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Unternehmen zeigen ihre Kunstsammlungen bei der add art 2019

Zum 7. Mal öffnen Hamburger Unternehmen ihre Türen, zeigen ihre Kunstsammlungen, feiern Jubiläen und den Nachwuchs – und das an Orten, zu denen man nur selten Zutritt hat

Text: Sabine Danek 
Bild: Marlen Schulz 

 

Es wäre viel zu schade, wenn das alles verborgen bleiben würde. Die Kunst, die von Hamburger Unternehmen gesammelt wird, von Anwaltskanzleien, Immobilienmaklern, Konzernen, Studios oder Agenturen. Deshalb öffnet add art einmal im Jahr die sonst geschlossenen Türen und macht den Blick frei auf Kunst, die man sonst nicht sehen kann. Wie die von Street-Artist Ray de la Cruz gestalteten Räume der INP Holding und deren Sammlung mit Arbeiten von Tjorg Douglas Beer und David Friedemann. Oder die beeindruckend zeitgenössischen Werke bei Lohmann Konzept, das Unternehmen im Gesundheitswesen berät.

Die Arbeiten reichen von Zeichnung und Malerei zu Skulptur, Objekte, Fotografie, Video- und Computerkunst und beschäftigen sich mit dem „Wandel“ als hochaktuellem, gesellschaftlichem Thema. Bei der diesjährigen add art stellt es die „Inszenierungen des Augenblicks“ der Performance-Künstlerin Carmen Oberst in den Mittelpunkt und überreicht jedem Besucher eine ihrer „Gedächtnis-Boxen“. Natürlich fehlt auch die legendäre Sammlung der Werke von Dieter Roth (1930–1998) nicht, dessen Schimmel- und Eat-Art-Werke auch im MoMA New York zu finden sind. Einer der Hamburger Anwälte Buse Heberer Fromm hatte den Künstler bereits in den 1970er Jahren mit Käufen unterstützt.

 

Kunst regt zu Gesprächen mit Mitarbeitern an

 

Vor sieben Jahren gründete Hubertus von Barby add art. „Als Berufstätige verbringen wir viel Zeit im Büro. Es schafft gleich eine andere Atmosphäre, wenn Kunst an den Wänden ist. Damit meine ich weniger die üblichen Kunstdrucke – in Hamburg vorzugsweise die Speicherstadt –, sondern echte, originale Kunstwerke“, sagt der Kommunikationsberater. „Kunst verändert aber nicht nur die Raumsituation, sondern bringt ein ganz neues Moment in ein Unternehmen. Auf der einen Seite kann ein Werk mir persönlich einen Impuls geben, ein gutes Werk lässt mich sogar immer wieder Neues darin sehen und entdecken. Auf der anderen Seite regt Kunst auch zu Gesprächen mit anderen Mitarbeitern oder auch Kunden an.“

Gleichzeitig steht die Kunstförderung im Zentrum der add art, in deren Namen bereits die Aufforderung „Füge Kunst hinzu“ steckt. Deshalb zeigen auch in diesem Jahr sieben Unternehmen Arbeiten von ausgewählten Studierenden der Hochschule für angewandte Wissenschaften (HAW). Zum zweiten Mal wird der add art Award für Nachwuchskunst, der mit 3.000 Euro dotiert ist, verliehen und jeder der Nachwuchskünstler, die in den verschiedenen Unternehmen ausgestellt sind, wird mit einem Honorar oder einem Ankauf unterstützt. Die Ausstellungen und Sonderschauen können mit Führungen oder zu festen Terminen besucht werden. Mehr als 1.700 Interessierte haben das im letzten Jahr genutzt. Tendenz steigend.

 

add art: Termine und Führungen

 

Eröffnung und Award-Verleihung

Erstmals findet die Auftaktveranstaltung in der Rahmenwerkstatt Kappich & Piel im Schanzenviertel statt – und erstmals auch mit einem Kunstquiz. Bei Art & Smart, durch das die Moderatoren Darren Grundorf und Tom Zimmermann führen, können die Gäste einfach nur zuhören oder sich in Teams zusammenfinden und Antworten auf Fragen rund um die Kunst beantworten. Die Sieger werden prämiert. Zudem wird der add art Award für Nachwuchskunst verliehen und es findet eine Podiumsdiskussion statt.

Kunst & Stadtteil

Auch in diesem Jahr finden im Rahmen der add art drei organisierte Führungen statt. Besucht werden Unternehmen mit Kunst und auf dem Weg zu ihnen werden Informationen über den besuchten Stadtteil vermittelt. Die drei Führungen sind: Neuer Wall & Fleetinsel am 22.11., Neustadt & Gängeviertel am 23.11., HafenCity & Cremon-Insel am 24.11. Die Teilnahme kostet 25 Euro.

Sonderschauen

Zum 65. Geburtstag von Werner Büttner findet in der Dependance der LBBW eine speziell zur add art arrangierte Ausstellung mit Werken von Werner Büttner statt.
Die Handelskammer nimmt mit der Schau „Die wachsende Stadt – Hamburg 1814-1914“ teil.

Lunch Talk

Die Kunsthistorikerin Julia Rosenbaum spricht mit der Künstlerin Carla Chan (*1989) über ihre Arbeiten, die in der Kanzlei Fieldfisher gezeigt werden. Es geht um das Wandeln an der Grenze zwischen Natur und Digitalem, Figuration und Abstraktion. „Grenzgänge: Das Übersetzen digitaler Möglichkeiten in künstlerische Ästhetik“: Lunch Talk, 22.11., 12.30 Uhr, Fieldfisher LLP. Der Lunch-Talk findet in englischer Sprache statt. Ein Imbiss wird gereicht. Anmeldung unter www.addart.de.

add art
21.-24.11.19 


szene-hamburg-november-2019Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, November 2019. Titelthema: Sexualität. Das Magazin ist seit dem 27. Oktober 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Disney, Pollock und Warhol: Neue Ausstellung

Disney, Rockwell, Pollock und Warhol und ihr Beitrag zum American Way of Life

Text: Karin Schulze

 

Nach den Herren Ba­selitz, Richter, Pol­ke und Kiefer, die in den Deichtorhallen mit ihrem überwiegend durchaus ein­drucksvollen Frühwerk Hof halten, marschiert jetzt eine weitere Garde weißer männ­licher Megakünstler auf: Dis­ney, Rockwell, Pollock und Warhol. Kann das interessant sein? Welchen kühnen Faden schlingt die Ausstellung des Bucerius Kunst Forums um das heterogene Quartett aus einem Trickfilm­-Entrepreneur, einem Americana­-Illustrator und den zentralen Protagonisten des abstrakten Expressionismus und der Pop­ Art?

Alle vier jedenfalls haben Mitte des vergangenen Jahrhunderts die visuelle Kultur der USA entscheidend geprägt. Dabei versucht die Ausstellung zweierlei zu zeigen: Wie prägten ihre Protagonisten das Bild des American Way of Life? Und wie ebneten sie das Gefälle zwischen Avantgarde und Kulturindustrie ein, sodass am Ende, was vorher als „lowbrow“ (Disney), „middlebrow“ (Rockwell) und „highbrow“ (Pollock) galt, in die Pop ­Art Warhols mündete.

Der Trickfilmkünstler und ­produzent Walt Disney (1901– 1966) schaffte mit seinen technisch stets innovativen und mit­ unter auch gewagten Filmen wie „Schneewittchen und die sieben Zwerge“ oder „Fantasia“ den Weg vom Cartoon zum Medien­imperium. Sein Hang zum Niedlichen stiftete einerseits zu kultureller Verkindlichung an, setzte aber auch ein neues verspieltes Kreativpotenzial frei.

 

 

Norman Rockwell (1894– 1978), der mit Disney befreundet war, schuf sein Werk vor allem in Gestalt der Coverentwürfe für das Massenblatt „The Saturday Evening Post“. Die Motive setzte er meist zuerst mit Modellen in Szene, die er über fotografische und gezeichnete Zwischenstufen am Ende in ein Ölbild übertrug. Sind seine Arbeiten lange konservativ und Moderne­ feindlich ausgerichtet, steht sein „The Connoisseur“ (1961) dann schon vor einem „Pollock“, den Rockwell durchaus ehrfurchtsvoll nachgeschöpft hat.

Jackson Pollocks (1912– 1956) Erfindung des Drip ­Paintings wird im Kalten Krieg als freiheitsliebend und typisch amerikanisch vermarktet. Und Andy Warhol (1928–1987), der Rockwell-­Fan war und zwei seiner Werke besaß, schuf einen Popkulturkosmos aus Siebdrucken, Objekten, Filmen, Partys und medialen Produkten, der die Grenzen zwischen Kunst und Ware, Starkult und Lifestyle einriss.

Interessant ist die Frage nach dem Beitrag der vier zu einer spezifischen US­-Kultur allemal. Vielleicht aber wäre dieser Stoff – distanziert und ernsthaft ideologiekritisch beleuchtet – zwischen Buchdeckeln besser aufgehoben.

Bucerius Kunst Forum: Amerika! Disney, Rockwell, Pollock, Warhol, bis 12.1.2020


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Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, November 2019. Titelthema: Sexualität. Das Magazin ist seit dem 27. Oktober 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Lokale Newcomer beim Molotow Cocktail Festival

Zahlreiche hoffnungsvolle Hamburger Musiker präsentieren sich im Reeperbahn-Schuppen

Text: Erik Brandt-Höge

 

Es ist schummrig, Schweiß liegt in der Luft, Gitarrenriffs krachen von der Bühne in die Menge: eine typische Molotow­-Szene. Der Club auf der Ree­perbahn, den Musikfachblätter regelmäßig in ihren Beliebtheitslisten für Locations weit oben platzieren, ist seit bald 30 Jah­ren ein Zuhause von Rockbands und ihren Fans, von Partymachern aus ganz Ham­burg, ach, aus der ganzen Welt. Nicht sel­ten starteten spätere Weltstars im Molotow ihre Karrieren, Gruppen wie Mando Diao und The Hives standen hier schon auf der Bühne.

 

Offene Türen für Newcomer

 

Auch kleine Festivals gibt es im Club und dessen Hinterhof. Die Burger Invasion etwa, benannt nach dem legen­dären kalifornischen Underground-­Label Burger Records, bietet jährlich die spannendsten Punk­-Combos. Und eh klar, dass das Molotow kürzlich wieder einer der Top-­Spielorte des Reeperbahn Festivals war. Bekannt ist zudem, wie sehr es den Molotow-­Machern ein Anliegen ist, hoffnungsvollen Newcomern zu helfen, vor allem denen aus Hamburg. Jungen, talentierten und zum Molotow passenden Formationen und Solokünstlern stehen die Türen seit jeher weit offen.

Zum Molotow Cocktail Festival sind nun zahlreiche lokale Künstler eingeladen, die womöglich bald schon nicht mehr in Läden die­ser Größe zu sehen sein werden. Beson­ders vielversprechend sind zum Beispiel Moped Ascona, deren angestachelten Gi­tarrensongs ziemlich fix alles und jeden vereinnahmen.

Die Cigaretten könnten mit ihrem Mix aus Pop, Punk und Wave freilich jetzt schon Hallen jenseits der 500-­Zuschauer­-Marke beschallen. Glue Teeth brillieren mit Schreihals-­Punk in Perfektion. Und Melting Palms sorgen für ein wenig melancholische Hymnik mit stark Hall­ beladenen Indie­-Rock-Stücken, die bereits international relevant erscheinen.

Viele weitere Live-­Acts wird es geben beim Molotow Cocktail Festival, unter ihnen Matrone, The Kecks, Fluppe, Leto, O Joe & The Tarantula, Highcoast und Goblyn. Ein Abend wie gemacht, um zu erleben, wie breit gefächert Hamburgs musikalische Nachwuchslandschaft ist.

Molotow Cocktail Festival: Molotow, Nobistor 14 (St. Pauli), 26.10.19, 18 Uhr


Szene-Oktober-2019-CoverDieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, Oktober 2019. Titelthema: Neu in Hamburg. Das Magazin ist seit dem 28. September 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Neuer Club: Aus Moloch wird die Anderswelt

Das Oberhafenquartier ist ständig im Wandel. Über fünf Jahre war das Moloch ein subkultureller Club-Stachel in der fortschreitenden Bebauung der HafenCity. Nun verkündete die Betreiber-Crew das Ende. Doch es geht spannend weiter. Für mindestens zehn Monate wird aus Moloch die Anderswelt.

Interview und Fotos: Ole Masch

Lange wurde gehofft, spekuliert, Gerüchte gestreut. Es folgte Abschiedsparty nach Abschiedsparty. Anfang September war es offiziell. Die Kerncrew des beliebten Underground Clubs Moloch, von Gästen liebevoll Mutti genannt, verkündete ihr „Closing ohne Closing“ und beendete damit nach fünf Jahren ein Projekt unzähliger legendärer elektronischer Nächte (und Tage). Man sei sich mit dem Gängeviertel, welches die Fläche verwaltet, nicht über die Modalitäten zur Fortführung einig geworden.

 

Neues Clubprojekt

 

Damit verliert Hamburg eines der innovativsten und mehrfach ausgezeichneten Clubprojekte der letzten Jahre – und gewinnt gleichzeitig etwas Neues. Wie das Gängeviertel mitteilte, geht im Oberhafen die Anderswelt an den Start: „Ein kollektiver, partizipativer und basisdemokratischer Ort für kulturelle und künstlerische Projekte und natürlich exzessive Clubkultur“.

Mehrere Wochen sei von zahlreichen Kollektiven und über 100 Beteiligten geplant, gebaut und entworfen worden. SZENE HAMBURG sprach mit Freya und Gwen vom Anderswelt-Kollektiv über das neue Kulturprojekt.

 

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Die Tür zur Anderswelt steht offen (Foto: Ole Masch)

 

SZENE HAMBURG: Freya und Gwen, wer genau macht die Anderswelt?

Freya: Es ist ein Projekt des Gängeviertel e. V., welches aus einem neuen internen Betreiber-Kollektiv und vielen weiteren ehrenamtlichen Helfern aus der subkulturellen Club- und Kreativszene besteht.

Wir als Kollektiv wollen einen Freiraum für Kunst und Kultur aller Art schaffen und sehen uns nicht nur als reinen Club-, sondern auch als Kreativbetrieb, den man in Form von Dekoration, Licht, Ton und Entertainment in zehn verschiedenen Welten erleben kann. Ein bisschen Hippie-Charme ist auch dabei (grinst).

Wofür steht der Name?

Freya: Anderswelt klingt so schön unkonventionell. Nach Utopie, nach Freiheit und nach Möglichkeiten. In unserem Fall durch Partizipation im Projekt in vielerlei Form, besonders bei der Gestaltung.

Die keltische Mythologie hinter dem Begriff haben wir erst danach entdeckt, finden sie aber auch sehr inspirierend – unsere erste Welt hatte diesen mystischen Look, die nächste wird ganz anders, versprochen!

 

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Arbeit im Kollektiv: neuer Außenbereich (Foto: Ole Masch)

 

Welche Veränderungen gibt es gegen­ über des Molochs?

Gwen: Musikalisch wollen wir ein breiteres Publikum ansprechen, das dennoch in die Location passt. Also Countrymusic wird es nie werden (lacht). Beim Opening hatten wir zum Beispiel das erste Mal eine reine Bassnight mit Trap, Grime und ordentlich Ghetto-Tech! Auch Psy-Trance, DnB, und eine Menge Live-Acts sind geplant.

Freya: Außerdem möchten wir die Diversität von Geschlechtern, Herkunft und so weiter zur Normalität werden lassen – das ist uns ein großes Anliegen.

Und räumlich?

Freya: Wie es bei uns aussieht? Kommt vorbei! Wir haben zwei neu gestaltete Floors und einen neuen Außenbereich, drei Bühnen, Installationen und interaktives Geschehen, das sich jeden Monat verändert und erweitert.

Es geht also auch draußen weiter?

Gwen: Ja! Wir hoffen, den goldenen Oktober nutzen zu können, um noch mal ein bisschen Festival-Feeling in den Herbst zu holen – ansonsten geht es im nächsten Frühjahr draußen weiter. Vielleicht überlegen wir uns auch noch was für den Winter, lasst euch überraschen!

 

„Die Anlagen sind der Shit und die Halle scheppert nicht mehr!“

 

Kämpft ihr für eine dauerhafte Nutzung?

Freya: Das ist geplant, ja. Wir sind in Gesprächen mit den entsprechenden Stellen wie Kreativgesellschaft oder Hafencity GmbH und generell daran interessiert, dass Hamburg wichtige subkulturelle Orte erhalten bleiben. Wie genau eine langfristige Nutzung der Fläche aussehen kann, wird sich in den kommenden Monaten zeigen.

Wann endet die aktuelle Betriebs­erlaubnis?

Freya: Im Juni 2020.

Das Moloch hatte immer wieder mit Lärmbeschwerden zu kämpfen. Wie geht ihr damit um?

Gwen: Wir haben ein paar Dinge an der Soundtechnik und den Einbauten so verändert, dass wir Lautstärke einsparen können, aber nicht auf besten Klang verzichten müssen. In anderen Worten: Die Anlagen sind der Shit und die Halle scheppert nicht mehr!

Außerdem hoffen wir auf die Akzeptanz eines Clubbetriebs, der auf ein Veranstaltungswochenende im Monat reduziert ist und kommunizieren so viel wie möglich mit unseren Nachbarn im Oberhafen.

Und wie öffnet ihr an diesen Wochen­enden?

Gwen: Die Winteröffnungszeiten – je nach Wetterlage ab Oktober oder November – sind: Freitag 24 Uhr – Samstag 11 Uhr, dann wieder Samstag 24 Uhr – Sonntag 22 Uhr. Ab dem Frühjahr werden wir wieder durchgängig drei Tage geöffnet haben. Das Ganze von September 2019 bis Juni 2020. Zehn Monate, zehn Parallelwelten.

 

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Die Discokugel dreht sich schon (Foto: Ole Masch)

 

Welche Gäste wünscht ihr euch?

Freya: Wie schon erwähnt, versuchen wir musikalische Vielfalt anzubieten, daher auch ein breiteres Spektrum an Gästen. Das kann auch mal bunt werden, aber so und nicht anders, soll es ja auch sein. Das gilt auch für unsere Clubpolitik: Generell wollen wir die größtmögliche Freiheit für jeden; und niemanden – abgesehen von Rassisten, Sexisten, Homophoben und andere – aufgrund von Äußerlichkeiten oder Verhalten ausschließen.

Wir haben während der Veranstaltungen ein Awarenessteam, Psy-Care und Deutschlands einzige reine Frauentürstehercrew, die sich um Wohlbefinden und Sicherheit kümmern. Aber allem voran schreien wir „Rave on, Hamburg!“.

Anderswelt: Stockmeyerstraße 43 (HafenCity), Anderswelt #Zwei, 11.-13.10., 24 Uhr


Szene-Oktober-2019-CoverDieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, Oktober 2019. Titelthema: Neu in Hamburg. Das Magazin ist seit dem 28. September 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Ausstellung: Blicke auf 150 Jahre Hamburger Kunsthalle

Ihr 150. Jubiläum feiert die Hamburger Kunsthalle mit einer Schau, die mehr als ein Rückblick ist

Text: Sabine Danek
Foto (o.): Christoph Irrgang – Hamburger Kunsthalle

 

Einst flanierte man einen Hügel zur Kunsthalle hinauf, Kutschen fuhren vorbei, die Kleider waren lang und drum herum war alles grün. Nach vielen Provisorien bekam die Kunsthalle 1869 den heutigen, zentralen Bau und ihren ersten Direktor. Doch ausgerechnet ihm gefiel der Prachtbau nicht wirklich. Der starre Historismus stand Alfred Lichtwarks Auffassung, dass ein Museum sich aus seiner Nutzung heraus ergeben solle, im Weg. Mit ihm begann nicht nur eine Ausstellungs- sondern auch eine Architekturgeschichte, die immer wieder von Auseinandersetzungen begleitet war.

 

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Gründungsbau der Hamburger Kunsthalle, vor 1889 / Foto: Hermann Priester – Hamburger Kunsthalle

 

Als 1906 ein Anbau geplant war, nutzte Lichtwark die Gelegenheit, andere europäische Ausstellungshäuser zu studieren und setzte nach vielen Querelen schlichtere Räume und hohes Seitenlicht durch. Die nächste erbitterte Diskussion folgte fast 80 Jahre später mit dem Wettbewerb für die Galerie der Gegenwart, der 1985 ausgeschrieben wurde und bei dem sich nicht einer der visionären Entwürfe, sondern der Klotz des Kölner Architekten Oswald Mathias Ungers durchsetzte, der wie eine Bastion auf den ehemaligen Wallanlagen steht und auch genauso schwer einzunehmen ist. Zu seinem abweisenden Äußeren gesellen sich steile Treppen und ein beklemmendes Untergeschoss, in dem noch am besten die klaustrophobische Retrospektive Gregor Schneiders zur Geltung kam.

 

Glanzstück der Gegenwart

 

Dass die Galerie der Gegenwart dennoch zu einem Glanzstück wurde, liegt an den Kuratorinnen, die dort seit Jahren spannende Schauen von Künstlerinnen wie Eva Hesse, Gego, Roni Horn, Geta Brătescu oder Anita Reé zeigen – und das „Warten“ in einer ikonischen Ausstellung mit überraschenden Facetten versahen.

Mit dem neuen Direktor Alexander Klar, seit August frisch im Amt, feiert die Kunsthalle jetzt ihr Jubiläum – und mit der Schau „Beständig. Kontrovers. Neu – Blicke auf 150 Jahre“. Zusammengestellt von der Leiterin der Provenienzforschung, Uta Haug, und von den jungen Kuratorinnen Shannon Ort, Andrea Völker und Lisa Schmid, will sie Schlaglichter auf die Arbeit des Museums selbst setzen – und dabei durchaus auch kritisch sein. Sie fragt nach den Aufgaben eines Museums, danach was gezeigt und eben nicht gezeigt wird, untersucht dessen Förderung und, ob es Verbindungen zum Kolonialismus gab.

Darüber hinaus sind Postkarten, Fotos und andere Erinnerungen, die Hamburger eingereicht haben, zu sehen und man kann nicht nur über einen NDR-Bericht des Kunstraubs von 1978 staunen, bei dem weder Alarmanlage noch Wächter reagierten, sondern auch über einen Film, in dem im Dämmerlicht die Gemälde der Romantiker erkundet wurden. Auf vielfältige Weise legt der Blick auf die Museumsgeschichte dabei immer auch Fährten in die Zukunft der Kunsthalle aus.

Hamburger Kunsthalle: „Beständig. Kontrovers. Neu – Blicke auf 150 Jahre“, bis 10.11.


Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, September 2019. Titelthema: Mobilität – Das bewegt die Stadt. Das Magazin ist seit dem 29. August 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich!


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Peaches: Scham mit Charme – Ausstellung im Kunstverein

Heiter und gar nicht obszön: Electroclash-Queen Peaches befreit die Doppel-Masturbatoren aus der Knechtschaft und führt sie in ein Glamourland der polymorphen Lüste

Text: Karin Schulze
Foto (o.): Fred Dott

 

Das passiert bei Ausstellungen nicht allzu oft: Am Eröffnungsabend der Peaches-Ausstellung „Whose Jizz Is This?“ (dt. etwa: Wessen Wichse ist das denn?) wird vor dem Betreten vor „Gleitmitteln auf dem Boden“ gewarnt. Seit über 20 Jahren steht die kanadische Wahlberlinerin auf der Bühne, jetzt bestreitet sie erstmals eine umfassende Ausstellung in einer Kunstinstitution.

Wer von der queeren Subkultur-Ikone nun eine obszöne Sauerei erwartet, wird enttäuscht. Verschämt betrachtet man vielleicht noch das Youtube-artige Video gleich am Eingang. Darin knetet ein hemdsärmeliger Kerl hantelförmige Sextoys durch und befingert die Doppel-Masturbatoren grob, um die Qualität ihrer Vagina- bzw. Schlund-Ersatzfunktion zu erproben.

Schon wenige Meter weiter aber fühlt man sich wie Alice im Sextoyland und bewegt sich staunend durch den abgedunkelten Raum, in dem es atmet, tröpfelt, schmatzt und pocht, während sich nach und nach die wundersame Emanzipation der Silikonorgane ereignet. Sie nennen sich jetzt „Fleshies“, haben die ihnen zugewiesene passive Liebedienerei satt und brechen auf, um ihr eigenes Begehren zu finden.

 

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Peaches: Whose Joizz Is This?, 2019

 

Im Kunstsprech würde man das eine „multimedial-immersive Installation“ nennen. Peaches sagt: „ein dekonstruiertes Musical in 14 Szenen“. Man könnte auch sagen: ein Stationendrama mit Bildungsroman-Touch, bei dem sich die Fleshies über Selbstbefreiungsmonologe (sehr, sehr lustiges Video), Federica Dauris grandiose, von Gleitmitteln geschmierte Körperöffnungsperformance (nur am Eröffnungsabend) oder ein Verwandlungsoratorium (altarartige Bühneninstallation) zu immer größerer Befreiung aufschwingen, bis sie sich in einem Springbrunnen gegenseitig ekstatisch Flüssigkeiten auf die sensibelsten Stellen spritzen.

Wie Kunstverein-Direktorin Bettina Steinbrügge in ihrer Eröffnungsrede andeutete, könnte man das Peaches-Musical als Ausblick auf eine Welt verstehen, in der sich nicht länger Frauen und Männer, Schwule oder Lesben vergnügen, sondern – gemäß dem Theoretiker Paul B. Preciado – „gleichwertige Körper einen Zeitvertrag schließen“. Kann es eine geschlechterunabhängige Sexualität geben? Keine Ahnung. Sicher aber ist: Die Ausstellung ist lustig, intelligent, wunderbar.

Madonna sagte: „Papa don’t preach“. Wir sagen: „Peaches please preach!“

Peaches: Whose Jizz Is This?: bis 20.10., Kunstverein in Hamburg


Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, September 2019. Titelthema: Mobilität – Das bewegt die Stadt. Das Magazin ist seit dem 29. August 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Gewalt, Geld – und Glück

Warum die erste Ausstellung in den neuen Räumen des Bucerius Kunst Forums von Krieg, Katastrophen und Konsumterror handelt und trotzdem glücklich macht

Text: Karin Schulze
Foto (o.): Peter Piller: Zungen / Tongues (10), 2002–2004

 

Mit dicken schwarzen Kopfhörern auf den Ohren und auf einem Wall aus Sandsäcken hockend – so hat man den Besucher des Bucerius Kunst Forums bisher noch nicht gesehen. Der Titel der aktuellen Ausstellung „Here We Are Today“ verweist denn auch gleich dreifach auf neues Terrain: Er lädt stolz ein in das von Gerkan, Marg und Partner hinter der alten Fassade neu gebaute Haus am Neuen Wall. Er deutet auf eine programmatische Öffnung des bislang eher dem Altehrwürdigen zugeneigten Hauses auch für Gegenwartskunst. Und er benennt das Thema, das die Arbeiten der 18 ausgestellten Künstler skizzieren: den heutigen Zustand unserer Welt.

So sitzt man also mit Kopfhörern auf Sandsäcken und lauscht dem Videovortrag von Hito Steyerl, die – nicht erst seit ihrer diesjährigen Ausstellung im New Yorker Park Avenue Armory – weltweit zu den inhaltlich entschiedensten und zugleich ästhetisch überzeugendsten Künstlern zählt. Ihre Lecture Performance mischt Fakten mit absurden Scheinargumenten, wichtigtuerischen Enthüllungsgestus mit schelmischen Blicken.

 

Kunst und Krieg

 

So gelingt ihr das Kunststück, eine Fake-Argumentation von nahezu Trump’scher Perfidie abzuliefern und doch ihren Gegenstand – den Zusammenhang von Kunst und Krieg, von Museumssponsoring und Rüstungsindustrie – ernsthaft zu beleuchten und über die Augen, die Ohren und die barrikadenartige Sitzfläche in den Betrachter einsickern zu lassen.

Ein paar Meter weiter in dem luftig mit Arbeiten bestückten Ausstellungsraum trifft man auf die S/W-Porträtfotos von Samuel Fosso. Sie zeigen stets ihn selbst – aber im Outfit und der Pose von Malcolm X, Patrice Lumumba, Nelson Mandela oder Angela Davies. Als African Spirits vermitteln sie durch das Verkleidungs- und Verkörperungsspiel hindurch ein würdevolles Bild dessen, was Aimé Césaire als „Négritude“ bezeichnete.

 

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Erkan Özgen: Wonderland (Filmstill), 2016

 

Den stärksten Eindruck aber hinterlässt die Videoarbeit „Wonderland“ des türkischen Künstlers Erkan Özgen. Die Kamera fokussiert einen dreizehnjährigen gehörlosen Jungen, der mit seiner Familie aus dem nordsyrischen Kobanê in die Türkei geflohen ist. Gestisch und mimisch berichtet er von den Taten des Islamischen Staats, von Bomben, Folter und Enthauptungen. Tief verunsichernd sind die Intensität des erlebten Terrors, die Fassungslosigkeit im Blick des Kindes, aber auch die bange Frage, welcher vielleicht unheilbare Schaden in seiner von Gräueln und Granaten perforierten Seele angerichtet wurde.

 

„Sie sieht hin, wo es weh tut“

 

Kathrin Baumstark, der neuen Direktorin des Hauses, ist mit der Auswahl der Projekte von 18 Künstlern eine starke Schau geglückt. Mit den Kapiteln „Verbrechen“ „Heimat“ (dort etwa Eva Leitolfs fotografische Erkundungen rassistisch motivierter Gewalt) oder „Kapital“ (mit Andreas Gurskys Konsumhorror-Collage „Amazon“) wird klug ein Panorama der Bruchstellen gezeichnet, an denen sich unsere Zukunft entscheidet. Dabei ist vor allem realistisch-dokumentarisch agierende Kunst zu sehen.

Selbst dort, wo man vor abstrakten monochromen Bildtafeln zu stehen meint, schaut man in Wirklichkeit auf Abbilder des Schreckens: Johanna Diehl hat die farbigen Einbände der Tagebücher aufgenommen, in denen ihre Großmutter die Verdrängungsleistung erbrachte, alle historischen oder familiären Katastrophen auszublenden, die sich zwischen 1936 und 2009 ereigneten.

Ausblenden – genau das macht die Ausstellung nicht. Sie sieht hin, wo es weh tut. Und beglückt damit. Denn sie sieht die Welt durch die Augen und die widerständige Anverwandlungskraft der Künstler. Nicht resignierend, sondern als Form handelnden Einspruchs.

Bucerius Kunst Forum: Here We Are Today. Das Bild der Welt in Foto- & Videokunst, 7.6.-29.9.19, Alter Wall 12 (Altstadt)


Szene-Hamburg-August-2019-TitelDieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, August 2019. Titelthema: Wie sozial ist Hamburg? Das Magazin ist seit dem 27. Juli 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Diese Hamburger Kitas lassen der Fantasie freien Lauf

Kinder sind nicht gleich Kinder, Kitas nicht gleich Kitas. Drei Porträts von Hamburger Einrichtungen, die auf ganz unterschiedliche Sozialisierungskonzepte setzen

Text und Fotos: Erik Brandt-Höge

Kita Küstenkinder:
Der Gang-Gedanke

 

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In Gruppen kreativ: die Küstenkinder

 

Erste und einzige Regel: Um neun Uhr da sein, damit der Tag gemeinsam beim Frühstück begonnen werden kann. Mehr Vorgaben macht die Leitung der Kita Küstenkinder nicht. Auch dann nicht, wenn die Eltern weg und alle Kinder in ihren Gruppen gelandet sind. Für die lockere pädagogische Haltung gibt es zwei Gründe. Nummer eins: Die blühenden Kinderfantasien sollen nicht eingeschränkt werden. „Kinder sollen ihre Freiräume haben und sich in ihrem Tempo bewegen“, sagt Florian Berends, einer der beiden Kita-Leiter. „Schreibt man ihnen zu viel vor, nimmt man ihnen diese Möglichkeit.“ Und Nummer zwei: die erwähnten Gruppen.

Die Küstenkinder setzen auf ein geschlossenes Konzept, das den derzeit 80 Kindern im Haus schon genug Struktur sei, erklärt Berends: „Wir glauben, dass sich Gleichaltrige mit ähnlichen Interessen am besten in altershomogenen Kontexten beschäftigen können. In den Gruppen entscheiden dann die Kinder, was passiert. Und wenn jemand mal die Gruppe wechseln möchte, z. B. von den Pinguinen zu den Wattwürmern – gar kein Problem.“

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Kinder fördern durch Kunst

Auf den drei Kita-Ebenen, zu denen auch eine tennisplatzgroße Dachterrasse mit Spielplatz zählt, ist für die kleinen Küsten-Gangs einiges zu entdecken. Da sind Bewegungs- und Ruheräume, Konstruktions- und Lesezimmer, nicht zu vergessen die langen Flure mit den vielen feinen Holzbauten. Krippen- bis Vorschulkinder können auf jedem Kita-Quadratmeter Mini-Abenteuer erleben.

Übrigens arbeiten Berends und seine 16 Kollegen konsequent nach dem Inklusionsansatz. Ihre Überzeugung: „Jedes Kind ist anders, nur darin sind sie alle gleich.“ Es gibt den Richtwert, drei Integrationskinder in jeder Gruppe (16–18 Kinder) zu haben, abhängig von der Gruppendynamik. Sie sollen genauso am Geschehen teilnehmen können wie alle anderen. Und da sämtliche Kinder und Eltern durch die Gruppen feste Bezugspersonen haben, entsteht eine fast familiäre Atmosphäre – nicht unwichtig für die 0–6-Jährigen, wenn es um ihre Orientierung im Alltag gehe, so Berends.

Kita Küstenkinder: Holstenstraße 156 (Altona-Nord)

 

WABE-Kita Jenfelder Au:
Die All-inclusive-Erziehung

 

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Volles Kinderverwöhnprogramm in der WABE-Kita Jenfelder Au

 

„Zwei Dinge hatten wir, die unsere Kindheit zu dem machten, wie sie war – Geborgenheit und Freiheit.“ Ein Astrid-Lindgren-Zitat, das nach großem Glück in jungen Jahren klingt, und das die WABE*-Kita Jenfelder Au aktuell auf ihre Info-Flyer druckt.

Für ausreichend Kinderglück wollen Kita-Leiterin Danielle Klook und ihre 17 Mitarbeiter mit dem Konzept der Offenen Pädagogik der Achtsamkeit sorgen. In den 1970er Jahren von Elementarpädagogen entwickelt und damals noch Offene Pädagogik der Arbeit genannt, geht es darum, den verschiedenen Bedürfnissen und Entwicklungsständen individuell gerecht zu werden. Klar, auch in der Jenfelder Au sind gängige Kita-Rituale angesagt, vom Rausschubsen der Eltern am Morgen übers Spielen, Toben, Essen, Zähneputzen und Aufräumen bis zu den Elterngesprächen am Tagesende.

Aber in dem dreistöckigen und unter Denkmalschutz stehenden Gebäude am Kuehnbachring ist es voll und ganz den Kindern überlassen, was sie wann, wo und mit wem machen. „Alle Pädagogen bei uns haben eine offene Haltung gegenüber den Kindern, die, sobald der Kita-Tag startet, frei entscheiden, in welchen Raum sie gehen und welches Angebot sie nutzen“, so Klook. Und Räume gibt es einige, alle hell gehalten, alle hochwertig ausgestattet. Allein die detailverliebten Holzkreationen, vom Maltisch bis zur Abenteuerrutsche, machen ordentlich was her.

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Eine Bewegungsbaustelle für die Kinder der WABE-Kita

Das Angebot an Aktivitäten gleicht dem eines Fünf-Sterne-All-Inclusive-Hotels – natürlich mit ausgebildeten und regelmäßig fortgebildeten Fachkräften anstelle von nervigen Animateuren. Kinder können Klettern, Wippen, Basteln, Bauen, in Bällchen baden, sich mit Büchern vergnügen, Tanzen, Musik machen und, und, und. Es gibt eine Kinderküche und ein Kinderrestaurant, Schlaf- und Rückzugsräume und – Achtung! – einen Gesundheitsbereich mit Kneippbecken und Infrarotsauna.

Natürlich gibt es auch Regeln, die etwa während der täglichen Kinderkonferenz besprochen werden. Klook: „Jedes Kind hat einen Bezugserzieher, der unter anderem für die Eingewöhnung zuständig ist und die Elterngespräche führt. Zu ihm gehen die Kinder in der Konferenz. Jedes Kind kommt zu Wort, es kann über alles geredet werden: Probleme, Geburtstage, das Wetter.“ Partizipation wird großgeschrieben in der Jenfelder Au, wo sich derzeit 82 Kinder in einer Krippe, einem Elementarbereich und einem Eltern-Kind-Zentrum (Beratung und Spiele für Eltern und Kleinkinder) ziemlich Lindgren-mäßig wohlfühlen. Übrigens: Eröffnet wurde die Kita erst 2018 und hat noch Kapazitäten, bis zu 170 Kinder haben Platz.

WABE-Kita Jenfelder Au: Kuehnbachring 6 (Jenfeld)
*WABE e. V. steht für Wohnen, Arbeiten, Betreuen, Entwickeln und ist anerkannter Hamburger Kinder- und Jugendhilfeträger, überparteilich und überkonfessionell. WABE ist Mitglied in den Paritätischen Wohlfahrtsverbänden Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern sowie im Forum Sozial e.V. in Schleswig-Holstein

 

Lorenzini Kunst-Kita Frieda:
Selbst ist das Kind

 

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Pyramiden-Puzzle: Auch beim Spielzeug setzt die Frieda auf Transparenz

 

Licht an, und es wird bunt. Transparente Plastikquadrate strahlen auf einem extragroßen LED-Pad in Grün, Gelb, Blau, Orange und Rot. Zusammengesteckt werden sie zu einer Pyramide. Nur eine von zig Beschäftigungsmöglichkeiten in der Lorenzini Kunst-Kita Frieda, die von den 17 Mitarbeitern vorbereitet werden. Überhaupt: Vorbereitung, das ist hier die halbe Miete, wie Jana Berndt, pädagogische Leiterin der Einrichtung, erklärt: „Wir sind davon überzeugt, dass jedes Kind immer lernen möchte, und zwar von ganz alleine. Erzieher arbeiten hier eher begleitend, motivieren die Kinder in verschiedene Richtungen und eröffnen neue Themen, sobald es notwendig ist.“

Soll heißen: Der Raum funktioniert in der Frieda wie ein gedeckter Tisch, essen dürfen die Kleinen völlig selbstständig. Spezialität des Hauses: natürlich Kunst. Berndt: „Die Kunst ist bei uns immer anwesend, weil sie eine tolle Möglichkeit für die Kinder ist, sich auszudrücken.“ Herzstück der Frieda ist deshalb neben einem Rollenspiel- und Theaterraum sowie einer Vorschul-Lernwerkstatt im Gebäude gegenüber ein riesiges Atelier. Unzählige Maltuben, Pinsel, Leinwände, eine Ton- und eine Holzwerkstatt: Alles da, um sich kreativ auszutoben.

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Ein groß angelegtes Atelier gibt es im Zentrum der Kunst-Kita

Aktuell tun das 32 Krippen- und 52 Elementarkinder. Und wenn es mal keine Kunst-Action, sondern nur ein bisschen Herumlümmeln sein soll, geht das auf den überall in der Kita verteilten Polstermöbeln, watteweichen Sofas und Sesseln, die zusammen mit Stehlampen und Nierentischchen eine warme Wohnzimmeratmosphäre ergeben. „Es soll sich hier wie zu Hause anfühlen“, sagt Berndt.

2012 eröffnet, ist die Frieda eine von vier Lorenzini-Kitas in Hamburg – benannt nach der Gründerin Antje Lorenz – die sich nach der Reggio-Pädagogik richten, also der Annahme, dass Kinder von Beginn an in der Lage sind, sich selbst zurechtzufinden und im sozialen Kontext zu bilden.

Erzieher agieren als Gastgeber und Vertrauenspersonen, sind immer da, aber eben im Hintergrund. Außerdem wichtig im Reggio-Kontext: Transparenz. Alle Frieda-Türen sind verglast, jeder sieht jeden, alle inspirieren alle – zum Beispiel beim Bauen einer bunten Pyramide.

Lorenzini Kunst-Kita Frieda: Friedensallee 260 (Ottensen)


Szene-Hamburg-August-2019-TitelDieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, August 2019. Titelthema: Wie sozial ist Hamburg? Das Magazin ist seit dem 27. Juli 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Sommerfestival auf Kampnagel: Kunst kennt keine Grenze

Als Chefdramaturg kam András Siebold 2007 aus Berlin nach Hamburg, seit 2013 leitet er das Internationale Sommerfestival, das am 7. August startet. Ein Gespräch darüber, was Besucher in diesem Jahr erwartet

Interview: Dagmar Ellen Fischer
Foto (o.): Anja Beutler

 

SZENE HAMBURG: Herr Siebold, 2019 wird das Festival um Aliens, Weltraum und eine Zukunft im Klimawandel kreisen, setzt ihr euch jedes Jahr ein Thema als Startposition, bevor die konkrete Planung losgeht?

András Siebold: Wir haben nie ein Festivalthema, Festival-Überthemen sollte man nicht trauen. Denn oft dienen sie nur dem Zweck, inhaltliches Denken der Festivalmacher vorzutäuschen, denen es sowieso immer gleich um alles in der Welt geht. Natürlich gibt es auch sorgfältig kuratierte Festivals zu spezifischen Themen wie künstliche Intelligenz, aber dafür ist das Sommerfestival zu groß und divers.

Wir würden uns extrem limitieren und müssten tolle Arbeiten ausschließen, wenn sie nicht passen. Viel spannender ist doch, mit guten Künstlerinnen und Künstlern zu arbeiten und deren Themen aufzugreifen und zu verbinden.

Wie kommt dann eine Produktion zur anderen, bis ein gut dreiwöchiges Programm steht?

Bricht Genre­ Grenzen für offenes Denken: Kurator András Siebold / Foto: Julia Steinigeweg

Sobald man sich für eine Arbeit entschieden hat, kommt ein Prozess in Gang – man sieht andere Stücke und betrachtet sie in Zusammenhang mit dem, was wir schon haben. Da entsteht dann so eine Aufmerksamkeits-Nervosität für bestimmte Themen, Formen und Ästhetiken.

Klingt recht organisch …

Es gibt zwei oder drei Produktionen, mit denen wir starten, weil sie sehenswert sind. Dieses Grundgerüst wird dann weiter gebaut, damit es hält und Sinn ergibt. In diesem Jahr hatten wir mit dem Journalisten Hannes Grassegger „3 Grad Plus“ entwickelt, eine Live-Reportage über den drohenden Kollaps unseres Planeten.

Da ging es um Dystopien, also die menschengemachte Hölle der Zukunft. Und weil Dystopien erst über Bilder begreifbar werden, haben wir dazu eine Filmreihe mit dem neuen Berlinale-Programmchef Mark Peranson entwickelt und außerdem Kris Verdoncks Stück „Something (Out of Nothing)“ eingeladen. Das ist eine Theaterüberwältigung über eine unbewohnbar werdende Erde.

Von da aus ist es nur ein kleiner Gedankenschritt zu anderen Planeten, wodurch wiederum andere Produktionen in das Festivalgerüst passten: Die Uraufführung des neuen Musicals von Socalled, der seine Puppen auf einen fiktiven Planeten reisen lässt, Kid Koalas Satelliten-Orchester Show oder unsere Kooperation mit dem Planetarium. So entstehen Schwerpunkte und Verbindungslinien.

 

„Ist es das wert?“

 

Auf welchen Wegen erfährst du von sehenswerten Stücken, zu denen du dann reist?

Alles eine Frage der Kommunikation, ich arbeite ja in einem Team, und wir reden mit vielen Menschen, mit Leitern anderer Festivals zum Beispiel, und sind mit Leuten in aller Welt in Kontakt.

Reisen, insbesondere mit dem Flugzeug, ist ja ein heikles Thema in diesem Zusammenhang, habt ihr alle Stücke gesehen, die eingeladen werden?

Klar, wir reisen viel. In Zeiten des Klimawandels ist die Frage tatsächlich: wie reisen und wohin? Ich bin schon mal für nur einen Tag nach Mexiko geflogen, um ein Stück zu sehen – das ist Wahnsinn, und aus ökologischer Sicht eine Katastrophe. Insofern fragen wir uns jeweils: Ist es das wert?

Wie entscheidest du solche Fragen?

Mit Überlegungen wie: Können wir ein Video anschauen? Läuft die Arbeit woanders in Europa, wo man mit dem Zug hinkommt? Oder kann man es verantworten, eine Produktion einzuladen, die man nicht live gesehen hat? Für das diesjährige Festival haben wir alles live vorab gesichtet – außer den Uraufführungen natürlich.

Wie viele sind es 2019?

Neun Weltpremieren. Das Besondere sind die drei großen Produktionen in der K6: jede Woche eine Uraufführung in der großen Kampnagel-Halle, das gab es noch nie!

Zur Eröffnung das französische Kollektiv (La)Horde mit 15 georgischen Tänzern in „Marry me in Bassiani“; in der zweiten Woche die legendäre Künstlerin Peaches, die ihr zwanzigjähriges Bühnenjubiläum bei uns feiert mit „There’s only one peach with the hole in the middle“; und schließlich zum Finale ein Werk der kanadischen Choreografin Aszure Barton, die zurzeit auf Kampnagel „Where there’s Form“ kreiert, in Zusammenarbeit mit dem deutschen Komponisten Volker Bertelmann – besser bekannt als Hauschka.

 

 

Peaches dürfte ein Selbstgänger werden, (La)Horde war schon erfolgreich auf Kampnagel zu sehen, nur Aszure Barton ist Vertrauenssache, oder?

Ja, aber sie ist wirklich sensationell und eine große Nummer auf dem internationalen Ballett-Parkett! Ihre Choreografien haben etwas sehr Elegantes, gleichzeitig zeugen sie von einem hohen Bewusstsein für zeitgenössische Stile; ihre Tänzer sind extrem gut ausgebildet, aber viel flexibler als klassische Ballettsoldaten.

Woher kommen deine Kenntnisse in sämtlichen Genres, oder besser: diese Nicht-Spezialisierung deines Interesses?

Das Festivalprogramm spiegelt mein Leben, ich habe in sehr unterschiedlichen Medien gearbeitet, mit Filmleuten, Autoren, Architekten, zwei Jahre in einer Galerie, davor mit Robert Wilson. Ich habe die Genres von Anfang an nicht getrennt – und ein bisschen Schuld ist auch Tom Stromberg …

… weil?

… ich bei ihm mein erstes Praktikum absolvierte, auf der Documenta X; dort gab es 1997 erstmals ein integriertes Theaterprogramm, das er als Kurator verantwortete, mit damals noch unbekannten Größen wie Gob Squad, Stefan Pucher und Meg Stuart. Das war ein tolles Umfeld: Ich habe eigentlich für das Theaterprogramm gearbeitet, das aber im Rahmen einer Bildenden-Kunst-Ausstellung stattfand.

 

„Die Kunst ist viel weiter als das Feuilleton“

 

Was motiviert dich im nunmehr siebten Jahr als Künstlerischer Leiter des Internationalen Sommerfestivals?

Menschen zu offenem Denken zu motivieren. Und eine Öffnung des Kunstbegriffs zu erreichen. Das Theater zehrt längst von der Bildenden Kunst und umgekehrt, aber geh’ mal auf eine Ausstellungseröffnung, da siehst du wenige aus der Theaterszene.

Über den Tellerrand zu schauen, sich zu öffnen für andere Einflüsse, hat immer etwas Bereicherndes. Alle Entwicklungen sind entstanden, indem Menschen ihre gewohnten Grenzen überschritten oder Einflüsse von außen bekommen haben. So ist es auch in der Kunst, diese Trennung von Sparten – hier der Tanz, da die Musik, hier das Theater, da die Performance …

… das interessiert dich nicht?

Die Kunst ist da viel weiter als die Institutionen oder das Feuilleton, die wenigsten Künstlerinnen und Künstler beschränken sich auf ein Medium. Bestes Beispiel: (La)Horde, die nicht nur die große Tanz-Eröffnungsproduktion machen, sondern in der Vorhalle nebenan auch eine Live-Art-Ausstellung.

Natürlich gibt es Künstler, die sich für ein Medium entscheiden, nicht jeder muss interdisziplinär arbeiten; wir bieten auch ein Konzert, das nur ein Konzert ist. Aber ich finde die Übergänge extrem interessant. Und das ist der Anspruch dieses Festivals – und auch mein Kunstbegriff: Sich durch die verschiedenen Medien zu bewegen, einen Parcours zu schaffen, in dem das Publikum sich durch unterschiedliche Genres, Stücke und Atmosphären bewegen kann.

Und es bewegt sich auch?

Ja, das funktioniert ganz gut, indem wir einen Ort schaffen, der eine große Offenheit hat, der einer Aufforderung gleichkommt, hier einzusteigen und sich treiben zu lassen. Das Publikum schaut sich Sachen an, die es sich sonst nicht angeschaut hätte und schätzt genau das sehr.

Gedanklich bist du schon im nächsten Jahr?

Dieses Festival ist jetzt perfekt. Ich bin wirklich zufrieden, es gibt nichts, was wir aus strategischen Gründen reingesetzt haben. Und ja, gleichzeitig denke ich: Oh Gott, was sollen wir nächstes Jahr zeigen?

Internationales Sommerfestival 2019: 7.-25.8., Kampnagel (Winterhude)


Szene-Hamburg-August-2019-TitelDieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, August 2019. Titelthema: Wie sozial ist Hamburg? Das Magazin ist seit dem 27. Juli 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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