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Hippocampus Kunstfestival: Skulpturen-Projekt

Das Hippocampus Kunstfestival bringt zusammen mit dem Verein „Hallo“ und der Galerie Oel-Früh Kunst an ungewöhnliche Orte

Text: Sabine Danek 

Der gemeinnützige Verein „Hallo“ macht unzugängliche Orte für die Öffentlichkeit nutzbar. In diesem Sommer gemeinsam mit der Galerie Oel-Früh und dem Hippocampus Kunstfestival, das jetzt in seine zweite Runde geht. Benannt nach einem zentralen Teil unseres Gehirns, der in seiner Form dem Seepferdchen gleicht, steht er für Impulse, für lebenslanges Lernen und ein Miteinander.

Ein Zeichen setzen

Das Festival findet auf dem Vereinsgelände der alteingesessenen und engagierten Rudervereinigung Bille statt, die von städtebaulichen Veränderungen bedroht ist. Auch darauf möchte das Festival aufmerksam machen – und das mit einem Skulpturen-Projekt auf einer Grünfläche, die sich zwischen einer stark befahrenen Straße, dem Billebecken und dem Vereinshaus befindet.

Das Who is Who der Kunstszene

Ein Who is Who der Kunstszene ist dort vertreten: Die Bühne für die verschiedenen Konzerte besteht aus einer Sozial-Skulptur von Jan Köchermann, die gleichzeitig Pavillon und Erholungsort ist. Eine Soundinstallation von Felix Mayer simmert aus den Bäumen, Marc Einsiedel und Felix Jung entwickeln eine ortspezifische Skulptur, Minú errichtet Skatespots und Supinice lassen eine aufblasbare Skulptur schweben. Das sind nur einige der Arbeiten und dazu gibt es Live-Musik und All-Stars DJ-Sets und zur Finissage wird es dampfen. Da werden die Heilkräuter, die Julia Nordholz während der Ausstellung als Skulptur hat wachsen lassen, geerntet, als Saunaaufguss verwendet und als Tee gereicht.

Hippocampus Kunstfestival: Skulpturen Projekte. 17. bis 24. September 2022 auf der Grünfläche Bei der Grünen Brücke 3. Eröffnung am 17. September ab 15 Uhr, Finissage am 24. September ab 15 Uhr, dazwischen täglich bis 24 Uhr geöffnet


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Kunst für die Freiheit

Die Ausstellung „Ein Jahr Taliban“ zeigt Gedichte, Bilder und Eindrücke aus dem Land, indem vor mehr als einem Jahr die Taliban die Macht übernommen haben. Ein Gespräch der Aktivistin und Organisatorin Juliane Bandelow  

Interview: Katharina Stertzenbach

 

Juliane Bandelow unterstützt Menschen in Afghanistan. Mit der Kunstausstellung „Ein Jahr Taliban“, möchte sie Afghaninnen und Afghanen eine Stimme geben und auf ihre Situation aufmerksam machen. Im Gespräch erzählt sie, inwieweit ihr Engagement etwas bewegt und welche Steine ihr in den Weg gelegt werden.

 

SZENE HAMBURG: Juliane, wie hast du die Künstler:innen für die Ausstellung gefunden?

Juliane Bandelow die Organisatorin der Ausstellung „Ein Jahr Taliban“ (Foto: privat)

Juliane Bandelow, die Organisatorin der Ausstellung „Ein Jahr Taliban“ (Foto: privat)

Ich bin seit einiger Zeit Mitglied in einer Telegram-Gruppe, in der sich explizit afghanischen Frauen austauschen. Mit der Zeit haben einige angefangen, mir ihre Geschichten zu erzählen. Das war so eindrücklich, dass ich die Idee hatte, diese Geschichten weiter erzählen zu wollen. Da hat es gepasst, dass die Frauen mir ohnehin schon Gedichte und Fotos geschickt hatten, die ihre Situation illustrieren und zeigen, wie sich ihr Leben seit der Machtübernahme der Taliban vor einem Jahr verändert hat. Daraus ist dann die Kunstausstellung „Ein Jahr Taliban“ entstanden. Dadurch können die Frauen ihre Situation in Afghanistan auch einem deutschen Publikum näherbringen. 

 

Zunächst war die Ausstellung ausschließlich für Künstlerinnen konzipiert. Jetzt sind in der Artstadt auch Werke von Künstlern ausgestellt. Wie kam es dazu?

Das Stimmt. Zunächst hieß die Ausstellung auch „Die Stimme der Frauen“. Dann habe ich aber einen afghanischen Künstler kennengelernt, der Frauen gemalt hat. Auch seine Bilder spiegeln die Situation der Frauen in dem Land wider. Die Kunst passte perfekt zu den Arbeiten der Frauen und so kam es, dass wir auch Kunst von männlichen Künstlern zeigen.  

Die Situation der Frauen

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Ein Bild von dem afghanischen Künstler Samir Qasimi

Profitieren die Kontakte in Afghanistan von der Ausstellung? 

Aktuell noch nicht. Wir haben zwar für ein paar Künstler einen Antrag auf Ausreise nach Deutschland ans Auswärtige Amt gestellt. Einige konnten auch bereits ausreisen, aber nicht nach Deutschland. Aktuell sind sie im Iran und Tadschikistan und befinden sich dadurch nicht mehr in unmittelbarer Lebensgefahr. 
Die Situation der Frauen ist allerdings komplizierter. Ihnen wird die Ausreise , anders als bei den Männern, oft nicht gestattet. Sie können auch nicht einfach flüchten – das wäre zu gefährlich. Meistens machen das die Männer erstmal allein und versuchen ihre Frauen dann nachzuholen. Die Frauen sind also buchstäblich in Afghanistan gefangen. 

 

Was möchtest du über die direkte Hilfe hinaus mit der Ausstellung bewirken?

Ich möchte Menschen in Afghanistan und besonders den Frauen eine Stimme geben. 
Außerdem freue ich mich, wenn die Ausstellung wächst und noch mehr Afghaninnen und Afghanen ihre Geschichten mit Hilfe von Kunst erzählen. Darüber hinaus sind wir auch eine Vernetzungsplattform. Ich wünsche mir, das Menschen zusammenfinden, die wissen wie man explizit Künstler:innen in Afghanistan helfen kann. Aktuell gibt es kaum Initiativen für Künstler:innen. Viele von ihnen waren in Afghanistan durch ihre Arbeit auch gleichzeitig politisch aktiv. Das macht die Situation unter den Taliban für sie gefährlich. Mein Wunsch wäre es, das wir eine Organisation oder einen Verein gründen können um den Künstler:innen direkt zu helfen. 

Die Ausstellung „Ein Jahr Taliban“ ist noch bis zum 26. September 2022 in der Artstadt zu sehen. Zudem wurde eine betterplace -Kampagne gestartet, über die Spenden für die Künstler:innen gesammelt werden.

 


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Theaternacht Hamburg: Viel mehr als nur Appetithäppchen

Vielfalt gehört zur Theaternacht Hamburg seit ihrer Gründung, doch nun genügt sie sogar den Ansprüchen der allseits geforderten Diversität. 2022 Erstmals dabei ist das inklusive Klabauter Theater

Text: Dagmar Ellen Fischer 

 

Am 10. September ist wieder Zeit für die Theaternacht Hamburg. In diesem Jahr ist das Theater-Hopping so inklusiv und mobil wie nie zuvor. Rund ein Drittel der teilnehmenden Theater bei der Theaternacht Hamburg bietet rollstuhlgerechten Zugang, zahlreiche Programmpunkte werden von Audiodeskription, Untertitelung und Gebärdendolmetschen begleitet. Außerdem darf man mit dem Theaternacht-Ticket sowohl die speziell für dieses Event gecharterten Shuttle-Busse als auch sämtliche HVV-Linien nutzen. Wie schon vor der Corona-Zwangspause etabliert, teilt sich das Angebot in ein Familienprogramm von 15 bis 19 Uhr und in das Abendprogramm von 19 bis nach 1 Uhr; ab Mitternacht lockt die After-Show-Party im Thalia Theater am Alstertor.

Angebote für Jung und Alt

Ein Angebot für die Allerjüngsten hält die Opera Stabile bereit: „Tut tut! Baby an Bord“ heißt das halbstündige Musiktheater mit einem akustischen Spektrum zwischen bekannten Alltagsgeräuschen und Kunstmusik für Baby-Ohren. Etwas älteren Kindern präsentiert sich das Fundus Theater am neuen Standort – dem Platz der Kinderrechte am Sievekingdamm – nicht nur mit Bühnenausschnitten: Die ganze Familie kann entweder ein spannendes Brettspiel ausprobieren, in dem „Table Animals“ ungewöhnliche Regeln aufstellen, oder eine interaktive Ausstellung besuchen. Auch das Junge Schauspielhaus lockt sein Publikum mit Theaterszenen, aber zusätzlich mit abenteuerlichem Verkleiden und Schminken. Verdammt viel vorgenommen hat sich das Klabauter Theater: Es macht sich zum Anwalt der Natur und einiger Waldbewohner in seinem Stück „und alle tiere rufen: dieser titel rettet die welt auch nicht mehr“!

Theater, Tombola und Traditionelles

Zum Kern der Theaternacht gehören szenische Appetithäppchen, die Lust machen aufs Wiederkommen, entweder mit einem Best-of aus bewährten Inszenierungen oder durch Ausblicke auf kommende Werke. Doch einige Häuser haben sich darüber hinaus Fantasievolles ausgedacht: Im Fundus des Thalia Theaters lagern Kleiderstangen in einer Gesamtlänge von rund 500 Metern, Interessierte können in einer Gruppenführung von maximal zehn Teilnehmern an historischen Kleidern, Fantasiekostümen und Ritterrüstungen entlangschlendern (Treffpunkt: Abendkasse im Foyer). Nicht nur zum Anschauen, sondern sogar zum Mitnehmen bietet das Schauspielhaus Dinge mit bewegter Bühnenvergangenheit: Per Tombola werden sie verlost, und die Einnahmen ermöglichen Kindern und Jugendlichen aus finanziell schlechter gestellten Familien einen Theaterbesuch. Direkt gegenüber hat sich das Ohnsorg Theater ebenfalls etwas jenseits der Bühne einfallen lassen: einen theatralen Rundgang durch den Stadtteil mit dem Titel „St. Georg – en Eiland?“ (Treffpunkt: Wo die bronzene Heidi Kabel die Hand aufhält).

Ein Ticket, 40 Häuser und einige Überraschungen

Das Musiktheater mit dem schönsten Elbblick, das Opernloft, lässt in einem Opern-Slam Sängerinnen und Sänger im Wettstreit gegeneinander ansingen. Und in John Neumeiers Ballettzentrum können Besucher auf vier Etagen einen Blick auf Training und Proben der Ballettschule, des Bundesjugendballetts und des Ensembles des Hamburg Ballett werfen. Auf St. Pauli zeigt das Imperial Theater einen ganzen Abend lang ausnahmsweise keine Krimis, sondern eine berühmte Schauergeschichte: Bram Stokers „Dracula“. In dieser besonderen Nacht öffnet ein Ticket die Türen zu rund 40 Theatern. Und die bespielen längst nicht mehr nur ihre Theatersäle, sondern auch Flure und Foyers, ihren Gastronomie- sowie mitunter den Außenbereich. Noch nicht einmal vor den Shuttle-Bussen macht der Spieltrieb Halt – doch wo genau, das bleibt eine Überraschung!

Tickets gibt’s für 17 Euro (Abendkasse 19 Euro). Für das Familienprogramm von 15 bis 19 Uhr kosten die Karten 8 Euro.

 


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Kunsthaus Hamburg: Das Gesicht der Erde

Patchworkdecken, die sich in eine Wüstenlandschaft verwandeln, Sandtafeln und Trockeneissounds: Wir sprachen mit Katja Schroeder, Künstlerische Leiterin des Kunsthauses, über die Ausstellung Sand !Hū Sand, die von indigener Kultur und Kolonialgeschichte bis auf den Mars führt

Interview: Sabine Danek

 

SZENE HAMBURG: Katja Schroeder, mit Sand !Hū Sand ziehen nicht nur Wandarbeiten und Installationen ins Kunsthaus, sondern auch Musik und Performances. Wie ist die Ausstellung entstanden?

Katja Schroeder: Es ist mittlerweile einige Jahre her, dass ich Ruth May eingeladen habe, eine Ausstellung zu entwickeln. Sie ist bildende Künstlerin, hat an der HFBK studiert und arbeitet mit Zeichnungen und Stoffen. Damals hatte sie gerade das Theaterprojekt „Das Haus der Herabfallenden Knochen“ mit Peter Thiessen von der Hamburger Band Kante und den Künstler:innen von Khoi Konnexioin aus Kapstadt und Nesindano Xhoes Namise aus Windhoek auf Kampnagel realisiert. Bei ihrer gemein­samen Arbeit ist so viel entstanden, das über das Bühnenprojekt hinausging, dass sie gerne daran anknüpfen wollte. So kam dieses Folgeprojekt mit bildender Kunst, Musik und Performances zustande.

Was wird man hören?

Neben Sounds, die extra für die Ausstellung entstanden sind und die man auswählen und auf Plattenspielern abhören kann oder einem „Soundtrack“, der auf Soundcloud zur Verfügung steht, gibt es Bogen­-Instrumente, die Garth Erasmus baut, spielt und auch einen Workshop dazu veranstaltet.

 

Bogen-Instrumente und die indigene Herkunft

 

Diese Instrumente haben eine lange Kultur, die wie viele andere indigene Traditionen durch die Kolonial­zeit verschüttet wurde. Das Bauen und Spielen der Bogen-­Instrumente ist das erneute Aneignen der eigenen indigenen Herkunft. Die Instrumente sind Ausstel­lungsobjekte, aber werden dann auch tatsächlich in Performances und Konzer­ten benutzt. Ganz so wie die Installationen von Peter Thiessen und sein kreischendes Trockeneis, das zu hören ist.

Wie wichtig ist es, dass Künstler:innen aus verschiedenen Kontinenten zusammengekommen sind?

Das ist entscheidend für das Projekt. Die Auseinandersetzung mit der Ge­schichte unterscheidet sich abhängig davon, ob man in Deutschland, in einem Township in Kapstadt oder in Namibia lebt. Und gerade mit Namibia verbindet uns ja eine sehr tragische Kolonialge­schichte. Wie setzt man sich damit auseinander? Wie redet man darüber? Ruth May und Peter Thiessen waren mehrfach vor Ort und haben sich mit den Künstler:innen dort ausgetauscht.

Die koloniale Prägung dort ist nicht zu übersehen. Sogar dieselben Kacheln wie in Hamburger Altbauten haben sie vor Ort gefunden. Weil sie aus Wüstensand keine Häuser bauen konnten, haben die Kolonialherren europäischen Sand dorthin gebracht und sich eingerichtet wie in Hamburg. Dieses Wiedererkennen und diese Vertrautheit gehen natürlich mit einem großen Unbehagen einher.

 

Die Wüste Namibias

 

In Ihrer Ankündigung führen Sie eindrücklich aus, dass Sand quasi überall zu finden ist, von der Wüste zu den Meeren, in Technologie und Asphalt. !Hūai, „Das Gesicht der Erde“, wird er in Namibia und Südafrika genannt. Kommt Sand auch als Material selbst in der Schau vor?

Ja, und das auf unterschiedliche Weise. Seit vielen Jahren arbeitet Garth Erasmus an Bildern aus Sand. Sie sind ganz verschieden schattiert und die Abdrücke darauf wirken wie Spuren. Und sie führen in die unterschiedlichsten Richtungen. In Namibia ist die Wüste nicht nur Lebensraum von Garth’ indigenen Vorfahren, der Khoisan, gewesen, sondern auch Schauplatz von Genozids und Diamantenraub. Gleichzeitig ist der Sand Grabstätte. Doch die Toten kamen nicht zur Ruhe, da sogenannte „Rassenforscher“ dort nach Knochen gruben.

Aber auch mit seinen Trockeneissounds spannt Peter Thiessen den Bogen zu dem größten bekannten Haufen Sand des Universums – dem Mars, dessen Polkappen im Winter Trockeneis bilden. Die große Patchwork-Arbeit von Ruth May hingegen arbeitet mit dem Idealbild, das wir von Natur haben. Wirken die einzelnen Stoffflicken aus der Nähe wie Pixel, werden sie in der Distanz zur Wüstenlandschaft.

Es gibt es ein umfassendes Veranstaltungsprogramm. Aber auch während der regulären Öffnungszeiten kann es sein, dass in der Ausstellung geprobt wird.

Das könnte auf jeden Fall passieren. Es gibt ja jede Woche ein bis zwei Veranstaltungen und dafür wird dann geprobt. Wir sind gespannt, wie das funktioniert. Und auch auf die Performances und Konzerte. Wir hoffen, dass wir ein Kunst- und ein Musikpublikum zusammenbringen können. Und das nicht auf einer Bühne auf der meistens eher dunkel ist, sondern in einem taghellen White Cube. Wir freuen uns sehr darauf.

kunsthaushamburg.de


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Kunst im Phoxxi: The New Abnormal

Die Fotoausstellung im Phoxxi, dem temporären Haus der Photographie der Deichtorhallen vermittelt einen Eindruck vom gegenwärtigen Leben in der Ukraine mit Werken von zwölf ukrainischen Fotograf:innen

Vom 3. September bis zum 6. November läuft die Ausstellung, die in Kooperation mit dem Odesa Photo Days Festival stattfindet. „The New Abnormal“ zielt darauf ab, mit den Fotografien der ukrainischen Dokumentarfotograf:innen und Fotokünstler:innen, das Leben im Angesicht des
Krieges zu vermitteln.

Das Odesa Photo Days Festival wurde 2015 auf künstlerische Reaktion auf den Krieg gegründet, den Russland im Osten der Ukraine begonnen hatte. Sieben Jahren lang fand das Festival statt. Aufgrund des russischen Angriffs im Februar fiel es dieses Jahr allerdings aus. Umso wichtiger ist, dass die Fotografien jetzt in der Ausstellung im Phoxxi zu sehen sind.

deichtorhallen.com


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Hamburgerin des Monats: Ana Amil

Ana Amil ist Kulturmanagerin, Stadtteilaktivistin auf St. Pauli und Vorsitzende des „Kabinett der schönen Künste e. V.“ Seit Juli lädt der Verein im frisch sanierten „Teehaus“ in den Großen Wallanlagen zu kostenfreien Veranstaltungen ein

Interview: Markus Gölzer

SZENE HAMBURG: Ana, was ist das „Kabinett der schönen Künste e. V.“?

Ana Amil: Wir sind ein Kultur- und Kunstverein aus St. Pauli, gegründet von Menschen, denen die Kunst und Kultur auf St. Pauli wichtig ist. Daraus sind mehrere Projekte entstanden: das Feminité Museum, Arrivati Onlein und Golden Age Art. Das Feminité Museum ist ein digitales Museum, mit dem wir auch analoge Ausstellungen machen. Wir recherchieren, archivieren und zeigen Kunst, Geschichten und Geschichte von Menschen, die sich weiblich lesen aus 180 Jahren St. Pauli.

Arrivati Onlein ist eine Gabenleine am Arrivati-Park beim Grünen Jäger, die wir da schon seit zwei Jahren hängen haben. Hier kann man kontaktlos spenden. Golden Age Art ist ein Netzwerk von Künstler:innen, die zusammen ausstellen wollen, um weibliche Kunst sichtbarer zu machen. Daraus entstehen weitere Projekte wie das Stadtteil-Fanzine „Der blinde Fleck“. Das Kabinett der schönen Künste ist gemeinnützig, wird von Ehrenamtlichen betrieben und ist fördergeld- und spendenfinanziert.

 

„Ich arbeite und handle inklusiv. Das macht mich aus. Wenn das als stark oder emanzipatorisch interpretiert wird, ist das total in Ordnung“

Ana Amil

 

Du meintest am Telefon, dass du als unbequem giltst. Warum?

(Lacht) Das würde man mir direkt nicht ins Gesicht sagen. Ich bin eine Frau mit migrantischem Hintergrund. Ich habe einen alternativen Lebensstil. Ich bin politisch aktiv: Das sind ja keine populären Attribute. Ich sehe das nicht als Defizit, sondern als Vorteil. Ich lebe, was ich denke und sage.

Ich habe mein Leben und meine Arbeit danach ausgerichtet, dass ich mich für universelle Grundrechte starkmache. Ich arbeite und handle inklusiv. Das macht mich aus. Wenn das als stark oder emanzipatorisch interpretiert wird, ist das total in Ordnung.

Wurdest du schon angefeindet?

Es passiert immer mal wieder, dass ich aufgrund meines Geschlechts und meiner Herkunft Diskriminierung erfahre. Dass ich aufgrund meines nichtdeutschen Nachnamens und meines nichtdeutschen Aussehens beurteilt und oder verurteilt wurde. Ich habe erlebt, dass ich bei Grenzkontrollen im Zug als Einzige im Abteil nach dem Pass gefragt werde. Zu offiziellen Terminen nehme ich meine „männliche Flanke“ mit, damit ich überhaupt als Gesprächspartnerin wahrgenommen werde.

Musstest du beim Bezirksamt Mitte Überzeugungsarbeit leisten, dass ihr Teil des Teehauses werdet?

Nein. Die Idee ist ein generationsübergreifendes, inklusives Projekt mit verschiedenen Gruppen zu starten. Das Bezirksamt ist vor eineinhalb Jahren auf uns zugekommen. Grund war unsere Arbeit mit dem Feminité Museum.

 

18 Weiblichkeiten aus St. Pauli

 

Wir haben eine Ausstellung konzipiert: „18 Weiblichkeiten aus St. Pauli“. Die war online super besucht mit über 20.000 Zugriffen. Dann haben wir mit der Alfred-Toepfer-Stiftung gespro- chen, die die Millerntorwache verwaltet und die Ausstellung dort gezeigt. Ebenfalls ein voller Erfolg. Wir machen auch Diversity-Workshops an Grund- schulen. Das hat sich rumgesprochen. Man will in Hamburg diverser auftreten. Wir freuen uns, dass wir dazu beitragen können.

Was erwartet die Besucher:innen im Teehaus?

Es gibt Ausstellungen, Lesungen, Veranstaltungen wie den „Queer Teadance“, oder einen Plattenflohmarkt mit Musikbingo. Jede:r ist willkommen. Alle Veranstaltungen sind kostenfrei. Wir wollen niedrigschwellig und barrierefrei Kunst und Kultur aus St. Pauli ermöglichen.

Neben Kulturmanagerin und Stadtteilaktivistin bist du überzeugte Kollektivistin.

Alles was ich mache und schaffe, kann ich nur mit anderen Menschen machen. Ich stehe hier, spreche hier und zeige mein Gesicht für ungefähr
25 Menschen, die mir helfen, die mich supporten. Ohne die würde ich das alles nicht schaffen. Wir alle sind Teil dieser Gesellschaft. Ich habe Mitmenschen. Wir sollten miteinander und nicht gegeneinander arbeiten.

Ist es auch mal schwer in einem Kollektiv?

Auf alle Fälle. Das ist schwierig, immer wieder in den Dialog zu gehen. Obwohl ich ein großes Ego habe, muss ich mein Ego bei bestimmten Themen für ein gemeinsames Ziel zurück- zustellen. Aber es geht um eine Hal- tung. Nicht um meine Meinung. Eine Meinung kann man ändern. Eine Haltung nicht. Dazu stehe ich.

 

„Die Stadt ist für alle da“

Ana Amil

 

Welche Veränderungen möchtest du mit deinem Engagement erreichen?

Die Stadt ist für alle da. Es geht mir um echte Inklusion. Wir versuchen immer barrierefrei auszustellen. Ich verstehe nicht, dass man nicht für alle Menschen mitdenkt. Es geht um Teilhabe. Viel mehr Menschen, die das Thema Diversität betrifft, müssten in den Entscheidungsgremien sitzen.

Man muss den Menschen ermöglichen, ein Teil der Stadt zu werden. Es muss Orte geben, an denen alle, die an der Teilhabe behindert werden, mitmachen können. Es muss eine Selbstverständlichkeit werden, zu inkludieren. Für mich ist es wichtig, sichtbar in der Stadt stattzufinden an einem Ort wie Planten un Blomen, um alle Menschen sichtbar zu machen.

Was ist der schönste Lohn für deine ehrenamtlichen Aktivitäten?

Da gibt es so viele. Auf persönlicher Ebene berühren mich die vielen Nachrichten und Anrufe, die ich bekomme. Menschen bedanken sich, dass ich ihnen eine Stimme gebe. Das macht mich glücklich. Ich freu mich über die Wertschätzung von Seite der Stadt. Dass unsere Arbeit für so relevant gehalten wird, dass sie unterstützt wird.

 

Die Gaben-Leine auf St. Pauli

 

Als wir die Gaben-Leine aufgebaut habe in Corona-Zeiten, haben sich jeden Tag Leute persönlich bedankt. Sie meinten, das ist so toll, weil es unangenehm sei, sich in die Schlange bei den Essensausgaben zu stellen. Ich komme jeden Tag vorbei und gucke, ob es hier was gibt. Da merke ich: Da bin ich genau an der richtigen Stelle. Ich frag mich immer. Warum bin ich hier?

Und warum bist du hier?

Das hat mit den Frauen in meiner Familie zu tun. Besonders mit meiner Großmutter. Ich bin halb Portugiesin, halb Spanierin. Meine Großmutter mütterlicherseits aus Portugal, war Analphabetin. Eine arme Familie. Sie hat 14 Kinder geboren, sechs sind gestorben. Auch mein Großvater ist zu früh gestorben, und sie hat die Kinder allein aufgezogen. Kurz bevor sie dann gestorben ist, habe ich sie noch mal gesehen in Portugal. Sie war schon krank, kannte aber alle Namen von ihren Enkeln und Urenkeln dieser riesigen Familie.

Und da hat sie zu mir gesagt: Ich bin so dankbar für alles, was ich erlebt habe. Sie ist in einer Diktatur aufgewachsen unter Salazar. Und ich guck sie an und sehe, wie sie die Dinge gesehen hat. Wie viel Optimismus, Idealismus und Willen sie hatte. Meine Mutter hatte den Mut, Anfang der 70er in ein Land zu gehen, dessen Sprache sie nicht spricht. Und jetzt siehst du mich hier mitten im Teehaus sitzen. Ich habe es leichter gehabt dank dieser starken weiblichen Vorbilder. Da bin ich es schuldig, deren Haltung zu vertreten und zu leben.

Was machst du, wenn du keine Projekte vorantreibst?

Ich laufe Rollschuh und spiele Basketball. Beides total schlecht, aber ich liebe es. Ich gehe auf Ausstellungen und mache Musik. Ich bin unglaublich gern mit meinen vier Patenkindern und zwei Neffen zusammen. Die sind noch nicht so voller Vorurteile, haben einen offenen Geist. Ansonsten genieße ich mein Leben mit meinem Mann Paul und unserem Patenhund Knut. Das Langweiligste für mich wäre ein Strandurlaub.


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Neu im Kino: Evolution

„Evolution“ von Kata Wéber und Kornél Mundruczó zeigt drei Generationen jüdisches Leben nach dem Holocaust

Text: Marco Arellano Gomes

Wie lebt es sich als Überlebende des Holocaust in Europa? Dieser Frage widmen sich Kata Wéber und Kornél Mundruczó („Pieces of a Woman“) in dem Film „Evolution“, der im vergangenen Jahr auf dem Filmfest Hamburg lief. In drei zeitlich unterschiedlichen, wenngleich miteinander verwobenen Episoden zeigt der Film drei Generationen einer jüdischen Familie, die den Holocaust überlebte – von 1945 bis heute.

Von Auschwitz über Budapest nach Berlin

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„Evolution“ von egisseure Kata Wéber und Kornél Mundruczó, ab dem 25. August in den Kinos (Foto: Match Factory Productions/Proton Cinema)

In der ersten Episode zeigen kraftvolle Bilder, wie in einer verlassenen Gaskammer ein kleines Mädchen namens Éva gefunden wird, das auf wundersame Weise die Hölle von Auschwitz überlebt hat. Die Atmosphäre ist surreal, albtraumhaft und fängt den menschlichen Horror, der sich hier abgespielt hat, gespenstisch und eindringlich ein.

Jahrzehnte später wird die inzwischen leicht demente Evá (Lili Monori) in Budapest von ihrer Tochter Léna (Annamária Láng) besucht. Die Mutter soll eine Auszeichnung als Überlebende erhalten, hält es aber für moralisch untragbar, diese anzunehmen und verweigert daher mitzugehen. Die beiden streiten, Vorwürfe fliegen durch den Raum, seelische Verletzungen treten zutage – und kulminieren in einer bildstarken Szene, in der eine Urkraft sich ihren Weg ebnet. „Ich will keine Überlebende sein, ich will leben“, sagt die Tochter in einem ergreifenden Moment.

Die dritte Episode zeigt Évas Enkel Jonás (Goya Rego), der mit seiner Mutter kürzlich nach Berlin zog. In der Schule wird er verprügelt und schikaniert, zugleich hat er sich in ein junges Mädchen verliebt. Als er nach einem Brand in der Schule nach Hause geht, erwischt er seine Mutter mit einem fremden Mann – es kommt zum Streit, bei der auch die eigene Vergangenheit nicht außen vor bleibt.

Große Fragen und Hoffnung

Von Generation zu Generation findet eine Evolution statt, bei der die Frage der eigenen Existenz im Raum steht. Was bedeutet es, jüdisch zu sein? Jede Generation hat ihre eigene Antwort – was filmisch an den unterschiedlichen Bildsprachen (Kamera: Yorick Le Saux) und Erzählformen deutlich wird. Es mag kein Entkommen aus der eigenen Vergangenheit geben – und doch bleibt die Zukunft ein offener Weg, auch voller Hoffnung.

„Evolution“, Regie: Kata Wéber und Kornél Mundruczó. Mit Lili Monori, Annamária Lang, Goya Rego. 97 Min. Ab dem 25. August in den Kinos 

Hier gibt’s den Trailer zum Film:


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Bergedorf: Zehn Mal wunderschön

Bergedorf im Hamburger Südosten wird viel zu oft übersehen, wenn von der Hansestadt die Rede ist. Dabei hat der Bezirk so einiges zu bieten: Von einer bewegenden Geschichte über in Hamburg seltene Fachwerkhäuser bis zum einzigen Schloss der Stadt

Das Bergedorfer Schloss

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Mitten im Zentrum steht das Bergedorfer Schloss (Foto: Mediaserver Hamburg/www.leemaas.de)

Was wäre Bergedorf ohne sein Schloss? Das im 13. Jahrhundert als Wasserburg an der Bille angelegte Schloss ist das einzige auf Hamburger Stadtgebiet erhaltet Gebäude seiner Art. Heute ist hier das Museum für Bergedorf und die Vierlande beheimatet. Die Dauerausstellung bietet einen Rundgang durch 850 Jahre regionale Geschichte. Dazu kommen Wechselausstellungen zu sozialgeschichtlichen Themen und Ausstellungen von Bergedorfer Künstler:innen. Außerdem ist das Bergedorfer Schloss eine einmalige Location für Veranstaltungen aller Art. Dazu zählen zweifelsohne auch die Schlosskonzerte. Wer nach diesem Anblick des Schlosses von historischen Bauten noch nicht genug hat, für den gibt es mit dem Schloss Reinbek nur wenige Kilometer entfernt, gleich hinter der Stadtgrenze, einen Residenzbau des herzoglichen Hauses Schleswig-Holstein-Gottorf aus dem 16. Jahrhundert zu bestaunen.

Einkaufen und Flanieren

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Die St. Petri und Pauli Kirche, ein Kleinod in der Fußgängerzone am Sachsentor (Foto: Ulrich Pinkernell)

Bergedorf wurde im zweiten Weltkrieg nicht so sehr zerstört wie andere Teile Hamburgs. Dadurch sind hier neben dem Schloss auch viele alte Gebäude erhalten geblieben. Dazu zählen auch die vielen Fachwerkhäuser am Sachsentor. Die Straße ist Synonym für die Bergedorfer Fußgängerzone und Haupteinkaufsstraße. Das Shoppingparadies beginnt am Bergedorfer Bahnhof, führt über den Serrahn und das Bergedorfer Schloss bis zum Mohnhof. Trotz des großen Shoppingcenters gleich um die Ecke haben sich hier viele Geschäfte gehalten und nach der Umgestaltung im Jahr 2004 zieht das Sachsentor heute mehr Menschen denn je an. Vorbei an der St. Petri und Pauli Kirche mit ihrem im 18. Jahrhundert erbauten Kupferturm gibt es jeden Dienstag und Freitag auch den klassischen Wochenmarkt direkt nebenan. In der Fußgängerzone selbst sind neben größeren Ketten auch echte Perlen zu finden. Darunter seit 1986 die Buchhandlung Sachsentor und seit wenigen Jahren nach seinem Umzug auch den Weltladen Bergedorf.

Boberger Dünen

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Sand in der Stadt: die Boberger Dünen (Foto: Marco Arellano Gomes)

Am Nordufer des früheren Elbstromtals zeugen einige alte Dünenlandschaften von der früher unbebauten Landschaft. Eine der bekanntesten und beliebtesten sind die Boberger Dünen. Das weitläufige Naturschutzgebiet im Nordwesten Bergdorfs liegt im Stadtteil Lohbrügge. Über 350 Hektar erstreckt sich das Gebiet und ist neben Wald und Dünen auch von seinem See geprägt. Der besonders beliebte Badesee ist 7,9 Hektar groß und maximal 11,5 Meter tief und wird durch Grundwasser gespeist. Daher rührt auch seine sehr gute Badequalität. Besonders im Sommer ist die Badestelle am nordöstlichen Ufer ein beliebtes Ausflugsziel. Am Südufer haben auch die Freund:innen des FKK ihren Platz. Doch auch wer nicht Baden will, kann die Boberger Dünen entweder durchwandern oder für einen Abstecher in die Luft nutzen. Der Hamburger Aero-Club Boberg bietet ab hier Mitfluggelegenheiten in seinen Segelfliegern an.

Jazz

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Bergedorf kann Jazz (Foto: unsplash/theo eilertsen photography)

Hamburg kann Jazz, das wissen mittlerweile alle. Doch das Bergedorf hier auch einiges zu bieten hat, ist noch viel zu vielen verborgen geblieben. In dem kleinen Stadtteil gibt es gleich zwei Locations mit richtig gutem Jazz in Angebot. Einer der beiden ist der White Cube Bergedorf. Der Club liegt etwas versteckt im Gewerbegebiet, ist aber nur knapp einen Kilometer vom Bahnhof Bergedorf entfernt. 2017 wurde das eigentliche Loftgebäude zu einem Club umgebaut. Pro Monat gibt es im Schnitt drei Konzerte im White Cube, hinzu kommen die mittlerweile etablierten Jamsessions. 

Deutlich mehr Geschichte hat indes der Jazzclub-Bergedorf. Seit 1963 verbinden die Jazzfreunde die beliebte Musik mit dem Stadtteil. Nach dem Tod ihres Gründers sind sie aktuell ohne feste Spielstätte. Doch das bedeutet nicht, dass es keine Konzerte gibt. Aktuell laden sie zumeist zu den kleinen Gigs ins Bergedorfer Schloss.

Aber auch darüber hinaus gibt es immer wieder kleine Jazzkonzerte im Stadtteil, so zum Beispiel im Kulturhaus Serrahn oder in der Lola.

Die Lola

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Die Lola ist eine Institution in Bergedorf (Foto: LOLA)

Das Kulturzentrum Lola gehört zu Bergedorf wie die Elbphilharmonie zu Hamburg. Seit 1992 gibt es das Haus. Weniger als einen Kilometer vom Bahnhof entfernt finden regelmäßig Konzerte, Comedy-Veranstaltungen, Kindertheater, Infoveranstaltungen, Initiativentreffen, Kurse und Workshops für Jung und Alt statt. Als Kulturzentrum ist die Lola darüber hinaus auch in jedem Jahr Spielstätte beim renommierteren Hamburger Comedypokal. Mittlerweile gehören auch das Improtheater „Anne Bille“ und die „Lola Band“ fest zum Repertoire. Hinzu kommen an jedem Wochenende „Beats united“ und der „Old Folks Boogie“. 2022 feiert die Lola zudem ihren 30. Geburtstag. Grund genug, ein vielfältiges Jubiläumsprogramm auf die Beine zu stellen.

Die Bille

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Die Bille lädt rum Radeln, Wandern und zum Paddeln ein, einfach schön (Foto: Noemi Smethurst)

Was der Hamburger Innenstadt die Alster ist, ist den Bergedorfer:innen die Bille. Der 65 Kilometer lange Fluss fließt in Bergedorf erstmals auf Hamburger Stadtgebiet und mündet an der Brandshofer Schleuse in der Nähe des Großmarkts in die Elbe. Besonders schön ist der Fluss von Bergedorf stromaufwärts in Richtung Sachsenwald. Das Billetal ist ein Paradies fürs Wandern, Radfahren und in Richtung Dove Elbe auch zum Paddeln. Wer durch das Tal in Richtung Reinbek wandert erlebt nahezu unberührte Natur und nach einem Abstecher zum Reinbeker Schloss geht es mit der S-Bahn zurück nach Bergedorf. Wer noch nicht genug hat, folgt dem kleinen Flusslauf weiter in Richtung Osten, vorbei am Sachsenwaldbad, in Richtung Aumühle und den Wäldern, die noch heute der Familie Bismarck gehören. So gelangt man schließlich auch in den Sachsenwald, das mit fast 60 Quadratkilometern größte zusammenhängende Waldgebiet in Schleswig-Holstein.

Lost Places und viel Grün

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Die Pulverfabrik Düneberg ist ein echter Lost Place (Foto: Anarhea Stoffel)

Was die Bille andeutet, setzt sich unter anderem im Bergedorfer Gehölz fort: Bergedorf ist Grün und das zeigt sich an den kleinen und großen Wäldchen in und um den Bezirk. Das Bergedorfer Gehölz liegt dabei zwischen Bille und Villenviertel und ist die grüne Oase des Stadtteils. Wer jedoch etwas weiter fahren möchte, entdeckt neben viel grün, Natur und Landwirtschaft auch noch einen echten Lost Place. Knapp zehn Kilometer südöstlich der Bergedorfer Innenstadt liegt direkt an der Hamburger Stadtgrenze das Naturschutzgebiet Besenhorster Sandberge. Hier finden sich ähnlich wie in den Boberger Dünen alte Dünenlandschaften des nördlichen Ufers des Elbstromtals.

Doch neben den Dünen und dem Wald gibt es hier auch alte Ruinen voll bunter Graffiti-Kunst. Es sind die Reste eines ehemaligen Fabrikgeländes, das als solches kaum noch zu erkennen ist. 1876 gegründet produzierte die ehemalige Pulverfabrik im Ersten Weltkrieg vor allem Schwarzpulver. Nach einer erneuten Hochpasse der Produktion im Zweiten Weltkrieg wird die Anlage im April 1945 durch Bombenangriffe zerstört. Daraufhin werden die Anlagen erst abgebaut, dann gesprengt, später entseucht und sind seitdem vollständig der Natur überlassen. Heute sind die Ruinen ein beliebtes Ziel für Graffiti-Künstler:innen, Spaziergänger:innen und Reiter:innen. 

Das Bergedorfer Villenviertel

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Im Bergedorfer Villenviertel reiht sich ein prächtiges Haus an das nächste, darunter einige Baudenkmäler (Foto: Ulrich Pinkernell)

Zwischen Bille und Gojenberg ist Bergedorf besonders schön. Hier reiht sich ein Baudenkmal an das nächste. Das Bergedorfer Villenviertel entstand Ende des 19. Jahrhunderts, als der Bezirk als Luft- und Badekurort vor allem bei Familien aus Hamburg – Bergedorf war damals noch eigenständig und gehört erst seit 1937 zur Stadt Hamburg – beliebt war. Im Villenviertel gilt: Desto weiter man nach Norden geht, desto beeindruckender werden die Gebäude. Besonders rund um den Reinbeker Weg finden sich etliche Baudenkmäler, die Ende des 19. Jahrhunderts erbaut wurden. Dazu kommt das Luisen-Gymnasium Bergedorf, das vom Hamburger Architekten und Stadtplaner Fritz Schumacher Anfang der 1930er-Jahre erdacht und erreichtet wurde.

Die Sternwarte

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Die Sternwarte Bergedorf beherbergt eine der wohl schönsten Bibliotheken Hamburgs (Foto: UHH/Denstorf)

Im Süden des Villenviertels auf dem Gojenberg, liegt die von der Universität Hamburg betriebene Sternwarte. Eingeweiht im Jahr 1912, war die Sternwarte lange eines der bedeutendsten Observatorien Europas. Heute wird sie immer noch von der Universität Hamburg genutzt und Forschende blicken von hier aus, wenn auch häufig mit Hilfe anderer Teleskope in die Sterne. Neben den Forschungseinrichtungen verfügt die Sternwarte über eine der schönsten Bibliotheken der Stadt. Ein echter Geheimtipp für Studierende, die ohnehin in Bergedorf wohnen: Wohl nirgendwo lässt es sich besser und in schönerer Umgebung arbeiten als hier.

Doch damit nicht genug. Die Sternwarte strebt nach mehr. 2012 gab es den ersten Versuch, das Ensemble auf die sogenannte Tentativliste zu setzen. Auf dieser Liste stehen die Kulturdenkmäler und Schutzgebiete, für die eine Nominierung als UNESCO-Welterbe angestrebt wird. Bisher ist in Hamburg nur die Speicherstadt mit dem Kontorhausviertel UNESCO-Welterbe – und als Teil des Wattenmeers auch die Insel Neuwerk. Jetzt hat die Stadt Hamburg bei der Begründung, warum die Sternwarte UNESCO-Welterbe werden soll, nachgebessert und 2023 gibt es einen neuen Versucht. Dann soll die Sternwarte auf der Tentativliste und mit ein bisschen Glück als weltweit achte Sternwarte zum UNESCO-Welterbe werden.

Gedenkstätte KZ Neuengamme

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Das Klinkerwerk war zentraler Teil des ehemaligen KZ Neuengamme (Foto: Alexander Glaue)

Nur rund fünf Kilometer südlich der Sternwarte liegt ein Ort, der noch mehr Geschichte und Geschichten erzählt als die Teleskope auf dem Gojenberg. Das KZ Neuengamme war zur Zeit des NS-Regimes ein Arbeitslager der Nationalsozialisten. 1938 errichtet, war es zwischen 1940 und 1945 das zentrale Konzentrationslager Nordwestdeutschlands. Kurz vor Auflösung des Lagers waren hier 100.000 Häftlinge registriert. Heute ist das ehemalige KZ eine Gedenkstätte. Zum 60. Jahrestag der Befreiung vom Nationalsozialismus wurde sie nach umfangreicher Renovierung im Mai 2005 neu eingeweiht. Die Gedenkstätte umfasst mit knapp 57 Hektar fast das komplette historische Lagergelände. Dabei wurden 17 Gebäude aus der Zeit des Konzentrationslagers erhalten und so ist die Gedenkstätte eine der größten in Deutschland. Der Eintritt zum Gelände und den zahlreichen Ausstellungen ist frei.


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PUSH: „Urban Jungle“ in der Affenfaust Galerie

Mit der Ausstellung „Urban Jungle“ des Hamburger Künstlerkollektivs PUSH meldet sich die Affenfaust Galerie ab dem 18. August 2022 aus der Sommerpause zurück

Text: Katharina Stertzenbach

Seit 2011 installiert die Bildhauer-Crew von PUSH plastische Objekte aus Styrodur oder Styropor im öffentlichen Raum. Dabei geht es ihnen vor allem darum, ihr direktes Umfeld aktiv mitzugestalten. Die Werke sind mal humorvoll und mal sozialpolitisch. Der Name der Crew ist dabei Programm, er ist nicht nur in den meisten Werken integriert, sondern ist auch als Aufforderung zu verstehen, sich gegenseitig nach vorne zu bringen und Initiative zu ergreifen.

Diese Intention verfolgt auch die Ausstellung „Urban Jungle“ in der Affenfaust Galerie. Das Künstlertrio überträgt hier urbane Zeichen in die Ausstellungsräume. „Urban Jungle“ zeichnet den Mix aus Kunst und Stadt aus. Dieser unterstreicht einmal mehr, wie beide Pole sich gegenseitig bereichern können.

Urban Jungle: 18. August bis 15. September 2022, mittwochs, donnerstags und samstags von 14 bis 18 Uhr geöffnet

affenfaustgalerie.de


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Energie sparen: Licht aus für Hamburgs Sehenswürdigkeiten

Hamburg hat angesichts der prognostizierten Gasknappheit einen Energiesparplan vorgelegt. Betroffen davon sind auch die Sehenswürdigkeiten der Stadt

Text: Felix Willeke

Im Winter 2022/23 ist Energie sparen angesagt. Die EU hat sich dazu verpflichtet, den Gasverbrauch der Mitgliedsstaaten um jeweils 15 Prozent zu reduzieren. Damit das auch in Deutschland gelingt, hat Hamburg jetzt einen Energiesparplan vorgelegt, der dazu Beitragen soll. Hintergrund für die Energiesparmaßnahmen ist eine prognostizierte Gasknappheit aufgrund fehlender Gaslieferungen aus Russland in Zusammenhang mit dem Angriffskrieg in der Ukraine.

Keine Wasserspiele mehr ab dem 18. September

Hamburg will viel der Maßnahmen in der Verwaltung und in öffentlichen Gebäuden umsetzten. So sollen Räume zum Beispiel weniger stark geheizt werden. Die meisten Bürger:innen werden die Maßnahmen jedoch an Denkmälern und Sehenswürdigkeiten bemerken. Direkt nach dem Hafengeburtstag sollen die Maßnahmen ab dem 18. September 2022 greifen. Dann wird unter anderem die Alsterfontäne abgeschaltet. Darüber hinaus wird die Saison der Wasserlichtkonzerte in Planten un Blomen um zwei Wochen verkürzt und auch die öffentlichen Brunnen wie im Innenhof des Rathauses werden ab Mitte September nicht mehr sprudeln.

Rathaus im Dunkeln

Wo kein Wasser mehr sprudelt, macht die Stadt auch das Licht aus. Abe dem 18. September werden auch Denkmäler und öffentliche Gebäude nicht mehr oder weniger stark beleuchtet. Darunter unter anderem das Rathaus, die Speicherstadt und die Hauptkirchen. Auch das Licht in den öffentlichen Parks und auf öffentlichen Wegen soll, solange es die Sicherheit nicht beeinträchtig, weniger stark leuchten.

Blick ins Inventar

Außerdem will die Stadt die eigene Ausrüstung und Struktur hinterfragen. So soll beispielsweise die Effizienz von Raumnutzung in der öffentlichen Verwaltung genauso überprüft werden wie die Nutzung von energiesparender Technik wie LED-Beleuchtung.

Diese Maßnahmen dürften dabei nur ein Anfang sein. So rät Umweltsenator Jens Kerstan (Bündnis 90/Die Grünen) jetzt schon vom privaten Kauf von Heizlüftern dringend ab. Ob auf die Bürger:innen und die Kultur weitere Einschränkungen warten, steht bis dato noch nicht fest.


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