Neue Bar: Central Congress

Gepflegtes Besäufnis im Hamburg Konferenzraum

In den 1990ern war Oliver Hörr für das Betreiben wüster Musikerbars wie Caspars Ballroom und Heinz Karmers Tanzcafé bekannt. Subkulturelle Legenden des ungepflegten Besäufnisses. Mit der Eröffnung des Saal II 1995 sorgte Hörr für eine der ersten angesagten Kneipen in der Schanze. Nun hat er mit seinem Kollegen Johannes Wilder in der Steinstraße nahe den City-Hochhäusern eine sehr individuelle Bar aufgemacht.

Central Congress Hamburg 3

Das Central Congress gleicht einem Konferenzraum aus den 60er, 70er Jahren. In der Mitte des Raumes O-förmig gestellte Tische, drum herum Designklassiker von Castelli mit Armlehnen. Für die Decke musste er lange im Internet recherchieren und das Wandfunier gab es bei Ebay. Insgesamt eine perfekt gestylte, formschöne Bar, die als solche nicht immer gleich zu erkennen ist, doch für eine – gepflegte – Tagung mit Bier oder Gin absolut geeignet.

Text: Lisa Scheide

Central Congress
Steinstraße 5 (Altstadt)
Mo-Sa ab 17 Uhr
Veranstaltungen werden über Facebook kommuniziert

Central Congress Hamburg 2

 

Bumm! Paff ! Peng!

Das Comicfestival Hamburg steigt vom 7. bis 11. Oktober. Wir zeigen die aktuell besten Veröffentlichungen aus Hamburg

Comicbus Fabian Sengebusch HamburgWer könnte besser eine Top 5 an Hamburger Comics zusammenstellen, als Fabian Sengebusch. Mit seinem Comicbus, einem mobilen Laden für Graphic Novels, ist der Hamburger bei Events in ganz Deutschland vertreten – beispielsweise im Rahmen des Comicfestivals Hamburg oder am 11. Oktober beim Seiteneinsteiger Lesefest.

Ice Ice Baby

Ice Ice Baby

Fabian: “Hinter vielen One-Hit-Wondern stecken bewegende Geschichten. Hier werden 80 von ihnen erzählt. Die Zeichnungen stammen von der Hamburgerin Carolin Löbbert. Außerdem: Musik und Comics helfen mir immer sehr gut durch Herbst und Winter. Wenn beides in einem zu haben ist, um so besser.”

Ice Ice Baby: Marcus Lucas & Carolin Löbbert, 168 Seiten, avant-verlag, 22 Euro (auch Foto oben)

Dudenbrooks

Dudenbrooks

Fabian: “Die virtuosen Wortkunststücke von Jochen Schmidt erwachen durch die Illustrationen von Line Hoven zum Leben. Sie ist aus der Hamburger Comicszene nicht mehr wegzudenken. Ihre aufwendigen Schwarzweiß-Bilder sind sehr detailreich.”

Dudenbrooks: Jochen Schmidt / Line Hoven, 64 Seiten, Verlagshaus Jacoby Stuart, 19,95 Euro

Rohrkrepierer

Rohrkrepierer

Fabian: “Auf diesen dicken Brocken über eine Kindheit auf St. Pauli in der Nachkriegszeit bin ich sehr gespannt. Ich erwarte ein weiteres Beispiel für gekonnte Vermittlung von Geschichte und Literatur durch das Medium Comic. Zeichnerin Isabel Kreitz und Autor Konrad Lorenz stammen aus Hamburg.”

Rohrkrepierer: Isabel Kreitz & Autor Konrad Lorenz, 304 Seiten, Carlsen Verlag, 26,99 Euro

Friends

Friends

Fabian: “Zwei schwäbische Polizisten gehen zu einem Treffen des Ku-Klux-Klan. Der grundsympathische Hamburger Autor Jan Soeken reagierte auf diese reale Nachricht mit einem bitterbösen, schwarzhumorigen Comic.”

Friends: Jan Soeken, 48 Seiten, avant-verlag, 10 Euro

Surprise Party For A Hermit

Fabian: “Dieser Comic ist ein Spin-off zu „Eremit“ und „Ferien im Sumpf“. Er verleiht dem griesgrämigen Eremiten noch mehr Tiefe. Die Zeichnerin Marijpol studierte an der HAW. Deen Comic habe ich bei einer Ausstellung im Frappant gelesen und direkt einen Stapel für den Comicbus mitgenommen.”

Surprise Party For A Hermit: Marijpol, Eigenverlag, 5 Euro

Ein Gespräch mit Robert Pattinson

Während der Berlinale trafen wir den Schauspieler, der mit uns über seinen aktuellen Film “LIFE” sprach – über schlechte Väter, Fotografie als Kunstform und Frostbeulen an den Fingern

Es ist ein Foto, das jeder kennt. James Dean am verregneten Times Square in New York, den Mantelkragen hochgestellt, eine Zigarette im Mundwinkel und weit und breit keine Menschenseele. Wie es zu den vielen James-Dean-Porträts kam, die der Fotograf Dennis Stock 1955 für das LIFE Magazine schoss, erzählt Anton Corbijn in seinem neuesten Film. Er zeigt, wie die zwei ungleichen Charaktere sich auf die Reise quer durch die USA machen. Stock (Robert Pattinson), ungelenk und getrieben, der seine Chance zum Durchbruch wittert und Dean (Dane DeHaan), so selbstbewusst wie unberechenbar.

SZENE HAMBURG: Wie war es unter den Augen eines legendären Fotografen wie Anton Corbijn selbst einen solchen zu spielen?

Robert Pattinson: (lacht) Zum Glück hab ich Dennis Stock anfangs gar nicht so sehr als Fotografen gesehen. Für mich war er eher jemand, der versucht, ein Künstler zu sein, aber nicht sicher ist, ob er überhaupt das Zeug dazu hat. Ich hatte das Gefühl, die Kamera war für ihn vor allem Mittel zum Zweck, sich auszudrücken.

Wie sind Sie dann selbst mit der Kamera umgegangen? Haben Sie damit eher gepost oder sie wirklich benutzt?

Das Tolle war, dass ich die Kamera bereits ein paar Monate vor den Dreharbeiten bekommen habe. Geliehen hat sie uns das deutsche Leica-Museum und es war das gleiche Modell, mit dem auch Dennis Stock gearbeitet hat. Es gibt nicht mehr viele der Originalkameras, aber sie sind einfach toll, und ich hab meine ausgiebig genutzt.

Was haben Sie fotografiert?

Ich habe direkt danach angefangen den Werner Herzog Film „Königin der Wüste“ zu drehen und konnte gar nicht mehr aufhören, am Drehort zu knipsen. Ich habe Hunderte von Fotos in der Wüste gemacht, am Set und in Marrakesch. So wirklich ernsthaft habe ich das aber nicht betrieben, sondern eher aus Spaß. Ich dachte, ich frage Anton dann später, wie man die Leica richtig bedient. Aber es stellte sich heraus, dass er nicht die leiseste Ahnung davon hat (lacht).

Aber ein paar Tricks hat er Ihnen schon gezeigt, oder? Er ist ja eigentlich der beste Lehrer, den man sich vorstellen kann.

Das dachte ich auch und, dass er mir zeigt, wie ich sie am besten halte und auch bewege. Doch Anton meinte nur, ich müsste mich einfach in die Kamera einfühlen. Irgendwann hab ich ihn dann auch verstanden, denn er ist ein ganz anderer Fotograf als Dennis Stock. Während Anton die Fotografie liebt, weil er sich gerne am Rande des Geschehens bewegt, um alles sehr genau zu beobachten, benahm Stock sich eher wie ein Maler. Er war nicht nur auf sein Gegenüber konzentriert, sondern auch sehr auf sich selbst und suchte ständig nach Anerkennung. Deswegen gefiel er sich auch nicht besonders in der Rolle des Fotografen, denn er wollte viel extravaganter sein.

Robert Pattinson

Das deutsche Leica-Museum lieht Robert Pattinson diese Original-Kamera für die Dreharbeiten

Hat Sie das an der Rolle interessiert?

Ehrlich gesagt, hat mich als Erstes interessiert, dass er so ein verdammt schlechter Vater war. In meinem Alter kommt es sowieso selten vor, dass man einen Vater spielt und dieser liebt sein Kind noch nicht einmal und kann es selbst nicht verstehen. Ich finde es gibt diese sehr schöne Szene, in der James Dean mit seinem Neffen spielt, Stock die beiden beobachtet und sich den Kopf darüber zerbricht, wie Dean es schafft, so selbstverständlich und liebevoll mit dem Kind umzugehen. Das fand ich herzzerreißend. Dazu kommt, dass man so jemanden automatisch für ein Arschloch hält und ich fand es spannend, ihn trotzdem sympathisch darzustellen.

Die Bilder von Dennis Stock hingegen stecken voller Gefühle.

Man kann auf ihnen richtig sehen, dass er James auf seine eigene Art wirklich geliebt hat. Er konnte es ihm nicht direkt sagen, aber die Bilder wirken, als hätte Stock ihm eine Krone aufgesetzt. Gleichzeitig aber schimmern Neid und Bitterkeit durch, aber auch was für einen starken Einfluss James auf ihn hatte. Ich liebe Stocks Fotografien aus dieser Zeit, auch die der Jazzmusiker, die er fotografiert und die zeigen, wie sehr er sie bewunderte. Ich glaube, die Fotografie war der einzige Weg für ihn, seine Liebe ihnen gegenüber auszudrücken.

Hat die Rolle ihre eigene Sicht auf die Fotografen, von denen Sie ständig umgeben sind, verändert?

Überhaupt nicht. Selbst wenn ein Fotograf damals darauf aus war, Paparazzi-Fotos zu schießen, musste er ein gewisses Können haben. Schon allein, um den Blitz zu bedienen (lacht). Ganz abgesehen davon, dass Leute wie Dennis Stock einen ganz anderen Anspruch an die Fotografie hatten. Sie waren auf der Suche nach einer neuen Bildsprache, wollten die Dinge überhöhen und die Menschen im besten Licht präsentieren. Sie wollten sie vibrieren lassen und unbekannte Seiten an ihnen entdecken, und auch die Leser wollten das. Heute muss man nicht mehr viel mehr können als auf den Auslöser zu drücken, und die Paparazzi sind sowieso nur darauf aus, einen zu erniedrigen. Es ist, als ob sie sich selbst nicht leiden können und deshalb auch in den anderen nur das Schlechte suchen. Ich kann das überhaupt nicht verstehen und finde es einfach schrecklich.

Ist das eigentlich Anton Corbijn selbst, der bei der Filmpremiere von „Jenseits von Eden“ am roten Teppich steht und einen der Fotografen spielt?

Ja, das ist er. Und ich würde sagen, er hat mehr Takes für seine eigene Szene gebraucht als für alle anderen in dem Film (lacht). Immer wieder meinte er „Oh, ich hab es nicht richtig gemacht“ und am Ende haben wir bis 10 Uhr morgens gedreht. Das war verrückt.

Ist James Dean heute noch wichtig für junge Schauspieler? Ist er überhaupt noch ein Vorbild?

Ich kann mich noch gut daran erinnern, als ich 16 war und er eines meiner riesigen Idole. Alle kannten das berühmte Foto am Times Square und er war der Idealtyp des Understatements. Als ich dann angefangen habe zu schauspielern, war ich sehr befangen. Mein Spiel sollte auf keinen Fall übertrieben wirken, sondern ganz so wie seines, so ruhig und voller Gefühle, die er ganz verinnerlicht hatte.

Gab es für Sie eine James-Dean-Szene in dem Film?

Zumindest, was das ganz Ruhigbleiben angeht (lacht). Die Szenen auf der Farm der Deans haben wir in Toronto gedreht, es waren Minus 40 Grad und ich konnte wirklich nicht verstehen, wie man bei solchen Temperaturen draußen dreht. Die Kamera fror jedes Mal an meinen Fingern fest und ich musste mich an die Heizung stellen, um sie wieder loszueisen. Wir waren kurz davor, uns Frostbeulen zu holen und ich war irgendwann so wütend, dass ich schon gar nicht mehr richtig wütend sein konnte und ganz, ganz ruhig wurde.

Text & Interview: Sabine Danek

Regie: Anton Corbijn. Mit Dane DeHaan, Robert Pattinson, Joel Edgerton, Ben Kingsley, Kristen Hager. “LIFE” läuft aktuell in folgenden Hamburger Programmkinos: Holi, 3001 und Abaton Kino

Restaurant-Tipp: La Scala

Mario Zini ist eine zweibeinige Weinbibel, Patron und Chefkoch dieses formidablen Eck-Restaurants in Eppendorf

Dieser Laden im toten Winkel des Eppendorfer Wegs, in diesem gedrungenen, muffigen, gelblichen Klinkerbau? Der lohnt sich? Ja, der lohnt sich. Spätestens beim ersten Bissen wird jeder Skeptiker zum Schwärmer. Vielleicht schon beim ersten Schluck. Denn Mario Zini ist nicht nur Patron und Chefkoch vom La Scala, sondern auch eine zweibeinige Weinbibel, eine römisch-önologische Offenbarung, und man ist gut beraten, die frohe Botschaft anzunehmen.

Als Koch ist Zini eine Art Neoklassizist, der das altmodische Geschnörkel der traditionellen Haute Cuisine zurechtstutzt und in die Sprache einfacher italienischer Küche übersetzt, ohne dabei in einer folkloristischen, Trikolore farbenen Wolke aus Oregano und Basilikum zu verpuffen. Seine Küche ist insofern italienisch, als sie mit minimalen Zutaten maximalen Geschmack erzeugt.

Zum Beispiel machen die hausmarinierten Alici (10,50 Euro) so glücklich, dass es niemanden kümmern würde, wäre das Essen danach zu Ende: Die Anchovis werden per Hand entgrätet, in Zitrone eingelegt, danach in Öl gewendet. Fertig. Auch das Salzwiesenlamm aus dem Ofen (28 Euro) singt keine Arien über den Ruhm seiner Vorfahren; es ist einfach nur unanständig zart. Und nachdem man den Wolfsbarsch im Salzmantel (65 Euro für zwei Personen) probiert hat, scheint es das einzig Sensible zu sein, das man mit einem Wolfsbarsch tun könnte.

Wer ins La Scala kommt, muss Geld mitbringen, aber wer einmal hier gegessen hat, der weiß, dass er in einer besseren Welt war, bis Mario Zini an der Tür steht und einen guten Heimweg wünscht.

Text: Nikolai Antoniadis
Foto: Jakob Börner

La Scala
Falkenried 54 (Eppendorf)
Telefon 420 62 95
Di-So ab 19 (Küche bis 23 Uhr)
Hauptgerichte zwischen 15 und 25 Euro

Essen_Trinken_Cover_kleinFast so viele Restaurantkritiken wie Sterne im Universum gibt’s in unserem aktuellen Gastroguide SZENE HAMBURG ESSEN + TRINKEN!

 

Happy Birthday, Villa Nova!

Im Sommer 2014 schloss das EGO – und die technoide Villa Nova öffnete. Die Crew um Jörg Hill feiert am 2. und 3.10.

Klarer Fall von Clubsterben, einer von vielen – dachte man nach der EGO-Schließung im vergangenen Jahr. Gerade für die Hamburger Houseszene war der Kiez-Laden in der Talstraße ein elektronisches Aushängeschild. Doch der Verlustschmerz währte nicht lang.

Die Veranstalter der Grünanlage Open Air öffneten an gleicher Stelle die technoide Villa Nova. Am ersten Oktober-Wochenende feiert das Team nun den ersten Geburtstag des Clubs mit der tiefschwarzen Fassade. Die Crew um Jörg Hill lädt dafür zu einem zweitägigen Partymarathon.

Gefeiert wird auch das Überleben, denn die Jungs waren neu im Clubgeschäft. Jörg Hill erklärt: “Das war learning by doing par excellence und ist es noch immer. Manchmal schmerzhaft, aber für den Traum des eigenen Clubs und die vielen tollen Nächte, die wir hier bereits erlebt haben, lohnt es sich zu kämpfen.” Der Kampf ums beste Booking ist mit Troy Pierce am Geburtstagsfreitag bereits gewonnen.

Und auch für das restliche Wochenende versprechen die Macher zahlreiche Spezialgäste und die versammelte Resident-Riege – hört euch einfach durch die Soundfiles.

Text: Gaby Olufson

Villa Nova
Talstraße 9 (St. Pauli)
2.10., 23.59 Uhr

Bilderserie: Hotel Reichshof

Zwei Hamburger hielten den Niedergang und die Auferstehung des prunkvollen Grandhotels in St. Georg fotografisch fest

Was zunächst die fotografische Dokumentation eines beeindruckenden historischen Gebäudes werden sollte, entwickelte sich schnell zu einem vielschichtigen Porträt dieses Hauses und der Menschen, die das Leben darin geprägt haben.“ Diese Eingangsworte von Nicole Keller, Oliver Schumacher und Julia Dautel zu ihrem gerade erschienenen Band „Hotel Reichshof Hamburg“ treffen den Nagel auf den Kopf.

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Die Haken der alten Garderobe werden seit dem Umbau als Raumtrenner im Restaurant benutzt

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So sah das Restaurant früher aus, es wurde dem eines Kreuzfahrtschiffes nachempfunden

Jahrzehntelang präsentierte sich das Grand Hotel am Hauptbahnhof als familiäres, luxuriöses und mondänes Haus. Der Erbauer Anton-Emil Langer wurde als Reformator des Hotelwesens gefeiert, weil alle Bäder mit fließendem kalten und warmen Wasser, alle Zimmer mit einem Telefon ausgestattet wurden, vor allem aber, weil er mit der Eröffnung des Hotels im September 1910 den Einheitspreis für Übernachtung mit Frühstück einführte.

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Gegen Ende des 20. Jahrhunderts kam das Hotel jedoch herunter, stetige Flickschusterei ohne Gesamtkonzept ließen unzufriedene Gäste zurück, die dem alten Charme des Hauses nichts abgewinnen konnten. In diesem Zustand lernten Nicole Keller und Oliver Schumacher das Hotel kennen. Denn obwohl der Putz bröckelte, der Ruf der legendären Reichshofbar blieb erhalten.

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Im Mai 2014 war die Uhr für das jahrhundertalte Hotel abgelaufen. Alles musste raus – und brachte Zeitdokumente zum Vorschein…

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Als die Gestalterin und der Fotograf 2014 von dem Aus für den Reichshof erfuhren, waren sie geschockt und nahmen Kontakt mit der damaligen Geschäftsführung auf. Bis zur Schließung im Mai 2014 streiften sie durchs Gebäude, fotografierten das Interieur und sprachen mit den Menschen, die hier teils jahrzehntelang gearbeitet haben. „Der pure Geschichtsunterricht“, schwärmt Nicole Keller.

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Die heutige Lobby: Aus Teilen der alten Kronleuchter wurden neue entworfen

Glücklicherweise nahm sich Curio by Hilton des Hotels an und so eröffnet genau 105 Jahre später das Hotel Reichshof erneut – einfühlsam renoviert und doch modern. Mit dem Restaurant Slowman und der besonders gut erhaltenen Bar hat das neue Management auch aparte Anziehungspunkte für Hamburger geschaffen.

Text: Lisa Scheide
Fotos: Nicole Keller und Oliver Schumacher

Reichshof Hotel Hamburg
Kirchenallee 34–36 (St.Georg)

Buchpräsentation mit Lesung:
2.10., 18.30 Uhr
Galerie Multiple Box
Admiralitätstraße 76 (Neustadt)
Ausstellung: 3. bis 10.10.

Hotel Reichshof Hamburg 9„Hotel Reichshof Hamburg“, Nicole Keller, Oliver Schumacher (Fotos), Julia Dautel (Text), Wasmuth Verlag, 232 Seiten, 35 Euro

Filmfest Hamburg (1.-10.10.)

Ist das ein Holi-Fest? Nein, ein Protestbild der Doku „Gefahrengebiete und andere Hamburgensien“, zu sehen im Rahmen der Festspiele

Eine Kissenschlacht auf dem Spielbudenplatz und die Klobürste als Symbol des Widerstands. Kreativ und bunt war der Protest der Hamburger Bürger im Januar 2014, als die Polizei die Stadtteile St. Pauli, Sternschanze und große Bereiche Altonas zum „Gefahrengebiet“ erklärte.

Nur neun Tage hielt die hoch umstrittene Maßnahme der Kritik stand – und steht beim 23. Hamburger Filmfest (1. bis 10. Oktober) nun erneut im Fokus. In „Gefahrengebiete und andere Hamburgensien“ hat Regisseur Rasmus Gerlach drei damalige Konfliktherde in der Stadt dokumentiert.

Auch abseits des Schauplatzes unserer Hansestadt gibt sich das Filmfest politisch. Die Reihe „Risse in der Fassade: Unabhängiges chinesisches Kino“ zeigt elf Filme, die im zensurgeprägten Reich der Mitte keine staatliche Zulassung erhielten, eine Auswahl israelischer Leinwandproduktionen würdigt das 50-jährige Jubiläum des deutsch-israelischen Freundschaftsvertrages.

In der Rubrik „Veto“ sind Flüchtlinge („A Syrian Love Story“) oder die Ausbeutung von Textilarbeitern in Indien („Jungle Sisters“) nur zwei von vielen Favoriten auf den mit 5.000 Euro dotierten Preis der Friedrich-Ebert-Stiftung für den besten politischen Film.

Überhaupt Preise: Hamburger Produzentenpreis, NDR-Nachwuchspreis, Preis der Hamburger Filmkritik … viele engagierte Filmemacher werden zu verdienten Ehren kommen. Und nicht nur, um beim Publikumspreis in der Rubrik „Eurovisuell“ mitzureden, lohnt sich der Besuch des Filmfestes allemal.

Text: Mirko Schneider

Filmfest Hamburg: 1.–10.10.
Festivalkinos: Abaton, Metropolis, Passage, Studio u.a.

Jannes Wochenrückblick Vol. 24

Kolumne: Ich kann auf die Reeperbahn – oder warum das lange Wochenende der Musik ein entspannteres Publikum auf den Kiez spült

Unsere geile Meile. Die Muse von Udo Lindenberg und Jan Delay, Hamburgs bunteste Straße musste in der jüngsten Vergangenheit viel einstecken: Kritik an der zunehmenden Dichte von Glitzer-Entertainment, Dönerläden und Energy-Kiosken. Alljährliches Geknatter von Schlagerfans und Motorrad-Rockern. Und dann auch noch der Brand auf der Bühne des Spielbudenplatzes. Eine Woche vor dem zehnten Reeperbahn Festival.

Was ich aber immer wieder feststelle – und unser Büro liegt ja seit fünf Jahren direkt neben der Reeperbahn: Das Festival schafft es jedes Jahr, dass wirklich interessante Menschen nach St. Pauli kommen.

Und damit meine ich nicht nur die Bands oder Speaker, sondern in erster Linie die 28.000 Besucher, die das lange Wochenende Jahr für Jahr anlockt. Wirklich: sehr spannendes und entspanntes Publikum. Ich möchte mal unterstellen: Publikum, das auch weniger an Fassaden pisst, weniger Pizza nach dem Verdauungsvorgang zurück auf Bordsteine schmettert, weniger hemmungslos in Hauseingängen pettingt als andere Gäste.

Ich mag die Woche der Musik immer, weil sie es schafft, dass wirklich coole Engländer, Australier oder Amerikaner nach Hamburg kommen. Relaxte Skandinavier, Holländer und Kanadier. In Clubs, Bars oder morgens im Mothers Finest Café.

Außerdem haben mit dem neuen Sommersalon, dem Häkken, überhaupt dem Klubhaus und unserem Unterm Strich – pünktlich zum Festival – auch gleich ein paar neue Läden die Reeperbahn befruchten dürfen. Ich hoffe, dass die gute Stimmung von Hamburgern, Gästen und Branchenleuten wieder lange anhält und freue mich auf das nächste Reeperbahn Festival, aber auch auf das nächste Reeperbahn Wochenende. Reeperbahn, Du geile Meile, auf die ich kann.

Habt einen schönen Start in die Woche, wir lesen uns Sonntag wieder, Jannes

Foto: Julia Schwendner

Who the fuck is Jannes?

Jannes Vahl hat den gemeinnützigen Verein Clubkinder e.V. gegründet. Mit Konzerten, Partys oder Events sammelt er Spenden für soziale Projekte in Hamburg, beispielsweise mit der Tagebuchlesung. Außerdem leitet er die Kreativagentur Polycore mit Büro auf St. Pauli. Mit seinem Compagnon Joko setzt er hier Projekte um. Jannes Vahl hat 5.000 Facebookfreunde, trinkt Craft-Bier, mag die Band Pearl Jam und versendet digitale Herzchen. In seiner neuen Kolumne berichtet er jeden Sonntag über ein Hamburger Thema, das ihn in der letzten Woche beschäftigt hat.

Fränzi: vegetarischer Burgerschmaus

Fränzi hieß Mariam Taherpours Oma, und bei der hat es auch immer geschmeckt – wie im neuen Bistro in der Langen Reihe

Mariam Taherpour (27) und Tobias Hardjowirogo (30) sind die Macher des neuen Bistros in St. Georg. Das Pärchen hat internationale Wurzeln – ihre Familien stammen aus dem Iran und aus Indonesien. Keine dieser Landesküchen spielen jedoch im Fränzi eine Rolle, sondern moderne Vollwertkost: Burger, Salate und Teigtaschen, allesamt vegetarisch oder vegan.

Im Fränzi trifft Stuck auf Blümchengardinen und die Wände sind in Pastelltönen gestrichen. Junge Leute trinken hausgemachte Limo und bearbeiten ihre Burgertürme. Sechs Varianten gibt es, darunter den „BBQ Börger“ mit hausgemachter Sauce und gebackener Aubergine (8,50 Euro) sowie den „Preiselbörger“ mit Preiselbeeren und Weichkäse (8 Euro), als Beilage Sesam-Süßkartoffeln oder Tomatencarpaccio mit Himbeeren, Basilikum und Cashewkernen (beides 3,50 Euro).

Alles schmeckt frisch und richtig gut. Die Speisen sind nicht überwürzt, wie es oft bei der vegetarischen Küche vorkommt – als wolle man mit Chili und Kardamon über den Verzicht auf Fleisch hinwegtrösten. Im Fränzi steht der Geschmack der Zutaten für sich.

Die veganen Buletten stammen von Mariams Eltern, die seit 1994 Vegetarisches produzieren und an Reformhäuser verkaufen. Im Bistro erhitzt Tobias die frische Ware im großen Ofen. Der stammt noch vom vorherigen Mieter, der Biobäckerei Pitzschel. Fränzi ist übrigens der Name von Mariams Oma. „Wir wollten nicht das Tausendste Veggi-Wortspiel erfinden“ , erklärt sie. „Und bei Oma hat’s immer gut geschmeckt!“

Text: Lena Frommeyer

Fränzi: Lange Reihe 93 (St. Georg)
Mo-Sa 11–21 Uhr
Mittagstisch 12-16 Uhr

Madsen machen Musik für Mama

Kurzinterview: Sänger und Gitarrist Sebastian Madsen erklärt, worum es in dem neuen Album „ Kompass“ geht

SZENE HAMBURG: Sebastian, es heißt, „Kompass“ stelle eine Reise dar. Wie ist das gemeint?

Sebastian Madsen: Auf „Kompass“ geht es extrem viel um Berge, Leuchttürme und maritime Themen. Bei der Songauswahl habe ich gemerkt, dass das ein Album wird, das man in den Rucksack packen kann, wenn man auf Weltreise geht. Weil es so vielfältig ist und auch so viele landschaftliche Dinge beinhaltet. Es ist aber auch eine emotionale Reise.

Das Stück „Kompass“ ist ein Dankeslied an Mutter Madsen. Sind Madsen erwachsen geworden?

Ja, vielleicht in dem Sinne, dass wir uns jetzt trauen, das zu sagen. Und vielleicht ist es wirklich so, dass man sich erst mit über 30 eingesteht, dass man seinen Eltern ähnlicher wird. Andererseits waren wir schon immer relativ reflektiert in unseren Texten.

Ihr habt auch mal gesagt, man müsse keine Angst haben, „Kompass“ sei ein Pop-Album. Tatsächlich gibt es Stimmen, die sagen, dass ihr immer poppiger werdet …

Ich sehe das nicht so. Für mich ist „Kompass“ mehr „back to the roots“ als alles, was wir bisher gemacht haben. Weil es sehr von den 90er-Jahren und Bands wie Weezer, Nada Surf und dem ganzen Alternative-Rock-Zeug inspiriert ist. Und auch vom 70er-Jahre-Rock. Für „Sirenen“ wurden wir schon mit Black Sabbath oder Led Zeppelin verglichen. Das finde ich eigentlich ganz cool.

Interview: Theresa Huth

Die Indie-Rock-Band Madsen kommt aus dem Wendland. Das Video zu ihrer neuen Single “Küss Mich” wurde in einem Hamburger Supermarkt aufgenommen. Hier das Making-of: