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Kunstverein Harburg: Aber bitte mit Gefühl

Träume und Traumata von Adam Christensen im Kunstverein Harburger Bahnhof

Text: Sabine Danek

 

Wenn Adam Christensen zum Akkordeon greift, wird es mucksmäuschenstill. Seelenlaute scheint der dänische Künstler, der heute in England lebt, an die Oberfläche zu holen. Melancholisch und augenzwinkernd, mal im Glitzeroutfit oder nur spärlich bekleidet hoch oben auf einer Holztreppe. So persönlich wie exaltiert sind auch seine Videoarbeiten, seine Textilbilder, Kurzgeschichten und Installationen, die während des ersten Lockdowns in seiner Londoner WG entstanden. „Küss mich bevor du gehst“ die Christensens erste Einzelausstellung in Deutschland und zeigt, wie lustvoll er persönliche Erlebnisse in kunstvoll gesponnene Geschichten verwandelt, Hollywoodcharaktere zitiert und gleichzeitig Rollenklischees aufhebt, das Private zum Spektakel werden lässt – und das alles mit sehr viel Gefühl.

Adam Christensen: Küss mich bevor du gehst bis 14. November im Kunstverein Harburger Bahnhof, Performance mit Adam Christensen & Deniz Unal am 12. November um 19 Uhr


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Oktober 2021. Das Magazin ist seit dem 30. September 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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fluppe: Punk aus der Polizeiwache

Krachende Gitarren, düster-ernste Texte: Die Hamburger Band fluppe veröffentlichte mit „blüte“ kürzlich ihr erstes Album. Ein Gespräch mit Sänger Josef Endicott über Einflüsse, Entstehungsprozess und einen besonderen Proberaum in Billstedt

Interview: Erik Brandt-Höge

 

SZENE HAMBURG: Josef, fluppe hat sich aus Musikern formiert, die aus anderen Bandprojekten quasi übrig geblieben sind …

Josef: … und wir waren die zielorientiertesten in diesen Projekten. In jeder Band gibt es ja einen oder zwei, die das Ding antreiben, und der Rest läuft so ein bisschen mit. Wir waren die, die angetrieben haben. Und wir sind immer noch sehr ambitioniert. Wir sind eine sehr fleißige, aber auch eine sehr demokratische Band, die viel diskutiert. Gelegentlich müssen wir uns daran erinnern, eine gewisse Leichtigkeit nicht zu verlieren. Es soll schließlich alles Spaß machen.

Waren es zuvor Projekte mit einer ähnlichen musikalischen Ausrichtung wie fluppe?

Sie waren insofern anders, als dass sie alle englischsprachig waren. Soundtechnisch waren sie wie fluppe in den Bereichen Indie und Punk anzusiedeln – wenn auch fluppe jetzt noch mal ganz anders klingt.

 

Viele musikalische Einflüsse

 

Referenziell wird bei fluppe immer wieder die Hamburger Schule genannt – wobei ihr die eigentlich gar nicht zu euren musikalischen Einflüssen zählt, heißt es …

… richtig. Natürlich setzen wir uns alle seit vielen Jahren mit Musik auseinander und haben auch Bands der Hamburger Schule gehört. Aber ich zum Beispiel komme eher vom Punk. Andere aus der Band sind Fans von The National, auch von Bloc Party. Grundsätzlich kann man sagen, dass wir vor allem von internationalen, englischsprachigen Bands geprägt sind.

„blüte“, das Debütalbum von fluppe

„blüte“, das Debütalbum von fluppe

Wie lief denn der Sound-Findungsprozess bei fluppe ab?

Am Anfang war erst mal nur klar, dass wir in genau dieser jetzigen Besetzung zusammenarbeiten wollen, dass der Bandname fluppe sein soll und dass wir deutschsprachige Songs machen. Alles andere haben wir im Proberaum entwickelt. Die Gangart war ein bisschen vorbestimmt, da wir eben alle Indie- und Punk-verliebte erwachsene Kinder sind. Aber jeder hat eben auch seinen eigenen Charakter und seine eigenen Interessen eingebracht.

Die Texte auf eurem Debütalbum „blüte“ sind ernst, melancholisch, teils düster, geben nie direkt Lösungen vor – Interpretationen in alle Richtungen sind also immer möglich. Gab es denn Themen, die ihr unbedingt auf dem Album besprechen wolltet?

Es gibt ein paar Texte, die komplett aus meiner Feder stammen, ansonsten spielen Christian (Klindworth, Gitarrist; Anm. d. Red.) und ich uns die Bälle hin und her. Auch hier gab es einen Findungsprozess. Ich persönlich schreibe gerne gesellschaftskritisch. Wenn es mal ein Thema gibt, das mich interessiert – für „blüte“ zum Beispiel das Thema Computer –, recherchiere ich viel, steige auch journalistisch ein. Ansonsten bin ich ein großer Fan von Beobachtungen. Ich stelle mir manchmal Helge Schneider vor, wie er seine Witze findet. Vermutlich sitzt er einfach nur im Café oder in der Kneipe und beobachtet Menschen. Ich mache es ähnlich.

 

Billstedt als Zuhause

 

Du hast euren Proberaum angesprochen. Der ist in Billstedt – dem Titelgeber eurer vor „blüte“ erschienenen ersten EP. Wie muss man sich euer Band-Zuhause vorstellen?

Der Raum ist Teil einer alten Polizeiwache, unser Equipment lagert in alten Gefängniszellen. Das Gute ist, dass es ein Fenster gibt. Das ist in Hamburger Proberäumen nicht selbstverständlich, viele sind in oberirdischen Bunkern, in denen es kein Tageslicht gibt. Und draußen herrscht dieser für Billstedt typische Industriecharme, der uns sehr zusagt, genau wie das teilweise Kaputte des Stadtteils. Niemand von uns wohnt in Billstedt, aber es passt schon ziemlich gut zu uns.

Stimmt es, dass ihr dort schon länger an einem zweiten Album arbeitet und damit fast fertig seid?

Ja, es ist geplant, dass es Ende nächsten Jahres erscheinen soll.

„blüte“ ist am 17.9. auf Chateau Lala erschienen

Eindruck gefällig? Hier gibt’s das Video zum Song „kompjuter“:


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Club (a)live: Musik spüren im Stage Club

Gemeinsam mit Hypertension-Music-Entertainment hat der Stage Club die Club (a)live Festivalreihe ins Leben gerufen. Im Club neben der Neuen Flora gibt es noch bis zum 25. Oktober 2021 internationale Live-Musik

Text: Felix Willeke

 

Es gibt Musik zu spüren im Stage Club. Vom 1. September bis zum 25. Oktober 2021 läuft hier die Club (a)live Festivalreihe. Was im September mit großartigen Konzerten begann, setzte sich im Oktober mit einer Hommage an Simon & Garfunkel fort. Bookends brachten zweimal die unvergessene Musik des US-Duos auf die Bühne. Jetzt kommt am 6. Oktober auch noch Nigel Connell. Der ehemalige Schlagzeuger und Musicalstar war 2016 Finalist beim irischen Pendant von „The Voice of Germany“ und überzeugt heute als Reisender zwischen verschiedenen Genres. Und das Beste kommt zum Schluss: Stefanie Hempel & The Silverspoons. Die mit ihren Beatles-Touren bekannt gewordene Musikerin wurde schon von MTV UK mit der Aussage „The greatest Beatles tour of all time“ geehrt. Jetzt kommt sie am 25. Oktober 2021 mit den Silverspoons in den Stage Club, ein Muss für alle Fans der Fab Four. Alle Konzerte der Reihe finden nach 3G-Prinzip (geimpft, genesen oder getestet) statt.

Club (a)live Festival vom 1. September bis 25. Oktober 2021 im Stage Club Hamburg. Tickets gibt es unter hypertension.reservix.de.


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Tech-House-Duo: Küsten-Patriotismus

Mit groovigem, tanzbarem Sound von lokaler Szene-Größe zum international gebuchten Club-Act. Roman Adam und Jörg Wittekindt gehörten mit Kuestenklatsch seit Jahren zum Nachtleben. Warum sie jetzt ihren Namen ändern, über ihr Künstlerdasein in Pandemiezeiten und aktuelle musikalische Projekte, erzählen sie im Interview

Inteview: Ole Masch

 

SZENE HAMBURG: Jörg und Roman, Kuestenklatsch ist Geschichte. Wieso ändert ihr euren Namen?

Jörg Wittekindt: Wir haben am 6. August alles auf The Coast umgestellt. Hauptsächlich, um noch mehr für den internationalen Markt gerüstet zu sein und das ganze Projekt auf eine erwachsene Ebene zu heben. Damals hätte niemand ahnen können, dass wir circa acht Jahre später fast 200 Tracks released haben.

Roman Adam: Wichtig war uns etwas mit Hamburg Bezug und dass das Projekt einen maritimen Touch bekommt. In unserem Logo war sogar eine kleine „Hammaburg“ integriert. Das Ganze sollte diesen einen roten Faden besitzen. Ob bei unserem Label Fish & Chicks oder bei einigen Veranstaltungsformaten.

Habt ihr keine Sorge, euren Stand in der Szene zu verlieren?

Jörg: Ja klar, das schwingt natürlich mit. Aber wir sagen immer, dass wir uns als Menschen nicht verändern. Wir sind immer greifbar, nahbar und interagieren viel auf persönlicher Ebene. Daneben versuchen wir unsere Kanäle mit der Umstellung zu befüttern, sodass viele Menschen und Fans davon mitbekommen.

Roman: Social Media sind heutzutage schnell umgestellt. Bei musikalischen Plattformen sieht das etwas anders aus. Da fängt man wieder unten an. Aber das hat auch etwas Positives. Wir können auch musikalisch wieder neu gestalten.

 

Heimat

 

Was verbindet ihr mit der Küste?

Jörg: Ganz klar: Die Heimat! An der Küste sind wir geboren – Roman in Kiel und Jörg in Bremerhaven – und hier werden wir sicherlich den Rest unseres Lebens verbringen. Wir haben beide mal auf einem Kreuzfahrtschiff gearbeitet. Nur Wasser, grenzenloser Blick, Wind. Das alles ist für uns Lebensqualität und so was findet man nur an der Küste. Man kann uns gerne Küsten-Patriotismus vorwerfen.

Wie wird man vom Hamburger DJ-Duo zum international gebuchten Act?

Roman: Als wir begonnen haben, hatten wir von Tag eins an das Ziel, international erfolgreiche Musik zu machen. Der Traum war vom ersten Moment da. Das Produzieren, das Auflegen sowie das ganze Drumherum ist unser Beruf.

Jörg: Ein weiterer Meilenstein ist die richtige Wahl der Booking-Agentur. In unserem Fall ist es Vivid Artists aus Berlin, zu denen zum Beispiel Format:B gehören. Und was man absolut nicht verkennen darf, ist das eigene Netzwerk. Manchmal ergeben sich einfach Dinge durch Kontakte.

 

Das gute alte Kurhotel

 

In welchen Hamburger Clubs finden sich eure Wurzeln?

Jörg: Unser erstes wirkliches Booking hatten wir im guten alten Kurhotel. Das war ein komisches Gefühl auf einmal die Seiten zu wechseln: Vom Gast zum DJ. Die meisten Nächte jedoch haben wir definitiv im Waagenbau verbracht.

Ihr tretet als Duo auf. Gibt es eine bestimmte Rollenverteilung?

Roman: Wir stehen zumindest immer gleich. Jörg links, ich rechts. Witzigerweise auch wenn wir mal nicht auflegen, sondern irgendwo spazieren gehen. Das ist schon so drin im Kopf.

Jörg: Roman spielt immer den ersten Track. Das ist vielleicht sogar ein kleiner Aberglaube geworden. Während er sich federführend um die Produktionen und das Mastering kümmert, führe ich das Label, befüttere Social-Media-Kanäle, schaffe Content und kümmere mich um die Kommunikation. Manchmal machen wir aber beide alles, sitzen gemeinsam im Studio. Was ganz wichtig ist: Nichts passiert ohne das Einverständnis des anderen.

 

Solo geht auch

 

Seid ihr auch solo unterwegs?

Roman: Ab und zu. Aber The Coast gibt es nur im Doppelpack. Jörg ist schon über 20 Jahre als DJ unterwegs, kommt ursprünglich aus dem HipHop. Manchmal findet man ihn noch auf Gigs in diesem Genre. Noch mehr aber hinter den Kulissen als Booker.

Jörg: Roman hat seit Kurzem ein Techno-Projekt als Roman Adam und tobt sich hier ein bisschen aus. Letzter Release war auf Oliver Huntemanns Senso Label.

 

Die Pandemie

 

Wie seid ihr als Künstler durch die Pandemie gekommen?

Jörg: Wir haben uns 24/7 in Studio eingeschlossen. Das Jahr 2020 mit unglaublichen 62 releasten Tracks abgeschlossen. Und dann haben wir viele Streams gespielt, auch einen eigenen betrieben.

Roman: Wir müssen ehrlich sagen, wir haben versucht jeden Tag genauso zu arbeiten, als wenn es keine Pandemie wäre. Wir wollten immer auf den Tag X vorbereitet sein, an dem es wieder losgeht.

Konntet ihr Hilfen in Anspruch nehmen?

Roman: Ja und damit haben wir uns auch lange beschäftigt. Es gab für Künstler schon einige gute Sachen. Zum Beispiel einen finanziellen Rettungsschirm der GEMA, den du als Mitglied in Anspruch nehmen konntest.

Jörg: Man konnte sich auf diverse Fördertöpfe bewerben, wie zum Beispiel die Initiative Musik. Und natürlich muss man lobend die Stadt Hamburg erwähnen. RockCity ist ebenfalls eine tolle Sache.

 

Neue Gigs

 

Habt ihr die vorsichtigen Öffnungen bereits zum Auflegen nutzen können?

Roman: Ja, obwohl es immer wieder eine kleine Wundertüte war. Findet es nun statt, findet es nicht statt? Aber wir durften mal wieder auf dem Ferdinands Feld Festival spielen oder auf dem Teufelsberg in Berlin. Das waren beeindruckende Momente. Endlich wieder Menschen auf der Tanzfläche, endlich wieder Feedback und Resonanz. Unbezahlbar und das, was man am meisten vermisst hat.

Und was ist noch in diesem Jahr geplant?

Jörg: Wir haben diverse Anfragen aus dem Ausland, denn da sieht die Situation in einigen Ländern etwas anders aus. Wir werden dieses Jahr auf jeden Fall noch mal in Kroatien und in London sein. Hamburg steht noch nicht auf der Agenda, da müssen wir und die Veranstalter leider weiterhin von Woche zu Woche denken.

 

Wunsch an die Politik

 

Welche Maßnahmen wünscht ihr euch von der Politik in Hinblick auf zukünftige Veranstaltungen?

Jörg: Da können wir mittlerweile ein ganzes Buch drüber schreiben. Auf jeden Fall eine bundeseinheitliche Regelung. Wir leben in Hamburg und sind von zwei Bundesländern eingerahmt, in denen verschiedene Gesetzgebungen gelten.

Roman: Gezielte und konkrete Förderungen für Veranstaltungen mit verminderten Kapazitäten, um Verluste auszugleichen. Gleichstellung zwischen den kulturellen Veranstaltungen: Warum können zu einem Fussballspiel Tausende von Menschen in ein Stadion, während zu einem Konzert nur begrenzt Menschen dürfen?

Jörg: Bezogen auf die Clubszene ist es schon lange weit nach zwölf. Ehrliche Strategien und Ausblicke zu Öffnungen sind absolut nicht vorhanden. Momentan hängt jeder in der Luft. Clubbesitzer, Künstler, Zulieferer haben keine wirkliche Planungsgrundlage. Wir wünschen uns daher mehr Flächen zur kulturellen Nutzung im Stadtbereich. Die meisten gehen leider gerade an Investoren. Ein gutes Beispiel ist da die Holsten Brauerei. Leider ein reines Spekulationsobjekt. Aber der Sommer hat gezeigt, dass wir noch da sind und das gibt uns Hoffnung. Denn dann gibt’s weiterhin viele großartige Abende mit The Coast.

instagram.com/the_coast_music/

Die Reise von Kuestenklatsch zu The Coast als Video:


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Kultur auf der Straße: STAMP ist zurück

STAMP ist wieder da. Das Internationale Festival der Straßenkünste feiert vom 17. bis 19. September 2021 seine zehnte Ausgabe

Text: Felix Willeke

 

Vom 17. bis 19. September 2021 geht es wieder rund auf Altonas Straßen. Mit STAMP kehrt das Internationale Festival der Straßenkünste zu seiner zehnten Ausgabe zurück. Zum Abschluss der altonale liegt ein Schwerpunkt des Festivals auf dem EU-Projekt Liberty für Künstler:innen zwischen 18 und 30 Jahren. Das Projekt ist dabei der Rahmen für verschiedenste internationale Künstler:innen wie die Libertikons. Sie zeigen ihre eigene Definition des Freiheitsbegriffs in Foto und Video. Dafür gibt es über das ganze Wochenende hinweg Projektionen 360° Projektionen auf aufblasbaren Kugeln im Park rund um den Platz der Republik.

Danube´s Banks, live immer ein Erlebnis; Foto: Konstanze Habermann

Danube´s Banks, live immer ein Erlebnis; Foto: Konstanze Habermann

 

Danube´s Banks und viel mehr Theater

 

Eines der großen Highlights bei STAMP 2021 ist sicherlich das Auftaktkonzert. Am Freitagabend um 20.30 Uhr geben sich Danube´s Banks die Ehre. Dann darf vor und auf der Bühne am Festivalzentrum getanzt werden. Doch STAMP wäre natürlich nichts ohne sein Theater im öffentlichen Raum. In diesem Jahr sind hierfür Claudia Janke mit ihrer Performance Wavelength Europe, der Seiltänzer Oliver Zimmermann oder der Spanier Pere Hosta mit seinem Programm Sinopsi zu Gast.

Pere Hosta geht mit seiner Tür auf Reisen; Foto: atonale

Pere Hosta geht mit seiner Tür auf Reisen; Foto: atonale

 

Die Nacht der jungen Lyrik

 

Am Sonntagabend wartet dann noch eine Premiere auf die Besucherinnen: Die Nacht der jungen Lyrik. Bei diesem Wettbewerb treten junge Lyriker:innen in die Fußstapfen von Wolf Biermann und anderen bekannten Dichter:innen aus Ottensen. Lyriker:innen bis 30 Jahre konnten sich mit Gedichten zum Thema „Nähe“ für die Nacht der jungen Lyrik bewerben. Eine Jury zeichnet die Gewinner:innen noch am Abend mit Preisen von insgesamt 3.000 Euro aus.

 

altonale.de/stamp-festival


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Gerade jetzt brauchen wir Musik

Das BIMM Institute ist Europas größter Anbieter für musikalische und musikwirtschaftliche Ausbildung

 

Obwohl die aktuelle Corona-Situation Kulturbetriebe, Agenturen und Künstler vor einige Herausforderungen stellt, wird Musik gerade jetzt mehr denn je gebraucht. Besonders in schwierigen Zeiten ist Musik für die so wertvollen Momente von Freude und Entspannung elementar, um sich mental zu stärken. Das BIMM Institute ist fest davon überzeugt, dass gerade jetzt die richtige Zeit ist, sich der eigenen Kreativität zu widmen. „Wir brauchen jetzt eine neue Generation Musikschaffender, um die künftige Musikbranche zu verändern, neue Konzepte für Konzerte und Festivals zu erstellen und innovative Business-Modelle zu entwerfen.“ In den Bachelor-Studiengängen am BIMM Institute lernt man von den Besten aus der Branche und dies in hochmodernen Unterrichtsräumen, mit der neuesten Technik und Ausstattung.

 

Netzwerk

 

Die Dozent*innen sind seit Jahren aktiv in der Musikindustrie tätig und bieten ein breites Netzwerk, um ihren Studierenden die ersten Karriereschritte in der Branche zu ermöglichen. In den letzten drei Jahren fanden 86 Prozent der Absolventen einen Job in der Musikbranche. Derzeit findet der Unterricht am BIMM Institute per Online-Learning statt, aber das BIMM setzt alles daran, den Präsenzunterricht in kleineren Gruppen unter den geforderten Hygienekonzepten schnellstmöglich wieder aufzunehmen und zum Semesterstart im September 2021 die neuen Studierenden im College wieder persönlich zu begrüßen.

bimm-institute.de


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„Sexismus ist etwas, was wir alle internalisiert haben“

Hamburger Nachwuchs: Hamburg Music Award Krach+Getöse für Nachwuchsmusiker, Show bei „Fast ein Festival“ von MS Dockville, frisch gesignt bei Europas erstem Female-MC-Label – die Rapperin Mariybu, 27, startet durch. Mit queerfeministischen Texten, starker Stimme und DIY-Producing

Interview: Markus Gölzer

 

SZENE HAMBURG: Mariybu, wie lange gibst du dem Patriarchat noch?

Mariybu: Ouh. In meinem Traum gebe ich dem Ganzen noch ein paar Tage. In der Realität ist das unrealistisch. Aber man darf ja träumen, nä?

Deine Texte verhandeln männliche Machtstrukturen auf verschiedenen Ebenen. Sexuell, emotional, geschäftlich. Du klingst dabei stark und verletzlich zugleich. Wie viel eigene Erfahrungen schwingen da mit?

Nur. Meine Texte sind alle eigene Erfahrungen. Songtexte schreiben ist wie Tagebuchschreiben für mich. Es ist nicht so, dass ich denke, ich will über das schreiben, dann schreibe ich darüber. Es ist das, was mich gerade beschäftigt. Dann wird daraus ein Song. Dass es politisch wird, ist nicht beabsichtigt. Das Persönliche wird dann politisch.

Wann und wie bist du zum Rap gekommen?

2018. Als Kind hab ich Tic Tac Toe und so gehört, dann aber lange keinen Rap mehr. Ich kannte nur noch frauenverachtende Texte, wie von Bushido und Sido. Ich habe nicht gecheckt, warum ich mir Texte geben soll, die mich beleidigen. Ich habe spät meinen Weg zurückgefunden. Das hat angefangen mit einem Konzert von Finna, eine queerfeministische Rapperin und Aktivistin aus Hamburg. Das hat mich super berührt. Ich habe angefangen, Texte zu schreiben, habe mich mit Finna getroffen. Dann kam der 365Female*MCs-Blog von Mona Lina. Der startete Ende 2018. Lina Burghausen hat ganz, ganz viele gepostet, die ich mir als Vorbilder nehmen konnte. Das hat mich empowered, selber weiterzumachen. Dann habe ich vor zweieinhalb Jahren angefangen, zu produzieren.

 

Gegen strukturelle Benachteiligung

 

Du bist auch auf dem Label 365XX von Lina „Mona Lina“ Burghausen gesignt.

Das Label ist einfach geil. Es signt nur FLINTA*s: Frauen, Lesben, Inter-, Nicht-binäre-, Trans-, Agender-Personen – also Menschen, die aufgrund ihrer geschlechtlichen Identität patriarchal diskriminiert werden. 365XX sagt nicht: Wir wollen Cis-Männer, also Männer, die sich mit dem Geschlecht identifizieren, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurden, ausschließen. Aber wir sehen, dass FLINTA*s strukturell benachteiligt sind. Deshalb supporten wir sie. Das finde ich einfach krass, weil es so ein Label bisher noch nicht gab. Ich finde es super-beeindruckend, dass sie das machen, wie sie das machen und dass sie sich das trauen.

Welche Vorbilder hast du neben Finna?

Ebow war und ist für mich ein Riesenvorbild. Die ist unglaublich. Sie steht als queere Person in der Öffentlichkeit, macht voll ihr eigenes Ding, ohne sich was vorschreiben zu lassen. Auch ein ganz großes Vorbild: KeKe aus Wien. Was ich auch bei ihr krass finde: Sie ist stark und verletzlich zugleich.

Gibt’s auch sexistische Rapperinnen? Cardi B und Megan Thee Stallion waren in der Diskussion mit ihrem Wet-Ass-Pussy Song.

Wet-Ass-Pussy finde ich gar nicht sexistisch. Das ist superempowernd. Die eigene Sexualität, den eigenen Körper feiern wie auch Shirin David, da seh ich keinen Sexismus. Natürlich gibt es auch sexistische Rapperinnen. Sexismus ist ja etwas, was wir alle internalisiert haben. Ich selber bin an bestimmten Punkten auch noch sexistisch und lerne dazu, weil wir einfach alle im Patriarchat aufgewachsen sind. Das ist ein ewig langer Lernprozess.

Du kämpfst nicht allein für Feminismus, sondern mit dem Rap-Kollektiv Fe*Male Treasure und im Duo mit Girrrlitas. Kämpft ihr ausschließlich musikalisch oder noch mit anderen Waffen?

Ich bin Feministin 24/7. Wenn ich auf der Straße bin und irgendwas mitbekomme, mische ich mich ein. Wenn mir irgendwas passiert, führe ich Diskussionen. Es ist jeden Tag politische Arbeit. Ich geh auf Demos, wir treten auf Demos auf, bei Soli-Veranstaltungen. Femrep ist auch eine ganz tolle Gruppe. Da war ich mal, bin aber leider nicht mehr aktiv. Es ist nicht nur die Musik. Ich betreibe neben ihr auch noch Lohnarbeit, und in dem Unter- nehmen, wo ich arbeite, sind leider öfter Situationen, die echt scheiße sind. Und die spreche ich dann an. Das betrachte ich auch als feministische Arbeit.

 

Sexismus

 

Was war die sexistischste Scheiße, die du dir je anhören musstest?

„Ich kann kein Sexist sein, ich mag doch Sex.“ Das war auf der Familienfeier von einem Ex-Freund. Da wusste ich nicht genau, wo ich ansetzen sollte. Da hab ich gemerkt: Gut, da fehlt viel Wissen (lacht).

Deine Generation treibt Veränderungen voran wie wenige vor ihr. #MeToo, Black Lives Matter, Fridays for Future. Gleichzeitig hält eine neue Strenge Einzug. Amanda Gorman, die junge Dichterin von Bidens Inauguration, darf nur von Schwarzen übersetzt werden. In den Amazon Studios sollen nur noch Homosexuelle Homosexuelle spielen.

Dass Schwarze nur von Schwarzen übersetzt werden dürfen, kann ich total nachvollziehen. Das ist ein Job. Wenn die sagen, es geht auch darum, uns untereinander zu supporten, dann finde ich das gut. Es ist superindividuell. Kann sein, dass ich ein Feature nur mit einer queeren Person machen will. Ich arbeite aber auch mit anderen Leuten. Allerdings nur, wenn die nicht gegen meine grundlegenden moralischen Werte sind. Ich würde nie mit einem sexistischen Rapper ein Feature machen. Ich arbeite aber auch mit Cis-Männern. Einige meiner Videos macht ein Cis Mann. Er supportet, wofür ich stehe, ist kein Arschloch. Deshalb mach ich das mit ihm. Aber wenn ich für einen Job eine queere und eine nichtqueere Person habe, die gleich gut sind, würde ich die queere Person nehmen. Einfach, weil sie strukturell benachteiligt ist, nicht die gleichen Chancen hat.

Der Kapitalismus ist auf den Bewusstseins-Zug aufgesprungen: Großbanken geben Kreditkarten in Regenbogenfarben aus, Werbung wird immer diverser. Ärgerlich oder halb so schlimm, weil die richtige Botschaft transportiert wird?

Ich steh superambivalent dazu. Einerseits finde ich es ätzend, dass einen Monat lang überall Regenbogenflaggen bei irgendwelchen Scheißunternehmen flattern, dann ist der Monat vorbei und es wieder aus den Köpfen weg. Die Diskriminierung innerhalb des Unternehmens ist aber noch da. Das finde ich scheiße. Cool wäre, wenn sie weiter darüber hinausdenken. Wenn es nicht nur um Geld geht. Wenn sie sagen, ok, wir hissen hier die Flagge, und im Teammeeting sprechen wir über die Diskriminierung von queeren Menschen und wie wir das verändern können. Dann finde ich das geil. Aber nur als kapitalistisches Verkaufsding ist es zu kurz. Aber wer weiß, vielleicht ändert sich dadurch trotzdem was in den Köpfen. Ich hoffe es.

Wie findest du die Golden-Era-Rap-Generation? Biggie, Eminem, Wu-Tang und Kollegen? Die waren ja durchaus homophob und sexistisch in ihren Texten.

Die Dinge, wofür die gekämpft haben, sind ganz andere. Natürlich waren das Wegbereiter, die haben gute Sachen gemacht, für krasse Sachen gekämpft. Man muss es auch immer zeitlich einordnen. Trotzdem: Das ist keine Entschuldigung. Homophobe Scheiße geht auf keinen Fall. Das war damals auch schon scheiße.

Wann ist mit deinem ersten Album zu rechnen?

Meine erste EP erscheint am 3. September. Album, mal gucken. Es ist noch nichts in Planung direkt, aber es ist nicht auszuschließen, dass da noch ein Album kommt.

instagram.com/mariybu_


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