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Millerntor Gallery #9: Wenn aus Kunst Trink-Wasser wird

Zum neunten Mal verbinden Viva con Agua und der FC St. Pauli Kunst und Musik für einen guten Zweck bei der Millerntor Gallery. Warum sich jede Mühe dafür lohnt, erzählt der Geschäftsführer von Viva con Agua Arts, Arne Vogler

Text und Interview: Hedda Bültmann
Foto (o.): Jerome Gerull

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Viva con Agua Arts Chef Arne Vogler (Foto: Andirn Fretz)

SZENE HAMBURG: Arne, von der Schnapsidee zum festen Bestandteil der Hamburger Kulturszene. Wie geht das?

Es kamen mehrere Fakto­ren zusammen. Zum einen der nicht zu bremsende Akti­vismus der Gründer von Viva con Agua, die alles dranset­zen, eine Idee zu verwirkli­chen. Gemeinsam mit dem freudvollen Engagement un­serer Ehrenamtlichen. Zum anderen die Unterstützung unseres Partners FC St. Pauli, der von der ersten Stunde an dabei war. Die Offenheit und die Bereitschaft sich als Fußballverein und als Unter­nehmen auf das Projekt ein­ zulassen, ist einmalig und hat uns vieles ermöglicht.

Dieses Jahr lautet das Motto „Water is a Human Right“. Wie spiegelt sich das in der Ausstellung wider?

Die gezeigten Werke wer­den von den Künstlern aus aller Welt exklusiv für die Gal­lery entworfen. In der Ver­gangenheit hatten wir eher komplex formulierte Themen wie „Identikey“, was dazu führte, dass nicht alle Künstler themenbezogen gearbeitet ha­ben. Das wollten wir ändern.

Menschenrecht ist ein kon­kretes Thema und bietet nicht nur den Künstlern viele Anknüpfungspunkte, auch unser Kurations-­Team kann noch mehr einem roten Faden fol­gen, um über die Ausstellung eine Geschichte zu erzählen. Einige Künstler werden zum Beispiel Wasser als Thema wählen oder eine politische Herangehensweise, sodass ein schöner Mix unterschied­licher Umsetzungen und Genres zu sehen sein wird.

Ihr habt zum ersten Mal nicht nur das Thema konkreter formuliert, sondern auch wohin die Erlöse fließen …

Ja, genau. In der Vergan­genheit gingen die Spenden allgemein an den Verein. Diesmal haben wir im Vor­feld festgelegt, dass die Erlöse in das Oratta­-Projekt in den Provinzen Cabo Delgado und Nampula fließen. Dort, im Norden vom Mosambik, set­zen wir uns bereits seit 2015 für sauberes Trinkwasser und bessere Hygienebedin­gungen ein. Wir glauben, dass die Motivation der Künstler, Supporter und Besucher noch größer ist, wenn sie nicht nur für einen allgemein guten Zweck arbeiten oder spenden, sondern genau wissen für wen. Wir hoffen, so un­ser Spendenergebnis aus dem letzten Jahr von etwa 90.000 Euro zu übertreffen.

 

Millerntor Gallery #9: So bunt wird’s im Millerntor-Stadion

 

 

Innerhalb weniger Monate stelltet ihr eine Ausstellung mit mehr als 90 Künstlern auf die Beine. Klingt nach einem chronisch hohen Stresspegel?

Die acht bis zehn Wochen der Produktionsphase im Sta­dion sind schon eine enorme Belastung für die Familie und Freunde. Währenddessen bleibt kein Raum für anderes. Es ist, als würde man sich mit einem schweren Rucksack auf den Weg machen und es ist klar, für eine gewisse Zeit sieht man weder seine Fami­lie noch Freunde, es sei denn, man bindet sie als Helfer mit ein.

Doch das Ziel ist es auf je­den Fall wert. Die Gallery ver­braucht viele Ressourcen, aber sie ist auch wie ein Akku, ein Ort, der ganz viel Kraft gibt.

Was ist es, das sie so besonders macht?

Sie ist eine ganz besondere Veranstaltung, weil die soziale Grundhaltung aller Beteiligten besonders ist. Eine Galerie, die Kunst mit Musik verbindet, in einem Fußball­stadion mitten in der Stadt. Und das in einem Viertel, dessen Bewohner grundsätzlich eher gesellschaftskritisch und sozial engagiert sind.

Die Millerntor Gallery ist die Möglichkeit, die Grund­sätze von Viva con Agua zu erleben, das Freudvolle und Aktivistische. Wir kümmern uns um eine positive Verän­derung der Welt, aber auf eine spielerische Weise, indem wir die universelle Sprache von Kunst, Musik und Sport nut­zen, um die Menschen für unsere Themen zu erreichen und zum Mitmachen zu bewegen. Die Gallery ist sozusagen der Schmelztiegel von allem, was den Verein ausmacht.

 

„Unser Traum: den heiligen Rasen nutzen“

 

Der enorme Zulauf aus der Stadt mit 17.000 Besuchern im letzten Jahr, gibt euch Recht. Ruht ihr euch darauf aus, oder ist es eher ein Ansporn neu zu denken?

Natürlich sprechen wir je­des Jahr mit dem FC St. Pauli, ob und wie wir weitere Teile des Stadions in die Millern­tor Gallery einbinden können. Unser Traum wäre natürlich, irgendwann mal den heiligen Rasen nutzen zu können. Auch möchten wir zukünftig vermehrt ein Gleichgewicht zwischen den Genres schaffen, auf der einen Seite Street­ Art und HipHop, gleichzeitig im Kunstbereich die Grenzen erweitern. Noch liegt der Aus­stellungsfokus auf Street Art, aber in diesem Jahr haben wir darüber hinaus einige Hoch­karäter aus der bildenden Kunst dabei.

Was löst Kunst bei dir aus?

Emotionen. Die ganze Palette: von Erstaunen und Begeisterung über Glück bis hin zur Ruhe. Aber auch Trauer. Gerade bei dem dies­jährigen Kurationsprozess habe ich wieder gemerkt, dass Kunst für mich ein Vehikel für einen Perspektivenwech­sel sein kann, so als würde ich mir eine Brille aufsetzen und ein Thema nochmal ganz an­ders entdecken.

Millerntor Gallery #9: 4.-7.7.2019, Millerntor-Stadion (St. Pauli)


Szene-Hamburg-Juli-2019-CoverDieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, Juli 2019. Titelthema: Schmelztiegel St. Georg.
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Hamburger des Monats – Jana und Petja von Move the North

Hamburg, Kopenhagen, Malmö – drei Städte, ein Festival. Mit „Move the North“ bringen die Initiatoren Jana und Petja Pulkrabek die Menschen grenzübergreifend zusammen – was nicht nur der Kunst guttut.

Interview: Hedda Bültmann

SZENE HAMBURG: Jana und Petja, ihr betreibt gemeinsam die Produktionsfirma Manusart. Was steckt dahinter?

Petja: Wir produzieren Filme, Theaterstücke und Kultur. Jana kümmert sich etwas mehr um den Theaterbereich und meine Leidenschaft liegt vorrangig beim Film.

Und ihr habt eine internationale Plattform initiiert, die im Januar startet …

Jana: Genau, das „Move the North“-Festival. 2019 starten wir mit unserem ersten Cross-Border-Jahresprogramm. Neben Manusarts-Produktionen werden wir viele internationale Kulturprojekte zwischen Hamburg, Kopenhagen und Malmö hin und her schicken.

Petja: Das Festival beinhaltet aber nicht nur Veranstaltungen, sondern ist auch eine Plattform, auf der wir Leute aus den drei Ländern zusammen bringen und schauen, welche Möglichkeiten sich auftun. Wir hoffen, dass über internationale Kooperationen neue Impulse gesetzt werden wie beispielsweise länderübergreifende Trilogien. Sodass sich nicht nur die Kunst zwischen Ländern bewegt, sondern sich auch das Publikum mit uns bewegt, um die einzelnen Teile in den unterschiedlichen Städten zu sehen.

 

Eine Kultur-Achse über die Ostsee

 

Funktioniert Kultur als Brücke zwischen den Ländern?

Petja: Die Idee ist, dass sich Norddeutschland mit Skandinavien kulturell stärker vernetzt. Es finden ja bereits in der Wirtschaft, bei Studiengängen, in der Forschung viele Kooperationen statt. Ein nordeuropäisches Zentrum dynamischen Wachstums wird zwischen den großen Wirtschaftsräumen um Hamburg, Kopenhagen und Malmö kreiert. Aber der Bürger bekommt das gar nicht mit und für mich ist die Kultur ein Weg, das sichtbar zu machen, indem wir eine bewegte Kulturachse über die Ostsee schaffen.

Jana: Dass man zueinanderfindet, neugierig aufeinander ist, über Grenzen hinaus miteinander arbeitet. Aber auch, dass gemeinsame Werte wie zum Beispiel Gleichberechtigung und Meinungsfreiheit kommuniziert werden. Gerade die nordischen Regionen vereint eine ähnliche Haltung, die über Kultur gut vermittelt werden kann.

Jana, du leitest in Kopenhagen auch das House of International Theatre

Jana: HIT haben wir Anfang 2017 in Kooperation mit dem Kopenhagener Jeremy Thomas-Poulsen gegründet und das ist auch ein Grund, warum dieses Festival entstanden ist. Mit fünf deutsch-dänischen Koproduktionen im ersten Jahr haben wir in Kopenhagen eine feste Adresse für Kultur aus Hamburg etabliert und Manusarts wurde vom The Copenhagen Post für dieses Engagement mit dem dritten Platz als Trailblazer für internationales Theater gekürt. Das Festival ist jetzt der nächste Schritt, um größer zu denken und den Austausch in beide Richtungen zu generieren.

Petja: Es gibt viele Hamburger Künstler, die großes Interesse haben, in Kopenhagen aufzutreten und vice versa. Und von Kopenhagen ist es nur über eine Brücke rüber bis nach Malmö und so ist die Koppelung der drei Länder zustande gekommen. Mit dem geplanten Bau des Fehmarnbelttunnels sollen Hamburg und Kopenhagen zusammengeführt werden, Kultur kann dafür bereits im Vorfeld eine Weiche stellen.

Unterscheidet sich die Kulturszene in Kopenhagen von der in Hamburg?

Jana: In Kopenhagen scheint es so, als wenn Kultur ein Bürgerrecht wäre. Gerade im Sommer findet an allen Ecken Kultur statt, die für alle frei zugängig ist. Wie das Opera und das Jazz Festival, das Filmfestival. Kultur begegnet einem überall, nur wenn man durch die Straßen geht. Hamburg hat viele tolle große internationale Produktionen vom Thalia Theater oder dem Schauspielhaus. Aber dieses einladende, gemütliche zeichnet Kopenhagen aus.

Petja: Stichwort Hygge. Kopenhagen hat einen anderen Zugang zur Kultur.

Petja, du bist Filmemacher. Wie sind dafür die Bedingungen in Hamburg?

Petja: Es ist toll in Hamburg. Die Zusammenarbeit mit der Filmförderung ist immer sehr angenehm, es gibt viele gute Filmleute in Hamburg, es gibt hier viele tolle Teams, eine gute Ausbildung in dem Bereich, die HMS ist eine wirklich sehr gute Filmschule. Hamburg ist schon die Filmstadt. Besser als Berlin (lacht). Es ist hier nicht so überlaufen.

 

Filmtage in Hamburg und Kopenhagen

 

Und was magst du am dänischen Film?

Petja: Das dänische Kino ist sehr besonders mit einer ganz eigenen Filmsprache und einem eigenwilligen, sehr guten Humor. Beim Filmfest in Hamburg werden jedes Jahr dänische Filme gezeigt, aber es gibt noch so viel mehr, die es zu schauen lohnt. Deshalb wollen wir im Rahmen von Move the North Filmtage in Hamburg und Kopenhagen etablieren, in Kooperation mit dem Metropolis Kino und dem Husets Biograf. Es wäre schön, wenn sie regelmäßig stattfinden würden, um das bisherige Angebot zu ergänzen.

Habt ihr Themen, die ihr künstlerisch umsetzen wollt?

Petja: Ich lass mich immer gerne überraschen, was so auf mich zukommt. Generell mag ich Geschichten, die verbinden, die das Menschliche zeigen. Wir haben zum Beispiel den preisgekrönten Kurzfilm „Occasus“ gemacht, der die Geschichte eines afrikanischen Flüchtlings auf seiner tragischen Odyssee nach Europa zeigt. Momentan arbeite ich an einem Stoff, der sich mit den unfairen Arbeitsbedingungen in der Modeproduktion in Indien auseinandersetzt.

 

Seht hier den Trailer zu „Occasus“

 

Jana: Die Art unserer Produktionen geht tendenziell in Richtung Arthouse. Künstlerisch hochwertig, etwas experimentell, aber unsere Geschichten haben immer eine Struktur. Man muss aufpassen, dass man in der eigenen kreativen Umsetzung das Publikum nicht aus den Augen verliert. Es sollte schon Entertainment bleiben, aber das schließt eine hochwertige Qualität und tiefgründige Themen nicht aus. Mit Move the North wollen wir Kultur transportieren, die bewegt.

Ihr seid ja Geschwister, wie klappt die Zusammenarbeit?

Petja: Jetzt gerade gut (lacht). Wir sind sehr unterschiedlich, aber gerade deshalb ergänzen wir uns auch total gut. Mittlerweile weiß ich ganz genau, was Janas Stärken sind, sie kennt meine und deshalb können wir auch die Arbeitsbereiche bestmöglich aufteilen. Das funktioniert und wir sind auf einem guten Weg unsere Manusarts-Projekte zu etablieren.

Jana: Petja ist der Strategische von uns beiden, ich sehr impulsiv, manchmal eigensinnig. Ich bin eben auch eine Schauspielerin, die auf der Bühne steht, während Petja lieber inszeniert. Manchmal auch mich (lacht).

www.manusarts.de


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, April 2019. Das Magazin ist seit dem 28. März 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Hamburger Menetekel – Zukunft aus der Spraydose

Schüler von sieben Schulen haben die Graffitis ihrer Stadtteile analysiert – und daraus mit dem Projekt „Hamburger Menetekel“ unheilvolle Prognosen für die Zukunft formuliert.

Text: Sophia Herzog
Foto (o.): Jérome Gerull

Sie sind überall: Auf Hauswänden und Brückenpfeilern, Stromkästen, S-Bahnen und Mülltonnen – Graffitis. Für die einen sind sie die Schandflecken Hamburgs, für die anderen Kunst. Insgesamt 2.401 Graffitis wurden zwischen Januar und September 2018 offiziell erfasst, Spitzenreiter sind die Bezirke Altona und Mitte mit jeweils über 500. Das geht aus einer „kleinen Anfrage“ des CSU-Politikers Michael Westenberger an den Senat von Mitte Januar dieses Jahres hervor. Stadt, Unternehmen und Privatleute lassen die Farbe für ein Vermögen von den Wänden schrubben – nur um bald das nachfolgende Kunstwerk entfernen zu müssen.

Dabei gab es Graffitis schon lange vor der Erfindung der Spraydose: In den Ruinen von Pompeji wurden an die 10.000 Wandzeichnungen freigelegt, die vor über 2.000 Jahren in den Stein geritzt wurden. Beliebteste Themen: Sex und Gladiatorenkämpfe. Fundorte von prähistorischen Wandmalereien wie in den Lascaux oder Chauvet-Höhlen in Frankreich zählen zu den bedeutendsten archäologischen Fundorten der Welt. Sind die heutigen Graffitis also die Wandmalereien unserer Zeit?

Christian Tschirner findet: Ja. Der Dramaturg vom Deutschen Schauspielhaus arbeitet seit letztem Herbst mit seinen Kollegen am Projekt „Hamburger Mentekel“, einer Kooperation des Theaters mit der Künstlergruppe Graffitimuseum. Zusammen mit Schülergruppen aus den sieben Hamburger Bezirken hat er Graffitis in Hamburg dokumentiert, gesammelt, analysiert und für alle Bezirke eine Zukunftsprognose aufgestellt. Die Ergebnisse der Arbeit präsentieren Schüler und Schauspielhaus an drei Kongresstagen im Mai.

 

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Auf einer Pressekonferenz stellen die Schüler ihre Prognosen vor. Foto: Sinje Hasheider

 

„Die meisten Graffitis bestehen aus Buchstaben, Kürzeln, Akronymen und Namen“, erklärt Tschirner. „Also aus Sprachspielereien.“ Die Lesart als „Menetekel“ liege auf der Hand, „nach der berühmten Bibel-Geschichte“, so Tschirner. Im Buch Daniel des Alten Testaments erscheint Belsazar, dem babylonischen Prinzen, eine Geisterhand, die den Schriftzug „Mene mene tekel u-parsin“ an die Wand zeichnet. Keiner von Belsazars Gelehrten kann die Schrift entziffern, nur der Weise Daniel schafft es schließlich, das Omen zu deuten – und prophezeit Belsazar seinen nahen Tod und den Untergang seines zReiches.

In der biblischen Überlieferung wird er noch in der gleichen Nacht ermordet, und das babylonische Königreich zwischen Persern und Medern geteilt. Der mysteriöse Schriftzug ist auch heute noch in unserem Sprachgebrauch verankert: Als „Menetekel“ werden unheilvolle Omen und Zukunftsprognosen bezeichnet. Im 21. Jahrhundert malen zwar keine Geisterhände Schriftzüge an die Wände, dafür aber Graffitikünstler. Für Tschirner und das Team der „Hamburger Menetekel“ ist die naheliegende Frage also: „Was ist, wenn die Graffitis an unseren Wänden Mentekel sind, und wenn man aus diesen Graffitis etwas über unsere Zukunft ablesen könnte?“

 

Keine rosige Zukunft – laut Graffitis

 

Rosig sieht die Zukunft nicht aus, die die Schüler und Schülerinnen für die Bezirke daraus vorhersagen. Auf den Wänden Altonas tauchen immer wieder die Worte „Ehek“, „Labor“, „Raus“ oder „Lüge“ auf. Das Fazit: Hier wird vor der drohenden Antibiotikaresistenz gewarnt. Aus „Chaos“ und „TEK DGR“ auf einer Wandsbeker Backsteinmauer wird „TechniK ist omnipräsent, DiGitale Realität“ – eine Zukunft, in der die Welt von Maschinen beherrscht wird? In Harburg ist der Klimawandel ein präsentes Thema, Hamburg-Nord beschäftigt die Rückkehr des Nationalismus.

„Die Schüler haben auch positive Zeichen gefunden, aber die standen immer in Verbindung mit einer Krise“, berichtet Tschirner. Das hätte aber auch an der Herangehensweise des Projekts gelegen. In Projektwochen haben sich die Schüler mit der biblischen Geschichte Belsazars und dem Untergang des babylonischen Reichs beschäftigt, und die Graffitis stark unter diesem Aspekt gelesen. „Das ist aber auch das Wesen des Menetekels“, führt Tschirner fort. „Sie werfen zunächst kein zu optimistisches Licht auf die Dinge.“

 

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Graffiti in Altona: Kunst oder Sachbeschädigung? Foto: Hamburger Menetekel

 

Weltuntergangsstimmung, nur wegen ein paar bunten Graffitis? Tschirner zieht den Forscher Stephan M. Maul heran, der sich mit der Zeichendeutung im Orient beschäftigt hat. Damals wurden die Entscheidungen eines Herrschers durch die Deutung mit Tiereingeweiden abgesegnet. „Da stellt sich die Frage, warum ein System, das auf einer so obskuren Technik beruht, 8.000 Jahre stabil bleiben konnte?“, so Tschirner. „Wir können uns sehr viel wissenschaftlicheren Methoden bedienen, haben aber Probleme überhaupt die nächsten hundert Jahre zu überstehen.“

Beim Thema Klima oder der Antibiotikaresistenz stünden die Prognosen der Wissenschaft schon lange im Raum, ohne, dass die Gesellschaft adäquat darauf reagieren würde. Hier zieht Tschirner wieder Parallelen zwischen der biblischen Überlieferung von Belsazar und der Gegenwart. Denn der babylonische Prinz wusste, was die Zeichen bedeuten, ignorierte die Warnung trotzdem. Tschirner will die Deutung der Graffiti dabei aber keinesfalls wissenschaftlichen Forschungen gleich setzen. „Natürlich gibt es grundlegende Unterschiede, insbesondere zur Naturwissenschaft“, betont er. „Aber auch Naturwissenschaften sind nicht in der Lage, die Zukunft vorherzusagen.“

Sie könnten nur bestimmte Zusammenhänge darstellen, etwa zwischen CO2-Gehalt und Klimaerwärmung. „Wie wir, als Gesellschaft mit diesem Wissen umgehen, und wie wir unsere Zukunft gestalten, ist eine andere Frage.“

Ebendies soll auch zentrales Thema beim Kongress im Mai sein – hier wollen die Schüler nicht nur unheilvolle Zukunftsprognosen verkünden, sondern auch Lösungen entwickeln. In sieben Panels werden die Vorhersagen der jeweiligen Bezirke von den Schülern vorgestellt und anschließend mit Experten und Wissenschaftlern diskutiert. „Zu jeder Krise wollen wir dann gerne drei Handlungsoptionen für Hamburg formulieren“, so Tschirner.

 

„Hört auf die Zeichen!“

 

Bei einer anschließenden Abschlussgala werden die Ergebnisse zur „Zukunftsoper“: Ein Sprechchor der teilnehmenden Schüler verknüpft die verschiedenen Aspekte des Kongresses mit einer Neukomposition von Händels „Belshazzar“, aufgeführt von den Jungen Symphonikern. Die „Hamburger Menetekel“ wirken auf den ersten Blick zwar wie Kaffeesatzleserei, dahinter verbirgt sich aber eine viel eindringlichere Nachricht. „Hört auf die Zeichen!“ rufen nicht nur die Schüler aus Hamburg, sondern aus der ganzen Welt – ganz aktuell bei den „Fridays for Future“- Protesten gegen den Klimawandel.

Und was bedeutet das alles für die Graffitis an Hamburger Hauswänden? In einem offenen Brief fordert die Gruppe der „Hamburger Mentekel“ das Ende der Graffiti-Zerstörung. Denn in ihnen sieht die Gruppe die moderne Form der uralten Schätze, die weltweit an Höhlendecken und -wände gemalt wurden. „Graffiti stehen damit in einer 30.000 Jahre alten Tradition, den Zeitgeist auf Stein festzuhalten und Botschaft sowohl für die Gegenwart als auch für die Zukunft zu sein“, schreibt das Kollektiv.

„Für uns sind die Graffitis Offenbarungen“, fügt Tschirner hinzu. „Die Ängste und Hoffnungen, die wir in uns tragen, werden bei der Deutung des Graffitis gespiegelt.“ Gerade deshalb hätten die Wandmalereien einen Wert, „weil wir dadurch wichtige Erkenntnisse aus ihnen ziehen können“. Dass Graffitis nicht nur Kunst, sondern oft Sachbeschädigung sind, ist für Tschirner eine Werteabwägung: „Ist Privatbesitz wichtiger als unsere Zukunft?“

www.hamburgermenetekel.de


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, April 2019. Das Magazin ist seit dem 28. März 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Türchen Nummer 3: Kunst Kate Volksdorf

Der KatenLaden in der Eulenkrugstraße 62 bietet die Möglichkeit, in entspannter Atmosphäre das passende Weihnachtsgeschenk zu erwerben. Rund 20 Gastaussteller tragen mit ihren Exponaten zur Shopping-Vielfalt bei. Nach dem Eröffnungswochenende am 1./2.12.18 (14–18 Uhr) ist wie folgt geöffnet: Di-Fr 11–18 Uhr, Sa 14–18 Uhr. Auch empfehlenswert: das KatenCafé (Di-Fr 12–17, Sa 14–17 Uhr).

www.kunst-raum-volksdorf.de

Heute im Lostopf: ein Blaker im Wert von 135 Euro (die Goldlichter von Schmiedemeister Frank Alexy verzaubern die Räume in jeder Jahreszeit)

 

Sende eine E-Mail mit dem Betreff  „Adventskalender Tür 3“  an verlosung@vkfmi.de. Einsendeschluss ist der 2.12.2018 um 24 Uhr. Um 10 Uhr morgens am 3. Dezember 2018 findet die Verlosung statt. Der Gewinner wird per Mail benachrichtigt. Bitte gebt zur Teilnahme Euren vollständigen Namen an. 

Das nächste Türchen erscheint am 3.12.18 um 7 Uhr unter www.szene-hamburg.com/kultur/adventskalender


 Alle Gewinne schon jetzt auf einen Blick findest du im SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Dezember 2018. Das Magazin ist seit dem 29. November 2018 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich!


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Karibik in Ottensen – „Die Bäume des Paradieses“ von Nele Gülck

Fotoausstellung: Nele Gülck zeigt in „Die Bäume des Paradieses“ die Palmen-Objekte eines Hamburger Sammlers.

Auch Hamburg hat Palmen. Zeitweise stehen einige in Kübeln am Jungfernstieg. Und rauschen das ganze Jahr lang auf der Verkehrsinsel zwischen Deichtorhallen und Kunstverein im Fahrtwind der Autolawinen. Jedes Mal muss man sich die Augen reiben, wenn man sie sieht. Denn wo Palmen stehen, ist die Idylle normalerweise nicht weit, sanfte Wellen, die an den Sandstrand rollen, laue Nächte und Südseeklänge.

Palmen stehen für Sehnsucht, für die Ferne und das Island in the Sun. Auch für Alf Trojan, der am UKE das Institut für Medizin-Soziologie leitete und ansonsten am liebsten mit seiner Frau Tasch die Welt bereist – und Palmen sammelt. Nicht solche in Töpfen. Das haben sie öfters probiert. Aber irgendwie sind sie ihnen immer eingegangen. Die unkaputtbaren sind da besser. Aus Plastik, Metall oder Holz, gemalt, fotografiert, genäht, gestickt oder aufblasbar.

Mit einer Brosche fing alles an

Mehr als 1.500 Palmen-Objekte hat Alf Trojan in den letzten 40 Jahren gesammelt, in der Ottensener Wohnung waren sie überall. Palmenbilder im Flur, Palmen-Aschenbecher auf dem Tisch, Palmen-Wein daneben, Palmen-Geschirr im Küchenschrank, Palmen-Kissen auf der Couch oder Palmen-Sticker am Revers. Mehrere Hunderte hatte er davon. Denn mit einer Palmen-Brosche fing schließlich alles an, irgendwann in den 70er-Jahren. Öffnete man jetzt den Kleiderschrrank waren sie an langen Stoffbändern festgepinnt, Sticker neben Sticker. Öffnete man den Wäscheschrank, waren Bettbezüge mit Palmen darin, im Badezimmer standen Palmen-Miniaturen – und irgendwo auch der wunderbare 1980er-Jahre Raumduft Likuluft mit Palmen im Sonnenuntergang darauf. So riecht die Karibik!

Irgendwann aber reichte es Alf Trojan dann, der sich selbst nie als Sammler verstand, nie Objekten nachjagte. Sie kamen selbst zu ihm und er empfing sie mit offenen Armen. Aber alles was man besitzt, besitzt auch einen und um Blick und Kopf und auch die Wohnung freizukriegen, trennte er sich vor ein paar Monaten von dem Großteil seiner Sammlung und vermachte ihn der Hanseatischen Materialverwaltung im Hamburger Hafen. Eigentlich ist der Fundus auf wesentlich größere Gegenstände spezialisiert, die er verleiht oder verkauft. Doch dem Charme der Palmen konnte er nicht widerstehen.

Südseeträume aus der Lagerhalle

Und so entdeckte die Hamburger Fotografin Nele Gülck die Palmen-Objekte, kleine Südseeträume in den riesigen Lagerhallen und sie beschloss, die Sammlung festzuhalten.

Was einzelne Gegenstände beginnen zu erzählen, wenn man sie separiert und in das Zentrum einer Fotografie stellt, hatte sie zuvor in ihrer Bilderserie „Auf ewig“ erkundet. Als sie den Besitz eines Ehepaars, das 66 Jahre lang verheiratet war, festhielt – von der gehäkelten Haarklammer über die Aktenordner bis zu Urlaubspostkarten und dem Transistorradio.

Jetzt baute sie ein mobiles Fotostudio in der Materialverwaltung auf, in winterlicher Kälte, die so gar nichts mit Karibikträumen gemein hatte. Und bevor die Palmen-Sammlung durch Verkäufe auseinandergerissen wird, fotografierte sie Stück für Stück vor sandfarbenem Hintergrund, ordnete die Objekte neu an, schloss sie zu Gruppen zusammen. Sie wirft einen neuen Blick darauf, lässt Geschichten und Sehnsuchtsbilder aufkommen, unterstreicht Skurrilitäten und auch die Macken, die die Sehnsüchte an einigen Stellen haben, die Schrammen, geschmolzenen Kerzen und halb ausgetrockneten Schneekugeln.

Bevor „Die Bäume des Paradieses“ als Fotobuch im Kerber Verlag erscheinen, sind sie jetzt im Dear Photography Art Room in Altona zu sehen. Ein großartiger Ausflug in die Karibik, die Südsee und andere Paradiese wie man sie noch nicht gesehen hat.

Nele Gülck: Die Bäume des Paradieses, Dear Photography Art Room, bis 29.9.18; www.dearphotography.com

Text: Sabine Danek
Fotos: Nele Gülck


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, September 2018. Das Magazin ist seit dem 30. August 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


 

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Frei-Raum für Kunst: VIS in Rothenburgsort

Golden Toast an der Wand oder an der Bar: VIS in Rothenburgsort bietet mehr.

Ganz wie die Kommandozentrale eines Frachtschiffs schwebt das ehemalige Pförtnerhäuschen über dem Gebrauchtwagenhändler-Areal in Rothenburgsort. Über ein paar Stufen geht es hinauf in den kleinen, schnörkellosen Raum mit Terrazzoboden und umlaufendem Fensterband. Seit Ende Juni heißt der Raum Vis (lat. für „Kraft“) und nimmt, volle Kraft voraus, ganz entschieden Kurs auf Kunst.

An Eröffnungsabenden stehen Nadine Droste und Nick Oberthaler, die Macher des neuen Kunstraums, draußen vor der gelb geklinkerten Wand hinter einem improvisierten Tresen. Mit Wein, Wurst oder Toast überbacken sorgen sie dann für das kunstsinnige Völkchen, das nach konzentriertem Begucken der Ausstellungen gern noch ein wenig verweilt.

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Torben Wessel, toast tramezzino tautology, laser engraved Tramezzini, dimensions variable, 2018. Installation view dense cloud, VIS, Hamburg, 2018. Foto: Fred Dott.

Droste ist freie Kuratorin, sie hat an der HFBK Kunst studiert und in Frankfurt Curatorial Studies und zwei Jahre im Hamburger Kunstverein gearbeitet. Oberthaler hat in Wien und Genf Malerei studiert, früher mal in der Nomadenoase ausgestellt und wird heute von der Galerie Ropac vertreten. Gemeinsam haben sie Fördergelder von der Kulturbehörde Hamburg und dem österreichischen Bundeskanzleramt angeworben und ein rasantes Programm ausgeheckt: durch den Sommer hindurch und bis erst einmal November alle zwei Wochen eine neue Ausstellung. So sorgt VIS dafür, dass die neu aufkeimende Dynamik unabhängiger Kunsträume in der Hansestadt – das Come Over Chez Malik’s, Benzene oder der Projektraum 14a – noch zusätzlich Fahrt aufnimmt.

Nebelkammer der Sinne

Mit seiner Schau dense cloud verwandelte Torben Wessel Mitte Juli den VIS-Raum in eine Nebelkammer der Sinne. Er verschnitt ein Wandgemälde aus per Laser getoasteten Tramezzinischeiben mit einer von ASMR-Tönen untermalten 3-D-Animation zu einer Art Kritik der digitalen Ökonomisierung von Empfindungen. Im August beschwört der Norweger Marius Engh das tschechische Jáchymov herauf, das durch Silber- und Uranabbau mit der Geschichte des Geldes wie der Kriege verbandelt ist. Engh bestückt die Schau aus dem Koffer, den er von einer Recherchereise mitbringt. Ende August performt Barbara Kapusta ihr Stück We Make the Place by Playing und erkundet mit Sprechblasen, wie sich Raum konstituiert.

VIS steht für Kunst, die Gesellschaft reflektiert, ohne sich auf ökonomische oder politische Effizienz zu verpflichten. So ist ein echter Frei-Raum entstanden am südlichen Ende der Kunstmeile: Wer von den Deichtorhallen den Radweg entlang des Oberhafens nimmt, ist in nur zehn Minuten da.

Text: Karin Schulze
Foto: Fred Dott

www.vis20539.com


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, August 2018. Das Magazin ist seit dem 28. Juli 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Die Documenta der Fotos – Triennale der Photographie

Zum 7. Mal verwandelt sich die Triennale der Photographie Hamburg in einen Hotspot – und in diesem Jahr in einen sehr politischen. Wir sprachen mit dem künstlerischen Leiter Krzysztof Candrowicz darüber, was Fotografie so besonders macht und wie sie den Geist öffnen kann.

SZENE HAMBURG: Ging es bei der letzten Phototriennale noch um die technische und ästhetische Zukunft der Fotografie, haben Sie jetzt gesagt: „zu viel Nachdenken über Form macht Kunst bedeutungslos“. Was hat sich in den letzten drei Jahren für die Fotografie geändert?

Krzysztof Candrowicz: Es ist kaum zu glauben, aber das Medium Fotografie wurde tatsächlich noch populärer. Alle Social-Media-Kanäle leben von Fotografie. Einzig bei Twitter überwiegt noch der Text. Die große Veränderung in den letzten drei Jahren ist, wie wir Bilder verarbeiten seit die Fotografie so unmittelbar geworden ist. Die Beliebtheit von Snapchat, Gifs und „Stories“ haben unsere Wahrnehmung beeinflusst. Bilder verschwinden nach ein paar Sekunden wieder und der langsame Konsum eines Bildes, die Meditation darüber, ist eher selten geworden. Natürlich machen auch Fotofestivals es nicht gerade einfacher, denn wir versuchen ein Thema durch Hunderte von Bildern zu umreißen. Dennoch wird es auf der Triennale viele Möglichkeiten geben, über einzelne Bilder zu meditieren.

Zum zweiten Mal künstlerischer Leiter der Triennale: Krzysztof Candrowicz

Fotografen sind für Sie heute nicht mehr nur Bildermacher, sondern Philosophen, Dichter, Forscher mit der Kamera. Können sie das genauer erklären?

Eine simple fotografische Dokumentation ist heute nicht mehr besonders aufregend. Es gibt Millionen Fotografen, Tonnen an Fotoprojekten. Nahezu jedes Thema ist abgedeckt und fast alle Bilder landen in der globalen Bildermülltonne Google Images. Fotografen, die ohne Intention oder Aussage alles um sie herum fotografieren, von links nach rechts und ohne eigene „Botschaft“, reproduzieren einfach die Realität. Dabei ist das Wertvolle die Idee hinter einem Bild, hinter einem Projekt. Deshalb sind diejenigen, die auf Ideen und Inhalte fokussiert sind, nicht mehr länger nur Bildermacher, sondern vielmehr auch Philosophen, Poeten oder Soziologen, die mit der Kamera ihre Theorien und Geschichten visualisieren.

Was kann Fotografie heute als Medium, was kein anderes kann?

Darauf zu antworten ist eine wirkliche Herausforderung. Fotografie berührt die Augen und das Sehen ist der unmittelbarste und wirkungsvollste aller Sinne. Gleichzeitig kann man Fotografien am schnellsten und einfachsten teilen. Bilder haben keinen Ton, bewegen sich nicht und ermöglichen, uns auf eine sehr einfache Art und Weise und ohne Worte auszudrücken. Das Phänomen Selfie ist das beste Beispiel dafür. Für mich ist die Stärke der Fotografie aber vor allem ihre Langsamkeit. Wir können mit ihr den Fluss der Zeit anhalten und über Momente nachsinnen, die für unsere Augen unsichtbar sind.

Sie haben die Phototriennale „Documenta der Fotografie“ genannt …

Tatsächlich war die Documenta bei der Entwicklung der Triennale für mich der wichtigste Bezugspunkt. Die letzten Triennalen haben sich mit der Ästhetik und der sozialen Wirkung der Fotografie beschäftigt. Dieses Mal aber interessiert uns nicht so sehr ihre visuelle Sprache. Als Medium selbst ist sie viel transparenter geworden und deshalb konzentrieren wir uns stärker auf ihren Inhalt. Ich persönlich finde die meisten Ausstellungen und Festivals, die vor allem Porträts, Landschaften oder andere formale Aspekte im Blick haben, ziemlich langweilig. Die Documenta aber war von Anfang an eine Art politischer Kommentar, eine Stimme der Künstler. Und ich wünsche mir, dass die Triennale 2018 auch ein gemeinsames Statement ist, in diesem Fall durch Fotografie.

Foto: Salvatore Vitale: How to Secure a Country, 2015- 2017

Die einzelnen Ausstellungen der Triennale sind durch Computerbegriffe wie Home, Control, Space verbunden. Welche neuen Aspekte zu Heimat und Heimatlosigkeit, urbanem Raum und Machtverhältnissen kann man erwarten?

Tastatur-Begriffe wie Enter, Space oder Control sind für mich nicht mehr als Symbole für die digitale Transformation und Automatisierung. Wir verwenden diese Begriffe als Metaphern, um den Einfluss von Technologie, Globalisierung, von Massenproduktions- und Konsum-Kreisläufen zu verdeutlichen. Der Fortschritt will uns glauben machen, dass die heutige Welt einfach ist. Aber genau das Gegenteil ist der Fall. Abseits der Tastatur und des Screens ist die Welt komplizierter geworden und das Programm der Triennale 2018 beschäftigt sich mit dieser Komplexität. Die Triennale ist ein politisches und gesellschaftliches Statement mithilfe von Bildern und ist neben der Fotografie von Autoren wie Noam Chomsky, Noah Harari und Naomi Klein inspiriert.

Während in der Kunsthalle eher bekannte Künstler wie Thomas Demand oder Sophie Calle zu sehen sind und im Bucerius Kunst Forum Anton Corbijn, scheinen die Bilder der Schau [ENTER] in den Deichtorhallen sehr intensiv zu sein.

Genau das ist die Struktur des Festivals! Das gesamte Programm heißt ja „Breaking Point“. Die Ausstellungen dazu, mit Titeln wie [ENTER], [HOME] oder [ESCAPE], werden in den großen Museen gezeigt und beziehen direkt Stellung zu politischen, wirtschaftlichen oder ökologischen Themen. Darüber hinaus gibt es „Special Shows“, die nicht unbedingt einen Bezug zum Festival-Thema haben. Dafür haben wir die Künstler Anton Corbjin, Joan Fontcuberta und Shirana Shahbazi eingeladen. Alle stellen zum ersten Mal in Hamburg aus.

Auch viele OFF-Räume nehmen diesmal teil.

Die [OFF] Triennale wurde entwickelt, um ein breiteres Publikum zu erreichen und auch Menschen, die normalerweise nicht ins Museum gehen. Dank Pop-up-Orten und weniger bekannten Galerien werden wir auch für ein jüngeres Publikum sichtbar. Außerdem konnte sich jeder für die OFF Sektion bewerben. Über 800 Ausstellungskonzepte wurden eingereicht und die Triennale wird so demokratischer und offener.

Foto: Andreas Herzau: Girl, aus der Serie Moscow Street, 2008

Was ist die große Herausforderung der Triennale?

Ich weiß, dass es sich fast zu vielversprechend oder vielleicht sogar trivial anhört, aber die große Herausforderung der Triennale ist, durch Fotografie zu einem Wandel zu inspirieren. Da visuelle Sprachen wichtig sind, um Dinge zu vermitteln, die nicht in Worte zu fassen sind, ist sie das perfekte Werkzeug, wichtige globale Themen zu veranschaulichen. Deswegen hebt die Triennale auch Künstler hervor, die sich mit ihren Arbeiten an der Grenze von Kunst und Aktivismus bewegen. Ich hoffe, dass ihre Projekte den Blick und Geist der Besucher öffnen.

Darüber hinaus sollen Initiativen zum Handeln und Inspiration für nachhaltige Alternativen entstehen.

Neben inspirierenden und packenden Fotografen haben wir den Künstler Joshua Schwebel eingeladen, der sich mit sozialen und politischen Interventionen beschäftigt. Er wird sich an Hamburger Museumsdirektoren wenden und sie zu Projekten einladen, die zum Umdenken anregen – Aktionen, Proteste oder Manifeste. Schließlich ist die Triennale auch eine riesige gemeinschaftliche Plattform auf der wir alle voneinander lernen.

Ist Hamburg eine gute Stadt für Fotografie?

Hamburg ist ein wahrer Knotenpunkt für Fotografie, wenn auch international eher immer noch unentdeckt. Die erste Fotoausstellung, die je in einem Museum gezeigt wurde, fand 1890-1898 in der Hamburger Kunsthalle statt. Die Museen hier haben tolle Fotografie-Kollektionen und die Deichtorhallen sind vielleicht der größte Ort, der sich ganz der zeitgenössischen Fotografie verschrieben hat. Auf jeden Fall in Europa und wenn nicht sogar weltweit. Wenn man dann noch die Bildungstradition der HFBK nimmt, die Tatsache, dass die meisten Verlage in Hamburg sitzen und dazu die Triennale der Photographie, ist klar, dass Hamburg der Spot ist!

/ Interview: Sabine Danek

/ Beitragsfoto: Martin Errichiello & Filippo Menichetti, Untitled, 2016, Laino Borgo (Cs) Italy, aus der Serie: In fourth Person

Die Triennale der Photographie findet vom 7.6. bis 26.8. in den Deichtorhallen und an vielen anderen Orten in Hamburg statt.


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Juni 2018. Das Magazin ist seit dem 26. Mai 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!

Flaka Haliti – Das Blau am Bau

Die Farbe des Himmels, die Sehnsucht und das Überschreiten von Hindernissen: die Ausstellung von Flaka Haliti im Kunsthaus Hamburg.

I See a Face. Do You See a Face – so heißt eine Arbeit der Künstlerin Flaka Haliti (*1982), für die sie in digitale Wolkenaufnahmen mit dem Digitalstift krakelig die Konturen von Gesichtern hineinzeichnete. Und sofort muss man an öde Kindheitsnachmittage denken, als sich nichts tat, als dass die Wolken mal wie die doofe Chemielehrerin aussahen und mal wie Winnie-the-Pooh.

Muss man? Nein, vermutlich nicht. So wie schon damals die beste Freundin in die wattigen Cumuli ganz andere Wesen hineinsah, so unterscheiden sich auch unsere Assoziationen zu Kunstwerken. Das ist generell so, aber die Arbeiten der aus Priština stammenden Künstlerin verweisen direkter als andere auf diese Tatsache.

Stierhoden in Cellophan

Dabei hat die künstlerische Laufbahn der Flaka Haliti mit einem ziemlich eindeutigen Statement begonnen. Sie studierte damals Grafikdesign in ihrer kosovarischen Heimatstadt und ärgerte sich über die abschätzige Haltung von männlichen Künstlern gegenüber Künstlerinnen, die angeblich „keine Eier“ hätten. Zur Eröffnung einer Ausstellung der Nationalgalerie von Priština trat sie den Gegenbeweis an: Sie wickelte ein paar Stierhoden in Cellophan und legte sie wie einen duftigen Blumengruß auf die Treppen des Museums.

Flaka Haliti stellt im Kunsthaus Hamburg aus. Foto: Marcel Schwickerath

Flaka Haliti Foto: Marcel Schwickerath

Vor dieser radikalen Aktion war sie Ende der 90er Jahre zusammen mit ihrer Familie vor dem Kosovokrieg zu Verwandten nach Mazedonien geflohen. Als sie nach Priština zurückkehrte, war ihre Heimat eine andere: vom Krieg zerrüttet, durch KFOR-Truppen kontrolliert und unter UN-Aufsicht. 2008, als die Republik Kosovo ihre Unabhängigkeit erklärte, ging Haliti zum Kunststudium an die Frankfurter Städelschule. Heute lebt und arbeitet sie in München. Inzwischen kann sie nicht nur auf eine Einzelausstellung in der Nationalgalerie von Priština zurückblicken, sie hat auch ein Jahr in der Villa Romana in Florenz verbracht und 2015 auf der Biennale von Venedig im Pavillon des Kosovo ausgestellt. Das Kunsthaus zeigt nun ihre erste umfangreiche Einzelausstellung, die vorher in Lingen gezeigt wurde und im Herbst nach Priština geht.

Ein Motiv taucht in Halitis Arbeiten wiederholt auf: Sie verwandelt das materielle Rüstzeug politischer Konflikte in träumerisch-phantastische Bilder. So zeigt sie gleich am Beginn der Ausstellung aus Holz und Feinputz nachgebaute Elemente von Betonbarrikaden. Diese sind durch den Materialwechsel nicht nur ihrer Funktion beraubt, sie scheinen, lose ineinander geschoben, auch entspannt Löffelchen zu liegen. Im nächsten Raum hockt ein quietschgrüner Roboter, den Haliti aus dem Schrott aufgelöster KFOR-Militäreinrichtungen zusammengeschraubt hat, ermattet an der Wand. Und der „Schwerter zu Flugscharen“-Verwandlung nicht genug: Hinter dem Maschinenwesen hat sie ein Flügelpaar installiert, zu dem sie bei  Engelsdarstellungen der italienischen Renaissance inspiriert haben.

Politik und Poesie

„Natürlich ist ein Großteil meiner Arbeit politisch“, so zitiert die österreichische Tageszeitung Die Presse die Künstlerin. „Zugleich aber ist sie poetisch, und manches ist vielleicht sogar romantisch.“ Diesen Übergang vom Politischen zum romantischen Ideal einer Welt ohne Grenzen vollzog auch ihre bei der Biennale gezeigte Arbeit Speculating on the Blue. Sie zitierte die blauen Betonwände herbei, die in Priština zum Schutz des UN-Quartiers errichtet worden waren. Zu sehen aber waren in Venedig nur noch die stählernen Armierungen, während die Wände selbst zu blauem Sand zerbröselt schienen, der den Raum durchzog und – nach der Intention der Künstlerin – durch die Rillen in den Sohlen der Besucher noch bis in die benachbarten Nationenpavillons weitergetragen werden sollte.

Um Farben wie dieses UN-Blau geht es auch in der Doktorarbeit, die Haliti derzeit an der Akademie der bildenden Künste in Wien verfasst. Sie erforscht dort die visuelle Kommunikation und die gesamte Corporate Identity von NGOs und supranationalen Organisationen wie der EU oder der UN. Schließlich dekonstruieren auch ihre künstlerischen Arbeiten die Elemente symbolischer Imagebildung. So legte etwa ihre Venedig-Arbeit einen Gegensatz bloß: Einerseits sollten die UN-Betonbarrikaden in Priština eine unüberwindliche Absperrung darstellen, andererseits war ihre blaue Oberfläche eine Art verharmlosender Camouflage, die an die grenzenlose Unendlichkeit des blauen Himmels denken ließ.

Generell zielen Halitis Arbeiten darauf, Grenzen oder festgefahrene Sichtweisen aufzulösen, Sehnsüchte und befreiende Träume einzuschreiben in scheinbar unverrückbare oder ungreifbare Zusammenhänge und das Fremde vertraut erscheinen zu lassen. Für Letzteres stehen ihre Wolken-Gesichter aber auch die ebenfalls gezeigten Assemblagen ihrer Is It You, Joe?-Serie: auf Marmorplatten geklebte, farbig angepasste Schwämme, in die mit kleinen Eingriffen Gesichter hineinskizziert sind.

Vielfältige Perspektiven

Mit diesen Strategien emotionaler Aneignung, die bewusst „easy going“ und auf fast naive Weise „kreativ“ daherkommen, macht Haliti vehement geltend, dass es nie nur die eine gültige Sichtweise, sondern stets das Recht auf vielfältige und emotionale Aneignungen gibt. Auch der leicht absurde Satz

„Here – Or Rather There, Is Over There“

mit dem die Künstlerin die gesamte Ausstellung betitelt hat, betont, wie sehr der jeweilige Standpunkt die Perspektive bestimmt.

Die humorvoll heraufbeschworene Sehnsucht, die realen und mentalen Betonwände zwischen Regionen, Nationen und Individuen zu überschreiten, und eine damit verbundene vielfach gebrochene, multiperspektivische Sicht auf die Welt – darauf zielen die Arbeiten von Flaka Haliti. Oder sagen wir es so: Sieht man nach dem Verlassen der Ausstellung zum Himmel, dann sehen zumindest für eine Weile die Wolken nicht mehr aus wie eitle Ansammlungen lästiger Wassertropfen, sondern es scheint ihnen eine keineswegs weltvergessene, aber heiter-optimistische Gestimmtheit anzuhaften.

Text: Karin Schulze

Flaka Haliti: „Here – Or Rather There, Is Over There“, Kunsthaus, bis 20.5.


 

 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Mai 2018. Das Magazin ist seit dem 28. April 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!