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Methoden der Neuen Rechten im Kino: Je suis Karl

„Je suis Karl“ ist ein Beängstigendes Drama um die manipulativen Methoden der Neuen Rechten, jetzt im Kino

Text: Daniel Schieferdecker

 

Ende des Monats ist Bundestagswahl. Aufdringlich designte Wahlplakate verschandeln schon seit Wochen die Städte. Auch die hässliche Fratze der AfD buhlt mit bewährt provokanten Hetzparolen um die Gunst von DemokratieFeinden und solchen, die es werden wollen. Selbst dem linkesten Realitätsverweigerer wird damit tag­täglich vor Augen geführt: Die Rechte ist unter uns.

Der charismatische Student Karl (Jannis Niewöhner) verführt und überzeugt; Foto: Pandora Film

Der charismatische Student Karl (Jannis Niewöhner) verführt und überzeugt; Foto: Pandora Film

Und davon erzählt Christian Schwochows neuer Film „Je suis Karl“. Im Zentrum des Dramas steht ein Terroranschlag, bei dem eine Bombe in einer Wohnung detoniert. Maxi (Luna Wedler) verliert dabei ihre Mutter und ihre beiden Brüder. Schwere Vorwürfe macht sich ihr Vater Alex (Milan Peschel), denn der nahm die Bombe von einem falschen, vermeintlich islamistischen Paketboten an. Beide, Maxi und ihr Vater, sind zerrissen von ihrer Trauer, von ihrer Wut, von Schuldgefühlen. Doch während Alex den Kampf gegen den Schmerz vor allem in seinem Inneren führt, sucht Maxi ein Ventil – und da kommt ihr der charismatische Student Karl (Jannis Niewöhner) zur Hilfe.

 

Der Lockruf der Rechten

 

Der lockt Maxi zu einer Veranstaltung der Re/Generation Europe. Doch was auf den ersten Blick wie eine Feier der europäischen Idee anmutet, entpuppt sich als Bootcamp der Identitären Bewegung. Ungeschönt und mit voller Wucht nimmt Christian Schwochow sein Publikum in „Je suis Karl“ mit ins verstörende Paralleluniversum der Neuen Rechten. Er zeigt, wie schnell man im überbordenden Gefühlschaos, ausgelöst durch eine initiierte Extremsituation, von seinen Idealen abrücken kann. Er macht das Unsichtbare sichtbar, indem er die modern und aufgeschlossen wirkende Jugendgruppierung um Karl als manipulative rechte Bewegung enttarnt. „Je suis Karl“ ist beängstigend und verstörend. Denn indem Schwochow erzählerisch bisweilen ähnlich radikal vorgeht wie seine charismatische Hauptfigur, wird einem durch das fiktive, aber eben doch sehr realitätsnahe Drama einmal mehr bewusst: Die Rechte ist unter uns.

 „Je suis Karl“, Regie: Christian Schwochow. Mit Luna Wedler, Jannis Niewöhner, Milan Peschel. 126 Min. Seit dem 16.9. im Kino

Hier gibts den Trailer zu „Je suis Karl“:


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, September 2021. Das Magazin ist seit dem 28. August 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Filmkritik: Curveball – Wir machen die Wahrheit

Der neue Film von „Curveball“ von Johannes Naber ist eine Gratwanderung zwischen Groteske und Politdrama, ab dem 9. September 2021 in den Kinos

Text: Anna Grillet

 

Im bayrischen Asylbewerberheim Zirndorf hat Agent Retzlaff (Michael Wittenborn) einen potenziellen irakischen Informanten namens Rafid Alwan (Dar Salim) angeworben. Die Nachricht löst helle Begeisterung beim BND aus, braucht man doch dringend Erfolge im Konkurrenzkampf mit CIA und MI6. Biowaffenexperte Dr. Arndt Wolf (exzellent: Sebastian Blomberg) glaubt noch immer unverdrossen, dass Saddam Hussein trotz UN-Kontrollen Anthrax-Viren herstellen lässt. Er selbst war drei Jahre vor Ort und hatte nach geheimen Produktionsstätten gesucht. Vergeblich. Vom Jagdfieber gepackt, drängt er nun darauf, den Informanten persönlich zu betreuen. Die Angaben von Rafid Alwan bleiben seltsam vage, seine Forderungen dagegen sind klar und unmissverständlich: ein deutscher Pass, eine eigene Wohnung. Er fühle sich verfolgt vom Geheimdienst seiner Heimat. Nach langem Zögern rückt Rafid mit der Sprache raus: mobile Labore. Eine Sensation, die für internationale Schlagzeilen sorgt und am Ende einen Krieg auslöst, auch wenn ein Satellitenfoto beweist, dass die Story frei erfunden ist. Wolf wird entlassen, während andere Karriere machen.

 

Wes Anderson lässt grüßen

 

Regisseur Johannes Naber und Drehbuchautor Oliver Keidel geht es in ihrer Politsatire vorrangig um die Instrumentalisierung von Geheiminformationen, aber auch um den absurden Umgang miteinander in der Maschinerie des Bundesnachrichtendienstes. Wer will sich schon mit der Wahrheit blamieren, die bleibt schließlich topsecret.

Erinnert an Wes Anderson Filme: Curveball; Foto: Filmwelt

Erinnert an Wes Anderson Filme: Curveball; Foto: Filmwelt

Wer das Schweigen bricht, dem droht Landesverrat. Es ist die Geburtsstunde der Fake News. Der skurrile Mix aus Fiktion und Realität ist brillant. Als Rafid nachts entführt wird, nimmt Wolf todesmutig als einsamer störrischer Don Quijote die Verfolgung auf. Die vermeintlichen Schergen entpuppen sich als CIA-Agenten, darunter die Ex-Geliebte des Protagonisten, die er aus der gemeinsamen Zeit im Irak kennt. Sie will ein Exklusiv-Interview fürs USFernsehen. Wenn der glücklose Held im blau gestreiften Pyjama auf einem kleinen Schlitten die schneebedeckten Hügel runterrast, fühlt man sich unweigerlich an Wes Anderson und das Grand Budapest Hotel erinnert.

Curveball – Wir machen die Wahrheit, Regie: Johannes Naber. Mit Sebastian Blomberg, Dar Salim, Thorsten Merten. 108 Min. Ab 9. September 2021 in den Kinos

Noch nicht Überzeugt? Hier gibts den Trailer zum Film:


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Kinostart: Love Sarah – Liebe ist die wichtigste Zutat

„Love Sarah – Liebe ist die wichtigste Zutat“ ist der Debütfilm der er Hamburger Regisseurin Eliza Schroeder

Eine eigene Konditorei im Londoner Edelstadtteil Notting Hill – das ist der Traum von Sarah (Candice Brown), doch kurz vor der Eröffnung stirbt sie überraschend bei einem tragischen Fahrradunfall. Ihre Tochter Clarissa (Shannon Tarbet) entschließt sich, nach Trennung von ihrem Freund, den Traum ihrer Mutter zu realisieren und die Konditorei zu eröffnen. Sie überredet ihre exzentrische Großmutter Mimi (Celia Imrie) und Sarahs beste Freundin und Geschäftspartnerin Isabella (Shelley Conn) dazu, mitzumachen. Als dann auch noch Matthew (Rupert Penry-Jones), der charmante Jugendfreund der verstorbenen Sarah und Backprofi an Bord ist, erwecken die vier die Konditorei zum Leben.

Liebe und Hoffnung, Humor und Herz – das sind die Zutaten dieses Films der Hamburger Regisseurin Eliza Schroeder. Ihr Debütfilm spielt in ihrer Wahlheimat London. Der Zuschauer spürt die Verliebtheit, die Schroeder dieser Stadt, aber auch der Backkunst gegenüber empfindet. Cremetörtchen, Himbeer-Eclairs und Schokoladenkuchen werden liebevoll in Szene gesetzt. Die kulinarischen Köstlichkeiten wurden eigens vom Spitzenkoch Yotam Ottolenghi kreiert und werden auf der Leinwand gebührend zelebriert. „Liebe ist die wichtigste Zutat“ heißt der Zusatz im Filmtitel, doch genau das wird dem Film ein Stück weit zum Verhängnis.

Die Liebe zur Stadt, zu den Leckereien und zum Filmemachen reicht nicht, um darüber hinwegzusehen, dass es den Charakteren an Tiefe fehlt. So ist von der Trauer des Verlustes seitens der Sarah nahegestandenen Protagonisten kaum etwas zu spüren. Über Sarah selbst erfährt man nichts. Rückblenden gibt es keine. Zudem vermag die zentrale Lovestory nicht genug Zauber zu versprühen. Der Story fehlt es an überraschenden Wendungen oder Einfällen. „Love Sarah“ ist unzweifelhaft ein schöner, leichter, ansehnlicher Film. Für ein Debütfilm reicht das allemal – und vielleicht ist es auch genau das Richtige für diese Zeit. So herrlich und schmackhaft wie eine Schokotorte. /mag

Kinostart: 10. September 2020

 


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, September 2020. Das Magazin ist seit dem 29. August 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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