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Top 10 – Auf diese Events freuen wir uns im Juli

Konzert-Dinner, Videokunst, Open-Air: Der Juli hält wieder tolle Events bereit – auf diese zehn freuen wir uns besonders

Foto: Gesche Jäger

 

1) Circus Theater Roncalli – Zirkus der Träume

Das Gastspiel des Circus Theater Roncalli in Hamburg neigt sich langsam dem Ende zu. Noch bis zum 14. Juli gastiert der Zirkus der Träume mit seinem neuen Programm „Storyteller: Gestern – Heute – Morgen“ in der Stadt. Innovativ und fantastisch: Tiere als Hologramme entern die Manege, atemberaubenden Artistik, charmante Clowns zum Kaputtlachen. Und das unter dem Dach des nostalgischen Zirkuszeltes. Fast drei Stunden lang werden die Besucher in eine andere Welt entführt – genau so geht Zirkus. / HED

Circus Theater Roncalli: 4.7., Moorweide, 15:30+20 Uhr

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Foto: www.roncalli.de


2) Here We Are Today – Foto- und Videokunst

Bei der heutigen Führung kann man nicht nur die Kuratorin der Ausstellung „Here We Are Today“ treffen, die beleuchtet, wie Fotografie und Video auf unsere Welt blicken, sondern mit Kathrin Baumstark gleichzeitig auch die neue Museumsdirektorin des Bucerius Kunst Forums kennenlernen. Gezeigt werden in der Schau, mit der gleichzeitig auch der neue Standort eröffnet wird, Werke von Shirin Neshat, Andreas Gursky, Hito Steyerl und zwölf weiteren internationalen Künstlern. / SD

Here We Are Today: 8.7., Bucerius Kunst Forum, 18 Uhr

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Foto: Ulrich Perrey 


3) The Cure – Eine filmische Musikreise

Live sind The Cure eine Macht. Im Juli 2018 gaben die kultigen Briten im Londoner Hyde Park eine besonders eindrucksvolle Performance ab: Sie feierten 40 Jahre Bandgeschichte. Ihr langjähriger Weggefährte Tim Pope zeichnete das Spektakel in 4K auf. In den Zeise Kinos ist der daraus entstandene, sound- und bildgewaltige Dokumentarfilm „The Cure – 1978-2018 Live in Hyde Park“ heute einmalig zu sehen. Eine 135-minütige Musikreise mit 29 großen Cure-Songs. / MAS

The Cure: 11.7., Zeise Kinos, 20 Uhr

The-Cure


4) Richie Ros live – Dinner mit Konzert

Musikalische Sommerpause in der Elbphilharmonie gleich große Leidenszeit im berühmtesten Konzerthaus der Stadt? Nix! Der Monat Juli sowie Anfang August sind pickepackevoll mit Top-Events im Störtebeker Restaurant Beer & Dine. Beim dortigen „Dinner mit Konzert“ gibt es an ausgewählten Terminen ein Überraschungsmenü in drei Gängen sowie dienstags bis freitags Live-Künstler, etwa den irischen Singer/Songwriter Richie Ros, der heute mit seiner Gitarre im Lokal aufschlägt. / EBH

Dinner mit Konzert: 12.7., Störtebeker Restaurant, 18-21 Uhr

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Foto: Kelby Guilfoyle 


5) Join-The-Difference-Party – Open-Air fürs elektronische Tanzbein

Der Arno-Schmidt-Platz vor der Bücherhalle am Hauptbahnhof hat sich in diesem Jahr zur festen Open-Air-Location gemausert. An den Treppen zum Hühnerposten wird mit fetten Bässen und herrlich ungestört das elektronische Tanzbein geschwungen. Heute mit einer weiteren Ausgabe der Join-The-Difference-Party und dem Mannheimer Nick Curly, Kopf des Underground-Labels 8bit und herausragender Act der weltweiten House- und Technoszene. / OMA

Join-The-Difference-Party: 13.7., Arno-Schmidt-Platz, 19 Uhr

Join-The-Difference-Nick-Curly


 6) Theater ohne Grenzen – Eine „Lebensreise“ im Sprechwerk

Inklusion auf der Theaterbühne: Seit 2007 erarbeiten Menschen mit und ohne Behinderung aus Hamburg, der Schweiz und Russland im Rahmen des Festivals „Theater ohne Grenzen“ gemeinsam ein Theaterstück – nach der letzten Premiere im Ernst Deutsch Theater präsentiert die Gruppe ihre neue, dreisprachige Inszenierung dieses Jahr erstmals im Sprechwerk. Die insgesamt 30 Ensemblemitglieder verarbeiten dabei Erinnerungen, gute und schlechte Momente zu einer theatralischen „Lebensreise“. / SHE

Theater ohne Grenzen: 15.7., Hamburger Sprechwerk, 19.30 Uhr

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Foto: Gesche Jäger


7) Apocalypse Now – Im „Final Cut“

Laut American Film Institute ist Francis Ford Coppolas „Apocalypse Now“ einer der 100 besten Filme überhaupt; 1979 wurde er mit drei Golden Globes ausgezeichnet und für acht Oscars nominiert. Nun wurde das meisterhafte, visionäre Antikriegs-Epos mit Marlon Brando in der Hauptrolle aufwendig restauriert – von Coppola höchstselbst. „Apocalypse Now – Final Cut“ ist heute in der Astor Film Lounge zu sehen: in 4K und mit Dolby-Atmos-Sound und 183 Minuten lang. / MAS

Apocalypse Now: 15.7., Astor Film Lounge, 20.15 Uhr

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Foto: Studiocanal


8) Knust Acoustics – Unplugged-Musik auf dem Lattenplatz

Gibt Schlimmeres, als Live-Musik unter freiem Himmel zu erleben und das auch noch zu Spottpreisen. Die Knust Acoustics machen genau das möglich. An ausgewählten Abenden (bis 28.8.) spielen drei Künstler jeweils 30-minütige Sets und präsentieren ihre Songs im musikalisch reduzierten Gewand. Heute auf der Bühne: die Sängerin und Songschreiberin Lina Maly (Foto), die Indie-Popper Me & Reas sowie die DIY-Truppe Odeville. Eintritt: 5 Euro (Kinder, Jugendliche unter 18 Jahren und sozial Bedürftige müssen nichts zahlen). / EBH

Knust Acoustics: 24.7., Knust Vorplatz, 18 Uhr

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Foto: Mightkillya


9) Too Many Zooz – Brass-House im Mojo Club

Matt Doe, David Parks und Leo Pellegrino sind zusammen Too Many Zooz und nennen das, was sie zunächst in New Yorks Subway-Stationen vorstellten und mittlerweile weltweit auf großen Bühnen spielen, schlicht: Brass-House. Jazz, Funk, Punk, Swing – alles dabei, und zwar so geschickt miteinander verknüpft, dass die Zooz einen nicht ganz unprominenten Fürsprecher haben: Questlove von The Roots. / EBH

Too Many Zooz: 24.7., Mojo Club, 20 Uhr

Too-Many-Zooz


10) Slamville – Geschichtenerzähler auf dem MS-Artville-Gelände

Das Slamville geht in die vierte Runde! Auf dem Gelände des MS Artville in Wilhelmsburg versammeln sich auch dieses Jahr wieder die besten Poetry Slammer und Literaten Deutschlands zum gemeinsamen Wortspielfest. Und mit „die besten“ sind auch wirklich die besten gemeint. Das Line-up kann sich sehen lassen: Heinz Strunk, Sophie Passmann, Felix Lobrecht, Patrick Salmen, Svenja Gräfen, Stefanie Sargnagel und viele mehr erzählen auf der Grünfläche am Hafen ihre Geschichten und Gedanken. / IGA

Slamville: 27.7., Reiherstieg Hauptdeich / Ecke Alte Schleuse, ab 14 Uhr

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Foto: Asja Caspari


Szene-Hamburg-Juli-2019-CoverDiese Texte stammen aus SZENE HAMBURG, Juli 2019. Titelthema: Schmelztiegel St. Georg.
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Millerntor Gallery #9: Wenn aus Kunst Trink-Wasser wird

Zum neunten Mal verbinden Viva con Agua und der FC St. Pauli Kunst und Musik für einen guten Zweck bei der Millerntor Gallery. Warum sich jede Mühe dafür lohnt, erzählt der Geschäftsführer von Viva con Agua Arts, Arne Vogler

Text und Interview: Hedda Bültmann
Foto (o.): Jerome Gerull

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Viva con Agua Arts Chef Arne Vogler (Foto: Andirn Fretz)

SZENE HAMBURG: Arne, von der Schnapsidee zum festen Bestandteil der Hamburger Kulturszene. Wie geht das?

Es kamen mehrere Fakto­ren zusammen. Zum einen der nicht zu bremsende Akti­vismus der Gründer von Viva con Agua, die alles dranset­zen, eine Idee zu verwirkli­chen. Gemeinsam mit dem freudvollen Engagement un­serer Ehrenamtlichen. Zum anderen die Unterstützung unseres Partners FC St. Pauli, der von der ersten Stunde an dabei war. Die Offenheit und die Bereitschaft sich als Fußballverein und als Unter­nehmen auf das Projekt ein­ zulassen, ist einmalig und hat uns vieles ermöglicht.

Dieses Jahr lautet das Motto „Water is a Human Right“. Wie spiegelt sich das in der Ausstellung wider?

Die gezeigten Werke wer­den von den Künstlern aus aller Welt exklusiv für die Gal­lery entworfen. In der Ver­gangenheit hatten wir eher komplex formulierte Themen wie „Identikey“, was dazu führte, dass nicht alle Künstler themenbezogen gearbeitet ha­ben. Das wollten wir ändern.

Menschenrecht ist ein kon­kretes Thema und bietet nicht nur den Künstlern viele Anknüpfungspunkte, auch unser Kurations-­Team kann noch mehr einem roten Faden fol­gen, um über die Ausstellung eine Geschichte zu erzählen. Einige Künstler werden zum Beispiel Wasser als Thema wählen oder eine politische Herangehensweise, sodass ein schöner Mix unterschied­licher Umsetzungen und Genres zu sehen sein wird.

Ihr habt zum ersten Mal nicht nur das Thema konkreter formuliert, sondern auch wohin die Erlöse fließen …

Ja, genau. In der Vergan­genheit gingen die Spenden allgemein an den Verein. Diesmal haben wir im Vor­feld festgelegt, dass die Erlöse in das Oratta­-Projekt in den Provinzen Cabo Delgado und Nampula fließen. Dort, im Norden vom Mosambik, set­zen wir uns bereits seit 2015 für sauberes Trinkwasser und bessere Hygienebedin­gungen ein. Wir glauben, dass die Motivation der Künstler, Supporter und Besucher noch größer ist, wenn sie nicht nur für einen allgemein guten Zweck arbeiten oder spenden, sondern genau wissen für wen. Wir hoffen, so un­ser Spendenergebnis aus dem letzten Jahr von etwa 90.000 Euro zu übertreffen.

 

Millerntor Gallery #9: So bunt wird’s im Millerntor-Stadion

 

 

Innerhalb weniger Monate stelltet ihr eine Ausstellung mit mehr als 90 Künstlern auf die Beine. Klingt nach einem chronisch hohen Stresspegel?

Die acht bis zehn Wochen der Produktionsphase im Sta­dion sind schon eine enorme Belastung für die Familie und Freunde. Währenddessen bleibt kein Raum für anderes. Es ist, als würde man sich mit einem schweren Rucksack auf den Weg machen und es ist klar, für eine gewisse Zeit sieht man weder seine Fami­lie noch Freunde, es sei denn, man bindet sie als Helfer mit ein.

Doch das Ziel ist es auf je­den Fall wert. Die Gallery ver­braucht viele Ressourcen, aber sie ist auch wie ein Akku, ein Ort, der ganz viel Kraft gibt.

Was ist es, das sie so besonders macht?

Sie ist eine ganz besondere Veranstaltung, weil die soziale Grundhaltung aller Beteiligten besonders ist. Eine Galerie, die Kunst mit Musik verbindet, in einem Fußball­stadion mitten in der Stadt. Und das in einem Viertel, dessen Bewohner grundsätzlich eher gesellschaftskritisch und sozial engagiert sind.

Die Millerntor Gallery ist die Möglichkeit, die Grund­sätze von Viva con Agua zu erleben, das Freudvolle und Aktivistische. Wir kümmern uns um eine positive Verän­derung der Welt, aber auf eine spielerische Weise, indem wir die universelle Sprache von Kunst, Musik und Sport nut­zen, um die Menschen für unsere Themen zu erreichen und zum Mitmachen zu bewegen. Die Gallery ist sozusagen der Schmelztiegel von allem, was den Verein ausmacht.

 

„Unser Traum: den heiligen Rasen nutzen“

 

Der enorme Zulauf aus der Stadt mit 17.000 Besuchern im letzten Jahr, gibt euch Recht. Ruht ihr euch darauf aus, oder ist es eher ein Ansporn neu zu denken?

Natürlich sprechen wir je­des Jahr mit dem FC St. Pauli, ob und wie wir weitere Teile des Stadions in die Millern­tor Gallery einbinden können. Unser Traum wäre natürlich, irgendwann mal den heiligen Rasen nutzen zu können. Auch möchten wir zukünftig vermehrt ein Gleichgewicht zwischen den Genres schaffen, auf der einen Seite Street­ Art und HipHop, gleichzeitig im Kunstbereich die Grenzen erweitern. Noch liegt der Aus­stellungsfokus auf Street Art, aber in diesem Jahr haben wir darüber hinaus einige Hoch­karäter aus der bildenden Kunst dabei.

Was löst Kunst bei dir aus?

Emotionen. Die ganze Palette: von Erstaunen und Begeisterung über Glück bis hin zur Ruhe. Aber auch Trauer. Gerade bei dem dies­jährigen Kurationsprozess habe ich wieder gemerkt, dass Kunst für mich ein Vehikel für einen Perspektivenwech­sel sein kann, so als würde ich mir eine Brille aufsetzen und ein Thema nochmal ganz an­ders entdecken.

Millerntor Gallery #9: 4.-7.7.2019, Millerntor-Stadion (St. Pauli)


Szene-Hamburg-Juli-2019-CoverDieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, Juli 2019. Titelthema: Schmelztiegel St. Georg.
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Resonanzraum Festival: Das besondere Club-Fest startet

Von romantischen Waldgesprächen, Liebesbriefen ins Ungewisse über elektronische Libellen zu analogem Techno: Das Resonanzraum Festival wird auch 2019 ein besonderes Club-Happening

Text: Friedrich Reip
Foto: Gerhard Kuehne

Mit fantastischen Bookings außerhalb von Konventionen in Klang, Struktur und Vermittlung hat sich der Resonanzraum als die womöglich spannendste Location im Konzert- wie Club-Kontext etabliert. Die zweite Ausgabe des hauseigenen Festivals darf daher auch als Feier des Umstands gelten, dass man nach wie vor in so sperriger, mutiger Weise programmieren darf und kann.

Die Auftaktveranstaltung am Donnerstag (20. Juni) führt das Ensemble Resonanz mit der Sopranistin Christina Landshamer unter dem Titel „Waldgespräch“ zusammen, im Anschluss wird ein von Tausendsassa Felix Kubin neu vertonter Naturfilm von Wolfgang Lehmann gezeigt. Am Freitag (21. Juni) diskutiert Jan Plewka mit Sebastian Reier über Platten, ehe er für die Juliet Letters als Sänger hinters Mikro tritt. Ein DJ-Set mit Horatiu Serbanescu führt danach bis tief in die Nacht.

Am Samstag (22. Juni) findet ein romantischer Matinée-Salon statt, bevor mit Live-Electronica „Wider die Entzauberung“ aus dem Festival herausgetanzt wird.

Fotokunst ist derweil auch zu sehen: Eine Ausstellung versammelt Aufnahmen von Gerhard Kühne, Florian Schmuck und Hausfotograf Jann Wilken, die dem Ensemble Resonanz über die Jahre hinweg gefolgt sind.

Resonanzraum Festival: 20.-22.6., Resonanzraum, Feldstraße 66 (Bunker St. Pauli)


Szene-Hamburg-juni-2019Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, Juni 2019. Titelthema: Was ist los, Altona?
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MS Stubnitz: Das Kulturschiff muss ins Dock

Das Kulturschiff MS Stubnitz muss ins Dock und unter hohen Kosten wieder flott gemacht werden – dabei können Paten einen großen Beitrag leisten. Ein Interview mit Urs „Blo“ Blaser, der das Projekt Stubnitz vor 27 Jahren anstieß

Text & Interview: Jan Paersch
Foto (o.): Phalque

Hinten, in der Ecke eines dunklen Ganges, hängt die „Crew List“ der MS Stubnitz. Darauf: ein gewisser „Blaser, Urs“. Dahinter das Kürzel „Rat/eng wk“. Es steht für den „rating engine watch keeper“. Urs Blaser mag Querflöte und Saxofon studiert haben, doch er ist auch ein hochseetauglicher Seemann, der befähigt ist, an Bord des Schiffes die Maschinenwache zu übernehmen. Der Schweizer ist Geschäftsführer und Tontechniker des denkmalgeschützten Kulturortes.

Wer auf abseitigere Konzerte, aber auch auf trippige Electro-Sets steht, kennt die MS Stubnitz. Unten im Laderaum spielten schon Rammstein, Marteria und Feine Sahne Fischfilet – als Newcomer. Das Schiff, am 1. Juni 1964 in Stralsund vom Stapel gelaufen, gehörte zur Hochsee-Fischfangflotte der DDR, ehe es 1992 von einer Gruppe von Künstlern übernommen wurde. Seit 2014 hat die Stubnitz ihren festen Liegeplatz in der Hamburger HafenCity. Im hinteren Teil des 80 Meter langen ehemaligen Kühlschiffes, dort, wo früher die Heringe lagerten, ist Platz für Konzerte, vorne finden zumeist DJ-Sets statt.

Im letzten Jahr spielten hier 340 Live-Acts aus Dutzenden Ländern. Doch die kulturelle Vielfalt ist bedroht: im Juli muss die Stubnitz ins Dock, um die sogenannte Klassenerneuerung vorzunehmen, die den Betrieb für die nächsten fünf Jahre sichert. Das Geld dafür kommt nur zum Teil von öffentlichen Geldgebern. Die Stubnitz sucht nun Paten, um gegenüber den öffentlichen Förderern zu zeigen, dass eine Öffentlichkeit hinter dem technischen Denkmal und dessen Nutzung steht. Für jeden Euro eines Spenders werden aus den Töpfen des Denkmalschutzes sieben bewegt – so werden aus jedem Patenschafts-Euro acht.

 

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Kapitän des Kulturschiffs: Urs Balser / Foto: Jan Paersch

 

Urs Blaser, genannt „Blo“, leitet seit 1994 die Stubnitz. Der 1960 in Bern geborene strahlt die Gelassenheit eines erfahrenen Seemanns aus. An diesem sonnigen Freitagnachmittag herrscht auf dem Schiff schon reges Treiben, später wird dort eine griechische Stoner-Rock-Band auftreten, während im Bug-Raum zwei Jungs ihren 18. Geburtstag feiern. Das Interview findet bei Filterkaffee in der alten Offiziersmesse statt. An der Wand hängt, gerahmt hinter Glas, die damalige Sitzordnung.

SZENE HAMBURG: „Blo“, bevor es die Stubnitz gab, warst du Teil des Medienkunst-Projekts „Radio Subcom“ und fuhrst quer durch Europa.

Urs „Blo“ Blaser: Wir waren ein mobiles Kollektiv und sind mit Lkws voller Equipment herumgefahren. Wir haben offen stehende Industrieräume annektiert, denn wir brauchten Platz. Für die optimale Akustik braucht man mindestens vier Meter Höhe und 200 Quadratmeter Grundfläche. Wir hatten Veranstaltungen mit 50 Leuten, dann 100 Leuten, dann 400 Leuten – und dann kam die Polizei. Wir haben überall gespielt, bis wir verjagt wurden, so in London, Wien und im Ruhrpott.

Du hast ja Saxofon und Querflöte studiert. Verstehst du dich als Musiker?

Ich war Musiker, und bin dann mehr und mehr in die Elektroakustik abgedriftet. Irgendwann habe ich begriffen, dass für mich die Lautsprecher die Instrumente sind. Also habe ich für die komponiert. Ich war immer mit zwei Tonnen Lautsprechern unterwegs. Aber auf Dauer war es ermüdend, ich war Lkw-Chauffeur, Roadie und Bühnenbauer in Personalunion. Ein festes Set-up kam uns also entgegen.

 

 

Die Stubnitz habt ihr 1992 von der Treuhand übernommen, die die Hochsee-Fischfangflotte der ehemaligen DDR auflöste.

Das Schiff wurde ja ausgemustert, es hatte keinen wirtschaftlichen Wert mehr. Es war damals schon 25 Jahre alt. Das war eine coole Zeit damals, es herrschte richtig Aufbruchsstimmung in den neuen Bundesländern. Schon damals war die Idee, einen mobilen Kulturort zu haben, mit Heimathafen Rostock, in die verschiedenen Regionen Europas fahren und dort Kooperationen aufbauen. Die allererste Anlaufstation war St. Petersburg. Die sind richtig darauf abgefahren, zumal es in der Stadt nicht viele Szeneclubs gab.

Aber finanziell war es nie leicht, oder? Ihr arbeitet zum Teil mit Ehrenamtlichen.

Als kommerzieller Veranstaltungsraum ist die Stubnitz zu klein, als Schiff, das es zu erhalten gilt, ist es zu groß. Das ist ein schwieriger Kompromiss. Wenn wir alle Räume gleichzeitig bespielen, können wir 700 Leute indoor an Bord holen, aber für eine Veranstaltung ist die Obergrenze 400 Personen. Das reicht kaum zum Überleben. In Rostock haben wir 1998 mit Ach und Krach eine Projektförderung durchgesetzt. Die Förderung, circa 80.000 Euro, ist aber 15 Jahre gleich geblieben, während unsere laufenden Kosten gestiegen sind. Wir sind also oft mit hohen Verbindlichkeiten in den skandinavischen Raum gefahren, weil es dort wirtschaftlich am besten lief.

Und nun muss die Stubnitz wieder ins Dock.

Ja, für zehn bis 14 Tage. Man macht dort nur so viel wie nötig, denn die Zeit ist teuer. Das kann uns über 200.000 Euro kosten, die wir aus Bundes-, Landes- und Eigenmitteln bestreiten müssen. Die Konservierung vom Unterwasserschiff und die Überholung der großen Aggregate, Ruder und Propeller, sind die größten Posten. Wir haben noch die Zulassung als Seeschiff.

 

Die MS Stubnitz: Zeugin der Zeit

 

Wäre ein dauerhafter Liegeplatz nicht günstiger, ohne die Möglichkeit zu fahren?

Ich halte den Funktionserhalt des technischen Denkmals für wichtig. Wenn wir den Status als Seeschiff aufgeben, brauchen wir eine baurechtliche Genehmigung. Dann müssten wir die Türen umbauen, und auch die Stolperkanten, die auf See Sinn machen. Dann würde das Schiff aber auch an Authentizität verlieren. Es gibt Denkmalschiffe, die von außen die Silhouette haben, aber innen ist es auswechselbar.

Was macht die Stubnitz so besonders?

Sie ist eines der wenigen noch erhaltenen Schiffe mit einer überragenden Aussagekraft. Als Zeitzeugin erzählt sie von deutscher Schiffbauleistung und von der großen Hochseefischerei. Und natürlich hat es mittlerweile eine Historie als Ort der tausend Subkulturen. Als Spielstätte hat sie die richtige Größe, und auch die Flexibilität, diese Genres abzubilden. Und einen richtig guten Konzertsaal. Für mich hat der Laderaum 4 die ultimative Akustik.

Deshalb muss die Stubnitz erhalten bleiben?

Es geht um das Schiff, aber auch um die Musik. Solange aus der ganzen Welt spannende Bands hierherkommen, wäre es schade, aufzugeben. Künstler, die nicht von der Wirtschaft vermarktet werden, spielen gerne bei uns. Sie können an Bord übernachten und bekommen eine warme Mahlzeit. Schließlich wird in Deutschland fast nur die Musikkultur gefördert, die schon lange Vergangenheit ist. Das musikalische Erbe wird gepflegt – aber die aktuelle Musik wird dem Kommerz überlassen.

MS Stubnitz.com


Szene-Hamburg-juni-2019 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Juni 2019. Das Magazin ist seit dem 25. Mai 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Gegen das Holocaust-Vergessen – Erinnerungen an Rosa

Mit Theater, Musik und Kunst wird vom 20. bis 25. Mai im Wilhelmsburger „Tor zur Welt“ an deportierte Sinti und Roma erinnert

Text: Karin Jirsak
Foto: Tobias Corts

Ihr Markenzeichen war eine Rose im Haar, weshalb man die Kurzwarenhändlerin Amanda Mechau nach dem Krieg liebevoll „Rosa“ taufte. Nicht nur in den Straßen Wilhelmsburgs war sie sehr bekannt für ihre zupackende Art und ihre Großherzigkeit, aber auch wegen ihrer markanten Erscheinung. „Sie hat oft auf dem Stübenplatz gestanden und einen Zigarrenstumpen in einer kurzen Pfeife geraucht“, weiß Christiane Richers, Initiatorin der Veranstaltungsreihe „Zeich(n)en gegen das Vergessen“.

Heute gibt es nur noch zwei Zeitzeugen, die sich an dieses und andere Bilder der Hamburger Holocaust-Überlebenden Amanda „Rosa“ Mechau erinnern. Es gibt kein Buch über ihre bewegte Geschichte, keinen Wikipedia-Eintrag im Netz. Gerade deshalb ist Rosa die passende Patin für ein interdisziplinäres Kunstprojekt, das vom 20. bis zum 25. Mai im Wilhelmsburger Bildungszentrum „Tor zur Welt“ an die Geschichten deportierter Sinti und Roma erinnert – mit einer Ausstellung, Theaterstücken, Gesprächen und Musik.

 

Große und impulsive Porträts

 

Rosa Mechau, geboren 1913, starb Anfang der 1980er Jahre in Harburg. Seitdem sind fast vierzig Jahre vergangen. Mit den Zeitzeugen verschwinden auch die Erinnerungen – dem entgegenzuwirken hat sich der Maler und Fotograf Manfred Bockelmann seit sieben Jahren zur Lebensaufgabe gemacht; seine Porträts wurden unter anderem in Wien, Barcelona und New York ausgestellt. Insgesamt 35 seiner bislang 180 Zeichnungen werden nun in der Pausenhalle des Helmut-Schmidt-Gymnasiums zu sehen sein.

Die mit Kohle auf Jute gezeichneten Porträts zeigen vor allem Kinder und Jugendliche, die in Konzentrationslagern zu Tode kamen. „Ich wollte diese Porträts auf sperrige, große Formate bringen, weil der Betrachter einen stärkeren Impuls erhält, sich mit dem einzelnen Schicksal zu beschäftigen“, erklärt Bockelmann.

 

 

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Ein Porträt, das der Künstler eigens für die Ausstellung anfertigt, hebt nun auch Rosa Mechau aus dem Dunkel des Vergessens. Am 20. Mai wird die Ausstellung eröffnet – genau 79 Jahre nach dem Tag, an dem die vor dem Krieg in Harburg lebende Sintiza mit ihrer Familie in das Konzentrationslager Belzec in Ostpolen deportiert wurde. Zwei ihrer Kinder verhungerten dort, Rosa überlebte. Traumatisiert kehrte sie zurück, aber zum Trauern blieb wenig Zeit.

Bald nahm sie ihre Händlerinnentätigkeit wieder auf. Auf ihren Geschäftswegen durch Wilhelmsburg und Harburg begegnete sie vielen, die im Krieg alles verloren hatten. Sie half, wo sie konnte, besorgte, was nötig war, brachte Brot, Leberwurst und Margarine in die sogenannten Nissenhütten, zu den Ärmsten der Armen, ohne Gegenleistung. „Iss erst mal“, sagte sie dann, wie Zeitzeugen und Theater-am-Strom-Regisseurin und Autorin Christiane Richers berichteten.

 

Rosa im Theater begegnen

 

Dank Gesprächen mit ihnen und umfangreichen Recherchen im Stadtarchiv ergab sich bei den Vorbereitungen der Veranstaltungsreihe ein sehr lebendiges Bild von Amanda Rosa Mechau, aus dem sich das Stück „Rosa begegnen“ entwickelte. Im Rahmen von „Zeich(n)en gegen das Vergessen“ stellt Theater am Strom die noch in der Entstehung befindliche Produktion erstmals vor, nach der Veranstaltungsreihe wird das Stück in das dauerhafte Programm des Theaters aufgenommen.

Mit „Fruchtschuppen C – Ab Hamburg Ab“ führt eine weitere Theater-am-Strom-Produktion in die HafenCity, wo eine bunt gemischte Besichtigungsgruppe mit der Geschichte der Verfolgung von Sinti und Roma konfrontiert wird. Dem Thema widmet sich auch die szenische Lesung „Spiel Zigeunistan“, basierend auf Gesprächen mit zwei Mitgliedern der Wilhelmsburger Sinti-Familie Weiss. Zum Abschluss der Reihe verbindet das Kako Weiss Ensemble Musikstücke der jiddischen und Sinti-Tradition mit modernen Jazz-Einflüssen.

Nach dem Auftakt in Wilhelmsburg wird die Reihe „Zeich(n)en gegen das Vergessen“ im September in der Zentralbibliothek weitergeführt, im Oktober zeigt die Studiobühne des Ernst-Deutsch-Theaters die Uraufführung von „Rosa begegnen“ – denn ihre Geschichte darf gerade heute nicht vergessen werden. Richers: „Uns ist es wichtig, ein Zeichen zu setzen gegen den in manchen Kreisen verbreiteten Wunsch, die Vergangenheit ruhen zu lassen.“

Zeich(n)en gegen das Vergessen: Bildungszentrum Tor zur Welt, 20.-25.5


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Mai 2019. Das Magazin ist seit dem 27. April 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Operation Ton #12 – Konzerte und Workshops im Bunker

Initiiert von RockCity Hamburg e. V., werden bei Operation Ton #12 musikalische Zukunftsfragen am 29. und 30. März per Konferenz und Festival geklärt.

Text: Erik Brandt-Höge
Foto: Robin Hinsch

Judith Holofernes, PeterLicht, H. P. Baxxter, BOY, Enno Bunger: Die Liste der Operation Ton-Gäste seit der Erstausgabe 2007 liest sich so imposant wie divers. Liegt natürlich an der Ausrichtung der Konferenz- und Festivalreihe: Alle denkbaren popkulturellen Bereiche sollen beleuchtet, besprochen und weitergedacht werden.

Musiker und Musikschaffende aus dem gesamten Bundesgebiet kommen hierfür zusammen, im Resonanzraum, dem OT-Hauptquartier und an vielen weiteren Spielorten rund um den Hamburger Medienbunker, um ihre Themen zu diskutieren. Workshops, Labore, Lesungen, Konzerte: Das Programm ist immer pickepackevoll, auch in diesem Jahr. Die Organisatoren von RockCity Hamburg e. V. – Zentrum für Popularmusik haben keine Mühen gescheut, um den OT-Teilnehmern zwei Tage lang bestmögliches Infotainment zu bieten.

Das jetzige Motto: „UNITY!“ Logisch, dass ein Ziel der Veranstaltungen die Verschworenheit aller Anwesenden ist. Es geht um Schulterschlüsse und die gemeinsame Entwicklung von Ideen, wie ein Überleben im Musikgeschäft auf Dauer möglich ist.

 

Bühnengespräche, D. I. Y. und Fehler, die voranbringen

 

Unter anderem sicherlich erlebenswert: ein Bühnengespräch mit Gudrun Gut über D. I. Y. und Selbstvermarktung, das ebenso für den ersten OT-Tag angesetzt ist wie ein Panel zum Thema „Welche Stadt braucht die Musik?“, bei dem auch Andrea Rothaug von RockCity anwesend sein wird. Und ein Talk am Tag darauf mit Gereon Klug und Andreas Dorau über Fehler. Ja genau: Fehler, und wie diese einen irgendwie doch weiterbringen und womöglich zum nächsten großen Hit führen können.

Diese und alle weiteren Programmpunkte von Operation Ton besitzen freilich eine ziemliche Branchenwichtigkeit. Denn wo und wie sonst können diejenigen, die mit und für die Musik arbeiten, so viele spannende Gleichgesinnte und neue Impulse finden?

Holt euch eure Tickets für Operation Ton im SZENE HAMBURG Ticketshop, in Kooperation mit Reservix.

 

Operation Ton: 29. + 30.3., an diversen Orten in Hamburg.


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, März 2019. Das Magazin ist seit dem 28. Februar 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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EQ:booking: Gleichheit Feiern mit Queeren Acts

Stay Queer: Donna Stark (35) und Hark Empen (29) wollen Hamburgs Musikszene bunter machen. Deshalb starten sie nun mit ihrer Agentur EQ:booking voll durch.

Interview: Mirko Schneider
Foto: Carsten Rabe

SZENE HAMBURG: Donna und Hark, fehlt es in der Hamburger Musikszene an Gleichberechtigung und Emotionaler Intelligenz?

Hark: Wir kennen einige Leute, die Bookings für unterschiedliche Partys und Veranstaltungen machen und eigentlich eine coole Einstellung haben. Leider hörten wir von ihnen oft Ausreden. Sie sagen, es gäbe ja gar nicht so viele weiblich gelesene Personen, die coole Musik machen. Wir wollen eine Sichtbarkeit für diese Artists schaffen.

Donna: Die Hamburger Szene ist insgesamt offen. Trotzdem fehlt es aus unserer Sicht auf den Bühnen und hinter den DJ- und Mischpults an Diversität. Deshalb haben wir mit EQ:booking eine Agentur für Musik-Acts und Performance- Künstlerinnen gegründet.

Auf Facebook schreibt ihr: „EQ:booking stands for enthusiastic artists who got their own sound and style. Focuses on community building, we promote diversity in the music industry.“ Also steht das „Q“ in EQ: für „Queer“?

Donna: Das ist eine der Bedeutungen. Equality und Equalizer haben wir auch noch im Angebot.

Hark: Und Emotional Quotient.

Arbeitet ihr ausschließlich mit Künstlerinnen zusammen?

Hark: Nein. Uns geht es um die Einstellung, nicht um das Geschlecht. Wir haben halt beide auch ganz bestimmte Erfahrungen gemacht.

 

„Bin ich mit meinem Freund unterwegs, kommen blöde Kommentare“

 

Erzählt doch mal bitte.

Hark: Ich habe mich in meinem Soziologie-Studium lange theoretisch mit der Materie befasst. Und ich gehe seit vielen Jahren gerne auf Techno und House-Partys. Da fiel mir auf, wie krass maskulin dort einige unterwegs sind. Bin ich mit meinem Freund unterwegs, kommen blöde Kommentare vor. Und zwar grundsätzlich von Männern. Von Frauen bin ich noch nie blöd angemacht worden, wenn ich mit meinem Freund rumknutsche.

Mein Ziel ist es, aus Veranstaltungen und Partys Räume zu machen, in denen sich alle wohlfühlen. Das fängt mit der Repräsentation verschiedener soziodemografischer Merkmale bei den Musiker und Musikerinnen an. Deshalb wollte ich hier etwas tun und fand die Idee der Gründung der Agentur total gut. Wir wollen mit Leuten zusammenarbeiten, die ein gewisses Bewusstsein für verschiedene Formen von Ausgrenzung und Diskriminierung haben und diese auch intersektional betrachten. Das betrifft sowohl die Agentur als auch unsere Künstler und Künstlerinnen.

Donna: Genau. Das Geschlecht spielt da keine große Rolle. Wir wollen mit Menschen zusammen sein, die für Equality und feministische Grundsätze einstehen. So ist auch die Agentur gestrickt. Mit Gwen Wayne und Willing Witness, zwei unserer starken Künstlerinnen aus der Techno-Ecke, haben wir genau solche Mitstreiterinnen gefunden, mit denen wir gemeinsam die Agentur betreiben. Wir wollen uns für Menschen starkmachen, die nicht dem üblichen Raster entsprechen und somit einfach weniger Chancen haben.

Das merke ich ja auch als Frau. Seit fast 20 Jahren mache ich Veranstaltungen im subkulturellen Bereich, arbeite zudem als Türsteherin. Im Hamburger Nachtleben kenne ich mich also aus. Und von Sexismus oder Diskriminierung bin ich einfach öfter betroffen als weiße deutsche Männer. Ich umgebe mich daher gerne mit Menschen, die solche Zusammenhänge begreifen. Begreifen kann sie aber jeder – und ich will keinesfalls das Verhalten aller Männer über einen Kamm scheren. Das wäre ungerecht.

 

Hört hier ein Set von Willing Witness im EQ:Podcast

Was könnt ihr besonders empfehlen und welche Bandbreite habt ihr zu bieten?

Donna: Wir machen aktuell für 13 Artists das Booking und empfehlen können wir wirklich alle! (schmunzelt) Und die Bandbreite ist schon sehr groß. Es ist keine Musik von der Stange. Wir sagen oft: Gibt es einen dritten Floor, liefern wir die Live-Acts dazu. Mit Gwen Waynes Shitstormtechno, dem Concrete Techno von Willing Witness, dem Raw Techno von Esshar und natürlich Lucinee gibt’s eine Menge Techno auf die Ohren. Ghetto Tek ist das Härteste, was wir haben. Von Terrorrythmus, er ist als DJ und Producer aktiv. Die Raverinnen von MyBadSister habe ich, als ich mit der MS Stubnitz in London war, kennengelernt. Ebenfalls sehr guter Stoff.

Hark: Dann natürlich noch Franz Albers und Käpt’n Kruse. Sie interpretieren Schlagermusik völlig neu. Ich höre nie Schlager. Bei diesem weiblichen Duo mache ich eine Ausnahme. Ist sehr cool. Und Gaff E, sie macht Psychedelic Cave Pop. Bei Ihr müssen die Promoter ein bisschen mutiger sein.

 

Hier könnt ihr Franz Albers und Käpt’n Kruse hören

Wieso?

Donna: Weil sie gerne mal das eine oder andere Teil auf der Bühne auszieht, wenn sie in Stimmung dazu ist. Sie setzt das aber nicht sexy ein, sondern schockiert gerne damit.

Gibt es für eure Agentur schon besondere Erfolge zu verzeichnen?

Donna: Kommt drauf an, wie man Erfolg definiert. Ein Highlight ist für uns sicher, dass unsere Ostberliner Rapper Ostberlin Androgyn jetzt ein Tape rausgebracht haben. Wenn deren Platte Ende April erscheint, werden wir im Hafenklang eine Release-Party schmeißen. Da freuen wir uns sehr drauf.

Hark: Ein gelungener Live-Act in einem coolen Club kann genauso geil sein wie ein Soli-Gig in der Flora, für den wir dann natürlich keine Booking Fee nehmen.

Donna: Grundsätzlich gehen wir nicht rein ökonomisch an die Sache ran. Uns ist die Netzwerkstruktur wichtig. Wir wollen Leute zusammenbringen, die sich untereinander stärken, die wie wir Lust auf eine solidarische Herangehensweise haben und gemeinsam Spaß haben wollen. Wir wollen in unserer schwierigen Position in der Mitte zwischen Promotern und Artists für alle das Beste aushandeln, sodass nachher alle zufrieden sind. Wir laufen allerdings keinem Promoter hinterher, der nicht mit uns arbeiten mag. Wir konzentrieren uns auf die, die Bock auf uns haben.

Und wie sind die Rückmeldungen aus der Szene bisher?

Donna: Sehr positiv.

Hark: Mittlerweile werden wir bekannter und auch schon angesprochen. Wir kriegen Rückenwind. Das fühlt sich gut an.

EQ:booking


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, März 2019. Das Magazin ist seit dem 28. Februar 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Auf einen Song mit … Sepalot

Der einstige Blumentopf-DJ Sepalot führt mit dem Sepalot Quartet Beats und Jazz zusammen und gibt Empfehlungen aus beiden musikalischen Lagern.

Interview: Erik Brandt-Höge
Foto: Nico Reger

SZENE HAMBURG: Sepalot, wir brauchen Beats und Bässe! Welche drei Tracks hauen uns von jetzt auf gleich vom Hocker?

Son Lux: „Easy“. Ich liebe den arty und verspulten Ansatz von Son Lux. Ist einfach eine super interessante Band. Von „Easy“ gibt es auch eine gute Orchesterversion, zusammen mit Woodkid.

Uffe: „My Love Was Real“. Das ganze Album „Radio Days“ ist sehr fein. Ich mag die Mischung aus BoomBap-Sample-Ästhetik und UK Dance Music.

World’s Fair: „Elvis’ Flowers (On My Grave)“. Das ist der Rap-Song, der mich 2018 am meisten umgehauen hat. So schön durchgeknallt. Wie ein Update von „ The Pharcyde“.

 

„HipHop hat sich schon immer viel beim Jazz ausgeborgt.“

 

Okay, und jetzt wieder runterkommen – am liebsten mit Jazz! Hast du hierfür auch drei Stücke parat?

Web Web: „Land Of Arum Flower“. Web Web ist das Jazz-Projekt meines geschätzten Kollegen Roberto Di Gioia aus München. Roberto ist ein begnadeter Pianist. Diese Platte im Stil des Spiritual Jazz der 70er Jahre ist einfach fantastisch.

Fazer: „White Sedan“. Das Münchner Quintett um Martin Brugger (a. k. a. Occupanther) ist New Generation Jazz. Die Jungs sind sowohl mit Clubmusik als auch mit dem Jazz bestens vertraut.

Matthias Lindermayr: „Massave“. Schon wieder ein Münchner! Ja, es tut sich gerade was in der Stadt. Matthias hat nicht nur den schönsten Trompetensound, er ist auch ein Teil des Sepalot Quartets und hat 2018 sein zweites Soloalbum „New Born“ über Enja Records veröffentlicht.

Du mixt nun auf der Bühne die Vom-Hocker-Hauer-Beats mit Jazz. Warum gehören diese musikalischen Puzzleteile zusammen?

Ich war viele Jahre im HipHop zu Hause. Ein Genre, dass sich schon immer viel beim Jazz ausgeborgt hat. Und jetzt, da ich nach meiner Zeit bei Blumentopf ohne Rapper auf der Bühne stehe, ist wieder Platz in meiner Musik. Der Jazz schließt die Lücke, und es fühlt sich ganz natürlich an.

Sepalot: 15.2.19, Birdland, 20 Uhr

 

Hört hier „Rainbows“ von Sepalot


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Februar 2019. Das Magazin ist seit dem 26. Januar 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Dendemann – Deutsch-Rap braucht den Schmutz

Nach dem „Neo Magazin Royale“ ist vor dem Solo-Comeback: Dendemann hat mit „da nich für!“ ein neues Album veröffentlicht und erklärt im Interview, wie sich seine Arbeitswelt seit dem TV-Engagement verändert hat.

Interview: Erik Brandt-Höge
Beitragsfoto: Nils Müller

SZENE HAMBURG: Dendemann, gleich im ersten Track deines neuen Albums, „Ich Dende also bin ich“, hälst du über dich fest: „Er stinkt nach Mythos.“ Wie ist dein Verhältnis zur eigenen Vergangenheit?

Dendemann: Was meine Zeit im Rap angeht, bin ich damit auf jeden Fall mehr im Reinen, als ich es eigentlich sein dürfte (lacht).

Wie meinst du das?

Ich empfinde auch für meine schwachen Momente so gut wie keine Scham. Mich stört fast nichts. Im Laufe meiner Karriere habe ich allerdings auch sehr darauf geachtet, dass ich das im Nachhinein sagen kann.

 

„Ich empfinde auch für meine schwachen Momente so gut wie keine Scham

 

Und das Genre Deutschrap an sich: Siehst du die Veränderungen, die es in den vergangenen 20 Jahren gab, ähnlich entspannt?

Wenn ich die heutige Gesamtsituation beschreiben sollte, würde ich sagen: Es gibt sowohl Sodom und Gomorrha als auch Milch und Honig. Was aber auch gut so ist. Früher war ich überzeugt, dass es am besten wäre, wenn es im Deutschrap nur Gutes geben würde. Das war aber eine ganz schwache Denke von mir.

Inwiefern?

Die Vielfalt bringt zwar auch alles Hässliche ans Tageslicht, aber dieses Genre braucht den Schmutz, damit Perlen daraus hervorgehen können.

Beide Extreme sind heute schnell verbreitet. Während du noch aus der Demo-Tapes-aus-dem-Kofferraum-verkaufen- Generation stammst, laden Kids heute fertig produzierte Tracks hoch und gelangen per Mausklick in jedes Jugendzimmer. Eine gute Entwicklung?

Letztendlich ist das doch sehr HipHop, weil es völlig frei ist und sich die Künstler niemandem gegenüber anbiedern müssen.

Hast du deine Arbeitsweise auch verändert?

Ja, und das ist vor allem durch mein Engagement beim Fernsehen passiert. Bis ich beim „Neo Magazin“ war, dachte ich, ich müsste nie etwas anders machen, müsste mich nicht von Projekt zu Projekt neu erfinden. Um den Slot in der Show aber zu erfüllen und dabei auch meinen Ansprüchen gerecht zu werden, musste ich umdenken.

 

„Ich habe schnell gelernt, dass jedes Thema ein Songthema ist“

 

Erzähl mal!

Ich sollte ja jede Woche ein kleines Lied abliefern, und das sollte auch noch immer zu einem bestimmten Thema passen. Ich habe also schnell gelernt, dass jedes Thema ein Songthema ist, aber auch, dass wenn das Thema brisant ist, also z. B. politisch aufgeladen, es gefühlt gleich doppelt so viel Arbeit macht.

Wie hast du dich also auf eine Sendung vorbereitet?

Immer dienstagsnachmittags kam eine Mail aus der Redaktion mit den neuen Themen. Dazu habe ich mir dann ein brauchbares fremdes Stück Musik aus den Neuheiten gepickt und bis zum Abend an die Band geschickt. Und mittwochs, auf dem Flug nach Köln, habe ich angefangen, den Songtext zu schreiben.

Klingt nach Stress. Wie gut kannst du unter Druck arbeiten?

Ich bin relativ druckresistent bei Sachen, die viele andere Leute unter Druck setzen – nicht aber bei der Bringschuld, die ich in der Show und gegenüber dem Gebührenzahler hatte. Anfänglich habe ich mich bei der Arbeit echt ein bisschen gequält.

 

„Ich hab mich bisher definitiv nicht kaputt gemacht “

 

Was hat es besser gemacht?

Ich habe einen Sinn und irgendwie auch eine Notwendigkeit in dem gesehen, was wir da auf die Beine gestellt haben. Und ich hatte den Rückhalt einer Satireshow mit dem Auftrag, den Zeigefinger voll auszufahren und dabei auch noch zynisch zu lachen. Das hat mir Sicherheit für bestimmte Themen gegeben, genau wie die Gewissheit, dass wir immer wieder etwas bewirken können.

Apropos Arbeit: Auf dem Album sticht jetzt ein weiterer Song heraus, nämlich „Menschine“. Darin geht es um ein Nur-noch-Arbeiten und ein Sich-selbst- Ausbeuten. Geschrieben aus eigener Erfahrung?

Nee, dieses Gefühl von zu viel Arbeit habe ich eigentlich schon immer und konstant verhindert, schon bevor ich etwas mit Rap gemacht habe. Ich habe mich bisher definitiv nicht kaputt gemacht und immer pausiert, wenn ich fand, dass es richtig war.

Liegt dir das saisonale Arbeiten, wie es in der Musikindustrie gepflegt wird, also besonders gut?

Genau. Die Seasons sind hier immer gleich: Promo-Rutsche, Veröffentlichung, Tour, Festivals. Wie diese Zahnräder ineinandergreifen, kann man sich gar nicht schöner ausdenken. Sie können eigentlich nur vom Burn-out angehalten werden. Deshalb ist es auch immer noch eine perfekt funktionierende Industrie. Ich kann nicht meckern (lacht).

26.+27.2.19, Mehr! Theater, 20 Uhr – SZENE HAMBURG verlost 2×2 Gästelistenplätze für den 27.2. E-Mail mit Betreff „Dende“ bis 15.2. an verlosung@vkfmi.de


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Februar 2019. Das Magazin ist seit dem 26. Januar 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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