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SEAT Cruise Inn: Gentleman spielt Autokonzert

Gentleman ist nur einer von vielen Top-Künstlern, die auf dem Gelände des Cruise Centers Steinwerder Konzerte spielen – vor Menschen in Autos. Wie sich das anfühlt und welche Vorteile die Autokino-Shows bieten, erzählt Gentleman im Interview

Interview: Erik Brandt-Höge

 

Eine 154 Quadratmeter große Bühne, eine 220 Quadratmeter große LED-Leinwand und mehr als 600 Autos: Das ist das SEAT Cruise Inn in Zahlenform. Errichtet wurde dieser neue Hotspot für Film- und Konzertliebhaber auf dem Gelände des Cruise Centers Steinwerder. Und klar, Filmvorführungen in Autokinos waren, sind und bleiben Garanten für besondere Besuchererlebnisse – vor allem, wenn wie in Steinwerder im Hintergrund die Sonne zwischen den Hafenkränen untergeht. Aber Konzerte im Autokino? Geht das? Das geht – sagt zum Beispiel Gentleman, der kürzlich seinen ersten Live-Auftritt in einem Autokino hatte. Neben unter anderem Joris (8.7., 21 Uhr) und Alligatoah (11.7., 21 Uhr) tritt der Reggae-Star auch beim SEAT Cruise Inn auf (7.7., 21 Uhr).

 

SZENE HAMBURG: Gentleman, hast du aktuell ein Auto?

Gentleman: Habe ich, eine schöne A-Klasse.

Bist du damit mehr so der Racer oder der Cruiser?

Sagen wir es mal so: Ich bin der Zügige.

Auch in deiner regelmäßigen Wahlheimat Jamaika? Fährst du dort selbst?

Ich bin dort schon selbst gefahren, versuche es aber immer zu vermeiden – wegen des Linksverkehrs. Ich habe auf Jamaika mal ein Schild gesehen, auf dem Stand: „I survived the road to Negril.“ (lacht) Es ist einfach ein anderer Schnack, dort Auto zu fahren. Ich mache es wirklich nur, wenn ich muss, und dann auch lieber auf dem Land als in der Stadt. Der Verkehr in Paris ist ein Witz gegen den in jamaikanischen Städten.

Bist du auch schon mal als Gast in einem Autokino gewesen?

Noch nie! Obwohl es in Köln-Porz ein Autokino gibt, an dem ich schon oft vorbeigefahren bin. Bestimmt schon seit 15 Jahren sage ich: „Hey, nächste Woche gehe ich mal ins Autokino!“ Aber geschafft habe ich es bisher noch nicht. Dafür hatte ich gerade mein erstes Autokino-Konzert …

… in Hannover, darüber müssen wir auch gleich sprechen. Aber kurz vorweg: Hattest du vor Corona jemals die Idee, ein Autokino-Konzert zu geben?

Nee nee, so ein Konzert hatte ich nie im Kopf, die Idee dazu kam tatsächlich erst durch Corona. Ich sehe eine Autokino-Show auch nicht als Alternative zu einem normalen Live-Konzert, eher als Überbrückung.

Wie standest du der Autokino-Idee denn anfänglich gegenüber?

Ich war erst mal sehr skeptisch. Ich habe mich gefragt, wie man in einem Autokino eine Connection mit Leuten aufbauen kann, die hinter einer Scheibe sitzen. Ich wollte ja nichts Halbgares, sondern eine Beziehung aufbauen können. Außerdem konnte ich mir vorstellen, dass sich so eine Autokino-Show auch ziemlich lang anfühlen kann (lacht).

 

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Platz für mehr als 600 Autos: SEAT Cruise Inn (Foto: SEAT Cruise Inn)

 

Hast du die Skepsis noch vor deinem ersten Autokino-Konzert loswerden können?

Ich habe mit Künstlern gesprochen, die so was schon gemacht hatten, zum Beispiel Peter Brings. Der meinte zu mir: „Ich hätte nicht gedacht, dass mich Autos mal zum Weinen bringen könnten!“ Er hat sehr geschwärmt. Und dann hat sich irgendwann bei mir der Gedanke eingeschlichen, dass ein Konzert im Autokino gerade auch besser ist als nichts.

Es ist eine Live-Show und für mich und meine Band die Möglichkeit, mal wieder auf einer Bühne zu stehen und vor Leuten zu spielen. Es ist zwar ein Tropfen auf den heißen Stein, aber wir wissen ja nicht, wann das normale Spielen weitergehen wird. Ich wollte es irgendwann also einfach mal ausprobieren.

Und wie war’s? 

Sehr skurril (lacht). Aber so skurril, dass es auch schon wieder gut war. Eine richtige Beziehung zu den Menschen konnte ich am Anfang nicht aufbauen, auch wenn die Lichthupen gingen und viele Hände aus den Autos kamen. Ab der Mitte des Konzerts bin ich dann zwischen den Autos herumgegangen – und dann ist es auch passiert. Dann kamen Emotionen auf. Ich saß auf Motorhauben und bin auf Stoßstangen herumgehüpft – das war schon abgefahren! Da habe ich zudem gemerkt, wie sehr ich das direkte Feedback eines Publikums vermisst habe.

War der Gang in die Automasse geplant? Oder musstest du irgendwann zu den Leuten, um für dich mehr Konzertgefühle aufkommen zu lassen?

Vor Konzerten frage ich immer die Stage-Hands, wo der Bühnenabgang ist – falls es mich mal juckt. Und es juckt mich oft. Geplant ist davon nichts, auch im Autokino nicht. Allerdings gehe ich bei normalen Konzerten meistens erst beim letzten Song oder nach der Zugabe ins Publikum.

Im Autokino war das schon sehr früh, und ich habe dann tatsächlich auch den Rest des Konzerts auf dem Parkplatz anstatt auf der Bühne verbracht.

Wie hast du eigentlich die Momente hinter der Bühne erlebt, in denen an sich ja immer Spannung aufkommt?

Hinter der Bühne war es eine ganz eigene Spannung. Es war total ruhig, fast gespenstisch. Man hätte eine Nadel fallen hören können. Vor dem Konzert stand ich mit der Band da, und wir dachten: „Hoffentlich kriegen wir das Ding hier geschaukelt!“ (lacht)

Umso schöner war dann natürlich der Moment, als wir es auch geschaukelt haben. Es gibt ja Konzerte, da hat man vorher das Gefühl, gleich alles abzufackeln, und dann geht aber gar nichts. Umgekehrt, also wenn man ein hartes Stück arbeitet, erwartet und dann alles klappt, fühlt sich das auch besonders gut an. Letzteres war im Autokino der Fall. Die Autoscheiben konnten uns nicht aufhalten.

Und was war das Schönste am Autokino-Konzert?

Am schönsten war es, nicht zu wissen, was passieren wird. Das mag ich allgemein sehr. Außerdem war es vom Sound her eines der besten Konzerte, die wir je gespielt haben. Und der Sound, den wir auf der Bühne hatten, den hatten die Leute ja auch im Auto. Für beide Seiten war es klanglich fast wie im Studio, absolut perfekt. Da macht mir das Singen auch besonders viel Spaß.

cruise-inn.de


Szene_Juli_2020_Cover SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Juli 2020. Das Magazin ist seit dem 27. Juni 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Hinter den Kulissen: Im Backstage der Stadt

Um die Backstage-Bereiche der Clubs ranken sich oft wilde Legenden. In Pandemie-Zeiten sind auch sie verlassen. Eine Bilderserie

Text: Ole Masch

 

Die Musikclubs wurden von der Corona-Pandemie hart getroffen und bleiben nach wie vor geschlossen. Um Nachtschwärmern trotzdem einen Einblick in ihre Lieblingsorte zu bieten, zeigt SZENE HAMBURG Fotos von Räumen, die Besucher in der Regel nicht zu sehen bekommen: Die Backstage-Bereiche. Entstanden ist eine starke Bilderserie verwaister Räume. Um zu verdeutlichen, wie lange sie als wichtiger kultureller Bestandteil bereits fehlen, zeigen Bildunterschriften, wer sich hier als letztes und zu welchem Anlass aufgehalten hat.

 

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Fundbureau: Seit dem 7. März ist zu. Damals waren die Racing Snails vom Gaggalacka-Festival geladen (Foto: Claudia Mohr)

 

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Hafenklang: Zuletzt saßen hier die Mitglieder der Band Blaue Bume aus Dänemark, die am 12. März das letzte Konzert vor Corona spielten (Foto: Claudia Mohr)

 

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Baalsaal: Yulia Niko legte hier zuletzt am 14. März bei Electronic Red Light auf (Foto: Claudia Mohr)

 

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Astra Stube: Am 12. März spielten Ryskinder aus Israel vor knapp 60 Leuten. Support war Grundeis aus Hamburg. Einen Tag später wurde, zunächst auf eigene Initiative hin, geschlossen (Foto: Claudia Mohr)

 

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Waagenbau: Am 7. März wurde hier die letzte Party gefeiert. Bei VER:Bunden spielten Martha von Straaten & Bebetta (Foto: Claudia Mohr)

 

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Yoko: Bei der großen b2b Nacht „Affaire d`amour“ spielten 3 DJ-Teams die ganze Nacht House Musik. Kurz darauf wurde dicht gemacht (Foto: Claudia Mohr)

 

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Terrace Hill: Letztes Konzert war Blind Ego am 2. März. Nach dem Social Developers Club am 7.3. wurde abgeschlossen (Foto: Claudia Mohr)

 

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Molotow: Der letzte Künstler im Laden war der Hamburger Poetry Slammer Hinnerk Köhn am 12. März mit seiner Solo- Show „Bitter“. Die letzte Band Pyogenesis am 6. März. In den zurückliegenden dreieinhalb Monaten hätten eigentlich knapp 100 Bands hier im Backstage abgehangen (Foto: Dorothea Bader)

 

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Mojo: Unmittelbar vor dem Lockdown, am 8. März, gab es für Blues-Rockstar Marcus King Getränke im Backstage (Foto: Ole Masch)

 

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Turtur: Am Donnerstag den 12. März gab es das letzte Mal Open Decks mit Tischtennis, Kicker, Techno & Oldies bei Lümmelkiez (Foto: Claudia Mohr)


Szene_Juli_2020_Cover SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Juli 2020. Das Magazin ist seit dem 27. Juni 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Soundlotsen: Hamburger Tonstudios im Porträt

Thomas Soltau, Sascha Krüger (Autoren), Thomas Duffé (Fotograf), Florian Zeh (Grafiker) und Alex Gramlich (Ideengeber und Interviewkoordinator) haben für das Buchprojekt „Soundlotsen“ Hamburger Tonstudios und deren Betreiber porträtiert. Ein Gespräch mit Soltau über Frank Spilkers Rumpelhäuschen, Franz Plasas XXL-Aufnahmeareal und Dennis Rux’ 60s-Sound-Labor

Interview: Erik Brandt-Höge

 

SZENE HAMBURG: Thomas Soltau, im Vorwort von „Soundlotsen“, das am 24. April erschienen ist, heißt es, ihr hättet vor der Arbeit daran keine Ahnung gehabt, welche Schätze in Hamburgs Tonstudios auf euch warten würden. Was habt ihr euch denn zumindest erhofft, dort zu finden?

Thomas Soltau: Gute Geschichten! Denn eins war uns als Kollektiv, das das Buch ohne Verlag gemacht hat, von vornherein klar: Wir wollten keinen Hightech-Porn machen und nur von Ausstattungen und Maschinen erzählen.

Uns ging es darum, zu zeigen, wer die Leute in den Studios sind, was dort passiert, welche Anekdoten es gibt. Und ich muss vielleicht auch noch dazu sagen, dass die fast 20 Studios, die jetzt im Buch zu finden sind, von uns nicht im Vorfeld genauso aufgelistet wurden.

Vielmehr haben wir dieses Projekt peu à peu zusammen geschnibbelt und für die ganze Nummer rund 18 Monate gebraucht. In dieser Zeit kamen immer mehr Studios dazu, die uns von bereits besuchten Studiobetreibern empfohlen wurden. Die haben oft gesagt: „Wenn ihr schon bei uns seid, dann müsst ihr auch noch da und dort hin!“ Es war also ein Prozess.

Die Empfehlung von Studiobetreibern, auch bei Kollegen vorbeizuschauen, zeigt einmal mehr, dass Hamburger Musikschaffende an einem Strang ziehen. Waren sie euch gegenüber auch sofort offenherzig und angetan von der Buchidee?

Es war schon so, dass einige Betreiber uns erst mal ein wenig skeptisch gegenüberstanden. Als sie dann aber gesehen haben, wie viel Leidenschaft in unserer Arbeit steckt, ging die Vernetzung schnell.

Es gab auch überhaupt keine Berührungsängste zwischen Betreibern, die Indie produzieren, und welchen, die seichten Pop machen. Grenzen, von denen viele denken, dass sie da sind, waren einfach nicht da.

Soundlotsen – Die Tour durch das Buch

 

Und wann hast du den ersten Schatz in einem der von dir besuchten Studios entdeckt?

Das war gleich bei meinem ersten Studiobesuch. Ich war zu Gast bei Frank Spilker in dessen Die Sterne Studio. Das hat Spilker in einem kleinen, windschiefen Haus in Altona eingerichtet, es ist so ziemlich der Gegenentwurf zum schicken Hightech-Studio. Es ist ein wenig unaufgeräumt, überall liegen und stehen alte Geräte herum. Es hatte unheimlich viel Charme! Da war ich also zum ersten Mal geflasht.

Und eine richtige Studiomagie habe ich zum ersten Mal in den H.O.M.E. Studios von Franz Plasa erlebt. Plasa prägt die Hamburger Musikszene ja schon seit Jahrzehnten. Er hat ein 500 Quadratmeter großes Studio mit mehreren Räumen, in denen zig Musikgrößen ihre Alben aufgenommen haben, unter anderem Mariah Carey und Depeche Mode.

Und als Plasa erzählte, wie es mit Depeche Mode war, als die bei ihm über mehrere Monate diszipliniert an ihren Songs gearbeitet haben, wurde mir bewusst, was für ein historischer Ort das ist. So historisch, dass, wie Plasa meinte, dort sogar mal zwei Busse voller Depeche-Mode-Fans aus aller Welt vorgefahren sind.

Haben die Betreiber eigentlich häufig die gängigen Klischees erfüllt, die um sie kreisen? Etwa, dass sie kauzig, nerdig, irgendwie verrückt sind?

Da kann ich nur von den Betreibern sprechen, die ich besucht habe, nämlich die Hälfte derer, die im Buch sind, bei der anderen Hälfte war mein geschätzter Kollege Sascha Krüger. Und ich kann sagen, dass ich auf keine Leute gestoßen bin, die solche Klischees bestätigten.

Im Gegenteil: Ich habe die Betreiber als sehr in sich ruhend erlebt, als sehr klar bei allem, was sie im Studio machten, auch als sehr zugänglich. Und wenn ich Franz Plasa fragte, wie es denn im Studio mit dem alten „Sex, Drugs & Rock ’n’ Roll“-Klischee aussehe, bekam ich nur die Antwort: „Die Zeiten sind vorbei.“

Soundlotsen_CoverSo was hätte es noch in den 80er und 90er Jahren gegeben, auch allerhand Extravaganzen von Künstlern, aber heute passiere das nicht mehr. Heute können die Leute sogar ihre Musik zu Hause aufnehmen, und die Betreiber wissen natürlich, dass das, was sie da machen, in Teilen anachronistisch ist.

Wobei man dann wiederum sagen muss, dass es auch Betreiber wie Dennis Rux gibt, der sich in seinen Yeah! Yeah! Yeah! Studios auf den Sound der 60er Jahre fokussiert, genauer: auf den Garage- und Beat-Bereich. Er hat dafür spezielles Equipment wie alte Schlagzeuge und Röhrengeräte, auch ein altes Mischpult, das es so nur zwei- oder dreimal gibt, und das er extra mit einem Lastwagen aus Holland geholt hat – einfach nur, um den gewünschten Sound hinzukriegen. Eine solche Leidenschaft gibt es dann eben doch nur in Tonstudios.

„Soundlotsen“, 24,50 Euro; bestellbar unter: copasetic.de 


Cover Szene Juni 2020 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Juni 2020. Das Magazin ist seit dem 30. Mai 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Lust auf mehr Geschichten aus Hamburg?

 

Interviews: Wie geht es den Hamburger Kulturschaffenden?

Wir haben mit Kulturschaffenden darüber gesprochen, wie sie mit der für sie besonderen Schwere der Pandemie umgehen, was gerade hilfreich ist und was die Krise Gutes bringt.

Interviews: Erik Brandt-Höge

 

Andrea Rothaug, Geschäftsführerin Rockcity Hamburg

Andrea Rothaug (Foto: Simon Heydorn)

SZENE HAMBURG: Mit RockCity seid ihr ein wichtiges Aushängeschild für Hamburgs Kultur, die aufgrund politisch beschlossener Maßnahmen schwer von der Krise betroffen ist. Was macht dir aktuell besonders zu schaffen?

In der Tat, die Musikszene mit Musikern, Musikfirmen und Clubs haben einen nahezu hundertprozentigen Shutdown erfahren. Sie waren die ersten, die betroffen waren und werden die letzten sein, deren Berufe wieder voll ausübbar sein werden. Der Überlebenskampf gleicht einem Windhundrennen um Förderprogramme, digitalen Umsetzungsmöglichkeiten oder betriebswirtschaftlichen Überlebensstrategien. Mich beunruhigt die fehlende Perspektive für eine ganze Branche, deren Produkte wirklich jeder Mensch, ob alt oder jung, arm oder reich, links oder rechts täglich konsumiert. Mich beunruhigt auch die Vorstellung, dass der Verlust von Vielfalt durch die Marktbereinigung, die sich nach der Krise vollziehen kann, in Kauf genommen wird. Und mich beunruhigen diese ganzen Verschwörungswahnsinnigen und der aufkommende, jetzt wirklich ganz und gar evidente weltweite Rassismus, der den Turbokapitalismus vor Menschenrechte stellt.

Gibt es auch Menschen, die euch aktuell besonders unterstützen?

Wir erfahren zurzeit besonders viel Unterstützung von der Hamburger Musikszene, die uns befeuert, sich bedankt oder einfach per Mail ihre Freude über unsere Arbeit ausdrückt. Aber auch die Karsten Jahnke Konzertdirektion, die Haspa Musik Stiftung, PM Blue, Concord Music Publishing und Bands wie die Beginner sowie viele Spender mit großem und kleinem Portemonnaie sind dabei. Auch die Zusammenarbeit mit der Kulturbehörde, aber auch mit den Verbänden der Musik ist momentan sehr wichtig und hilfreich.

Und wie plant ihr die kommenden Monate – wenn ihr denn planen könnt?

Wir planen, in den kommenden Monaten unsere neuen Angebote für die Musikszene, die wir in Corona-Zeiten auf die Beine gestellt haben, zu konsolidieren. Darüber hinaus werden einige bereits bestehende Angebote digitalisiert, andere noch stärker analog erlebbar gemacht. Operation Ton #13 ist ebenso auf Hochtouren in Planung wie aktuell unser Hamburg Music Award Krach+Getöse – beides wird es digital geben. Neu dabei ist der Schwerpunkt „Musik in der Krise“, aber auch noch einmal stärker im Fokus sind neue Wege der Selbstvermarktung für Musikprofis.

 

Sarajane, Musikerin

Sarajane (Bild: Annemone Taake

SZENE HAMBURG: Freiberufliche Künstler leiden derzeit sehr. Wie kommst du mit der Situation zurecht?

Da kann ich nur mehrschichtig antworten. Mir persönlich geht es gut und meiner Familie und meinen Freunden auch, das macht schon mal einiges leichter. Beruflich gesehen, hm … Ich hatte von einem Tag auf den anderen von einem vollen Kalender keine Konzerte mehr übrig und auch keine Aussicht, wann sich das wohl ändern würde. Das war und ist eine völlig neue Situation – für viele. Aber es schweißt auch zusammen. Mein Eindruck ist, dass viele Künstler und Veranstalter etwas enger zusammenrücken.

Nutzt du Streamings, um mit deinem Publikum in Kontakt zu bleiben?

Absolut. Ich mache jeden Dienstagnachmittag um 17 Uhr eine Tea Party auf Instagram (#tuesdaytea). Das begann schon weit vor der Corona-Zeit, aber jetzt ist es auf einmal eine der wenigen direkten Möglichkeiten, mit den Fans und Supportern zu kommunizieren. Ich hatte auch das Vergnügen, bei der Konzertreihe „Quaratunes“ von Karsten Jahnke, PM Blue und Rock- City Hamburg e.V. ein Streaming-Konzert mit Band zu spielen, weil auf der Bühne genug Platz war, um alles mit Abstandsregeln umzusetzen.

Und wie sieht es mit Hilfe in Hamburg aus?

Ich bin sehr froh, dass es in Hamburg die Soforthilfe für Soloselbstständige gibt und der Verein RockCity auch wie wild Spenden für einen Rettungsfond sammelt, um dann Hamburger Künstler zu unterstützen.

 

Axel Schneider, Intendant Altonaer Theater

Axel Schneider (Bild: Bo Lahola)

SZENE HAMBURG: Hamburger Theater leiden sehr unter der Corona-Krise. Worunter leiden Sie besonders?

Das faszinierende am Theater ist die Arbeit im Team. In der Verwaltung, in der Öffentlichkeitsarbeit, mit Regieteams, mit der Technik, mit den Schauspielern. Zudem liebe ich die Beschäftigung mit immer neuen Themen. Das alles ist nun schlagartig weggefallen. Ich finde es verständlich, aber auch bedenklich, dass es in unserer menschengemachten Welt kaum noch ein anderes Thema gibt als Corona. Die Welt, in der wir leben, im Mikrokosmos oder global gesehen, bietet so viele Themen, die fast erschlagen werden von Wirtschaftszahlen und Infektionskurven. Sie fragen nach „leiden“. Ich würde darunter leiden, wenn wir aus dieser Zeit nichts lernen würden!

Und wie gehen Sie mit dieser Situation im Team um?

Genau dieses Team-Building fehlt ja. Die Mitarbeiter, mit denen ich zusammenarbeiten kann, sind großartig. Die vielen, die in Kurzarbeit sind, vermisse ich!

Was halten Sie eigentlich von Kultur per Streaming?

Es ist ein Ersatz, keine Alternative. Wir versuchen bei den Privattheatertagen diesen Weg zu gehen. Denn es ist wichtig, sichtbar zu bleiben und den Menschen ein Angebot zu schaffen, aber auch die Präsenz dessen, was sie als Live-Erlebnis verpassen.

 

Matthias Elwardt, Geschäftsführer Zeise Kinos

Matthias Elwardt (Bild: Heike Blenk)

SZENE HAMBURG: Kinos haben es besonders schwer während der Corona-Krise. Wie meistern du und deine Mitarbeiter diese Zeit?

Das Zeise Kino bevölkern zur Zeit Handwerker. Alle Arbeiten, die für dieses Jahr geplant waren, haben wir vorgezogen. So können wir glänzen, wenn wir endlich wieder Gäste bei uns begrüßen dürfen.

Denkst du, die Wichtigkeit von Kino wird vielen jetzt noch bewusster? 

Ich hoffe, dass das Kino wieder als besonderer, kultureller und sozialer Ort gesehen wird. Wir Menschen sind Gemeinschaftswesen und das Kino bietet einen besonderen Raum der Begegnung. Hier werden wir berührt, verführt und in unermessliche neue Welten entführt.

Bekommt ihr von mancher Seite Unterstützung, für die du sehr dankbar bist? 

Wir sind sehr dankbar dafür, wie viele Zeise-Gäste sich bei uns gemeldet haben, um uns zu unterstützen. Viele haben eine Zeisecard gekauft oder ihre Karte aufgeladen. Auch wurden sehr viele Gutscheine gekauft. Immer wieder rufen Besucher an und fragen, wann wir wieder öffnen, sie würden uns sehr vermissen. Auch die Filmförderung und die Kulturbehörde sind sehr schnell aktiv geworden und haben die „Kino Hilfe Hamburg“ ins Leben gerufen. Ein großes Dankeschön an dieser Stelle für diese Hilfe! Trotzdem haben wir noch eine lange Wegstrecke vor uns.

 

Weitere Interviews mit Persönlichkeiten aus Hamburgs Kulturszene findet ihr in unserem DANKE!-Magazin.


 Das SZENE HAMBURG DANKE!-Magazin ist seit dem 29. Mai 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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KYMAT: Die Stimme der Botanik

Der Hamburger Klangkünstler Sven Meyer veröffentlichte als KYMAT kürzlich sein zweites Album „Sonic Bloom“. Darauf macht er etwa den Sound von Pflanzen hörbar – featuring Das Bo und Carsten „Erobique“ Meyer. Wie und warum, erzählt Sven im Interview

Interview: Erik Brandt-Höge

 

SZENE HAMBURG: Sven, als KYMAT machst du bisher Unhörbares hörbar, nämlich den Sound von Pflanzen. Schon immer ein großer Flora-Fan gewesen?

Sven Meyer: Oh ja, ich liebe es, in der Natur zu sein, Pflanzen sind meine Freunde. Das Wundersame ist ja bei KYMAT: Ich mache Pflanzen hörbar und sichtbar. Die Muster und Formen der Wasser-Klang-Bilder, die durch den Sound entstehen, findet man überall in der Natur wieder. Auf dem neuen Album ist es ein Spiel zwischen Mensch, Maschine und Natur, die dabei zu einer Einheit werden

Wie hast du dir den Klang von Blättern und Stängeln vorgestellt, bevor du sie mit Elektroden verbunden hast?

Ehrlich gesagt: Ziemlich ähnlich, wie sie dann auch klangen. Es ist Nerd-Kram. Um die Sounds entstehen zu lassen, benutze ich einen kleinen Midi-Transformator, der das elektromagnetische Feld der Pflanzen übersetzt. Die Art und Weise, wie die Töne gespielt werden, kann ich also etwas eingrenzen und eine Art Spielplatz programmieren. Die Pflanzen geben mir Random-Signale und -Sounds vor, mit denen ich dann super improvisieren kann. Meine kleinen Mitmusiker sind da sehr kreativ.

Einschlafen, meditieren und in die Sterne gucken solle man zur KYMAT-Musik, heißt es auf deiner Homepage. Wie muss man sich denn deine Grundstimmung und -verfassung beim Arbeiten an den Songs vorstellen?

Ich bin immer eingeschlafen (lacht). Im Ernst, die Musik entspannt einen. Ich habe viele Frequenzen aus der Klangtherapie benutzt, die das Nervensystem beruhigen. Auf „Sonic Bloom“ zeige ich, dass sich Wissenschaft und mystische Welterfahrung nicht ausschließen, sondern ergänzen. Und natürlich war das auch alles sehr spannend, ich schaue mir zum Beispiel erst an, wie ein Sound im Wasser aussieht und mache dann erst den Song so, dass alles auch stimmig klingt.

 

 

Und wie hast du als KYMAT mit etwa Erobique und Das Bo zusammengearbeitet?

Wir hängen immer mal wieder zusammen ab. Bo hat mit seiner super Stimme ein paar zärtliche Sätze auf das Album geflüstert, und Carsten hat die schönsten Melodien und Klangfolgen mit dem Fender Rhodes und Moog gespielt. Außerdem ist es ein Album, auf dem auch gelacht werden durfte, und das findet sich in diesem Musikbereich selten.

Kurze Corona-Krisen-Frage zum Schluss: Wie würde sich wohl das Virus anhören, das die Welt aktuell so sehr belastet?

Bestimmt beschissen (lacht). Nein, ich weiß es nicht. Letzten Endes ist ein Virus auch Natur. Der Mensch soll ja aus mehr Mikroben und Bakterien bestehen, als aus Körperzellen. Das alles ist sehr komplex.

Es gibt Wissenschaftler, die schauen sich an, wie bestimmte kranke Zellen schwingen, um sie mit ihrer eigenen Frequenz, wie ein Glas, zum Platzen zu bringen. Ich forsche auch weiter, und mit der nächsten Platte entspanne ich nicht nur alle, sondern heile dann die gesamte Welt mit guter Vibration!

kymat.de


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Mai 2020. Das Magazin ist seit dem 30. April 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Stadtpark Open Air: Die aktuelle Lage der Freilichtbühne

Bis zum 31. August gibt es keine Konzerte auf der Freilichtbühne. Frehn Hawel, Head of Communications bei Karsten Jahnke Konzertdirektion, zur aktuellen Lage

Interview: Erik Brandt-Höge

 

SZENE HAMBURG: Frehn Hawel, eigentlich hätte Jamie Cullum am 20.5. die Stadtpark Open-Air-Saison eröffnen sollen – nun sieht es so aus, als würden bestenfalls die September-Konzerte stattfinden. Wie geht ihr mit der schwierigen Situation um?

Frehn Hawel: Aktuell versuchen wir mit Pragmatismus an die Sache heranzugehen und unsere Veranstaltungen entlang der aktuellen Verordnungen möglichst in die Herbstmonate oder direkt nach 2021 zu verschieben. Dabei müssen wir verlegte Termine teilweise zum zweiten oder dritten Mal nachjustieren, was natürlich ein gewisses Frustrationspotenzial birgt.

Da für uns das Wohlergehen unserer Kunden und Mitarbeiter stets das höchste Gut ist, verstehen wir die Notwenigkeit der aktuellen Verordnungen und tragen die Präventivmaßnahmen in der Hoffnung auf eine zeitnahe Gesamtverbesserung der Situation selbstverständlich mit. Dennoch ist ein Veranstaltungsjahr ganz ohne Konzerte in unserem „grünen Wohnzimmer“ für uns alle nur sehr schwer vorstellbar.

 

„Die Kulturlandschaft wird sich in ihrer Vielfalt massiv verändern“

 

Ausfälle von Open-Air-Shows und Festival-Absagen prägen gerade die gesamte Musikindustrie. Wie schätzt du die Folgen dessen generell ein? 

Ohne weitreichende Subventionen und weitere staatliche Hilfsmaßnahmen für Künstler, Kulturschaffende, Veranstalter und Venue-Betreiber ist leider mit dem Schlimmsten zu rechnen. Wenn Kultur nicht auch in einer gewissen Weise als „systemrelevant“ und „schützenswert“ anerkannt wird, wird sich die Kulturlandschaft in ihrer Vielfalt, wie wir sie kennen, massiv verändern.

Es steht zu befürchten, dass vor allem Einzelunternehmer und kleinere Betriebe im Kulturkosmos den Zustand des „faktischen Berufsverbots“ nicht lange durchhalten können und sich zwangsläufig anders orientieren müssen. Das wird sich vom Veranstaltenden über Club-Betreiber bis hin zum einzelnen Veranstaltungstechniker oder zu Stagehands durch alle Ebenen der Veranstaltungswirtschaft ziehen.

Und noch ein hoffnungsvoller Ausblick: Sollte Erobiques Große Gartenparty am 4.9. erlaubt werden, würdet ihr die Freilichtbühne mit besonderen Vorkehrungen versehen, womöglich sogar teils umgestalten?

Das lässt sich zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht beantworten. Grundsätzlich lässt uns der Umstand, dass wir auf der Freilichtbühne im Stadtpark Open Air und in überschaubarem Zuschauerrahmen spielen, erst mal hoffnungsvoll auf den Termin hinplanen.

Natürlich werden wir hier die aktuell geforderten Hygienestandards sowie alle weiteren von behördlicher Seite angeordneten Maßnahmen verantwortungsvoll umsetzen. Zum jetzigen Zeitpunkt lässt sich allerdings noch nicht abschätzen, wie sich die Situation in vier Monaten gestalten wird. Dafür ist die Entwicklung der aktuellen Lage einfach zu dynamisch.

Karsten Jahnke Konzertdirektion


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Mai 2020. Das Magazin ist seit dem 30. April 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Meet The Resident – Best Boy Electric

Jeden Monat stellt SZENE HAMBURG Resident-DJs vor, diesmal: Best Boy Electric, 25 (POSSY & Headshell) – präsentiert von Hamburg Elektronisch.

Interview: Louis Kreye & Ole Masch
Foto: Sophie Allerding

 

SZENE HAMBURG: Dein Sound?

Best Boy Electric: Electro!

Wie lautet die schrecklichste Gastfrage, die du mal bekommen hast?

„Spielst du auch Sean Paul?“

Welcher war dein größter Moment als DJ?

Im Pudel gefragt zu werden, ob ich heute schon gespielt habe (so wie ich früher Cindy Looper und Ratkat gefragt habe). Und natürlich beim Krake Festival in der Griessmuehle vor Dopplereffekt zu spielen!

Platte des Monats?

To Eeyore von Nika Son

Auf wen sollte man momentan ein Auge haben?

Ganz klar DJ AOL von Headshell! Der kann alles von Ambient bis Trance.

Hamburgs Stärken?

Eine irgendwie familiäre Szene mit vielen Crews, die sich auch gegenseitig unterstützen.

Und die Schwächen?

Trotz der vielen Crews gibt es zu wenig Diversität und zu wenige bespielbare Räume.

 

Hört hier ein aktuelles Set von Best Boy Electric


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Mai 2020. Das Magazin ist seit dem 28. März 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Lisa Bassenge: Musik von Müttern

„Mothers“ heißt das neue Album der Berliner Jazz-Sängerin. Darauf interpretiert sie die Songs von Künstlerinnen, die ihr besonders wichtig sind, von Carole King bis Billie Eilish. Geplante Konzerte fallen aktuell aus – aber über „Mothers“ konnten wir mit ihr sprechen

Interview: Erik Brandt-Höge

 

SZENE HAMBURG: Lisa, erinnerst du dich, wann du zum ersten Mal beim Hören von Musik einer Künstlerin das Gefühl hattest: Die ist es – die ist ab sofort so etwas wie eine musikalische Ziehmutter für mich?

Lisa Bassenge: Ich war zwölf, als ich das Madonna-Album „Like A Virgin“ zum ersten Mal hörte (erschienen 1984; Anm. d. Red.). Das hat mich sofort und total hineingezogen in die Welt dieser Künstlerin.

Was hat dir daran so sehr gefallen?

Ich fand den Stil der Songs irre toll! Und Madonna an sich. Sie war damals ja ein weibliches Rollenmodell, das es so vorher im Pop-Bereich noch nicht gegeben hatte: Eine starke Künstlerin, die sich positioniert und so ein „Selbst ist die Frau“-Ding macht. Mich hat das extrem fasziniert.

Warst du fortan Fan und wolltest mehr und mehr über Madonna wissen?

Ja, ich war schon ein richtiger Fan und wusste irgendwann tatsächlich so ziemlich alles über sie. In einem damaligen Bravo-Quiz konnte ich alle Fragen beantworten (lacht).

 

 

Glaubst du, dass es generell wichtig ist, die Biografie einer Künstlerin zu kennen, um ihre Musik voll und ganz verstehen zu können?

Kommt darauf an. Musik sollte immer einen Aspekt haben, der die Allgemeinheit anspricht, also in dem sich jeder wiederfinden kann, ohne große Künstlerinnenrecherche zu betreiben. Wenn man ein musikalisches Werk aber wirklich interpretieren möchte, ist es natürlich ratsam, auch mehr über die Künstlerin zu erfahren.

Für „Mothers“ hast du nun zwölf Songs von Künstlerinnen ausgesucht, die dich und die Pop-Musik ganz generell stark beeinflusst haben: Joni Mitchell, Carole King, Suzanne Vega, aber auch die blutjunge Billie Eilish sind dabei. Nach welchen Kriterien bist du bei der Auswahl vorgegangen?

Ich habe Stücke ausgewählt, zu denen ich einen Bezug habe, die mich berühren. Und natürlich musste ich mir sicher sein: Ich kann etwas daraus machen, das nach mir klingt und passend für meine Stimme ist. Es gab auch Songwriterinnen in der engeren Auswahl, die ich sehr mag, zum Beispiel Regina Spektor, die aber so eigen sind, dass ich ihre Stücke nicht auf meinen Stil umwandeln kann. Es überlagern sich auf „Mothers“ ja ganz verschiedene Pop-Welten, allein zeitlich.

Meinst du, jemand wie Billie Eilish hätte auch in der Zeit und Welt von Carole King bestanden?

Hmm, den Vergleich würde ich lieber nicht ziehen. Es gibt eben ganz klassische Songwriterinnen, von denen man sagen kann: Die hat auf jeden Fall ihre Hausaufgaben gemacht und ihr Handwerk gelernt. Jemand wie Carole King zum Beispiel. Und Billie Eilish hat sich einfach mal guerillaartig übers Internet nach oben katapultiert, ohne sich dabei den Strukturen zu bedienen, die im Musikgeschäft bis heute gängig sind, etwa einen Major-Label-Deal.

Vielleicht hätte Billie Eilish in die Welt von Madonna gepasst?

Den Vergleich finde ich schon besser. Zwei Künstlerinnen, die zu Pop-Phänomenen wurden und mit ihrer Musik vor allem junge Menschen ansprechen. Bei Billie Eilish wird das besonders deutlich. Zu ihren Konzerten gehen ja nicht nur Erwachsene und pubertierende Jugendliche, sondern teilweise sogar Kinder.

 

 

Könntest du eigentlich auch einen Bravo-Test über Billie Eilish bestehen?

Nein, überhaupt nicht. Von ihr weiß ich gar nicht so viel. Ich finde einfach ihre Musik super.

Hast du ihr deine Interpretation ihres Songs „All The Good Girls Go To Hell“ zugeschickt?

Nein, dazu bin ich zu bescheiden.

Und wenn sie ihn hören würde: Wäre es dir wichtig, dass er ihr gefällt?

Oh ja, natürlich! Es wäre furchtbar, wenn er ihr nicht gefallen würde!

Deine „Mothers“-Songs sind nun musikalisch sehr einheitlich: reduzierte Arrangements, Klavier im Fokus, sehr jazzig gehalten – typisch Lisa Bassenge …

… auch weil es mir darum ging, groß produzierte Pop-Stücke in eine kleine Form zu bringen. Darum, die Essenz des Songs herauszuarbeiten und etwas Eigenes daraus zu machen. Dafür ist die Trio- Konstellation, in der wir „Mothers“ aufgenommen haben, auch genau richtig. Der Schwede Jacob Karlzon ist mit ganzem Herzen Jazz-Pianist und leistet einen ebenso großen Beitrag wie mein Mann Andreas Lang am Bass.

Besteht eigentlich in Zukunft auch die Chance auf ein „Fathers“-Album?

Ach, es gibt so viele Männer in der Musikwelt und auch so sehr männliche Strukturen, dass ich denke: Ein „Fathers“-Album ist nicht unbedingt nötig. Mit „Mothers“ möchte ich jetzt lieber ein Augenmerk auf die weiblichen Teilnehmer an der Musikwelt richten.

„Mothers“ ist am 13.3. erschienen


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, April 2020. Das Magazin ist seit dem 28. März 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Meet The Resident – Hendrik Bahr

Jeden Monat stellt SZENE HAMBURG Resident-DJs vor, diesmal: Hendrik Bahr (KDK / Schmetterball) – präsentiert von Hamburg Elektronisch.

Interview: Louis Kreye / OMA
Foto: Hamburg Elektronisch 

 

SZENE HAMBURG: Dein Sound?

Hendrik Bahr: Elektronisch. Technoid.

Welches war dein größter Moment als DJ?

Mein Gig im letzten Jahr in Rumänien, den ich mit meinen Jungs von KDK erleben durfte. Eine Tour mit einem Boot auf der Donau. Eine dicke Void Acoustics. Und bei bestem Wetter, 400 feiernde und tanzende Gäste. Wahnsinn!

Wo gehst du hin, um Spaß zu haben?

Zum Feiern meistens ins PAL. Im Südpol hatte ich aber auch schon nette Abende.

Welchen Act würdest du gerne mal (wieder) in Hamburg sehen?

Job Jobse und Roman Flügel

Platte des Monats?

Garden Party von Roman Flügel

Hamburgs Stärken?

Man hört ja oft, dass die Menschen im Norden eine besonders harte Schale haben. Allerdings habe ich das in Clubs oder Bars noch nicht oft erlebt. Im Gegenteil: Ich bin der Meinung, dass man häufig sehr herzlich und lieb empfangen wird.

Und die Schwächen?

Hamburg hat meiner Meinung nach einige Gebiete in denen das Genre und auch die Veranstaltungen in gewisser Hinsicht festgefahren sind.

 

Hört hier ein aktuelles Set von Hendrik Bahr

 


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Krach+Getöse: Der Hamburger Musik-Nachwuchspreis

Der Hamburger Musik-Nachwuchspreis Krach+Getöse geht in die zwölfte Runde – mit ein paar spannenden Neuerungen

Text: Erik Brandt-Höge 

 

Die Frage aller Newcomer- Musiker-Fragen: Wie bloß eine Karriere starten? Reicht Youtube, um sich bekannt zu machen? Ist eine schnelle Unterschrift beim Major-Label gesund? Wie lange lohnt ein Einzelkämpfer-Dasein? Eine schlaue Antwort auf all das geben RockCity Hamburg e.V. und die Haspa Musik Stiftung mit dem Hamburg Music Award Krach+Getöse. Zum zwölften Mal verleihen sie in diesem Jahr den Preis an fünf talentierte Newcomer aus Hamburg und Umgebung. Denen winkt neben einem schicken Pokal ein Preisgeld in Höhe von 1.200 Euro und eine einjährige Bestenförderung, maßgeschneidert auf jeden einzelnen Künstler.

 

Workshops, Coachings und Support für Newcomer

 

Booking-Slots für unter anderem das MS Dockville Festival, Futur 2 Festival, Reeperbahn Festival, Wutzrock und die Millerntor Gallery fallen ebenso darunter wie Workshops, Coachings, Produktionen, Aufnahmen und Supports von und mit zum Beispiel Clouds Hill Recordings und JustMusic. Eine Fachjury bestehend aus etwa Ebow, Pamela Owusu-Brenyah, Philipp Schwär, Alin Coen und Deniz Jaspersen wählen die Sieger aus, die sich vom 18. März bis zum 22. April bewerben können. Das gilt für Solo-Musiker ebenso wie für Bands. Zudem schlagen 100 Musikexperten ihre Favoriten vor. Feierlicher Höhepunkt: Die Verleihung während einer abendlichen Gala am 19. Juni, 19 Uhr, im Nochtspeicher.

Übrigens: Dieses Jahr gibt es ein paar Krach+Getöse-Neuerungen. Gekürt werden jetzt auch Hamburgs spannendste Keimzelle „New Music“ (Nachwuchsprojekt) und das beste Musik-Projekt mit Einsatz für Toleranz, Vielfalt und Respekt. Und es wird erstmals einen Publikumspreis geben: Per Online-Voting wird das Nachwuchs-Konzert des Jahres ermittelt.

Alle Infos und Teilnahmebedingungen unter www.krachundgetoese.de 


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