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Hau- und Stossfechten: Sport wie vor 200 Jahren

In Billstedt wird Hau- und Stossfechten nach einem Fechtbuch von 1838 unterrichtet. Eine absolute Nischensportart stellt sich vor

Text: Andrea Marunde

Der Regen, der am Abend auf das Dach tröpfelt, ist gut zu hören. Es ist leise in der Sporthalle der Grundschule Archenholzstraße in Billstedt. Konzentriert. Trainer Stefan Panek erklärt die einzelnen Grundtechniken, da werden Handgelenke bis zum Anschlag gedreht. Rechts, links, einen Fuß nach vorne setzen, in die Knie gehen. „Achtung, Stellung!“, ist das einzige, was immer wieder zu hören ist. Und ein wenig Stöhnen, wenn die Schultern endlich wieder zur Entspannung fallen gelassen werden dürfen.

Ein Schüler beschreibt seinen Zustand: „Der Schmerz wandert erst langsam in den Oberarm, dann in den Unterarm.“ Hier wird historisches Hau- und Stoßfechten unterrichtet, beim Verein ANNO 1838 – Hau = Stoßfechten e.V.. Theorie und Praxis liegen hier ganz nah beieinander. Denn gelehrt wird nach einem Fechtbuch von Franz Conrad Christmann, Professor der Fechtkunst, verfasst 1838 in Offenbach. Die Vorstellung vom Fluch der Karibik oder den drei Musketieren kann man da allerdings gleich vergessen. Da wird nicht über Tische, Stühle oder Schiffsplanken gefochten, martialisches Gebaren ist auch nicht angesagt.

„Natürlich sind wir eine absolute Nischensportart“

„Mit dem olympischen Sportfechten hat das auch nichts zu tun“, sagt Marcus Hampel, „hier wird ausschließlich Breitensport betrieben. Der Spaß ist, anhand eines Dokuments herauszulesen, wie man sich vor 200 Jahren in dem Bereich bewegt hat.“ Wichtig ist auch zu erwähnen: „Der Autor betont in dem Buch, dass Fechten auch für die Freizeit betrieben wird.“ Im Original heißt es: Körperertüchtigung wird klar von der Selbstverteidigung abgesetzt. „Natürlich sind wir eine absolute Nischensportart“, beschreibt der 46-Jährige seine Sorgen, was die Mitgliederanzahl angeht. 

„Mit dem olympischen Sportfechten hat das nichts zu tun, hier wird ausschließlich Breitensport betrieben.“

Marcus Hampel

Der Verein wurde 2014 gegründet und hat momentan 25 Mitglieder. Deswegen hat er sich an den Hamburger Sportbund gewendet. „Ich habe gelesen, dass der HSB eine Vereinsberatung zu verschiedenen Themen anbietet. Auch zum Thema Mitgliedergewinnung.“ Dabei ging es dem Verein aber nicht um Gelder. „Die Gruppen sind einfach viel zu klein, um allen Leistungsansprüchen gerecht zu werden“, beschreibt Hampel die Misere. „Die Gruppendynamik beginnt mit 5 Leuten, bei 7 geht den Trainern das Herz auf. Da kann man schon ganz anders trainieren.“ Von zweistelligen Gruppengrößen spricht man hier erst gar nicht.

Vereinsberatung beim HSB

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„Der Schmerz wandert erst langsam in den Oberarm, dann in den Unterarm“, denn das Säbel wiegt ganze 800 Gramm (Foto: Johannes Trostdorf)

„Die Beratung war da sehr hilfreich. Nach einer Bestandsaufnahme mit der Vereinsberaterin haben wir die Ratschläge des HSB selbst in die Hand genommen: Wir haben beispielsweise unsere Mitglieder befragt, was ihnen an der Sportart gefällt und wie sie uns gefunden haben, das werden wir noch auswerten.“ Die Homepage wurde aktualisiert und andere Kanäle zur Informationsverbreitung genutzt. Ein virtueller Gästeabend findet regelmäßig statt. „Vielleicht gehen wir auch mal bei älteren Sportfechtern wildern, die keine Lust mehr haben, Wettkämpfe zu bestreiten, ihre Kenntnisse hier bei uns einbringen und auch bereit sind, Neues zu lernen.“ Was dann noch in der Zukunft passiert – man wird sehen. Hampel selbst ist ganz zufällig an das historische Hau- und Stoßfechten gekommen. „Ein Kollege, damals in Mönchengladbach machte Säbelfechten. Im Lager, wo wir gerade arbeiteten, hat er mir einen Besenstil in die Hand gedrückt und wir haben gefochten.“

Auch bei Trainer Stefan Panek (26) war es eher eine zufällige Geschichte: „Auf dem Weg zur Uni habe ich einen ehemaligen Klassenkameraden getroffen, der Säbelfechten machte. Ich bin ein Fantasy-Fan, aber Sportfechten sah mir zu gekünstelt aus. Da bin ich dann mit zum Säbelfechten gegangen, dabeigeblieben und mache nun meine Übungsleiter-C-Ausbildung.

Angebote für Anfänger:innen

Nun hat ja nicht jeder einen Freund, der zum Säbelfechten geht und das schmackhaft macht. Dabei gehört, neben der Lust, eigentlich gar nicht viel dazu. “Wer zum Probetraining kommen möchte, bringt Sportbekleidung und Hallenschuhe mit“, sagt Panek. „Die restliche Ausrüstung für den Anfang, sprich: den Säbel und den Gürtel, stellen wir zur Verfügung“. Für Neueinsteiger:innen und erfahrene Fechter:innen wird ein Wochenende angeboten, an dem man von den Grundlagen bis zu den Umgangsformen das Säbelfechten kennenlernt.

Es gibt aber auch einen vierwöchigen Einsteigerkurs. Danach ist es grundlegend möglich, die Stellung, Paraden und acht Haupthiebe draufzuhaben und sich in einem freien Kampf zu behaupten. Der nächste Kurs startet am 5. September 2022. Keine Angst. Das Fechtbuch, mit rund 95 Paragraphen, bestehend aus Lektionen, Beschreibungen und Übungen ist keine Pflichtlektüre, sondern es soll eine Hilfestellung sein, aber: „Wir ermutigen die Mitglieder reinzugucken“, sagt Panek. „Ich selbst habe den Christmann aber auch noch nicht durch.“ Der Fechtprofessor wird`s verkraften. 


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Verlosung: Stella Sommer in der Elphi

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Mit der Haspa Musik Stiftung in die Elbphilharmonie: Wir verlosen 2×2 Tickets für das Konzert von Stella Sommer im Kleinen Saal am Donnerstag, 2. Juni 2022 um 20.30 Uhr

Foto: Gloria de Oliveira

Das Nachwuchsformat „Made in Hamburg“ in der Elbphilharmonie zeigt, was in Hamburg musikalisch alles los ist. Auf der Bühne des großen Konzerthauses stehen experimentierfreudige Künstler:innen, die sonst vor allem in Clubs, Kneipen, Off-Locations und Proberäumen am Sound der Zukunft feilen. Am 2. Juni 2022 erwartet die Besucher:innen das Konzert von Stella Sommer. 

Orchestraler Pop

Vor über zehn Jahren gründete die norddeutsche Musikerin ihre Band „Die Heiterkeit“, mit der sie seither mehrere erfolgreiche Alben veröffentlichte. Stets in wechselnder Besetzung erregt die Gruppe mit ihren emotionalen und intimen Songs inzwischen sogar internationale Aufmerksamkeit.

Am 2. Juni steht Stella Sommer mit ihren ihren Songs irgendwo zwischen Folk, Chanson und orchestralen Pop auf der Bühne des Kleinen Saals in der Elbphilharmonie.

Die Haspa Musik Stiftung unterstützt den Hamburger Musiknachwuchs und ist darum auch Partner der Konzertreihe „Made in Hamburg“.

Haspa Musik Stiftung | Mehr Infos


Wir verlosen 2×2 Tickets für das Konzert von Stella Sommer am 2. Juni 2022 in der Elphi!

Wie ihr mitmachen könnt? Na so:

Bitte gebt für die Teilnahme euren vollständigen Namen an.

Straßenfeste im Sommer

Party auf Parkplätzen und Flohmarkt auf der Fahrbahn: Diesen Sommer sind sie endlich wieder da, die geliebten Straßenfeste in Hamburg! In den verschiedensten Stadtteilen gibt es dann wieder Kunst, Konzerte und Kultur direkt vor der Haustür. Aber auch Nachbarschaftsinitiativen stellen sich vor und alte Schätze wechseln die Besitzer:innen. Hier kommen 10 Straßen- und Stadtteilfeste, die sich lohnen

Text: SZENE Redaktion

48 h Wilhelmsburg

Unter dem Motto #geradejetzt gibt es wieder Musik von den Elbinseln: Seit 12 Jahren wird bei 48 h Wilhelmsburg Musik und Kultur aus der Nachbarschaft gefeiert. Auch die Veddel ist mit am Start.

Orte des Alltags werden zur Bühne und überall auf den Elbinseln gibt es verschiedenste Konzerte und Partys. Das gesamte Programm findet sich unter 48h.mvde.de.

10. bis 12. Juni 2022

Buntes Treiben auf dem Energiebunker Wilhelmsburg

Eppendorfer Landstraßenfest

Das Eppendorfer Landstraßenfest zwischen Schrammsweg und Eppendorfer Baum hat Tradition: Hier gibt es einmal im Jahr einen besonders langen Flohmarkt, viele Konzerte auf mehreren großen Bühnen und jede Menge Angebote für Kids.

In diesem Jahr gibt es Livemusik zum Beispiel von dem Terri Green Project. Auch startet das Straßenfest erstmals mit der „Grünen Gabel“, ein Pilotprojekt für mehr Nachhaltigkeit bei den Food-Ständen.

11. und 12. Juni 2022

Eppendorfer Landstraßenfest
Flohmarkt auf der Eppendorfer Landstraße (Foto: Thomas Panzau)

Altonale Straßenfest

Die Altonale, das Festival der kulturellen Vielfalt, ist eines der größten norddeutschen Kulturfeste. Vom Platz der Republik aus erstreckt sich über zwei Wochen das vielfältige Programm in alle Richtungen.

Am ersten Wochenende findet der beliebte altonale Flohmarkt statt. Im Anschluss an die altonale folgt das STAMP-Festival der Straßenkünste. Vom 1. bis 3. Juli gibt es außerdem den altonale Kunstmarkt auf der Christianswiese, Musik in der Ottenser Hauptstraße und auf dem Spritzenplatz. Das komplette Programm findet sich unter altonale.de.

17. Juni bis 3. Juli 2022

Straßenfest Altonale
Straßenfest der Altonale (Foto: Thomas Panzau)

Münzviertel Straßenfest

Das unkommerzielle Straßenfest gilt als der jährliche Höhepunkt im Münzviertel. In der Repsoldstraße, Rosenallee und am Münzplatz gibt es alternative Konzerte, Flohmarkt und Kinderprogramm. Aber auch die verschiedenen sozialen Einrichtungen stellen sich vor, denn das gesamte Fest lebt von einer sozialen, kritischen und inklusiven Perspektive.

Auf der Bühne stehen unter anderem die Rapfugees, ein zwölfköpfiges HipHop-Kollektiv. Kulinarisch lohnen sich hier die Pizza aus dem Lehmofen und die Cocktails aus dem Münzgarten.

9. Juli 2022

Die Straße wird zur Sonnenterasse (Foto: Viertelzimmer Münzviertel via Facebook)

Bernstorffstraßenfest

Ende Mai kam endlich die Nachricht: Es wird ein Bernstorffstraßenfest 2022 geben! Der genaue Termin steht allerdings noch nicht fest. Wie gewohnt soll es auf dem Nachbarschaftsfest wieder leckere Drinks und Snacks, Livemusik und einen Anwohner:innen-Flohmarkt geben.

Während morgens gestöbert wird, legen gen Abend verschiedene DJs auf und laden zum Tanzen auf der Straße ein, auf die diesjährigen Konzerte darf man wieder mal gespannt sein.

Auch das Bernstorffstraßenfest wird von ehrenamtlichen Helfern und Anwohnenden auf die Beine gestellt.

Termin folgt

Abendliches Konzert in der Bernstorffstraße 2019

Christopher Street Day

Beim Christopher Street Day in Hamburg demonstriert und feiert die queere Community. Zurück geht der CSD auf die Stonewall Riots von 1969 in New York.

In Hamburg wird als krönender Abschluss der Pride Week wieder ein großes Straßenfest mit Parade, Partys und Konzerten auf dem Jungfernstieg und dem Ballindamm veranstaltet. Auch rund um die Alster wird gefeiert, getrunken und gesnackt, alles unter dem Motto: „Auf die Straße! Vielfalt statt Gewalt“.

6. bis 8. August 2022

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Die CSD-Parade kommt am Jungfernstieg an (Foto: Martin Stiewe)

Veganes Straßenfest

Massenhaft vegane Leckereien gibt es in diesem Sommer auf dem Spielbudenplatz. Beim Veganen Straßenfest gibt es verschiedenste Verkaufs- und Gastronomiestände sowie ein vielfältiges Programm mit Musik und Vorträgen.

Das Straßenfest soll außerdem über Kampagnen und Projekte der Tierrechtsbewegung informieren. Bei einer großen Tombola können außerdem kulinarische Gewinne ergattert werden. Der Verein Animal Rights Watch stellt das Festival übrigens mit einem ehrenamtlichen Team ohne große Sponsoren auf die Beine.

30. Juli 2022

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Viele Stände auf dem Spielbudenplatz

Osterstraßenfest

Eine bunte Fress- und Festmeile zieht sich auch wieder durch Eimsbüttel: Das Osterstraßenfest findet eigentlich traditionell im Mai statt, in diesem Jahr wird das Straßenfest als Sommerparty gefeiert.

Aufgrund von Corona wurden aktuelle Informationen noch nicht veröffentlicht, es ist aber damit zu rechnen, dass es wieder einen bunten Mix aus Bier und Genuss, Newcomer-Konzerten und Flohmarkt gibt. Für gewöhnlich ist dann wieder die gesamte Nachbarschaft auf den Beinen und feiert ihren schönen Stadtteil.

Voraussichtlich 27. bis 28. August 2022

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Stöbern und Staunen beim Osterstraßenfest (Foto: Nikola Duda via Unsplash)

Stadtfest Winterhude

Zwei Tage lang werden der Mühlenkamp und die Gertigstraße im September wieder zu einer bunten Spielweise für Kultur, Gastro und Unterhaltung. Doch damit nicht genug: Verlängert wird das Fest durch einen großen Flohmarkt in der Schinkel- und Preystraße.

Nebenan findet außerdem das Schinkelplatzfest für Kids und Familien statt. Der Ausflug nach Winterhude lohnt sich innerhalb der zwei Tage aber sowieso, denn unter anderem das Goldbekhaus plant weitere Veranstaltungen im Viertel.

3. und 4. September 2022

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Winterhude wird zum Unterhaltungs-Hotspot

Hafengeburtstag

Einlaufparade, Feuerwerk, Live-Musik und jede menge wilde Partys: Um die 300 Schiffe und rund 1,5 Millionen Menschen zieht es jedes Jahr zum Hafengeburtstag. Neben dem kommerziellen Abschnitt um die Landungsbrücken gibt es auch in der Hafenstraße beim Alternativen Hafengeburtstag viel zu entdecken.

Die gesamte Hafenmeile reicht von der Hafencity bis zum Museumshafen Övelgönne. Das Programm ist bisher noch nicht bekanntgegeben worden. Alle Infos gibt es unter hamburg.de.

16. und 18. September 2022

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833. Hamburger Hafengeburtstag im September 2022 (Foto: pixabay)

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Ab an die Platte: Tischtennis spielen in Hamburg

Was haben Forrest Gump, der eine Typ früher im Sportunterricht und Timo Boll gemeinsam? Sie sind verdammt gut an der Platte. Tischtennis erfreut sich auch als Hobby großer Beliebtheit, hier wirst auch du zum Fan

Text: Felix Willeke

Über 400 Tischtennisplatten gibt es alleine im Raum Hamburg. Damit sind aber nicht die klappbaren Hobby-Platten in Nachbars Garten gemeint, sondern öffentliche Tischtennisplatten. Vier im Hammer Park, fünf im Stadtpark, drei im Fischers Park in Altona und nochmal vier im Schanzenpark: Überall stehen die Platten.

Meist aus Beton, mit einem „Netz“ aus Metall laden sie jeden ein, sie zu benutzen. Es braucht nur zwei Schläger, ein bis zwei Bälle und los geht’s. Wie die Platten zu finden sind? Ganz einfach: pingpongmap.net stellt eine OpenSource-Karte bereit auf der alle Tischtennisplatten eingetragen sind. Wer eine noch unentdeckte findet, kann sie easy hinzufügen. Jetzt wo der Sommer langsam da ist, steht dem Sport an der frischen Luft nichts mehr im Wege. Egal ob zu zweit, zu viert oder „Runde“: geht Tischtennis spielen!

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Es gibt in Hamburg über 400 öffentliche Tischtennisplatten (Foto: unsplash/Bady Abbas)


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Hamburg Umland: Echt schön

Wer heute in die Pfingstferien startet, entdeckt sie jetzt schon: Die schönsten Ziele im Hamburger Umland. Für alle anderen gibt es das 9-Euro-Ticket. Mit diesem kann man von 1. Juni bis 31. August 2022 in ganz Deutschland Regionalbahn und Nahverkehr nutzen, so viel man will. Also auf geht’s ins Hamburger Umland. Wir zeigen die zehn schönsten Ziele, die in zwei Stunden vom Hamburger Hauptbahnhof erreichbar sind

Text: Felix Willeke

Lüneburger Heide: Landschaft mit Schaf

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Die Heidschnucken sind typisch für die Lüneburger Heide (Foto: www.lueneburger-heide.de)

Die Lüneburger Heide kennen vermutlich die meisten, doch ihre Größe überblicken nur die wenigsten. Über 200 Quadratkilometer ist die Naturlandschaft groß und erstreckt sich dabei vom Hamburger Süden bis nach Celle. Wer sie komplett und möglichst naturnah erleben möchte, für den eignet sich der Heidschnuckenweg. Der Wanderweg erstreckt sich über 13 Etappen und 223 Kilometer von Hamburg bis nach Celle. Für diejenigen, die nur einzelnen Abschnitte laufen wollen empfehlen sich die ersten beiden Etappen über insgesamt 41 Kilometer. Mit Start in der Fischbeker Heide (S-Bahn bis Neugraben) geht es über Buchholz in der Nordheide bis nach Handeloh – hier empfiehlt sich eine Rast im „Der Schafstall“ im Büsenbachtal, nur eine Bahnstation vor Handeloh. 

Hin mit der S-Bahn und weg mit der Regionalbahn, Fahrtzeit ab Hauptbahnhof nach Neugraben rund 30 Minuten und zurück von Handeloh rund eine Stunde

Lüneburg: Auf Salz gebaut

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Hier riecht es förmlich noch nach Hanse, am Stint in Lüneburg (Foto: Lüneburg Marketing GmbH)

Es war einmal ein Jäger, der erschoss eine Wildsau, in ihrem Fell entdeckte er Salzkristalle und so begann die Geschichte. Welche Geschichte? Die Geschichte der Stadt Lüneburg als Salzstadt in Norddeutschland. Das „weiße Gold“ verschaffte der Stadt Reichtum und durch die Mitgliedschaft in der Hanse profitierte sie umso mehr. Diesem Umstand verdankt Lüneburg auch seine Altstadt. Die Häuser rund um „Am Sande“ und das Rathaus zeugen von der ruhmreichen Zeit in der Hanse. Besonders vom naheliegenden Kalkberg lässt sich die Altstadt gut überblicken. Auch sonst gibt es in Lüneburg – angetrieben von einer lebhaften Studierendenszene – einiges zu sehen. Sei es per Kanu oder Kayak von der Ilmenau aus, zu Fuß auf den Spuren der Geschichte und bekannter Fernsehserien oder mit dem Rad auf dem Weg zum Schiffshebewerk Lüneburg-Scharnebeck.

Hin und weg mit der Regionalbahn, Fahrtzeit ab Hauptbahnhof nach Lüneburg rund 40 Minuten

Lübeck: Die echte Hanse

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Der Malerwinkel: Einer der schönsten Orte in Lübeck (Foto: LTM/Olaf Malzahn)

Was hat die kleine Stadt an der Trave dem großen Nachbarn Hamburg voraus? Eine richtige Altstadt. Wurde Hamburg im Zweiten Weltkrieg großflächig zerstört und nur zum Teil wieder aufgebaut – ja, der Große Brand spielt hier auch eine Rolle –, sieht es in Lübeck noch aus wie im 13. und 14. Jahrhundert, zur Blütezeit der Hanse. Lübeck war damals als Hauptort der Hanse die wichtigste Handelsstadt in Nordeuropa. Die übrig gebliebenen Gebäude kann man auf der kleinen Insel in der Trave bis heute bewundern. Dazu gibt es bestes Marzipan und eine Brise Meeresluft von der Ostsee. 

Hin und weg mit der Regionalbahn, Fahrtzeit ab Hauptbahnhof nach Lübeck rund 45 Minuten

Das Alte Land: Der Apfel ruft

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Im Alten Land stehen noch viele traditionelle Höfe, die modernen Obstanbau betreiben (Foto: Andreas Garbrecht)

Im Frühjahr blüht es von Buxtehude bis Stade und im Herbst wird geerntet. Dazwischen lässt sich der Sommer im Alten Land genießen. Die weiten Apfelbaumreihen reichen hier bis zum Horizont. Dazwischen immer wieder kleine Höfe, die zum Einkehren und Übernachten einladen. Dazu gibt es das Ganze direkt vor der Haustür Hamburgs. Zwischen Buxtehude und Stade ist es fast egal, wo man aussteigt, oft sind es nur wenige Meter bis zu den ersten Apfelbäumen. Und wer ein bisschen mehr Zeit mitbringt, schwingt sich aufs Rad. Es gibt kaum eine bessere Variante, als das Alte Land auf zwei Rädern zu erfahren. So sind es vom S-Bahnhof Neukloster nur knappe 30 Minuten bis nach Jork, der heimlichen kleinen Hauptstadt des Alten Landes.

Hin und weg mit der S-Bahn, Fahrtzeit ab Hauptbahnhof nach Neukloster rund 45 Minuten

Bremen: gemütlich

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In Bremen gibt es viele schön kühle Gassen zu entdecken (Foto: Ingrid Krause/BTZ Bremer Touristik-Zentrale)

Warum Bremen? Ganz einfach: Weil es sich lohnt! Bremen ist zwar das kleinste Bundesland und wird häufig übersehen, allerdings völlig zu Unrecht. Von Hamburg aus eignet sich die Stadt an der Weser perfekt für einen Tagesausflug. Vom Bahnhof geht es durch die Parkanlagen am Wall schnurstracks an die Weserpromenade. Wer diesen Weg zwischen dem 13. und 17. Juli 2022 wählt, landet direkt im Trubel, denn dann ist Breminale, das fünftägige Open-Air-Kulturfestival am Osterdeich. Eben diesen Osterdeich geht es jetzt gen Süden. Nur ein paar hundert Meter flussaufwärts an der Weser entlang und man erreicht „Das Viertel“, Bremens wohl schönstes und ursprünglichstes Quartier. Hier lässt es sich bestens beim Kaffee entspannen oder durch die kühlen Gassen schlendern und wer dann noch einen Absacker braucht, lässt sich im „Wohnzimmer“ direkt um die Ecke in eines der gemütlichen Sofas fallen. 

Hin und weg mit der Regionalbahn, Fahrtzeit ab Hauptbahnhof nach Bremen rund 70 Minuten

Kiel: Die Unterschätzte

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Die Füße im Sand am Falckensteiner Strand in Kiel (Foto: Marketing/Jens Koenig)

Kiel, das ist Waschbeton und einmal im Jahr die Kieler Woche. Damit wären die Klischees abgehakt, kommen wir zur Wahrheit: Kiel ist eine Großstadt direkt am Meer und wirklich schön. Selbstverständlich ist die Kieler Woche (18. bis 26. Juni 2022) ein großes Highlight im Jahr, doch auch sonst gibt es viel zu erleben und zu sehen. Sei es ein Konzert in der Freilichtbühne Krusenkoppel oder die Fahrt mit der Hafenfähre an die Strände von Laboe und Friedrichsort – die Fährfahrt ist im 9-Euro-Ticket enthalten. Besonders empfehlenswert ist ein Spaziergang an der östlichen Fördeseite. Mit der Fähre geht es nach Mönkeberg, die Sonne im Gesicht und das Wasser im Blick führt der Weg bis nach Laboe. Auf den knapp zehn Kilometern lässt es sich auch bestens einkehren, wie im Strandrestaurant „Kiek ut“ und zum Schluss gibt es bei der Mobilen Fischräucherei in Laboe die wohl besten Fischbrötchen der Region. Aber Vorsicht, den Möwen schmecken sie auch! 

Hin und weg mit der Regionalbahn, Fahrtzeit ab Hauptbahnhof nach Kiel rund 75 Minuten

Brodtner Ufer: Meer sehen

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Vom Brodtner Ufer schaut man in die Weite der Lübecker Bucht (Foto: Felix Willeke) 

Lübeck-Travemünde und Timmendorfer Strand kennen vermutlich viele. Zwei Orte an der Ostsee, die in der Sommerzeit von Touristen überlaufen sind. Dazwischen liegt jedoch eine echte Ruheoase: das Brodtner Ufer. Natürlich sind hier, besonders am Wochenende, auch viele Menschen unterwegs. Wer aber die Steilküste erst mal erklommen hat, wird vom Blick entschädigt. Vor einem liegt die weiter der Lübecker Bucht. Bei gutem Wetter kann man problemlos Grömitz und den Hansa-Park im Westen und das Schlossgut Gross Schwansee im Osten sehen. Mit ein bisschen Glück lässt sich sogar die Fehmarnsundbrücke erahnen. Wer vom Bahnhof Timmendorf Strand startet, läuft bis zur Haltestelle in Travemünde Strand rund zwölf Kilometer. Auf der gesamten Strecke laden Cafés und Buden zur Pause ein. 

Hin und weg mit der Regionalbahn über Lübeck, Fahrtzeit ab Hauptbahnhof rund 80 Minuten

Schwerin: Geschichte und Gegenwart

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Der Schweriner Schlossgarten ist eine wahre Oase (Foto: Volker Koehn/erlebnis-mv.de)

Die zweitgrößte Stadt in Mecklenburg-Vorpommern ist zugleich die Landeshauptstadt. In Schwerin sitzt der Landtag nämlich nicht irgendwo, sondern im „Neuschwanstein des Nordens“, dem Schweriner Schloss. Das Gebäude aus dem 16. Jahrhundert – in der heutigen Form existiert es seit 1857 und nach dem Zweiten Weltkrieg wurde es umfassend restauriert – ist das wohl bekannteste in Schwerin. Im Sommer finden hier direkt am See die Schlossfestspiele statt und nicht weit entfernt gibt es auf der Freilichtbühne im Schlossgarten Jahr für Jahr große Konzerte. Auch darüber hinaus zeigt Schwerin sich im Sommer von der besten Seite. Von Wasser umgeben lässt es sich herrlich durch Gassen schlendern und das Residenzensemble Schwerin bewundern, dass sich um den Status als UNESCO-Welterbe bewirbt. 

Hin und weg mit der Regionalbahn, Fahrtzeit ab Hauptbahnhof nach Schwerin rund 90 Minuten

Plöner See: Ein bisschen Kanada

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Fast wie in Kanada: der Plöner See (Foto: unsplash/Lisa Fecker)

Wasser kann der Norden und mit dem Schweriner See, Ratzeburger See oder Lütjensee gibt es auch im Inland viel kühles Nass. Aber wohl nirgendwo ist es so schön wie am Plöner See. Der sechstgrößte See Deutschlands liegt in der Mitte der Holsteinischen Schweiz und umgeben von Hügelland und Wald wird diese Region auch von einigen Klein-Kanada genannt. Das mag vielleicht ein wenig zu hoch gegriffen sein, doch hat der Plöner See für jeden etwas zu bieten: Vom Paddeln, über Angeln, Segeln, Schwimmen und Tauchen ist hier fast alles möglich. Außerdem ist Plön einer der Spielstätten des Schleswig-Holstein Musik Festival. Wen es hingegen mehr in die Natur zieht, für den sind die Campingplätze rund um den See ein ideales Ziel. Oft kann man hier auch Boote mieten und damit auf Erkundungstour gehen. Wer sich dann in der Mitte des Sees in Richtung eines Waldstücks dreht und die Augen schließt hört nur das Wasser, den Wind und fühlt sich vielleicht sogar ein bisschen wie in Kanada. 

Hin und weg mit der Regionalbahn über Lübeck, Fahrtzeit ab Hauptbahnhof nach Plön rund 100 Minuten

Cuxhaven und Neuwerk: Watt? Nordsee!

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Ein einzigartiges Erlebnis: eine Wattwanderung zwischen Cuxhaven und Neuwerk (Foto: Mediaserver Hamburg/Ingo Boelter)

Auch wenn das kleine Cuxhaven ein eher industriell geprägter Ort ist, kann man hier bestens verweilen. Vom Bahnhof gelangt man direkt zum Hafen, von wo aus die Fähren unter anderem nach Helgoland ablegen. Nur ein paar Kilometer weiter steht die Kugelbarke. Sie markiert die Mündung der Elbe in die Nordsee und ist zugleich der Beginn des kilometerlangen Sandstrandes der Stadt. Über fast fünf Kilometer gibt es hier Sand, Strandkörbe und vor allem Watt. Cuxhaven ist einer der Orte, an dem die Gezeiten am besten zu beobachten sind. Wenn das Meer sich einmal am Tag zurückzieht, legt es eine riesige Fläche Watt frei. Für die Sportlichen ist dies die Gelegenheit eine richtig lange Wattwanderung zu machen. In drei bis dreieinhalb Stunden erreicht man von hier aus die Nordseeinsel Neuwerk, die zu Hamburg gehört – zurück geht es dann nur noch mit der Fähre. Bei dieser Wanderung empfiehlt es sich allerdings, sie geführt zu machen und auf die Erfahrung eines Guides zu vertrauen, denn das Meer kommt manchmal schnell als man denkt

Hin und weg mit der Regionalbahn, Fahrtzeit ab Hauptbahnhof nach Cuxhaven rund 1:45 Stunden

Sylt: Für die mit mehr Zeit (und Geld)

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Ein Morgen im Sommer in Sylt: Die Ruhe genießen (Foto: unsplash/Michael Kleinjohann)

Welch Panik: Mit dem 9-Euro-Ticket kommen die Billigurlauber nach Sylt und machen die schöne Insel kaputt! So hieß es eine Zeit lang, doch was soll man auf Sylt kaputt machen? Einer Insel, auf der es wegen der hohen Preise kaum noch einheimisches Leben gibt, die mit Sandaufspülungen am Leben gehalten werden muss und bei der man für die Anreise mit der Bahn traditionell fast immer Verspätungen einrechnen muss… Aber trotzdem ist Sylt wunderschön. Sei es das Rote Kliff in der Abendsonne, die Surfer die vor Westerland über die Wellen flitzen oder der Ausblick von der Uwe-Düne an einem Sonnentag, Sylt hat auch außerhalb der teuren Orte wie Kampen oder Keitum echt viel zu bieten. 

Hin und weg mit der Regionalbahn, Fahrtzeit ab Altona nach Sylt rund 3,5 Stunden

Das 9-Euro-Ticket

Das 9-Euro-Ticket ist ab dem 23. Mai 2022 in ganz Deutschland erhältlich. Für neun Euro pro Monat kann man damit vom 1. Juni bis 31. August 2022 den gesamten Nahverkehr sowie die Regionalbahnen nutzen. Ausgenommen sind Fernzüge und einige Privatbahnen. Erhältlich ist das 9-Euro-Ticket an allen Automaten und in der HVV-App. Menschen, die eine Monatskarte oder ein Semesterticket haben, brauchen sich jedoch nicht um das Ticket bemühen. So gelten beispielsweise Semestertickets automatisch als 9-Euro-Ticket und kosten in diesem Zeitraum auch nur 9 Euro pro Monat – der Differenzbetrag soll später erstattet werden. Damit steht einem Sommer im Hamburger Umland nichts mehr im Wege (außer Verspätungen natürlich).


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Off the Radar: „Hurra, wir leben noch“

Mit drei Tagesveranstaltungen nahe Bordesholm trotzte der Hamburger Kulturund Musikverein OFF THE RADAR noch im letzten Jahr der Pandemie. Crew-Mitglied Tante Kerosine erzählt, warum das Festival den schleswig-holsteinischen Hof Ovendorf nun verlässt, was Ende Mai auf der Stubnitz geplant ist und mit welchen Alternativen sich der Verein für die Zukunft aufstellt

Interview: Ole Masch

SZENE HAMBURG: Tante Kerosine, warum gibt es in diesem Jahr kein OFF THE RADAR-Festival in Negenharrie?

Tante Kerosine: Sehr kurz gesagt: Weil wir mit unseren früheren Geschäftspartner:innen an Grenzen gestoßen sind, die für uns rote Linien darstellten. Und umgekehrt. Die Pandemie hat uns als Privatpersonen und Verein extrem viel abverlangt. Wir sind der Meinung, dass das Einhalten der Hygienerichtlinien inklusive Masken, Testungen, Abstand in Kombination mit Impfungen der langfristig sichere Weg aus der ganzen Geschichte sind. Dazu stehen wir nach wie vor.

Ihr habt viel Arbeit in den Hof Ovendorf gesteckt. Was passiert jetzt mit dem Gelände?

Ehrlich gesagt: Das ist uns jetzt egal. Wir haben lange gekämpft und hätten viel gegeben, um weiter in Ovendorf sein zu können. Wir haben den Ort geliebt – nur annähernd ließ sich im Sommer 2019, als wir zuletzt da „richtig“ veranstaltet haben, erahnen, in was der Hof noch alles zu verwandeln gewesen wäre. Unsere Crew hat dort Geburtstage gefeiert und ein Paar sogar geheiratet – wir verbinden Ovendorf mit krassen, schönen, herzzerreißenden und heftigen Erinnerungen. Wir wollen nicht mehr aufrechnen, wie viel Arbeit wir da reingesteckt haben – so heranzugehen macht auf Dauer die Psyche komplett kaputt. Schwamm drüber, weiter geht’s.

„Die derzeitige Entwicklung mit Jupibar und Stubnitz ist natürlich höchst erfreulich!“

Tante Kerosine, Crew-Mitglied bei OFF THE RADAR

„Wir haben gerade krass viel neuen Schwung“

Wie geht es euch insgesamt nach zwei Jahren Pandemie?

Die Stimmung schwankt zwischen „Hurra, wir leben noch!“ und „Woah, jetzt reißen wir so richtig alles ab“. Um zu sagen, wie es uns jetzt geht, müsste man vielleicht einmal kurz sagen, wie es unmittelbar vor der Pandemie war: Wir waren 2020 ausverkauft und, so dachten wir zumindest, aus dem Gröbsten raus. Unsere angespannte finanzielle Situation dürfte über Jahre über die Stadtgrenzen hinaus bekannt und belächelt worden sein. Aber dann kamen die Absage, unsere Startnextkampagne und 2021 unsere Entscheidung für drei Eintagesfestivals anstelle von einem großen. Das war natürlich keine rein freiwillige Entscheidung: Wir wollten unbedingt veranstalten und zum Genehmigungszeitpunkt war das die einzige Option.

Die letzten beiden Jahre haben schon extrem an unserer Substanz gezehrt. Andererseits haben wir gerade wieder krass viel neuen Schwung: Wir beschäftigen uns viel mit uns selbst, Awareness und wie wir miteinander sein und arbeiten wollen. Seit März machen wir monatlich einen Barabend in der Jupibar. Und schließlich wird es wohl doch noch so sein, dass wir zumindest ein kleineres Festival Ende des Sommers veranstalten werden.

Hamburg ist subkulturell ein eher abgegraster Landstrich

Ihr konntet eine alternative Fläche finden?

Ja, wie es derzeit aussieht, haben wir eine Fläche gefunden, die wir vielleicht auch für die nächsten Jahre bespielen können. Momentan arbeiten wir daran, dass wir schon Anfang September eine kleine OFF THE RADAR-Ausgabe in Bremen feiern können. Dazu wird es in den kommenden Tagen und Wochen immer mehr Infos geben, versprochen! Lange haben wir einfach nach einem 1:1 gleichen Gelände gesucht: ein Hof, mehr oder weniger im Speckgürtel von Hamburg. Ein Ort, an dem wir uns austoben und vielleicht auch bleibende Sachen schaffen können. Beziehungsweise da auch mal für eine Weile abtauchen können. Die Fläche, die wir jetzt in Aussicht haben, ist eine alte Industriebrache in Bremen – voraussichtlich fallen da einige Dinge weg, die wir früher immer hatten. Aber bisher fühlt sich alles dennoch sehr gut und sehr nachhaltig an. Wir haben Bock!

Gibt es in Hamburg keine geeigneten Flächen?

Es ist ja kein Geheimnis, dass Hamburg ein unsere Größe betreffend, sagen wir, subkulturell eher abgegraster Landstrich ist: Immer gibt es Nachbar:innen, die etwas gegen Lärm haben könnten, Lizenzen oder Genehmigungen, die entzogen werden könnten. Es gäbe Gelände, die sich eignen würden, so ist es ja nicht. Aber da braucht es dann auch immer den Mut und Willen von Anwohnenden, Behörden und anderen Mitspielenden. Oder das entsprechende „Kleingeld“. Wir haben das ein paar Mal versucht, aber haben immer wieder auf Granit gebissen – ehrlich gesagt, ist uns inzwischen unsere Energie dafür ein bisschen zu kostbar.

Nachtleben Mai 2022 klein credit Karin Kästner-klein
Von Hofdame zur Piratin: Tante Kerosine (Foto: Karin Kästner)

Im Mai: Zwei Tage OFF THE RADAR in Hamburg

Werdet ihr wieder auf der Fusion sein?

Klar, da sind wir auch dieses Jahr wieder: Seien wir ehrlich – eine Tube ohne uns ist eine absurde Vorstellung. Von allem anderen müssten sich geneigte Fusionist:innen selbst überzeugen. Ich sag mal so: In den letzten beiden Jahren haben wir vielleicht ein paar Dinge verlernt, unser Kerngeschäft aber noch lange nicht!

Was ist Ende Mai auf der MS Stubnitz geplant?

Am 27. und 28. Mai 2022 stechen wir vielleicht nicht in See, aber wir gehen dennoch aufs Schiff. Wir sind ja mit der Stubnitz-Crew alles in allem in hervorragender Wahlverwandtschaft und dementsprechend haben wir uns über die Maßen gefreut, als sie uns für den Weekender angefragt haben. An zwei Tagen OFF THE RADAR in Hamburg – mit fast allem, was da bisher auch immer so dazu gehörte: Apfelgarten-Techno, Punxstage-Matinee und Orbit-Schwelgerei, um nur ein paar Sachen zu nennen.

Ravi Kuma, Livez, Liiek, Pogendroblem und viele mehr

Gibt es einen Act, auf den du dich ganz besonders freust?

Ravi Kuma ist sicherlich ein Act, auf den ich mich mit am meisten freue – extrem frische Produktion, live ein Erlebnis der Extraklasse, feministisch, wild. Neulich hab ich das über sie gelesen: „Ein Liebeskind, gezeugt in einem verlassenen Container als Ergebnis einer Dreierbeziehung zwischen Peaches, M.I.A. und Vince Staples.“ Kann ich eigentlich nur genauso unterschreiben. Ansonsten sind Infinite Livez, Liiek und sicherlich Pogendroblem für die eher punkige Schiene zu nennen. Wem Techno lieber ist, sollte sich unter anderem bereit machen für Ey.Rah, Elliver und Sportbrigade Sparwasser – auch wenn ich selbst davon nicht so viel Ahnung habe – aber das halte ich für eine mehr als solide Partymischung. Dazu gesellen sich ein paar OTR-Allstars und noch mehr neue Freund:innen. Wir sind schon ganz aus dem Häuschen!

Gibt es eine Pause zwischen Freitag und Samstag?

Zwischendurch machen wir einmal kurz die Schotten dicht – heißt das so, ich lerne noch das Piratinnenvokabular –, um das Deck zu schrubben und die Gläser zu polieren. Dann geht es aber Samstagnachmittags mit voller Schubkraft wieder los. Es gibt Tickets für beide Tage, aber, na klar, auch für jeden Tag einzeln.

„Wir merken, dass wir sehr vermisst werden“

Wie sieht es mit eurer Fördermitgliedschaft aus?

Ich hatte ja schon gesagt, dass unser klammer Geldbeutel geradezu legendär und über die Stadtgrenzen hinaus bekannt ist. Die Pandemie hat dazu natürlich noch mal einiges extra beigetragen, obwohl wir nicht wie gewohnt veranstalten konnten. Wir haben – wie viele Kolleg:innen auch – über alternative Wege, beziehungsweise letztlich auch eine, na ja, nachhaltigere Finanzierung nachgedacht. Die Fördermitgliedschaften waren zunächst also eine Idee, wie wir die OFF THE RADAR-Ultras, die es zweifellos gibt, enger an uns binden können, ohne andauernd um Kohle zu betteln. Es bedurfte dafür aber erst einmal einer Satzungsänderung, die derzeit dem Notariat vorliegt. Wenn die durch ist, haben wir dazu auch mehr Infos.

Werdet ihr in Zukunft vermehrt auf Partys in Hamburg setzen?

Die derzeitige Entwicklung mit Jupibar und Stubnitz ist natürlich höchst erfreulich! Wir merken schon auch, dass wir sehr vermisst werden. Das ist ein ziemlich schönes Gefühl. Und es ist vor allem auch ein gegenseitiges. Andererseits sind wir keine „One-Trick-Ponys“: Wir lieben und vermissen das Festivalorganisieren und –veranstalten extrem! Wir vermissen es, den Alltag für drei, vier Tage komplett auszuknipsen. Insofern wäre es schön, wenn wir zukünftig auf eine gesunde Mischkalkulation setzen könnten: Hier und da mal paar exquisite Partys in Hamburg und POW POW ein größeres OFF THE RADAR etwas außerhalb.

OFF THE RADAR On Tour, am 27. und 28. Mai 2022 ab 19 Uhr auf der MS Stubnitz


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Hamburger Nachwuchs: Alarmstufe Soul

Mit sieben Gospel im Kirchenchor unter Leitung ihres Vaters. Mit 19 Ausbildung zur Musicaldarstellerin in London. Aktuell Studium an der HipHop Academy Hamburg: Gracelyn Owusu (25) kam früh zur Musik und blieb dabei. Im Sommer erscheint unter ihrem Künstlernamen „GeGe“ die Debüt-EP „Redflag & Cycles“, produziert von Kaspar „Tropf“ Wien, der unter anderem mit Jan Delay arbeitet

Interview: Markus Gölzer

SZENE HAMBURG: Gracelyn, viele R&B und Soul-Sängerinnen von Aretha Franklin bis Beyoncé haben im Kirchenchor angefangen. Ist das ein gutes Training für die Bühne?

Gracelyn Owusu: Wenn man Soul anguckt, ist es ja Teil unserer Geschichte. In der Kirche zu singen, ist nicht nur ein gutes Training, es ist ein Verständnis, das man mitbekommt. Man singt aus dem Herzen. Da geht es nur ums Singen und nicht um Technik oder wie hört sich das an. Es ist eine gute Vorbereitung und eine Erfahrung, was Soul eigentlich heißt. Soul ist mehr ein Gefühl als eine Technik.

Lernt man über dieses Gefühl auch den Kontakt zum Publikum?

Auf jeden Fall. Mit sieben dachte ich natürlich noch nicht darüber nach: Wie empfanden die das? Da wollte ich nur singen. Aber wenn man älter wird, merkt man auch, wie wichtig der Kontakt ist, der Austausch mit dem Publikum. Ein Aspekt, den man mitnimmt, aber nicht bewusst.

Soul: Geformt an der HipHop Academy Hamburg

Dein Vater ist auch Musiker. Wie wichtig war das für deinen Weg als Künstlerin?

Ich habe früh Klavierunterricht bekommen, dann den Chor, ich konnte Musik in vielen Bereichen mitnehmen. Richtig gefördert wurde das, als ich nach England gezogen bin. Ich habe am Westminster College London eine Ausbildung zur Musicaldarstellerin gemacht mit Schwerpunkten wie Gesang, Tanz, Schauspiel und Fitness. An der HipHop Academy Hamburg spezialisiere ich mich mit Musikrecht, Producing, Medienund Präsenztraining, um nur einige Fächer zu nennen. Beide Erfahrungen machen mich zu der Künstlerin, die ich heute bin.

Hast du in London etwas an Hamburg vermisst?

Das klingt banal, aber tatsächlich die Bäckereien und das Brot. Und die Mülleimer. Wenn du eine Verpackung wegwerfen willst, musst da echt ewig lang suchen, bis du einen findest (lacht).

„Es geht um einen Heilungsprozess“

Im Sommer erscheint deine Debüt-EP „Redflag & Cycles“. Warum der Titel?

Es geht um die Redflag, die Warnsignale in Beziehungen. Ich rede über persönliche Beziehungen, über Freundschaft, auch Liebe. Und die Persönlichkeitsanteile an einem, die man noch nicht geheilt hat nach dem Ende von Beziehungen. Und die man dann auf andere Menschen projiziert. Man dreht sich ständig im Kreis aus Problemen, aus dem man dann nicht rauskommt. Es geht um den Aspekt, dass ich erkenne: Hey, da stimmt etwas nicht, weil ich etwas auf andere übertrage, was nur mit mir selbst und meinen Erfahrungen zu tun hat. Es geht um einen Heilungsprozess. Man muss das erkennen, dann kann man wachsen.

Welcher ist dein Lieblingssong?

Mein Lieblingssong ist „Emotional Affair“. Ich arbeite mich da stimmlich anders rein. Der besteht aus Einfachheit. Es gibt auch Chöre, aber hauptsächlich trägt ihn meine Stimme. Das ist das Besondere, weil ich mich da mal so „nackt“ ohne Instrumente zeige.

Jeder soll etwas Persönliches rausziehen

Konnte man dich auch schon live erleben?

Ich hatte 2021 rund 30 Auftritte. Unter anderem eine Hauptrolle mit eigenen Songs in dem Tanz-Theaterstück „No Other Home“ mit Regisseur Ron Zimmering und Deichkind auf Kampnagel. Im Februar habe ich beim Fusion Battle auf Kampnagel performt. Ich freue mich auf viele Gigs, bei denen ich meine EP präsentieren kann. Im Spätsommer ist eine eigene Tour geplant.

Was treibt dich an als Sängerin?

Ich habe eine Message, aber ich möchte, dass jeder etwas Persönliches rauszieht. Ich hoffe, dass ich zu jemand spreche, der das gerade braucht. Wenn mein Song nur für eine Person ein Lichtblick ist, dann habe ich meinen Job als Sängerin getan.

hiphopacademy-hamburg.de


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Charlotte March: Eine Werkschau

Die Hamburger Fotografin Charlotte March publizierte in der Brigitte, im Stern, in der Elle und in der Vogue Italia, jetzt ist eine groß angelegte Werkschau ihrer Arbeiten in der Sammlung Falckenberg zu sehen

Text: Katharina Stertzenbach

Die groß angelegte Werkschau über Charlotte March (1929–2005) ist vom 20. Mai bis zum 4. September 2022 in der Sammlung Falckenberg zu sehen. Die Werkschau zeigt neben den bekannten Aufnahmen der Fotografin insbesondere auch die bisher weniger bekannten Mode- und Werbeaufnahmen. Anlässlich der 8. Triennale der Photographie Hamburg sind insgesamt 300 Werke von Charlotte March ausgestellt. Sie zeigen dabei auch die frühen dokumentarischen Fotografien im Hamburg der 1950er-Jahre und Aufnahmen von ihren Aufenthalten auf der damals vom Massentourismus noch unberührten Insel Ischia porträtieren. Bei vielen der Fotografien immer im Hinterkopf: das 1977 veröffentlichte Buch „Mann, oh Mann – Ein Vorschlag zur Emanzipation des attraktiven Mannes“, das erstmals explizit eine weibliche Sicht auf den männlichen Körper zeigte und nicht nur deswegen breit diskutiert wurde.

Werkschau zu Charlotte March
Sammlung Falckenberg 20. Mai bis 4. September 2022


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Das Polittbüro – eine Legende geht

Nach fast 20 Jahren verabschieden sich Lisa Politt und ihr Partner Gunter Schmidt vom Steindamm – die Nachfolger stehen schon fest

Text: Felix Willeke

Jochen Malmsheimer, Moritz Neumeier, Max Uthoff und viele mehr. Die komplette Kaberett- und Comedy-Szene hab sich in den letzt fast 20 jähren im Polittbüro die Klinke in die Hand. Das alte Kino auf dem Steindamm war lange das Haus von Lisa Politt und ihrem Partner Gunter Schmidt. Das ist jetzt vorbei. Die beiden hören auf. „War ‘ne geile Zeit“, schreiben sie zum Abschied. Es kommt plötzlich aber „die Doppelfunktion aus auf der Bühne sein und Betreiber einer Bühne zu sein, hat uns körperlich zunehmend überfordert.“ 

Ein fulminanter Abschied

Doch das Polittbüro wäre nicht das Polittbüro, wenn sie ihren Abschied nicht gebührend feiern würden. Ab dem 20 Mai 2022 gibt es deswegen ein „fulminantes Abschiedsprogramm“. Zu Gast sind neben Anna Mateur & the Beuys und Gustav Peter Wöhler sowie Piet Klocke und Max Uthoff auch Rainald Grebe, Marc-Uwe Kling und Moritz Neumeier. Vom 30. Juni bis 3. Juli stehen dann Lisa Politt und Gunter Schmidt selbst noch ein letztes Mal auf ihrer Bühne. Mit „65-Das Alter ist sicher“ haben sie sich einen musikalischen Abschied geschrieben – garantiert sehenswert.

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Schon bald gibt es unter neuem Namen wieder Kabarett und Comedy am Steindamm, los geht’s am 26. September 2022 (Foto: Carlo Kahfeldt)

Die Nachfolge steht fest

Auch wenn es das Polittbüro in Zukunft nicht mehr geben wird, Kabarett und Comedy verschwinden nicht vom Steindamm. „Wir haben würde Nachfolger für unsere Bühne gefunden“, schreiben Politt und Schmidt. „Michel Abdollahi und Robert Oschatz haben unseren Antrag angenommen.“ Die beiden sind seit Jahren in der Comedy-, Slam- und Kabarettszene unterwegs. Während Abdollahi besonders als Conférencier bekannt ist, wirkt Oschatz als Mann im Hintergrund und betreibt seine eigene Künstleragentur. Am 26. September wird dann das alte Polittbüro nach einem Umbau unter neuem Namen seine erste Spielzeit mit Kurt Krömer beginnen. 

Das fulminante Abschiedsprogramm des Polittbüro
vom 20. Mai bis 3. Juli
2022


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Wir sind ein Stück Heimat für dich

Professor Dr. em. Hans-Jürgen Schulke (76) ist einer der bekanntesten deutschen Sportsoziologen. Als Hochschullehrer für Sportsoziologie lehrte er in Hamburg und Bremen. Wir sprachen mit ihm über Herausforderungen für die Hamburger Vereine aus sportsoziologischer Sicht

Interview: Mirko Schneider

SZENE HAMBURG: Herr Schulke, welche Vereine hatten es in der Pandemie bislang besonders schwer?

Hans-Jürgen Schulke: Zunächst: Die Vereine gibt es nicht. Dafür sind die Profile von 90.000 Vereinen in Deutschland mit 27 Millionen Mitgliedern zu unterschiedlich. Grundsätzlich hatten Vereine Schwierigkeiten, die in starren Organisationsstrukturen verharren. Vereine, die flexibel agierten und neue Trainingsformen entwickelten oder in Kursen andere Sportarten anboten, die im Freien ausgeübt werden konnten, konnten ihre Mitglieder besser halten. Ebenso wie die etwa 40 Prozent der deutschen Vereine, die digitale Angebote machten nach dem Motto: Ihr könnt gerade nicht zu uns kommen, also kommen wir zu euch.

„Sportvereine sollten sich als Gesundheitsanbieter verstehen“

Zu Beginn der Pandemie erschienen einige Einschränkungen für den Vereinssport überzogen…

Ich habe schon beim Ausbruch der Pandemie einen Essay mit der These „Die Sportvereine müssen die Hotspots der Prävention werden“ geschrieben. Es lag im März 2020 wirklich eine merkwürdige Situation vor. Tausende Studien belegen empirisch, wie stabilisierend Bewegung auf Gesundheit und Immunkompetenz des Körpers wirkt. Als die Weltgesundheitsorganisation die Pandemie ausrief, machte sich das kaum jemand bewusst. Leider auch manche Vereine nicht. Das ist nachvollziehbar. Es lag eine Ausnahmesituation vor, die viele existenzielle Ängste bei der Bevölkerung hervorrief. Aber wir können daraus lernen und die wissenschaftlichen Erkenntnisse in der Zukunft viel stärker beachten.

„Jeder sollte sich sportlich ertüchtigen können.“

Prof. Dr. em. Hans-Jürgen Schulke

Was folgt daraus für die Vereine?

Die Vereine sollten sich als Gesundheitsanbieter für ihre Mitglieder verstehen. Und sie sollten auch gegenüber Dritten wie zum Beispiel politischen Akteuren so auftreten. Vereine leisten einen unermesslich hohen Beitrag für die Gesundheit der Bevölkerung. Auch die Verbände haben diesen Aspekt viel zu spät betont. Ketzerisch gesagt hätte ich die Aussagen von Verbänden, dass das Land sich mehr bewegen muss, gerne schon vor zwei Jahren gehört. Die Funktion des Sports für die Gesundheit ist ja sogar gesetzlich verankert. Beispielsweise existiert seit 2015 ein Präventionsgesetz. Es ermöglicht den Sportvereinen, aus Präventionsgeldern der Krankenkassen Unterstützung zu erhalten. Auch im Jugend- und Seniorenbereich gibt es vielfältige Möglichkeiten der Unterstützung.

„Es war eine Fehlentscheidung, die Spielplätze zu schließen“

Welchen Einfluss hatte hat die Pandemie aus sportsoziologischer Sicht auf die Kinder?

Es ist leider ein psychomotorischer Entwicklungsrückstand von bis zu eineinhalb Jahren entstanden. Auch das ist empirisch nachgewiesen. Die Sportentwicklungsberichte und die Public Health-Forschung sprechen hier eine eindeutige Sprache. Aus meiner Sicht war es eine Fehlentscheidung, die Spielplätze zu schließen und sie teilweise sogar durch Polizisten bewachen zu lassen. Man hätte sagen müssen: Unter bestimmten Rahmenbedingungen sollen Kinder gerade jetzt miteinander spielen dürfen.

„Ein Wir-Gefühl schaffen“

Wie können die Hamburger Vereine in diesen schwierigen Zeiten Mitglieder binden?

Neben den bereits benannten Aspekten der flexiblen Angebote, der Digitalisierung und des Selbstverständnisses als Gesundheitsanbieter ist die „Verheimatung“ wichtig. Die Menschen leben in diesen immer hektischer werdenden Zeiten in immer größeren Einheiten zusammen. Vereine müssen ihren Mitgliedern zeigen: Wir sind ein Stück Heimat für dich. Bei uns findest du deine Nachbarn und viele Leute, mit denen du gerne zusammen bist. Man hat das ja an Fußballvereinen in der Pandemie gesehen, die nicht mehr in den hohen Leistungsklassen spielen. Als die gemeinsame Geselligkeit nach dem Training pandemiebedingt wegfiel, machte ihnen auch das Training keinen Spaß mehr. Es gilt mehr denn je, in den Vereinen ein Wir-Gefühl zu schaffen. Vereine wie der Walddörfer SV, der SV Eidelstedt, die TSG Bergedorf oder der ETV schaffen das hervorragend.

Vereine müssen ein Stück Heimat sein, meint der Sportsoziologe Professor Dr. em. Hans-Jürgen Schulke (Foto: privat)

Einige Vereine denken über Beitragserhöhungen nach, andere schrecken davor zurück. Was sagt die Forschung dazu?

Es lässt sich nachweisen, dass die Ankündigung einer Beitragserhöhung partiell ein Wehgeschrei auslöst. Das sollte man ernst nehmen und es ist sogar historisch erklärbar, denn Sport ist seit Beginn des 19. Jahrhunderts in Deutschland eine urdemokratische Einrichtung. Das Credo von Turnvater Jahn war ja, dass jeder sich sportlich ertüchtigen können solle. Interessant ist aber: Wenn die Beitragserhöhung erst einmal Realität ist, hat sie bei den meisten Vereinen kaum Einfluss auf die Mitgliederzahlen.

Viele Vereine umgehen das Problem, indem sie die Erhöhung der Beiträge an die gestiegenen Lebenshaltungskosten koppeln. Das ist für ihre Mitglieder dann verständlich. Beitragserhöhungen sind also kein Tabu, sollten aber mit einem sozialen und lösungsorientierten Blick der Vereine auf die Mitglieder verbunden werden, die sich eine solche Erhöhung nicht oder nur schwer leisten können. Natürlich müssen die Vereine aber auch auf ihre Kostenstruktur schauen. So sind die finanziellen Folgen der Ukraine-Krise in Form von höheren Energiekosten noch gar nicht abzusehen.

Der Hamburger Sport ist Widerstandsfähig

Befürchten Sie durch die Folgen der Pandemie eine nachhaltige Schädigung der Hamburger Sportlandschaft oder blicken Sie optimistisch in die Zukunft der Hamburger Sportvereine?

Die Sportlandschaft in Hamburg ist eine ganz besondere. Hamburg ist die Stadt mit den meisten Großvereinen in Europa. Die Selbstorganisationskraft hier war schon immer sehr hoch. 1946 wurde der Vorläufer des Hamburger Sportbundes von 180 Vereinen inmitten einer Trümmerlandschaft im Besenbinderhof wieder aus der Taufe gehoben, um den Menschen eine Perspektive zu geben. Vereine sind eine großartige soziale Organisationsform. Die Stadt hat das nach anfänglicher Zögerlichkeit mittlerweile auch erkannt und Maßnahmen ergriffen wie den Active-City-Gutschein. Ich bin optimistisch, dass die Hamburger Sportlandschaft über genügend Widerstandskraft verfügt, um diese krisenhafte Situation zu meistern.


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