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Reeperbahn Festival: Große Sause auf St. Pauli

Nach zwei Pandemie-Editionen brachte das 17. Reeperbahn Festival wieder die volle Ladung Musik auf den Kiez

Text: Janine Pylypchuk 

 

Das größte Club-Festival Europas ist zurück, wie man es kennt: laut, bunt und bestens besucht. Rund 41.000 Besucher:innen lockte das Reeperbahn Festival vom 21. bis 24. September 2022 auf den Kiez. Über 400 Konzerte von Künstler:innen aus mehr als 40 Ländern, zudem 80 Veranstaltungen u.a. aus Kunst und Film: Der Kiez wurde zum Rummelplatz für Live-Kultur-Fans. Ein Highlight: Das Überraschungskonzert von Kraftklub am Mittwoch auf der abgesperrten Reeperbahn vor circa 10.000 Menschen. Auch das Fachpublikum kam auf seine Kosten, etwa 4.300 Kulturschaffende konnten sich über ein ausgedehntes Konferenzprogramm aus Networking-Events, Showcases und Preisverleihungen freuen.

ANCHOR-Award geht an Cassia

Cassia – ANCHOR Award 2022 ©Ilona Henne2-klein

Das Trio Cassia aus Manchester gewann den ANCHOR Award 2022 (Foto: Ilona Henne)

Apropos Preisverleihungen: Den begehrten ANCHOR – Reeperbahn Festival International Music Award erhielt das britische Trio Cassia. Eine Jury, bestehend aus Joy Denalane, Bill Kaulitz, Pabllo Vittar, Pelle Almqvist, Tayla Parx und Tony Visconti, zeichnete die Band aus Manchester am 24. September auf der ANCHOR-Gala aus.

 

Nachdem das erste Festival unter nicht-pandemie Bedingungen erfolgreich zu Ende gegangen ist, freut sich der Kiez schon auf das nächste Reeperbahn Festival, vom 20. bis 23. September 2023. Tickets für die Early Birds gibt es schon jetzt.

Hier der Auftritt der ANCHOR-Gewinner von Cassia:


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Mit aidFIVE zurück in die 90er

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Mit aidFIVE, dem offiziellen Partner der deutschen Fernsehlotterie, geht es für einen Abend der Superlative in der Hamburger Barclays Arena zur Lieblingsband aus den 90er-Jahren

aidFIVE lässt Teeniezeiten noch einmal aufleben: aidFIVE macht es möglich: Gewinne für dich und deine:n Freund:in einen Abend der Superlative in der Barclays Arena in Hamburg. Neben „the Cure“, „Placebo“ und der „Kelly Familiy“ sind auch die „Backstreet Boys“ mit dabei. Und das Beste: Dir stehen ein eigener Parkplatz, sowie ein separater Eingang, Loungezugang und Verpflegung vor Ort zur Verfügung – das wird dein Abend der Extraklasse! Wie kannst du teilnehmen?

Wähle unter aidfive.org/vip-konzerte dein Lieblingskonzert aus, registriere dich bei aidFIVE, fotografiere irgendeine Rechnung ab und lade diese hoch. Mit nur 5 Euro Einsatz ist der Weg zu deinen VIP-Tickets nicht mehr weit: Wir schenken euch die 5 Euro sogar. Gewinnt mit aidFIVE einen von drei 5 Euro-Gutscheinen und mit etwas Glück dann auch noch je 2 VIP-Tickets für eure Lieblingsband – manche Konzerte sind bereits jetzt ausverkauft – und sogar den Rechnungsbetrag eurer Rechnung gibt es zurück. Das aidFIVE Spielprinzip ermöglicht heute und in Zukunft, deinen sozialen Moment im Alltag zu erleben und aktiv zu einer besseren Gesellschaft beizutragen. Von jedem Spieleinsatz gehen mindestens 30 Prozent an innovative soziale Projekte mit Kindern und Jugendlichen sowie mit hilfebedürftigen Menschen. Also auch in Zukunft dran denken, dass man auf aidFIVE mit nur 5 Euro Einsatz seine Rechnung hochladen, mitspielen und Gutes tun kann.

aidFIVE ist offizieller Partner der Deutschen Fernsehlotterie und wie diese ein Tochterunternehmen der Stiftung Deutsches Hilfswerk.

SZENE HAMBURG verlost drei 5 Euro Gutscheine auf dem Weg zum VIP-Ticket für dein Wunschkonzert. Alle weitern Infos zu Verlosung gibt es bei uns auf Instagram.


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Reeperbahn Festival 2022: Die Musikwelt blickt auf St. Pauli

Das Reeperbahn Festival bietet vom 21.–24. September 2022 wieder eine Bühne für Konzerte, Sessions und Networking-Events. Bis zu 40.000 Besucher:innen werden 2022 erwartet.

Text: Katharina Stertzenbach 

 

Von Abby Roberts bis Yael – über 470 Konzerte finden beim diesjährigen Reeperbahn Festival statt. Auf diesen können das Publikum, Musikexpert:innen und Künstler:innen in den Clubs von St. Pauli neue Musik und Talente entdecken. Endlich erreicht das Festival wieder Vor-Pandemie-Charakter und verwandelt St. Pauli vier Tage lang in ein Paradies für Musik-Fans. Dreh- und Angelpunkt ist dabei Festival Village auf dem Heiligengeistfeld. Konzerte gibt es indes auf dem gesamten Kiez, in der Elbphilharmonie, dem Michel und vielen weitern Spielstätten. Dabei reicht das Spektrum der Musik von Jazz über Indie und Country bis hin zu Pop, Punk und Rock.

Musikalische Leckerbissen

Das Reeperbahn Festival war noch nie das Festival der großen Stars, doch hier traten die auf, die später zu Stars wurden. Sei es 2018 die Norwegerin Sigrid, die mittlerweile in Großbritannien zu den Top Acts gehört oder 2011 Ed Sheeran, der beim Reeperbahn Festival seine ersten Schritte in Richtung Superstar machte. Deswegen werden vielen die Acts von 2022 auf den ersten Blick nichts sagen, doch später wird man von ihnen hören. Mit dabei sind in diesem Jahr unter anderem die Britin Anna Calvi, die am 24. September die Elbphilharmonie mit ihrem intensiven Sound füllen wird. Ebenfalls aus London kommt Kokoroko. Die achtköpfige Jazzband will am 23. September im Mojo auch das deutsche Publikum mit ihrer Melange aus Afrobeat, Jazz, Funk und Highlife überzeugen.

Nicht aus London, aber mittlerweile deutschlandweit für ihren Sound und die damit verbundene Party bekannt, dass sind Roy Bianco & die Abbruzanti Boys. Das Sextett als Charmeure eines neuen Italo-Schlagers zu bezeichnen dürfte es treffen und für alle, die nicht glauben können welche Energie diese Musik heute erzeigen kann, sollte am 23. September in den Grünspan oder am 24. September ins Übel & Gefährlich kommen. Doch neben internationalen und süddeutschen Acts darf natürlich auch der lokale Bezug nicht fehlen. Eine der der Künstler:innen aus Hamburg ist Sophia Kennedy. Die aus den USA stammende Singer-Songwriterin kommt mit ihrer Musik, die eine ganze eigene Magie umschwebt, am 24. September in den Mojo Club.

Highlight Speaker aus dem Focus Country USA

Neben der Musik ist das Reeperbahn Festival gleichzeitig Diskussionsraum für aktuelle Entwicklungen der globalen Musikwirtschaft. Highlight Speaker sind 2022 zum Beispiel Daniel Lanois, der Producer von U2 und Neil Young oder Björn Dixgard, Frontmann der schwedischen Rockband Mando Diao. Zudem liest Max Gruber, besser bekannt als Sänger Drangsal, aus seinem literarischen Debüt „Doch“. 2022 liegt der Focus des Festivals auf den USA. Auch deswegen sind verstärkt Acts aus den Verenigten Staaten zu gast. Darunter  die Singer-Songwriterin Caroline Rose und der Soul- und R’n’B-Musiker Charlie Burg.

Reeperbahn Festival, vom 21. bis 24. September 2022 

Tickets gibt es ab 50 Euro

 

 


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Oriel Quartett: in Kollaboration 3 mit Luz y Sombra

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Am 8. Oktober gibt es Tango Nuevo von Astor Piazzolla, gespielt vom Oriel Quartett. SZENE HAMBURG verlost 2 x 2 Tickets

Gemeinsam mit dem Tango-Trio Luz y Sombra (Violine, Klarinette, Klavier) präsentiert das Oriel Quartett ein Programm, dass sich der Musik des Tango Nuevo Komponisten Astor Piazzolla widmet. Das Konzertprogramm beleuchtet Piazzollas umfangreiches Lebenswerk von Kompositionen seiner Jugendjahre bis hin zum zeitgenössischen Tango Nuevo, der von den großen klassischen Bühnen der Welt nicht mehr wegzudenken ist. Gemeinsam spielen beide Ensembles Bearbeitungen von Piazzollas Werken sowie Musik, auf die sich der Komponist immer wieder bezogen hat und und die hörbar Einfluss auf seine Kompositionsweise hatte. Dazu zählt zum Beispiel die kontrapunktische Musik Johann Sabastian Bachs oder Werke von Bela Bartok und Igor Strawinsky.

Bach und Strawinsky

Nur wenige Jahre vor seinem Tod hörte Piazzolla in New York ein Konzert des Kronos Quartetts, das ihn stark inspirierte. Auf dem Programm stand damals unter anderem das 1. Streichquartett von Kevin Volans. Kurz darauf komponierte Piazzolla das Stück Four for Tango für Streichquartett sowie die Five Tango Sensation für Bandoneon und Streichquartett. Im Wechsel mit Bearbeitungen von Piazzollas Werken für die gemeinsame Besetzung des Oriel Quartetts mit dem Trio Luz y Sombra erklingen in diesem Konzert die drei kurzen Stücke für Streichquartett von Strawinsky, ein Satz aus dem Volans Streichquartett und eine Fuge aus Bachs Die Kunst der Fuge.

„Das Oriel Quartett spielt Tango Nuevo“, am 8. Oktober ab 19.30 Uhr in der Alfred Schnittke Akademie International

SZENE HAMBURG verlost für das Konzert 2 x 2 Karten. Einfach eine E-Mail mit Name und Betreff „Oriel Quartett“ bis 3.10. an verlosung@szene-hamburg.com


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Moonage Daydream: David Bowies Kosmos

„Moonage Daydream“ ist eine Hommage des Regisseurs Brett Morgen an den 2016 verstorbenen David Bowie und nimmt das Publikum mit auf ein ganz besonderes audiovisuelles Erlebnis 

Text: Anna Grillet 

 

Die Dokumentation „Moonage Daydream“ katapultiert die Zuschauer als multimedialer Wahnsinnstrip mitten in den kreativen Kosmos des 2016 verstorbenen brillanten Sängers und Songwriters David Bowie, eine der schillerndsten Persönlichkeiten der Musikszene. Ein Ausnahmekünstler, der ständig Stile und Persönlichkeiten wechselte, Grenzen überschritt, von Nietzsche und Buddhismus inspiriert war. Ob als Ziggy Stardust, Elephant Man oder Major Tom, auf der Bühne, im Film oder beim Malen – die Suche nach sich selbst ist für ihn, den Gender-Dissidenten, das Kreieren neuer Ausdrucksformen im vertrauten Chaos.

Ein Kaleidoskop aus Sound, Bildern und Spiritualität

Filmemacher Brett Morgen („Kurt Cobain: Montage of Heck“, 2016) sichtete fünf Millionen Dokumente, Filmaufnahmen, Interviews, Tagebücher. Entstanden ist ein atemberaubend rasantes Kaleidoskop aus Sound, Bildern und Spiritualität. Live-Auftritte alternieren mit Film-Zitaten, experimenteller Videokunst und selbstreflektierenden Kommentaren David Bowies über Ziele, Zweifel und den Tod, aber auch die Gewissheit, keinen Moment des Lebens vergeudet zu haben.

„Moonage Daydream“,  Regie: Brett Morgen. 134 Min. Ab dem 15. September im Kino

Hier gibt’s den Trailer zum Film:


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„Wir wussten: Das wird was!“

Die Sterne Frontmann Frank Spilker über das neue Album „Hallo Euphoria“ und die Band­-typische textliche Attitüde, Fragen zu stellen, anstatt Urteile zu fällen

Interview: Erik Brandt-Höge

SZENE HAMBURG: Frank, über das neue Die Sterne-Album „Hallo Euphoria“ schreibt Tino Hanekamp, die Musik darauf mache glücklich. Tatsächlich ist die Soundästhetik – bis auf wenige traurig gestimmte Ausnahmen – sehr locker- flockig und gelöst. War dieser glücklich machende Sound auch euer Ziel? Oder ist er im Entstehungsprozess einfach passiert?

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„Hallo Euphoria“ erscheint am 16.9. Am 21.10. spielt die Band im Uebel & Gefährlich ab 20 Uhr (Foto: Britta Jahn)

Frank Spilker: Ich glaube, Lockerheit kann man sich nicht vornehmen, die passiert tatsächlich eher. Es gibt ein paar Parameter in der Musik, die man sich zwar vornehmen kann, aber am Ende klappen sie doch nicht. Groove ist ein gutes Beispiel. Grundsätzlich finde ich es schwierig, das
zu bewerten, was man selbst gemacht hat. Da würde ich jetzt einfach mal Tino vertrauen, der die Band ja schon lange kennt. Das Einzige, was ich sagen kann, ist, dass dieses Album mit einem Bandgefühl aufgenommen wurde. Wir hatten gerade eine Tour hinter uns, waren lange eingespielt. Ein ganz großes Problem bei Produktionen ist ja Versagensangst. Die führt von Anfang an zu einer Angespanntheit – und die hatten wir bei diesem Album überhaupt nicht, weil wir vorher eben schon so gut zusammen funktioniert haben. Wir wussten: Das wird was!

Natürlich gehören auch gute textliche Ideen zu einer gelungenen Produktion. Du hast mal von schwierigen Jahren ab Mitte der 2010er- Jahre gesprochen, als es bei euch auf der kreativen Ebene nicht so hingehauen hätte, wie ihr es euch gewünscht hattet. Ist diese Zeit vollends überstanden?

Damals haben wir uns in der Band eher blockiert als weitergeholfen. Dass es so kam, hatte mehrere Gründe, zum Beispiel unterschiedliche Wohnorte und Lebensbedingungen. Dadurch haben wir uns ausgebremst. Jetzt sind wir nicht nur wesentlich digitalisierter als damals, was es trotz unterschiedlicher Wohnorte einfacher macht, zusammenzuarbeiten. Wir sind auch frischer und motivierter.

„Ich glaube, das Problem dieser Zeit ist, dass man sehr schnell mit Urteilen ist – oft auch, bevor man sich sicher sein kann, genug Informationen dafür zu haben“

Frank Spilker, Die Sterne

Auf „Hallo Euphoria“ sticht ein Song heraus: „Die Welt wird knusprig“. Darin singst du über Songs von Die Sterne, sie wären „nicht dafür und nicht dagegen, sondern über und deswegen“. Die Sterne haben noch nie Lösungen vorgegeben, eher zum Nach- denken angeregt. Aber: Ist es, gerade in der heutigen Zeit, nicht schwer, nicht auch mal klar dafür oder dagegen zu sein?

Ich glaube, das Problem dieser Zeit ist, dass man sehr schnell mit Urteilen ist – oft auch, bevor man sich sicher sein kann, genug Informationen dafür zu haben.
Wir kennen oft nur einige Meldungen bezüglich bestimmter Gegebenheiten und fühlen uns trotzdem sofort verpflichtet, Partei zu ergreifen. Ich finde, es ist sinnvoller, erst mal Fragen zu stellen. Auch die danach, ob manche Meldungen nicht schon von bestimmten Interessen geprägt sind. Als aufgeklärter Mensch sollte man sich die Dinge erst mal genau anschauen.

„Hallo Euphoria“ erscheint am 16. September 2022 und am 21. Oktober gibt’s die Sterne live im Übel & Gefährlich

Das Video zur Single „Hallo Euphoria“:


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833. Hafengeburtstag: Leinen los!

Nach zweijähriger Corona-Pause wird der Hafengeburtstag vom 16. bis 18. September 2022 mit einem vielfältigen Programm gefeiert. In diesem Jahr gibt es einige Highlights, aber auch Veränderungen

Text: Johanna Zobel 

 

Zum 833. Hafengeburtstag heißt es „Leinen los – wir feiern wieder“. Mitte September schippern rund 300 Schiffe über die Elbe, lassen das Wasser über die Hafenkante schwappen und übertönen mit lauten Hupen sogar das Möwengeschrei. Vor allem bei der Ein- und Auslaufparade sind unzählige Schiffe zu sehen. „Es fällt mir allerdings schwer, jetzt genau zu sagen, wie viele Schiffe es insgesamt sein werden“, sagt Andrea Heyden, Pressesprecherin Hafengeburtstag Hamburg. Denn auch private Segelschiffe und Motorboote dürfen kurzfristig bei den großen Paraden dabei sein. Sicher ist aber: Der Großsegler „Dar Mlodziezy“, ein polnisches 3-Mast-Vollschiff, wird die Auslaufparade anführen. Einige Schiffe werden aufgrund der EU-Sanktionen gegen Russland werden jedoch fehlen: „Die russischen Großsegler dürfen die EU-Häfen nicht mehr anlaufen. Die russische Mir darf zum Beispiel nicht kommen“, so Heyden, „Seit ihrer Indienststellung 1987 ist sie seit vielen Jahren ein gern gesehener Gast beim Hafengeburtstag Hamburg.“

Der Hafengeburtstag wird nachgefeiert

Trotz Corona, Krieg und Krise findet der Hafengeburtstag nach zwei Jahren Pause endlich wieder statt. Dass einige Schiffe fehlen, ist nicht die einzige Veränderung dieses Jahres. Seit 1977 feiert die Hansestadt den Hafengeburtstag immer im Mai – anlässlich der Gründung des Hamburger Hafens am 7. Mai 1189. Pandemiebedingt findet er diesmal im Spätsommer statt, vom 16. bis zum 18. September 2022.

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Die Ein- und Auslaufparade gehört Jahr für jahr zu den großen Highlights beim Hafengeburtstag (Foto: Mediaserver Hamburg/Jörg Modrow)

Wie das Publikum den neuen Termin annimmt, ist noch unklar. „Wir sind selber sehr gespannt, weil der Hafengeburtstag jetzt im September stattfindet. Anderes Wetter, andere Lichtverhältnisse. Pandemisch wissen wir auch nicht, was sich da tut“, so Heyden. Laut dem Deutschen Wetterdienst sollten die Temperaturen der Veranstaltung aber nicht im Wege stehen: Im Mai herrschen Durchschnittstemperaturen von 13 Grad, im September ist es sogar minimal wärmer mit durchschnittlichen 14 Grad. Allerdings sind die Tage kürzer, die Sonne geht früher unter. Auch andere Faktoren könnten den diesjährigen Hafengeburtstag beeinflussen, vermutet Heyden: „Viele waren vielleicht schon im Urlaub. Es kann sein, dass die Leute kein Geld mehr haben oder wegen der Pandemie nicht kommen.“

Programm-Highlights auf dem Hamburger Hafengeburtstag 

Neben der traditionellen Ein- und Auslaufparade hat der Hafengeburtstag ein vollgepacktes Programm. Beim Schlepperballett am zweiten Festtag, zeigen die wuchtigen Schiffe wie sie zu klassischer Musik über das Wasser gleiten. Die Darbietung wird nur zum Hafengeburtstag aufgeführt und ist weltweit die einzige ihrer Art. Musik gibt es zusätzlich an verschiedensten Orten. Mehr als zehn Bühnen schaffen Raum für alle Musikgeschmäcker – ob Rock, Jazz, Klassik oder maritimes vom Shanty Chor. Neu in diesem Jahr: Das Harbour Beatz, ein Elektro-Festival, das an allen drei Festtagen zum Raven direkt neben der Elbe einlädt. Ein Zeichen für ein tolerantes Fest: Nahe des Fähranlegers Altona bietet die Harbour Pride eine Plattform zum Austausch für die LGBTQIA-Szene und Freunde. Freitag und Samstag von 10 bis 24 Uhr sowie Sonntag von 10 bis 21 Uhr stehen verschiedene Künstler auf der Bühne. 

Weltoffen, maritim und unterhaltsam 

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Das Schlepperballett gehört zum Hafengeburtstag wie der Michel zu Hamburg (Foto: Hamburg Messe und Congress/Nicolas Maack)

Während des Hafengeburtstages 2017 wurde im Auftrag der Behörde für Wirtschaft, Verkehr und Innovation eine repräsentative Besucherumfrage durchgeführt. Demnach stehen die Zeichen für ein erfolgreiches Fest sehr gut. Denn der Hamburger Hafengeburtstag, das größte Hafenfest weltweit, zieht viele Besucherinnen und Besucher an – 2017 insgesamt eine Million. Viele von ihnen sind kommen immer wieder (57 Prozent). 91 Prozent aller Besucherinnen und Besucher würden den Hafengeburtstag „bestimmt oder wahrscheinlich“ weiterempfehlen. 63 Prozent planten 2017 zudem einen erneuten Besuch. Vielleicht ja in diesem Jahr. Dann gibt es wieder ein umfangreiches Programm auf dem Wasser und am Land. Etwa mit kostenlosen Live-Konzerten, Besichtigungen auf Schiffen oder Vorführungen auf dem Wasser. Abwechslung wird hier groß geschrieben. Für die meisten Besucherinnen und Besucher ist der Hafengeburtstag aber vor allem weltoffen, maritim und unterhaltsam.

Kulinarisches Fest

Und natürlich lohnt sich der Besuch immer für das Essen! Die große Hafenmeile hat kulinarisch eigentlich alles, was das Herz begehrt: Pizza, Pommes, Pasta und jede Menge Drinks. Auch auf der Sonderfläche des jährlich wechselnden Länderpartners gibt es viel zu entdecken und schlemmen. In diesem Jahr zeigt Kroatien, was die mediterrane Küche zu bieten hat. Vielleicht bereiten die Anbieterinnen und Anbieter dieses Jahr dann auch einige Highlights der kroatischen Küche zu. Dazu zählen etwa Cevapcici (gegrillte, würzige Röllchen aus Hackfleisch) oder Peka (Fleisch oder Meeresspezialitäten, die unter einer Glocke gegart werden). Nur 30 Prozent der Hafengeburtstag-Besucher kommen aus Hamburg, vor allem für die Hamburger Hotellerie ist diese Zeit zusätzlich gewinnbringend. Etwas mehr als die Hälfte der auswärtigen Besucherinnen und Besucher entscheiden sich für eine Übernachtung in der Hansestadt. Auch der Hamburger Gastronomie bringt das Vorteile. Laut der Besucherumfrage unternehmen 67 Prozent noch Weiteres in der Stadt, besuchen etwa Sehenswürdigkeiten oder Restaurants. Dafür wird Geld in die Hand genommen: 2017 lag bei knapp 50 Prozent der auswärtigen Gäste das Budget bei mehr als 250 Euro. 

Auch wenn in diesem Jahr ein paar Veränderungen und Unsicherheiten mitschwingen: Der Hafengeburtstag gehört zu Hamburg wie der Michel, die Elbe oder eben der Hafen selbst. Und vor allem bietet er Unterhaltung, dem stimmten 2017 zumindest 63 Prozent der Besucherinnen und Besucher voll zu. Auch Andrea Heyden blickt mit Vorfreude auf das Event: „Es ist schön für die Besucherinnen und Besucher, mal wieder die Seele baumeln zu lassen, andere Eindrücke zu gewinnen, zu genießen und vielleicht die Probleme für ein paar Stunden hinter sich zu lassen. Das ist ja auch mal wichtig in den Zeiten, die wir gerade haben.“

 


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„Es gibt nichts Reduzierteres als etwas aufzuschieben“

Seit über 20 Jahren sind sowohl Rasmus Engler als auch Jan Müller eng verwoben mit der Hamburger Musikszene. Nun haben die beiden Freunde ihren ersten gemeinsamen Roman „Vorglühen“ veröffentlicht, der – standesgemäß – in der Hamburger Musik­szene spielt. Und zwar im Jahr 1994

Interview: Daniel Schieferdecker

SZENE HAMBURG: Jan und Rasmus, wo und wie habt ihr euch kennengelernt?

Jan: 1998 war das. In einer Bar namens Snoopys Eck in Hamburg-Bahrenfeld. Dort spielte die Indieband Graf Zahl, Freunde von Rasmus. Organisiert war der Gig damals übrigens von unserem gemeinsamen Freund Thees Uhlmann. Ich bin nach einem Konzert der Rolling Stones da hin, da lag die Party aber bereits in den letzten Wehen. Von da aus startete dann aber noch eine sehr ausgiebige Tour durchs Hamburger Nachtleben – der Beginn einer bis heute andauernden Freundschaft.

Ihr habt auch mal zusammengewohnt, oder?

Jan: Ja, in einer WG in der Thalstraße 24; eine Adresse, die auch in „Vorglühen“ eine gewisse Rolle spielt.
Rasmus: Rein zufällig natürlich.

War das auch die Zeit, in der ihr angefangen habt, gemeinsam Musik zu machen?

Jan: Ja. 2001 kam die erste Single von Das Bierbeben.

„Wir wollten das Buch aber auf jeden Fall in der Vergangenheit ansiedeln, vor der Verbreitung von Mobiltelefonen und des Internets“

Jan Müller

Rasmus: Damals waren wir noch sehr angetrieben von jugendlicher Langeweile.
Jan: Unser Leben war auf jeden Fall sehr anders als heute. Ich hatte meine Band Tocotronic, mit der ich ein Auskommen hatte, Rasmus hat noch studiert. Damals konnten wir noch ein bisschen mehr in den Tag hinein- leben als heute. Für „Vorglühen“ war es uns aber wichtig, diese Zeit zu fiktionalisieren und nicht nur Erlebtes aufzuschreiben. Das hätte ich als zu fantasielos empfunden. Wir wollten das Buch aber auf jeden Fall in der Vergangenheit ansiedeln, vor der Verbreitung von Mobiltelefonen und des Internets.

Warum? Ein bekannter Tocotronic- Song und -Slogan lautet schließlich „Digital ist besser“?

Jan: Der Satz war damals bereits als Provokation gedacht. Das Digitale war in der Underground-Szene ja das Feindbild. Aber vieles, was wir im Roman konstruiert haben, wäre nach der Digitalisierung in der Form gar nicht mehr möglich gewesen. Die Probleme, die Liebesgeschichte und die Freundschaft im Roman sind aber natürlich zeitlos.

Wie seid ihr auf die Idee gekommen, gemeinsam ein Buch zu schreiben?

Rasmus: Das stand schon sehr lange zur Debatte. Und eines Tages kam dann unser Literaturagent von außen mit einer Idee auf uns zu …
Jan: Ein Lob an Daniel Wichmann.
Rasmus: …, durch die das Projekt plötzlich konkret wurde und Gestalt annahm.
Jan: Musizieren ist schon toll, aber diese ganzen Instrumente, Verstärker, Kompositionen – das ist auch alles Ballast. Ich fand daher die Idee schön, sich mal auf das Wesentliche zu beschränken. Es gibt ja nichts Reduzierteres, als irgendetwas aufzuschreiben. Und das mit Rasmus zu tun, fand ich toll.

War es schwierig, gemeinsam so einen Roman zu schreiben?

Rasmus: Nein, im Gegenteil. Durch das Imprägniert sein in Bands kennen wir das Arbeiten im Kollektiv ja sehr gut. Es verlief daher genauso offen und chaotisch wie die Arbeit an einer Platte.

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„Vorglühen“, 384 Seiten, Ullstein, 21,99 Euro (Cover: ullstein)


Jan: In der Literatur gibt es natürlich den Nimbus des Schriftstellers, der ganz alleine etwas schafft – weil es ja auch so ist, dass man im Grunde nichts anderes braucht als Papier und Stift. Das aufzubrechen, fand ich aber interessant. Mittlerweile wissen wir auch oft gar nicht mehr, wer eigentlich was geschrieben hat. Das ging sogar so weit, dass ich Rasmus mal für eine Formulierung total gelobt habe, und der mir dann sagte: „Danke, aber ehrlich gesagt: Das hast du selbst geschrieben.“

Welche Formulierung war das?

Jan: Im Buch bezeichnet die alte Dame, bei der der Protagonist wohnt, dessen Verstärker immer als Lautsprecher. Das ist letztlich nur ’ne Kleinigkeit, aber diese Kleinigkeiten machen ein gutes Buch eben aus.

Gab es denn etwas, das eure literarische von der musikalischen Arbeit deutlich unterschieden hat?

Rasmus: Es gab keine Bandproben.
Jan: Und ich fand es viel schwieriger, ein Ende zu finden. Unser Lektor hat irgendwann gesagt: „Stopp! Ihr seid fertig.“

Was hat es so schwer gemacht?

Jan: Weil ein Buch, zumindest für mich, noch eine andere Autorität hat als ein Tonträger. Ich habe mehr Respekt davor.
Rasmus: Das Medium selbst erlaubt sich auch mehr Dynamik.

„Große Dinge passieren nur dann, wenn die Leute sich des Ausmaßes ihres Tuns als solches im Moment nicht bewusst sind“

Rasmus Engler

Im Klappentext eures Buches steht, das Buch gehe unter anderem um das „elektrisierende Gefühl, an dem Ort zu sein, an dem gerade etwas ganz Großes entsteht“. Wie oft habt ihr dieses Gefühl in eurem Leben selbst schon erlebt?

Rasmus: Das Ding ist ja: Menschen, die in so einem Moment dabei sind, wissen es währenddessen nicht. Große Dinge passieren nur dann, wenn die Leute sich des Ausmaßes ihres Tuns als solches im Moment nicht bewusst sind. Wer behauptet, live bei etwas ganz Großem dabei zu sein, ist entweder reif für die Klapse oder ein Vollidiot.
Jan: Ausgenommen sind allerdings Negativereignisse. 11. September. Oder der 24. Februar, als der Krieg in der Ukraine losging. Da war jedem klar, dass eine Zeitenwende anbricht.

Wie war das denn im Rückblick bei der Formung der Hamburger Schule, Jan?

Jan: Ach, damals haben sich viele Leute wichtiger genommen als sie wa- ren. Ich bin natürlich sehr froh, dass mein Leben mit der Band so verlaufen ist, aber ob ich das als etwas ganz Großes bezeichnen würde? Ich weiß nicht. Weder Dirk von Lowtzow, Arne Zank oder ich sind Elvis Presley oder die Beatles.

„Es ist eher der Zeitgeist, der nah an der Wirklichkeit ist, nicht die Figuren“

Jan Müller

Wie viel Autobiografisches steckt im Roman?

Rasmus: Wir haben versucht, das unter einem Prozent zu halten.
Jan: Es ist eher der Zeitgeist, der nah an der Wirklichkeit ist, nicht die Figuren. Der Roman ist in sehr reduzierter Form ja eine Heldenreise mit einer Entwicklung, und die sollte ausgedacht sein. Alles andere hätte ich als langweilig empfunden.

„Vorglühen“ ist ein schöner Titel. Wann habt ihr das letzte Mal vorgeglüht und wo seid ihr danach hingegangen?

Jan: Das muss in den Nullerjahren gewesen sein. Damals war ich sehr elektronikaffin, und das geht ja immer erst so spät los. Da habe ich tatsächlich öfter mal vorgeglüht, weil das nicht mein Stammterritorium war und ich mir dadurch häufig ein bisschen Mut angetrunken habe, um mich auf die Tanzfläche zu wagen.

Ein fertiges Album in Händen zu halten, ist für euch mittlerweile sicher nichts Besonderes mehr. War das beim ersten – gemeinsamen – Buch nun anders?

Rasmus: Die Kartons mit den Buchexemplaren für uns, die wir vom Verlag bekommen haben, sind auf jeden Fall sehr viel dicker und schwerer als bei Platten. Als mir der DHL-Bote das Paket in die Hand gedrückt hat, bin ich fast zusammengeklappt.
Jan: Und dabei war bloß ein Exemplar drin. (lacht)


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Udo Lindenberg wird Hamburger Ehrenbürger

Kirsten Boie, John Neumeier, Siegfried Lenz und jetzt Udo Lindenberg. Der „Panikrocker“ soll am Mittwoch den 7. September 2022 Hamburger Ehrenbürger werden

Text: Erik Brandt-Höge

 

Udo Lindenberg hat gefühlt fast jeden Preis erhalten. Für sein menschliches und politisches Engagement und freilich für seine kulturellen Verdienste. Schließlich hat er der deuschsprachigern Rockmusik Erfolge im In- und Ausland beschert sowie unzählige Künstler:innen aus allen musikalischen Genres in ihrem Schaffen beeinflusst, textlich wie klangästhetisch. Jetzt bekommt der 76-Jährige eine Auszeichnung, die ihm tatsächlich noch fehlt: die Ehrenbürgerwürde der Freien und Hansestadt Hamburg. Vorgeschlagen hatte das Hamburgs Erster Bürgermeister Dr. Peter Tschentscher bereits im Mai 2021, zu Lindenbergs 75. Am Mittwoch, den 7. September 2022  wird die Bürgerschaft über einen entsprechenden Senatsantrag abstimmen, danach wird es einen Festakt im Rathaus geben. Einen Livestream zum Festakt wird es beim NDR geben.


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Itsch Itsche Festival: Here to stay

Melissa Kolukisagil ist im badischen Oberkirch aufgewachsen, studierte in Hamburg Politikwissenschaft und organisiert in ihrem Wohnort Berlin das İç İçe Festival. Ein Gespräch über neue anatolische Musik, (post-)migrantische Kultur und einen Abend Anfang September im Knust

Interview: Ole Masch  

 

SZENE HAMBURG: Melissa, was heißt İç İçe wörtlich und welche Bedeutung hat der Begriff?

Melissa Kolukisagil: İç İçe, heißt so viel wie „ineinander verschränkt“ oder „miteinander verwoben“ sein. Für uns steht İç İçe für das Verschränken von hybriden Identitäten, das Leben in der postmigrantischen Gesellschaft. İç İçe steht somit auch für die Akzeptanz von Mehrfachzugehörigkeiten. Es geht um einen Raum in dem plötzlich vieles möglich ist.

Wie ist postmigrantische Gesellschaft definiert?

Der Begriff meint, dass unsere Gesellschaft durch die Erfahrung der Migration geprägt ist. So auch die Kulturlandschaft und das, obwohl migrantische Kunst oft nicht ihre Anerkennung erfährt, die sie verdient. Da sie oft nicht gefördert wurde und die Zugänge fehlten. Allmählich ändert sich das und İç İçe ist Teil von dieser Veränderung. Aber auch nur möglich, weil Jahre zuvor andere migrantische Personen schon hervorragende Arbeit geleistet haben. Es geht um politische, kulturelle und soziale Veränderungen, welche durch die Einwanderung, auch im Kontext der Gastarbeiter:innen, hervorgehen.

Wie könnte eine größere Anerkennung gelingen?

Eine große Schwierigkeit ist weiterhin die Diskriminierung von Menschen mit einem migrantischen Hintergrund. Die gesellschaftliche Akzeptanz, welche leider noch nicht vorhanden ist, entsteht auch aus der Tatsache, dass die Räume nicht gegeben sind. Deswegen arbeitet İç İçe daran, diese zu schaffen, um Menschen eine Möglichkeit zu geben gesehen und gehört zu werden, aber wo sie auch einfach ausgelassen feiern können.

Warum sind diese Räume so wichtig?

In eigenständigen Räumen kann Kunst entstehen, die freier ist von den Erwartungen der Dominanzgesellschaft. Hier kann kulturelles Leben selbstbestimmter stattfinden und Solidarität zwischen unterschiedlichen Communitys wachsen. Nur wenige andere Städte in Deutschland stehen so sehr für postmigrantische Kultur wie Berlin. Doch auch hier ist es für postmigrantisch kulturelle Räume schwer zu überleben oder gar zu entstehen – sei es aufgrund der rasanten Gentrifizierung, die Innenstädte homogenisiert oder einer weißen Kulturförderlandschaft.

 

 

Was ist das Neue an „neuer anatolischer Musik“?

Die anatolische Region ist seither ein Schmelztiegel für diverse kulturelle Strömungen und Musiktraditionen. Spätestens seit den 60er-Jahren entfalten sich diese in unserer unmittelbaren Nachbarschaft neu und beeinflussen, vom Underground bis in die Popkultur, unseren Alltag und das Nachtleben. Das „Neue“ daran ist, die Art und Weise wie Menschen die kulturellen Fragmente ihrer Herkunft neu interpretieren und sich innerhalb der Gesellschaften, die sie beheimaten, Platz verschaffen.

Was macht den Sound aus?

Neue anatolische Musik – es ist absichtlich offengehalten und kann alles sein. Es geht darum, Raum zu lassen für die Interpretation der Künstler:innen, die vor allem in zweiter und dritter Generation in der Diaspora leben. Anatolische Musik ist divers aufgestellt. Es variiert von Musik durch klassisch anatolische Instrumente wie der Bağlama, aber findet sich auch im Rap von beispielsweise Apsilon wieder, da Apsilon in Texten Fragen von Identität und Mehrfachzugehörigkeiten verhandelt. Da die anatolische Region schon immer ein Schmelztiegel war, ist eine konkrete Antwort schwer, anatolische Musik kann und darf alles sein. Wir möchten vor allem mit der oft eindimensionalen Erwartung brechen, wie anatolische Musik klingen soll.

Wie kamst du auf die Idee, daraus ein Festival zu machen?

Meine musikalische Sozialisation fand als Kind auf türkischen Hochzeiten statt. Aufgewachsen bin ich mit türkischen Pop-Hits. Natürlich muss hier Takan erwähnt werden, aber auch Klassiker wie Orhan Gencebay, den ich heute aufgrund seiner politischen Positionierung kritisch betrachte, waren Teil meines damaligen Repertoires. Das Lied „Kaderimin Oyunu“ von Orhan Gencebay hat bis heute eine besondere Bedeutung, denn es begleitete die Autoreise meiner Mutter, als diese als Braut aus der Türkei nach Deutschland kam.

Meine Mutter hat viel gesungen, was mich auch geprägt hat. In der Pubertät habe ich irgendwann fast gar keine anatolische Musik mehr gehört und befand mich irgendwo zwischen Auflehnung gegen meine Familie und Protest gegen die weiße Dominanzgesellschaft. Als ich dann auf einem Festival war und Altın Gün gehört habe, war das eine ganz besondere Erfahrung zu sehen, wie die Lieder, die ich aus meiner Kindheit kannte, von allen gefeiert wurden. Als ich selber begann in der Veranstaltungsbranche zu arbeiten, erlebte ich diese als sehr weiß, männlich und hierarchisch. Das war kein Umfeld, in dem ich bleiben wollte und deswegen mit İç İçe den Raum schaffen, der mir, beziehungsweise uns, fehlt.

Wer steckt noch dahinter?

İç İçe ist ein Team von insgesamt sieben Leuten. Wir arbeiten gemeinsam an dem Projekt mit viel Herz. Wir sind zudem ein sehr diverses Team, was nicht nur für uns persönlich, aber auch für İç İçe sehr gewinnbringend ist, da wir viele Perspektiven einbinden können. 

 

„Zwischen anatolischer Hochzeit und Technoclub“

 

Nun kommt ihr von Berlin nach Hamburg. Wie ist das entstanden?

Es war überwältigend, die Resonanz zu sehen und auch die Wichtigkeit, dass diese Räume existieren und geschaffen werden. Unser Publikum kam für İç İçe in Berlin aus ganz Deutschland angereist, kein Weg war unseren Besucher:innen zu weit. Der Wunsch, dass wir diesen Raum ausweiten können, ist damit weiter gewachsen und jetzt haben wir die Ehre in Hamburg dies zu ermöglichen. Tim aus dem Knust kam hierfür auf uns zu und ist ein toller Partner für die erste Ausgabe außerhalb Berlins.

Wie ist der Abend aufgebaut?

Er wird eine gewisse Dramaturgie haben. Mir ist es wichtig, nicht nur ein Konzert nach dem anderen zu zeigen, es soll um die Inhalte, das Gefühl gehen. Wir haben ein Programm gestaltet, welches ein Konzept der Plattform aufgreift und den Raum der Vernetzung erzeugt. Wir werden wunderbare Konzerte von zum Beispiel Nalan sehen. Gegen Abend werden dann auch DJs wie Hülya aus Hamburg auflegen. Adir Jan verschränkt Texte über homosexuelle Liebe mit mitreißenden psychedelischen Sounds von „klassisch“ anatolischen Instrumenten. Oder DJ Ipek, die immer einen tollen Mix hinbekommt – zwischen anatolischer Hochzeit und Berliner Technoclub.

Wie wählst du die Künstler:innen aus?

Das Line-up setzt sich aus vielen Aspekten zusammen. Ich möchte es schaffen, die ganze Bandbreite zu zeigen. Da anatolische Musik sehr breit zu denken ist, hat man da Spielraum. Wichtig ist uns auch, dass 60 Prozent des Line-ups keine cis männlichen Acts sind. Wir wollen Diversität leben, nicht nur denken.

Du hast in Hamburg studiert. Hast du damals bereits Einflüsse anatolischer Musik in der Clubkultur mitbekommen?

Ich habe mit dem Uni-Leben, um ehrlich zu sein, sehr gefremdelt. Ich habe mich arm und stark verunsichert gefühlt und trotzdem mein ganzes schmales Einkommen in Konzertkarten gesteckt – im besten Sinne in den Live-Konzert-Ort Hamburg. Manchmal war ich in einer Woche auf drei Konzerten, viel im Uebel & Gefährlich, im Molotow, in der Markthalle oder eben im Knust. Indie, Electronica und Singer-Songwriter war meine Musik. Einen Zugang zu anatolischer Musik und Communitys hatte ich nicht, es war eine andere Zeit, ich stand auch noch an einem anderen Punkt in meinem Leben. Der einzige Kontakt zu migrantischen Communitys war meine Arbeit am Hauptbahnhof an der Supermarktkasse. Ich finde es toll, jetzt nach Hamburg zurückzukommen und den Eindruck zu haben, dass auch Hamburg sich offener für mich zeigt und ich der Stadt womöglich was geben kann.

Wird es noch weitere İç İçe Festivals geben?

Wir merken immer mehr, wie der Wunsch und die Nachfrage an unserem Programm steigt. Pläne haben wir viele. Wir sind mit Städten wie München und Heidelberg im Gespräch. So viel kann gesagt werden: İç İçe is here to stay.

2.9., Knust, 18 Uhr; itsch-itsche.com


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