielorte des Reeperbahn Festivals war. Bekannt ist zudem, wie sehr es den Molotow-­Machern ein Anliegen ist, hoffnungsvollen Newcomern zu helfen, vor allem denen aus Hamburg. Jungen, talentierten und zum Molotow passenden Formationen und Solokünstlern stehen die Türen seit jeher weit offen.

Zum Molotow Cocktail Festival sind nun zahlreiche lokale Künstler eingeladen, die womöglich bald schon nicht mehr in Läden die­ser Größe zu sehen sein werden. Beson­ders vielversprechend sind zum Beispiel Moped Ascona, deren angestachelten Gi­tarrensongs ziemlich fix alles und jeden vereinnahmen.

Die Cigaretten könnten mit ihrem Mix aus Pop, Punk und Wave freilich jetzt schon Hallen jenseits der 500-­Zuschauer­-Marke beschallen. Glue Teeth brillieren mit Schreihals-­Punk in Perfektion. Und Melting Palms sorgen für ein wenig melancholische Hymnik mit stark Hall­ beladenen Indie­-Rock-Stücken, die bereits international relevant erscheinen.

Viele weitere Live-­Acts wird es geben beim Molotow Cocktail Festival, unter ihnen Matrone, The Kecks, Fluppe, Leto, O Joe & The Tarantula, Highcoast und Goblyn. Ein Abend wie gemacht, um zu erleben, wie breit gefächert Hamburgs musikalische Nachwuchslandschaft ist.

Molotow Cocktail Festival: Molotow, Nobistor 14 (St. Pauli), 26.10.19, 18 Uhr


Szene-Oktober-2019-CoverDieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, Oktober 2019. Titelthema: Neu in Hamburg. Das Magazin ist seit dem 28. September 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Frühstücks-Dschungel: Der EM Breakfast Club

Lieber Lachs statt Camembert und den Obstsalat ohne Ananas? Kein Problem – die Extrawurst gehört hier zum Konzept

Text: Laura Lück
Foto (o.): EM Breakfast Club

 

Ob man mit dieser Kaffeemaschine auch zum Mond fliegen kann? Die Vision Iberital ist die neuste Hightech-Spielerei auf dem Kaffeemarkt und brüht im Em Breakfast Club das erste Mal auf deutschem Boden.

Wo 19 Jahre lang im ehemaligen Café Colmeia Galão floss, sorgt sie jetzt für energieeffizienten, perfekt temperierten Kaffee- und Teegenuss. Die Schläuche und Leitungen in dem futuristischen Ungetüm schimmern blau-schwarz hinter dem semitransparenten Korpus und arbeiten auf Hochtouren, denn: Der Laden am Neuen Pferdemarkt ist voll.

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Frühstück mit Urban- Jungle- Feeling (Foto: EM Breakfast Club)

Um das Herzstück des frisch eröffneten Cafés versammeln sich Verliebte, Freunde und zeitungslesende Singles zum Frühstück. Denn hier dreht sich alles um die wichtigste Mahlzeit des Tages – individualisierbar und ohne Kompromisse.

Das „Em“ im Namen ist vietnamesisch und heißt übersetzt so viel wie „Du“. Was willst DU frühstücken, das ist hier die zentrale Frage. Sonderbehandlungs-Scham braucht niemand zu haben. Die Speisekarte ist quasi ein einziger Extrawunsch. Darauf sind Frühstückbowls gelistet, die je eine Basis aus Porridge, Açai-Joghurt oder Ahornquark bieten. Dazu gibt’s Flüssiges wie selbst gemachtes Mangomus und jede Menge Toppings von Chiapudding bis Kokosflocken.

Bei den Breakfast-Plates bietet eine lange Liste an Extras von Gemüsesticks bis zur glutenfreien Brotalternative unzählige Kombinationsmöglichkeiten. Gleiches gilt für die frisch gebackenen Waffeln, die auf Wunsch nicht nur vegan, sondern neben der klassisch-süßen Variante auch mit herzhaften Toppings (Empfehlung: Ziegenkäse mit Feigensenf!) zubereitet werden.

 

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Bestell doch, was du willst: Wunsch- Menü im EBC (Foto: Laura Lück)

 

Chi und Jannis haben jede Menge Herzblut ins Konzept und die fünfmonatige Kernsanierung gesteckt. Der zweistöckige Laden ist nicht wiederzuerkennen: Tapeten mit Dschungelprint, ein Tresen im Rotklinker-Look und überall frisches Grün. Hier möchte man den Tag gern starten. Sind die dunklen Holztische vollgeladen mit köstlichem Kaffee und den liebevoll angerichteten Wunsch-Menüs, macht das schnell neugierig auf die Zusammenstellungen der Begleitung.

Teilen und Probieren macht mindestens genauso Spaß wie das Frühstückbasteln – und erfinderisch beim Menü-Pläne schmieden für den nächsten Besuch.

EM Breakfast Club: Neuer Pferdemarkt 14 (St. Pauli)


Szene-Oktober-2019-CoverDieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, Oktober 2019. Titelthema: Neu in Hamburg. Das Magazin ist seit dem 28. September 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Golden Pudel Club wieder mit Café: Barboncino Zwölphi

Seit Ende Juli ist der Pudel wieder ganz. Das Barboncino Zwölphi ist das neue Café im Obergeschoss des berühmten Clubs. Passionierter Pudel-Freund und Mitglied im VerFüGe e.V. ist der Musiker Viktor Marek. Im Interview spricht er über Architektur, geplante Veranstaltungen und gesellschaftliche Solidarität in Zeiten des Rechtsrucks

Interview: Jan Paersch
Foto (o.): Ole Masch

 

Der erste Eindruck: ganz schön bunt. Draußen scheinen Farbeimer explodiert zu sein, so sehr strahlen den Besucher die grünen, pinken und blauen Pastellfarben an. Im Innenraum: mehrere Holzwände mit verschieden gestalteten Tapeten, große Hängelampen, rot und giftgrün gepolsterte Stühle. Eine teuer aussehende Espressoma­schine blinkt hinterm Tresen. Etliche Fenster geben den Blick auf die Werft Blohm+Voss auf der anderen Elbseite frei.

Eine Etage darüber, in den Räumen direkt un­ter dem markanten Sheddach, ist die Unterbringung des Park Fiction­-Archivs geplant. Auf der Mittagstisch-­Speisekarte im Café: arabische Spezialitäten. Gebratene Möhren, Couscous­-Salat, Belugalinsen, Hummus und Falafel – der große Teller für 7,50 Euro, ermäßigt für 6 Euro.

Es ist Anfang August, das Barboncino Zwölphi im oberen Stockwerk des Golden Pudel Clubs ist erst seit ein paar Tagen geöffnet. Frischer Holzgeruch hängt noch im Raum. An der Theke lehnt ein Pärchen und lobt das Konzept des in der Karte verzeichneten Espressos zum „schnell am Tresen trinken und abhauen.“ Nur einen Euro kostet das im Stehen genossene Heißgetränk hier – wie an einer italienischen Autobahnraststätte.

„Den Preis habe ich durchgesetzt“, grinst Viktor Marek. Der Musiker und Produzent ist auch Mitglied im Verein für Gegenkultur e.V., kurz VerFüGe und war maßgeblich an der Planung des neuen Cafés und Kulturraums beteiligt.

Lange Jahre wurde die obere Etage von einem Pudel­fremden Betreiber dominiert. Mit finanzieller Unterstützung der Mara­-&-­Holger­-Cassens-­Stiftung kaufte der Pudel­-Verein im Juli 2016 den Anteil des damaligen Miteigentümers auf. Der Club war zu dem Zeitpunkt aufgrund von Brandschäden geschlossen – nun darf im Pudel wieder unten und oben gefeiert werden.

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„Müssen solidarisch miteinander umgehen“: Viktor Marek / Foto: Jan Paersch

SZENE HAMBURG: Viktor Marek, ihr habt euch schon in der Vergangenheit als „Elbphilharmonie der Herzen“ bezeichnet. Musstet ihr das jetzt noch einmal unterstreichen, indem ihr euch den Zusatz „Zwölphi“ gegeben habt?

Viktor Marek: Ja, wir können’s nicht lassen. Wir brauchen immer einen mehr als die Elphi. Lauter, teurer, besser (lacht). Barboncino war uns irgendwie zu wenig. Die Kombination mag schwer merkbar sein, aber vielleicht etabliert sich noch eine Abkürzung. „Pudel oben“ wäre für uns auch okay.

Ihr meintet mal, ihr würdet kein weiteres Café auf St. Pauli eröffnen wollen. Was ist das Barboncino dann?

Das ist einfach ein Pudelchen oben­ drauf – Barboncino heißt wörtlich „Pudelchen“ auf italienisch. Die reine Café-Idee reicht uns tatsächlich nicht. Man kann bei uns nett sitzen und auf die Elbe gucken, aber es soll schon politisch aufgeladen sein, und die Veranstaltungen sollen das auch widerspiegeln. Von Anfang an wollten wir unbedingt mit Geflüchteten arbeiten.

Der Mittagstisch kommt vom Catering- Service Chickpeace, der von geflüchteten Frauen aus Afghanistan, Syrien, Eritrea, Irak und Somalia betrieben wird.

Genau. Wichtig ist uns, dass deren Bezahlung anständig ist. Momentan ist ihre Küche vor allem arabisch angehaucht, aber auch da werden sich die Dinge vielleicht noch ändern.

Ihr habt auch einen ermäßigten Preis beim Essen.

Auch wer wenig Kohle hat, sollte bei uns essen können. Wir wollen auf keinen Fall ein weiterer Gentrifizie­rungs-­Apparat in St. Pauli-­Süd sein. Wer hier schon seit Ewigkeiten wohnt, ist herzlich eingeladen, vorbei zu kom­men.

Seid ihr schon früher so auf die Nachbarn zugegangen?

Nun, als der Pudel gegründet wurde, war es wichtig, sich von der Gesellschaft abzugrenzen. Heute macht das keinen Sinn mehr, im Gegenteil: Wir müssen solidarisch miteinander umgehen. Der Rechtsruck ist eine riesige Gefahr. Wenn der Staat das schon nicht hinbekommt, müssen wir wenigstens untereinander zusammenhalten.

Uns haftete lange das Bild der hippen Künstler an, aber so wollen wir nicht mehr wahrgenommen werden. Wir bieten auch ein Flaschenbier für 2,20 Euro an – das ist fast so günstig wie in einer Eckkneipe.

 

„Wir wollen immer Raum für Quatsch lassen“

 

Im Golden Pudel Club kommen „Selbstbestimmtheit, Kratzbürstigkeit, Beklopptheit und Wärme zusammen“, heißt es in der Präambel eurer Stiftung. Wie verrückt darf ein Café sein?

Ich finde, es muss bekloppt sein. Hier oben wird vermutlich nicht ganz so viel mit Alkohol experimentiert. Aber wir wollen immer Raum für Quatsch lassen. Die Dinge sollen auch mal schiefgehen können.

Jetzt, wo das Grundstück gesichert ist und wir über die nächsten 40, 50 oder gar mehr Jahre nachdenken können, können wir eine gewisse Grundentspanntheit mitbrin­gen. Früher haben wir von Jahr zu Jahr gelebt und wussten gar nicht, ob wir nicht doch bald schließen müssen.

Jetzt habt ihr viel vor: Lesungen, Konzerte, Workshops.

Wir haben gleich den „Kaiserwetter“­-Dienstag wiederbelebt, der früher unten im Club stattfand. Da haben schon so illustre Gäste wie DJ Koze oder DJ DSL aufgelegt. Der Fokus liegt aber nicht auf Tanzmusik. Es darf stattfinden, was sonst auf der Strecke bleibt.

Ich selbst werde 7­inch-­Platten von Flohmärkten in Palermo, Athen und Tokio auflegen. Lesungen von Kathrin Weßling und Gereon Klug sind auch geplant, dazu Salonabende mit Rocko Schamoni und Schorsch Kamerun, Filmabende von der HfbK und eine Veranstaltung vom Hamburger Comicfestival. Die „Untüchtigen“ sollen auch wieder stattfinden, eine politische Reihe, die schon im mittlerweile geschlossenen Golem stattfand.

Was hat das Barboncino gekostet?

Wir haben circa 200.000 Euro an Spenden und 100.000 Euro an öffentlichen Geldern von der Bezirksversammlung Altona bekommen, aber die Summe hat nicht gereicht. Das fehlende Geld hat uns die Mara­-&-­Holger­-Cas­sens­-Stiftung geliehen, das zahlen wir über einen langen Zeitraum zurück.

 

Krone und Pudel-Frisur

 

Wie kamt ihr auf das markante Dach mit den drei aneinander gelehnten Pultdächern?

Wir tranken Bier mit dem Architekten, und der zeichnete diese Krone gleich auf eine Serviette. Die Gestaltung erinnert an eine alte Fabrik, die typischerweise mit einem Sheddach da­herkommt. Und es erinnert natürlich an das Logo des berühmten englischen New­-Wave­-Labels Factory Records. Es soll demonstrieren: Hier wird gearbeitet, hier soll etwas geschaffen werden. Aber es bezieht sich natürlich auch auf eine Pudel­-Frisur.

Wenn man sich drinnen so umschaut – ganz schön viel Holz hier.

Am Anfang war es zu holzig hier – es sah aus wie eine Sauna! Wir haben mit der individuellen Tapetengestaltung dagegen gearbeitet.

Mir gefällt besonders das Spielkartenmuster. Wie seid ihr die Gestaltung des Innenraumes angegangen?

Der Regisseur Lars Jessen hat ein­mal einen Film über sterbende Gasthöfe in Dithmarschen gemacht. Eine der Kneipen stand in Meldorf, und nachdem die schließen musste, übernahm Lars die komplette Einrichtung und lagerte sie ein. Er ist ein Freund von Rocko Schamoni, und kontaktierte uns gleich, als er von dem Projekt hörte.

Wir wollten die Möbel aber nicht bloß auf museale Art ausstellen. Also gab es eine Zwischenlösung: Lampen und Möbel sind zum größten Teil aus dem alten Gasthof, der Tresen mit seiner Sechzigerjahre­-Anmutung wurde dagegen komplett neu gebaut. Wir wollten auch keine hohe, brachiale Bühne, es sollte eher eine Stufe sein. Das macht das ganze demokratischer.

Der Pudel – ein Hort der Demokratie?

Nun ja. Letztlich sind wir wohl doch Anarchisten.

Barboncino Zwölphi: St. Pauli Fischmarkt 27


Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, September 2019. Titelthema: Mobilität – Das bewegt die Stadt. Das Magazin ist seit dem 29. August 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Reeperbahn Festival 2019: Newcomer & Netzwerker

Auch die diesjährige Ausgabe des Reeperbahn Festivals bietet Unterhaltungshöhepunkte en masse

Text: Erik Brandt-Höge
Foto (o.): Marvin Contessi

 

Es ist Europas größtes Club­festival, Treffpunkt für Mu­sikschaffende aus der ganzen Welt und, nicht zuletzt, eine Riesenchance für Newcomer aus allen denkbaren Genres, sich vor der breiten Masse zu prä­sentieren: das Reeperbahn Fes­tival. Rund um die Partymeile von St. Pauli stehen auch in diesem Jahr wieder Highlights aus Musik, Film, Literatur und Bildender Kunst auf dem Programm, 900 Veranstaltungen sind es zusammen, auch Kon­ferenzen, Sessions, Showcases, Networking­-Events und Preis­verleihungen zählen dazu. Prinzenbar, Molotow, Uebel & Gefährlich, Imperial Thea­ter, Elbphilharmonie: An ins­gesamt 90 Spielorten zieht das Festival vom 18. bis 21. Septem­ber ein.

Erstmals wird auch das Planetarium für eine besondere Festivaleinlage genutzt: Der isländische Multiinstrumentalist, Songschreiber und Produzent Ólafur Arnalds führt im be­rühmten Hamburger Sterneguckerparadies an vier Abenden eine eigens fürs Reeperbahn Fe­stival geschriebene Show auf. Die ist natürlich nicht das ein­zige diesjährige Highlight, wie RBF-­Pressesprecher Frehn Ha­wel erzählt: „Hervorzuheben ist auch unsere neue, glamouröse Eröffnungsveranstaltung ‚Doors Open‘ am Mittwoch im Operet­tenhaus. Unsere Moderatoren Charlotte Roche und Ray Cokes bringen hier in einer kompakten einstündigen Show mit zwei hochkarätigen Live­-Acts (Dope Lemon und Feist; Anm. d. Red.) alle wichtigen Facetten des Ree­perbahn Festivals zusammen.“

 

Seht hier den Trailer für das Reeperbahn Festival 2019

 

Auch die Jury des internationa­len Musikpreises „Anchor“ wird sich im Operettenhaus vorstel­len, nämlich die Produzenten Bob Rock und Tony Visconti, die Musikerinnen Kate Nash und Peaches, Beatsteaks­-Front­mann Arnim Teutoburg­-Weiß und Moderatorin Zan Rowe aus Australien, dem diesjäh­rigen Partnerland des Reeper­bahn-Festivals. Nachdem sich bereits Down­-Under­-Künstler à la Kim Churchill, Parcels und The Temper Trap auf dem Ree­perbahn Festival gezeigt haben, kommen in dieser Ausgabe beim The Aussie BBQ Showcase im Molotow (Freitag) neue Hoff­nungsträger zum Zug.

Ebenso empfehlenswert: die von RockCity Hamburg präsen­tierten Music Women Germany (Donnerstag). Förderung, Ver­netzung und allgemeine Sicht­barmachung von Frauen in der Musikwirtschaft sind die Ziele dieser ersten Dachorganisation für weibliche Musikschaffende in Deutschland. Von Musike­rinnen bis Managerinnen sind alle eingeladen, sich auszutau­schen und ihre Positionen zu stärken. Auch von RockCity ge­managt wird „PopReception“, ein Frühstück mit Fisch, Schnaps und sicherlich einigen anre­genden Gesprächen (Freitag).

Und Besucher, die zwischen Konzerten von beispielsweise Dermot Kennedy, Dagobert, Frittenbude, Mighty Oaks und Tusks verschnaufen möchten, können dies in der Idylle auf dem Arts Playground und dem Vil­lage Future Playground auf dem Heiligengeistfeld bei Getränken und Snacks.

Reeperbahn Festival: 18.-21.9.2019


Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, September 2019. Titelthema: Mobilität – Das bewegt die Stadt. Das Magazin ist seit dem 29. August 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich!


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Imperial Theater: Von der Musical- zur Krimi-Bühne

Vor 25 Jahren startete Intendant Frank Thannhäuser seine künstlerische Vision in den Räumen eines ehemaligen Pornokinos. So war’s und so wird’s beim Imperial Theater

Interview: Karin Jirsak
Fotos: delovska.de

 

SZENE HAMBURG: Frank, ein Vierteljahrhundert Theater auf dem Kiez – da darf man schon mal ein bisschen nostalgisch werden. Erzähl doch mal ein bisschen über die Anfangstage. 

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Im Premieren- und Jubiläumsfieber: Frank Thannhäuser (Foto: Freelens Pool Malzkorn)

Frank Thannhäuser: An­fang der 1990er Jahre spielten wir als deutsche Erstaufführung „Grease“ in der ehemaligen Bowlingbahn am Anfang der Reeperbahn, wo heute die Tanzenden Türme stehen. Dort war auch der Mojo Club und der „Quatsch Comedy Club“ beheimatet. Als der Abriss kurz bevor stand, mussten wir neue Räumlich­keiten suchen und wurden gleich auf der anderen Stra­ßenseite fündig: Hamburgs größtes Pornokino war schon seit Monaten geschlossen, die Rollos waren unten.

Ich bin dann zu der Besitzerin des Hotels gestiefelt und hab sie gefragt, ob ich da mal rein­gucken darf. Die hat sich wohl auch gedacht: „Was kommt denn da jetzt auf mich zu?“ Trotzdem ist sie dann mit mir runtergegangen, und da war alles ganz heruntergekom­men, grottig und braun, so wie man es in den 70er Jahren gern hatte. Wir haben dann aber beschlossen, die Spiel­stätte anzumieten und zum Musiktheater umzubauen.

Wir spielten „Grease“ weiter und später auch weitere Mu­sicals wie „Kleiner Horror­ laden“ oder „Rocky Horror Show“. Doch Ende der 90er Jahre wurde es wegen der hohen Produktionskosten finanziell sehr eng für uns als kleines Musiktheater. Wir brauchten also etwas Neues. Dann kamen wir auf die Idee, spannende Krimis auf die Bühne zu bringen und waren dann nicht mehr ein Musiktheater unter vielen, son­dern Hamburgs einziges Kri­mi-­Theater. Das hat uns allen sehr gut getan.

Sieht man. Ist denn aus den alten Pornokino-Tagen noch irgendetwas hier erhalten geblieben an Interieur?

Man könnte denken, un­sere original 50er­-Jahre­-Sput­nik­-Lampen – aber die haben wir einem Schuhladen in Remscheid abgekauft. Tat­sächlich mussten wir hier sozusagen jeden Stein umdrehen. Auch die Stühle wurde gegen eine gebrauchte Thea­terbestuhlung aus dem Plane­tarium Jena getauscht …

 

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Imperial Theater: Früher Pornokino – jetzt Krimitheater

 

25 Jahre auf der Reeperbahn, gab’s da nicht mal Stress?

Bis auf die Sprengung des Nachbarhauses in unserem Gründungsjahr 1994, tatsäch­lich gar nicht! Wir sind ja hier ziemlich am Anfang von der Reeperbahn, da haben wir das gute Ende von der Wurst erwischt.

Stichwort Jubiläumsinszenierung: Warum habt ihr euch für „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ entschieden?

„M“ war schon länger ein Wunschkind. Der Stoff ist zeitlos, finde ich. So lange es Kinder gibt, sorgt man sich um sie und gerät aus der Fas­sung, wenn irgendetwas pas­siert. Im Kern geht es um das Menschliche. Wozu sind Leu­te in Extremsituationen fähig? Um das zu erzählen, helfen auch die Songs im Stück: Es funktioniert besser, über in­nere Abläufe zu singen, als da­rüber zu reden. Nebenbei war das auch unser Wunsch fürs Jubiläum: die Anfänge des Musiktheaters mit dem Krimi zusammenzubringen.

Wann und wo spielt das Stück?

In den 20ern, wie der Fritz­-Lang-­Film. Wir benutzen zu 70 Prozent das Originaldreh­buch. Den Stoff in die heutige Zeit zu übertragen, da hätte es zu viele Stolpersteine gegeben. Die Kommunikation funktio­nierte ja ganz anders – keine Handys, kein Internet – und die gesellschaftlichen Hie­rarchien waren andere.

Den Schauplatz haben wir aller­dings von Berlin nach Ham­burg verlegt. Hier hätte so was ja genauso gut passieren können, da muss man nicht so tun, als wäre man in Berlin.

 

„Tornado in Beige“

 

Wie sieht das dann hier auf der Bühne so aus?

Wir befinden uns in ei­ner alten Fabrikhalle. Überall ist Gebälk und hinten auf die Wand ist eine alte Reklame gemalt. Es ist überall Mauer­stein zu sehen. Es gibt ver­schiebbare Treppen … Alles ist gebraucht, alt und knarzig. Die Kostüme sind tatsächlich alle im 20er­-, 30er-­Jahre-­Stil gehalten. Die Kulisse ist eher bräunlich­gräulich. Die Kostüme sind die Farbkleckse darin, die sind sehr poppig.

Du zeichnest ja auch für die Kostüme verantwortlich. Gab es da eins, das Du als Erstes im Kopf hattest?

Es gibt dieses nervig-­ko­mische Ehepaar, die Kubitzkes. Die sind Denunzianten und wollen unbedingt die hohe Belohnung einstreichen, die für die Ergreifung des Mörders ausgesetzt ist. Beide sind im Partnerlook und tragen ein beiges Karo. „Tornado in Beige“, nennt meine Kollegin die beiden immer.

Gab es in 25 Jahren so was wie ein Lieblingskostüm, oder auch mal eins, das besonders schwierig war?

Die Schurken sind immer eine Herausforderung. Das ist eine echte Gratwanderung: Sieht das jetzt gefährlich aus oder albern? Gerade bei Edgar Wallace zum Beispiel, wo man Figuren hat wie „Der Frosch mit der Maske“.

Der hatte bei uns eine Gasmaske auf und einen bodenlangen Kroko­-Imitat-­Ledermantel. Der glänzte und schwang so richtig schön – das sah toll aus in den Kampfszenen! Dazu gab es einen Gürtel mit dem Froschlogo vorne drauf, da­ran hingen Glaskolben mit Flüssigkeiten und ein Verzerr­-Lautsprecher. Fast wie aus einem Marvel-­Comic.

Wie geht’s nach dem Jubiläum weiter?

Nach „M“ kommt ab Herbst unser erster Edgar­-Al­lan­-Poe-­Klassiker „Der Unter­gang des Hauses Usher“ und ab Frühjahr 2020 „Die Tür mit den sieben Schlössern“ von Edgar Wallace. Im Herbst 2021 will ich mir einen alten Traum erfüllen und „Dracula“ machen. Das ist mal was ganz anderes, aber das wird auch sehr schön werden.

Ihr gehört ja zu den Erstunterzeichnern der Hamburger „Erklärung der Vielen“, die sich gegen rechtspopulistische Einflussnahme auf den Kulturbetrieb ausspricht. Was hat euch dazu bewogen?

Ich bin kein politischer Mensch und wir machen hier „nur“ Unterhaltung. Aber für mich ist es grundsätzlich un­vorstellbar, dass mir jemand sagt, das und das darfst du jetzt nicht mehr zeigen. Bei uns ist es zwar noch nicht so, es schadet aber auch nicht, hier ein bisschen übervor­sichtig zu sein. Das Theater muss ein Feld für freie Mei­nungsäußerung bleiben, und das müssen wir schützen.

Als „M“ geschrieben wurde, stan­den wir an einer Schwelle, an der wir heute vielleicht wieder stehen. „M“ führt ja auch sehr deutlich vor Augen, was pas­siert, wenn Leute mit Populismus konfrontiert werden, wie schnell sich Strömungen bilden, die dann nicht mehr auf­zuhalten sind. Da muss man sich einfach positionieren und dagegen rudern.

Imperial Theater: Reeperbahn 5 (St. Pauli)


Szene-Hamburg-August-2019-TitelDieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, August 2019. Titelthema: Wie sozial ist Hamburg? Das Magazin ist seit dem 27. Juli 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Kogge: Das Rock ’n’ Roll-Hotel musste Abschied feiern

Die Kogge, Kneipe und Hotel, hat schon Bands wie The Mars Volta beherbergt und war in St. Pauli fest verankert – nun musste sie schließen. SZENE HAMBURG sprach mit Betreiberin Riikka Beust über die aktuelle Situation

Interview: Ole Masch
Foto (0.): Ole Masch

Mit einem großen Fest wurde Anfang Juni das beliebte Rock ’n’ Roll-Hotel Kogge verabschiedet. Über 16 Jahre war die Unterkunft samt angeschlossener Bar fester Bestandteil der Nachbarschaft St. Paulis und international bekannter Übernachtungsort für unzählige Bands. Ob die Stadt nach der Kündigung durch den Vermieter doch noch eingreift oder ein weiterer Meilenstein verfehlter Standortpolitik erreicht wird, bleibt abzuwarten.

Riikka, warum habt ihr kürzlich euren Abschied gefeiert?

Riikka Beust: Nachdem wir 2003 die Kogge eröffnet haben, wurde sie 2007 von den Besitzern zum Verkauf angeboten. Für einen Spottpreis. Inklusive der beiden dazugehörigen Mietshäuser im Hinterhof. Wir hatten das Vorkaufsrecht. Und haben es nicht genutzt. Wir waren dumm. Wir wussten zu diesem Zeitpunkt nicht, welche Möglichkeiten zur langfristigen Erhaltung unseres, und anderer Lebensräume damit geboten wurden. Und wie nötig es werden würde, mit allen Mitteln für diese zu kämpfen.

Wir waren naiv. Und wohl nicht visionär. Und auch politisch nicht ausreichend vernetzt. Erst als ein neuer Vermieter erschien, und er begann, uns vor Gericht zu zerren, um uns loszuwerden, begriffen wir, dass wir Teil eines abgekarteten Abfucks geworden waren. Doch unser Mietvertrag war immerhin wasserdicht für die Laufzeit von 16 Jahren. Da ließ sich auch zum Unglück des neuen Vermieters nicht dran rütteln. So sehr er sich auch über die Jahre bemühte – zum Glück sahen die vorstehenden Richter das ähnlich wie wir – unser Vertrag behielt seine Gültigkeit.

 

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Dieser Negativ-Countdown zählte die Tage bis Mietsende / Foto: Sophia Herzog

 

So plötzlich kam der Abschied also nicht?

Wir wussten seitdem, dass unsere Tage gezählt sind. Und wir zählten sie. Auch mithilfe unseres Countdowns an der Wand. Hätten wir damals gewusst uns zu wehren, zu verbinden, Initiativen zu gründen oder eine Struktur zu vernetzen, die über den eigenen Bedürfnishorizont hinausgeht, wie es zum Beispiel von SOS-St.Pauli, St.Pauli Selbermachen, RechtAufStadt, Leerstand zu Wohnraum und vielen anderen mittlerweile getan wird, würde es die Kogge heute wohl noch geben.

Oder wenn die Stadt damals begriffen hätte, wie viel Leid der Verlust dieser kleinen Klitsche, und den damit gewachsenen Strukturen für einen Stadtteil bedeuten kann, – aus kultureller, wirtschaftlicher und sozialer Sicht – es würde die Kogge heute wohl noch geben.

Was passiert jetzt mit dem Gebäude?

Wie vermutet, wurde vom Vermieter ein Bauantrag eingereicht, um die Kogge und seine erst 2012 fertiggestellte Aufstockung abzureißen. Laut Antrag soll ein siebenstöckiges Boarding-House errichtet werden. Was das bedeutet, beziehungsweise warum diese Gesetzeslücke allen potenziellen Investoren in Wohngebieten profitable Kurzzeitvermietung ermöglicht und Wohnraum vernichtet, sollte dringend gesondert öffentlich gemacht werden und liegt in der Verantwortung der Stadt.

Woher wisst ihr das so genau?

Da uns ein Verkaufsangebot zugespielt wurde, in dem die Liegenschaft inklusive der beiden Mietshäuser im Hinterhof zum Verkauf angeboten wurden. So wussten wir, was der eigentliche Plan von Anfang an war: Ein Objekt – zum Abriss frei, ohne laufende Verträge mit Gewerbemietern, inklusive einer lukrativen Baugenehmigung – zum Verkauf zu stellen. Denn unsere Bemühungen um eine Verlängerung des Mietverhältnisses mit einer Anpassung des Mietzinses wurden noch im Winter 2018/19 vom Vermieter kategorisch abgelehnt.

Wie habt ihr darauf reagiert?

Wir haben unsere Kooperationen gekündigt, unsere Mitarbeiter entlassen, das Booking eingestellt und alle Verträge beendet. Zwei Wochen vor Ablauf des Vertrages und Übergabe des Objektes wurde uns vermieterseits eine sechsmonatige Verlängerung des Mietverhältnisses angeboten. Mit knapp 1.000 Euro Mieterhöhung. Unabhängig davon, wie indiskutabel ein solches Angebot aus Sicht der wirtschaftlichen Planungssicherheit ist, wird hier mit den Bedürfnissen und Emotionen eines ganzen Viertels gespielt, das mit dem Verlust der Kogge auf vielen Ebenen noch lange zu kämpfen haben wird.

 

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Kogge: Leider kein Tresen für die Ewigkeit / Foto: Sophia Herzog

 

Was passiert nun mit den Menschen, die direkt mit der Kogge involviert sind?

Die wahrscheinlich wichtigste Säule war immer die Crew. Während in anderen gastronomischen Betrieben meist eine hohe Fluktuation an Mitarbeitern herrscht, ist die Kogge-Crew in 16 Jahren immer über lange Zeiträume konstant gewesen. Selbst wenn Menschen neue Lebenswege einschlugen, Eltern wurden, promovierten oder auch ihren eigenen Laden eröffneten, sind die meisten ein Teil der Kogge geblieben. Und das hat die Kogge ausgemacht. Die liebevolle Offenheit mit einem authentischen Selbstbewusstsein, für das die Kogge so geschätzt wurde, ließ schon immer auf den hohen Grad der Identifikation der Mitarbeiter mit der Kogge schließen.

Und auch für ihre Fähigkeiten wurde die Crew der Kogge geschätzt. Nicht selten wurde die Kogge „Kaderschmiede“ genannt. So war es zum Glück auch nicht schwer die Mitarbeiter, die der Gastronomie erhalten bleiben wollten, in neuen Arbeitsverhältnissen unterzubringen. Im Gegenteil. Es wurde sich nahezu um sie gerissen. Trotzdem stand die Crew loyal und felsenfest bis zur letzten Stunde gemeinsam an Bord.

Und was macht ihr als Betreiber?

Gernot Krainer, mein Geschäftspartner, muss sich auch erst mal sammeln und die Trümmer seiner Existenz verräumen, bevor er weiß, was als Nächstes kommt. Ich werde den Juli über nur für Off The Radar da sein. Ab August werde ich mit Fabi, einem langjährigem Mitarbeiter, im Karoviertel ein Stadtteil-Cafe eröffnen. Unser Wunsch ist es, einen offenen Raum zu bieten, in dem sich Menschen vernetzen und zum politischen Austausch treffen. Wo Initiativen sich vorstellen und engagierte Interessierte Informationen bekommen. Vom Viertel fürs Viertel.

Dazu mit Kicker und Kultur. Aber es wird nicht die Kogge sein. Ich muss nach vorne gucken. Sonst würden die Wehmut und die Wut über den Verlust zu groß. Aber ich könnte mir denken, dass manche Nachbarn und Hinterbliebene der Kogge weniger gemäßigt mit ihrer Wut umgehen … Nicht nur deshalb kann ich mir einen glücklichen Investor, oder einen Betreiber eines nicht mit dem Stadtteil kompatiblen Gewerbes an dieser Stelle schwerlich vorstellen.

 

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Riikka Beust: Kogge auf Öl und für ewig / Foto: Kogge

 

Und wie geht es mit dem Projekt Kogge weiter. Ihr wolltet doch auf das ehemalige Esso-Gelände ziehen?

Die Kogge wird es so nicht mehr geben. Sollte sich aber zum Beispiel die Stadt entscheiden, dem Vermieter ein Angebot zu machen, um die Liegenschaft vor Spekulanten zu schützen und die Strukturen der Nachbarschaft zu erhalten, solle man mir gerne Bescheid sagen. Für einen langfristigen Mietvertrag in der Bernhard-Nocht-Straße würde ich auch mit Überzeugung in eine notwendige Sanierung investieren.

Natürlich besteht auch immer noch die Möglichkeit, dass für die Kogge, dem Molotow und der Baugemeinschaft im Paloma-Viertel mit der Investorengruppe der Bayerisch Hausbau und der Stadt eine wirtschaftlich tragbare Lösung für einen Einzug auf dem Esso-Areal gefunden wird. Allerdings muss die Stadt sich dafür den Investoren gegenüber endlich gerade machen und auf die Einhaltung der Absprachen bestehen. Ansonsten wird das, was von den großen Plänen der Bürgerbeteiligung übrigbleibt, keine Erwähnung mehr wert sein.


Szene-Hamburg-Juli-2019-CoverDieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, Juli 2019. Titelthema: Schmelztiegel St. Georg.
Das Magazin ist seit dem 27. Juni 2019 im Handel und zeitlos im
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Neueröffnung: Hamburgs erste Ratsherrn Bar

Das gepflegte Feierabend-Craft-Beer trinkt man jetzt im Mühlenkamp. 43 Sorten fließen aus den Zapfhähnen der neuen Ratsherrn Bar – Blick auf den Osterbekkanal inklusive

Text: Laura Lück
Fotos: Seren Dahl

Ratsherrn Bier gehört zu Hamburg wie Labskaus und Alsterschwäne. Zumindest das Pils mit dem Typen mit der Halskrause bekommen Hamburger in fast jedem Kiosk und den meisten Bars zwischen Blankenese und Billstedt. Dass die Marke erst jetzt die Eröffnung der ersten eigenen Ratsherrn Bar der Stadt feiert, ist fast irritierend – zu bekannt sind die leckeren Craft-Beer-Sorten und die kultige Brauerei in den Schanzenhöfen.

 

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Auch der neue Standort überrascht, hätte man doch eher auf die typischen Szenenviertel getippt: St. Pauli, Ottensen, Schanzen- oder Karoviertel. Betritt man die direkt am Osterbekkanal gelegene Location im Mühlenkamp, ergibt aber sofort alles Sinn. In der unteren der zwei Etagen fühlt man sich zwischen Schiffslampen mit Metallgitterfassung und warmen Holztönen wie im Bauch eines Bootes. Ausblick aufs Wasser gibt’s aber trotzdem. Die schwimmende Außenterrasse ist wohl künftig einer der schönsten Plätze fürs sommerliche Feierabendbier. Die vorbeifahrenden Stand-Up-Paddlern und Kanufahrern bekommen hier auch Sechserträger für die Bierpause über die Reling gereicht.

Ratsherrn_Brauerei-2_c-Seren-Dahl 43 Bierspezialitäten sprudeln in der Ratsherrn Bar aus 24 Zapfhähnen. Wem die Entscheidung schwerfällt, kann sich vertrauensvoll an das gut geschulte Personal wenden. Dieses empfiehlt nämlich nicht nur dem Geschmack entsprechendes Gebrautes von Hoptail bis Herrengedeck, sondern auch die zum jeweiligen Bieraroma passenden Speisen.

Gäste genießen hier kreative Stullen aus der Backstube des Braugasthauses Altes Mädchen oder Pastrami vom eigenen, am Bodden ansässigen Landwerthof. Freitag bis Sonntag öffnet die Bar außerdem schon ab 11 Uhr und lockt mit einem Frühstücksangebot am Wasser.

Ratsherrn Bar: Mühlenkamp 2 (Winterhude)


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