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„Der Geizige“ läuft auf der Bühne im Thalia Theater

Nach „Der eingebildete Kranke“ im Jahr 2001 inszeniert Leander Haußmann mit „Der Geizige“ nun eine weitere Komödie von Molière am Thalia Theater. Wie der Corona-Lockdown einer geizigen Gesellschaft den Spiegel vorhält, erzählt der Regisseur im Interview

Interview: Sören Ingwersen

 

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Reizen die Archetypen menschlicher Verfehlungen: Leander Haußmann (Foto: Armin Smailovic)

SZENE HAMBURG: Leander Haußmann, Ihre Inszenierung von „Der Geizige“ sollte bereits Mitte Mai am Thalia Theater stattfinden und wurde wegen Corona verschoben. Was bedeutete das für Ihre Probenarbeit?

Vor zwanzig Jahren wäre der Lockdown schlimmer gewesen, jetzt waren wir durch das Internet ganz gut darauf vorbereitet. Wir konnten uns bei den Proben per Videokonferenz sehen und hören und uns auf das konzentrieren, was in physischen Proben oft zu kurz kommt, nämlich Inhalte: Worum geht es den Figuren? Worum geht es in dem Stück? Wo liegt die Komik in diesem Stoff, und auf welcher Ebene möchte man die Menschen zum Lachen brin- gen? In meinem Fall natürlich wieder auf der untersten Ebene. (lacht) Aber durch das Ensemble mit Jens Harzer an der Spitze ist ja immer auch Niveau mit an Bord. Ich habe am Thalia Theater wahnsinnig fordernde Schauspieler, wie ich sie an noch keinem anderen Theater getroffen habe. Wenn man da auf einer Bananenschale ausrutscht, tut man das auf eine philosophische oder gesell- schaftskritische Weise.

War es problemlos möglich, das Geprobte auf die Bühne zu übertragen?

Ich hatte mir vorgestellt, das Stück gemeinsam mit den Schauspielern im Kopf komplett durchzuarbeiten und zu inszenieren, bis es so tief in uns drin sitzt, dass wir es spontan überall spielen könnten: auf einer Party, in einem Zimmer oder auf der Straße. Als wir das erste Mal wieder auf der Bühne standen, empfanden wir tiefe Dankbarkeit, dass wir besser vorbereitet waren als jemals zuvor.

Andererseits mussten wir auch wieder ganz von vorne anfangen. „Der Geizige“ zählt ja zu den ganz großen Komödien und Charakterstudien, die eine extreme physische Herausforderung für den Schauspieler sind.

 

„Wir gönnen dem anderen nicht, was wir selber haben“

 

Mit der Charaktereigenschaft des Geizes verbinden wir die Vorstellung eines Menschen, dessen Welt eng ist, der sich anderen gegenüber nicht öffnet und misstrauisch Abstand hält. Gibt es hier Parallelen zur Corona-Zeit?

Alle großen Stücke passen immer irgendwie in die Gegenwart, sonst wären sie keine Klassiker. Aber man muss den Gegenwartsbezug nicht forcieren, ich würde ihn sogar eher tarnen. Der Geiz ist nicht umsonst eine der sieben Todsünden, und wir Theatermacher beschäftigen uns nun mal mit diesen Archetypen menschlicher Verfehlungen. Erzählungen bedienen sich dabei bestimmter Formen.

Nehmen wir die Fabel: Wenn man den Tierkopf abnimmt, der Fuchs letztendlich nur ein listiger Mensch ist, und wir uns nicht mehr im Tier entdecken dürfen, dann ist die Fabel kaputt. Das macht die Stücke klein, und es langweilt mich auch, wenn ich zu sehr belehrt werde. Ich denke, es steht schon ein tieferer Sinn dahinter, Dinge zu überhöhen, zu überspitzen, märchenhafter oder allgemeingültiger zu machen, sodass man sie sich auch noch angucken kann, wenn wir längst nicht mehr an Corona denken.

Wo verläuft die Trennlinie zwischen Sparsamkeit und Geiz?

Es geht nicht nur um Geiz und Sparsamkeit. Es geht um Großzügigkeit. Geiz ist etwas Pathologisches. Sparsamkeit kann auch aus einem Verantwortungsgefühl resultieren. Ich müsste im Grunde viel sparsamer sein, weil ich vier Kinder zu ernähren habe. Da wird kein großes Erbe übrig bleiben, aber ich gebe eben lieber aus der warmen als aus der kalten Hand.

Wenn wir aber über die Corona-Maßnahmen sprechen, wird deutlich, dass wir über neue Gesellschaftsformen nachdenken müssen. Wenn ein Staat fast schon wie ein Monarch am Volk vorbeifährt und ihm Goldstücke zuwirft, fragt sich das Volk natürlich: Wie viele Goldstücke sind eigentlich noch da? Und wo waren sie vorher? Warum gibt es denn kein bedingungsloses Grundeinkommen und stattdessen unglaublich komplizierte Steuergesetze, die eine riesige Berufsgruppe ernähren. Wenn man das alles gegenrechnet, zahlt der Staat am Ende noch drauf. Hier kommt der Geiz ins Spiel: Wir gönnen dem anderen nicht, was wir selber haben. Leute, die ich unterstützen möchte, sind in den Augen vieler anderer Nichtsnutze und Gammler. Ich sehe das so: Wer arbeiten kann und will, hat Glück gehabt, und wer nicht, soll deshalb nicht diskriminiert werden.

 

„Wir müssen den Umgang miteinander wieder lernen“

 

Eine Frage der Solidarität, die sich aktuell auch in der Einhaltung der Sicherheitsmaßnahmen ausdrückt.Viele Menschen fühlen sich durch diese aber ihrer Freiheit beraubt und schließen sich deshalb großen Demonstrationszügen an. Zu Recht?

Wenn 20.000 Menschen auf der Straße ihren Unmut kundtun, kann die Politik sie nicht einfach ignorieren und als dumm bezeichnen, nur um selbst als klug dazustehen. Da läuft etwas komplett falsch. Es fehlt an Aufklärung und Klarheit. Wenn die Leute aggressiv werden, dann deshalb, weil ihnen die Kunst, die Berührung und der soziale Umgang fehlen.

Ich erwarte von den Politikern auch, dass sie ihre Maßnahmen an empathische Worte koppeln. Sonst steuern wir auf eine zweite Katastrophe zu, in der es kein Erbarmen und keine Solidarität mehr geben wird. Schon gar nicht mit uns Künstlern, weil wir immer schon als reich, arrogant und überflüssig galten.

Was erwarten Sie nach der Wiedereröffnung der Theater von Ihren Zuschauern, die dann auf Abstand sitzen werden?

Da die Leute lieber in der Masse lachen und das Tragen von Masken auch unbewusst Aggressionen freisetzt, müssen wir aufpassen, dass uns das Coronavirus nicht zu extrem unfreundlichen Menschen macht. Ich kann mich an einen Streit im 3-D-Kino erinnern. Da hat sich einer zu Recht aufgeregt, weil ich kurz eine SMS gelesen hatte. Das wäre aber wohl kein Problem gewesen, wenn wir nicht beide diese großen 3-D-Brillen aufgehabt hätten.

Wenn man einem Typen mit Spiegelbrille oder Maske begegnet, denkt man doch gleich: Was will denn dieser Gangster von mir? So ist der Streit eskaliert. Wir müssen den Umgang miteinander wieder lernen. Wenn man den Mund nicht sieht, sollte man mal versuchen, mit den Augen zu lachen. Das kann man trai- nieren. Ich mache das täglich vor dem Spiegel.

Der Geizige: Thalia Theater, 12.9. (Premiere), 13., 22., 24.9.


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, September 2020. Das Magazin ist seit dem 29. August 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Elliott Landy’s Woodstock Vision: Erinnerungen an die Liebe

Das Woodstock-Festival 1969 war eine XXL-Demonstration der damaligen Friedensgeneration. Unvergessen bleibt deren Lebensgefühl auch dank Ausstellungen wie „Elliott Landy’s Woodstock Vision“

Text: Erik Brandt-Höge

 

Eine Milchfarm bei New York sollte vom 15. bis 17. August 1969 zur Kulisse eines Mega-Events werden. Das Woodstock-Festival stand an, und nicht weniger als eine halbe Million Menschen strömte heran, um für Liebe und Frieden zu protestieren und nicht zuletzt den passenden Live-Soundtrack von Musikgrößen à la Jimi Hendrix, Joan Baez, Janis Joplin, Santana und Joe Cocker zu zelebrieren.

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Woodstock, meine Liebe (Foto: Elliott Landy)

Auf den grünen Hügeln vor der Bühne machte es sich eine Generation gemütlich, die vom Vietnamkrieg, von der Kuba-Krise und allerhand ähnlichen sie verstörenden Ereignissen schlichtweg die Schnauze voll hatte. Während einige der größten Hits der Rockmusik übers Areal schallten, schalteten alle Anwesenden einfach mal ab vom Weltwahnsinn und setzten voll und ganz auf Harmonie.

Festgehalten wurden diese Glücksmomente vom amerikanischen Fotografen und Autor Elliott Landy, der zu den wenigen zählte, die nicht bloß vor, sondern auch auf der Woodstock-Bühne Bilder machen durften. „Elliott Landy’s Woodstock Vision“ ist nun der Titel einer Ausstellung im Überseeboulevard 5, die in vier Sektionen („I Vision of a Generation“, „II Stars and Stones“, „III Hight on Musik“, „IV Woodstock“) den Zeitgeist der späten 60er Jahre ins Hier und Jetzt hievt. Zu erleben sind etwa meterhohe Porträts der Live-Acts, eine audiovisuelle Psychdelic Show und ein Woodstock Café.

Elliott Landy’s Woodstock Vision: 1.8.–31.10., Überseeboulevard 5, täglich 14–20 Uhr, Fr–Sa 14–21 Uhr


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, August 2020. Das Magazin ist seit dem 30. Juli 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Special Edition: Internationales Sommerfestival auf Kampnagel startet

Das Internationale Sommerfestival auf Kampnagel findet dieses Jahr unter Corona-gemäßen Umständen statt. Warum das Programm dadurch barrierefreier, partizipativer und näher am Puls der Zeit ist denn je, erzählt Co-Kuratorin Lena Kollender

Interview: Ulrich Thiele

 

SZENE HAMBURG: Lena Kollender, was ist denn dieses Jahr unter anderem „special“?

Vielen Künstlerinnen und Künstlern weltweit sind wegen der Pandemie die Premieren- und Probeorte weggefallen. Das Internationale Sommerfestival bietet seit März so ziemlich die erste Möglichkeit, wieder live zu spielen.

Das Programm in unseren Hallen besteht dadurch jetzt aus total exklusiven Arbeiten. Wir haben viele Uraufführungen, weil wir eine Art Insel geworden sind. Zum Beispiel die Arbeit der portugiesischen Choreografin Marlene Monteiro Freitas, „MAL“: Das Stück sollte im Juni an den Münchner Kammerspielen rauskommen und dann auf vielen europäischen Festivals gezeigt werden. Die wurden dann aber fast alle abgesagt und die Gruppe hatte plötzlich gar keine Perspektive mehr. Wir konnten jetzt einen Proberaum für sechs Wochen anbieten und deshalb entsteht das Stück jetzt bei uns. Weltpremiere ist am 26. August.

Ihr habt ein an die Auflagen angepasstes Konzept entwickelt, das auf drei Säulen fußt. Welche sind das?

Das Programm in den Hallen, das wir immer haben, müssen wir dieses Jahr reduzieren. Einerseits, weil wir nur circa ein Viertel der Plätze im Publikum besetzen dürfen. Andererseits haben wir die Anzahl der Bühnen-Projekte reduziert. Dafür haben wir das Programm in unserem Festival Avant-Garten extrem ausgeweitet. Da bieten wir dieses Jahr über 50 Programmpunkte auf insgesamt drei Bühnen.

Zur dritten Säule zählen wir alles, was außerhalb stattfindet. Zum Beispiel in der HafenCity, wo wir mit der HafenCity-Kuratorin Ellen Blumenstein das Augmented-Reality-Game „Bot-Boot“ machen. Aber dazu gehört auch alles, was im Internet stattfindet. Dafür haben wir interessante, extra für dieses Medium kreierte Arbeiten eingeladen und auch extra in Auftrag gegeben.

 

Eine eigene Ästhetik

 

Welche Produktionen habt ihr in Auftrag gegeben?

Zum Beispiel „Body of Knowledge“ der australischen Künstlerin Samara Hersch. Darin werden die Zuschauerinnen und Zuschauer per Telefon mit Teenagern aus Australien verbunden, die ihnen dann Fragen stellen, die sie Erwachsenen schon immer stellen wollten. Also geht es in diesen Gesprächen unter anderem um Sex und Körperlichkeit, politische Fragen, den Klimawandel, queere Identitäten. Das Telefon ist eine Möglichkeit, auch über die Entfernung eine große Intimität herzustellen.

Unser Online-Programm zeigt, dass es möglich ist, Arbeiten herzustellen, die explizit für diesen Raum geschaffen sind und eine eigene Ästhetik entfalten. Das macht zum Beispiel auch die Wiener Gruppe mit Nesterval sehr eindrucksvoll ihrer Uraufführung „Der Willy Brandt- Test“ auf der Videoplattform Zoom. Das Schöne daran ist: Unser Programm ist dadurch partizipativer und barriere-freier – man kann auch von zu Hause am Sommerfestival teilnehmen.

Inwiefern spiegelt sich die Corona-Pandemie konkret im Programm wider?

Dadurch, dass wir das Programm so kurzfristig entwickelt haben, sind wir so nah am Puls der Zeit wie noch nie. Fast alle Arbeiten reagieren auf diese Situation. Sehr konkret sieht man das bei Yan Duyvendaks geradezu prophetischer Arbeit „Virus“. Diese hat er über zwei Jahre lang geplant, also lange vor der aktuellen Krise. Eigentlich sollte es darin um die Ebola-Pandemie gehen, nun hat Duyvendak sie aber auf das Corona-Virus angepasst. Es ist das Stück der Stunde und feiert bei uns seine Deutschlandpremiere.

 

 

Welche neuen Perspektiven werden gezeigt, die in den Debatten der letzten Monate nicht vorkamen?

Künstlerische Perspektiven sind in den letzten Monaten sehr viel weniger vorgekommen, weil die Kunstproduktion im Lockdown war. Wenn Künstlerinnen und Künstler sich mit dem Virus auseinandersetzen, ist das perspektivisch etwas anderes, als wenn die Wissenschaft das tut.

Inwiefern genau?

Um bei „Virus“ zu bleiben: Duyvendak greift eine wissenschaftliche Sache auf. Er nimmt ein Simulationsspiel der EU, das entwickelt wurde, um Regierungen und Krankenhäuser vor allem in nord- und westafrikanischen Ländern auf Pandemien vorzubereiten. Das Publikum kommt dazu und soll dieses Spiel spielen, aber es wird künstlerisch transformiert. Es geht nicht mehr nur darum, ob wir die Pandemie eindämmen oder nicht, sondern darum, ob wir hinterher in einer Diktatur landen oder in einer utopischen, neuen Welt.

Die Perspektive eines Künstlers oder einer Künstlerin kann so zum Beispiel die gesellschafts-politischen Dynamiken hinterfragen. Und das Publikum ist in diese Auseinandersetzung einbezogen: Für dieses Stück heißt das: Wenn alle Zuschauerinnen und Zuschauer gemeinsam Entscheidungen treffen müssen, was entwickeln sich daraus für soziale Situationen?

Ein konkreter Bezug steckt in den „Pandemic Talks“. Wie sehen die aus?

Das ist eine Art Konferenzformat, das einmal pro Woche live auf Kampnagel stattfindet und auch im Stream zu sehen sein wird. Im ersten Talk „Vor dem Virus sind (nicht) alle gleich“ geht es um soziale Ungleichheit als Gesundheitsgefährdung. Warum etwa Schwarze Menschen in den USA häufiger vom Corona-Virus betroffen sind als Weiße. Oder Frauen generell, weil sie öfter in Care-Berufen arbeiten.

Im zweiten Talk geht es um technopolitische Fragen. Zum Beispiel darum, wie diese Pandemie neue Grenzregime im Internet zur Folge haben kann. Und im dritten Talk geht es um popkulturelle Strategien im Umgang mit der Krise. Letztes Jahr ging es auch um den Blick in die Vergangenheit, um daraus Schlüsse für die Gegenwart zu ziehen.

 

„Die Utopien sind realistischer geworden“

 

Wie ist das dieses Jahr?

Tatsächlich haben wir gerade eher das Gefühl, so viel Gegenwart und Zukunft wie noch nie im Programm zu haben. Weil die meisten Künstlerinnen und Künstler eben auf die Krise reagieren und nach Chancen zur Veränderung suchen.

Natürlich greifen manche dafür auch auf die Vergangenheit zurück. Oliver Zahns Arbeit „Lob des Vergessens, Teil 2“ ist ein Beispiel dafür. Er arbeitet mit einem Lied eines deutschen Vertriebenen nach dem Zweiten Weltkrieg, das er im Soundarchiv gefunden hat. Daraus hat er eine Arbeit gemacht, die das kollektive Erinnern, aber auch das kollektive Vergessen reflektiert. Das Internet macht es momentan fast unmöglich zu vergessen, denn alles wird dokumentiert. Zahn stellt die Frage: Wie schaffen wir es, zu vergessen und Geschichte neu zu schreiben in Zeiten des Internets?

Wir stecken momentan noch mitten in der Corona-Krise – ist die Auseinandersetzung mit dem Thema durch die fehlende Distanz anders?

Die Auseinandersetzung ist tatsächlich ganz anders. Letztes Jahr hatten wir viele Arbeiten, die sich mit einer ganz fernen, fantastischen Zukunft beschäftigt haben. Dieses Mal ist der Blick in die Zukunft viel pragmatischer. Teilweise geht es um die nächste Stunde wie bei Gob Squad, um morgen oder um nächstes Jahr, um die Zeit, wenn wir die Pandemie hinter uns haben und um die Frage, was wir dann konkret verändern müssen.

 

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Florentina Holzinger: Tanz (Foto: Nada Zgank)

 

Die Utopien sind sozusagen realistischer geworden. Viele, wie etwa das Peng! Kollektiv, sehen die aktuelle Lage als Zwangspause, die wir nutzen müssen, um zu überlegen, wie die neue Normalität aussehen sollte. Und das Publikum wird vermutlich auch alles anders rezipieren als in den vergangenen Jahren. Das fängt bereits da an, dass es ganz anders sein wird, in einem Theatersaal zu sitzen, der nur zu einem Viertel gefüllt ist und, dass wir uns ganz anders bewegen müssen. Das wird dann auch die Wahrnehmung von Arbeiten wie Florentina Holzingers TANZ beeinflussen, die bereits vor der Pandemie entstanden ist.

Internationales Sommerfestival: Kampnagel (u. a.), 12.–30.8.2020


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, August 2020. Das Magazin ist seit dem 30. Juli 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Kunst im Grand Elysée: Realisten im Rampenlicht

Nah am Wasser – Galerie im Elysée stellt Werke von Lars Möller und Mathias Meinel aus

Text: Erik Brandt-Höge

 

Das Element Wasser ist seit jeher ein überaus beliebtes Maler-Motiv – und das, obwohl es selbst eigentlich farblos und zudem ständig in Bewegung ist, also eine echte künstlerische Herausforderung bedeutet. Mit „Nah am Wasser“ ist ab sofort und bis voraussichtlich Ende August eine Ausstellungcin der Galerie im Grand Elysée zu sehen, die Wasser in all seiner Kraft und Dynamik dokumentiert.

Die gezeigten Arbeiten stammen von den beiden Norddeutschen Realisten Lars Möller und Mathias Meinel. Während Möller sich auf die landschaftliche Weite des Nordens fokussiert und die Welt zwischen Wellengang und Wolken auf die Leinwand bringt, sind Meinels Bilder von Nahaufnahmen geprägt, etwa von überschwemmten Feldern und Pfützen. Beiden gelingt es, ein faszinierendes Lichtspiel zu kreieren und Galerie-Besucher sofort ins gemalte Geschehen hineinzuziehen.

Leider wird es keine Vernissage geben. Dafür ist „Nah am Wasser“ täglich und rund um die Uhr zu erleben. Besucher werden gebeten, einen Mund-Nasen-Schutz zu tragen und sich an den Mindestabstand von 1,50 Metern zu halten.

Ab sofort bis vorauss. Ende August, Grand Elysée Hotel Hamburg


Szene_Juli_2020_Cover SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Juli 2020. Das Magazin ist seit dem 27. Juni 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Kultursenator Dr. Carsten Brosda im Interview

Der Senator der Behörde für Kultur und Medien im Kurzinterview über Hilfen und Chancen für die Hamburger Kulturlandschaft

Interview: Erik Brandt-Höge

 

SZENE HAMBURG: Herr Brosda, schon in einem der neuen Autokinos gewesen?

Leider noch nicht. Eigentlich schade, nachdem wir alle Hände voll damit zu tun hatten, die überhaupt wieder möglich zu machen.

Die Open-Air-Kultur mit Abstand ist eine Überbrückungsmöglichkeit für viele Kulturschaffende, letztlich aber nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Wie erleben Sie die Situation derzeit aus Senatorensicht?

Das ist schon eine extrem schwierige Zeit. Insbesondere für die vielen engagierten Künstlerinnen und Künstler und Kreativen. Es ist aber beeindruckend, wie verständnisvoll fast alle mit der Situation umgehen und wie schnell und kreativ sich viele auf die neuen Bedingungen eingestellt haben und Kultur zunächst online und nun zunehmend auch wieder live erlebbar machen.

Der Rückgang der Infektionszahlen ermöglicht es uns zum Glück jetzt, in eine neue Phase einzutreten, in der es nicht mehr nur darum geht, entstandene Verluste auszugleichen, sondern wieder vermehrt darum, Kultur zu ermöglichen. Das macht Spaß zu sehen, wie sehr alle darauf brennen, wieder auf den Bühnen zu stehen und Kultur zu erleben.

 

„Ziel ist es, Hamburg als Kulturstadt gut durch die Krise zu führen“

 

Dürfen Kulturschaffende, von großen Häusern bis Solo-Selbstständige, denn auf erweiterte Corona-Hilfsmaßnahmen des Senats hoffen?

Wir haben sehr schnell reagiert und zum Glück in Hamburg Kunst und Kultur von Anfang an bei den Hilfen mit berücksichtigt. Natürlich werden wir den Künstlerinnen und Künstlern und den Kultureinrichtungen weiterhin helfend zur Seite stehen.

Dabei wird es jetzt vor allem darum gehen, zum einen die Hilfen der Stadt klug auf das Neustart-Kulturpaket abzustimmen, das der Bund im Rahmen des Konjunkturpaketes beschlossen hat. Zum anderen wollen wir gezielt dabei helfen, wieder die Produktion von Kunst zu ermöglichen, auch wenn dies unter den Corona-Bedingungen schwieriger geworden ist.

In dieser Zeit setzt sich der Senat ja regelmäßig Etappenziele. Welches ist Ihr nächstes?

Das Ziel ist immer klar, nämlich Hamburg als Kulturstadt gut durch die Krise zu führen und künftig weiter auszubauen. Denn wir haben Kunst und Kultur so viel zu verdanken, von der Innovationskraft, die in der Kreativität steckt, bis zu den immer wieder notwendigen Interventionen durch die Kunst. Gegenwärtig sind die Etappen dadurch gekennzeichnet, das möglich zu machen, was vernünftig ist.

Nachtrag: Einmalige Hilfe in Höhe von 2000 Euro für Mitglieder der Künstlersozialkasse: Hier können Berechtigte die Neustartprämie für Künstlerinnen, Künstler und Kreative beantragen. 


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Hinter den Kulissen: Im Backstage der Stadt

Um die Backstagebereiche der Clubs ranken sich oft wilde Legenden. In Pandemie-Zeiten sind auch sie verlassen. Eine Bilderserie

Text: Ole Masch

 

Während verschiedene kulturelle Einrichtungen peu à peu und mit starken Einschränkungen öffnen dürfen, bleiben Musikclubs nach wie vor geschlossen. Um Nachtschwärmern trotzdem einen Einblick in ihre Lieblingsorte zu bieten, zeigt SZENE HAMBURG Fotos von Räumen, die Besucher in der Regel nicht zu sehen bekommen.

Entstanden ist eine Bilderserie aus den seit den Corona-Schließungen verwaisten Backstage-Bereichen der Clubs. Um zu verdeutlichen, wie lange sie als wichtiger kultureller Bestandteil bereits fehlen, zeigen Bildunterschriften, wer sich hier als letztes und zu welchem Anlass aufgehalten hat. Um zu verhindern, dass diese Personen dort auch die letzten geblieben sind, kann weiterhin für die Rettungskampagne S.O.S. – Save Our Sounds auf Startnext gespendet werden.

 

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Fundbureau: Seit dem 7. März ist zu. Damals waren die Racing Snails vom Gaggalacka-Festival geladen (Foto: Claudia Mohr)

 

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Hafenklang: Zuletzt saßen hier die Mitglieder der Band Blaue Bume aus Dänemark, die am 12. März das letzte Konzert vor Corona spielten (Foto: Claudia Mohr)

 

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Baalsaal: Yulia Niko legte hier zuletzt am 14. März bei Electronic Red Light auf (Foto: Claudia Mohr)

 

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Astra Stube: Am 12. März spielten Ryskinder aus Israel vor knapp 60 Leuten. Support war Grundeis aus Hamburg. Einen Tag später wurde, zunächst auf eigene Initiative hin, geschlossen (Foto: Claudia Mohr)

 

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Waagenbau: Am 7. März wurde hier die letzte Party gefeiert. Bei VER:Bunden spielten Martha von Straaten & Bebetta (Foto: Claudia Mohr)

 

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Yoko: Bei der großen b2b Nacht „Affaire d`amour“ spielten 3 DJ-Teams die ganze Nacht House Musik. Kurz darauf wurde dicht gemacht (Foto: Claudia Mohr)

 

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Terrace Hill: Letztes Konzert war Blind Ego am 2. März. Nach dem Social Developers Club am 7.3. wurde abgeschlossen (Foto: Claudia Mohr)

 

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Molotow: Der letzte Künstler im Laden war der Hamburger Poetry Slammer Hinnerk Köhn am 12. März mit seiner Solo- Show „Bitter“. Die letzte Band Pyogenesis am 6. März. In den zurückliegenden dreieinhalb Monaten hätten eigentlich knapp 100 Bands hier im Backstage abgehangen (Foto: Dorothea Bader)

 

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Mojo: Unmittelbar vor dem Lockdown, am 8. März, gab es für Blues-Rockstar Marcus King Getränke im Backstage (Foto: Ole Masch)

 

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Turtur: Am Donnerstag den 12. März gab es das letzte Mal Open Decks mit Tischtennis, Kicker, Techno & Oldies bei Lümmelkiez (Foto: Claudia Mohr)


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„Untold Stories“: Peter Lindbergh im MKG

Kurz vor seinem Tod stellte Peter Lindbergh die Schau „Untold Stories“ fertig, ein verblüffendes Best-of seiner Arbeit

Text: Sabine Danek

 

Letztes Jahr im Mai war Peter Lindbergh (1944–2019) noch in Hamburg. Um persönlich einen Blick in das Museum für Kunst und Gewerbe zu wer­fen, der zweiten Station seiner Ausstellung „Untold Stories“ – und der ersten, die er selbst konzipiert hat. Einen „Kampf um Leben und Tod“ nannte er die Auswahl, bei der er sein Werk, das mehr als 40 Jahre umspannt, auf 140 Arbeiten reduzie­ren musste. Felix Kramer, Direktor des Düsseldorfer Kunstpalasts, wo die Ausstellung eröffnete, hatte Lind­bergh den Vorschlag gemacht, sein eigener Kurator zu sein. Der Fotograf hatte sofort zugestimmt und schließlich zwei Jahre daran gearbeitet.

Zwischendurch dachte Lindbergh, die Ausstellung würde nie fertig. Nach jedem seiner Shootings, die ihn beständig um die Welt führten, hatte er andere Ideen. Und irgendwann sogar ein Reisemodell der Museumsräume dabei, in der er die Arbeiten beständig neu arrangierte.

Was letztendlich entstand, ist ein Geschenk. Es ist eine persönliche Auswahl, ein Einblick, wie Lindbergh selbst sein Werk sah und was er daran als essenziell betrachtete. So kam es, dass einige seiner ikonischen Aufnahmen fehlen und stattdessen viel Unveröffentlichtes zu sehen ist.

 

„Ein Interview mit der Kamera“

 

Mit Bildern, drei mal vier Meter groß, zieht er direkt in seine Ausstellung hinein. Models sind darauf zu sehen, Landschaften, Stillleben. Überwältigt solle man zu Beginn werden, sagte Lindbergh selbst. Um dann eine Reise durch sein Werk zu beginnen, durch seine Modestrecken, Kampagnen, Porträts. Darunter zahlreiche Celebritys. „Mit ihm Fotos zu machen, ist wie ein Interview mit der Kamera“, hat Uma Thur­ man über Lindbergh gesagt.

 

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Foto: Uma Thurman, Peter Lindbergh

 

Von Duisburg, wo Lindberg als Peter Brodbeck aufwuchs, ging er nach Krefeld, um Kunst zu studieren, haute schließlich nach Berlin ab, zog dann nach Paris und wur­de zu einem der großen Modefo­tografen. Auch, weil die Mode ihn nicht sonderlich interessierte. 25 Jahre lang besuchte er nicht eine einzige Modenschau, er legte keinen Wert auf Trends und aktuelle Kollektionen, sondern wollte seinen eigenen inneren Bildern nachgehen.

Viele davon kamen aus der Kunst. Die Skulpturen des französischen Bildhauers Aristide Maillol beeinflussten seine Arbeit ebenso wie die Konzeptkunst Joseph Ko­suths, die amerikanische Dokumentarfotografie von Dorothea Lange oder Walker Evans und später auch der Tanz von Pina Bausch, mit der er befreundet war. Für eine seiner bekanntesten Kampagnen für Comme des Garçons kehrte er an die Duisburger Hochöfen zurück und zitierte Fritz Langs „Metropolis“. Immer in Schwarz­-Weiß, weil sich das für ihn authentischer anfühlte, und immer auf der Suche nach dem Moment, in dem ein Bild sich in eine Geschichte verwandelte.

 

Ein ungewöhnlicher Lindbergh

 

Den fand er, wenn er mit einem kleinen Team in den Straßen von Downtown Los Angeles unterwegs war, wo er Uma Thurman zwischen mexikanischen Straßenhändlern und Obdachlosen in mörderisch hohen High Heels entlang stöckeln ließ oder auf riesigen Sets, in denen er Models als 40er­-Jahre­-Ganoven inszenierte, Ufos landen ließ und kleine Außerirdische neben Helena Christensen einen Feldweg entlang hopsen. Oder er in einer sei­ner spektakulärsten Kampagnen, als er 1989 mit Tina Turner den Eiffelturm hochstieg und sie in schwin­delerregender Höhe auf dessen Eisenverstrebungen posierte.

Unter den Arbeiten, die erst­mals zu sehen sind, ist auch „Tes­tament“ von 2013. 300 Fälle zum Tode verurteilter Mörder studierte Lindbergh, unter anderem von Elmer Carroll, den er 30 Minuten lang in einen Spiegel blicken ließ, auf dessen anderer Seite seine Ka­mera stand. Ein ungewöhnlicher Lindbergh. Auch in der Arbeitsweise. Bekannt war er für seine unermüdliche Aktion beim Fotogra­fieren, er tänzelte, rannte, lief rück­wärts und steckte alle an. Mit seinen „kleinen Ewigkeiten von Freu­de“, wie sein Freund Wim Wenders sich im Katalog erinnert, und seiner „Leichtigkeit des Seins“.

Peter Lindbergh: Untold Stories, Museum für Kunst und Gewerbe, 20.6.–1.11.2020

 


Cover Szene Juni 2020 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Juni 2020. Das Magazin ist seit dem 30. Mai 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Lichthof Theater: Probebühne Internet

Der Vorhang bleibt zu, die Webcam geht an: Wie viele andere Häuser stellt auch das Lichthof Theater gerade auf digitale Formate um. Im Interview spricht künstlerischer Leiter Matthias Schulze-Kraft über erste Schritte im Netz, die Chance, nicht perfekt sein zu müssen und die neue Reihe „Lichthof Lab“

Interview: Sophia Herzog

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Probiert gerne digitale Tools aus: Matthias Schulze-Kraft (Foto: G2 Baraniak)

SZENE HAMBURG: Matthias Schulze-Kraft, wie alle anderen Veranstaltungsorte des Landes hat auch das Lichthof Theater geschlossen. Wie sieht Ihr Arbeitstag unter diesen neuen Umständen aus?

Matthias Schulze-Kraft: Ich arbeite, wie viele gerade, mehr oder weniger von zu Hause. Interessanterweise habe ich mehr zu tun denn je. Das hätte ich nicht gedacht. Zum einen müssen wir uns um die Finanzierung und Organisation des Theaters kümmern. Wir haben zum Beispiel die Renovierungen vorgezogen, die sonst während der Sommerpause gemacht würden. Zum anderen müssen wir die ganzen Verschiebungen und Absagen koordinieren, also schauen, welche Premieren zu einem anderen Zeitpunkt stattfinden können oder für welche wir vielleicht ein Online-Format entwickeln können.

Die Online-Angebote des Lichthof Theaters sammeln Sie in der neuen Reihe „Lichthof Lab“. Worum geht es dabei?

Wir haben einen Aufruf an die Künstlerinnen und Künstler gestartet, die eng mit dem Lichthof Theater verbunden sind, und gefragt, ob sie Ideen haben, die sie als Online-Formate entwickeln möchten. Da kamen viele Ideen zurück.

Ende April haben wir zum Beispiel die interaktive Serie „Boy H. Werner gibt Instruktionen am Montag“ eingeführt. Boy H. Werner ist Literaturkritiker und eine Kunstfigur der Hamburger Theatermacherin Charlotte Pfeifer. Er stellt jeden Montag Aufgaben an Künstler und Künstlerinnen, aber auch an eine interessierte Öffentlichkeit. Die Ergebnisse bewertet und diskutiert er dann immer in der nächsten Woche.

Außerdem stellen einige der Künstler, die in dieser Zeit Premiere gehabt hätten, im Livestream ihre Arbeit vor. So bleiben wir sichtbar und können den Künstlerinnen und Künstlern immerhin eine virtuelle Bühne bieten.

 

„Beim Theater über Video geht viel verloren“

 

Viele Theater stellen gerade außerdem Livestreams online. Lässt sich denn Theater so einfach eins zu eins ins Netz übertragen?

Nein. Man kann natürlich Mitschnitte von Theaterstücken streamen, dafür braucht es aber eine qualitativ hochwertige Aufnahme. Wir streamen gerade nur zwei Produktionen, die bei uns Premiere gefeiert haben, das Musiktheater „Strandrecht“ und „Cum-Ex Papers“. Beide Stücke wurden aufwendig aufgenommen, mit mehreren Kameras und Schnitten, wurden also filmisch aufbereitet. Trotzdem finde ich Theater über Video nur mäßig spannend, dabei geht einfach viel verloren. Bei Streaming-Angeboten sieht man vor allem, was uns entgeht. Wenn wir wirklich Produkte wollen, die einen Mehrwert haben, dann muss man neue Formate für das Web erfinden.

Eine große Frage ist dabei aber auch: Wie sieht das aus mit der Entlohnung?

Ja, das stimmt. Die Künstler haben in ihre Arbeiten natürlich viel Arbeit gesteckt, aber eben nicht dafür, dass die Werke dann noch wochenlang kostenlos gestreamt werden. Man sieht ja, wie schwer sich schon Verlage tun, sich hinter Bezahlschranken zu stellen, schon rein technisch. Dafür finden wir so ad hoc auch keine Lösung.

Die Hamburger können das Lichthof Theater im Moment mit einem freiwilligen Ticketkauf für die Streams unterstützen. Wie lange kann so ein Modell funktionieren?

Das kann ich konkret gar nicht beantworten. Online-Angebote ersetzen natürlich nicht das, was wir sonst machen, langfristig kann es nur ergänzen. Ich glaube aber, dass so eine Schiene auch in Zukunft bestehen bleiben wird, wenn die Theater wieder öffnen. Mit diesem Ziel haben wir auch das „Lichthof Lab“ gestartet, und wir wollen in diesem Gebiet weiterhin Erfahrungen sammeln.

Gerade ist das teilweise alles noch ein bisschen unperfekt. Den ersten „Friday Online Talk“, ein festes Format des Lichthof Labs, haben wir zum Beispiel über Zoom abgewickelt. Dabei haben ungebetene Gäste den Talk torpediert und wir mussten die Übertragung abbrechen. Jetzt streamen wir über Youtube.

Trial and Error also …

Genau, und das ist auch total spannend. Es macht Spaß, sich das Technische anzueignen, aber auch zu schauen, wie wir Inhalte online präsentieren können.

 

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Das leere Foyer im Lichthof Theater (Foto: Sabrina Twele)

 

Sie haben gerade das Wort „unperfekt“ genannt. Sind die Zuschauer bei kleinen Fehlern gerade nachsichtiger?

Komplett. Wir hätten das Format unter anderen Umständen so nicht einführen können. Das Lichthof Lab hatten wir eigentlich als großes Projekt geplant, waren aber in Planungs- und Finanzierungsfragen noch gar nicht so weit. Online-Formate wie dieses hätten wir immer erst in einem perfekten Zustand veröffentlicht.

Jetzt ist es aber gerade jeder gewohnt, unperfekte Dinge zu sehen. Alleine in den Zoom-Konferenzen, in denen sich das Private und das Berufliche so extrem überlagern. Wir können das jetzt nutzen, um gemeinsam zu lernen. Nicht nur wir als Theatermacher, sondern auch mit den Zuschauern, für die das ja ebenso neu ist.

Das passt zur „Krise als Chance“, die gerade häufig genannt wird. Welche Chancen sehen Sie denn für Privat- und Off-Theater?

Erst einmal eignen wir uns natürlich gerade bestimmte Tools an, die wir langfristig für begleitende Angebote zum regulären Theaterprogramm einsetzen können. Wir werden Online-Formate selbstverständlicher mit ins Portfolio aufnehmen können, das sehe ich schon als große Chance.

Und dann ist es so, dass man Künstler und Künstlerinnen, gerade freischaffende, sowieso nicht stoppen kann. Die sind es gewohnt, selbstbeauftragt zu arbeiten. Die warten nicht, bis jemand kommt und Ansagen macht, sondern fangen jetzt an zu experimentieren. Da werden ganz neue Dinge entstehen. Ich denke, das wird das Theater nachhaltig verändern.

 

„Es kann sein, dass Theater das nicht überleben“

 

Verstärkt die Krise außerdem das Bewusstsein für die meist prekären Arbeitsverhältnisse von Künstlern?

Die Krise trifft natürlich gerade Menschen, die überhaupt keinen Cent auf der hohen Kante haben. Dass jetzt ein Blick auf uns gerichtet wurde, auf die Verletzlichkeit von Künstlern, das denke ich schon. Ob wir als Gesellschaft aber von der Krise lernen und die Effekte anhalten, da bin ich eher skeptisch.

Wird die Theaterbranche in Hamburg nachhaltig strukturelle Schäden erhalten?

Das hängt davon ab, wie lange diese Situation noch anhält. So unterschiedlich die Hamburger Theaterlandschaft ist, so unterschiedlich werden auch die Auswirkungen sein. Das hängt davon ab, wie abhängig Theater von den Abendeinnahmen oder wie hoch die institutionelle Förderung ist.

Die Kulturbehörde ist super kulant und war sehr schnell mit den Hilfsmaßnahmen, zumindest was uns betrifft. Aber es kann auch sein, dass Theater das nicht überleben. Und dann entstehen natürlich empfindliche Lücken in der Hamburger Theaterlandschaft.

lichthof-theater.de


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Mai 2020. Das Magazin ist seit dem 30. April 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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David Abel: Fotos for Future

Nicht nur in Sachen Umweltschutz sind sie ganz weit vorne. Auch die Künste in der Stadt leben von der Eigeninitiative und den Visionen junger Talente. Einer von ihnen ist der Nachwuchs-Foto- und Videograf David Abel (20)

Interview: Hedda Bültmann

 

SZENE HAMBURG: David, momentan legst du deinen Fokus mehr auf die Fotografie und nicht auf Videografie, was auch eine Leidenschaft von dir ist. Warum?

David Abel: Auf einem Foto kann man den Moment mit seinen ganzen Emotionen festhalten und darstellen. Videoaufnahmen zeigen natürlich mehr vom Umfeld der Situation und sind eindeutiger. Aber genau das mag ich an Fotos: Sie bieten Raum für unterschiedliche Interpretationen.

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Melonen pflücken in Vietnam: „Perception“ aus der Vision-Serie

Zum Beispiel das Bild, auf dem das Kind die Wassermelone hält (l.), habe ich verschiedenen Personen gezeigt und ein Teil derer hat mich gefragt, ob das eine Granate sei. Total spannend, dass sie im ersten Moment ein ausländisches Kind mit einer Granate assoziiert haben. Darauf wäre ich nie gekommen, da ich nur die Freude des Kindes gesehen habe, das mit seinen Freunden auf dem Feld gespielt hat.

Welche Momente möchtest du mit der Welt teilen?

Aktuell stelle ich meine Fotoserie „Vision“ auf der Kunstmeile Blankenese aus. Das sind sechs Fotos, die ich in Asien aufgenommen habe. Diese zeigen genau das, was ich vermitteln möchte. Menschen in ihrer Heimat und ihren Emotionen in dem Moment.

Gerade Gefühle versteht jeder und hat einen Bezug dazu. Und darüber auch einen Zugang zu den Menschen aus anderen Kulturen. Emotionen sind wie eine internationale Sprache, die jeder kennt. Ich beschäftige mich gerne mit Gesichtern und was sich darin widerspiegelt. Das zeigt den Menschen und erzählt die Geschichte des Moments.

Zeigst du auch unschöne Seiten?

Ich arbeite gerade mit einem Freund zusammen an einer Fotoserie zum Thema Umweltpolitik. Das abgebildete Foto (u.r.) ist in meinem kleinen Fotostudio entstanden und symbolisiert, dass durch Menschenhand Öl und Plastik in die Weltmeere gelangen und diese zerstören. Wir wollen verschiedene Themen, die gerade in der Umwelt stattfinden auf kreative Weise festhalten und so nochmal darauf aufmerksam machen.

 

Umweltpolitik-c-david-abel

Teil einer Fotoserie über Umweltthemen

 

Gibt es Künstler, die dich beeinflussen?

Heutzutage kann man sich sehr schnell durch Social Media beeinflussen lassen, was für mich positive und negative Auswirkungen hat. Negativ ist das Bremsen der eigenen Kreativität durch Mitlaufen des Mainstreams. Positiv ist, dass man sehr viel lernen und sich inspirieren lassen kann.

So habe ich zum Beispiel den Fotografen Brendan North entdeckt und mit ihm Kontakt aufgenommen. Trotzdem versuche ich, mich auch auf dem altmodischen Wege inspirieren zu lassen.

Fotograf-David-Abel

Auf den Traintracks in Hanoi: David Abel

Ich besuche gerne Ausstellungen und Galerien wie beispielsweise in den Deichtorhallen. Jeder sollte sich und seinen eigenen Stil entdecken.

Du reist ja viel. Hast du einen Lieblingsort?

Es gibt viele Orte, die ich mit schönen Erinnerungen verbinde. Ein Ort wird für mich durch die Erlebnisse dort schön. Wenn diese ausschlaggebend waren und die Gefühle dort gestimmt haben, macht ihn das direkt sehr viel schöner. Hamburg ist mein Zuhause, ich liebe die Stadt. Als ich das letzte Mal von einer Reise zurückgekommen bin, habe ich mich auch einfach darüber gefreut, wie frisch die Luft hier riecht.

Kunstmeile Blankenese bis zum 24.5. | Instagram: dba.photography


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Welcome back: Kunstverein öffnet seine Türen wieder

Ab Donnerstag, 7. Mai, können wieder Museen, Ausstellungshäuser und Gedenkstätten besucht werden. Auch der Kunstverein ist zurück und öffnet seine Türen für Besucher

 

Endlich geht es los und Hamburgs Kultur erwacht wieder ein Stück. Nachdem sich Bund und Länder auf weitere Lockerungen geeinigt haben, hat der Hamburger Senat am Dienstag, 5. Mai, die Beschlüsse in einer neuen Rechtsverordnung umgesetzt. Unter Einhaltung der notwendigen Hygienevorschriften wird die Öffnung in vielen Kulturbereichen wieder möglich sein. Museen, Ausstellungen, Gedenkstätten, Galerien sowie Bibliotheken und Archive werden jetzt wieder schrittweise für Besucher öffnen.

Mit dabei ist auch der Kunstverein. Die Laufzeit für die aktuellen Ausstellungen „ars viva 2020 – Karimah Ashadu“, „Thibaut Henz & Cemile Sahin“ und „Matheus Rocha Pitta – The Curfew Sirens“ werden bis zum 31. Mai 2020 verlängert. Auch wenn es vorerst keine Veranstaltungen in den Räumen des Kunstvereins geben wird, digital bleibt man weiterhin verbunden. Auf den Sozialen Medien und der Website finden sich vielfältige Inhalte, wie insbesondere auch die Führungen zu den Ausstellungen. Alle Fragen und Antworten rund um die Wiedereröffnung und einen Ausstellungsbesuch gibt es ebenfalls auf der Homepage.

 

Maske auf

 

Die aktuelle Lage fordert ein neues Miteinander während des Ausstellungsbesuchs. Damit ein sicherer und reibungsloser Ausstellungsbesuch im Kunstverein ermöglicht werden kann, wurden in Abstimmung mit den zuständigen Behörden umfassende Schutz- und Hygienemaßnahmen entwickelt, die auf der Webseite und im Eingang zum Kunstverein nachgelesen werden können. Insbesondere das Tragen eines Mund- und Nasenschutzes ist für den Besuch natürlich notwendig.

kunstverein.de


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