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Auf den Spuren der Hafengeschichte

Das neu geplante Deutsche Hafenmuseum startet mit zweitem Standort rund um die historischen 50er-Schuppen und neuem Namen in 2022

Text: Katharina Stertzenbach

Gewaltige Kräne ragen in den Himmel, historische Güterwagen stehen auf den Schienen der einstigen Hafenbahn und im Hafenbecken schwimmen historische Wasserfahrzeuge. Darunter der heimliche Star des Hamburger Hafenmuseum: die über 100 Jahre alte Viermasterbark Peking. Am Schuppen 50A sieht es noch so aus, wie ganz früher im Freihafen. Die denkmalgeschützten Kaischuppen 50, 51 und 52 sind die letzten erhaltenen Umschlagsorte aus der Kaiserzeit im Hamburger Hafen. Genau hier befindet sich seit einigen Jahren das Hamburger Hafenmuseum. Für das Museum hätte es wohl kaum eine bessere Location geben können als die alten Kaischuppen.

Über 2500 Quadratmeter erstreckt sich im südlichen Teil des Schuppens 50A das Schaudepot des Museums. Ebenda können Besucher die etwa 10.000 Ausstellungsobjekte rund um die Themen Hafenarbeit, Güterumschlag, Schiffbau und Revierschifffahrt bestaunen. Besonders hervorzuheben ist der Teil der Ausstellung, der zeigt, was den einstigen Hafenalltag grundlegend veränderte – der Container.

Schiffsbegeisterte Besucher erfahren alles über die Containerisierung, zu den charakteristischen Berufen oder zur Kunst des Laschens – also dem Verzurren von Containern und Schiffen. Unter den ehrenamtlichen Fachleuten, die regelmäßig Führungen geben, sind auch die sogenannten Hafensenioren. Sie können den kleinen und großen Besuchern durch persönlichen Erfahrungen die spannende Geschichte des Hafens noch näher bringen.


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„Den Fuß in die Drehtür der Zeit stellen“

Der Hafengeburtstag wurde wegen der Corona-Lage auf September verschoben. Aber gefeiert wird trotzdem im Mai – mit dem Stück „Umschlagplatz der Träume“. Darin erzählt Autor und Regisseur Erik Schäffler die Geschichte des Hamburger Hafens von 1888 bis heute

Interview: Sören Ingwersen

SZENE HAMBURG: Erik, der Hamburger Hafen feiert dieses Jahr seinen 833. Geburtstag, aber die Handlung deines Stücks beginnt erst im Jahr 1888. Warum?

Erik Schäffler: Die ganze Geschichte des Hafens in einem Stück zu erzählen, ist unmöglich. Einer der größten Umbrüche in Hamburg war die Entstehung des Sandtorhafens 1866 als erster künstlicher Hafen der Stadt und drittgrößter Hafen der Welt. Das Stück beginnt 22 Jahre später mit der Einweihung der Speicherstadt und des neuen Freihafens. Das ist der Beginn der modernen Geschichte des Hafens.

Stücke erzählen sich immer über Figuren. Welche sind das?

Hauptfigur ist die fiktive Reederin Charlotte Tiedenbreuk, gespielt von Mignon Remé. Anhand ihrer Geschichte und der ihrer Familie erzähle ich die Geschichte des Hafens in 22 Episoden. Um die Ober- und Unterschicht gleichwertig auftreten zu lassen, verliebt Charlotte sich in einen Ketelklopper, einen Kesselklopfer, der auf den Dampfschiffen den Kalk im Kessel abschlägt. Für die anderen Reeder war dieses Verhältnis empörend. Die Klammer öffnet sich in der Neuzeit. Da ist die Reederin 135 Jahre alt. Sie ist so begabt im Organisieren, dass sie keine Zeit hat zu sterben.

Soziale Umrüche heiter thematisiert

Geschichte ist immer Rekonstruktion des Vergangenen. Wird diese Rekonstruktion nicht umso spekulativer, je mehr man sich mit dem individuellen Erleben und privaten Schicksal einzelner Personen beschäftigt?

Geschichtsschreibung zielt ja eher auf die größeren politischen Zusammenhänge. Natürlich ist jeder Satz, den ich geschrieben habe, spekulativ. Aber ich habe ein Jahr lang recherchiert, habe Bücher gelesen, mit Historikern gesprochen und Interviews mit Hamburger Hafengrößen geführt. So entstand für mich ein Bild, wie der Reeder um die Jahrhundertwende lebte und wie sein Selbstbild war.

Sobald in der Stadt eine Katastrophe passiert, kalfatert er den Rumpf, den Grundnährboden des Standorts Hamburg.

Erik Schäffler

Ein Bild, dass du einbettest in eine typische Romeo-und-Julia-Geschichte einbettest?

Das Stück beginnt wie ein Musical, komponiert von dem genialen Musiker Markus Voigt, packt dann aber auch gesellschaftliche und politische Themen an. Wir thematisieren soziale Umbrüche – etwa den Nationalsozialismus. Trotzdem ist alles ein großer Spaß und hat einen sehr heiteren Ton.

Wie entstand die Idee zum Stück?

Sie entstand in einer Runde mit Markus Linzmair von der IPT – einem Immobilienberater und guten Freund von mir und Freund des Theaters, der uns dieses Projekt zusammen mit der Bank Julius Bär ermöglicht –, Isabella Vértes-Schütter vom Ernst Deutsch Theater und mir, zusammen mit der Freien Theatergruppe Axensprung. Wir wollten ein Stück angehen, das bei Erfolg jedes Jahr weitergeschrieben und zum Hafengeburtstag gespielt werden soll.

„Wenn der Kaufmann nimmt, muss er auch etwas geben“

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„Ich bin ein glücklicher Mensch“: Regisseur und Schauspieler Erik Schäffler (Foto: Michael Batz)

Wie bringt ihr den Hafen visuell auf die Bühne?

Durch das Stück defilieren sämtliche Schiffstypen, die beim Hafengeburtstag auf der Elbe defilieren. Ein Augenmerk liegt auf der Segelschifffahrt, namentlich den „Flying P-Linern“ der Reederei Laeisz. Das waren die schönsten und besten Segelschiffe der Welt Anfang des letzten Jahrhunderts. Parallel entstand die Dampfschifffahrt. Das Dampfschiff gewinnt aus ökonomischen Gründen, aber das Segelschiff kommt mit der Klimawende zurück. Am Ende plädiere ich dafür, dass Ökonomie und Ökologie endlich wieder Hand in Hand gehen sollten. Wenn der Kaufmann nimmt, muss er auch etwas geben.

Klingt da der Glaube an, dass man aus der Geschichte lernen kann?

Ja. Wir haben eine mythische Figur, die unsere Reederin durch die Zeiten hilft. Das ist der Klabautermann, gespielt von Sven Walser. Er kalfatert den Schiffsrumpf und sorgt dafür, dass das Schiff nicht untergeht. Nur der Kapitän kann den Klabautermann sehen. Meine ursprüngliche Idee war, dass der Klabautermann mit dem Ende der Frachtsegelschifffahrt in den 1950er-Jahren verschwindet. Aber er ist bei uns mehr als ein Hafenmännchen: Er kalfatert weiter. Sobald in der Stadt eine Katastrophe passiert, kalfatert er den Rumpf, den Grundnährboden des Standorts Hamburg.

„Hamburg hat einen ganz anderen Atem“

Du bist in Schwäbisch Gmünd geboren, lebst aber seit über dreißig Jahren in Hamburg. Fühlst du dich als Hamburger? Oder ist es auch der Blick von außen, der für dich die Hamburger Geschichte so interessant macht?

Ich bin in der Tat Exilant und habe einen anderen Blick auf Hamburg. Hamburg hat einen ganz anderen Atem, eine andere Luft, die mir lange fremd war, aber der Menschenschlag, den ich hier angetroffen habe, hat mich sofort für sich eingenommen. Ich mag das Understatement, die Kargheit der Worte, die Zuverlässigkeit und diesen feinen, kleinen, schönen Humor, mit dem man auch Katastrophen betrachtet. Den bringe ich auch im Hafenstück zum Ausdruck. Am meisten reingezogen ins Hamburgische hat mich der „Hamburger Jedermann“ von Michael Batz. Seine Geschichte des Hafens hat mir Heimat geboten.

Zwei große Lebenswünsche

In den Open-Air-Aufführungen in der Speicherstadt hast du 25 Jahre lang den Teufel verkörpert, bis der Spielbetrieb 2018 eingestellt wurde. Und auch mit der freien Theatergruppe Axensprung packst du geschichtliche Themen an, die von euch theatralisch aufbereitet werden. Woher kommt diese Vorliebe fürs Historische?

Ich habe Geschichte, Latein und Griechisch studiert und wollte beruflich in diese Richtung gehen. Dann hat mich das Theater eingeholt. Nach zwanzig Jahren kam die Geschichte zu mir zurück. Bei Axensprung – die Gruppe spielt auch im Umschlagplatz der Träume mit – verheiraten sich diese beiden großen Lebenswünsche.

Und das mit Erfolg. Ihr spielt in ganz Deutschland, sogar im europäischen Ausland …

Wir spielen in der deutschen Botschaft in Brüssel, in Strafvollzugsanstalten, Schulen und Seniorenheimen und natürlich in Theatern. Wir haben auch ein Stück über posttraumatische Belastungsstörungen bei Heimkehrern aus dem Afghanistan-Kriegseinsatz im Repertoire, mit dem wir bei der Bundeswehr wirklich tolle Erfahrungen gemacht haben. Die buchen uns jetzt am häufigsten. So oft, dass wir schon gefragt wurden, ob wir auch vor zivilem Publikum spielen. Sehr lustig.

Ein Leben mit vielen Geschichten

Die Produktionen, für die du als Autor, Schauspieler, Regisseur oder Produzent tätig bist, vereinst du unter dem Label „Theater Ruhm“. Was verbindest du als Künstler mit diesem Begriff?

Der Titel ist von Daniel Kehlmanns Roman „Ruhm“ abgeleitet, den ich für die Bühne adaptiert und im Theater im Zimmer aufgeführt habe. Natürlich wollte ich berühmt werden und habe mir eine Karriere gewünscht. Nach vielen enttäuschenden Erfahrungen habe ich diesen Wunsch aber abgelegt. Einfach um gesund zu bleiben. Seitdem fühle ich mich sehr wohl und bin ein glücklicher Mensch. Was ich will, ist genau das, was ich jetzt mache: eigene Produktionen mit oft eigenen Texten, die den Inhalt haben, den ich rüberbringen möchte.

Auch ein Lernen aus der eigenen individuellen Geschichte als ehemaliges Ensemblemitglied am Deutschen Schauspielhaus, als TV- und Filmschauspieler, als Synchron- und Hörbuchsprecher?

Was du aufzählst, stimmt, aber ich selber vergesse das manchmal. Es ist, als hätte das jemand anderes gemacht. Ich empfinde mich mittlerweile als ein Mensch mit vielleicht dreißig Lebensschichten. Ich grabe manchmal und bin ganz erstaunt, was ich da finde.

Was ist Ruhm?

Die Begriffe Karriere und Ruhm kann man ja auch ganz unterschiedlich fassen …

Du sagst es. Als Schauspielerin Ines Nieri den Theaterpreis Hamburg Rolf Mares für ihre Rolle in „Tyll“ am Ernst Deutsch Theater bekommen hat – auch dort habe ich Regie geführt – stand in der Begründung der Jury: „In diesem Stück sprüht das Leben.“ Das war für mich der Ruhm, das hat mich am meisten gefreut. Wir sind so voller Leben und haben so viel in uns, dass es mich manchmal überwältigt. Vielleicht versuche ich nur, das im Theater kurz festzuhalten. Den Fuß in die Drehtür der Zeit stellen, weil alles so schnell geht.

„Umschlagplatz der Träume“, Ernst Deutsch Theater, 5. Mai 2022 (Premiere), 6.–8., 30., 31. Mai 2022 und weitere Termine


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Hafengeburtstag im September

Wurde mit dem Hamburger Hafengeburtstag das größte Hafenfest der Welt im Januar noch abgesagt, steht der Ersatztermin nun fest: Der September 2022

Text: Felix Willeke

Der 833. Hamburger Hafengeburtstag findet vom 16. bis 18. September 2022 statt. Das größte Hafenfest der Welt findet seit 1977 in jedem Jahr statt. In den letzten beiden Jahren fiel es pandemie-bedingt aus. Das hat jetzt ein Ende. Wurde der traditioneller Termin Anfang Mai noch im Januar wegen der „nicht eindeutig vorhersehbaren Pandemie-Lage“ abgesagt, hatte man schon damals gehofft, in den Spätsommer ausweichen zu können.

Dabei steht auch der Hafengeburtstag 2022 im Zeichen der weiteren Entwicklung der Corona-Lage. Eine Absage ist immer noch im Bereich des Möglichen. Denn Einlasskontrollen wie beim Hamburger Dom 2021, die einen corona-konformen Ablauf möglich machen würden, sind beim Hafengeburtstag nicht möglich.


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Verlosung: Nina Chuba in der Elbphilharmonie

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Mit der Haspa Musik Stiftung in die Elbphilharmonie: Wir verlosen 2×2 Tickets für das Konzert von Nina Chuba im Kleinen Saal am 30. März 2022

Foto: Rico Zartner

Das Nachwuchsformat „Made in Hamburg“ in der Elbphilharmonie zeigt, was in Hamburg musikalisch alles los ist. Auf der Bühne des großen Konzerthauses stehen experimentierfreudige Künstler:innen, die sonst vor allem in Clubs, Kneipen, Off-Locations und Proberäumen am Sound der Zukunft feilen. Am 30. März 2022 erwartet die Besucher:innen das spannende Konzert von Nina Chuba.

Von den „Pfefferkörnern“ zu heißen Beats und Rhymes

Die Allrounderin begann ihre Karriere 2008 vorerst als Kinderschauspielerin in der Fernsehserie „Die Pfefferkörner“. Zeitgleich entdeckte die gebürtige Hamburgerin ihre Leidenschaft für die Musik. In den Folgejahren war sie noch im Deutschen Fernsehen in Serien wie „Das Traumschiff“ oder „Notruf Hafenkante“ zu sehen, arbeitete aber auch bereits an ihrer Karriere als Singer-Songwriterin.

Mit ihrer ersten EP „Power“, die im Juli 2020 veröffentlicht wurde, erreichte die Musikerin auf Spotify mehrere Millionen Streams. Ihre Musik: eine einzigartige Mischung aus Soul und Indie-Pop.

Die Haspa Musik Stiftung unterstützt den Hamburger Musiknachwuchs und ist darum auch Partner der Konzertreihe „Made in Hamburg“.

www.haspa-musik-stiftung.de


Wir verlosen zusammen mit der Haspa Musik Stiftung 2×2 Tickets für das bereits ausverkaufte Konzert von Nina Chuba am 30. März 2022 um 20:30 Uhr in der Elbphilharmonie!

Wie ihr mitmachen könnt? Na so:

Bitte gebt für die Teilnahme euren vollständigen Namen an.


Den Kopf frei kriegen: Fünf Orte zum Entspannen

Entspannung, einfach nur Entspannung. Bitter nötig in dieser Zeit. SZENE HAMBURG-Autor:innen erzählen, wo sie derzeit besonders gut durchschnaufen können

 

Ordentlich Wind um die Ohren

 

Text: Rosa Krohn

Erholung am Klütjenfelder Hauptdeich in Wilhelmsburg (Foto: Rosa Krohn)

Erholung am Klütjenfelder Hauptdeich in Wilhelmsburg (Foto: Rosa Krohn)

Ich bin sicher nicht die einzige, bei der ein Großteil der letzten zwei Jahre pandemiebedingt zu Hause stattfand. Als Studentin wurde der sonst recht lange Fahrweg zur Uni durch den, nun ja, erheblich kürzeren Gang zum eigenen Schreibtisch ersetzt. Das war zwar durchaus bequem, doch gab es Tage, an denen musste ich buchstäblich nicht ein einziges Mal meine Wohnungstür öffnen. So beschloss ich eines Tages während der zähen Tage im Lockdown: mindestens einmal raus, jeden Tag. Denn, wie sehr einem die Decke auf den Kopf fällt, hat man bis zur Dämmerung nicht einmal das Haus verlassen, muss ich hier wohl gar nicht schildern. Den Vorsatz habe ich seitdem nicht mehr gebrochen. Teils waren es schöne Tagesausflüge, wenn die Zeit das erlaubte. Aber oft reichte die nur für einen Spaziergang im eigenen Viertel. Und so war es für mich ein großes Glück, dass es zwei Minuten von meiner Haustür entfernt einen Deich gibt.

Von Anfang an bedeutete der Klütjenfelder Hauptdeich für mich nicht nur – seinem Zweck folgend – Schutz vor Sturmfluten, sondern Zuflucht an stressigen Tagen. Einmal den Blick über die Elbe in die Weite des Hafens schweifen lassen, sich den heftigen Wind da oben um die Ohren wirbeln lassen, runterkommen, abschalten. An warmen Tagen im Sommer bietet der Deich sich ebenso gut dafür an, sich mit einem guten Buch in sein warmes Gras zu legen. In den Lockdowns wurde der Deich essenziell, brachte mich, eine Person, die Joggen zutiefst verabscheute, schließlich sogar dazu, die Runde joggend zu drehen. Das mache ich bis heute. Ja, es gibt Tage, da mag ich nicht. Gerade im Winter ist es kalt, oft grau und es kostet Überwindung, sich aufzuraffen. Doch wann immer es gelingt und ich doch eine Runde über den Deich jogge oder einfach nur spaziere, werde ich stets mit einem freien Kopf belohnt, mit dem sich die Dinge leichter verrichten lassen. Ist so vieles ungewiss und unstet in den letzten Monaten – der Deich hat mich noch nicht hängen lassen.

 

Natur Pur

 

Text: Felix Willeke

Zu jeder Jahreszeit entspannend: der Wohldorfer Wald (Foto: Felix Willeke)

Zu jeder Jahreszeit entspannend: der Wohldorfer Wald (Foto: Felix Willeke)

Hamburg ist grün, das wissen mittlerweile alle. Was den meisten dabei aber noch nicht klar ist: Hamburg ist zu fast zehn Prozent ein Naturschutzgebiet. Dabei ist es egal, ob Norden, Süden, Osten oder Westen, in der Stadt gibt es 36 geschützte Gebieten. Orte, an denen fast überall Entspannung garantiert ist. Einer dieser entspannten Orte ist der Wohldorfer Wald. Nur wenige Gehminuten von der U-Bahn-Station Ohlstedt entfernt liegt das fast 300 Hektar große Naturschutzgebiet. Ein riesiges Areal, an denen man selbst an den schönsten Tagen oftmals keiner Menschenseele begegnet – erst recht im Winter. Ein idealer Ort für alle, die dem Trubel der Stadt entkommen wollen. Hier können Kinder durch das Unterholz flitzen, Eltern die frische Luft genießen oder bei einem Kaffee am Mühlenteich entspannen. Auch mit dem Rad lässt sich das Gebiet auf den vielen Wegen bestens erkunden.

Dazu kommt: Der Wohldorfer Wald ist umgeben von noch mehr Natur: Während sich im Norden mit dem Duvenstedter Brook das drittgrößte Naturschutzgebiet der Stadt anschließt, ist es im Süden nur ein Schritt über die Hauptstraße und man steht am Alsterlauf. Hier im Norden zwischen Duvenstedt und Poppenbüttel verläuft die Alster durch das Rodenbeker Quellental und vorbei am Hainesch-Iland, zwei weiteren Hamburger Naturschutzgebieten. Also auf geht’s: feste Schuhe an Winterjacke übergestreift und Mütze auf, es ist Zeit für einen Spaziergang in der herrlichen Wintersonne.

 

Romantik beim Container

 

Text: Erik Brandt-Höge

An der Brücke 10 am Alten Elbtunnel gibt es einen entspannten Blick auf die schönste Stadt der Welt (Foto: Jasmin Tran)

An der Brücke 10 am Alten Elbtunnel gibt es einen entspannten Blick auf die schönste Stadt der Welt (Foto: Jasmin Tran)

Ich wollte mal nach Wilhelmsburg, kam aber nie an. Lag daran, dass ich nicht wie zuvor mit den Öffis die Strecke vom Karoviertel bis zum Inselpark zurücklegte, in dem ich gerne joggte, sondern mit dem Rad unterwegs war. Die Radroute führte durch den Alten Elbtunnel, diese mehr als 400 Meter lange Fliesenröhre unterm Fluss. Heraus kam ich an einem schwarzen Container, auf dem stand: Brücke 10 am Alten Elbtunnel. Brücke 10? Da war doch was! Genau, die Fischbrötchenbude auf den Landungsbrücken. Nur herrschte rund um den neu entdeckten Container weit weniger Trubel als dort, wo Dutzende und Dutzende sich in die Barkassen schoben, um gemeinsam Richtung Elbstrand zu tuckern.

Der Container, wo es die gleichen Fischbrötchen gab wie gegenüber, war im Vergleich ein Ruhepol. Geradezu ein Ort der Romantik – denn der Blick von dort auf die Landungsbrücken war fantastisch. Auf der Containerseite tummelten sich keine alles und jeden knipsenden Touri-Trupps, sondern Pärchen, die sich mit ihren Rollmops-Snacks und Bierchen auf die Mauern setzten, schnackten, knutschten, die Stille genossen. Kann man so machen, dachte ich, kann man sogar öfter machen. Ende dieser Radtour. Seitdem komme ich regelmäßig zurück. Nichts gegen Wilhelmsburg, schon gar nichts gegen den Inselpark. Aber auf dem Weg dorthin lädt diese Station dazu ein, einfach mal nicht weiterzufahren.

 

Runde um Runde

 

Text: Erik Brandt-Höge

Der Eppendorfer park ist einer von vielen Erholungsorten in der Stadt (Foto: Erik Brandt-Höge)

Der Eppendorfer Park ist einer von vielen Erholungsorten in der Stadt (Foto: Erik Brandt-Höge)

Es gibt größere Parks als den Eppendorfer Park. Das Areal, direkt beim UKE gelegen, ist nur eine kleine, grüne Oase des Stadtteils. Aber sie reicht: für Dates, die hier ihre Runden drehen. Für Familien, die hier ihre Runden drehen. Für Jogger, die hier … ja, schon klar. Anwohner und Eppendorf-Besucher machen das Beste aus dem Stückchen Natur, das es hier gibt. Manche spannen eine Slackline zwischen den dicken Birken, andere nutzen die Wiesen zum Gruppensport, stellen ein Tablet auf und lassen Pamela Reif die Übungen vormachen.

Im Winter ist der Eppendorfer Park deshalb so empfehlenswert, weil in seinem Zentrum ein Teich ist. Einen See kann man die paar Liter Wasser schlichtweg nicht nennen. Immerhin: Sie sind genug, damit ein gutes Dutzend Menschen – bei ausreichenden Minusgraden versteht sich – mit oder ohne Schlittschuhen übers Eis gleiten kann. Entspannen geht nicht bloß an Orten, die gefühlt unendliche Weiten bieten. Entspannung geht auch da, wo jederzeit jede Menge möglich ist. Zum Beispiel im Eppendorfer Park.

 

Hoch über der Hektik

 

Text: Marco Arellano Gomes

Entspannt mit Blick auf den Hafen am Aussichtspunkt: Bei der Erholung (Foto: Marco Arellano Gomes)

Entspannt mit Blick auf den Hafen am Aussichtspunkt: Bei der Erholung (Foto: Marco Arellano Gomes)

Hier, direkt am Hotel Hafen Hamburg, ist der Name des Ortes Programm: „Aussichtspunkt Bei der Erholung“. Es sind nur einige Treppen zu besteigen, um zu dieser einzigartigen Plattform mit Panoramablick über den Hafen zu gelangen, bei der man sich ganz nebenbei von der Hektik und dem Trubel der Stadt erholen kann. Links im Hintergrund grüßt die Elphi, die gerade ihr fünfjähriges Bestehen feiert, direkt vor einem erstrecken sich die Landungsbrücken, und auf der rechten Seite sieht man im Hintergrund die Kräne, die die Container aus Übersee entladen, um die Kaufhausregale mit all dem Spielzeug, den Elektrogeräten und Fahrrädern zu füllen, die seit Monaten zuverlässig ausverkauft sind.

Wer der Fotografie zugeneigt ist (mit einer echten Kamera, nicht diesen Handy-Spielzeugen!), dem wird hier an klaren Wintertagen ein Lichtspektakel sondergleichen geboten: Wenn die Sonne im Stile von „Apocalypse Now“ hinter der Elbe verschwindet und die Skyline, während die Schiffe ein- und auslaufen, in ein rot-orange-vanille-farbenes Tableau färbt. Es ist unzweifelhaft eine der schönsten Aussichtsplattformen der Stadt, aus dem seltsamerweise ein Braukessel aus Messing herausragt: Astra. Was dagegen? Seit 2004 gibt es hier auch einen kleinen, knapp 600 Meter langen, feinen Wanderweg, der sinnigerweise „Bei der Erholung“ heißt. Sitzgelegenheiten sind vorhanden, bei den winterlichen Temperaturen allerdings nur mit Zeitung oder SZENE HAMBURG unterm Hintern zu empfehlen. Ach ja: Und unbedingt passend anziehen! Es kann zzzzzziemmmmlich fffffrosssssstig werden.


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Januar 2022. Das Magazin ist ab dem 22. Dezember 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Hafenschifferin: Das beste Gefühl auf der Welt

Helena Jumira Rodriguez Buhr macht bei der HADAG Seetouristik und Fährdienst AG eine Ausbildung zur Hafenschifferin. Im Gespräch erzählt sie, wie es dazu kam, was es braucht, um Hafenschifferin zu werden und wie es sich anfühlt, so ein Schiff zu steuern

Interview: Felix Willeke

 

Elf Mal um die Welt – diese Strecke legen die Fähren der HADAG jedes Jahr zurück. Seit dem 8. August 1888 gibt es die regelmäßigen Fährverbindungen entlang und über die Elbe und seit 1921 gehört die HADAG zur Stadt Hamburg. In Kooperation mit dem HVV befördern die 130 Mitarbeiter aktuell rund zehn Millionen Fahrgäste im Jahr. Dafür braucht das Unternehmen Nachwuchs. Pro Jahr fangen fünf neue Auszubildende an, mit dem Ziel, das Hafenpatent zu erlangen. Wir sprechen mit Helena Jumira Rodriguez Buhr über einen Traumberuf, die Besonderheiten der Ausbildung und die Sachen, die nicht so viel Spaß machen.

 

Fokus auf die Work-Life-Balance

 

SZENE HAMBURG: Moin Helena, wie kommst du aufs Wasser?

Helena Jumira Rodriguez Buhr: Ich komme aus Finkenwerder und da machst du entweder irgendwas bei Airbus, in der Landwirtschaft oder was mit Schiffen (lacht). Eigentlich wollte ich nach dem Abitur Hebamme werden. Aber die Bedingungen sind nicht so, dass ich damit später eine Familie ernähren könnte. Entscheidend für den Job als Hafenschifferin und die Ausbildung bei der HADAG war der Fokus auf meine Work-Life-Balance. Möchte ich einen Job mit viel Geld und Prestige? Oder lege ich mehr Wert auf meine Freizeit? Da habe ich mich für den zweiten Weg entschieden.

Hast du von Haus aus einen Seefahrerhintergrund?

Ja, entfernt schon, aber das hat mich in meiner Entscheidung nicht beeinflusst. Als ich hier angefangen habe, haben mir viele nicht geglaubt. Viele haben auch erst geschmunzelt, weil sie einfach nicht wissen wie viel dazu gehört.

Der Hafen gilt als Männerdomäne …

Das stimmt. Hier ist noch vieles traditionell geprägt. Aber man merkt, dass mit uns jungen Leuten auch ein frischer Wind reinkommt. Es verändert sich gerade viel, auch in den Köpfen, es wird moderner. Das ist ein Prozess, bei dem wir viel von den Alteingesessenen lernen können und umgekehrt. Bei der HADAG sind wir aktuell 15 Auszubildende und drei davon sind Frauen. Als Frau wünsche ich mir, dass es nichts Besonderes mehr ist, dass Frauen als Hafenschifferin arbeiten. Für mich persönlich ist es ganz normal, es gibt keinen Grund, warum nicht auch Frauen eine Ausbildung bei der HADAG beginnen sollten.

 

Kraft, Durchhaltevermögen, Konzentrationsfähigkeit und ein dickes Fell

 

Warum hast du dich bei der Ausbildung für die HADAG entschieden und mit deinem Abitur nicht Nautik studiert, um auf große Fahrt zu gehen?

Ich bin ein Heimscheißer. Ich liebe Hamburg. Ich liebe meine Familie. Ich liebe Finkenwerder. Zwei oder drei Monate nicht zu Hause zu sein und die ganze Zeit auf einem Schiff zu leben – ich glaube, da würde ich verrückt werden. Für die HADAG habe ich mich in erster Linie entschieden, weil die Ausbildung mich überzeugt hat und weil es ein öffentliches Unternehmen ist. So kann ich sicher sein, immer pünktlich meinen Lohn zu bekommen und geregelte Arbeitszeiten zu haben.

Was braucht es, um Hafenschifferin zu werden?

Du brauchst Kraft, Durchhaltevermögen, Konzentrationsfähigkeit und ein dickes Fell. Dabei muss man kein Bodybuilder sein, es reicht, wenn man keine allzu zierliche Person ist. Konzentration brauchst du, weil sich die Gegebenheiten auf dem Wasser ständig verändern und du dabei immer am Fahrplan bleiben musst. Und ein dickes Fell für den Umgangston im Hafen. Hier wird eine eigene Sprache gesprochen, es herrscht eine eigene Kultur. Da gehört es dazu, dass man sich untereinander ein bisschen piesackt und auf spielerische Art beleidigt. Aber auch das ist eine Sache der Gewöhnung.

Mit diesen Fähren fährt die HADAG seine Passagiere durch den Hamburger Hafen (Foto: Erik Brandt-Höge)

Mit diesen Fähren fährt die HADAG seine Passagiere durch den Hamburger Hafen (Foto: Erik Brandt-Höge)

 

Dienstbeginn um 5 Uhr morgens

 

Ihr seid ein Fährbetrieb im HVV, die ersten Fähren fahren morgens um 4.50 Uhr los und die letzten legen nach Mitternacht an. Heißt das auch für auch Auszubildende Schichtarbeit?

Ja, wir haben Schichtpläne. In einem Fährbetrieb kann man schließlich nicht den ganzen Tag durcharbeiten. Die Schichtleitung kommt aber den Wünschen der Einzelnen entgegen: Die einen fühlen sich in der Nachtschicht wohler, die anderen, wie ich, in der Frühschicht und einige arbeiten in einer gesunden Wechselschicht. Als Auszubildende bekommen wir einen leichteren Schichtplan, sodass wir zum Beispiel im ersten Jahr auch nicht am Wochenende arbeiten müssen.

Wann hast du dann heute Morgen angefangen?

Ich hatte um 5 Uhr Dienstbeginn.

Und das ist für dich eine gute Work-Life-Balance?

Doch, eigentlich schon. Wenn ich um 5 Uhr anfange, habe ich um 12 oder 13 Uhr Feierabend. Dann fahre ich nach Hause, lege mich für eine Stunde hin und ab 15 Uhr habe ich den Rest des Tages Freizeit.

Hast du als Auszubildende bestimmte Aufgaben?

Primär sollen wir Azubis lernen, die Schiffe zu fahren. In der Ausbildung sind wir dabei aber nie allein und haben immer einen erfahrenen Kollegen an unserer Seite. Zudem gibt es eine Station im technischen Betrieb und wir helfen auch immer mal wieder den Schiffsführern beim Säubern der Schiffe oder bei anderen Arbeiten, die anfallen. Als Azubi bin ich eine Kollegin wie jede andere auch.

 

Theorie und Praxis

 

Wie ist eure Ausbildung aufgebaut?

Am Anfang lernen die Auszubildenden immer den Betrieb kennen, dann folgt eine Woche Kennenlernen mit deinem Ausbilder. Im Anschluss geht es aufs Schiff und du machst schon deine ersten Anlege- und Fahrversuche. Ab dann fährst du im Regelbetrieb mit. Wir lernen dabei immer das, was auch im Alltag gerade passiert. Heute haben wir aber zum Beispiel einen Azubi-Tag, an dem wir uns zusätzlich zur Schule mit der Theorie beschäftigen dürfen, ein kleines Geschenk der HADAG an seine Azubis.

Wieso Geschenk?

Wir sind immer für Blöcke von drei bis vier Wochen in der Berufsschule für Gewerbliche Logistik & Sicherheit in der Wendenstraße. Da machen wir dann die theoretische Ausbildung zur Hafenschifferin. Die Theorie hier im Betrieb ist ein Extra, bei der wir während der Arbeitszeit für die Abschlussprüfung lernen können.

Das heißt, nach deiner Ausbildung sieht man dich direkt im Führerhaus?

Mit der Ausbildung habe ich mein Patent, das heißt aber noch nicht, dass ich ein Fahrgastschiff führen darf. Dafür muss ich den P-Schein zur Personenbeförderung im Hamburger Hafen und die Hafenpatent-Prüfung bei der Hamburg Port Authority machen.

 

„Mittlerweile ist das hier mein absoluter Traumjob“

 

Ist es im Führerhaus nicht auch manchmal einsam?

Als Azubi bin ich ja nie allein am Steuer. Aberich glaube, später kann das schon mal passieren, dann drehst du einfach deine Musik auf, hörst dir ’nen Podcast an oder quatscht mit den Kollegen kurz über den Betriebsfunk, solange du konzentriert bleibst. Letztendlich bin ich hier auf der Arbeit und nach der Schicht kann ich mich privat wieder mit vielen Menschen umgeben. Für die Konzentration ist es auch besser, allein zu sein. Ich mag das Gefühl ohnehin nicht, ständig beobachtet zu werden.

Wie weit bist du aktuell in deiner Ausbildung?

Ich bin jetzt gerade mit dem ersten Jahr fertig und die Ausbildung dauert insgesamt drei Jahre. Bei der HADAG haben wir aber auch die Möglichkeit, wenn die Leistungen stimmen, die Ausbildung um ein halbes Jahr zu verkürzen.

Gibt es die Chance, von der HADAG übernommen zu werden?

Ich möchte auf jeden Fall gerne hier bleiben und nach der Ausbildung Schiffsführerin auf den Fähren im Hamburger Hafen sein. Es gibt zwar keine Übernahmegarantie, aber ich denke, die Chancen stehen im Allgemeinen sehr gut.

Und wie ist das Gefühl, so ein Schiff zu steuern?

Das ist das beste Gefühl auf dieser Welt. Du hast irgendwie mit den Fahrgästen zu tun, bist aber gleichzeitig im Ruderhaus in deiner eigenen Welt. Dabei bewegst du mit diesen kleinen Steuerknüppeln das Schiff und das macht das, was du willst (strahlt). Bei der HADAG haben wir die normalen Fähren und die sogenannten Flachschiffe, jedes Schiff fährt sich anders und ich mag die Herausforderung, mich jedes Mal neu darauf einzustellen. Mittlerweile ist das hier mein absoluter Traumjob.

hadag.de


Cover_SH_Ausbildung_2021-02 Die SZENE HAMBURG Ausbildung 2/2021 ist seit dem 11. November 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Anita: „Die Anthroposophie sagt: Alles in Rhythmen.“

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Begleitet von hvv switch fischen wir sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir Anita begegnet.

Protokoll & Foto: Kevin Goonewardena

 

„Ich bin 1992 mit meinen Eltern wegen des Jugoslawienkrieges aus dem Kosovo nach Hamburg gekommen, damals war ich fünf. Die ersten Jahre haben wir in verschiedenen Flüchtlingsheimen gewohnt, keine einfache Zeit. Hamburg hilft Menschen wie mir, sich selbst auszuprobieren und kennenzulernen. Das habe ich gemacht, ich habe mich in Hamburg so ausgelebt, wie ich es mir als Jugendliche immer ausgemalt habe. Und als Mutter kann ich jetzt rückblickend sagen: Zum Glück ist alles gut gegangen. Und ich muss nicht sagen, ‘Das hätte ich gerne gemacht’.

 

„Streiten muss man lernen“

 

In Hamburg und anderen Großstädten scheinen viele zu denken, dass jeder und alles austauschbar ist. Das finde ich schade. Die Bereitschaft, an etwas zu arbeiten und sich Konflikten zu stellen, nimmt ab. Das kommt meiner Meinung nach daher, dass die Großstadt einem den Schein vermittelt, dass es so viele andere Menschen um einen herum gibt, die man wie Unterhosen austauschen könne. So geht jedem Menschen etwas verloren, wenn man nicht lernt, miteinander zu streiten. Das muss in einer Großstadt wie Hamburg gelernt werden. Was groß im Kommen ist, ist dieses Selfcare-Arschloch, was sich nur um sich selbst kümmert, mit so einer inneren Fuck-You-all-Haltung.

Achtsam sein, meditieren, beten, alle schön und gut, um mit sich selbst klarzukommen, aber bitte, bitte scheut nicht den Konflikt mit anderen, euch und eure Gefühle zu erklären und andere daran teilhaben zu lassen. Immer alles austauschen, auswechseln zu wollen, kostet viel mehr Energie, als das Gespräch zu suchen. Pflegt doch mal eure Freundschaften!

 

Hamburg, eine Durchfahrtsstadt?

 

Mir wurde mal gesagt, wenn man wirklich jede Ecke von Hamburg kennt, dann bleibt einem nur in die nächstgrößere Stadt zu gehen, Berlin beispielsweise. In Hamburg kann man unterschiedlichste Menschen treffen, hier trifft sich wirklich alles. Diesen Umstand und die Möglichkeiten, die man hier hat, schätze ich sehr. Aber Hamburg ist auch irgendwie so eine Durchfahrtsstadt. Ich habe viele Leute kennengelernt, die nur kurzzeitig hier waren und dann weiterzogen. In Hamburg gibt man und nimmt sich was mit und dann geht es für viele Leute, die ich in den fast 30 Jahren, die ich hier nun schon lebe, kennengelernt habe, weiter. Die Anthroposophie sagt immer: Alles in Rhythmen.

Ich mag’s, das Hamburg weiterhin politisch ist. Die Demos, die gute linksorientierte, grün-versiffte Stimmung, die mag ich gerne. Auch wenn ich da jetzt ein bisschen raus bin. Hamburg war schon immer eine geballte Kulturstadt für mich, das hat sich die Stadt bewahrt: Konzerte, Partys und Lesungen.

Heute kann ich mir überhaupt nicht mehr vorstellen auszugehen. Ich habe immer noch viel Energie, ich glaube, deswegen kann ich auch eine Klasse so gut handeln, da kommt ja unglaublich viel Energie von den Kindern und Jugendlichen auf einen zu. In der Elternzeit musste ich dann neue Wege finden. Ich hatte einfach keine Kraft mehr, das kommt jetzt so langsam wieder. Jetzt spanne ich mir meinen eigenen neuen Kosmos durch die Möglichkeiten, sich neu kennenzulernen, die es jetzt gibt. Ich habe durch die Waldorfpädagogik und die Anthroposophie ganz viel Werkzeug mitbekommen.

 

„Der Hafen ist nicht meins“

 

Was ich in Hamburg nicht so mag, ist der Hafen. Ich bin ´ne Zeit lang mit meinen Leuten auf Dächer gestiegen, durch diese Dachluken, die oft unverschlossen waren. Geklingelt, gesagt man habe den Schlüssel vergessen oder Ähnliches und dann über den obersten Stock aufs Dach, oft nachts. Es gibt viele Hochhäuser in Hamburg, von denen man einen Rundumblick hat.

Wenn man dann gefragt hat, was den Leuten am besten gefällt, haben die meisten gesagt, die Lichter am Hafen. Ich konnte dem nie was abgewinnen, ich musste immer an die Menschen denken, die tagsüber geschlafen haben, um nachts ihre Familien zu ernähren. Wenn ich Richtung Hafen gucke, sehe ich ganz viel Metall, ich sehe Kräne, ich sehe laute Dampfer, die wirklich nicht umweltfreundlich sind. Ich stelle mir das alles sehr kühl vor. Ich schaue nicht darauf und denke: Ist das schön.

Aber Wasser verbinde ich schon mit Hamburg. Ich kann Euch raten: Macht mal eine schöne Kanalfahrt, angefangen auf der Alster. Nicht die Einstündige für Touristen, sondern die große, die Zweistündige. Was ich mir für Hamburg wünsche? Dass die Mieten runter gehen.“


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Hamburger Podcast: Hubis Hafenschnack

Wie wird man vom Koch zum Hafentaucher?

Text: Marco Arellano Gomes

 

Im neuen Podcast „Hubis Hafenschnack“ spricht Barkassen-Meyer-Chef Hubert Neubacher mit spannenden Persönlichkeiten rund um den Hamburger Hafen. In der neuen Folge (ab dem 18. Juni) ist Elbtaucher Andreas Polster zu Gast und erzählt, wie man vom Koch zum Elbtaucher wird, was die Unterschiede zwischen Profi- und Hobby-Tauchern sind und wie man taucht, ohne nass zu werden.

Der neue Podcast „Hubis Hafenschnack“ startete im Mai und wird von Barkassen-Meyer-Chef Hubert Neubacher moderiert. An jedem zweiten Freitag begrüßt Neubacher einen Gast rund um den Hafen und lässt diesen dadurch lebendig werden.

Gast Andreas Polster begann seine berufliche Laufbahn als Koch auf einem Minenjagdboot, ist inzwischen aber als Helmtaucher bei „Taucher Knoth“ zehn bis zwölf Meter unter der Wasseroberfläche unterwegs, um Schrauben zu wechseln, Schweißarbeiten zu verrichten oder Autos aus der Elbe zu fischen: „Wir sind Bauarbeiter unter Wasser“, fasst Polster seinen Beruf im Podcast zusammen. „Handwerkliches Geschick muss man mitbringen“, so der 35-Jährige. Denn unter Wasser sind die Taucher auf sich alleine gestellt.

Was in der Elbe sonst so los ist, kann man ab sofort hören – überall wo es Podcasts gibt. „Hubis Hafenschnack“ ist eine Kooperation der Gute Leude Fabrik mit der SZENE HAMBURG, der Hamburger Morgenpost und Port of Hamburg.


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Juli 2021. Das Magazin ist seit dem 26. Juni 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Elbvertiefung: Schlamm drüber

Wie die Elbvertiefung wurde, wie sie ist – und was sie für Mensch und Umwelt bedeutet

Text: Markus Gölzer

 

Es ist ja nicht so, dass es erst seit der Elbvertiefung rumort im Hamburger Hafen. Schon 1259 gab es Ärger mit der leidigen Konkurrenz in Stade. Die Hafenstadt verlangte per vom Bremer Erzbischof verliehenen Stapelrecht Zoll von allen Schiffen auf der Elbe. Hamburg konterte mit einem Freibrief von Kaiser Barbarossa, datiert auf den 7.5.1189, der alle Handelsschiffe auf dem Weg zum Hamburger Hafen vom Zoll befreite. Der 7. Mai wird heute mit einem Riesenspektakel als Hafengeburtstag gefeiert. Wenn auch nicht von Historikern: Hier herrscht Einigkeit, dass das Dokument eine Fälschung war. Zum Glück für Hamburg kam das erst 1982 raus, als die Stellung unter den Welthäfen längst gesichert war.

Stade ist beim besten Willen keine Konkurrenz mehr, dafür Antwerpen und Rotterdam. Sie verwiesen Hamburg auf Platz 3 unter den größten Containerhäfen Europas. Als ein Grund gelten ihre deutlich tieferen Fahrtrinnen, die sie für große Containerschiffe besser erreichbar machen. Um den Standortnachteil zu beheben, wurde nach über 15 Jahren Planung und einem Tsunami aus Rechtsstreitigkeiten im März die Elbvertiefung fertiggestellt. Die neunte in 200 Jahren.

Die 130 Kilometer lange Wasserstraße zwischen Hamburg und Nordsee wurde so ausgebaggert, dass Schiffe mit einem Tiefgang von 13,50 Meter unabhängig von Ebbe und Flut fahren können. Auf der Flutwelle sind bis zu 14,50 Meter Tiefgang möglich. Zudem wurde die Fahrtrinne verbreitert und eine sogenannte Begegnungsbox gebaut. Das Tinder für Schiffe sorgt bei Wedel auf einer Länge von fünf Kilometern dafür, dass sich auch große Frachter begegnen und schnell wieder voneinander entfernen können. Insgesamt sollen durch die Elbvertiefung bis zu drei Millionen Container mehr möglich sein.

 

Hamburg, der Sisyphos von der Waterkant

 

Zum Vergleich: Der Umschlag 2020 lag bei rund 8,5 Millionen Containern. Die Freigabe der neuen Tiefgänge erfolgt in zwei Stufen. Am 3. Mai 2021 wurde die erste Stufe umgesetzt. Containerschiffe können die Tiefgangverbesserungen jetzt zu etwa 50 Prozent ausnutzen. Ob das Großprojekt, das mit 800 Millionen Euro in der Elbphilharmonie-Liga spielt, hilfreich ist, dürften nicht nur der Schierlings-Wasserfenchel und andere bedrohte Pflanzen- und Tierarten bezweifeln.

Die vor fast 20 Jahren geplante Vertiefung war zu kurz gedacht. Die Frachter sind heute viel größer, als man sich damals vorstellen konnte. Ein Ende der maritimen Gigantomanie ist nicht zu erwarten. Damit ist nicht nur die Tiefe der Fahrtrinne entscheidend, sondern auch Länge und Breite der Schiffe. Am 3. Mai wurde der Einlauf des ersten Großcontainerschiffs, der CMA CGM Jacques Saadé, mit Wasserfontänen gefeiert. Der Frachter der Megamax-Klasse beeindruckt mit einer Länge von 400 Metern und 61 Metern Breite. Und würde mit einem vergleichbaren Schiff nicht durch die Begegnungsbox kommen. In ihr können nur Frachter bis zu einer addierten Schiffsbreite von 104 Metern aneinander vorbeifahren. Zweites Riesenproblem: Die Strömungsverhältnisse haben sich anders entwickelt als erwartet. Es fällt viel mehr Schlick an, Hafenbecken wie Fahrrinne verschlammen. Die Elbvertiefung trägt dazu bei. Man muss ständig freibuddeln, kippt das Ausgebaggerte zehn Kilometer unterhalb des Hafens direkt in die Elbe. Der Schlick kehrt zurück, der Kreislauf beginnt wieder von vorne. Hamburg, der Sisyphos von der Waterkant.

Bei aller Baggerei können die größten Containerfrachter mit ihrem Tiefgang von 16,50 Meter nach wie vor den Hafen nicht erreichen. Fatal, denn die aktuelle Vertiefung dürfte die letzte gewesen sein. Eine weitere wäre einer umweltbewussten Öffentlichkeit nicht vermittelbar. Sie würde die Deiche destabilisieren und Natur wie Elbbauern den Rest geben. Doch es gibt auch Gewinner. Der Bund sucht aktuell Firmen, die die Fahrrinne ausbaggern und die Elbe auf Tiefe halten. Bis Anfang Mai konnten sich europaweit Unternehmen um den lukrativen Auftrag bewerben. Kostenpunkt für den Steuerzahler: rund 50 Millionen Euro.


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Hamburger Hausboote: Wasser unterm Fußboden

Im Harburger Hafen ist allerhand los – nicht zuletzt auf den vielen Hausbooten. Die kann man mieten, kaufen und bewohnen. Wir haben uns vier besonders schöne Objekte genauer angesehen

Texte & Fotos: Anna Meinke & Erik Brandt-Höge

 

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Mietobjekt „Wilma“ ist so detailverliebt eingerichtet, als hätte man sie fürs Titelshooting eines Interieur-Hochglanzhefts fertig gemacht

 

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Gibt weniger schöne Stege: Der des Hausboothafens Hamburg hat neben reichlich Idylle natürlich auch ziemlich hübsche Boote zu bieten (etwa „Wilma“). Hier kann man mieten, aber auch Boote in Auftrag geben, die dann in der Hausboothafen-Manufaktur gebaut werden; hausboot-hafen-hamburg.de

 

Hausboothafen-Hamburg-5-Credit-Erik-Brandt-Hoege

Nächstes Mietboot des Hausboothafens: die „Arche“. Schlichtschick gehalten, hat sie nordisches Understatement inne

 

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Über einen Steg gelangt man auf das schwimmende Zuhause von Werner Pfeifer und seiner Freundin Cornelia. Die „Stadersand“ – eine 27 Meter lange ausgemusterte Hafenfähre – wurde 1955 gebaut

 

Hausboote-3-Pfeifer-2-Credit-Anna-Meinke-2-2

1990 kaufte Werner die Hafenfähre anstatt einer Eigentumswohnung. Gemeinsam mit seinen Freunden machte er sich an die Restauration der Schiffsruine. Schon etwa ein Jahr später war sie dann bewohnbar

 

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Ursprünglich wollte Rolf Niebur in seiner alten Getreideschute eine schwimmende Hafenkneipe eröffnen. Das Projekt legte er jedoch wegen behördlicher Schwierigkeiten auf Eis. Im Obergeschoss des Schiffes wohnt der passionierte Bastler mit seiner Freundin Angela

 

Hausboote-0-Niebur-Credit-SZENE-HAMBURG-3

Im selbst zusammengeschusterten Hausboot, das seit 2016 im Harburger Hafen liegt, lebt es sich ganz wunderbar, findet Rolf. Ein Leben an Land kann er sich nicht mehr vorstellen. Das Hafenflair und die Nähe zum Wasser haben es ihm angetan

 


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