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10 Techno Clubs in Hamburg

Rein ins Getümmel der Hamburger Clublandschaft. Raven ist wieder ausdrücklich erlaubt. Hier kommen 10 Spots für alle Liebhaber:innen von Techno und elektronischer Musik:

Waagenbau

Die Sternbrücke in Hamburg ist so etwas wie das klubkulturelle Drehkreuz mitten in der Stadt! Euphorische Techno-Nächte warten hier vor allem im Waagenbau. Direkt unter der Eisenbahnbrücke finden sich zwei unterirdische Dancefloors. Oben rattern die Züge, unten tropft der Schweiß von der Decke. Von Electro bis Drum n Bass gibts hier die unterschiedlichsten Beats auf die Ohren. Am Wochenende ist Techno allerdings Gesetz. An den Decks sind dann lokale Newcomer aber auch internationale Szene-Größen.

Waagenbau: Max-Brauer-Allee 204, 22769 Hamburg

Golden Pudel Club

Kein Club genießt in Hamburg größeren Kult-Status als der Golden Pudel Club. Seit 1995 wird in dem ehemaligen Schmugglergefängnis am Antonipark die alternative Musikszene überregional geprägt. Nachdem der von Schorsch Kamerun ins Leben gerufene Club, 2016 fast komplett abgebrannt war, wurde er aufwendig wieder aufgebaut und weiterentwickelt. Schon lange gehört der Pudel zu den bekanntesten Clubs Deutschlands. Underground-Kultur wird hier nicht nur in Form von Techno gelebt. In der Nacht zeigt sich elektronische Musik hier in all ihren Facetten. Nirgendwo lässt sich subkulturelle Entwicklung so gut beobachten wie hier.

Golden Pudel Club: St. Pauli Fischmarkt 27, 20359 Hamburg

PAL

Mittlerweile hat sich das PAL zu einer echten Techno-Institution entwickelt. Gut versteckt ist der Club in einem alten Backsteingebäude direkt an den Messehallen und quasi neben dem Fernsehturm gelegen. Getanzt wird hier in alter Techno-Tradition von Freitagnacht bis Sonntagabend. Um das Publikum im Gleichgewicht zu halten, wartet man gerne mal über Stunden in der Schlange, bis Türsteher und Selekteur entscheiden, ob es passt oder nicht. Aber das Anstehen kann sich lohnen, denn im PAL legen regelmäßig international gefeierte DJs auf und beschallen die zwei Floors mit feinsten Bässen. Besonders beliebt ist die queere Partyreihe „Kinky Sundays“, bei der auch ein Darkroom geöffnet ist.

PAL: Karolinenstraße 45, 20357 Hamburg

Südpol

Auf dem ehemaligen Betriebshof der Hamburger Wasserwerke in der Süderstraße holt der Südpol seit knapp acht Jahren den Techno nach Hammerbrook. Getanzt wird hier unabhängig von Zeit und Raum gerne mal vier Tage am Stück. Direkt am Bille-Kanal erstreckt sich ein großes Gelände mit Outdoor-Bereich und zwei Dancefloors. Gefeiert wird hier nach dem Motto Freiheit, Spaß und Respekt. Betrieben wird der Club im Kollektiv vom Träger „Kulturelles Neuland“. Neben Techno-Kultur gibt es zum Beispiel auch Kunsträume, Diskussionsabende, Tonstudios, Werkstätten und Ateliers. Besonders queere Clubkultur hat hier ein festes Zuhause gefunden.

Südpol: Süderstraße 112, 20537 Hamburg

Uebel & Gefährlich

Legendäre Techno-Nächte kann man in dem ehemaligen Schutzbunker an der Feldstraße erleben. Regelmäßig finden hier Technopartys wie „Oben Unten Alles“ statt. Schon im ikonischen Fahrstuhl geht es dann in einzelnen Gruppen zu elektronischer Musik hoch in den Club über den Dächern Hamburgs. Getanzt wird im schummrigen Uebel & Gefährlich bis in die frühen Morgenstunden. Gefeiert wird aber auch eine Etage höher im Ballsaal oder im Turmzimmer des Bunkers. Bei den Bunker-Raves treten immer wieder mal renommierte DJs wie Ben Clock oder Kollektiv Turmstraße auf. Auch hier lohnt sich das lange Warten in der Schlange.

Uebel & Gefährlich: Feldstraße 66, 20359 Hamburg

Fundbureau

Das Fundburau gehört definitiv zu den beliebtesten Clubs Hamburgs, wenn es um elektronische Musik geht. Zusammen mit der Astra Stube und dem Waagenbau bildet das Funbureau das Party-Delta an der Sternbrücke. Seit 1998 werden hier schon ekstasische Nächte in dem ehemaligen Fundbüro verbracht. Der Club steht für Partys und Konzerte elektronischer Musik aller Art. Auch wenn das Fundbeaurau sich im Laufe der Zeit immer wieder erneuert und professionalisiert hat, ist es seinem unkonventionellen familiärem Anspruch treu geblieben. Gerade deshalb wird viel Wert auf ein vielfältiges Programm gesetzt.

Fundbureau: Stresemannstraße 114, 22769 Hamburg

Bahnhof Pauli

Im Basement des Clubhaus St.Pauli feiert man wie in einem stillgelegten U-Bahn Schacht. Große Abluftschächte und Ventilatoren treffen auf moderne Laser und CO2-Kanonen und reichlich Moving-Heads. Von diesem Bruch lebt der Club und seine wechselnden Party-Reihen elektronischer Musik. An der Haltestelle des Bahnhof Pauli steigt man ein in wilde Nächte und kann selbst entschieden, wann es wieder tag werden soll. Bis zu 400 Gästen feiern hier ausgelassen, ohne das auch nur ein Mucks an die Oberfläche dringt. Gerade legen Gleisarbeiten das Programm auf Eis. Ab September geht der Club mit dem Electronic Red Light Festival wieder regulär an den Start.

Bahnhof Pauli: Spielbudenpl. 21-22, 20359 Hamburg

Gängeviertel & Rote Flora

In Hamburg trifft Techno traditionell auch auf Gegenkultur und alternatives Leben. Techno-Partys werden im Gängeviertel oder der Roten Flora meistens von Initiativen, Kollektiven oder politischen Gruppen veranstaltet. Feiern wird hier mit Aktivismus verbunden. Auf allen Veranstaltungen gibt es eine klare Absage an Sexismus, Homophobie und Rassismus. Fernab von kommerzieller Ausrichtung können hier legendäre Partys und Raves erlebt werden. Wer übrigens glaubt, dass sich hier keinen guten Soundsysteme finden, hat weit gefehlt!

Gängeviertel: Valentinskamp 34A, 20355 Hamburg // Rote Flora: Schulterblatt 71, 20357 Hamburg

Hafenklang

Neben wilden Konzertabenden ist das Hafenklang vor allem für seine Drum and Bass Partyreihe Drumbule bekannt. In dem Live-Musik Club in direkter Nähe zum Fischmarkt treten aber immer wieder Mal Bands wie Egotronic oder Björn Peng, an der Schnittstelle von Techno, Elektro und Punk auf. Wer also zur Abwechslung mal das Stampfen durch Pogen ersetzen möchte, ist hier genau richtig. In regelmäßigen Abständen finden außerdem DJ-Abende statt, bei denen zum Beispiel Record-Release-Partys gefeiert werden oder der Laden von anderen Veranstaltern bespielt wird.

Hafenklang: Große Elbstraße 84, 22767 Hamburg

Edelfettwerk

Das Edelfettwerk ist ursprünglich eine historische Fabrik für Edelfette gewesen. Nachdem die Produktion Ende des 19 Jahrhunderts eingestellt wurde, hat man die Fabrikanlage in einen modernen Club mit Industriecharme umgewandelt. Hier kommen mittlerweile alle Techno-Fans auf ihre kosten, die kein Problem damit haben, wenn das gesamte Setting etwas schicker und kommerzieller ausfällt. Auf die Besucher warten verschiedene Club- und Loungebereiche und auf 400 Quadratmeter haben bis zu 4000 Feiernde Platz. Musikalisch bewegt sich der Sound häufig zwischen Electro, House und Drum’n’Bass.

Edelfettwerk: Schnackenburgallee 202, 22525 Hamburg


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Lost Places – Eingestiegen in Ruinen

Sie sind verlassen, teils verfallen – und dennoch einen Besuch wert: Lost Places. Fünf Porträts von besonders spannenden, weil vom langen Leerstand gezeichneten Orten in und um Hamburg

Text: Erik Brandt-Höge, Anarhea Stoffel & Anna Schärtl

Stadtteilschule Stellingen

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In der Stadtteilschule Stellingen am Sportplatzring 73 ist die letzte Unterrichtsstunde schon eine Weile her… (Foto: Jasmin Tran)
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Ein Ausblick ohne Durchblick (Foto: Erik Brandt-Höge)

Abi-Scherze extrem? Revolution der Lehrer? Schlichtweg Vandalismus? Wer vor der Stadtteilschule Stellingen am Sportplatzring 73 steht, stellt sich allerhand Fragen. Eingeschlagene Turnhallenfenster, zertrümmerte Stühle und Tische auf dem Pausenhof, Graffiti-Kunst überall. Sport, Chemie, Physik, alle Fächer fallen hier wohl erst mal aus. Tendenz – für immer.

Seit zwei Jahren steht die Schule leer, wird seitdem von Partyvolk ebenso besucht und verziert wie von Insta-Abenteurern und Nachbarskindern, die den Gebäudekomplex für ausgedehnte Versteckspiele nutzen. Der Sprung über den Zaun ist schließlich nicht schwer. Der Gang durch eines der Zaunlöcher noch weniger. Ruck, zuck ist man drauf auf dem Areal, das enorm viel Spannung in sich birgt. Sind in den Chemiesälen noch die ein oder anderen Pulver für Experimente zu finden? Kommt man an Gratis-Bunsenbrenner? Ist vielleicht sogar eine der berühmten blauen Matten aus dem Kabuf im Sportbereich abzustauben? Von Diebstahl ist natürlich abzuraten. Er wäre zudem unmöglich. Die ganze Schule ist kernentrümpelt. Nichts mehr in den Schränken, nichts mehr auf dem Mattenwagen.

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Sport fällt aus (Foto: Erik Brandt-Höge)

Ein Besuch des Gebäudekomplexes, in dem einst die Sekundarstufe II der Stadtteilschule zu finden war (jetzt im Brehmweg 60), lohnt sich dennoch. Wo sonst kommt man so leicht an Nostalgiegefühle, an Erinnerungen an die eigene Schulzeit? Und wer weiß, wie lange das noch geht. Es heißt, ein Abriss für ein Neubaugebiet stehe an. 

Gummifabrik Harburg

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„Matador“ und „Triumph“ – nur zwei Namen der populären Kämme, die in der Gummifabrik Harburg hergestellt wurden (Foto: Anna Schärtl)

Über 200 Meter erstrecken sich die dreigeschossigen Backsteingebäude der Gummifabrik und werfen lange Schatten auf die Straßen. Sie passen gut in die Harburger Industrielandschaft. Doch je näher man auf die Gebäude zukommt, desto klarer wird: Was einst ein beeindruckender Industriebau war, verfällt mehr und mehr zur Ruine. Wenn massive Holzbretter den Blick in die Gebäude nicht gerade komplett versperren, findet man eingeschlagene Fenster und Löcher in den Fassaden. Wer sich reckt, um durch eine der zerschlagenen Scheiben zu schauen, entdeckt ein Mosaik aus Graffiti – einige Schriften schon verblasst, an anderen tropft fast noch die Farbe hinab. Durch die Gitter der Kellerfenster lässt sich erhaschen, wie die Räume mit Regenwasser volllaufen. Blätter und einige Plastikflaschen schwimmen auf dem Abwasser, der Putz an den Wänden bröckelt. So verfällt der Komplex, der einst Harburgs ganzer Stolz war.

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Aus dem einstigen Industriedenkmal ist eine Ruine geworden (Foto: Anarhea Stoffel)

1856 ist Hamburg die erste europäische Stadt mit einer Hartgummifabrik, das Patent für die Herstellung wurde gerade erst erworben. Unter Produktnamen wie „Hercules-Sägemann“, „Matador“ und „Triumph“ werden die Kämme der New-York Hamburger Gummi-Waaren Compagnie (NYH) schnell bei Friseur:innen auf der ganzen Welt im Handel beliebt. Seit 1954 ist der Harburger Standort der NYH – die Fabrik in Barmbek wurde im Zweiten Weltkrieg stark beschädigt – für den Hauptteil der Produktion verantwortlich. Neue Gebäude werden errichtet, alte erweitert, die Flure der Fabrik sind voll mit Leben. Als die Produktion 2009 nach Lüneburg verlagert wird, hallt in den leeren Räumen nur noch die Frage nach: „Was wird jetzt aus der Gummifabrik?“ Bis heute ist das nicht geklärt. Über die vergangenen Jahre wechselte das Grundstück immer wieder den Besitzer. Denkmalschutz, Gesundheitsbehörde, die Stadtplanung Harburg und Investoren sind in einem ständigen Vor und Zurück, während die alten Mauern immer mehr an Halt verlieren.

Schilleroper

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Von der Schilleroper wird nur das denkmalgeschützte Stahlgerüst bleiben – und die Geschichten (Foto: Erik Brandt-Höge)

Unter dem Namen Circus Busch beginnt 1889 Geschichte der Schilleroper. Ihr Erbauer Paul Busch eröffnet den Zirkus mit einer Galavorstellung, doch das Zirkusprogramm ist nur von kurzer Dauer. Herr Busch zieht mit seiner Truppe weiter und das Bauwerk wird zu einem Theater umgebaut, indem 1905 mit der Premiere von Schillers „Wilhelm Tell“ das erste Stück auf die Bühne kommt. Zur Feier seines 100. Geburtstags im selben Jahr wird das Bauwerk kurzerhand in Schiller-Theater und später Schilleroper umbenannt. Das Haus zeigt bis in die 1920er-Jahre Inszenierungen mit namhaften Schauspielern wie Hans Albers. Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs wird der Theaterbetrieb eingestellt und das Gebäude zum Lager für italienische Kriegsgefangene.

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Seit März 2021 wird die alte Schilleroper abgerissen (Foto: Erik Brandt-Höge)

Nach Ende des Krieges dient die Schilleroper dann als Notunterkunft für Geflüchtete und später als Hotel. Als 1975 ein Brand große Teile des Gebäudes zerstört, ist erst einmal Schluss. Seither kann sich keine Idee für die Schilleroper wirklich durchsetzen. In den Neunzigern dient sie für kurze Zeit erneut als Geflüchtetenunterkunft. Jedoch sind die Bedingungen im bereits heruntergekommenen Gebäude so schlecht, dass es zu politischen Auseinandersetzungen kommt. Es folgt ein erfolgreicher Subkulturclub in den frühen 2000ern, seit 2006 ist der Bau jedoch absolut ungenutzt. Jegliche Zukunftspläne werden weiter abgelehnt. Weil die Eigentümerin kein Interesse an den Aufforderungen zur Sanierung zeigt, wird das Gebäude seit März 2021 Stück für Stück abgerissen. Das Stahlgerüst bleibt jedoch, denn es ist denkmalgeschützt. Die Schilleroper hat viele Leben gelebt, sie erzählt von vergangenen Zeiten. Und womöglich werden ihre Geschichten das Einzige sein, das von ihr bleibt.

Mausoleum Baron von Schröder/ Kretschmer

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Das Sonnenlicht scheint durch die verbliebenen Bleiglasfenster des größten Mausoleums Nordeuropas (Foto: Erik Brandt-Höge)

Es ist leicht, sich auf den verzweigten Wegen zwischen Kapellen, Gräbern und dem dichten Grün des Ohlsdorfer Friedhofs zu verlieren. Begibt man sich jedoch ein wenig auf die Suche, findet man die berühmten Mausoleen des Friedhofes, die Grabstätten der einflussreichsten Familien Hamburgs. Eine befindet sich direkt vor der Kapelle 7 und fällt besonders ins Auge. Sie ist größer als die anderen, aber auch deutlich verfallener: das Mausoleum Baron von Schröder/Kretschmer. Nah am bröckelnden Bauwerk steht die Marmorskulptur von Hugo Lederer „Das Schicksal“. Eine Frau, die zwei Menschen hinter sich her in den Tod zieht. Errichtet wurde das Mausoleum 1906 von Charles von Schröder, Sohn des Unternehmers Johann Heinrich von Schröder. Die Gruft blieb im Besitz der Familie Schröder bis zur letzten Beisetzung 1958. Dann passierte lange Zeit nichts mehr.

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Im Inneren macht sich das Moos über den ehemals verzierten Decken und Wänden breit (Foto: Erik Brandt-Höge)

Schließlich übernahm Investor Klausmartin Kretschmer im Jahr 2009 die Patenschaft für das Mausoleum. Er verpflichtete sich, den Bau zu sanieren und plante, dort verschiedene öffentliche Events zu veranstalten. Einige fanden auch statt, zum Beispiel eine Vorstellung des Vampir-Romans „Hymne an die Nacht“ von Sylvia Madsack im April 2014. Doch plötzlich stoppten die Bauarbeiten, ohne eine Erklärung. Heute steht das Mausoleum zwar noch, es bleibt aber fraglich, wie lange. Die Plane, die eigentlich das Dach bedecken sollte, ist abgefallen. Feuchtigkeit dringt ins Innere und lässt alles schimmeln.

Eine Grundsanierung würde mehrere Millionen Euro kosten, sich aber lohnen. Denn das größte Mausoleum Nordeuropas ist in seinem Bau einzigartig, die detaillierten Verzierungen aus Sandstein im Innenraum erzählen biblische Geschichten, genauso wie die bunten Bleiglasfenster, durch die sich das Sonnenlicht auf den gemusterten Steinboden fällt. All diese Details gehen aber durch den Verfall verloren, und so wird diese Grabstätte immer mehr zu einem unheimlichen Ort der Vergänglichkeit.

Pulverfabrik Düneberg

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Keine Fabrikarbeiter mehr in der Pulverfabrik Düneberg, dafür Graffiti-Kunst und Ausflügler:innen (Foto: Anarhea Stoffel)

Das Naturschutzgebiet Besenhorster Sandberge in Geesthacht ist idyllisch: Zwischen hohen Kiefern erstrecken sich weite Sanddünen, die von der Elbe flankiert werden. Die Dünen entstanden nach der letzten Eiszeit, als sich durch das abfließende Wasser Sand in den Wäldern ablagerte und aufgeweht wurde. Neben der einzigartigen Natur fällt hier noch etwas ins Auge: alte Ruinen voll bunter Graffiti-Kunst. Wie Schatten tauchen sie immer wieder zwischen den Baumgruppen auf. Es sind die Reste eines ehemaligen Fabrikgeländes, das als solches kaum noch zu erkennen ist. 1876 gründet Max von Duttenhofer die Pulverfabrik auf Land, das er von Otto von Bismarck pachtet. Im Ersten Weltkrieg wird vor allem Schwarzpulver produziert. Die Fabrik beschäftigt zu diesem Zeitpunkt mehr als 20.000 Menschen.

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Wo früher Schwarzpulver produziert wurde, hat heute die Natur übernommen (Foto: Anarhea Stoffel)

Das Gelände wird zwar nach dem Krieg stillgelegt, um 1934 nimmt die Produktion in der NS-Zeit aber wieder Fahrt auf. Der Bedarf an Schwarzpulver ist hoch. Im Zweiten Weltkrieg wird die Anlage sogar um einige Gebäude erweitert, im April 1945 jedoch durch Bombenangriffe zerstört. Ab dann geht alles ganz schnell: Nach Kriegsende werden die Anlagen abgebaut, gesprengt, später entseucht. Seitdem sind sie vollständig der Natur überlassen. Heute sind die Ruinen ein beliebtes Ziel für Graffiti-Künstler:innen. Ihre grellbunten Werke sind das Einzige, dass die Betonreste noch von der Natur abhebt. Auf den Dächern der ehemaligen Werkstätten wachsen Bäume in die Höhe. Ab und zu übt noch das Technische Hilfswerk in der ehemaligen Fabrik für ihre Katastrophenschutzeinsätze. Ansonsten herrscht Ruhe in den Besenhorster Sandbergen. Nur einige Spaziergänger:innen und Reiter:innen haben das Gebiet noch auf ihrer Route. 

Die fünf Lost Places in der Übersicht:


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All you need is Love – das Beatles-Musical

Von den Anfängen bis zum Ende: Die wilde Geschichte der Beatles kommt als Musical auf die Bühne des St. Pauli Theater. Eine Zeitreise durch all die Songs, die Musikgeschichte geschrieben haben

Text: Hedda Bültmann 

„All you need ist love“ – der Beatles Song aus dem Jahr 1967 bringt es, gerade in diesen Zeiten, auf den Punkt. Jetzt kommt das gleichnamige Beatles-Musical nach Hamburg und feiert am 9. Juni 2022 im St. Pauli Theater Premiere. In zwei Akten wird die musikalische Biografie der Pilzköpfe erzählt – von den Anfängen und ihrer Hamburg-Zeit im legendären Star-Club auf St. Pauli bis zum letzten gemeinsamen Auftritt auf dem Dach eines Londoner Bürogebäudes. Von „I want to hold your hand“, die erste Nummer 1 in den US-Charts bis zum Album “Sgt. Pepper’s Lonley Hearts Club Band“, das die Musikgeschichte nachhaltig prägte. 

Den Vibe der Zeit getroffen

Das Musical ist ein Mix aus rund 30 Beatles-Songs, Original-Videosequenzen und einem Exkurs durch die wichtigsten Karriere-Stationen. Auf der Bühne stehen mit den renommierten Musikern der Original-Revival-Band „Twist and Shout“ aus Las Vegas Jahrzehnte lange Show-Erfahrung. Sie kommen dem Original musikalisch, stimmlich und auch vom Vibe sehr nahe. Und sie bringen eine vergangene, aber unvergessliche Zeit wieder zurück auf die Bühne. 

„All you need is Love“, vom 9. Juni bis 31. Juli 2022 im St. Pauli Theater (Voraufführungen am, 7. und 8. Juni)

Hier ein kleiner Vorgeschmack:


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St. Pauli gegen Bremen – ein Derby unter Freunden

Am Samstag spielt der FC St. Pauli im ausverkauften Millerntor-Stadion gegen Werder Bremen. Auch in der SZENE HAMBURG-Redaktion sind beide Fanlager vertreten – ein Blick aus Fansicht auf das „Nordderby“

Text: Erik Brandt-Höge & Felix Willeke

Am 9. April 2022 spielt der FC St. Pauli am heimischen Millerntor gegen Werder Bremen. Ein Spiel, über das im Vorfeld viel gesprochen wird, auch in der SZENE HAMBURG-Redaktion. Zwei Redakteure blicken aus Fansicht auf ein Spiel, das von einigen auch als Nordderby bezeichnet wird.

Glückssache und gemeinsame Werte

Klaus Allofs war auf 180. Der Werder-Manager, der ab 1999 mit geschickten Transfers extrem erfolgreiche Vereinsjahre eingeleitet (und später mit ungeschickten wieder beendet) hatte, sah in der Pokal-Begegnung gegen den FC St. Pauli im Januar 2006 ein „Spaßspiel“. Mit seriösem Fußball hätte das nichts zu tun. Die Entscheidung, das Ganze überhaupt anzupfeifen: völliger Quatsch. Und tatsächlich: Es war bitterkalt, der Schnee bedeckte den Platz zentimeterhoch und das Spielfeld glich einer Schlittschuhbahn. Die Verletzungsgefahr war riesig, die Tore teils Glückssache. Am Ende schoss St. Pauli drei, Werder nur eins. Das machte Allofs‘ Laune nicht unbedingt besser…

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In den Farben getrennt, in den Werten vereint: Werder Bremen und der FC St. Pauli (Foto: pixabay)

Wenn ich an die bisherigen Aufeinandertreffen des Kiez-Clubs und Werder Bremen, meinem Lieblingsverein, denke, kommt mir dieses Spiel zuerst in den Sinn. Allerdings ohne Allofs-ähnlichen Ärger. Ohne Jammerei. St. Pauli musste damals ja genauso übers Eis schlittern wie Werder. Probleme hatten beide und die Hamburger haben sie besser in den Griff gekriegt.

Überhaupt: St. Pauli ist eindeutig der sympathischere Hamburger Club. Wenn sie gegen Werder gewinnen, bin ich selten schlecht gelaunt, egal wie das Wetter gerade ist. Denn ich mag die Werte des Vereins, den Aktivismus gegen Rassismus, Sexismus und Homophobie. Werder hat dieselben Werte. Logisch, dass sich die Fans der beiden verstehen – zuletzt gesehen beim Spiel im Oktober vergangenen Jahres am Bremer Osterdeich. Jetzt, wenn Werder mal wieder am Millerntor spielt, will ich mehr Werder- als St. Pauli-Tore. Das will ich immer. Aber wenn es anders kommt, brauche ich weder zwanzig Trost-Biere noch irgendein Ventil wie Allfos im Jahr 2006. Wer auch immer das Ding am Samstag gewinnt: Glückwunsch schon mal.  

Der FC St. Pauli und Werder: eine Liga

Jan Delay, Katharina Fegebank, mein Kollege Erik und viele andere, die Liste der Werder-Fans mit eindeutigem Hamburg-Bezug ist lang. Kein Wunder, der Verein ist ja auch vollkommen okay. Der FC St. Pauli und Werder haben eine gemeinsame Geschichte, immer wieder wechseln Spieler zwischen den beiden Vereinen hin und her – ob Fin Bartels, Max Kruse oder zuletzt Luca Zander. Zurzeit sprechen viele beim Spiel am Samstag vom „Nordderby“. Das ist Quatsch. Derbys haben immer eine hohe symbolische Bedeutung, wie das „echte Nordderby“ zwischen Bremen und dem Verein aus Hamburg-Stellingen oder das Hamburger Stadtderby. Für mich ist es eher ein Spiel unter Freunden, bei dem der Bessere gewinnen soll. Es gibt keine Antipathie oder Ähnliches. Dafür eint die Vereine, insbesondere bei den eigenen Werten, zu viel – auch wenn ein Sponsor wie Wiesenhof beim FC St. Pauli mutmaßlich nicht auf dem Trikot stehen würde.

Wie es der Zufall will, sind beide Vereine aber sportlich zurzeit in derselben Lage: Beide stehen oben in der Tabelle der 2. Bundesliga und beide können, wollen und, in Bremens Fall, müssen vielleicht sogar aufsteigen. Drei Punkte am Wochenende wären damit für beide gleichermaßen wichtig. Das Hinspiel war ein sehr gutes, am Ende trennten sich die Teams 1:1. Ein Ergebnis, mit dem ich für Samstag leben könnte. Natürlich wäre ein 3:1 wie 2006, noch besser, aber die Vorzeichen sind andere. Der Platz hat mittlerweile eine Rasenheizung und beide Teams stehen sich nahezu auf Augenhöhe gegenüber. Mein Wunsch ist ein Heimsieg, am Ende der Saison Platz 1 für Bremen, Platz 2 für den FC St. Pauli, der Aufstieg für beide. Und die Kollegen aus Stellingen, die werden wieder Vierter, das hat ja auch schon ein wenig Tradition.


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Diskurs im Park

Sidney Logan, 17, ist das jüngste Mitglied bei Park Fiction. Das Kunst- und Nachbarschaftsprojekt wurde Mitte der 90er von St. Paulianern erdacht, geplant und durchgesetzt

Interview & Foto: Markus Gölzer

SZENE HAMBURG: Sidney, wer seid ihr, was sind eure Ziele?

Sidney Logan: Wir sind ein Team von zehn bis 15 Leuten in allen Altersgruppen. Von 17 bis 80. Es geht meistens darum, Probleme im Park gemeinsam zu lösen, Raum für Diskurs zu öffnen. Ich finde es schön zu sehen, wie gut die Menschen zusammenarbeiten, nur mit dem Gedanken, für die Community einen Raum zu schaffen. Ohne Geld zu bekommen.

Eine „Lärm im Park“-Initiative hatte sich an die Bezirksversammlung gewandt und Beschlüsse bewirkt, um die „Dauerparty“ einzudämmen.

Ich finde es problematisch, dass Einzelpersonen mit der kommunalen Politik sprechen und nicht alle Menschen auf einer Ebene zusammen reden. Wie es der Kern von Park Fiction ist: Gemeinsam anpacken, ohne eine Institution dazwischen kommen zu lassen. Es gibt die Forderung nach mehr Polizei. Ich meine, da kommt schon Polizei im Zehn-Minuten-Takt.

„Wir wenden uns an Menschen, versuchen deren Bedürfnisse rauszufinden“

Sidney Logan

Wie wollt ihr den Konflikt lösen?

Mit Park Fiction 2 auf dem Uferstreifen unterhalb von Park Fiction, um den Lärm zu verlagern. Wir haben eine Wunschproduktion gestartet und den sogenannten parallelen Planungsprozess: Wir wenden uns an Menschen, versuchen deren Bedürfnisse rauszufinden. Parallel sind wir im Kontakt mit den Behörden. Die Wunschproduktion arbeitet mit Tools, die teilweise sehr spielerisch sind. Damit auch Kinder mitmachen können.

Wir versuchen, inkludierend zu sein für Leute, die nicht so gut Deutsch können. Wir haben Knete und Arbeitsbögen, auf die man seine Vorstellungen malen kann. Es gibt ein schwarzes Blatt mit Neonstiften, die Nachtkarte: Wie soll der Park bei Nacht aussehen? Es geht nicht darum, einfach zu fragen: Was wollt ihr? Sondern: Überleg dir mal einen Ort, an du dich so richtig wohlgefühlt hast. Wie können wir dir dieses Gefühl auch hier geben? Wir haben schon 600 Planbögen verteilt und ausgewertet.

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Palmen aus Plastik im Park Fiction (Foto: Artur Tumasjan via Unsplash)

Was machst du sonst so?

Ich bin ein Teenager in Corona-Zeiten. In den letzten beiden Jahren hatte ich viel Zeit für mich selber. Ich habe an dem Feinschliff meiner Vision gearbeitet. Ich bin stark interessiert an Fashion und Street-Art und der Verbindung dazwischen. Popculture, Rap, büschen an Beats rumschrauben auf Ableton. Ich möchte mein eigenes Magazin für Subkulturen machen.

Im Moment arbeite ich an einem Projekt mit einem alten Schulkumpel für 3-D-Kunst. Ich habe viele Schnapsideen, die jeder Jugendliche hat, wenn er durch die Straßen läuft. Mir gefällt die Vorstellung: Mein menschlicher Körper wird irgendwann nicht mehr da sein, aber der Park und meine Klamotten existieren noch. Oder sie schwimmen im Ozean. In den Bäuchen von Meerestiermutanten.

Du warst 15, als Corona losging. Wie war das für dich?

Ich finde es sehr verwirrend. Es wird einem immer eingeredet: Du bist als Jugendlicher am härtesten betroffen, voll schlimm und so. Dann sitzt man mit seinen Freunden so rum und denkt sich: Ja, eigentlich haben sie schon recht. Aber wenn ich zurückdenke zum Anfang von Corona, wie es mir damals ging, was ich so gemacht habe, komme ich jedes Mal auf eine andere Antwort. Es war nicht nur schlimm. Ich fand manches gut.

Heute ist alles kontrolliert, überall stehen Überwachungskameras, jeder muss funktionieren. Ich dachte mir, Ah okay. Deutschland geht’s auch mal schlecht. Weil wir ja sonst so schön verwöhnt werden. Das war ganz lustig für mich. Vielleicht ist es eine Karmaschelle von Mutter Natur. Aber natürlich war es schlimm, dass man nicht auf Partys oder so gehen konnte. Das war, wie alle sagen, eine der nervigsten Sachen.


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Remoto-Records: „Qualität der Stücke“

„Hey world. Smallville Records store closed down.“ Mit diesen Worten verabschiedeten sich die Betreiber des legendären Ladens im November auf Facebook. 16 Jahre war Smallville auf St. Pauli die Anlaufstelle für elektronische Musik. Anfang Dezember übernahm ein junges Kollektiv. Crewmitglied Lars Witte über die Geburt von Remoto Records

Interview: Ole Masch

 

SZENE HAMBURG:Lars, warum eröffnet man mitten in der Pandemie einen Plattenladen?

Lars Witte: Die Pandemie ist hoffentlich irgendwann vorbei, die Musik hat bisher noch jede Krise überstanden. Wir finden es gerade jetzt wichtig zu zeigen, dass doch noch was geht.

Wer sind die Betreibenden?

Wir sind eine zusammengewürfelte Gruppe aus Musikschaffenden, Künstler*innen und Veranstalter*innen, die sich aus verschiedenen Gruppierungen zusammengefunden hat. Manche von uns sind jahrelange Residents im Pudel, veranstalten mit ihren Crews Boomerang, ill, The Press Group Partys im Frappant oder Uebel & Gefährlich oder betreiben eigene Vinyl-Labels (VIS, The Press Group), auf denen sie teilweise auch selbst releasen. Wir haben kein klassisches Businessmodell mit Chef*in und Angestellten, sondern organisieren und entscheiden alles in der Gruppe und planen derzeit noch mehr Leute in das Projekt zu involvieren.

Wie kam es zum Namen Remoto Records?

Remoto bedeutet „in der Ferne liegend“. Viele der Schallplatten, die wir anbieten, wurden vor zwanzig bis dreißig Jahren produziert. Remoto kann aber auch bedeuten, dass etwas noch in der Zukunft liegt. Was von Anfang an für uns feststand, war, dass wir einen guten Secondhand-Stock aufbauen wollen. Wir haben glücklicherweise die Privatsammlung eines DJs vermacht bekommen, den wir als Mensch und als Musiker sehr schätzen.

 

Viel Support im Viertel

 

Am 3. Dezember 2022 wurde Eröffnung gefeiert. Euer Eindruck vom ersten Tag?

Die Eröffnung war echt toll, vor allem weil wir sehr intensiv darauf hingearbeitet haben. Da fiel dann erst mal ganz viel Druck ab und wir haben gemerkt, dass die Leute nicht nur mit uns anstoßen wollten, sondern wirklich neugierig auf die Platten waren.

Euer erster Verkaufstag fiel mit dem 2G-Start zusammen. Wie war die Erfahrung damit?

Wir haben uns schon unabhängig von der neuen Regelung für 2G entschieden, wie auch unsere Nachbarn von der Hanseplatte, und waren deshalb ganz gut darauf vorbereitet.

Ihr seid in ein kreatives Umfeld gezogen. Gibt es weitere Verbindungen zu Nachbarn?

Die Marktstraße runter sitzen die Kolleg*innen vom Lobby Skateshop. Ohne deren Support und gutes Zureden hätten wir uns wahrscheinlich nicht getraut, überhaupt aufzumachen. Und natürlich befinden wir uns hier im Karoviertel im Bermudadreieck zwischen Hanseplatte, Zardoz und Groove City. Alles alteingesessene Hamburger Institutionen. Somit fühlen wir uns hier sehr gut aufgehoben.

 

„Ohne Smallville würde es uns nicht geben“

 

Ihr habt die Räumlichkeiten von Smallville übernommen? Wie kam es dazu?

Wir waren auch regelmäßige Kunden bei Smallville und haben natürlich irgendwann davon Wind bekommen, dass es zu Ende geht. Erst haben wir nur aus Spaß gesagt, dass wir hier einen neuen Laden eröffnen. Aber irgendwann wurde es immer konkreter und mehr Leute kamen dazu, bis irgendwann klar war: Wir machen es wirklich!

Wird sich auch ehemalige Smallville-Kundschaft bei euch wohlfühlen?

Ohne Smallville würde es uns in dieser Form nicht geben. Für viele von uns haben Dial/Laid und dann später Smallville den Sound dieser Stadt geprägt und so wird hier auch immer ein Stück Smallville drinstecken. Wir hoffen, dass die alten Stammkund*innen hier das finden werden, wonach Sie suchen, oder wovon Sie nicht einmal wussten, dass sie es gesucht haben.

Was habt ihr räumlich verändert?

Wir wollten den Laden komplett umstrukturieren und und auch für Veranstaltungen nutzbar machen. Zudem wollten wir möglichst viel recyceln und haben zum Beispiel aus dem Holz der alten Smallville-Möbel Akustikabsorber gebaut. Das zentrale Element ist der Verkaufstresen mit DJ-Pult, den wir selbst entworfen und anfertigen ließen.

 

Fokus: elektronische Musik

 

Welche Musik kann man bei euch kaufen?

Der Fokus liegt auf elektronischer Musik. Dabei versuchen wir, neben House, Techno, Electro, auch andere Facetten von elektronischer (Tanz-)Musik abzudecken. Also auch im Ambient und experimentellem Bereich sind wir breit aufgestellt.

Wie findet der Auswahlprozess dafür statt?

Das Wichtigste für uns ist die Qualität der Stücke. Wir orientieren uns möglichst nicht an Trends, sondern wählen jede Platte einzeln danach aus, ob sie uns möglicherweise in zehn Jahren immer noch gefällt.

Kann man andere Dinge außer Platten bei euch erwerben?

Wir bieten auch Tapes, Merchandise wie Pullover und T-Shirts und DJ-Equipment wie Plattenbürsten, Kabel et cetera an. Zudem haben wir eine Shop-in-Shop-Kooperation. Eckart von 70s Stereo bietet bei uns Hi-Fi-Anlagen, Verstärker, Plattenspieler sowie deren Reparatur an.

 

Veranstaltungen und Workshops

 

Wird es einen Onlineshop geben?

Der befindet sich derzeit im Aufbau. Bis dahin checkt gerne unsere Social-MediaKanäle wie Instagram, wenn ihr auf dem Laufenden bleiben wollt.

Es gibt einige Sitzmöglichkeiten bei euch. Ist der Laden auch Treffpunkt?

Er ist relativ groß und lädt dazu ein, vielfältig genutzt zu werden. Viele der Möbel sind auf Rollen. So können wir auch mal schnell alles beiseite schieben, wenn wir eine Veranstaltung oder einen Workshop im Laden haben.

Ist da schon etwas in Planung?

Wir planen derzeit, in Kooperation mit verschiedenen Kollektiven Workshops zum Thema Club Culture, Awareness und auch Musikproduktion und DJing durchzuführen. Zudem wird es bei uns regelmäßige Instore Sessions geben. Anfang Dezember hatten wir zum Beispiel Besuch aus Leipzig. Sevensol hat hier anlässlich seines long vehicle Label Releases im Laden die neue Platte vorgestellt. Und wenn alles gut geht, kommt im Februar die Musikerin Diessa aus Sheffield zu uns.

remoto-records.com


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Februar 2022. Das Magazin ist ab dem 29. Januar 2022 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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HSV und St. Pauli: Vor dem Derby

Hamburg ist im DFB-Pokal-Rausch. Während der Hamburger SV ein kurioses Elfmeterschießen in Köln gewann, steht auch der FC St. Pauli nach einem überraschenden Sieg gegen Borussia Dortmund im Viertelfinale. Jetzt wartet das Derby

Text: Felix Willeke

 

„Wir dürfen den Abend genießen. Ab morgen richten wir den Blick auf Freitag, da steht das nächste wichtige Spiel für uns an“, sagte Etienne Amenyido, Stürmer des FC St. Pauli, nach überraschenden, aber nicht unverdienten 2:1 Erfolg im DFB-Pokal Achtelfinale gegen Borussia Dortmund. Ebenfalls eine Runde weiter ist der Hamburger SV. Die Mannschaft von Trainer Tim Walter gewann im Elfmeterschießen gegen den 1. FC Köln. FC-Spieler Florian Kainz rutschte beim letzten Strafstoß aus und schoss seinen eigenen Fuß an, eh der Ball ins Tor ging. Ein Regelverstoß und so endete das Elfmeterschießen kurios und auch der HSV steht im DFB-Pokal Viertelfinale, das am 30. Januar in der ARD-Sportschau ausgelost wird.

Bei dieser Auslosung könnte es zu einer Partie kommen, die schon am Freitag, den 21. Januar 2022 im Volksparkstadion stattfindet: Dem Hamburger Stadtderby. Nach dem Pokal-Erfolg gehen beide Mannschaften mit einer Portion Extra-Motivation in das Spiel.

 

Auf Augenhöhe?

 

Der FC St. Pauli grüßt trotz zuletzt dreier siegloser Liga-Spiele von Platz eins der 2. Bundesliga. Der HSV hingegen hat eines seiner drei letzten drei Spiele in der Liga gewonnen und steht auf Platz fünf und damit sechs Punkte hinter dem Stadtrivalen. Die Saison lief für beide ähnlich. Mit einem Unterschied: Während der FC St. Pauli schon viermal verloren hat, ging der HSV erst einmal als Verlierer vom Platz, am 13. August 2021 im Hinspiel am Millerntor. Nicht zuletzt deswegen könnte das Wort „Derby“ beim HSV in der letzten Zeit zu einem Reizwort geworden sein. Denn seit März 2019 gab es für das Team aus dem Volkspark fünf Niederlagen und ein Unentschieden gegen den FC St. Pauli – der letzte Sieg im heimischen Stadion datiert dabei aus dem Jahr 2001. Den Favoritenstatus, den der langjährige Erstligist fast immer hatte, gibt es nicht mehr.

 

Stärke trifft Stärke

 

Die Ausgangslage ist damit so ausgeglichen wie noch nie. Dazu lohnt ein Blick auf die Statistik: Der HSV stellt mit 19 Gegentoren nach 19 Spielen die beste Defensive der 2. Bundesliga und der FC St. Pauli hat mit 39 erzielten Toren die zweitbeste Offensive. Im Derby trifft also Stärke auf Stärke. Die Personalsituation ist ebenfalls ausgeglichen: Dem HSV fehlt mit Tim Leibold schon seit Ende Oktober der Stamm-Linksverteidiger mit Kreuzbandriss, der aber zumeist gut von Jan Gyamerah ersetzt wird. Beim FC St. Pauli ging man davon aus, dass mit Daniel-Kofi Kyereh der beste Vorlagengeber und zweitbeste Torschütze fehlen wird. Doch überraschend schied Kyereh am Dienstag mit Ghana beim Afrika-Cup aus und wird am Donnerstag in Hamburg erwartet. Ob es dann für Freitag reicht, wird kurzfristig entschieden.

 

Die Prognose

 

Das Hinspiel war dramatisch und endete denkbar knapp mit 3:2 für den FC St. Pauli – einzig eine laut kicker.de mangelhafte Schiedsrichterleistung trübte das Bild. Auch für das Rückspiel ist genau so ein Spielverlauf, abgesehen vom Schiedsrichter, denkbar. Letztendlich kommt es vor 2.000 Fans auf die berühmte Tagesform an und darauf, wie die Teams das Pokalspiel unter der Woche verkraftet haben. Wer das Derby am Freitag gewinnt, darf seine Aufstiegsambitionen noch einmal unterstreichen. Doch auch ein Unentschieden auf höchstem Zweitliganiveau sollte keinen überraschen.

Hamburger SV vs. FC St. Pauli, Freitag, 21. Januar 2022 um 18.30 Uhr im Volksparkstadion


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Pokalsiegerbesieger: Einer von 2.000 am Millerntor

Der FC St. Pauli schlägt den Titelverteidiger Borussia Dortmund mit 2:1 und steht im DFB-Pokal Viertelfinale. Unser Redakteur war einer von 2.000 Fans im Stadion – ein Bericht.

Text: Felix Willeke

 

Dienstagabend, der 18. Januar 2022 Januar, es ist kalt und kaum hat man das Jolly Roger an der Budapester Straße passiert, scheint das hell erleuchtete Millerntor zwischen den Gebäuden hervor. Um kurz nach 19 Uhr ist noch wenig los. Nur vor dem Jolly stehen schon einige Fans und singen sich warm. Erst am 12. Januar 2022 hatte die Behörde für Inneres und Sport beschlossen, dass überhaupt nur 2.000 Zuschauer:innen beim DFB-Pokal-Spiel dabei sein dürfen. Ein Spiel gegen den mittlerweile fast ewigen Tabellenzweiten der 1. Bundesliga der Männer. Ein Team, dessen Topstars wahrscheinlich mehr verdienen als die ganze Mannschaft des FC St. Pauli: Borussia Dortmund.

Die Tickets waren erst einen Tag vor Spieltag online verkauft worden. Nur Dauerkartenbesitzer:innen hatten die Möglichkeit einer von 2.000 zu sein. Bis zu 50 Euro kostete ein Ticket für den Sitzplatz auf der Haupttribüne.

 

„Ich mag aber Süßigkeiten“

 

Um 19.10 Uhr, eine für St. Pauli-Fans gute Uhrzeit – der Verein wurde im Jahr 1910 gegründet – weist der Ordner schon 100 Meter vor dem Stadion darauf hin: „Ab hier ist Maskenpflicht.“ Die gilt überall und immer, auch am Platz. Vor dem Stadion folgen dann die mittlerweile gewohnten Kontrollen: Impfnachweis (es gilt 2G-Plus), Ticket- und Taschenkontrolle. Nach einem kurzen Schnack mit der Verkäuferin am Getränkestand geht es auf die Haupttribüne. Ungewohnt für einen, der sich normalerweise auf der Gegengerade drängelt: Hier gibt es nur Sitzplätze, in der teuren Sektion sind es nicht mal mehr Plastikschalen, die Sitze haben einen lederartigen Überzug.

Während das Getränk die Kehle herunterläuft, füllt sich das Stadion. „Das Spiel am Freitag gegen die aus Stellingen (Anm. d. Red. den HSV) ist wichtiger, das heute ist ein Bonbon“, sagt einer. „Ich mag aber Süßigkeiten“, erwidert der Nächste. An den Sieg gegen den BVB, den achtmaligen Deutschen Meister, glauben nicht viele. Doch es gibt da so ein Gefühl: „Es wird gut werden“.

 

Ein frühes Tor

 

Das Spiel beginnt. Schon früh bringt Etienne Amenyido den FC St. Pauli mit 1:0 in Führung. Der laute Jubelschrei dürfte sogar noch jenseits der Elbe zu hören gewesen sein. 1:0 nach vier Minuten gegen den BVB, mit einer so frühen Führung haben wahrscheinlich die wenigsten gerechnet. Jetzt entwickelt sich ein normales Spiel am Millerntor: Das Team kämpft, die fans singen, feuern an, schreien und zittern. Nur beim Blick auf die leere Gegengerade fällt auf: Hier ist leider nicht alles normal.

Erst recht nicht, nachdem in der 40. Minute St. Paulis Guido Burgstaller eine Flanke flach vors Tor bringt und Axel Witsel für den BVB ins eigene Tor trifft. 2:0, dem Jubel mischt sich Ungläubigkeit unter: „Wir führen gerade 2:0 gegen Dortmund? Wahnsinn!“. In der Halbzeit bei Bier, Wurst und auf dem Klo hört man Sätze wie: „Einfach ein geiles Spiel“ und „Die kommen nicht mehr zurück“.

 

„Niemand siegt am Millerntor“

 

Das Spiel geht in der zweiten Halbzeit so weiter, wie es in der Ersten aufgehört hat: Dortmund versucht sich nach vorne zu kombinieren. Doch egal, ob ein Hackentrick von Jude Bellingham, der bullige Erling Haaland oder ein Traumpass vom Weltmeister Mats Hummels, nichts scheint zu funktionieren – bis zur 58. Minute: Mats Hummels schießt St. Pauli Verteidiger Jakov Medic aus einem Meter im Strafraum den Ball an den ausgestreckten Arm. Videobeweis: Elfmeter für Dortmund, 2:1 durch Erling Haaland. Sein 79. Tor im 78. Spiel für den BVB. Wer bis dahin noch gesessen hat, den hält es ab jetzt garantiert nicht mehr auf seinem Platz. Dortmund rennt an und spielt sich den Ball vor dem Strafraum des FC St. Pauli hin und her, ohne Erfolg. Wer davor noch mit leicht zitternder Stimme „Niemand siegt am Millerntor“ gesungen hat, wird jetzt sicherer.

 

Ein Feuerwerk für den FC St. Pauli

 

Mit dem Schlusspfiff dann die Gewissheit: „Wir haben den Titelverteidiger aus dem Pokal geschmissen.“ Der Jubel kennt jetzt weder Grenzen noch Abstandsregeln. „Die ganze Kurve singt und tanzt für Dich. Unser Ein und Alles. Ja, wir lieben Dich.“, schallt es durchs Stadion. Nahezu alle liegen sich in den Armen und draußen auf dem Heiligengeistfeld gibt es ein Feuerwerk.

Ein Abend, der 2.000 Menschen ein unvergessliches Lächeln ins Gesicht gezaubert hat. Während nach dem Spiel auch Zuschauer Bela B mit dem Stadionsprecher von Werder Bremen und Journalist Arnd Zeigler auf den Sieg anstößt, bleibt ein Satz im Kopf, den ein Spieler nach dem Spiel im Interview sagt: „Das ist für die Fans, die heute nicht dabei sein konnten.“


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Nicolaas Schmidt: „Da entstehen echte Momente“

Nicolaas Schmidt zeigt in seinem Film „FIRST TIME [The Time for All but Sunset – VIOLET]“ zwei junge Passagiere, die die U3 komplett durchfahren und bis auf einen Satz kein Wort verlieren. „First Time“ wurde mit dem Deutschen Kurzfilmpreis 2021 „Sonderpreis für mittellange Filme“ ausgezeichnet

Interview: Markus Gölzer

 

SZENE HAMBURG: Nicolaas Schmidt, Gratulation zum Deutschen Kurzfilmpreis. Der dritte Hauptdarsteller von „First Time“ ist die U3. Warum?

Nicolaas Schmidt: Ich hatte damals viel Zeit im Haus verbracht. Abends, wenn die Sonne mein Fenster erreichte, kam so ein Drang: Ich muss noch raus! Die letzten Sonnenstrahlen! Wo ich wohnte, gab es außer dem Parkdeck der „Hamburger Meile“ keine größere Freifläche, wo so spät noch wärmende Strahlen den Boden erreichten. Da blieb nur die U3. Die fährt oft hoch und im Kreis. Man hat immer irgendwo einen Moment, in dem die Sonne auch zum Sunset ins Gesicht strahlt. Der Ausgangspunkt zum Film war, die Goldene Stunde zu dokumentieren. Auf diesen Rundfahrten kam mir die Idee zu der Geschichte, die entsteht, indem man – hoffentlich – das präsente Hafenpanorama wiedererkennt, das die Protagonisten zweimal durchfahren. Der Zuschauer bemerkt die Kreisfahrt, die keinen Sinn ergibt, wenn man sich fortbewegen will. Mindestens einer von beiden will nicht aussteigen– warum?

Bei aller Kürze hat der Film etwas Meditatives.

Das liegt wohl an der Redundanz des Musiksamples im ersten Track. Durch Wiederholungen, Loops hatte ich bereits in früheren Kurzfilm-Experimenten eine Inhaltslosigkeit hinbekommen, die Abdriften oder Meditieren ermöglicht, aber zunächst den Zuschauenden fordert – man muss sich darauf einlassen können. Ein guter Slowloop schafft das. Dieser Spagat ist das Interessante für mich am Kurzfilm. Narrative Sachen finde schwierig im klassischen Kurzfilm bis 15 Minuten Dauer, da bleibt kaum Zeit, Inhaltslosigkeiten oder Banalitäten einzusetzen. „First Time“ geht über 49 Minuten. Da konnte ich ein wenig narrativ arbeiten und dennoch mit diesen Mittel spielen.

 

„Mich interessieren Sachen, die man nicht einordnen kann“

 

Das Intro mit dem Coke-Clip aus den Achtzigern, der mit Robin Becks „First Time“ die Jugend feiert, fand ich etwas lang.

Ich wollte neben einem Werbeclip als Vorfilm, dass man schon eine erste Hürde nimmt für das, was danach kommt. Mit der Musik und der ultrakitschigen Werbeästhetik funktioniert das super. Die Bilder ähneln sich alle auch so schön. Wenn man es schafft, die Werbung durchzugucken, schafft man auch den Film. Und es gibt diesen krassen Kontrast – Coke Commercial vs. the real thing.

Deine Filme wie das bereits 2017 erschienene Sequel von „First Time“, „Final Stage“, spielen oft in Übergangssituationen: in der S-Bahn, am Bahnhof, auf den Korridoren einer Mall. Oder auch im Herbst, nach Trennungen oder in der Pubertät.

Mich interessieren vor allem Graubereiche, Ambivalenz, die man nicht so einfach einordnen kann. Deshalb auch keine Junge-Mädchen-Konstellation. Wenn es Zuschauende schaffen, sich darauf einzulassen, finde ich es richtig, auch ein Angebot zu machen, ins Grübeln kommen – rein optional. Filme können super inspirierend sein. Ich denke, das ist etwas Schönes. Doch mittlerweile gibt’s ja kaum noch Momente, wo man die Muße und die Zeit dafür hat. Kino hat da mega Potenzial. Dochbei vielen Filmen muss man 100 Prozent dabei sein, um den Handlungsstrang oder etliche davon zu kapieren. Oder es gibt so viel Action, dass man gar nicht abtauchen kann. Dann ist der Film vorbei, und zack, ist man wieder im echten Leben. Was bleibt da hängen?

 

Eine Liebesgeschichte? Villeicht

 

Nicolaas Schmidt Credit Nicolaas Schmidt-klein

Erhielt den Deutschen Kurzfilmpreis 2021: Nicolaas Schmidt (Foto: Nicolaas Schmidt)

Bei „First Time“ bleibt die Frage hängen, ob es eine Liebesgeschichte ist. Vielleicht.

Deshalb möchte ich diese Frage besser nicht beantworten. Ja, vielleicht ist das nur eine weitere Liebesgeschichte.

Oder einfach eine konzeptionelle Videoarbeit oder ein Experimentalfilm? Tragödie? Oder gar Komödie? Mir wurde schon gesagt, dass es komische Momente gibt. Oder Kapitalismuskritik? Im Abteil hängt ein ein Poster von „Die Manifestation des Kapitalismus in unserem Leben ist die Traurigkeit“, einer Platte von „Ja Panik“.

Dieses Plakat ist das Filmposter eines früheren Kurzfilms meines guten Freundes Ray Juster und mir. Wir haben echte Werbung damit überklebt. Bei der Montage des Films fanden meine Dramaturgin Anne Döring und ich den Spruch schwierig, weil zu eindeutig.

Der Film scheint ohne Schnitt durchgefilmt zu sein.

Nicht jede U3 fährt unterbrechungsfrei im Kreis. Manchmal muss man in Barmbek umsteigen. Ich hatte mir daher eine Schnittmöglichkeit offen gehalten. Wir sind aber durchgefahren im Kreis.

 

Freiraum für Zufälle

 

Waren die anderen Fahrgäste auch Schauspieler?

Es gibt die beiden Schauspieler und etliche Statisten. Die haben wir auch gebraucht, um das Wagenabteil abzublocken vor den echten Passanten. Das war auch das Spannende, zu probieren: Klappt es oder kommen Leute rein. Da entstehen echte Momente, die hätte man sich nicht besser ausdenken können. Das finde ich interessant: Was passiert, mit dem entsprechenden Risiko. Die erste der drei Fahrten war zur Probe. Die zweite war gut, aber es war etwas zu früh. Da wollte die Sonne noch nicht so (lacht). Die dritte Fahrt hat geklappt, mit sehr viel Glück natürlich. Aber wenn alles exakt vorbereitet, alle möglichen Problemstellen gecheckt sind und das meiste feststeht, kann man so ein Risiko eingehen. Wir wussten genau, welches Abteil wir benutzen, wo die Bahn hält, wie viel Zeit zwischen den Stationen ist, wann was passiert – da kann man auch Freiraum für Zufälle lassen.

Was gab es für Zufälle?

In der U-Bahn-Station St. Pauli hält der Zug vor einem Kiosk. Der füllt exakt das Fenster aus. Der genaue Standpunkt des Abteils beim Halten war in der Dopplung dann wohl Glück. Das Interessante ist auch der dokumentarische Aspekt: Diesen Kiosk gibt’s mittlerweile nicht mehr. Die Werbeposter auf den Bahnsteigen sind natürlich auch Zeitdokumente. In einem anderen Moment steht ein Passant ziemlich im Hintergrund am Gleis. Wie künstlich platziert und sehr einsam dabei. Wäre das inszeniert, hätte man es eventuell platt gefunden. Ebenfalls ganz toll: In der Station Hamburger Straße ist eine Bank zentriert im Fenster-Bild, auf der zwei erwachsene Männer nebeneinandersitzen – wunderbar korrespondierend zu den beiden Jungs in der Bahn. Aber: nicht geplant. Da gab es viele Sachen.

 

Zu sehen – hoffentlich bald

 

Auch die Musik spielt eine wichtige Rolle.

Ja, den ersten Instrumental-Track „Delta Roth“ in einem Album meines früheren HFBK-Kommilitonen Iason Joumkos zu entdecken, war wichtig für den Film. Er hat den Song dafür noch verlängert und für den zweiten Teil des Films darauf einen weiteren Track „Omega Roth“ komponiert.

Aktuell stehen in Hamburg keine Festivals an, auf denen „First Time“ gezeigt werden könnte. Kann man ihn wenigstens schon im Netz sehen?

Leider nein. Es geht darum, den Film komplett unterbrechungsfrei schauen zu können, nicht aufzugeben und bestenfalls abzutauchen. Ich möchte möglichst vielen Menschen die Chance dazu geben. Wie gesagt, man muss sich erst mal darauf einlassen und dazu braucht es Kino – den Raum, die anderen Zuschauer, die Dunkelheit, die Soundanlage. Ich hoffe sehr, es wird sich hier ein Festival in 2022 finden, denn wegen Corona gab es nicht mal eine kleine Teampremiere in Hamburg.

endjoy.org/firsttime


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Januar 2022. Das Magazin ist seit dem 22. Dezember 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Silvana: „Ich bin dankbar für das, was ich habe“

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Begleitet von hvv switch fischen wir sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir Silvana begegnet.

Protokoll: Kevin Goonewardena

 

„Ich gehe immer gerne in eine kleine Bar, dort bin ich an einem Abend einer Frau begegnet, die ich schon öfters dort gesehen hatte. Sie wohnte in meiner Straße und man kannte sich vom Sehen. Ich wusste, sie ist Autorin und Journalistin. An diesem Abend fragte sie mich, ob sie sich zu mir setzen könne. Sie bestellte sich ein Bier und wir kamen ins Reden. Es stellte sich heraus, dass sie eine ziemlich erfolgreiche Krimiautorin ist. Ihr Name: Simone Buchholz. Sie hat unsere Begegnung in ihren damals aktuellen Roman Blaue Nacht einfließen lassen. Ich habe mich total gefreut und auch geehrt gefühlt.

 

Offen gegenüber Menschen

 

Diese Anekdote beschreibt ganz gut meine Offenheit gegenüber Menschen. Ich lerne oft neue Leute und ihre Geschichten kennen. Ich finde Menschen interessant, will wissen, wie sie sind, wo sie herkommen, was sie machen oder wie sie heißen. Man nennt es Pareidolie, wenn man in Dingen und Mustern vertraute Gesichter erkennt. So geht mir das immer wieder hier auf St. Pauli. Die ganzen Plakate, Street Art, Kreidezeichnungen, die Kinder auf die Straße gemalt haben, irgendwo hat irgendwer was weggeworfen, irgendwo steht Zeug rum, das sind alles Sachen, die Bilder erzeugen und Geschichten erzählen. Diese Dinge inspirieren mich zu den Illustrationen, die ich mache. Ich könnte gar nicht auf Dauer irgendwo abgeschnitten leben. Auf St. Pauli habe ich die Hälfte meines Lebens verbracht. Seit meinem Kommunikationsdesign-Studium lebe ich der Nähe der Elbe.

 

Verbindungen und eine Erkenntnis

 

Für mich lässt sich die am besten mit dem Fahrrad und zu Fuß entdecken. Dabei fügt sich Stück für Stück zusammen, stellen sich Verbindungen her. Hamburg auf diese Art zu entdecken, aber auch den Menschen zu begegnen, das war mir dieses Jahr so gut wie gar nicht möglich. Ich hatte eine längere, schwere Verletzung. Dadurch konnte ich nicht zeichnen. Das war eine Zeit, in der ich sehr große existenzielle Angst hatte, Angst, dass es nicht mehr wie früher gehen wird. In dieser Zeit habe ich gelernt, den Augenblick zu genießen und im Hier und Jetzt zu leben. Ich möchte nicht mehr warten und denken ‚Irgendwann mal‘. Ich bin dankbar für das, was ich habe, diese Freiheit, dieses bunte Leben, diese Leichtigkeit, die man dann doch in allem so lebt und liebt. Dem liegt eine gewisse Ernsthaftigkeit zugrunde, die darf man nicht aus den Augen verlieren, auch wenn man immer so schnell dabei ist.“


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