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Frei-Raum für Kunst: VIS in Rothenburgsort

Golden Toast an der Wand oder an der Bar: VIS in Rothenburgsort bietet mehr.

Ganz wie die Kommandozentrale eines Frachtschiffs schwebt das ehemalige Pförtnerhäuschen über dem Gebrauchtwagenhändler-Areal in Rothenburgsort. Über ein paar Stufen geht es hinauf in den kleinen, schnörkellosen Raum mit Terrazzoboden und umlaufendem Fensterband. Seit Ende Juni heißt der Raum Vis (lat. für „Kraft“) und nimmt, volle Kraft voraus, ganz entschieden Kurs auf Kunst.

An Eröffnungsabenden stehen Nadine Droste und Nick Oberthaler, die Macher des neuen Kunstraums, draußen vor der gelb geklinkerten Wand hinter einem improvisierten Tresen. Mit Wein, Wurst oder Toast überbacken sorgen sie dann für das kunstsinnige Völkchen, das nach konzentriertem Begucken der Ausstellungen gern noch ein wenig verweilt.

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Torben Wessel, toast tramezzino tautology, laser engraved Tramezzini, dimensions variable, 2018. Installation view dense cloud, VIS, Hamburg, 2018. Foto: Fred Dott.

Droste ist freie Kuratorin, sie hat an der HFBK Kunst studiert und in Frankfurt Curatorial Studies und zwei Jahre im Hamburger Kunstverein gearbeitet. Oberthaler hat in Wien und Genf Malerei studiert, früher mal in der Nomadenoase ausgestellt und wird heute von der Galerie Ropac vertreten. Gemeinsam haben sie Fördergelder von der Kulturbehörde Hamburg und dem österreichischen Bundeskanzleramt angeworben und ein rasantes Programm ausgeheckt: durch den Sommer hindurch und bis erst einmal November alle zwei Wochen eine neue Ausstellung. So sorgt VIS dafür, dass die neu aufkeimende Dynamik unabhängiger Kunsträume in der Hansestadt – das Come Over Chez Malik’s, Benzene oder der Projektraum 14a – noch zusätzlich Fahrt aufnimmt.

Nebelkammer der Sinne

Mit seiner Schau dense cloud verwandelte Torben Wessel Mitte Juli den VIS-Raum in eine Nebelkammer der Sinne. Er verschnitt ein Wandgemälde aus per Laser getoasteten Tramezzinischeiben mit einer von ASMR-Tönen untermalten 3-D-Animation zu einer Art Kritik der digitalen Ökonomisierung von Empfindungen. Im August beschwört der Norweger Marius Engh das tschechische Jáchymov herauf, das durch Silber- und Uranabbau mit der Geschichte des Geldes wie der Kriege verbandelt ist. Engh bestückt die Schau aus dem Koffer, den er von einer Recherchereise mitbringt. Ende August performt Barbara Kapusta ihr Stück We Make the Place by Playing und erkundet mit Sprechblasen, wie sich Raum konstituiert.

VIS steht für Kunst, die Gesellschaft reflektiert, ohne sich auf ökonomische oder politische Effizienz zu verpflichten. So ist ein echter Frei-Raum entstanden am südlichen Ende der Kunstmeile: Wer von den Deichtorhallen den Radweg entlang des Oberhafens nimmt, ist in nur zehn Minuten da.

Text: Karin Schulze
Foto: Fred Dott

www.vis20539.com


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, August 2018. Das Magazin ist seit dem 28. Juli 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Die Documenta der Fotos – Triennale der Photographie

Zum 7. Mal verwandelt sich die Triennale der Photographie Hamburg in einen Hotspot – und in diesem Jahr in einen sehr politischen. Wir sprachen mit dem künstlerischen Leiter Krzysztof Candrowicz darüber, was Fotografie so besonders macht und wie sie den Geist öffnen kann.

SZENE HAMBURG: Ging es bei der letzten Phototriennale noch um die technische und ästhetische Zukunft der Fotografie, haben Sie jetzt gesagt: „zu viel Nachdenken über Form macht Kunst bedeutungslos“. Was hat sich in den letzten drei Jahren für die Fotografie geändert?

Krzysztof Candrowicz: Es ist kaum zu glauben, aber das Medium Fotografie wurde tatsächlich noch populärer. Alle Social-Media-Kanäle leben von Fotografie. Einzig bei Twitter überwiegt noch der Text. Die große Veränderung in den letzten drei Jahren ist, wie wir Bilder verarbeiten seit die Fotografie so unmittelbar geworden ist. Die Beliebtheit von Snapchat, Gifs und „Stories“ haben unsere Wahrnehmung beeinflusst. Bilder verschwinden nach ein paar Sekunden wieder und der langsame Konsum eines Bildes, die Meditation darüber, ist eher selten geworden. Natürlich machen auch Fotofestivals es nicht gerade einfacher, denn wir versuchen ein Thema durch Hunderte von Bildern zu umreißen. Dennoch wird es auf der Triennale viele Möglichkeiten geben, über einzelne Bilder zu meditieren.

Zum zweiten Mal künstlerischer Leiter der Triennale: Krzysztof Candrowicz

Fotografen sind für Sie heute nicht mehr nur Bildermacher, sondern Philosophen, Dichter, Forscher mit der Kamera. Können sie das genauer erklären?

Eine simple fotografische Dokumentation ist heute nicht mehr besonders aufregend. Es gibt Millionen Fotografen, Tonnen an Fotoprojekten. Nahezu jedes Thema ist abgedeckt und fast alle Bilder landen in der globalen Bildermülltonne Google Images. Fotografen, die ohne Intention oder Aussage alles um sie herum fotografieren, von links nach rechts und ohne eigene „Botschaft“, reproduzieren einfach die Realität. Dabei ist das Wertvolle die Idee hinter einem Bild, hinter einem Projekt. Deshalb sind diejenigen, die auf Ideen und Inhalte fokussiert sind, nicht mehr länger nur Bildermacher, sondern vielmehr auch Philosophen, Poeten oder Soziologen, die mit der Kamera ihre Theorien und Geschichten visualisieren.

Was kann Fotografie heute als Medium, was kein anderes kann?

Darauf zu antworten ist eine wirkliche Herausforderung. Fotografie berührt die Augen und das Sehen ist der unmittelbarste und wirkungsvollste aller Sinne. Gleichzeitig kann man Fotografien am schnellsten und einfachsten teilen. Bilder haben keinen Ton, bewegen sich nicht und ermöglichen, uns auf eine sehr einfache Art und Weise und ohne Worte auszudrücken. Das Phänomen Selfie ist das beste Beispiel dafür. Für mich ist die Stärke der Fotografie aber vor allem ihre Langsamkeit. Wir können mit ihr den Fluss der Zeit anhalten und über Momente nachsinnen, die für unsere Augen unsichtbar sind.

Sie haben die Phototriennale „Documenta der Fotografie“ genannt …

Tatsächlich war die Documenta bei der Entwicklung der Triennale für mich der wichtigste Bezugspunkt. Die letzten Triennalen haben sich mit der Ästhetik und der sozialen Wirkung der Fotografie beschäftigt. Dieses Mal aber interessiert uns nicht so sehr ihre visuelle Sprache. Als Medium selbst ist sie viel transparenter geworden und deshalb konzentrieren wir uns stärker auf ihren Inhalt. Ich persönlich finde die meisten Ausstellungen und Festivals, die vor allem Porträts, Landschaften oder andere formale Aspekte im Blick haben, ziemlich langweilig. Die Documenta aber war von Anfang an eine Art politischer Kommentar, eine Stimme der Künstler. Und ich wünsche mir, dass die Triennale 2018 auch ein gemeinsames Statement ist, in diesem Fall durch Fotografie.

Foto: Salvatore Vitale: How to Secure a Country, 2015- 2017

Die einzelnen Ausstellungen der Triennale sind durch Computerbegriffe wie Home, Control, Space verbunden. Welche neuen Aspekte zu Heimat und Heimatlosigkeit, urbanem Raum und Machtverhältnissen kann man erwarten?

Tastatur-Begriffe wie Enter, Space oder Control sind für mich nicht mehr als Symbole für die digitale Transformation und Automatisierung. Wir verwenden diese Begriffe als Metaphern, um den Einfluss von Technologie, Globalisierung, von Massenproduktions- und Konsum-Kreisläufen zu verdeutlichen. Der Fortschritt will uns glauben machen, dass die heutige Welt einfach ist. Aber genau das Gegenteil ist der Fall. Abseits der Tastatur und des Screens ist die Welt komplizierter geworden und das Programm der Triennale 2018 beschäftigt sich mit dieser Komplexität. Die Triennale ist ein politisches und gesellschaftliches Statement mithilfe von Bildern und ist neben der Fotografie von Autoren wie Noam Chomsky, Noah Harari und Naomi Klein inspiriert.

Während in der Kunsthalle eher bekannte Künstler wie Thomas Demand oder Sophie Calle zu sehen sind und im Bucerius Kunst Forum Anton Corbijn, scheinen die Bilder der Schau [ENTER] in den Deichtorhallen sehr intensiv zu sein.

Genau das ist die Struktur des Festivals! Das gesamte Programm heißt ja „Breaking Point“. Die Ausstellungen dazu, mit Titeln wie [ENTER], [HOME] oder [ESCAPE], werden in den großen Museen gezeigt und beziehen direkt Stellung zu politischen, wirtschaftlichen oder ökologischen Themen. Darüber hinaus gibt es „Special Shows“, die nicht unbedingt einen Bezug zum Festival-Thema haben. Dafür haben wir die Künstler Anton Corbjin, Joan Fontcuberta und Shirana Shahbazi eingeladen. Alle stellen zum ersten Mal in Hamburg aus.

Auch viele OFF-Räume nehmen diesmal teil.

Die [OFF] Triennale wurde entwickelt, um ein breiteres Publikum zu erreichen und auch Menschen, die normalerweise nicht ins Museum gehen. Dank Pop-up-Orten und weniger bekannten Galerien werden wir auch für ein jüngeres Publikum sichtbar. Außerdem konnte sich jeder für die OFF Sektion bewerben. Über 800 Ausstellungskonzepte wurden eingereicht und die Triennale wird so demokratischer und offener.

Foto: Andreas Herzau: Girl, aus der Serie Moscow Street, 2008

Was ist die große Herausforderung der Triennale?

Ich weiß, dass es sich fast zu vielversprechend oder vielleicht sogar trivial anhört, aber die große Herausforderung der Triennale ist, durch Fotografie zu einem Wandel zu inspirieren. Da visuelle Sprachen wichtig sind, um Dinge zu vermitteln, die nicht in Worte zu fassen sind, ist sie das perfekte Werkzeug, wichtige globale Themen zu veranschaulichen. Deswegen hebt die Triennale auch Künstler hervor, die sich mit ihren Arbeiten an der Grenze von Kunst und Aktivismus bewegen. Ich hoffe, dass ihre Projekte den Blick und Geist der Besucher öffnen.

Darüber hinaus sollen Initiativen zum Handeln und Inspiration für nachhaltige Alternativen entstehen.

Neben inspirierenden und packenden Fotografen haben wir den Künstler Joshua Schwebel eingeladen, der sich mit sozialen und politischen Interventionen beschäftigt. Er wird sich an Hamburger Museumsdirektoren wenden und sie zu Projekten einladen, die zum Umdenken anregen – Aktionen, Proteste oder Manifeste. Schließlich ist die Triennale auch eine riesige gemeinschaftliche Plattform auf der wir alle voneinander lernen.

Ist Hamburg eine gute Stadt für Fotografie?

Hamburg ist ein wahrer Knotenpunkt für Fotografie, wenn auch international eher immer noch unentdeckt. Die erste Fotoausstellung, die je in einem Museum gezeigt wurde, fand 1890-1898 in der Hamburger Kunsthalle statt. Die Museen hier haben tolle Fotografie-Kollektionen und die Deichtorhallen sind vielleicht der größte Ort, der sich ganz der zeitgenössischen Fotografie verschrieben hat. Auf jeden Fall in Europa und wenn nicht sogar weltweit. Wenn man dann noch die Bildungstradition der HFBK nimmt, die Tatsache, dass die meisten Verlage in Hamburg sitzen und dazu die Triennale der Photographie, ist klar, dass Hamburg der Spot ist!

/ Interview: Sabine Danek

/ Beitragsfoto: Martin Errichiello & Filippo Menichetti, Untitled, 2016, Laino Borgo (Cs) Italy, aus der Serie: In fourth Person

Die Triennale der Photographie findet vom 7.6. bis 26.8. in den Deichtorhallen und an vielen anderen Orten in Hamburg statt.


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Juni 2018. Das Magazin ist seit dem 26. Mai 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!

Flaka Haliti – Das Blau am Bau

Die Farbe des Himmels, die Sehnsucht und das Überschreiten von Hindernissen: die Ausstellung von Flaka Haliti im Kunsthaus Hamburg.

I See a Face. Do You See a Face – so heißt eine Arbeit der Künstlerin Flaka Haliti (*1982), für die sie in digitale Wolkenaufnahmen mit dem Digitalstift krakelig die Konturen von Gesichtern hineinzeichnete. Und sofort muss man an öde Kindheitsnachmittage denken, als sich nichts tat, als dass die Wolken mal wie die doofe Chemielehrerin aussahen und mal wie Winnie-the-Pooh.

Muss man? Nein, vermutlich nicht. So wie schon damals die beste Freundin in die wattigen Cumuli ganz andere Wesen hineinsah, so unterscheiden sich auch unsere Assoziationen zu Kunstwerken. Das ist generell so, aber die Arbeiten der aus Priština stammenden Künstlerin verweisen direkter als andere auf diese Tatsache.

Stierhoden in Cellophan

Dabei hat die künstlerische Laufbahn der Flaka Haliti mit einem ziemlich eindeutigen Statement begonnen. Sie studierte damals Grafikdesign in ihrer kosovarischen Heimatstadt und ärgerte sich über die abschätzige Haltung von männlichen Künstlern gegenüber Künstlerinnen, die angeblich „keine Eier“ hätten. Zur Eröffnung einer Ausstellung der Nationalgalerie von Priština trat sie den Gegenbeweis an: Sie wickelte ein paar Stierhoden in Cellophan und legte sie wie einen duftigen Blumengruß auf die Treppen des Museums.

Flaka Haliti stellt im Kunsthaus Hamburg aus. Foto: Marcel Schwickerath

Flaka Haliti Foto: Marcel Schwickerath

Vor dieser radikalen Aktion war sie Ende der 90er Jahre zusammen mit ihrer Familie vor dem Kosovokrieg zu Verwandten nach Mazedonien geflohen. Als sie nach Priština zurückkehrte, war ihre Heimat eine andere: vom Krieg zerrüttet, durch KFOR-Truppen kontrolliert und unter UN-Aufsicht. 2008, als die Republik Kosovo ihre Unabhängigkeit erklärte, ging Haliti zum Kunststudium an die Frankfurter Städelschule. Heute lebt und arbeitet sie in München. Inzwischen kann sie nicht nur auf eine Einzelausstellung in der Nationalgalerie von Priština zurückblicken, sie hat auch ein Jahr in der Villa Romana in Florenz verbracht und 2015 auf der Biennale von Venedig im Pavillon des Kosovo ausgestellt. Das Kunsthaus zeigt nun ihre erste umfangreiche Einzelausstellung, die vorher in Lingen gezeigt wurde und im Herbst nach Priština geht.

Ein Motiv taucht in Halitis Arbeiten wiederholt auf: Sie verwandelt das materielle Rüstzeug politischer Konflikte in träumerisch-phantastische Bilder. So zeigt sie gleich am Beginn der Ausstellung aus Holz und Feinputz nachgebaute Elemente von Betonbarrikaden. Diese sind durch den Materialwechsel nicht nur ihrer Funktion beraubt, sie scheinen, lose ineinander geschoben, auch entspannt Löffelchen zu liegen. Im nächsten Raum hockt ein quietschgrüner Roboter, den Haliti aus dem Schrott aufgelöster KFOR-Militäreinrichtungen zusammengeschraubt hat, ermattet an der Wand. Und der „Schwerter zu Flugscharen“-Verwandlung nicht genug: Hinter dem Maschinenwesen hat sie ein Flügelpaar installiert, zu dem sie bei  Engelsdarstellungen der italienischen Renaissance inspiriert haben.

Politik und Poesie

„Natürlich ist ein Großteil meiner Arbeit politisch“, so zitiert die österreichische Tageszeitung Die Presse die Künstlerin. „Zugleich aber ist sie poetisch, und manches ist vielleicht sogar romantisch.“ Diesen Übergang vom Politischen zum romantischen Ideal einer Welt ohne Grenzen vollzog auch ihre bei der Biennale gezeigte Arbeit Speculating on the Blue. Sie zitierte die blauen Betonwände herbei, die in Priština zum Schutz des UN-Quartiers errichtet worden waren. Zu sehen aber waren in Venedig nur noch die stählernen Armierungen, während die Wände selbst zu blauem Sand zerbröselt schienen, der den Raum durchzog und – nach der Intention der Künstlerin – durch die Rillen in den Sohlen der Besucher noch bis in die benachbarten Nationenpavillons weitergetragen werden sollte.

Um Farben wie dieses UN-Blau geht es auch in der Doktorarbeit, die Haliti derzeit an der Akademie der bildenden Künste in Wien verfasst. Sie erforscht dort die visuelle Kommunikation und die gesamte Corporate Identity von NGOs und supranationalen Organisationen wie der EU oder der UN. Schließlich dekonstruieren auch ihre künstlerischen Arbeiten die Elemente symbolischer Imagebildung. So legte etwa ihre Venedig-Arbeit einen Gegensatz bloß: Einerseits sollten die UN-Betonbarrikaden in Priština eine unüberwindliche Absperrung darstellen, andererseits war ihre blaue Oberfläche eine Art verharmlosender Camouflage, die an die grenzenlose Unendlichkeit des blauen Himmels denken ließ.

Generell zielen Halitis Arbeiten darauf, Grenzen oder festgefahrene Sichtweisen aufzulösen, Sehnsüchte und befreiende Träume einzuschreiben in scheinbar unverrückbare oder ungreifbare Zusammenhänge und das Fremde vertraut erscheinen zu lassen. Für Letzteres stehen ihre Wolken-Gesichter aber auch die ebenfalls gezeigten Assemblagen ihrer Is It You, Joe?-Serie: auf Marmorplatten geklebte, farbig angepasste Schwämme, in die mit kleinen Eingriffen Gesichter hineinskizziert sind.

Vielfältige Perspektiven

Mit diesen Strategien emotionaler Aneignung, die bewusst „easy going“ und auf fast naive Weise „kreativ“ daherkommen, macht Haliti vehement geltend, dass es nie nur die eine gültige Sichtweise, sondern stets das Recht auf vielfältige und emotionale Aneignungen gibt. Auch der leicht absurde Satz

„Here – Or Rather There, Is Over There“

mit dem die Künstlerin die gesamte Ausstellung betitelt hat, betont, wie sehr der jeweilige Standpunkt die Perspektive bestimmt.

Die humorvoll heraufbeschworene Sehnsucht, die realen und mentalen Betonwände zwischen Regionen, Nationen und Individuen zu überschreiten, und eine damit verbundene vielfach gebrochene, multiperspektivische Sicht auf die Welt – darauf zielen die Arbeiten von Flaka Haliti. Oder sagen wir es so: Sieht man nach dem Verlassen der Ausstellung zum Himmel, dann sehen zumindest für eine Weile die Wolken nicht mehr aus wie eitle Ansammlungen lästiger Wassertropfen, sondern es scheint ihnen eine keineswegs weltvergessene, aber heiter-optimistische Gestimmtheit anzuhaften.

Text: Karin Schulze

Flaka Haliti: „Here – Or Rather There, Is Over There“, Kunsthaus, bis 20.5.


 

 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Mai 2018. Das Magazin ist seit dem 28. April 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!

Jörg Heikhaus – Ich will Galerie neu denken

Jörg Heikhaus ist Künstler, Galerist, TV-Talker und jetzt auch Podcaster. Wir sprachen mit dem Querdenker

SZENE HAMBURG: Jörg, dein Lebenslauf ist nicht unbedingt der klassische eines Galeristen – du hast mal Karriere in der Wirtschaft gemacht …
Jörg Heikhaus: Ich hatte gar nicht vor, in der Wirtschaft zu landen. Kunst habe ich immer schon gemacht, aber es war mir nach der Schule nur einfach nicht möglich, Kunst zu studieren. Ich musste erst mal Geld verdienen: In Köln habe ich im Umkreis der Independent- Musikszene in den späten Achtzigern und frühen Neunzigern als Fotograf, Grafiker und Bandmanager gearbeitet. Zur Wende habe ich als Journalist gearbeitet und habe Sonic Youth und Nirvana interviewt. 1996 habe ich schließlich mit einem australischen Bildhauer eine eigene Onlineagentur gegründet.

Ziemlich erfolgreich … Du hast es bis zum Vorstand geschafft …
Eine schwedische Firma kaufte die Agentur, und ich habe dann noch drei Jahre als Vorstandsvorsitzender von Deutschland aus gearbeitet. Ich bin dann gegangen, weil es am Ende nichts mehr mir zu tun hatte. Mit Anfang dreißig habe ich gesagt, jetzt oder nie, ich muss meine Kunst machen!

In Hamburg hast du 2002 die Galerie heliumcowboy gegründet. Woher kam der Mut?
Ich habe viel recherchiert, mich international mit Galeristen getroffen, Kunstmessen besucht, um herauszufinden was für eine Art Galerie fehlt eigentlich? Ehrlich gesagt habe im Gespräch mit den Galeristen immer gedacht, dass ich so nicht sein möchte. Mich interessiert nur das Konzept Künstler: Wo liegt das Einzigartige, wie ernsthaft ist die Auseinandersetzung mit der Kunst bei genau diesem Menschen? Ich will Leidenschaft sehen.

Was unterscheidet deine Art, Kunst zu zeigen?
Ich habe keinen Lebenslauf, wie man ihn erwartet. Doch die vielen verschiedenen Jobs, die ich gemacht habe, bilden eine gute Basis, ich konnte viele Erfahrungen aus erster Hand machen und dadurch Künstlern helfen. Das Wichtigste für jeden Galeristen bleiben aber Persönlichkeit und Passion – und die sind ja bei jedem anders ausgeprägt.

Du versuchst, Galerie neu zu denken, u. a. mit einem Talk-Format?
Auch wenn wir schnell eine der Hotshot-Galerien aus Deutschland wurden, war es ja nicht immer leicht, vor allem nach der Finanzkrise. Da muss man schon mal überlegen, was sich ändern kann. Ich glaube, dass der Markt heute extrem übersättigt ist, der funktioniert einfach nicht mehr. Aber niemand weiß so genau, wie er funktioniert. Hier müssen wir uns viel mehr austauschen. Nicht nur im Künstlergespräch, sondern mit Menschen, die mit dem Markt zu tun haben. Und natürlich unserem Publikum.

Wie sieht das heute aus?
Zusammen mit Jannes Vahl von den Clubkindern habe ich 2016 „heliumtalk – das Kunstgespräch“ mit Tide TV gestartet. Jetzt setzen wir das als Audio-Podcast fort, denn ich möchte noch viel mehr tolle Leute ausfragen, was Kunst bewegt, wie sie produziert, erlebt, geliebt, gehasst und eben auch verkauft wird. In der ersten Folge unterhalte ich mich Darko C. Nicolic, der ein unglaublich spannendes Konzept verfolgt. Am Anfang wird das Deutsch sein. Aber im April habe ich eine Ausstellung mit „The Jaunt“, die werde ich auf Englisch interviewen.

Und, schon Erkenntnisse? Wie ist der Hamburger Galeriestandort?
Ruhiger und unaufgeregter als anderswo, das ist aber oft auch ein Vorteil. Man hat hier den ruhigen Atem, Künstler sich entwickeln zu lassen und kann in Ruhe etwas aufbauen. Das Zurückhaltende ist hilfreich, denn über Nacht kann in der Kunst nichts passieren. Die Zusammenarbeit von Galerien und Museen klappt in Hamburg leider nicht wirklich. Unbedingt will ich Bettina Steinbrügge vom Kunstverein zum Talk laden, sie macht viel richtig.

Du baust gerade um und präsentierst dich im März mit einem neuen Galerie-Konzept …
Wir entfernen uns noch mehr vom klassischen White Cube. Die Ranch, so nennen wir die Galerie ja liebevoll, wird Studio und Showroom zugleich. Ein Teil meines Alex Diamond-Ateliers und das Podcast-Studio kommen in den Ausstellungsraum, ganz aus Altholz, wie eine Ranch. Die Galerie wird zum Ort, an dem Kunst nicht nur gezeigt, sondern auch produziert wird. Am 24. März eröffnen wir, da stellen wir das Potenzial des Raumes vor. Ich stelle mir einen Kunstsalon vor, jeder kann vorbeikommen, man tauscht sich aus, kommt ins Gespräch. Der Podcast soll das Kommunikative unterstreichen. Ich glaube, wir sind heute als Galerist mehr gefragt, Kunst lebendig zu machen und wieder zu erklären …

Interview: Stefanie Maeck

Heliumcowboy Artspace: Bäckerbreitergang 75 (Neustadt), www.heliumcowboy.com (Eröffnung am 24. März 2018)

heliumTALK – das Kunstgespräch: www.heliumcowboy.com/heliumtalk

www.alexdiamond.net


Februar-Ausgabe SZENE Hamburg

 Dieser Text ist ein Auszug aus SZENE HAMBURG, März 2018. Das Magazin ist seit dem 24. Februar 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!

Deichtorhallen: Die langen, dunklen Schatten der Bilder

Von Moskau über New York nach Hamburg: Was die Zeichnungen Robert Longos mit Goyas Radierungen und Eisensteins Filmen zu tun haben

Ein paar geschickt geworfene Tennisbälle über den Dächern von New York starteten um 1980 die Blitzkarriere des Robert Longo (*1953). Er beballerte auf dem Dach seines Manhattaner Ateliers Freunde wie Cindy Sherman oder Larry Gagosian, die in properen Business-Outfits antraten, fotografierte ihre jähen Schreckens- und Ausweichgesten und setzte diese in die großformatigen Schwarzweiß-Zeichnungen seiner Men in the Cities um.

Verrenkt, ausgeknockt, eingefroren in exzentrische Gesten. Tänze am Abgrund, Todestänze gar? Ekstasen und Agonien – in diesen Bildern schien die Essenz der Achtzigerjahre geronnen, bevor diese recht begonnen hatten. Die Kunstszene liebte Longos coolen Drive, der aber steigerte sich bald in krude Multimedia-Extravaganzen hinein. Da brach die Kritik den Stab über ihn und witzelte: „Robert Long Ago“.

In den 1990er Jahren aber fand der Künstler zurück zum Schwarzweiß, zur Zeichnung. Mit unzähligen Kohlestiftstrichen zerdehnte er den kurzen schrillen Moment, in dem Medienbilder aufblitzen und verglühen. Er ließ sie „vom Auge zur Hand“ (Longo) gleiten: Er zeichnete Pressefotografien, in denen der Schrecken der Gegenwart gerinnt, so ab, als konserviere er ihre langen, dunklen Schatten: 2015 etwa das Foto der Fensterscheibe, die eine der Kugel des „Charlie Hebdo“-Attentats durchschlagen hatte.

Vor zwei Jahren entwickelte Longo gemeinsam mit Kate Fowle, der Chefkuratorin des Garage Museum of Contemporary Art in Moskau, eine Idee: Wie wäre es, die eigenen Bilder von Gewalt, Tod und Schrecken auszustellen, zusammen mit Werken zweier Künstler, in deren Oeuvre sich die soziale und politische Realität ihrer Zeit ähnlich zuspitzt: zusammen mit dem großen spanischen Wirklichkeitsdurchdringer Francisco de Goya und dem russischen Filmemagier Sergei Eisenstein? Die Idee zündete und die Schau kommt nach Stationen in Fowles Moskauer Haus und im New Yorker Brooklyn Museum jetzt in die Deichtorhallen.

Foto: Robert Longo

Robert Longo: Untitled (American Bald Eagle) 2017

Nacheinander wird man dort die Imaginationsräume der drei Künstler durchschreiten können: Etwa 50 Aquatinta-Radierungen aus vier Werkzyklen Goyas. 40 Skizzen und etliche Filme Eisensteins, die – nach einer Idee von Longo – mit einem Prozent der normalen Geschwindigkeit projiziert werden, so dass das Geschehen etwa des „Panzerkreuzer Potemkin“ als Abfolge einzelner, sorgsam komponierter und montierter Bilder wahrnehmbar wird. Und dazu etwa zwanzig bis zu 7,5 Meter große Zeichnungen Longos aus den letzten Jahren.

Drei unterschiedliche und doch verwandte Ansätze: Alle drei Künstler dramatisieren Geschichte und alle drei erlebten nicht nur historische Umbrüche, sondern auch die Desillusionierung der Aufbruchshoffnungen ihrer Zeit: der Aufklärung (Goya), der Russischen Revolution (Eisenstein) und der Bürgerrechtsbewegung der 1960er Jahre (Longo). Und alle drei sind, was die Problematik ihrer eigenen Standpunkte anbelangt, nicht aus dem Schneider: Bei Goya ist es die Nähe zum Hof, dem er mitunter gefällige Porträts lieferte, bei Eisenstein die zum Diktator Stalin, dessen Propagandaapparat er zu bedienen hatte, und bei Longo ist es die Nähe zum Kunstmarkt, der ihn und seine ikonischen Bilder umarmt.

Trotzdem möchte man am liebsten sofort eintauchen in die sicher atmosphärisch dichte Schau, in der sich spannende Resonanzen ergeben dürften – auch wenn man gespannt ist, ob Longos Zeichnungen der Komplexität der beiden anderen Ouevres standhalten. Der Künstler, der so seine Erfahrungen mit der Kritik bemacht hat, baute jedenfalls schon mal vor: Im Katalog merkt er an, er sähe sich „nicht in derselben Liga wie Goya und Eisenstein“.

Text: Karin Schulze

Fotos: Robert Longo

Proof: Francisco Goya, Sergei Eisenstein, Robert Longo. 17. Februar bis 27. Mai in den Deichtorhallen. Eröffnung 16. Februar um 19 Uhr. Im Rahmenprogramm laufen Eisenstein-Filme im Metropolis Kino.


 Dieser Text ist ein Auszug aus SZENE HAMBURG, Februar 2018. Das Magazin ist seit dem 26. Januar 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!

Rayyane Tabet: Der Stoff, aus dem Geschichte ist

Ausgehend von einem Ziegenhaarteppich untersucht der libanesische Bildhauer Rayyane Tabet im Kunstverein Hamburg die Bezüge zwischen arabischer und westlicher Welt.

Kurz vor seinem Tod traf Faek Borkhoche eine folgenreiche Entscheidung: Den 20 Meter langen Läufer, ein Geschenk von Beduinen, würde er in gleiche Stücke zerschnitten seinen Kindern vererben – unter der Bedingung, dass sie das Ziegenhaartextil wiederum unter ihren Kindern aufteilten. Seine Nachkommen hielten sich daran. Und sie tun es bis heute.

„Eigentlich war mein Urgroßvater damit ein ziemlich guter Konzeptkünstler“, sagt Rayyane Tabet (*1983 im Libanon) über den Teppich-Erblasser, der tatsächlich Lehrer und Übersetzer war. Tabet aber ist Künstler – und zwar ein ziemlich guter. Das deuteten seine Ausstellungsbeteiligungen in Paris und New York und bei den Biennalen von Sharjah und Istanbul an. Die Kunstvereinsschau beweist es.

Für deren erstes Kapitel hat er alle verfügbaren Stücke des bisher in 23 Stücke aufgeteilten Läufers zu einem Stammbaum zusammengefügt. Damit verknüpft Tabet seine eigene Geschichte mit Max von Oppenheim (1860-1946), bei dem sein Ahn 1929 für sechs Monate als Sekretär installiert worden waren – von den Franzosen, die von Oppenheim der Spionage verdächtigten. Der Diplomat und Archäologe hatte 1899 die archäologische Stätte Tell Halaf entdeckt. Etliche seiner Funde befinden sich heute im Pergamonmuseum, andere im Nationalmuseum in Aleppo, wo sie von Zerstörung durch den syrischen Bürgerkrieg bislang wohl verschont blieben.

Die Kunstvereinsschau nimmt die Verwicklung von Tabets Familie in kulturelle Exploration und geopolitische Konflikte zum Ausgangspunkt. Im Hauptraum stehen Abdrücke einer Skulptur vom Tell Halaf vor einer Hängung von etlichen hundert Frottagen. Der Künstler hat dafür im Lager des Pergamonmuseums tausend Fragmente der Oppenheim-Funde mit Papier umwickelt und mit Kohlestift abgerieben. Die Ausstellung endet mit einer Hängung aus Zeltplanen des russischen, französischen und US-amerikanischen Militärs, die einem traditionellen Kleidungsstück der Beduinen gleichen, das durch zwei Stäbe in ein Zelt verwandelt wird.

Tabet ist Bildhauer. Er nähert sich dem Gefüge von politischen Konflikten und kulturellem Austausch mit strenger Ästhetik und minimalistischer Abstraktion. Wie auch bei früheren Arbeiten – etwa zur Transarabischen Pipeline oder zu einem Immobilienprojekt in Beirut – bindet er dokumentarisches Material elegant in sein skulpturales Konzept ein und schließt so die bei anderen Künstlern oft störende Kluft zwischen Werk und Kontext auf überzeugende Weise.

Text: Karin Schulze

Rayyane Tabet: Bruchstücke / Fragments. Bis 18. Februar 2018, Kunstverein in Hamburg.

 


 Dieser Text ist ein Auszug aus SZENE HAMBURG, Februar 2018. Das Magazin ist seit dem 26. Januar 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!

Lucy Fricke – Das Archiv im Kopf

Ein Gespräch mit der Autorin über ihr Erfolgsprojekt HAM.LIT, die Schwierigkeiten der Kunst und ihren neuen Roman.

SZENE HAMBURG: Lucy, du bist gebürtige Hamburgerin und lebst jetzt in Berlin. Als Schriftstellerin: Welche Stadt ist inspirierender? Und warum überhaupt?
Lucy Fricke: In der Millennium-Nacht habe ich hoch pathetisch verkündet, dass ich Hamburg verlassen werde. Zwei Wochen später hatte ich eine Wohnung in Berlin. Ich musste einfach mal raus, wollte durch andere Straßen ziehen und nicht an jeder Ecke irgendwelchen Erinnerungen begegnen. Das war nötig und enorm befreiend, ich kannte damals niemanden in Berlin, und habe auch erst hier ernsthaft mit dem Schreiben begonnen. Alles Neue ist für mich inspirierend. Inzwischen ist Berlin längst nicht mehr neu und Hamburg als Heimatstadt natürlich auch nicht, also versuche ich, so oft wie möglich auf Reisen zu gehen. Ich reise nicht, um zu entspannen, sondern um wach zu werden. An anderen Orten sind bei mir alle Kanäle offen, ich sauge alles auf und kehre dann zum Arbeiten an den Schreibtisch zurück.

Als Mitglied des PEN Deutschland hast du nicht nur den Blick durch die Augen einer Schreibenden, sondern auch die exogene Perspektive auf das Schaffen anderer Autoren. Mit welchen Schwierigkeiten bist du dort konfrontiert?
Vor einigen Jahren war ich zehn Wochen lang im International Writing Program an der Universität Iowa. Von 30 Schriftstellern aus 28 Ländern war ich die einzige, die vom Schreiben halbwegs leben konnte. Nicht, weil ich mehr Erfolg, Talent oder Disziplin gehabt hätte, sondern weil ich in Deutschland lebe. Hier gibt es Preise und Stipendien, Verlagsvorschüsse, Honorare für Lesungen.

Das ist die Frage nach dem Überleben des Künstlers…
Und die nach der Freiheit, das zu schreiben, was man will. Ich saß dort abends mit Autoren in der Kneipe, die in ihren Heimatländern Todesdrohungen erhalten hatten, jahrelang inhaftiert gewesen sind oder auf der Liste des pakistanischen Geheimdienstes standen. Sie schrieben unter Lebensgefahr. Wenn einem das erst einmal bewusst ist, fängt man an, sich für verfolgte und inhaftierte Schriftsteller zu engagieren, das ist eines der Hauptanliegen vom PEN-Club. Außerdem hört man auf zu jammern. Jedes Selbstmitleid verbietet sich, sobald man weiß, unter welchen Bedingungen die internationalen Kollegen leben und schreiben.

Du selbst hast gerade dein viertes Buch zur Welt gebracht und gehst damit auf Premierenlesung. Ist der Konflikt in „Töchter“ biografisch beeinflusst oder ein fiktives Dokument gesellschaftlicher Geschichte?
Die Handlung im Roman ist fiktiv, alles andere ist so oder so ähnlich gesagt, gedacht und erlebt worden. Man könnte sagen: Alle Details stimmen, der Rest ist frei erfunden. Seit ein paar Jahren sind im Freundeskreis die Eltern ein größeres Thema. Das Verhältnis kehrt sich um, sie brauchen jetzt unsere Hilfe. Der Blick auf sie ändert sich, wenn sie kurz vorm Tod stehen. Meinen Eltern geht es zum Glück noch sehr gut, aber meine Hoffnung beim Schreiben war auch, mit Gesprächen zu beginnen, bevor es zu spät ist.

Vor deiner schriftstellerischen Ausbildung in Leipzig hast du beim Film gearbeitet: Für die Hamburger Klassiker „Kurz und Schmerzlos“ und „Absolute Giganten“ warst du verantwortlich für Script und Übergänge. Wie haben diese Projekte dein späteres, jetziges Schaffen beeinflusst?
Script/Continutiy ist ein wahnsinnig akribischer Job, man ist zuständig für die sogenannten Anschlüsse und muss sich alles merken. Nach über 20 Filmproduktionen habe ich das Beobachten aufs Härteste trainiert, das ist ins Unterbewusstsein eingedrungen. Ich scanne quasi permanent meine Umgebung und kann das beim Schreiben abrufen. Also verfüge ich über ein riesiges Archiv detailgenauer Aufnahmen. Ich erfinde wenig und hole fast alles aus der Erinnerung.

2010 war dann endlich das Jahr der HAM.LIT: Du hast die Veranstaltung initiiert und leitest sie noch heute. Was hat sich in den letzten acht Jahren verändert – sowohl notgedrungen, als auch aus gewollter Entwicklung heraus?
Das Kuratieren ist viel aufwendiger geworden. In den ersten zwei Jahren habe ich hauptsächlich Freunde und Bekannte eingeladen, Autoren, die ich kannte, deren Arbeit ich schätzte. Aber so viele Freunde habe ich nun auch nicht, dass ich jedes Jahr 15 neue bei der HAM.LIT präsentieren könnte. Inzwischen wählen wir aus etwa 40 bis 50 Büchern aus, wir fordern viel an, aber noch viel mehr wird uns zugeschickt, von den Verlagen, manchmal auch von den Autoren direkt. Es ist wirklich in Arbeit ausgeartet.

Nach welchen Kriterien wählt ihr Autoren und Musiker des Line-ups aus?
Daniel Beskos als Verleger und ich als Autorin bewegen uns viel in der Szene, alles was uns auffällt kommt erst mal auf die Liste. Es ist zum Glück immer noch so, dass wir einladen können, wer uns gefällt und überzeugt, unabhängig von Verkäuflichkeit. Die Qualität ist für uns das Wichtigste. Und es sollen nicht nur verschiedene Gattungen präsentiert werden, sondern auch unterschiedliche Stile und Themen, Debütanten und etablierte Autoren.

Dafür bedarf es sicherlich eines guten Supports…
Seit Jahren stärken uns die Kulturbehörde und verschiedene Stiftungen den Rücken, allen voran die Hamburgische Kulturstiftung, die uns von Beginn an auf beeindruckende Weise unterstützt, ohne die würde gar nichts gehen.

Und deine Motivation?
Tatsächlich habe ich die HAM.LIT aus purem Frust gegründet. Mein erstes Buch war erschienen, ein ziemlicher Flop, und ich hatte Lesungen hinter mir, die von Seiten der Veranstalter derart lieblos und inkompetent organisiert waren, dass ich dachte: Das muss doch anders gehen. Ich habe von Autorenseite aus gedacht: Wie sollte eine Veranstaltung sein, bei der ich selbst gern lesen würde. Das halte ich immer noch für den besten Weg: Wenn es den Künstlern gut geht, profitiert davon das Publikum. Und ich glaube, das bekommen wir ganz gut hin. Dass der Abend inzwischen jedes Jahr ausverkauft ist, spricht dafür. Das sorgt auch für die hohe Motivation, wenn sich am Ende des Abends die Gäste und die Künstler bei uns bedanken, das macht uns glücklich. Wir träumen schon lange davon, HAM.LIT auf Tour zu schicken. Alle KünstlerInnen in einen Bus und am nächsten Tag dasselbe Programm in einer anderen Stadt. Eine Band, die jedes Jahr nur für ein paar Tage existiert, das wäre was.

Interview: Jenny V. Wirschky 

HAM.LITUebel & Gefährlich, 1.2.18, 19 Uhr

 

 


 Dieser Text ist ein Auszug aus SZENE HAMBURG, Februar 2018. Das Magazin ist seit dem 26. Januar 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!

Kunst-Feierei: Die Millerntor Gallery#7

Die Millerntor Gallery steht bereits zum siebten Mal in den Startlöchern. Vom 29. Juni bis zum 2. Juli verwandelt sich das Millerntor-Stadion wieder in eine offene Plattform für Dialog und Austausch auf interkultureller Ebene – mit zeitgenössischer Kunst und vielen Music Acts

Millerntor_Gallery

Das Stadion wird zur Galerie. ©Stefan Groenveld

Utopien sollen auch dieses Mal wieder reichlich Platz bekommen. Das Social Art Festival, initiiert von Viva con Agua und dem FC St. Pauli steht diesmal unter dem Leitthema „Wasser für alle“ – mitdenken und mitgestalten sind gefragt.

100 internationale und lokale Künstler werden in der Millerntor Gallery ausstellen

Bei der Aktivierung für kreatives Engagement haben die Millerntor Gallery und der FC St. Pauli bereits den ersten großen Schritt gemacht: Gemeinsam hatten sie erstmals die größte und wichtigste Wand der Ausstellung im Millerntor-Stadion öffentlich zur Gestaltung ausgeschrieben. Der Siegerentwurf soll nun das bisherige Kunstwerk des Künstlerduos Herakut ablösen.

Millerntor Gallery

Kunst macht Laune. Foto: ©Stefan Groenveld

Zudem werden rund 100 internationale und lokale Künstler in der Millerntor Gallery ausstellen – darunter unter anderem Okuda, Andreas Preis, Katie Armstrong, MadC, Nychos und Pum Pum.

 

Waren auch schon mal dabei: Max Herre und Clueso. Foto: ©Stefan Groenveld

Das Bühnenkonzept verspricht dazu Großartiges: Fettes Brot, Bela. B. und DJ Mad haben als Bühnenpaten das Line-up für je einen Tag erstellt.

Die Millerntor Gallery setzt auch dieses Mal auf ein interaktives Kulturprogramm: Dazu gehören unter anderem Discover Football, die Mädchenfussballworkshops anbieten, und Tatkräftig e.V., die zeigen, dass auch ein Kurzzeitengagement nachhaltige Effekte bringen kann.

/ ILO / Fotos/ Beitragsbild:  ©Stefan Groenveld

29.6.-2.7.17, Millerntor Gallery im Millerntorstadion, www.millerntorgallery.org